Lisbeth. Mux.
Lisbeth: Ich sah den Joseph aus dem Hause gehen —
Wenn er gesund ist, warum ging er fort?
Mux: Er ist verkrüppelt, kann ich ihn da brauchen?
Lisbeth: Verkrüppelt ist er? O barmherz’ger Gott!
Und was wird nun? Wohin ist er gegangen?
Mux: Das weiß ich nicht, mir gilt’s auch völlig gleich.
Lisbeth: Er war bei euch, um Arbeit euch zu bitten —
Ist es nicht so?
Mux: Wohl ist es so.
Lisbeth: Mein Vater,
Ihr nahmt ihn nicht, ihr stießet ihn hinaus,
Den Mann, der eure beste Stütze war?
O, Vater, habt ihr gar kein Herz im Leibe?
Mux: Was soll mein Herz in dieser Sache tun?
Ich kann ihn doch für ewig nicht versorgen.
Lisbeth: Wer soll ihn nehmen, wenn es ihr nicht tut?
Seid überzeugt, er hätte sich das Brot,
Das ihr gegeben, hundertfach verdient,
Er hätt’ mit einer Hand euch mehr geleistet,
Als mancher, den ihr zahlt, mit seinen beiden.
Mux: Ich will es nicht, ich geb’ kein Bettelbrot.
Lisbeth: Ein Bettelbrot für ihn, den ihr geknechtet
So lang es ging, der für euch ohne Lohn
Weit mehr geleistet als die andern alle,
Dem ihr erst dann, als alle Welt ihn rühmte,
Den Lohn gegeben, den er längst verdient!
Ihr gebt kein Bettelbrot, wenn ihr ihn nährt,
Ihr zahlet nur zurück, was ihr ihm schuldet.
Mux: Du kecke Dirne, was gab dir den Mut,
Mir so zu predigen wie du es tust?
Lisbeth: Die Liebe, Vater! Frei will ich’s gesteh’n,
Was in der Brust bisher ich scheu verborgen:
Ich lieb’ ihn.
Mux: Wen liebst du? des Henkers Sohn?
Lisbeth: Des Henkers Sohn. Und wär’ er wen’ger noch,
Wär’ er der Sohn eines Gerichteten,
Ich beugte mich vor ihm als meinem König.
Mux: Glück auf, Frau Königin!
Lisbeth: Verhöhnt mich nicht!
Ihr selber tragt die Schuld, daß ich ihn liebe.
Ich war verlassen grade so wie er,
Ob ich die reiche Bürgerstochter war,
An Liebe war ich arm wie der Verstoß’ne.
Ihr hattet niemals einen Blick für mich,
Der mich erwärmte, niemals sah ein Lächeln
Auf euren Lippen ich, kam ich euch nah.
Die alte Ursel, meine Pflegerin,
Sie sorgte für mein körperliches Wohl,
Doch Zärtlichkeiten hat sie nie verschwendet.
Zuweilen schmiegt ich mich an eure Knie
Und blickte scheu und bittend zu euch auf;
Da schicktet ihr mich fort; aus eurem Auge
Traf mich kein warmer Strahl und eure Hand
Strich nie liebkosend über meine Wangen,
Nicht einmal Strafe hattet ihr für mich.
Mux: Die hast du wohl am leichtesten entbehrt?
Lisbeth: Glaubt das nicht, Vater! Meint ihr, daß ein Kind
Für Recht und Unrecht kein Empfinden hat,
Daß es den Eltern zürnt, wenn sie es strafen?
Zu Bäckers Grete kam ich einmal hin,
Als sie ihr Vater schlug für eine Lüge,
Und da durchzuckte mich ein heißer Schmerz.
Durch meine Kinderseele zog ein Ahnen,
Daß ich allein sei auf der weiten Welt;
Mich strafte niemand, allen galt es gleich,
Ob wild ich war, ob sanft, ob gut, ob böse.
Ich eilte heim und weinte stundenlang.
Mux (sucht seine Bewegung hinter Spott zu verbergen):
Du weintest also damals um die Schläge?
Ein Zeichen, daß dir’s allzu gut erging.
Lisbeth: Nicht um die Schläge, um die Vaterliebe,
Die mächtig selbst aus jenen Streichen sprach.
Um jene Zeit kam Joseph in das Haus,
Es zog mich hin zu dem verlass’nen Knaben,
Den jeder nur umherstieß, jeder schalt;
Und mag es noch so seltsam euch erscheinen,
Mir war’s, als trügen wir das gleiche Leid.
Ich wuchs heran und aus dem armen Knaben
War nun ein Mann geworden, dem man gern
Den Schimpf nachsah, der drückend auf ihm ruhte;
Doch er vergaß ihn nicht. Ich weiß es wohl,
Was ihn bewog, mir immer auszuweichen,
Ich quälte nie mit bangen Zweifeln mich,
Warum er sich allmählich mir entfremdet,
Ich weiß, sein Herz schlägt immer treu für mich,
Er wagt’s nur nicht, zu mir emporzublicken,
Zu mir, die gern als Magd ihm dienen möchte.
Mein Vater, höret mich! Auf meinen Knien
Fleh’ ich euch an, vereinigt mich mit ihm!
Gebt uns ein kleines Sümmchen, ihr sollt sehn,
Wie man mit wenigem kann glücklich sein.
Mux (sanft): Zum Zeichen, daß ich für verrückt dich halte,
Hört’ ich die Phantasien ruhig an.
Lisbeth: Ihr täuschet euch, es sind nicht Phantasien —
Ist euch des Herzens Stimme gar so fremd,
Habt ihr denn nie in eurem ganzen Leben
Ein Wesen so geliebt, daß ihr bereit,
Ihm alles aufzuopfern seid gewesen?
