I.

Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe

zwanzigjährigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht. Als

blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute war er

erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein

fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs

devote Pünktlichkeit hatten ihm Respekt und Achtung verschafft, bei

den Arbeitern sowohl, wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht,

aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal

gesprochenes Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange,

bis er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg

und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der

Grenze des Mißmuts steht--so kannte man ihn seit Jahr und Tag. Noch

dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein und nicht

gerade kräftig, etwas vornübergebeugt, mit langem Hals, auf dem ein

unförmiger, zu großer Kopf mit borstigen, kurzen, schon etwas

angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren saß. Das lederne,

scharfe Gesicht machte einen überreizten Eindruck. Die tiefliegenden,

unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen Äderchen

durchzogen. Aus dem schroffen Tal der Backen hob sich die plumpe,

unregelmäßige Nase wie ein spitzer Hügel. Griesgrämig griff die

massige, verfaltete Stirne von einer Schläfenbucht zur andern.

Das Merkwürdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er

schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so

Hilfloses und Schüchternes, daß man den Eindruck des Mädchenhaften

nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geöffnete kleine,

aufgeworfene Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen Zähne gezeigt

hätte. Kam noch hinzu ein ungewöhnlich kurzes, fast in den Hals

gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes Kinn,

aus dem ein spröder Knebelbart spritzte wie eine Rettung. Sonst hätte

man buchstäblich der Meinung sein können, nach dem Hals ginge der Mund

an.

Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt

genau ableben, hätten ein sorgfältig gepflegtes Erinnerungsvermögen

und vergäßen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht.

Peter Windel hatte keine Erinnerung.

Schließlich, daß man irgendwie zur Welt kommt, aufwächst und

allmählich auf einen Namen hört, dann, in der Schule, noch auf einen

zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; daß es einem

schlecht oder besser geht, daß man auf einem Gottesacker unter anderen

Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten Mutter

oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester

fallen hört und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer

und Pfandbriefe zu sehen bekommt,--das erlebt so ziemlich jeder Mensch

auf die eine oder andere Weise.

Ein schepperndes Weckerläuten. Es ist noch tiefste Nacht draußen, die

Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hört auf den

weiten, überschneiten Straßen nur seine eigenen Schritte knirschen.

Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Straßenbahn,

dann hinter einer gelben Fensterscheibe ein verschlafenes, ärgerliches

Pförtnergesicht, üher einen Hof viele, dumpf trommelnde Schritte und

ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten Hebel in der Hand,

--herumgezogen--und ratsch! ein ganzer Hauskoloß surrt bebend

auf, die Riemen klatschen, ächzen, es hämmert, feilt, quietscht,

kracht, klingt, braust--das wußte Peter Windel seit ewiger Zeit.

Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster, Kühle und

Dämmerung und etliche schüchterne Vogeltriller beim Erwachen. Das

meiste der zwanzig Jahre--: Nächte über technischen Büchern,

Sonntagnachmittage über dem Zeichenblock und manchmal ein Zählen des

ersparten Geldes. Öfters als wünschenswert Streitigkeiten, Zänkereien

mit der halbtauben, beschränkten Logisfrau können noch hinzugezählt

werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Er kannte

nur Interessen.

Zur freundlichen Erinnerung · 第 5 / 61 题