Der Schutzmann an der Ecke sah einem angeheiterten Doppelpaar
grießgrämig nach und knurrte mürrisch.
Durch den Gedanken, daß diese Leute nun in ihre warmen Stuben heimgingen
und vor dem Zubettgehen vielleicht noch heißen Tee tranken und eine
Kleinigkeit zu sich nahmen, hatte er sich davon abbringen lassen, weiter
auf und ab zu gehen und seine durchfrorenen Beine durch zeitweiliges
Stampfen einigermaßen warm zu erhalten. Jetzt stach die Kälte doppelt
quälend in allen seinen Gliedern.
Er knirschte verdrossen, zog seinen Kopf noch tiefer in den
aufgestülpten, starren Mantelkragen, bog mit sichtlicher Überwindung
die steifgewordenen Knie und ging wieder weiter.--
Die Stimmen der Spätlinge verschwammen mehr und mehr. Es wurde wieder
still. Wie ausgestorben dehnte sich das verlassene Geviert aus. Düster
und drückend ragten die Hauswände empor. Der Schnee fiel dicht und
sehr ruhig.--
Mißmutig schwenkte der Schutzmann in eine breitere Straße ein. Durch
die gleichmäßiger verteilte Schneefläche schien es hier heller und
weiter zu sein. Er blickte erleichtert in die weiße Eintönigkeit. Eine
strichhaft hagere Gestalt kam auf ihn zu. Der Mann schien weder Kopf
noch Arme zu haben. Nur die Beine warf er mechanisch nach vorne wie
ein aufgezogenes Gespenst. Als er kaum noch fünf Schritte von ihm
entfernt war, hustete der Schutzmann sehr vernehmlich und hob sein
verärgertes Gesicht.
"Sie!" rief er dem Herankommenden gehässig laut entgegen und warf sich
in straffere Haltung.
Die Gestalt blieb stocksteif stehen. Nur der Frost schüttelte sie.
"Haben Sie Papiere?" fragte der Schutzmann, noch einen Schritt
machend, und musterte den Mann.
Der rührte sich nicht.
"Sie!!" brüllte der Schutzmann wie fluchend und leuchtete dem Fremden
mit der Taschenlaterne entgegen. Alles an ihm war wieder in bester
dienstlicher Ordnung.
Ein harkiger, abgerissener, verdorrter Baumstamm oder eine arg
ramponierte Säule konnte es sein, was da im Lichtkreis stand. Raschen
Blicks überflog sie der Polizist.
"Ihre Papiere!--Sind Sie denn taub!" schrie er abermals, wütend über
das Aufgehalten werden bei solcher Kälte, und setzte schnell, wie
witternd hinzu: "Oder haben Sie keine?"
Der Fremde zog endlich seine erstarrte Hand aus der tiefen Hosentasche
und reichte ihm die schmutzigen, durchnäßten Ausweise.
"Karl Pruvik, Klempnergehilfe" stand auf der überleuchteten
Invalidenkarte. Herkunft, Geburts--und letzter Dienstort und Datum
waren verzeichnet. Abgestempelte Marken klebten auf der ersten Hälfte.
Der Schutzmann steckte das Papier unter den blauen Militärpaß und
schlug diesen auf.
"Infanterist Pruvik, Karl.--14. Regiment" orientierte die erste Seite.
"Verwundet bei Luneville (Armschuß rechts), desgleichen bei Tarnopol
(Knieschuß links), verwundet bei Verdun (Schulterschuß links)" war im
Anhang eingetragen, und so und soviele Gefechte und Schlachten erwähnte
das nächste Blatt.
Das Gesicht des Schutzmanns verlor mehr und mehr die stiere Härte, hob
sich etwas höher aus dem Mantelkragen.
"Hm!--Auch Kriegsteilnehmer? ... Ohne Bleibe, was?" sagte er mit
zufriedener Ruhe und streckte dem regungslos Dastehenden die Papiere
him. Dessen Gestalt schwankte ein klein wenig nach vorne.
"Hundekälte das! Warten Sie, es geht schon!" rief da der Schutzmann
noch loyaler und steckte dem Mann die Papiere hilfsbereit in die
Rocktasche: "Ist ja noch nicht so spät. Noch alles offen in der Stadt.
Sie kommen sicher unter!"
"So," sagte er eben, als in nächster Nähe die Uhr zehn schlug. Einen
Augenblick horchte er auf, nickte und entfernte sich eilsamen
Schritts. Schon von weitem erspähte er die Ablösung.
Karl Pruvik riß sich fest zusammen und schritt wieder weiter.
Der Schnee fiel und fiel.
Nach einer langen Weile wurde es endlich etwas lichter. Menschen
stapften vorüber. Grelle Autolaternen glotzten üher einen freien
Platz. Üher einem mächtigen Säulenportal leuchteten groß die
Buchstaben "Schauspielhaus".
