Es mag dem einen oder andern Leser dieser Zeitschrift mit Recht
verwunderlich erscheinen, von Freundeshand einmal auf einen Friedhof
geführt zu werden. Der Kunstwanderer sucht dort am wenigsten die
Schönheit einer Landschaft. Er geht lieber an die stillen Weiher, auf
die bewaldeten Höhen, in Burgen und Schlösser, in Kirchen und Museen.
Dort grüßt ihn die Seele der Umgebung in viel reicherem Maße, dort
dringt hörbar der Rhythmus, der von ihrer Kultur ausgeht, an sein Herz.
Was kann demgegenüber ein schlichter Friedhof bieten?
Und doch sollte niemand, der in einer fremden Stadt weilt und auf
Bruchteile einer Stunde dem Alltagsgetriebe entrinnen möchte,
versäumen, dann und wann auch einmal den Friedhof zu besuchen. Vor
allem dann nicht, wenn er an einer intimen Gestaltung unseres deutschen
Kunstschaffens Gefallen findet. Was vermag ein Grabstein, der über
dem Durchschnitt steht, ernstgerichteten Beschauern nicht alles zu
sagen. Wie viel Innigkeit, Reinheit und Seelengröße kann von ihm
ausgehen. Wenn dann gar noch in kurzen Strichen auf dem toten Stein
ein ganzes Menschenleben symbolisch wiedergegeben ist, wie es in der
Professorenecke des Leipziger Südfriedhofes der Fall ist, wird er
befriedigt Abschied nehmen und nicht bereuen, Einkehr gehalten zu haben.
Der Südfriedhof in Leipzig macht es dem Besucher besonders leicht,
auf kurze Zeit in ihm zu verweilen. Wer von den mächtigen Wällen des
Völkerschlachtdenkmales aus den weiten Gottesgarten mit dem feinen
Krematorium betrachtet, kann seiner freundlichen Einladung, zu ihm
herüber zu kommen, kaum widerstehen. Die einsamen Straßen, die ruhigen
Plätze, die stillen Weiher, die ernsten Baumgruppen und Hecken, das
stumme Grün der Zedern und die lebendigen Farben der tausenderlei
Zierpflanzen und Blumenspenden, das alles ist angetan, den freundlichen
Gast unaufdringlich zu sich herüber zu bitten. Und der Besuch wird sich
lohnen. Einer der schönsten, geradezu unübertrefflichen Plätze ist die
Professorenecke in der zweiten Abteilung. Hier liegen die Koryphäen der
Leipziger Hochschule alle beieinander, und ihre Grabmäler erzählen von
ihrem Beruf und Lebensernst.
Gleich zu Anfang steht des Theologieprofessors Georg Heinrici Denkmal,
ein wuchtiges Kreuz auf felsigem Grund mit der Inschrift: »Der Herr
ist mein Hirte«! Niemand wird massiger, ganz in vulkanisches Gestein
zusammengeballt, den Glaubensinhalt eines so großen Seelsorgers
verkörpert finden. Heinrici stand fest in der Schrift, der
Neutestamentler wollte nicht irren.
In unmittelbarer Nähe befindet sich Weules sinniges Grabmal, ein
schlichter Stein mit dem altgermanischen Sonnenrad. Weules Werk
umschloß die Seelenwerte der Urvölker. Weule war Direktor des
völkerkundlichen Museums in Leipzig.
Das Grab Georg Rietschels ähnelt dem seines Fachkollegen Heinrici. In
einem einzigen kurzen Wort »~Vivit!~« = Er lebt! spricht sich dieser
Gelehrte über sein irdisches Werk aus. Rietschel hat in dem Kampf
um eine freiere Ausgestaltung des Religionsunterrichtes in Sachsen
mannhaft die Lehren der Orthodoxie verteidigt.
Daneben befindet sich Soltmanns feines Denkmal. Der Kunstfreund muß
es im Mittagssonnenlicht betrachten. Dann erwacht der Stein, und die
Kinderchen, ein Junge und ein Mädchen, die zu Häupten des Meisters
stehen und für diesen bitten, gewinnen Leben und scheinen sich dem
zuzuneigen, der einst ihr Leben in seiner Hand gehalten und sie aus
Todesnot errettet hat. Soltmann war Leipzigs großer Kinderarzt und
Direktor des städtischen Kinderkrankenhauses.
Neben ihm ruht Carl Rabl, der berühmte Anatom der Leipziger Hochschule.
Er hat sich eine Sphinx als Grabstein setzen lassen. Stumm wie diese
hat auch er oft nach Westen geschaut, wo der Tag sich neigt und die
Nacht geboren wird, deren Schleier er oft hat heben mögen, aber nie
hat lüften dürfen. Auch ihm blieb verschlossen, die Seele in den
toten Leibern zu finden. Der gewaltige Organismus, der das Weltall
durchflutet, blieb auch für ihn in vielen Stücken ein großes Rätsel.
