Von _Georg Paech_

Die Sonne verschwindet hinter den Bergen. Im Elbtal wird es kühl. Die

Bergspitzen jenseits leuchten auf im warmen Rotbraun der Wälder. Die

Elbe fließt langsam und still.

Das Kirchlein, vor dem noch Ludwig Richter oft saß, steht ein paar

Meter über der Elbe. Über dem Kirchlein werden die Berge kühl blau und

darüber wird der Abendhimmel immer goldiger.

Ich steige zur Kirche hinauf und zum Friedhof um sie. Das Tor ist

offen. Auf dem Platz davor unter Nußbäumen steht die Feuerwehr. In

Doppelreihe. Und wartet. Neben ihr die Musik. Die Galahelme der

Feuerwehr haben blank geputzte Messingbügel. Einer von der Musik, ein

ganz langer, hat eine riesige Posaune, blank und glänzend, mehrfach um

den Leib geschlungen.

Auf dem Friedhofsrasen vor der Kirchentür wartet ein Baldachin von

rotem Samt, von vier Feuerwehrmännern getragen. Und Ministranten,

Jungen in weißen Spitzenhemden mit rotem Überwurf. Sie haben

Prunklaternen mit dicken Kerzen drin, auf hohen Stangen, dem Herrgott

auf seinem Weg durchs Dorf zu leuchten. Und Klingeln, die sie leise,

verstohlen anschlagen. Auch junges Volk steht da in Gruppen. Es dünkt

sich zu klug, in die Kirche zu gehen. Streng geschieden, hie Männlein –

da Weiblein.

Solide Mauern hat die kleine Kirche, der man aufs Dach langen kann. Der

Turm reicht etwa in die zweite Etage des Großstadthauses.

Der Himmel wird stahlblau. Die Kirchenfenster werden immer heller vom

Hochamt drinnen.

Unten fließt langsam, unermüdlich die Elbe.

Die Leute stehen und warten – da werden die Läden an den Turmfenstern

hart aufgestoßen. Drinnen hebt die Orgel an. Und oben die Glocken,

die schallend ihr Bim–Baum, Bim–Baum über das stille Elbtal erklingen

lassen.

Die Kirchtür wird geöffnet.

»Habts acht!« – »Rechts – um!« – »Marsch!« Die Musik intoniert einen

Choral. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Vorn die Doppelreihe

der Feuerwehr. Dann die Musik. Dann die Kirchenfahne, die langsam

im Takt der Schritte herüber und hinüber schwankt. Die Klingeln der

Ministranten klingeln silbern durch den Frühlingsabend. Die Glocken

läuten. Der Priester unter dem Baldachin hält die Monstranz an sich,

verzückt und der Welt entrückt wie Franz von Assisi das Kreuz des

Heilands. Und die Gemeinde hinter drein singt leise den Choral mit.

Die Männer nehmen den Hut vom Kopfe. Auch die jungen. So zieht die

Prozession langsam zum Dorfplatz hinauf.

Der Himmel wird dunkelblau. In den Häusern an den Fenstern flammen

Lichter auf. Helle, gelbe Lichterreihen auf dem Fensterbrett. Oder im

Dreieck auf einem Gestell, so daß sie das ganze Fenster mit leuchtenden

Punkten erfüllen. Alle Fenster strahlen. Schöner wie zu Weihnachten.

Transparente leuchten auf mit Auferstehungen, die von innen heraus

leuchten.

Die Lichter flackern und lassen die Messingbügel der Feuerwehrhelme

aufblitzen. Monoton wiederholt sich der Choral. Die Ministranten

klingeln. Langsam wandert der Zug um den Dorfplatz und wendet sich

wieder hinunter der Kirche zu. –

Vor dem Tor öffnet die Feuerwehr ihre Reihe. Der Priester schreitet

unter dem Baldachin zwischen den Reihen hindurch in die Kirche hinein.

»Habts – acht!« – »Erstes Glied – marsch!« – »Halt!« (so eilig

hinterher, als hätte der Herr Hauptmann Angst, das erste Glied könne

das zweite anrempeln).

»Erstes Glied, kehrt – Euch!« – »Zweimal linksum, Doppelreihe vorwärts

– Marsch!« … So gewinnt die Feuerwehr ihre Richtung nach dem – Dorfe zu.

»Doppelreihe – halt!« …

Nun stehen sie wieder und warten – da kommt die Musik aus der Kirche.

»Na Sepp, Ihr wollts woll a Muusik habn?« fragt der lange mit der

großen Posaune. Eine Pauke hat die Musik nicht. Die Pauke ist ein

ungeistliches Instrument.

Nun ist die Dunkelheit hereingebrochen. Die Lichterillumination im

Dorfe ist immer heller geworden. Der Fleischer zündet das Elektrische

im Laden wieder an, das er während der Prozession ausgeschaltet hatte.

Die Musik hat sich geordnet. Sie steht jetzt an der Spitze.

»Doppelreihe – Marsch!«

Humbda, humbda, humbda. Los gehts. Im strammen (~cum grano salis~)

Schritt unter den Klängen eines Marsches aus dem alten K. und K.

Österreich. Dem Dorfplatz zu. –

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 23 / 68 题