Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was mußte sie die Fräulein

Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig übersehe, sobald sie mir

begegnet, da ich sie drei Schritt vom Leibe am liebsten habe. Und wenn

sie sich an die Butschen anklettet, muß die soviel Mumm haben, daß sie

sagt: Fräulein Pohlenz, ich glaube nicht, daß Sie heute angebrachter

Maaßen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute Freunde kann man ja

deutlicher sein, als gegen Fremde.

Ich durfte deshalb mein Mißfallen nicht in passende Worte kleiden,

sondern mußte die Pohlenz mit übernehmen, wie sie da war: aus dem

ersten Jugendtraume längst erwacht, aber immer noch sich gehabt, wie

eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht ausstehen. Wer dumm geboren

ist, den entschuldigt man mit der Vorsehung, die wohl ihre Gründe

gehabt haben mag, aber wer sich dumm stellt, der hält Andere für noch

dümmer, und das ist eine Beleidigung.

»Sie hat so'n Gieper auf die Ausstellung,« sagte die Butsch, »daß

ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mädchen allein unter die

Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut verantworten.«

»Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Fräulein Pohlenz,« bemerkte ich.

»Ach nein,« sagte die mit niedergeschlagenem Blick »aber draußen im

schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt....« Weiter kam

sie nicht, sondern hustete den Schluß ihrer Rede.

»Fräulein Pohlenz,« entgegnete ich, »der schlesische Busch hat mit

der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen Brüder

sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die vollziehende

Straßengewalt sorgt zu Pferde für strengste Draußenverbleibung

sämmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da groß an Ihnen

verdorben werden?«

Sie suchte zu erröthen und hustete.

»Und aus den Schüchternheits-Jahren ist sie,« stand die Butschen

mir bei. »Wenn ihr jedoch ja was geschieht, dann braucht sie blos

ordentlich schreien.«

»Ganz recht,« bediente ich in derselben Farbe, »die Kraft der Schwachen

liegt im Schreien.« -- »Damit wehr' ich mich auch immer gegen die

Mause,« sagte die Butschen.

Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee draußen zu nehmen, bot ich

den Damen ein Gläschen Maltonsherry, der ihnen derart mundete, daß

sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht nöthigen ließen,

dabei einen Posten von Kokusnußmakronen, selbstgebackene Probe für

den Sommerbesuch. Sie sollen billiger sein als aus Mandeln, aber ich

vermuthe, die Berechnung bezieht sich mehr auf die Breitengrade, wo die

Nüsse umsonst wachsen. Von Geschmack fanden sie Beifall.

»Ist Ihnen ein Krümel auf das unrechte Stimmband gerathen?« fragte

ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete, einen sehr

aufbegehrenden Kehlkopf hatte, »oder haben Sie sich erkältet?«

»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu.

»Da müssen Sie vorsichtig sein. Vernachlässigte Erkältungen zersetzen

oft die Athmungsorgane.«

»Meinen Sie?«

»Ich nicht. Aber die medicinische Wissenschaft. Mein Schwiegersohn, der

Sanitätsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es sei ein gefährliches

Lungenwetter. Wer Symptome weg hätte, bliebe am besten im Zimmer und

hielte sich warm. Wie lange husten Sie schon?«

Die Pohlenz wurde ängstlich und besann sich.

»So,« dachte ich, »noch ein paar Rathschläge und sie ist so vernünftig

und zoppt rückwärts nach Hause; dann hätten die Butschen und ich

unseren Nachmittag reizend für uns.« Eben wollt' ich von einer Frau

erzählen, die sich auch nicht warm gehalten und innerhalb dreier Tage

ihren trostlosen Gatten zum Wittwer gemacht hatte, als die Butschen

dazwischen fuhr: »Mir sagten mal der Herr Sanitätsrath, beim Husten nur

ja nicht die frische Luft abgewöhnen.«

»Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu,« entgegnete ich, »aber

hier bei uns doch nicht.«

»Die Pohlenz wohnt ja in unserer Gegend, also muß sie an die Luft.«

»Dann wollen wir auch nicht länger zögern,« entschied ich und blickte

die Butschen mit tadelndem Kopfschütteln an, das sie natürlich nicht

begriff. Hätte sie sonst gesagt: »Ich halt es auch nicht für schlimm.

Husten reinigt.«

Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am Schalter mit

dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlaßzettel und wegen des

Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf der Stadtbahn. Sonntags wird

es jedoch engbrüstiger zugehen.

Wir stiegen Bahnhof Treptow aus, gingen die Chaussee lang und näherten

uns dem Haupteingange. Die Pohlenz, naiv wie immer, wollte durch das

Central-Verwaltungsgebäude eindringen, indem sie es für ein Thorhaus

hielt. »Meine Liebe,« belehrte ich sie: »Das Publikum theilt sich

rechts und links und geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf

dem Rückwege dürfen Sie durch die Mitte, nachdem Sie sich durch die

Drehzähler gequetscht haben, die jedoch ohne Nummerwerk sind.« -- Dies

bewunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen

auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo wenig

Verstand ist, muß man ihn für wichtigere Aufgaben schonen.

