Lisbeth. Joseph.
Lisbeth: Da seid ihr wieder, Joseph. Nun, wie geht’s?
Joseph (hastig): Da bin ich — ja — doch muß ich wieder geh’n —
Ich bin — ich kann — die Hand nicht mehr gebrauchen —
Und euer Vater, der — der schickt mich fort,
Wie’s ja natürlich ist — so — geh’ ich denn.
Lisbeth (schmerzlich): Ihr geht von uns — schmerzt euch der Abschied
nicht?
Joseph: Ob er mich schmerzt? Schaut meine Augen, Jungfer,
Schaut meine Wangen, die von Tränen naß!
Wenn Männer weinen, Männer meines Schlages,
Könnt ihr’s ermessen, Lisbeth, was das heißt?
Die Mannesträne, sie fließt aus dem Herzen,
Nicht aus dem Auge nur — und der sie weint,
Ist einer, der sein ganzes Glück verloren.
Lisbeth: Sein ganzes Glück! Und was ist Männerglück?
Der Erste seines Standes sein, der Beste
Und auch als Bester immer anerkannt.
Ihr trauert nun, weil ihr dies Glück verloren?
Joseph: Ich traure wohl, doch nicht deshalb allein.
Seht, Jungfer Lisbeth, meine Fertigkeit,
Gewandtheit, Kraft, sie waren mir Gewähr,
Daß ich’s dereinst zu etwas bringen werde.
Und dann — ja, seht, wie man so manchmal träumt,
Unsinnig, unerfüllbar hofft und träumt —
Dann dacht’ ich hinzutreten vor die Eine,
Die mir das Herz erfüllt, und ihr zu sagen:
»Sieh, das ist dein, ich hab’ es mir erworben,
Indem ich dein gedacht; dein liebes Bild
Gab mir die Kraft, den Mut, das zu erringen,
Und wenn du willst, so teil es du mit mir.« —
Es war ein Traum, ein kühner Traum, allein
An eine Hoffnung muß der Mensch sich klammern
Und von der Zukunft etwas noch erwarten,
Soll er zum Tier nicht werden, dem kein Hoffen
Die Gegenwart verschönt. Lisbeth, ihr wißt,
Wie ich in diesem Hause ward gehalten —
Verzeiht, daß ich so sprech’, es ist das Haus,
Das euch beherbergt, eures Vaters Haus —
Doch ging es schlimmer mir als einem Hunde;
Ein Wesen gab es, das nach mir nicht schlug,
Mich nicht verhöhnte, und dies eine Wesen
Ist schuld, daß ich ein Mensch geblieben bin;
Als Engel zog’s durch meine Knabenträume,
Mein Herz hat es erfüllt; seit ich ein Mann,
Es zu erringen, war mein Lebensziel.
Nun ist’s vorbei, die Hoffnung ist erloschen,
Und ich hab’ aufgehört ein Mensch zu sein.
Lisbeth: Ich glaub’, ihr irrt euch, Joseph; nicht ein Mensch,
Ihr habt bloß aufgehört, ein Mann zu sein.
Wär’t ihr ein Mann, ein ganzer, mut’ger Mann,
So trätet ihr vor die Geliebte hin
Wie ihr jetzt seid, verkrüppelt, arm und hilflos,
Und fragtet, ob sie euch gehören will.
Joseph: Das — nein — das geht nicht; sei sie noch so gut,
Das darf man von der besten nicht verlangen.
Lisbeth: Der Männer Liebe ist wohl andrer Art,
Sonst würden sie von Frauen nicht so denken.
Ein echtes Weib, ein Weib, das lieben kann,
Fragt sicher nicht: »Wer bist du und was hast du?«
Es fragt den Mann: »Kann ich dir etwas sein?«
Und wenn das Weib, das euch im Sinne liegt,
Euch nicht so fragt, dann reißt es aus dem Herzen.
Joseph: So denkt ihr, Lisbeth, und sprecht so zu mir?
Lisbeth! Darf ich es deuten? Darf ich’s denn?
