Paris

(geht an die Gruft, und streut Blumen über sie.)

Anmuthsvolle Blume! So bestreu' ich mit Blumen dein Brautbette:

Schöne Juliette, nun die Gespielin der Engel, nimm dieses lezte

Merkmal der Liebe, von einem der im Leben dich verehrte, und nun im

Tode--

(der Knabe zischt)

Der Junge giebt ein Zeichen, es nähert sich was--was für

verfluchte Füsse wandern in dieser späten Nacht hieher, mich in den

zärtlichen Gebräuchen der traurenden Liebe zu stören?--Wie? ein

Licht? Verhülle mich eine Weile, o Nacht--

(Er geht bey Seite.)

Vierte Scene.

(Romeo und Balthasar mit einem Lichte.)

Romeo.

Gieb mir den Karst und das Heb-Eisen. Hier, nimm diesen Brief, und

sieh daß du ihn morgen früh meinem Herrn und Vater überlieferst.

Gieb mir das Licht; so lieb dir dein Leben ist, befehl' ichs dir,

du magst hören oder sehen, was du willst, so bleib von ferne stehen,

und unterbrich mich nicht in meinem Vorhaben. Warum ich in diese

Gruft herabsteige, ist, theils meine Geliebte noch einmal zu sehen,

hauptsächlich aber um von ihrem todten Finger einen kostbaren Ring

zu ziehen, einen Ring den ich zu einem wichtigen Gebrauch nöthig

habe; entfern dich also von hier, geh--unterfängst du dich aber aus

Fürwiz zurükzukehren, um zu sehen, was ich noch mehr zu thun im

Sinn habe, beym Himmel, so will ich dich Gelenk für Gelenk in Stüke

reissen, und diesen hungrigen Kirchhof mit deinen Gliedern

bestreuen. Die Zeit und meine Absichten sind grausam und wild,

grimmiger und unerbittlicher als blut-lechzende Tyger und die

heulende See.

Balthasar.

Ich will gehen, Gnädiger Herr, und euch nicht stören.

Romeo.

So kanst du mir deine Freundschaft beweisen--Nimm du das; leb und

sey glüklich, fahrwohl, guter Junge.

Balthasar (im Weggehen vor sich.)

Das alles ist mir ein desto stärkerer Beweggrund, mich hier in der

Nähe zu verbergen. Ich fürchte seine Blike, und zweifle, daß er was

Gutes im Sinn habe.

Romeo.

Du abscheulicher Schlund, verfluchter Rachen des Todes, der das

kostbarste was die Welt hatte, verschlungen hat, so zwing ich deine

morschen Kinnbaken sich zu öfnen,

(er bricht die Gruft auf)

um dich mit Gewalt mit noch mehr Speise vollzustopfen.

Paris (kommt hervor.)

Diß ist der verbannte übermüthige Montague, der den Vetter meiner

Geliebten erschlug, (welches durch den Kummer den sie darüber hatte,

wie man glaubt, die Ursach ihres Todes gewesen ist), und nun ist

er gekommen, irgend eine niederträchtige Schmach an ihren

Leichnamen auszuüben: Ich will ihn anhalten--Halt ein mit deiner

verdammlichen Arbeit, nichtswürdiger Montague: Willt du deine Wuth

bis auf die Todten ausdehnen? Verurtheilter Bösewicht, ich

bemächtige mich deiner; gehorche, geh mit mir, du must sterben.

Romeo.

Ich muß, in der That, und darum kam ich hieher--Guter junger Mensch,

reize nicht einen verzweifelnden Mann; flieh von hinnen, und laß

mich: Denk an diese, die hier ligen, und laß sie dich schreken. Ich

bitte dich, Jüngling, häuffe nicht noch eine neue Sünde über mein

Haupt, treibe mich nicht zur Wuth. O geh! Beym Himmel! ich liebe

dich besser als mich selbst; denn ich bin gegen mich bewaffnet

hieher gekommen. Verweile nicht, geh, und sage, daß du dein Leben

der Barmherzigkeit eines rasenden Mannes zu danken habest.

Paris.

Ich verschmähe dein Mitleiden, und arrestiere dich hier als einen

Hochverräther.

Romeo.

So willst du mich denn mit Gewalt reizen? Hab es dann an dir selber,

Junge.

(Sie fechten. Paris fällt.)

Edelknabe.

O Gott, sie fechten, ich will gehen und die Wache holen.

Paris.