Vielleicht vom Licht angezogen verschnellerte Karl Pruvik unwillkürlich
seine Schritte, eilte geraden Wegs auf den Theaterausgang zu. Eben
strömte die Besucherschar aus den großen, glitzernden Toren. Er befand
sich im Nu mitten im dichtesten Gemeng und drängte sich vorwärts. Eine
warme Duftwelle schlug ihm entgegen, starkgeschminkte Gesichter tauchten
auf und seltsam kühne Reflexe warf das grelle Licht auf glänzende,
rauschende Damentoiletten. Überschnell schwirrten geschäftige Stimmen
ineinander, Seidenrauschen, Lächeln, Autohupen und das fadendünne Zirpen
süßlicher Tonfälle vermischten sich zu einem betäubenden Geräusch.
"Einfach glänzend!" rief wer. "Rührend, wie die Hohlmann spielt!--Nein,
einfach entzückend!" zwitscherte eine überhelle Stimme. "Huw, dieses
Schweinewetter!-Kommt schnell ins Auto!" ließ sich zwischendurch vernehmen.
Und wieder: "Kritisch gewertet--: Eine Glanzleistung in Regie und Spiel!"
Dann das laute, aufdringliche Gekicher der Backfische: "Dieses herrliche
Rüschenkleid, Mama!--Hast du gesehen,--den Sonnenschirm!--und das
Biedermeierkostüm im dritten Akt? Entzückend!--Du Lilly, weißt du was!
So gehen wir heuer im Fasching!--Gell Mammi! Gell!"
Es plätscherte fort und fort, oben, unten, überall. Abschiednehmen,
Handküsse, Einladungen für das morgige Festessen, Lachen, Autovor--und
Abfahren--alles wie ein flimmernder Hexentanz!--
Karl Pruvik war mittlerweile unbemerkt bis an das Eingangstor
gelangt. Noch eine geschickte Finte und er hatte für heute nacht
ein Dach über dem Kopf. Sein Herz schlug heftig. Es war wieder Leben
in seine froststarren Glieder gekommen. Behende glitt er an den
aufeinandergedrängten Gestalten vorbei und fühlte auf einmal Raum und
Wärme. Er lugte spähend nach dem betreßten Portier, duckte sich mehr
noch zusammen, hielt den Atem an, arbeitete sich an der Wand entlang.
Im selben Augenblick aber stockte die Bewegung des Menschentrupps. Er
zerteilte sich und jäh brachen die Reden ab. Durch eine glotzende
Gaffergasse hastete der Portier mit steinernem, finster drohendem
Gesicht auf ihn zu.
"Was suchen Sie denn da?--He! Sie! Sie!" schrie der Türhüter. Karl
Pruvik zog wie ein gezüchtigter Hund die Schultern hoch und verbarg
den Kopf völlig in seiner schlotternden Brust.
"Was Sie wollen, frag' ich!?" bellte der Portier hinter ihm und packte
ihn heftig am Arm, riß ihn zurück. Ohne Wort und ohne Abwehr ließ sich
der Eingedrungene von dem belfernden Türhüter und zwei inzwischen
herbeigeeilten Logendienern ins Freie schieben. "Hm, sowas?--Sich ins
Theater einzuschleichen!" sagte jemand von den Stehengebliebenen und
schüttelte den Kopf. Der ins Stocken geratene Menschenhaufe bekam
wieder Bewegung und drängte sich durch den Ausgang. Die Tore schlossen
sich finster. Schwätzendtrabten die letzten Paare vorüber.
Karl Pruvik stand zögernd und benommen im glitzernden Schneegeflock.
Einen Augenblick hatte es den Anschein, als straffe sich sein Körper,
als hole er zu einem Satz aus und wolle in die vorbeigleitenden,
duftenden, rauschenden, geschwätzigen Menschen springen, aber
schließlich torkelte er doch üher die verschneite Freitreppe hinunter
und bog in die Seitengasse ein, die vom Theaterplatz abzweigte. Ein
letztes Auto surrte weg. Die Stimmen verloren sich in der Ferne. Die
erleichternde Helligkeit, die die Beleuchtung des Theaterpalastes nach
allen Seiten him verbreitet hatte, verlosch lautlos. Es war wieder
ringsherum die fahle, unwirkliche Düsternis der Winternacht.--
Karl Pruvik hob den Kopf hilflos. Eine knappe Wurfweite vor ihm ragte
etwas Schwarzes aus dem Schnee und bewegte sich wie schwebend von der
Stelle. Willenlos und ohne Grund folgte er der Erscheinung.
Lange ging er so.
Es mußte schon tief nach Mitternacht sein. Trist gähnten die
menschenleeren Straßen und Plätze.
Man stand am Rande des Stadtparkes. Die kerzengerade Gestalt verschwand
zwischen den Bäumen.