(Sie nickt lächelnd.)
Mein Schutzgeist du, du hast mich wirklich lieb,
So lieb, wie du’s gesagt?
Lisbeth (innig): So lieb, so lieb!
Du Böser, mußt’ ich selber zu dir kommen,
Mich ganz entfernen von der Mädchen Art?
Was denkst du nun von mir?
Joseph (stürmisch): Daß du kein Mädchen,
Daß du ein Engel bist. Mein holdes Lieb,
Ist es denn möglich, daß ich dich errungen?
Ich, der des Glückes Stiefkind mich genannt,
Bin plötzlich unermeßlich reich geworden!
Lisbeth: Macht meine Liebe wirklich dich so reich?
Joseph: So reich, wie es dein Vater nie gewesen
Und niemals sein wird. (Plötzlich innehaltend.) Doch dein Vater,
Lisbeth,
Hast du an ihn gedacht? Wenn er erfährt,
Daß du mich liebst ... Hast du nicht Furcht vor ihm?
Lisbeth: Ich hab’ sie, doch ich will sie überwinden
Und will ihn bitten, daß er uns vereint.
Joseph: Und wenn er’s nicht tut, Lisbeth? O, ich weiß,
Daß er’s nicht tut.
Lisbeth: Dann, Joseph, folg’ ich dir
Und teil’ mit dir, was uns das Leben bringt,
Sei’s auch nur Not.
Joseph: Lisbeth, wird’s nie dich reu’n?
Bedenk’, was du verlierst! Aus deiner Heimat
Reiß ich dich fort.
Lisbeth: Dein Herz ist Heimat mir.
Joseph: Ich hab’ nur einen Arm, für dich zu schaffen —
Wenn er nicht ausreicht?
Lisbeth: Ei, so hab’ ich zwei.
Drei Arme schaffen viel, wenn sie nur wollen.
Joseph (jubelnd): Wagst du’s mit mir, mein Lieb, ich wag’ es gern!
Fühlst du, wie’s zuckt in dem gesunden Arm?
Er wächst und schwillt, er will sich nun verdoppeln,
Mein Lieb, mein Lieb, wir werden glücklich sein!
O Gott, was du mir gabst in dieser Stunde,
Wird nicht bezahlt in einer Ewigkeit!
Was ich gelitten, was noch meiner harrt,
Und wär’ es ein Jahrhundert auch voll Leid,
Ein Steuerpfennig nur ist’s meines Glückes.
Lisbeth, Geliebte, was auch kommen mag,
Wir sind vorausbeglückt für alle Zeiten.
Lisbeth (ihn umarmend): Nun geh’, mein Liebster!
Joseph (sehnend): Gingst du gleich mit mir!
Lisbeth: Die Bitte muß ich wenigstens versuchen
Und ohne Abschied kann ich auch nicht geh’n.
Kann ich auch sonst vom Vater nichts erreichen,
So will ich doch um seinen Segen fleh’n.
Joseph: Um Segen ihn? Kann dieser Mann auch segnen?
Lisbeth (mit leisem Vorwurf): Er ist mein Vater, Joseph!
Joseph: Ja, verzeih,
Ich hab’s vergessen einen Augenblick,
Wenn man dich sieht, vergißt man es so leicht.
Nun also, bitte ihn um seinen Segen —
Und wenn er ihn nicht gibt?
Lisbeth: Dann habe ich
Auf dieser Welt sonst niemand mehr als dich,
Du mußt mich doppelt lieben.
Joseph: Tausendfach.
Doch wann und wo, mein Lieb, werd’ ich dich treffen?
Lisbeth: Am Abend, etwa nach dem Aveläuten —
Und wo? Beim letzten Baum im Heidenhain,
Wo einst mein Vater ....
Joseph: Ja, beim Stock im Eisen.
Lisbeth: So geh mit Gott! Auf frohes Wiedersehen!
Joseph: Auf Wiederseh’n für immer, Herzensliebste!
(Ab nach rechts, sie geleitet ihn hinaus. Nach einer Weile kommt Mux
von links.)