Oh, ich bin des Todes; wenn du einiger Erbarmung fähig bist, so

öffne die Gruft und lege mich zu Julietten.

(Er stirbt.)

Romeo.

Auf meine Ehre, das will ich: Laß mich dieses Gesicht in der Nähe

besehen--Mercutio's Vetter! der edle Graf Paris! was sagte mir mein

Diener unterwegs, indem meine im Sturm herumgewälzte Seele nicht

darauf Acht gab, was er sagte--Mich däucht, er erzählte mir, Paris

habe Julietten heurathen sollen. Sagte er das nicht? oder träumte

mir's nur? Oder bin ich unsinnig, daß ich mir einbilde es sey so,

weil ich ihn so zärtlich von Julietten reden hörte?--O gieb mir

deine Hand, du, den das Schiksal in mein Unglük verflochten hat,

ich will dir ein beneidenswürdiges Grab gewähren--Ein Grab? O nein,

eine Glorie, ermorderter Jüngling; denn Juliette ligt hier, und

ihre Schönheit erfüllt diese grauenvolle Gruft mit Licht und

Herrlichkeit; Todter, lige du hier, von einem Todten begraben.

(Er legt ihn in die Gruft.)

Wie oft ist es schon begegnet, daß Sterbende kurz vor ihrem lezten

Augenblik noch aufgeräumt gewesen sind--O gönne mir noch einen

solchen Augenblik!--Meine Geliebte, mein Weib, der Tod, der den

Honig deines Athems aufgesogen, hat noch keine Gewalt über deine

Schönheit gehabt; du bist nicht besiegt; noch schwebt die purpurne

Fahne der Schönheit auf deinen Lippen und Wangen, und die blasse

Flagge des Todes ist hier noch nicht aufgestekt--Tybalt, ligst du

hier in deinem blutigen Leichen-Tuch? O was kan ich mehr thun, wie

kan ich dich besser rächen, als eben diese Hand, die dein

jugendliches Leben geendigt hat, gegen deinen Mörder zu gebrauchen?

Vergieb mir, theurer Vetter!--Ach! liebste Juliette, warum bist du

noch so schön? Soll ich glauben, der unwesentliche Tod sey in dich

verliebt worden, und das dürre scheußliche Ungeheuer unterhalte

dich hier im Dunkeln, um seine Liebste zu seyn? Aus Furcht es

möchte so seyn, will ich immer bey dir bleiben, und von diesem

Augenblik diesen Palast der düstern Nacht nimmermehr verlassen;

hier, hier will ich bleiben, bey den Würmern, die deine Kammer-

Mädchen sind; hier will ich eine immerwährende Ruhe finden, wenn

ich das tyrannische Joch erboßter Sterne von diesem Lebens-

überdrüssigen Fleisch abgeschüttelt habe--Mein Auge, sieh' sie zum

leztenmal an; umfanget sie zum leztenmal, meine Arme, und ihr,

siegelt, o meine Lippen, mit dem lezten Kuß dem wuchernden Tod eine

Verschreibung, die nie wieder abgelößt werden kan--Diß, meine Liebe,

trink ich dir zu!--o ehrlicher Apotheker,

(er trinkt das Gift aus,)

Deine Tränke würken gut--Noch diesen Kuß.

(Er stirbt.)

(Bruder Lorenz mit einer Laterne, einem Brech-Eisen, und einer

Spathe.)

Bruder Lorenz.

St. Franciscus steh mir bey! Wie manchmal haben schon in später

Nacht meine alten Füsse an Gräbern gestolpert! Wer ist hier?

(Balthasar kommt hervor.)

Balthasar.

Ein Freund, der euch wol kennt.

Lorenz.

Heil sey dir! Sage mir, guter Freund, was für eine Fakel seh ich

dort, die ihr Licht so vergeblich Würmern und auglosen Schädeln

leiht? Wie mich däucht, so brennt sie in der Gruft der Capulets.

Balthasar.

Es ist würklich so, heiliger Vater, und derjenige, der darinn ist,

ist mein Herr, einer von euern liebsten Freunden.

Lorenz.

Wie nennt er sich?

Balthasar.

Romeo.

Lorenz.

Wie lang ist er schon da?

Balthasar.

Eine volle halbe Stunde.

Lorenz.

Geh mit mir in die Gruft.

Balthasar.

