Von Dr. _Albert Sachse_, Leipzig

Es mag dem einen oder andern Leser dieser Zeitschrift mit Recht

verwunderlich erscheinen, von Freundeshand einmal auf einen Friedhof

geführt zu werden. Der Kunstwanderer sucht dort am wenigsten die

Schönheit einer Landschaft. Er geht lieber an die stillen Weiher, auf

die bewaldeten Höhen, in Burgen und Schlösser, in Kirchen und Museen.

Dort grüßt ihn die Seele der Umgebung in viel reicherem Maße, dort

dringt hörbar der Rhythmus, der von ihrer Kultur ausgeht, an sein Herz.

Was kann demgegenüber ein schlichter Friedhof bieten?

Und doch sollte niemand, der in einer fremden Stadt weilt und auf

Bruchteile einer Stunde dem Alltagsgetriebe entrinnen möchte,

versäumen, dann und wann auch einmal den Friedhof zu besuchen. Vor

allem dann nicht, wenn er an einer intimen Gestaltung unseres deutschen

Kunstschaffens Gefallen findet. Was vermag ein Grabstein, der über

dem Durchschnitt steht, ernstgerichteten Beschauern nicht alles zu

sagen. Wie viel Innigkeit, Reinheit und Seelengröße kann von ihm

ausgehen. Wenn dann gar noch in kurzen Strichen auf dem toten Stein

ein ganzes Menschenleben symbolisch wiedergegeben ist, wie es in der

Professorenecke des Leipziger Südfriedhofes der Fall ist, wird er

befriedigt Abschied nehmen und nicht bereuen, Einkehr gehalten zu haben.

Der Südfriedhof in Leipzig macht es dem Besucher besonders leicht,

auf kurze Zeit in ihm zu verweilen. Wer von den mächtigen Wällen des

Völkerschlachtdenkmales aus den weiten Gottesgarten mit dem feinen

Krematorium betrachtet, kann seiner freundlichen Einladung, zu ihm

herüber zu kommen, kaum widerstehen. Die einsamen Straßen, die ruhigen

Plätze, die stillen Weiher, die ernsten Baumgruppen und Hecken, das

stumme Grün der Zedern und die lebendigen Farben der tausenderlei

Zierpflanzen und Blumenspenden, das alles ist angetan, den freundlichen

Gast unaufdringlich zu sich herüber zu bitten. Und der Besuch wird sich

lohnen. Einer der schönsten, geradezu unübertrefflichen Plätze ist die

Professorenecke in der zweiten Abteilung. Hier liegen die Koryphäen der

Leipziger Hochschule alle beieinander, und ihre Grabmäler erzählen von

ihrem Beruf und Lebensernst.

Gleich zu Anfang steht des Theologieprofessors Georg Heinrici Denkmal,

ein wuchtiges Kreuz auf felsigem Grund mit der Inschrift: »Der Herr

ist mein Hirte«! Niemand wird massiger, ganz in vulkanisches Gestein

zusammengeballt, den Glaubensinhalt eines so großen Seelsorgers

verkörpert finden. Heinrici stand fest in der Schrift, der

Neutestamentler wollte nicht irren.

In unmittelbarer Nähe befindet sich Weules sinniges Grabmal, ein

schlichter Stein mit dem altgermanischen Sonnenrad. Weules Werk

umschloß die Seelenwerte der Urvölker. Weule war Direktor des

völkerkundlichen Museums in Leipzig.

Das Grab Georg Rietschels ähnelt dem seines Fachkollegen Heinrici. In

einem einzigen kurzen Wort »~Vivit!~« = Er lebt! spricht sich dieser

Gelehrte über sein irdisches Werk aus. Rietschel hat in dem Kampf

um eine freiere Ausgestaltung des Religionsunterrichtes in Sachsen

mannhaft die Lehren der Orthodoxie verteidigt.

Daneben befindet sich Soltmanns feines Denkmal. Der Kunstfreund muß

es im Mittagssonnenlicht betrachten. Dann erwacht der Stein, und die

Kinderchen, ein Junge und ein Mädchen, die zu Häupten des Meisters

stehen und für diesen bitten, gewinnen Leben und scheinen sich dem

zuzuneigen, der einst ihr Leben in seiner Hand gehalten und sie aus

Todesnot errettet hat. Soltmann war Leipzigs großer Kinderarzt und

Direktor des städtischen Kinderkrankenhauses.

Neben ihm ruht Carl Rabl, der berühmte Anatom der Leipziger Hochschule.

Er hat sich eine Sphinx als Grabstein setzen lassen. Stumm wie diese

hat auch er oft nach Westen geschaut, wo der Tag sich neigt und die

Nacht geboren wird, deren Schleier er oft hat heben mögen, aber nie

hat lüften dürfen. Auch ihm blieb verschlossen, die Seele in den

toten Leibern zu finden. Der gewaltige Organismus, der das Weltall

durchflutet, blieb auch für ihn in vielen Stücken ein großes Rätsel.

