Die Sonne verschwindet hinter den Bergen. Im Elbtal wird es kühl. Die
Bergspitzen jenseits leuchten auf im warmen Rotbraun der Wälder. Die
Elbe fließt langsam und still.
Das Kirchlein, vor dem noch Ludwig Richter oft saß, steht ein paar
Meter über der Elbe. Über dem Kirchlein werden die Berge kühl blau und
darüber wird der Abendhimmel immer goldiger.
Ich steige zur Kirche hinauf und zum Friedhof um sie. Das Tor ist
offen. Auf dem Platz davor unter Nußbäumen steht die Feuerwehr. In
Doppelreihe. Und wartet. Neben ihr die Musik. Die Galahelme der
Feuerwehr haben blank geputzte Messingbügel. Einer von der Musik, ein
ganz langer, hat eine riesige Posaune, blank und glänzend, mehrfach um
den Leib geschlungen.
Auf dem Friedhofsrasen vor der Kirchentür wartet ein Baldachin von
rotem Samt, von vier Feuerwehrmännern getragen. Und Ministranten,
Jungen in weißen Spitzenhemden mit rotem Überwurf. Sie haben
Prunklaternen mit dicken Kerzen drin, auf hohen Stangen, dem Herrgott
auf seinem Weg durchs Dorf zu leuchten. Und Klingeln, die sie leise,
verstohlen anschlagen. Auch junges Volk steht da in Gruppen. Es dünkt
sich zu klug, in die Kirche zu gehen. Streng geschieden, hie Männlein –
da Weiblein.
Solide Mauern hat die kleine Kirche, der man aufs Dach langen kann. Der
Turm reicht etwa in die zweite Etage des Großstadthauses.
Der Himmel wird stahlblau. Die Kirchenfenster werden immer heller vom
Hochamt drinnen.
Unten fließt langsam, unermüdlich die Elbe.
Die Leute stehen und warten – da werden die Läden an den Turmfenstern
hart aufgestoßen. Drinnen hebt die Orgel an. Und oben die Glocken,
die schallend ihr Bim–Baum, Bim–Baum über das stille Elbtal erklingen
lassen.
Die Kirchtür wird geöffnet.
»Habts acht!« – »Rechts – um!« – »Marsch!« Die Musik intoniert einen
Choral. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Vorn die Doppelreihe
der Feuerwehr. Dann die Musik. Dann die Kirchenfahne, die langsam
im Takt der Schritte herüber und hinüber schwankt. Die Klingeln der
Ministranten klingeln silbern durch den Frühlingsabend. Die Glocken
läuten. Der Priester unter dem Baldachin hält die Monstranz an sich,
verzückt und der Welt entrückt wie Franz von Assisi das Kreuz des
Heilands. Und die Gemeinde hinter drein singt leise den Choral mit.
Die Männer nehmen den Hut vom Kopfe. Auch die jungen. So zieht die
Prozession langsam zum Dorfplatz hinauf.
Der Himmel wird dunkelblau. In den Häusern an den Fenstern flammen
Lichter auf. Helle, gelbe Lichterreihen auf dem Fensterbrett. Oder im
Dreieck auf einem Gestell, so daß sie das ganze Fenster mit leuchtenden
Punkten erfüllen. Alle Fenster strahlen. Schöner wie zu Weihnachten.
Transparente leuchten auf mit Auferstehungen, die von innen heraus
leuchten.
Die Lichter flackern und lassen die Messingbügel der Feuerwehrhelme
aufblitzen. Monoton wiederholt sich der Choral. Die Ministranten
klingeln. Langsam wandert der Zug um den Dorfplatz und wendet sich
wieder hinunter der Kirche zu. –
Vor dem Tor öffnet die Feuerwehr ihre Reihe. Der Priester schreitet
unter dem Baldachin zwischen den Reihen hindurch in die Kirche hinein.
»Habts – acht!« – »Erstes Glied – marsch!« – »Halt!« (so eilig
hinterher, als hätte der Herr Hauptmann Angst, das erste Glied könne
das zweite anrempeln).
»Erstes Glied, kehrt – Euch!« – »Zweimal linksum, Doppelreihe vorwärts
– Marsch!« … So gewinnt die Feuerwehr ihre Richtung nach dem – Dorfe zu.
»Doppelreihe – halt!« …
Nun stehen sie wieder und warten – da kommt die Musik aus der Kirche.
»Na Sepp, Ihr wollts woll a Muusik habn?« fragt der lange mit der
großen Posaune. Eine Pauke hat die Musik nicht. Die Pauke ist ein
ungeistliches Instrument.
Nun ist die Dunkelheit hereingebrochen. Die Lichterillumination im
Dorfe ist immer heller geworden. Der Fleischer zündet das Elektrische
im Laden wieder an, das er während der Prozession ausgeschaltet hatte.
Die Musik hat sich geordnet. Sie steht jetzt an der Spitze.
»Doppelreihe – Marsch!«
Humbda, humbda, humbda. Los gehts. Im strammen (~cum grano salis~)
Schritt unter den Klängen eines Marsches aus dem alten K. und K.
Österreich. Dem Dorfplatz zu. –