Ich habe das Herz nicht, ehrwürdiger Herr--Mein Herr weiß nichts

anders als daß ich weggegangen sey, und bedräute mich auf eine

fürchterliche Art, daß er mich umbringen wolle, wenn ich

zurükbleiben und sein Vorhaben belauschen würde.

Lorenz.

So bleibe du hier, ich will allein gehen--mich kommt ein Grauen an--

ich fürcht', ich fürcht' es ist ein Unglük geschehen.

Balthasar.

Wie ich unter diesem Taxus-Baum schlief, da träumte mir mein Herr

und ein andrer fechten mit einander und mein Herr habe ihn

erschlagen.

Lorenz (bey dem Eingang der Gruft.)

Romeo! O Himmel! was bedeutet dieses Blut das den steinernen

Eingang dieser Gruft beflekt? Was bedeuten diese herrenlose

Schwerdter, die mit geronnenem Blut beschmizt an diesem Ort des

Friedens ligen? Romeo! o Gott, ohne Leben! und dieser?--Wie? Paris?--

im Blute schwimmend? Ha, was für eine unselige Stunde ist an

diesem jammervollen Zufall schuldig?--Das Fräulein rührt sich--

Juliette (erwachend.)

O Trostbringender Vater! wo ist mein Gemahl? Ich erinnre mich wohl,

wo ich seyn soll, und ich bin da--Aber wo ist Romeo?

Lorenz.

Ich hör ein Getöse--Fräulein, komm hervor aus dieser Höle des Todes,

der Verwesung und des unnatürlichen Schlafs; eine grössere Macht,

als der wir wiederstreben könnten, hat unsern Entwurf

durchschnitten; komm, komm mit mir--dein Gemahl ligt todt hier, und

Paris auch--Komm, ich will dich in ein Kloster von heiligen

Schwestern führen: Halte dich nicht mit Fragen auf, ich sehe die

Wache kommen--Komm, geh, liebste Juliette; ich kan nicht länger

bleiben--

(Er geht.)

Juliette.

Geh, geh du, und laß mich hier bleiben--Was ist hier? Ein Becher,

in meines Geliebten Hand?--Gift, wie ich seh, ist sein unzeitiger

Tod gewesen--O du Unfreundlicher, alles auszutrinken, und nicht

einen freundschaftlichen Tropfen übrig zu lassen, der mir dir nach

helfe! Ich will deine Lippen küssen; vielleicht hängt noch so viel

Gift daran, als ich nöthig habe--Deine Lippen sind noch warm--

(Der Edelknabe, mit der Wache treten auf.)

Wache.

Weis' uns den Weg, Junge.

Juliette.

So? Kommt jemand? So will ich's kurz machen--

(sie findt einen Dolch.)

O glüklicher Dolch! hier ist deine Scheide, hier roste und laß

mich sterben.

(Sie ersticht sich.)

Knabe.

Hier ist der Ort; dort, wo die Fakel brennt.

Wache.

Der Boden ist voller Blut. Sucht auf dem ganzen Kirchhof, geht,

etliche von euch, macht feste wen ihr findet. Erbärmlicher Anblik!

Hier ligt der Graf erschlagen, und Juliette in ihrem Blut, noch

warm, und kaum entseelt, die doch diese zween Tage schon hier

begraben gelegen ist. Geht, zeigt es dem Fürsten an, rennt zu den

Capulets, wekt die Montaguen auf--Und ihr andere sucht--Die

Umstände allein können diese klägliche Begebenheit begreiflich

machen. (Etliche Wächter mit Balthasar.)

2. Wächter.

Hier ist ein Bedienter von Romeo, den wir auf dem Kirchhof gefunden

haben.

1. Wächter.

Haltet ihn auf, bis der Fürst kommt. (Ein andrer Wächter, mit

Bruder Lorenzen.)

3. Wächter.

Hier ist ein Franciscaner, der zittert, ächzt und weint; wir fanden

dieses Brech-Eisen und diese Spathe bey ihm, und er kam von dieser

Seite des Kirchhofs her.

1. Wächter.

Das ist sehr verdächtig; haltet ihn auch auf.

Fünfte Scene.

(Der Fürst und sein Gefolge, treten vorn auf der Schaubühne auf.)

Fürst.

Was für ein Unheil ist so früh auf, daß es uns aus unserm Morgen-

Schlaf wekt? (Capulet und Lady Capulet, treten auf der andern Seite

auf.)

Capulet.

Was mag das seyn, daß ein so gräßliches Geschrey auf den Strassen

ist?

Lady Capulet.