In der aufgeworfenen Bahn der Spur schritt Karl Pruvik weiter. Es war
viel dunkler hier. Die schneebeladenen Baumäste lasteten schwer herab.
Nur zeitweilig gab sich eine hellere, freiere Stelle und undeutlich
ließen sich eingemummte Bänke erkennen. Auf einer solchen hockte die
zusammengekauerte Gestalt nun, der er die ganze Zeit gefolgt war.
Stoisch ließ sich Karl Pruvik neben ihr nieder und legte wie aus einer
plötzlichen Eingebung heraus seinen steifen Arm um nasse, scharfe
Schultern. Lahm schmiegten sich die beiden Körper aneinander. "Kalt,"
murmelte es kaum hörbar aus dem Kopf, der haltlos auf seine Brust
herabglitt.
"Kalt," brummte Pruvik ebenso leise und schloß seine Augen. Auch sein
Kopf sank herüber auf das Genick des anderen.
Kein Schnee fiel mehr. Es war seltsam--: Jetzt, da man schonungslos
der Kälte ausgeliefert war, wußteman nicht mehr, war's eine rasende
Hitze oder eine gänzliche Eisigkeit, was in den Gliedern brütete. Der
ganze Körper hatte das Gewicht verloren. Es schien als schwebe er
durch eine unsäglich friedliche Stille.... Auf einmal drückte etwas
Hartes an den Arm, umklammerte, zerrte. Es schrie wie durch
Nebelschwaden, dann näher. Es rüttelte stärker. Das Geschrei schwoll.
Der Kopf' an der Brust bewegte sich stumm.
Karl Pruvik öffnete die Augen. Das grelle Licht einer Taschenlaterne
stach ihm ins Gesicht, blendete, schmerzte.
"He!--He! Was ist da!!" schrie ein Schutzmann, riß erregt am Arm.
"Was ist denn das! Auf! Auf!!"
Alles tat wieder weh. Die zerfrorenen Knochen rührten sich, schmerzten,
als seien sie alle einzeln abgeschlagen und bewegten sich wie in einem
geplatzten Gipsverband klappernd von dannen.
Erst in der Stube der Polizeistation sah Karl Pruvik, daß noch einer
neben ihm stand, genau so reglos und stumpf wie er. Auf den redeten
die zwei Schutzleute ein, fragten, schrien ihn an.
Endlich nach einer Weile schritt man durch eine Tür und das Licht war
aus den Augen. Die beiden lagen auf einer Pritsche, in warme Decken
gewickelt. Die Glieder bewegten sich ohne Schmerz. Wärme kam langsam.
Von Zeit zu Zeit berührten sich Arm oder Fuß.
Nach langer Zeit hörte Karl Pruvik wieder polternde Stimmen und kalte
Luft huschte üher sein Gesicht. Die Pritsche knarrte und Schritte
dumpften. Eine Tür fiel zu. Jetzt war es leer neben ihm.--
Es fiel gläseriges Tageslicht durch die vergitterte Luke, als er die
Augen öffnete.
Ein etwas ins Rundliche gehender Schutzmann mit gemütlichem, wohlig
gerötetem Gesicht stand vor ihm und sagte in friedlichem Baß: "Sie
können sich wieder fertig machen. Es liegt nichts vor gegen Sie!"
Karl Pruvik hob seinen übermüdeten Oberkörper auf der Pritsche.
"Haben Sie denn den andern gekannt?" fragte der Schutzmann.
Pruvik schüttelte dumpf den Kopf.
"Hat ein paarmal eingebrochen," erzählte der Polizist beiläufig und
redete weiter: "Stehn Sie dann auf und kommen Sie. Sie können wieder
gehen."
Karl Pruvik sah ihn verständnislos an.
"Eine harte Zeit jetzt--und hundekalt diesen Winter!" brummte der
Schutzmann und bat Pruvik abermals aufzustehen.
Der erhob sich endlich und ging mit ihm durch die Tür in die
Polizeistube hinaus.
Ein Wachtmeister saß am Tisch und hatte seine Papiere in der Hand, sah
ohne Arg, beinahe mitleidig auf Pruvik.
"Sie können wieder gehen," sagte er in dienstlichem Brustton und
reichte ihm Invalidenkarte und Militärpaß.
Karl Pruvik stand zögernd da und machte keine Bewegung.
"Es liegt nichts vor gegen Sie!--Daß einer keine Bleibe hat, kann
jedem einmal passieren," sagte der Wachtmeister menschlich.
Pruvik nahm mechanisch seine Papiere.
"Grüß Gott," sagten die beiden Polizisten und nickten dem Gehenden zu.
Einer öffnete freundlich die Tür.
Karl Pruvik ging.
Es schneite nicht mehr auf den Straßen. Das Bleich des Tages tat den
Augen weh. Ein Wind hatte sich erhoben und pfiff schonungslos um die
scharfen Hausriffe. Es war kalt. Es war wirklich grausam kalt....