Aber mit welch großer Liebe er seinem Beruf ergeben gewesen ist, verrät

die gedankenschwere Stelle aus Goethes Faust, die den Stein außerdem

ziert: »Erhabener Geist, du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat

… Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft sie zu fühlen,

zu genießen. Nicht kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, vergönntest

mir, in ihre tiefe Brust wie in den Busen eines Freunds zu schaun.«

Nordwärts davon finden wir dann des Mathematikers Rohn Grab. Im

Giebelfelde seines Monumentes ruht eine Schlange, zum Kreise geformt,

die sich in den Schwanz beißt, somit das Unendliche in trefflicher

Symbolik darstellend. Und darunter sehen wir ein Dreieck, den Typus

aller endlichen Figuren. Wer könnte treffender das Leben dieses Mannes,

der es dauernd mit endlichen und unendlichen Größen zu tun hatte,

veranschaulichen?

Dicht daneben liegt ein weiteres schönes Grabmal. Sein Spezialkollege

Scheibner hat es sich setzen lassen. Vier kleine Würfel tragen einen

Großen, und dieser kündet den Namen des Gelehrten. Der »unendliche

Raum« war das Gebiet, auf dem Scheibner zu Hause war. Herabhängende

immergrüne Zweige segnen sein irdisches Werk.

Neben ihm ruht der Anglist Richard Wülker. Er hat sich ein Grabkreuz

setzen lassen, das bei uns zwar selten, auf englischen Friedhöfen

hingegen massenhaft vorkommt. Wülker ist der Verfasser einer einstmals

Aufsehen erregenden englischen Literaturgeschichte. Bescheiden erinnert

sein Grabkreuz gleichzeitig an den Feldzug von 1870/71, den der junge

Forscher im Kugelregen überstanden hat. Das »Eiserne« schmückte die

Heldenbrust.

Ebenso trefflich ist des Botanikers Pfeffer Grabstein gestaltet. Mit

vollsaftigen Blütenköpfen schlingt sich beiderseits am Gedenkstein ein

Distelstrauch zum Lichte empor. Blatt und Krone sind durchaus gesund.

Sie wurzeln in einem Erdreich, an dessen Eingangstoren die Wissenschaft

Wache hält. Finster blicken ihre Symbole, zwei Eulen, in den Tag

hinein. Halbgeschlossenen Auges, homerisch nach innen gekehrt, gehen

sie, fern der Alltagsmeinung, ihren Weg, den die Wahrheitsliebe und die

Forschertugend ihnen vorschreibt. Fest umklammern sie das Rückgrat des

lebendigen Objekts.

Ebenso sinnig ist Seeligers Grabmal: »~Per aspera ad astra!~« Durch

Nacht zum Licht, durch Kreuz zum Kranz! Die staubigen Urkunden waren

sein Reich. Sie seinen Schülern in ernster Lehrerarbeit zu erschließen,

war sein hochgestecktes Ziel. Er hat es erreicht. Tausende treuer

Studenten erinnern sich gern dieses Mannes.

Nun noch im Waldesdunkel Hugo Riemanns schöner Gedenkstein! Zwei

musizierende Engel verkünden mit ihren Schalmeien und Zithern den

Sieg der beständigen Liebe, jener Kunst, die uns befreit, wenn sie

uns ganz in ihren Bann gezogen hat. Der Meister der Töne, der hier

begraben liegt, greift herüber ins Religiöse, wo ebenfalls Freiheit

und Gebundenheit die erquickliche Harmonie eingehen, die viele suchen

und doch nicht zu finden vermögen. ~Amor constans vincit!~ So lehrt es

dieser Gedenkstein.

Ganz zum Schluß noch des Theologen Haugk liegendes Grabmal. Es trägt

einen feinen Spruch: »~Nascimur ut moriamur, morimur ut vivamus!~« »Wir

treten ins Leben, um zu sterben, und wir gehen von dannen, um ewig zu

leben.« Damit ist würdig der Kreis geschlossen, der Rundgang beendet.

Schon viele sind bei diesen Denkmälern in Andacht stehen geblieben.

Alle erfüllt von der echten, reinsten Kunst, die so eng beieinander

selten zu sehen ist. Alle haben beim Besuche dieser schönen

Professorenecke an des gütigen Heimatdichters Rosegger Wort gedacht:

»Gib deiner Seele einen Sonntag, und deinem Sonntag eine Seele.«

Mit einfachen Mitteln ist hier gearbeitet worden. Und wie viel

hat man erreicht. Vielleicht auch den lebhaften Wunsch auf Seiten

des Beschauers, an seinem Teile dazu beizutragen, daß der eigene

Grabstein einstmals auch ein kurzes Symbol aufweisen möchte. Unsere

Friedhöfe würden dadurch viel gewinnen, und ein Rückschlag auf unser

reiches Kulturleben würde nicht ausbleiben. In diesem Sinne sei die

Professorenecke als bescheidenes Kunstzentrum allen Kunstfreunden und

Schönheitssuchern ans Herz gelegt. Der Besuch dieser stillen Gräber

wird nie vergebens gewesen sein!

[Illustration: =Bildnerischer Schmuck über dem Eingangstor zum

Jagdschloß in Großgraupa (jetzigem Forsthaus)=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 36 / 68 题