Die Strassen sind voll Volks das Romeo schreyt; einige schreyen,

Juliette; einige Paris; und alle rennen mit Entsezen und Geschrey

unserm Begräbniß zu.

Fürst.

Was für Töne des Schrekens stürzen sich in unser Ohr?

1. Wächter.

Gnädigster Herr, hier ligt der Graf Paris ermordet, und Romeo todt,

und Juliette, die zuvor todt war, warm, und vor wenigen Minuten

umgebracht.

Fürst.

Sucht, forscht nach, und späht aus, woher diese scheußliche

Mordthaten kommen?

1. Wächter.

Hier ist ein Mönch, und des erschlagnen Romeo's Diener, die mit

Werkzeugen, diese Todten-Gräber aufzubrechen, ertappt worden sind.

Capulet.

O Himmel!--O Weib! Sieh, wie unsre Tochter blutet! Dieser Dolch hat

sich verfehlt; sieh, die Scheide ligt auf dem Rüken des Montaguen,

und die entblößte Klinge in meiner Tochter Busen--

Lady Capulet.

O Gott, dieser Anblik ist wie eine Todten-Gloke, die meinem grauen

Alter zu Grabe läutet. (Montague zu den Vorigen.)

Fürst.

Komm, Montague--und sieh hier deinen einzigen Sohn und Erben--

Montague.

Weh mir!--Mein Weib, Gnädigster Herr, ist in dieser Nacht

verschieden--Der Gram über ihres Sohnes Verbannung hat ihr das Herz

gebrochen--Was für ein neues Weh verschwört sich gegen mein graues

Alter?

Fürst.

Schau hieher, so wirst du's sehen.

Montague.

O du Übelgezogner, was für Lebens-Art war das, dich vor deinem

Vater so in's Grab zu drängen?

Fürst.

Haltet noch mit euern Klagen ein, bis wir diese verworrene

Geschichte ins Klare gesezt, und ihren Ursprung und wahren Hergang

herausgebracht haben; alsdann will ich selbst der Anführer euers

Klag-Geschreys seyn--Bis dahin, haltet inn!--bringet die

verdächtigen Personen herbey!

Bruder Lorenz.

Ich, der unvermögendste, bin derjenige, den der stärkste Verdacht

drükt; Zeit und Ort scheinen mich dieses gräßlichen Mords

anzuklagen; und hier steh ich, zugleich mein eigner Ankläger und

Advocat zu seyn.

Fürst.

So sage dann, ohne Umschweiffe, was dir davon bekannt ist.

Bruder Lorenz.

Ich will kurz seyn, mein Athem ist ohnehin nicht lang genug für

eine langweilige Historie. Romeo, der hier todt ligt, war

Juliettens Gemahl, und Sie, die hier todt ligt, Romeo's getreues

Weib: Ich segnete ihre Ehe ein; und der Tag ihrer heimlichen

Vermählung war Tybalts Sterb-Tag, dessen unzeitiger Tod den neuen

Bräutigam aus dieser Stadt verbannte, und dieses, nicht Tybalts Tod,

war die Ursache von Juliettens Gram. Ihr,

(zu Capulet)

