Jahre.--

Plötzlich an einem Nachmittag gegen drei Uhr warf Peter Windel die

Feder weg, riß sich fast soldatisch herum, ging an den Schreibtisch

des Ingenieurs und sagte mit hohler, kalter Stimme: "Die Sache

liegt vollkommen glatt. Für den Verlust mache ich Sie keinesfalls

haftbar."

Steif stand er einen Augenblick vor dem verblüfften Herrn und drehte

sich rasch um, rannte zur Tür und war weg.

Schon nach der Mittagspause hatte er sich den Hut unter den

Schreibtisch gelegt. Und jetzt war er froh, daß kein ihm bekannter

Straßenbahner den Wagen führte, in den er stieg.

Nach der fünften Haltestelle stieg er aus. Er war mitten in der Stadt.

"Das Urteil im Heinold-Prozeß! Zwölf Jahre Zuchthaus!" schrien die

Zeitungsverkäufer und flatterten mit den Extrablättern herum.

Wichtige, gesprächige Gesichter tauchten auf, gedrängte Gruppen

stauten sich um die Anschlagssäulen.

Peter bohrte seine Augen spähend in die staubige Luft. Nach einem

regen Ausschreiten blieb er auf einmal stehen, murmelte etliche Worte

heraus, drehte sich mechanisch herum und ging in den Blumenladen,

vor dem er jetzt stand. Nach einer langen Weile kam er mit einem

großen, auffallend schönen Rosenstrauß heraus, und ein kaltes Lächeln

lag auf seinen störrischen Zügen.

"Lebenslänglich in einem Grab ... da schon lieber gleich weg," hatte

er gestern beim Treppenhinaufgehen gehört, und dann sagte eine andere

Frau superklug: "Beantragt erst. Es hängt noch vom Gericht ab."

Heute war niemand im Treppenhaus. Auch die Wohnung war leer. Die

Logisfrau war wahrscheinlich zum Putzen gegangen und ihr Mann kam erst

gegen sieben Uhr abends von der Arbeit.

Peter öffnete rasch und schritt behend in sein Zimmer, legte behutsam

den Rosenstrauß auf den Tisch und holte sich in der Küche warmes Wasser

zum Rasieren.--

Als er bereits im Gebrock vor dem Spiegel stand, überfiel ihn auf

einmal ein maßloses Zittern, und eine Totenblässe überzog sein

Gesicht. Mit Gewalt straffte er seine Füße. Dann nahm er endlich den

Strauß und verließ die Wohnung.

Es war schon dunkel, als er vor der Tür des Staatsanwalts Petersen

stand und läutete.

"Ich möchte gern ... wenn es erlaubt ist ... dem Herrn Staatsanwalt

diese Blumen bringen ... und--und gratulieren," stotterte er dem

Mädchen ins Gesicht. Das ließ ihn ein und führte ihn in ein

Empfangszimmer. Nach ganz kurzer Zeit tat sich die Mitteltür auf, und

Peter stand vor dem Staatsanwalt. Einen Augenblick hatte der Mann eine

steinern ernste Miene, dann flossen alle Falten in ein Wohlwollen und

er lächelte geschmeichelt.

Mit vielen unbeholfenen Verbeugungen reichte ihm Peter den Rosenstrauß

und stotterte devot: "Für ... für den außerordentlichen Eindruck, den

ich von Ihrer Anklagerede empfing ... nur eine kleine Erkenntlichkeit

meiner Wenigkeit, Herr ... Herr Staatsanwalt, Herr....!"

Der Staatsanwalt nahm ihm mit aller Freundlichkeit der Herablassung

den Strauß aus der Hand, führte ihn an die Nase und sog in vollen

Zügen den Duft ein, hob den Kopf wieder, sagte: "Ah ...!" und drehte

sich lächelnd um, zur anderen Tür schreitend: "Das muß ich gleich

meiner Frau sagen...."

Jetzt, da er ihm den Rücken zugewendet hatte, rief Peter plötzlich mit

schneidender Hast: "Eins, zwei, drei! ... einen Augenblick ..." und er

lächelte, wie um sich zu besinnen ... "sind drei ... aber nein, nein!

Das stimmt nicht! ... Zehn und zwölf, verstehn Sie ... sind?"

Der Staatsanwalt hatte sich erschreckt umgedreht, stand unschlüssig.

Peters Mund bewegte sich fieberhaft. Schaum stand auf seinen Lippen:

"Verstehn Sie ... zehn und zwölf Schritte! Den ganzen Tag! Den ganzen

Monat--ein Jahr--zwei!--drei!--vier--zwölf Jahre! Zwölf Jahre!!"

Und noch ehe der Staatsanwalt auf ihn zustürzen konnte, stieß ihm

Peter mit aller Wucht sein feststehendes Messer in die Brust, daß er

lautlos zusammenbrach und vornüber hinfiel. Dumpf hallte es. Der

Körper warf sich etliche Male zuckend und blieb dann steif liegen.

Peters Mund ging auf und zu: "Zehn und zwölf Schritte--einen Tag,

einen Monat--ein Jahr--zwölf Jahre, zwölf----"

Die Tür ging auf. Hoch stand ihr Dunkel. Etwas Buntes, Weißes

flimmerte dazwischen! Peter schrie in einem Schrei:

"Für den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar,--Zwölf Jahre Grab!

Verstehn Sie ... Das ausgestochene Aug'! Die Würmer! Zwölf Jahre ...

Verstehn Sie! Zwölf Jahre Nirgends! Nicht Hölle! Nicht Welt! Zehn und

zwölf Schritte ... die Wü-ü-ürmer!"....

Nach der irren Hast der ersten Worte spaltete sich die Stimme,

überschlug sich und klang zuletzt wie ein keuchendes, ersticktes

Stöhnen. Jetzt hielt er inne.

Die hohen Türen standen offen da. Schwarz und düster. Gegen ihn

gerichtet wie drohende Rachen.

Die Gestalten und Gesichter waren fort. Es war still. Still!--Mit weit

aufgerissenen Augen starrte Peter in diese Leere. Sein Körper begann

zu schlottern, aber er riß sich zusammen. Er wich zurück. Sein Kopf

stieß dumpf an den Fenstergriff. Erschrocken wandte er sich herum. Die

Helle brach üher ihn. Er öffnete rasch.

Jetzt befiel ihn wieder das Zittern. Sein Gesicht verzerrte sich. Er

wollte umsehen und wagte es nicht. Seine Arme umklammerten das

Fensterkreuz.

Zur freundlichen Erinnerung · 第 16 / 61 题