Zu den schönsten und anziehendsten Vögeln unserer Heimat gehört
unstreitig der Kiebitz, der – sobald er ausgangs Februar oder in den
ersten Märztagen, wenn nicht gerade anhaltendes schlechtes Wetter
seine Ankunft weiter verzögert, aus seinen südlichen Winterquartieren
wieder bei uns eintrifft – die Gebiete, die er bewohnt, mit einem
ganz eigen anmutenden Leben erfüllt. Gaukelnden Fluges steigt er aus
den weiten Wiesenflächen empor in die sonnenlichtdurchfluteten Lüfte,
gefällt sich dabei in allerhand, durch wuchtelnde Flügelschläge und
jähe Wendungen, durch plötzliches Seitwärtswerfen und kühne Sturzflüge
charakterisierten flugkünstlerischen Leistungen und läßt dazu fast
ohne Unterbrechung seine Stimme erklingen, jenes bald froh jauchzende,
bald wie lautes Klagen klingende »kui-itt kui-itt«, das ihn ja auch
zu seinem Namen verholfen hat. Nicht nur mir ist er bei seinem
Eintreffen im Frühjahr ein immer wieder von neuem freudig begrüßtes
Beobachtungsobjekt geworden, sondern er hat das gleiche ungeteilte
Interesse jederzeit auch bei denen gefunden, die mich nur irgendeinmal
auf meinen Beobachtungsgängen und Beobachtungsfahrten begleitet haben.
Man wird nie müde, seinem Treiben zuzusehen, und wer gar einmal
Gelegenheit gehabt hat, auch einen Einblick in sein Brutleben tun zu
können, (eine Sache, die freilich nicht immer ganz leicht ist), hat
Erinnerungen buchen können, die wohl zu den schönsten vogelkundlichen
Genüssen zählen.
[Illustration: Abb. 1 und 2. =Kiebitze am Nistplatz=]
Der Kiebitz gehört zu unseren frühbrütenden Vögeln. In der zweiten
Märzhälfte bereits beginnt er mit den ersten Anstalten zum
Brutgeschäft, und ist das Wetter günstig, so kann man oft schon Ende
des Monats, spätestens aber in den ersten Tagen des April die vier
Eier in den Nestern finden – Bismarck erhielt bekanntlich am 1. April
bereits hundert Kiebitzeier als Geburtstagsgeschenk. Das in Wiesen und
bei uns vielfach auch in Feldern angelegte Nest: eine napfförmige,
mit etwas dürrem Pflanzenmaterial ausgekleidete Vertiefung im Boden,
dessen dunkelgefleckte olivbraune Eier fast ganz in ihrer Umgebung
verschwinden, ist nicht leicht zu finden und wird von dem, dessen
Auge nicht dafür geschult ist, auch meistens übersehen. Die alten
Vögel sind ja überaus vorsichtig am Brutplatze; sie verlassen das
Nest eilig-trippelnden Schrittes schon, wenn der Beobachter noch weit
weg ist, und erheben sich in größerer Entfernung erst in die Luft,
um entweder – im instinktiven Vertrauen auf den natürlichen Schutz
des Nestes – ganz abzustreichen oder dem sich nähernden Beobachter
entgegen- und ihn so erregt zu umfliegen, daß dieser, wenn er unsere
Vögel noch nicht näher kennt, aus ihrem Gebaren zu der Annahme
verleitet werden muß, daß er sich bereits in unmittelbarster Nestnähe
befindet. Die Krähen, diese Strauchdiebe unter der Vogelwelt, haben
meistens einen viel feineren Blick für das Nest als der Mensch, und gar
manches fällt – ich habe mich zu meinem Leidwesen viel zu häufig schon
davon überzeugen müssen – ihren räuberischen Gelüsten zum Opfer. Der
Kiebitz überläßt der Krähe sein kostbares Gut allerdings nie kampflos;
rufend und nach ihr stoßend umfliegt er sie, und von seinem Lärm
herbeigelockt stellen sich in kürzester Zeit, daß man sich oft wundert,
woher überall sie so rasch kommen, noch viele weitere Vögel seiner Art
ein, die in gemeinsamer Abwehr der Krähe dann so zusetzen, daß sie
in der Regel ohne die erhoffte Beute den Rückzug antreten muß – fürs
erste wenigstens. Sie gibt einen einmal gefaßten Vorsatz nur ungern
auf, und Kiebitzeier sind zudem noch ein so besonderer Leckerbissen,
daß sie, auf einem fernen Baume eine passendere Gelegenheit abwartend,
die Versuche, den Eiern beizukommen, so lange wiederholt, bis ihr der
erwünschte Erfolg zuteil wird. Erst im verflossenen Frühjahre wieder
konnte ich in meinem Lausitzer Beobachtungsgebiet einen derartigen
Fall ganz ausgezeichnet verfolgen. Da nun auch noch viele andere und
besonders auch mancher Vertreter der Gattung ~Homo sapiens~ ganz
ähnlich rege Gelüste für Kiebitzeier bekunden, so kommt es, daß man
Nester unseres Vogels mit frischen Eiern – zweite und dritte Gelege –
bis weit in den Mai hinein findet und, in Ausnahmefällen allerdings,
einzeln sogar im Juni noch beobachten kann.