um ihr diesen Kummer aus dem Sinn zu bringen, versprachet sie dem

Grafen Paris, und waret im Begriff, sie zu dieser Heurath mit

Gewalt zu zwingen. In diesen Umständen kommt sie zu mir, und, mit

wilden Bliken, bittet sie mich daß ich ihr ein Mittel an die Hand

gebe, diese zweyte Heurath zu vermeiden, oder sie wolle sich in

meiner Celle selbst ums Leben bringen. In diesem schwürigen

Augenblik kam mir meine Wissenschaft zu Hülfe; ich gab ihr einen

Schlaf-Trunk, dessen Würkung meiner Absicht vollkommen antwortete--

denn er sezte sie in einen Zustand, der dem Tode so gleich sah, daß

sie für eine Leiche angesehen, und so behandelt wurde. Inmittelst

schrieb ich an Romeo, und bestellte ihn, daß er in eben dieser

schreklichen Nacht, als der Zeit, worinn die Würkung des Tranks zu

Ende gehen würde, hieher kommen, und mir helfen möchte, sie aus

ihrem geborgten Grabe heraus zu holen. Allein, Bruder Johann, der

ihm meinen Brief überbringen sollte, wurde durch einen Zufall

aufgehalten, und gestern kam mein Brief mir wieder zu; ich war also

genöthigt, um die bestimmte Zeit ihres Erwachens ganz allein hieher

zu kommen, und sie aus der Gruft ihrer Familie zu befreyen: Des

Vorhabens, sie so lange in meiner Celle verborgen zu halten, bis

ich Gelegenheit fände, den Romeo hieher zu beruffen. Aber wie ich

kam, (wenige Minuten vor ihrem Erwachen) da lag der edle Paris hier

erschlagen, und der allzugetreue Romeo todt. Sie erwacht, und ich

bitte sie inständigst mit mir zu gehen, und diese Schikung des

Himmels mit Geduld zu tragen: Allein ein Getöse, das ich gleich

darauf hörte, scheuchte mich von der Gruft weg, und sie,

verzweifelnd und entschlossen zu sterben, wollte nicht mit mir

gehen, sondern legte, wie es scheint, gewaltsame Hand an sich

selbst. Alles dieses weiß ich, und von der heimlichen Heurath kan

auch ihre Amme Zeugniß geben: Ist aber in allem diesem etwas durch

meine Schuld gefehlt und zu diesem unglüklichen Ausgange gebracht

worden, so laßt immer mein altes Leben, etliche Stunden vor meiner

bestimmten Zeit, der Strenge des Gesezes aufgeopfert werden.

Fürst.

Wir haben dich jederzeit als einen heiligen Mann gekannt. Wo ist

Romeo's Diener? Was kan Er von der Sache berichten?

Balthasar.

Ich brachte meinem Herren die Zeitung von Julia's Tod, und sogleich

kam er mit Post-Pferden von Mantua hieher, unmittelbar hieher, zu

dieser nehmlichen Gruft; übergab mir diesen Brief an seinen Vater,

und dräute mir, indem er auf die Gruft zugieng, den Tod, wenn ich

nicht weggehen und ihn allein lassen wollte.

Fürst.

Gieb mir den Brief, ich will ihn übersehen--Wo ist des Grafen Knabe,

der die Wache herbeyholte? Bursche, was machte dein Herr an diesem

Orte?

Knabe.

Er kam, das Grab seiner Geliebten mit Blumen zu bestreuen, und

befahl mir von Ferne stehn zu bleiben, wie ich auch that; bald

darauf kommt einer mit einem Licht, die Gruft zu öffnen, und

augenbliklich zieht mein Herr den Degen gegen ihn; und da lief ich

und holte die Wache.

Fürst.

Dieser Brief bekräftiget die Erzählung des Ordens-Manns--und hier

schreibt er, daß er Gift von einem armen Apotheker gekauft, und

damit in diese Gruft gekommen sey, um zu sterben und in Juliettens

Grab zu ligen--Wo sind diese Feinde? Capulet! Montague! Seht hier

die Ruthe, womit euere Unversöhnlichkeit gezüchtiget wird; seht wie

der Himmel Mittel findet, durch die Liebe selbst die Freuden euers

Lebens zu tödten. Auch ich, weil ich zuviel Nachsicht gegen euere

Uneinigkeiten hatte, habe zween Verwandte verlohren: Wir sind alle

gestraft!

Capulet.

O Bruder Montague, gieb mir deine Hand; das ist meiner Tochter

Witthumb--mehr kan ich nicht verlangen.

Montague.

Aber ich kann dir mehr geben; denn ich will ihre Bild-Säule von

gediegnem Gold aufstellen, daß, so lange Verona diesen Namen trägt,

kein Denkmal dem Denkmal der zärtlichen und getreuen Juliette

gleich geschäzt werde!

Capulet.

Eben so glänzend soll Romeo bey seiner Gattin ligen; theure,

unglükliche Opfer unsrer unseligen Feindschaft!

Fürst.

Dieser Morgen bringt uns einen düstern Frieden, und die Sonne

selbst scheint trauernd ihr Haupt verhüllt zu haben--Geht, und

erwartet unsre Entscheidung, was in diesem unglüklichen Handel

Strafe und was Verzeihung verdient--[Ihr aber, getreue Liebende,

die ein allzustrenges Schiksal im Leben getrennt, und nun ein

freiwilliger Tod auf ewig vereiniget hat, lebet, Juliette und Romeo,

lebet in unserm Andenken, und die späteste Nachwelt möge das

Gedächtniß eurer unglüklichen Liebe mit mitleidigen Thränen ehren!]

Romeo und Juliette, von William Shakespeare

(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).

Romeo und Juliette · 第 10 / 11 题