"Alle Dinge sind eitel." Immer kehrt dieses Wort wieder, wenn der Name
Michael Jürgert in meiner Erinnerung auftaucht. Viele Male habe ich
nachdenkend dieses Leben umschritten wie einen verfallenen, traurigen,
rätselhaften Garten. Unruhig suchte ich nach dem Sinn dieses Ablaufs,
trachtete danach, all die widerstrebenden Geschehnisse folgerichtig
aneinanderzureihen, um möglicherweise ein erklärendes Bild zu finden,
einen Abschluß, eine befriedigende Lösung.
Es gelang nicht.
Hoffend, daß mir vielleicht eine Stunde doch noch die Erleuchtung
bringt, habe ich--so gut es ging--vorerst nur das nackte Tatsächliche
aus diesem Leben aufgeschrieben, alles so, wie es sich zugetragen hat.
Und hier ist es:
Michael Jürgert kannte seinen Vater nicht. Als er sieben Jahre alt
war, erfuhr er von seiner Mutter so etwas wie ein Gestorbensein durch
einen merkwürdigen Unfall. Und einmal beim Maitanz warf ein Knecht in
sein Ohr, daß sein Vater "im Suff ertrunken sei". Darum, so hieß es,
säße ja seine Mutter schon all die Jahre im Gemeindehaus und wisse
nicht, von was sie leben sollte.
Der Bruder von Michaels Vater, der wegen einer Weibergeschichte "ins
Amerika durch sei", hüte sich wohlweislich, etwas von sich hören zu
lassen, raunten sich die Dörfler zu, wenn die Rede von den Jürgerts
ging.--
Nach seiner Schulentlassung kam der etwas schwächliche Knabe als
Knecht in den Reinaltherhof. Es waren vier Knechte und zwei Mägde da.
Fünf Jahre stählten den wachsenden Körper, ergossen versteckten und
offenen Spott auf Michael.
Auf Maria Lichtmeß, als er zwanzig Jahre zählte, wechselte er seinen
Dienstplatz und trat beim Peter Söllinger ein, dessen Gehöft auf der
runden Anhöhe vor dem Dorfe lag.
Rechts vom Söllingerhof, nah am Waldrand, hockte die baufällige Hütte
des Gütlers Johann Pfremdinger, den man im ganzen Umkreis den "Letzten
Mensch" hieß, weil er die bigotte alte Pfanningerin zur Haushälterin
hatte und im allgemeinen sehr schlecht auf die Weiber zu sprechen war.
Wenn man ihn ärgern wollte, brauchte man bloß eine junge Dorfmagd oder
Bauerstochter des Sonntags an seinem Haus vorbeigehen zu lassen.--
Rundherum lagen die Felder Söllingers, weit verstreut die zwei Tagwerk
Pfremdingers und oft, wenn der alte Häusler zur Erntezeit schwerfällig
und mühsam auf den Fußwegen durch die Wiesen des Bauern ging, um auf
seine Grundstücke zu gelangen, sagte der letztere mürrisch zu ihm:
"Bist saudumm!--Wennst tauschen tätst mit mein' Rainacker, hättst
alles ums Haus ... Aber mit dir kann man ja nicht reden!"
"Auf'm Rainacker wachst das nicht wie bei mir," gab ihm der "Letzte
Mensch" stets mit der gleichen Beharrlichkeit zurück und trottete
weiter.--
Die Jahre gingen, schwiegen. Der Peter Söllinger wurde unterdessen zum
Bürgermeister gewählt und kam eines Tages in den Stall zu Michael,
sagte: "Das geht jetzt nimmer, daß die Gemeinde deine Mutter aushält.
Bist ein Mordstrumm Mannsbild worden und kannst selber für sie
aufkommen. Der 'Letzt' Mensch' wird sterben. Die Pfanningerin müssen
wir ins Gemeindehaus tun."
Michael nickte stumm.
"Da draußen kann's nicht bleiben, die Pfanningerin," fuhr der Bauer
fort, indem er eine verächtliche Geste in die Gegend des
Pfremdingerhauses machte, "die alte Kalupp' paßt grad noch für ein'
Heustadel."
Und wieder nickte Michael stumm.
"Herrgott, bist du ein Stock!" stieß der Bauer heraus und ging
kopfschüttelnd und brummend aus dem Stall. Die Knechte lachten.--
Michael ging nach Feierabend zu seiner Mutter ins Gemeindehaus und
brachte ihr die Nachricht. Die alte Frau sah ihm nur in die Augen.
Dann sagte sie: "Ja ja, ist ja auch wahr, die alte Pfanningerin ist ja
auch älter als ich."--
Spät, nachdem seine Mutter längst schlief, zählte Michael sein
erspartes Geld. Zählte, zählte. Dachte, dachte. Rechnete, rechnete.