[Illustration: Abb. 3. =Flugbild des Kiebitzes=]
Fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Tage, also gar nicht viel unter
einem Monat, lang muß der Kiebitz brütend über den Eiern ausharren,
ehe die Jungen die Schalen durchbrechen. Sie sind Nestflüchter, in
ihrem schwarzbraunen, von allerhand weißen Flecken untermischten
Dunenkleidern ganz allerliebst aussehende Geschöpfchen, die, sobald
sie trocken geworden sind, das Nest bereits verlassen und ihre Eltern
auf deren Streifereien begleiten. Droht eine Gefahr, so erheben sich
die alten Vögel laut warnend in die Luft, die Kleinen aber schmiegen
sich eng an den Boden an, sie »drücken sich«, wie der fachmännische
Ausdruck dafür lautet, und harren in dieser Lage unbeweglich aus,
bis die Gefahr vorüber ist. Es kostet oft viel Mühe, einen sich
drückenden jungen Kiebitz am Boden ausfindig zu machen, so sehr geht
er in seiner Umgebung auf; und nicht nur einmal habe ich ziemlich
lange suchen müssen, ehe ich den direkt vor meinen Füßen liegenden
jungen Vogel fand. Die alten Vögel verteidigen ihre Kleinen auf das
mutigste, sie umfliegen laut rufend den Störenfried und stoßen erregt
nach ihm; fast immer spürte ich, wenn ich mich mit jungen Kiebitzen
beschäftigte, deutlich den durch die Schwingenschläge verursachten Wind
der mich umfliegenden Vögel, und gar manchesmal kamen sie mir dabei
so nahe, daß sie mich fast berührten und ich sie mit den Händen hätte
greifen können. Nach etwa fünf bis sechs Wochen erlangen die Kleinen
ihre Flugfertigkeit, und sobald sie diese erreicht haben, schließen
sich in der Regel verschiedene Familien zu kleineren Gesellschaften
zusammen, um anfangs noch in der Nähe des Brutgebietes, bald aber
weiter umherzustreichen und in wahrscheinlich nur langsam verlaufender
Wanderung allmählich den Winterquartieren zuzustreben. Im Juli und im
Laufe des Augusts bereits scheint vielfach die Mehrzahl der bei uns
beheimateten Vögel schon abgewandert zu sein; sie werden dann durch
Vögel nördlicherer Gegenden ersetzt, die in anfangs kleineren, später
oft aber nach vielen hunderten zählenden Scharen bis weit in den
Spätherbst hinein bei uns durchziehen und sich dabei bald länger, bald
kürzer unstet aufhalten. –
[Illustration: Abb. 4. =Kiebitznest=]
Photographisch ist dem Kiebitz bei der großen Vorsicht, die ihm und
vielen seiner Verwandten namentlich am Brutplatze eigen ist, nicht
ganz leicht beizukommen. Mein erster, vor vielen Jahren in Frohburg
unternommener Versuch, den Kiebitz auf dem Neste zu photographieren,
endete denn auch in einem kläglichen Fiasko. Nur eine zu Markte
wandernde Bauernfrau, die mir bei meiner Tätigkeit lange zugeschaut
hatte, schien dabei mehr auf ihre Rechnung gekommen zu sein, als ich,
und als sie nach geraumer Zeit den Ort meiner Tätigkeit verließ,
durfte ich versichert sein, daß die laute Selbstunterhaltung, die sie
mit sich führte, mir »verrücktem Kauz« und meiner noch verrückteren
Tätigkeit galt. Kurz darauf wiederholte ich meinen Versuch, auf den
Erfahrungen des ersten fußend, an einem zweiten Nest. Mit diesmal
besserem, allerdings durch eine besonders lange Ausdauer erkauftem
Erfolg. Doch war die Freude über ihn von nur kurzer Dauer; ein etwas
neugieriger Bekannter, der das eben entwickelte recht gute Negativ
vom Trockenständer genommen hatte und von der Behandlung einer
photographischen Platte bestimmt nicht mehr verstand als ein Esel vom
Flötenspiel, beschädigte es derart, daß nichts mehr mit ihm anzufangen
war.