Mux (ärgerlich): Wenn du zu solchen Opfern bist bereit,
So kannst du deine Selbstverleugnung üben
Und magst nun wählen zwischen mir und ihm.
Entweder du entsagst ihm und bleibst hier
In Glanz und Reichtum und der sichern Hoffnung
Auf einen angeseh’nen Bräutigam
Oder du folgst ihm so wie du hier stehst
Ohn’ einen Groschen nach in Not und Elend.
Du stehst am Scheideweg, besinne dich!
Lisbeth: Besänn’ ich mich, so wär’ ich sein nicht wert,
Und da ihr kurz vor diese Wahl mich stellet,
So wähl’ ich ihn trotz Armut und trotz Not.
Was mir versagt blieb unter euern Schätzen
Gab der Verachtete, der Arme mir —
Es glich der kalten Winternacht mein Leben,
Und seine Liebe war der Sonnenstrahl,
Der mich durchleuchtete, der mich erwärmte,
Der alles in mir weckte, was da gut.
Ich geh’ mit ihm und müßt’ ich mit ihm betteln
Und müßt’ ich barfuß meines Weges ziehn
Und wär’ zeitlebens über meinem Haupte
Der Himmel nur allein gespannt als Dach.
All’ seine Leiden will ich mit ihm teilen,
Ich geh’ mit ihm und sei’s in Schmach und Tod.
Mux (zornig): So geh, doch tu’s sofort! Ich hab’ nicht länger
Geduld, dein albernes Geschwätz zu hören.
Doch sag’ ich dir das eine: hast du erst
Die Schwelle meines Hauses überschritten,
Dann kehre nimmermehr hieher zurück,
Es ist dies Haus für immer dir verschlossen,
Der fremd’ste Bettler ist nicht fremder hier.
Lisbeth: Ich kehre nicht zurück; und nun laßt mich
Zum letzten Male eure Hand noch küssen.
Für alles, was ich je von euch genoß,
Ob ich’s auch nicht zu würdigen verstanden,
Sag’ ich euch meinen Dank. Und denket nicht,
Daß ich euch hasse, Vater; ich beklage,
Daß euch der Schöpfer hat kein Herz verliehn,
Das Liebe spendet, Liebe will empfangen.
Lebt wohl, mein Vater! (Mux antwortet nicht.) Vater, lebet wohl!
Wenn es euch ärgert, daß ich euch verlasse,
Verzeiht es mir, allein ich kann nicht anders.
(Sie kniet vor ihm nieder.)
Mux: Was soll das Knien? Denkst du mich zu erweichen,
Wenn du die Flennerei von vorn beginnst?
Lisbeth: Nein, Vater, ihr seid unbeugsam, ich weiß,
Und nicht um Geld und Gut will ich euch bitten,
Ich bitte nur um euern Segen euch.
Mux: Den Bund, den ich nicht will, soll ich noch segnen?
Bist du verrückt?
Lisbeth: So segnet nicht den Bund,
Wenn ihr nicht wollt; mich aber könnt ihr segnen,
Mich, euer Kind, das Böses nie getan.
Nie lag die Vaterhand auf meinem Scheitel,
Laßt sie zum Abschied wenigstens d’rauf ruh’n
Und sagt ein gutes Wort!
Mux: Aus meinen Augen!
Man segnet undankbare Kinder nicht.
Lisbeth: Ich bitt’ euch, Vater!
Mux: Fort! hab’ ich gesagt.
Lisbeth: Laßt ihr mich wirklich so von dannen geh’n?
(Sie harrt einige Sekunden, er antwortet nicht.)
Mux: Du bist noch immer da?
Lisbeth (weinend): Lebt wohl, mein Vater!
(Sie geht auf ihn zu, legt die Hände auf sein Haupt.)
Gott schütze euch, geb’ euch ein frohes Alter ...
Mux (auffahrend): Mach’ dieser Narretei nun doch ein End’
Und geh’ ihm nach, dem König deines Herzens,
Sonst läuft er dir am Ende gar davon.
Lisbeth: So habt zum Abschied ihr für eure Tochter
Nur Hohn und Spott? O mög’s euch nie gereu’n!
Lebt wohl! Ihr seht mich heut’ zum letzten Male,
Lebt wohl! Ihr macht das Scheiden mir nicht schwer.
(Sie geht nach der Tür; wie sie dieselbe öffnen will, ruft Mux in
zärtlichem, sehnsüchtigem Tone ihr nach.)
Mux: Lisbeth!
(Sie kehrt mit einem Jubelruf zurück und fällt ihm zu Füßen.)
Lisbeth: Mein Vater, o ich wußt’ es ja,
Ihr könnt mich nicht so von euch gehen lassen.
(Er beugt sich zu ihr herab und will eben seine Hände auf ihr Haupt
legen, da erscheint in der Mitteltür glutumstrahlt die Gestalt des
Teufels und verschwindet gleich wieder. Mux erschrickt, läßt die Hände
sinken und bleibt eine Weile regungslos; er faßt sich aber rasch und
spricht kalt zu Lisbeth.)
Mux: Da nimm den Krug und füll’ ihn! Sag’ der Ursel,
Von diesem Abend an sei’s ihr Geschäft.
Lisbeth: Deshalb, mein Vater, rieft ihr mich zurück,
Deshalb allein?
Mux: Was dachtest du denn and’res?
Lisbeth (tonlos): Nichts, Vater, nichts. (Sie erhebt sich
langsam, nimmt den Krug und geht hinaus.) Ich will es gleich
besorgen.