Am andern Tag, während der Arbeit, hielt er manchmal inne und schaute
starr ins Leere. Des öfteren sah man ihn jetzt am Abend in die
Pfremdinger-Hütte gehen. "Was er nur immer beim 'Letzten Mensch'
anfängt, das Hornvieh!? Möcht wohl gar Häusler werden?" spöttelten die
Knechte, und Söllinger schaute dem fast furchtsam Davonschleichenden
mit finsterem Blick nach.--
Die Sterbeglocken klangen dünn durch die Luft. Mit dem alten
Pfremdinger ging es zu Ende. Die Pfanningerin, der Pfarrer--und
Michael Jürgert standen in der niederen Kammer um das Bett. Dann kam
noch die Jürgertin.
Ganz zuletzt erst wälzte sich der Häusler nochmal herum. Schon drehten
sich seine Augen.
"Er soll's haben, Hochwürden! Aber die Hälft' gehört der Kirch'!"
hauchte er schon röchelnd mit letzter Kraft heraus.
"In Ewigkeit, Amen," murmelte sich bekreuzigend die alte Pfanningerin.
und der Pfarrer sah Michael an, nickte ihm zu.
"Hab's denkt, daß er's kriegt, wenn er fleißig in die Kirch' rennt und
um den Pfarrer herumscharwenzelt recht bigott! Sowas tragt immer was
ein!" war ungefähr die übliche Bauern-Nachrede, als es verlautbarte,
daß Michael das Pfremdinger-Anwesen vom "Herrn Hochwürden zudiktiert"
bekommen habe.
Acht Tage nach dem Begräbnis fuhr Michael auf einem Schubkarren die
spärliche Habschaft seiner Mutter ins Pfremdingerhaus und am
darauffolgenden Tag die Sachen der alten Pfanningerin ins Gemeindehaus.
Hinter manchem Fenster stand ein spöttischspitzes Gesicht und sagte
ungefähr: "Der hat's leicht. Kann sein Zeug auf dem Schubkarren fahren."
Gut ein Vierteljahr war Stille.
Wenn die Mäher beim Morgendämmern auf die Felder gingen, sang immer
schon die Sense Michaels unter dem flinken Schleifstein.--
Dann kam das Unglück.
Die einzige Kuh, die im Jürgertstall stand, ging ein. Notschlachtung
mußte vorgenommen werden.
Die Bauern kamen, musterten das Fleisch mißtrauisch, kauften,
schimpften: "Ob er vielleicht nicht wisse, daß die Suppenbeine als
Zuwag' dreingingen?" Und einige wieder sagten in beinahe mitleidigem
Tonfall: "Ja, mein Gott, Bauer sein ist nicht so einfach! ... Sonst
tät's ja jeder machen."
Drei Wochen nachher begrub man die alte Jürgertin.
"Wärst' Knecht geblieben, wär gescheiter gewesen," sagte Söllinger zu
seinem ehemaligen Knecht, "wenn's einmal angeht, hört's nicht mehr
auf."--
Michael stürzte sich in die Arbeit. Der Pfarrer kam ein paarmal ins
Haus, sah nach.
"Eine Kuh halt, eine Kuh, Herr Hochwürden!" murmelte Michael hin und
wieder dumpf.
"Der Herr hat's gegeben--der Herr hat's wieder genommen," antwortete
der Geistliche nur.--
Und Michael verkaufte Heu und die zwei letzten Säcke Korn. Droben auf
dem schmalen Streifen, über den Söllingerfeldern, hatte er dieses im
letzten Jahr noch gebaut. Vom Reinalther lieh er sich damals den
Fuchsen und den Pflug, ackerte. Und seine Mutter humpelte hinterdrein
und säte.--
Es war Ferkelmarkt in Greinau. Die ganzen Bauern aus der Umgegend
standen gruppenweise auf dem Platz vor der Gastwirtschaft "Zur Post",
handelten hartnäckig herum mit den Händlern und kauften endlich. Die
eingepferchten Jungschweine machten einen Heidenlärm, die Pferde
scharrten ungeduldig und wurden unsanft zurückgerissen. Die Wirtsstube
war vollbesetzt. Aus und ein ging man, redete, schmauste, und knarrend
und knirschend, in scharfem Trab, rollten die Wägelchen davon.
Schüchtern kam tief am Nachmittag Michael an. Die Bauern stießen
einander, zwinkerten, tuschelten spöttisch.
"Jesus! Jesus! Jetzt wird's besser, der Michl kauft Ferkel!" lachte
der pralle Postwirt aus einer Gruppe und alle richtetengeringschätzige
Blicke auf den Häusler. Schweigsam und scheu umschritt der die
Ferkelsteigen. Es wurde schon leerer auf dem Platz.
"Paß fein auf, daß sie dir nicht im Sack ersticken, Michl!" warf der
Söllinger rülpsend auf den Wagen steigend Michel zu, als er sah, daß
dieser zwei lautgrunzende Jungschweine in seinen Sack zog. Sein
hämisches Lachen schnitt die Luft auseinander.--
Dämmer stieg schon von den Feldern auf. Nacht sickerte gelassen vom
Himmel. Michael schritt beschwerlich aus. Die Schweine rumorten
immerzu im Sack auf seinem Rücken. Er mußte fest zuhalten, daß ein
lahmer Krampf langsam in seine Arme rieselte. Aber die bogen sich wie
aus Eisen von der Brust über die Schulter.--
Die Schritte hallten vereinsamt.