[Illustration: Abb. 5. =Brütender Kiebitz=]
Der dritte Versuch, im gleichen Frühjahr noch unternommen, lieferte mir
endlich von drei belichteten Platten ein Negativ, das ich – durch die
Erfahrung gewitzigt – schärfer vor fremden Blicken und Händen bewahrte
und das denn auch alle Gefährnisse bis auf den heutigen Tag glücklich
überstanden hat, es ist das die in Abbildung 5 wiedergegebene Aufnahme.
Vorher schon hatte ich wiederholt junge Kiebitze photographisch
festgehalten, obwohl sie meistens im Augenblicke der Belichtung so
unvermittelt und schnell die Flucht ergreifen, daß beim Entwickeln
der Platte statt des Vogels nur ein undeutlicher Flecken oder
Streifen zum Vorschein kommt. Auch nachher betätigte ich mich noch
mehrfach an den Kleinen, um dann im vergangenen Frühjahr in meinem
Königswarthaer Arbeitsgebiet endlich auch wieder einmal alten Vögeln
mit der Kamera nachzustellen. Mit welchem Erfolg, mögen die hier
beigegebenen Abbildungen 1, 2 und 6 zeigen, die als solche allerdings
nichts berichten von der bitter empfundenen Kälte, den stürmischen
Winden und Regen- und Hagelschauern, die meinen Ansitz umtobten und
das fast bewegungslose Ausharren von morgens neun bis nachmittags vier
Uhr zu einem nicht besonders angenehmen gestalteten. Da war der sich
ihm anschließende »Ansitz« an einem steifen Grog in der Entenschänke
zweifellos bedeutend erträglicher! –
[Illustration: Abb. 6. =Kiebitz läßt sich zum Brüten auf das Nest
nieder=]
Das Schwergewicht der Verbreitung des Kiebitzes in unserem engeren
Vaterlande Sachsen liegt im nördlichen Flachlande, in dessen an
feuchten Wiesen reichen Teilen er eine überall bekannte Erscheinung
ist. Naturgemäß beherbergen hier wieder die Teichlandschaften
die reichsten Bestände; in Westsachsen vor allem die von
Frohburg-Eschefeld, Rohrbach, Wermsdorf usw., in der Dresdner Gegend
das Moritzburger Gebiet und weiter ostwärts dann die an Teichen ja
so reich gesegnete Oberlausitzer Niederung. In kaum oder nur wenig
verminderter Häufigkeit stellt er sich aber auch in den weiten Flußauen
der nordsächsischen Niederungen ein, geht aber auch weit gebirgswärts
und ist noch im Vogtlande (Burgteich bei Plauen, Weidenteich bei
Neundorf usw.) und im Erzgebirge (Großhartmannsdorfer Teich usw.)
an geeigneten Stellen Brutvogel. Richard Heyder traf ihn sogar noch
auf dem Erzgebirgskamm auf torfigen Wiesen bei Carlsfeld und
Jugel in siebenhundert Meter Meereshöhe an. – Leider aber ist sein
Bestand in einer ganz auffallenden Abnahme begriffen. In Frohburg
habe ich diese deutlich selbst verfolgen können; die in den ersten
Jahren meiner Beobachtungstätigkeit daselbst noch recht ansehnliche
Zahl von Brutpaaren war 1914 schon viel kleiner geworden und hatte
sich noch erheblicher verringert, als ich nach dem Kriege die alten
Beobachtungsstätten von neuem aufsuchte. Für Rohrbach bezifferte
Hennicke für das Jahr 1889 den Bestand an Brutpaaren auf etwa fünfzig,
im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts aber waren nach Hesse dort
jahreweise nur noch ein oder gar kein Brutpaar vorhanden. Schlegel
fand 1913 aber wieder eine etwas größere Zahl vor; eine Wahrnehmung,
die ich für die Jahre 1912 bis 1914 auf Grund eigener Feststellungen
bestätigen kann, habe ich doch 1913 hier an etwa acht Nestern unseres
Vogels selbst gestanden. Ganz ähnlich liegen, wenn wir diesen auf das
ganze Land sich erstreckenden Rückgang noch durch einige örtliche
Beispiele erhärten wollen, die Verhältnisse in Moritzburg und im
oberlausitzischen Niederungsgebiet – überall beobachten wir diese
auffallende Abnahme innerhalb der letzten Jahrzehnte. Welches wohl
sind ihre Ursachen? Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage zu
geben, ist nicht leicht und vielleicht vermag man auch noch gar nicht
die Hauptursache zu nennen. Sicherlich ist das Einsammeln der Eier
durch den Menschen, das ich in seinen verhängnisvollen Folgen mehrfach
verfolgen konnte, und das oft mit der größten Rücksichtslosigkeit
ausgeübt wird und namentlich in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren
in besonders üppiger Blüte stand, an der Abnahme des Vogels stark mit
beteiligt. Aber allein erklärt es den beobachteten Rückgang keineswegs.