Aber mit welch großer Liebe er seinem Beruf ergeben gewesen ist, verrät
die gedankenschwere Stelle aus Goethes Faust, die den Stein außerdem
ziert: »Erhabener Geist, du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat
… Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft sie zu fühlen,
zu genießen. Nicht kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, vergönntest
mir, in ihre tiefe Brust wie in den Busen eines Freunds zu schaun.«
Nordwärts davon finden wir dann des Mathematikers Rohn Grab. Im
Giebelfelde seines Monumentes ruht eine Schlange, zum Kreise geformt,
die sich in den Schwanz beißt, somit das Unendliche in trefflicher
Symbolik darstellend. Und darunter sehen wir ein Dreieck, den Typus
aller endlichen Figuren. Wer könnte treffender das Leben dieses Mannes,
der es dauernd mit endlichen und unendlichen Größen zu tun hatte,
veranschaulichen?
Dicht daneben liegt ein weiteres schönes Grabmal. Sein Spezialkollege
Scheibner hat es sich setzen lassen. Vier kleine Würfel tragen einen
Großen, und dieser kündet den Namen des Gelehrten. Der »unendliche
Raum« war das Gebiet, auf dem Scheibner zu Hause war. Herabhängende
immergrüne Zweige segnen sein irdisches Werk.
Neben ihm ruht der Anglist Richard Wülker. Er hat sich ein Grabkreuz
setzen lassen, das bei uns zwar selten, auf englischen Friedhöfen
hingegen massenhaft vorkommt. Wülker ist der Verfasser einer einstmals
Aufsehen erregenden englischen Literaturgeschichte. Bescheiden erinnert
sein Grabkreuz gleichzeitig an den Feldzug von 1870/71, den der junge
Forscher im Kugelregen überstanden hat. Das »Eiserne« schmückte die
Heldenbrust.
Ebenso trefflich ist des Botanikers Pfeffer Grabstein gestaltet. Mit
vollsaftigen Blütenköpfen schlingt sich beiderseits am Gedenkstein ein
Distelstrauch zum Lichte empor. Blatt und Krone sind durchaus gesund.
Sie wurzeln in einem Erdreich, an dessen Eingangstoren die Wissenschaft
Wache hält. Finster blicken ihre Symbole, zwei Eulen, in den Tag
hinein. Halbgeschlossenen Auges, homerisch nach innen gekehrt, gehen
sie, fern der Alltagsmeinung, ihren Weg, den die Wahrheitsliebe und die
Forschertugend ihnen vorschreibt. Fest umklammern sie das Rückgrat des
lebendigen Objekts.
Ebenso sinnig ist Seeligers Grabmal: »~Per aspera ad astra!~« Durch
Nacht zum Licht, durch Kreuz zum Kranz! Die staubigen Urkunden waren
sein Reich. Sie seinen Schülern in ernster Lehrerarbeit zu erschließen,
war sein hochgestecktes Ziel. Er hat es erreicht. Tausende treuer
Studenten erinnern sich gern dieses Mannes.
Nun noch im Waldesdunkel Hugo Riemanns schöner Gedenkstein! Zwei
musizierende Engel verkünden mit ihren Schalmeien und Zithern den
Sieg der beständigen Liebe, jener Kunst, die uns befreit, wenn sie
uns ganz in ihren Bann gezogen hat. Der Meister der Töne, der hier
begraben liegt, greift herüber ins Religiöse, wo ebenfalls Freiheit
und Gebundenheit die erquickliche Harmonie eingehen, die viele suchen
und doch nicht zu finden vermögen. ~Amor constans vincit!~ So lehrt es
dieser Gedenkstein.
Ganz zum Schluß noch des Theologen Haugk liegendes Grabmal. Es trägt
einen feinen Spruch: »~Nascimur ut moriamur, morimur ut vivamus!~« »Wir
treten ins Leben, um zu sterben, und wir gehen von dannen, um ewig zu
leben.« Damit ist würdig der Kreis geschlossen, der Rundgang beendet.
Schon viele sind bei diesen Denkmälern in Andacht stehen geblieben.
Alle erfüllt von der echten, reinsten Kunst, die so eng beieinander
selten zu sehen ist. Alle haben beim Besuche dieser schönen
Professorenecke an des gütigen Heimatdichters Rosegger Wort gedacht:
»Gib deiner Seele einen Sonntag, und deinem Sonntag eine Seele.«
Mit einfachen Mitteln ist hier gearbeitet worden. Und wie viel
hat man erreicht. Vielleicht auch den lebhaften Wunsch auf Seiten
des Beschauers, an seinem Teile dazu beizutragen, daß der eigene
Grabstein einstmals auch ein kurzes Symbol aufweisen möchte. Unsere
Friedhöfe würden dadurch viel gewinnen, und ein Rückschlag auf unser
reiches Kulturleben würde nicht ausbleiben. In diesem Sinne sei die
Professorenecke als bescheidenes Kunstzentrum allen Kunstfreunden und
Schönheitssuchern ans Herz gelegt. Der Besuch dieser stillen Gräber
wird nie vergebens gewesen sein!
[Illustration: =Bildnerischer Schmuck über dem Eingangstor zum
Jagdschloß in Großgraupa (jetzigem Forsthaus)=]