Er machte sich fühlbar schon zu Zeiten und an Orten, zu und an denen
das Aufsammeln der Eier kaum oder überhaupt nicht erfolgte. Und wir
beobachten diese Abnahme ja nicht nur am Kiebitz allein, sondern auch
an einigen dem Kiebitz nahe verwandten Vögeln, die in der Lebensweise
mit ihm vieles gemein haben und vor allem auch mit ihm die Brutgebiete
teilen. Es sind dies besonders der Rotschenkel und die Bekassine, deren
Eier kaum jemals gesammelt wurden. Auch sie haben an ihren allerdings
viel spärlicheren Brutplätzen gegen früher stark abgenommen; der
Rotschenkel vielleicht in noch auffallenderem Maße als der Kiebitz. Von
ihm schätzte z. B. William Baer in seiner 1898 erschienenen »Ornis der
Oberlausitz« die an einer bestimmten Stelle im Gebiet der grenznahen
Koblenzer Teiche vorgekommenen Brutpaare auf über fünfzig. Von 1923
bis 1926 aber traf ich an der gleichen Stelle in jährlich wechselnder
Stärke nur noch fünf bis zehn Paare an, und im Frühjahr 1927 bekam
ich daselbst überhaupt keines mehr zu Gesicht. Die Entwässerung der
Wiesen, die ja ebenfalls als ein Grund für die Abnahme angeführt
wird und die bestimmt auch ganz wesentlich an ihr beteiligt ist, ist
wiederum aber nur eine Teilursache; in dem Koblenzer Teichgebiet
sind seit Baers Zeiten derartig umfassende Veränderungen gar nicht
eingetreten, und noch viel weniger trifft dies auf eine andere Stelle
meines oberlausitzischen Beobachtungsgebietes zu, nämlich auf das wohl
jahrhundertelang im wesentlichen sich gleich gebliebene Neudorfer
Moor, in dem nach den mir gemachten durchaus zuverlässigen Angaben
seit einigen Jahrzehnten ebenfalls ein starker Rückgang von Kiebitz,
Rotschenkel und Bekassine beobachtet wird. Es müssen an der Abnahme
daher auch noch andere Ursachen mitwirken, die sich vorläufig noch
unseren Kenntnissen entziehen.
[Illustration: Abb. 7. =Kiebitznest mit eben geschlüpftem Jungen und
angepicktem Ei=]
[Illustration: Abb. 8. =Kiebitz, einen Tag alter Jungvogel=]
Pflicht für uns nun wird es, wenigstens die Teilursachen, die wir
für den Rückgang kennen, nach Möglichkeit abzustellen zu versuchen.
Entwässerungen größeren Umfanges, die unseren Vögeln die Brutgebiete
einschränken und die z. B. auch in den vom Kohlenabbau noch nicht
bedrohten Gebieten der Oberlausitzer Niederung bei der Regulierung der
Spree und anderer Flüsse zu erwarten sind, werden wir nicht verhindern
können; oft einem bitteren Zwange entsprungene wirtschaftliche
Notwendigkeiten werden sich immer als die stärkeren Kräfte erweisen.
Inwieweit wir derartige Entwässerungen in naturschützerischem Sinne
aber beeinflussen können, wird sich immer nur von Fall zu Fall
entscheiden lassen. Das Aufsammeln der Eier aber können wir, wenn
vielleicht auch niemals ganz verhindern (wir können, um mit Heinroth
zu reden, nicht hinter jedes Nest einen Polizeibeamten stellen), so
doch wenigstens auf ein kleineres Maß zurückführen. Das neue sächsische
Jagdgesetz gestattet das Einsammeln der Eier des Kiebitzes noch bis
zum 30. April. Leider! Das gänzliche Verbot wäre in diesem Falle
angebrachter und auch einer weidgerechten Jägerwelt würdiger gewesen.
Denn bei unserem Vogel handelt es sich um eine in starkem Rückgange
befindliche und auch an den Orten relativ häufigeren Vorkommens
doch bereits recht spärlicher Art, deren Eier nirgends mehr einen
wirtschaftlichen Faktor spielen, so daß durch das Unterbleiben des
Sammelns auch niemand materiell geschädigt würde.
[Illustration: Abb. 9. =Sich drückende junge Kiebitze=]
[Illustration: Abb. 10. =Junger Kiebitz unmittelbar vor der
Flugfertigkeit=]