Als unsere Eintrittsscheine richtig befunden waren, schlüpften wir auf

das Ausstellungsgelände. Die Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen

Ueberraschungsgefühlen Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet

ist, daß man anfänglich nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine

die ein bischen mager zu Weihnachten bekommen hat. Die Bergfeldten war

inzwischen in Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jünglingen

gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme feil

zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit gesetzt

wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den Beiden so anständig

zeigte, eins zu kaufen. Aber nein.

Wenn sie jedoch dachten, ich würde den Groschen in's Allgemeine Beste

werfen, täuschten sie sich gründlich und deshalb winkte ich dito

Schippen.

Wir gingen nun rechts die künstliche Anhöhe hinauf, die, genau besehen,

eine Brücke über die elektrische Eisenbahn darstellt, und betraten nach

und nach die Hauptbetrachtungswürdigkeit, die Anlagen zwischen dem

Neuen See und dem Industriegebäude. »Meine Damen,« sagte ich, »sehen

Sie sich erst um, wenn ich vernehmlich rufe: Nu! So verfahren gewiefte

Reisende, wenn's wo schön ist.« -- »Ich schiele nicht,« antwortete die

Butschen, »hingegen für die Pohlenzen übernehme ich keine Garantie«

-- »Woso?« begehrte die auf -- »Sie kann mit zugemachten Augenlidern

um die Ecke glupen,« setzte die Butschen hinzu, »und sieht mehrstens

gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher weiß sie sonst Alles?«

Um Zwistigkeit zu verhüten, schritt ich rasch bis zum Bismarckstandbild

und machte Halt. »Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf,« befahl ich,

»und begrüßen Sie dieses Bildniß aus Erz. Hier hat Berlin seinem

Ehrenbürger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm

gereicht. Wo der große Mann gewirkt hat, ist noch alles zu Heil und

Segen ausgefallen.« Ich wollte einige fernere Worte hinzufügen, aber

ein Programm verkaufender Jüngling litt es nicht. -- »Danke, wir sind

schon versehen,« verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine angesichts

Bismarckens so lügen kann, ist mir unbegreiflich und mindestens das

Zeichen eines sehr fleckigen Charakters.

Nach etlichen Schritten rief ich: »Nu!«

Die Wirkung war, wie ich gedacht.

Die Meeresfläche, im Hintergrunde mit dem weißen Wasserthurm und dem

Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die Obelisken und dazu

Musik aus den Pavillons, das war wirklich wunderschön. Und dann

durch einfache Umdrehung des menschlichen Körpers der Blick auf das

Industriegebäude mit der Kuppel und den Thürmen, deren Aluminiumkappen

in der Sonne glänzten wie nagelneue Suppentöpfe und die Orangenbäume

auf dem Dache des Vorbaues, der in zwei Wandelhallen ausläuft, die das

Ganze in übersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte

verstummend auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben

gesehen hatten. Die Pohlenz that so überwältigt, daß sie auf einen der

vielen Stühle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang stehen.

Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nahte, der zehn

Pfennige Stuhlmiethe verlangte. Sie sich gesträubt. Es half ihr aber

nichts und so kaufte sie für einen Nickel Sitzgerechtigkeit, die für

den ganzen Nachmittag gilt.

Dies war die Strafe dafür, daß sie kein Programm gekauft hatte, worin

zu lesen steht, was per naß ist, und was Auslagen verursacht.

Als ich nun für angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte die

Pohlenz für ihre zehn Pfennige weiter sitzen. »Wie Ihnen beliebt,«

bemerkte ich, »aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein Glückszufall.

Kommen Sie, Butschen, wir gehen in's Café Bauer.«

Dieses erreichten wir unangefochten und nachdem wir einen Tisch mit

bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange.

Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen es

nicht anders und den Dreibund-Gebräuchen muß man sich fügen.

Der Kellner brachte das Verlangte. »Auch Gebäck gefällig?« fragte er

und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den Tisch.

»Nee,« rief die Butschen, »nehmen Sie den man wieder mit. Wir haben

selber.« Und ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte, sagte sie

zur Pohlenz: »Nu man heraus mit den Gesangbüchern, ich hab' Hunger.«

Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen Packen

Klappstullen hervorgeholt, als wäre Hungersnoth in Sicht. »Wollen Sie

mit Wurst oder mit Käse?« bot die Pohlenz mir an. -- Ich dankte. --

»Es ist delinquente Schlackwurst und prachtvoll durcher Ramadour.« --

»Danke,« lehnte ich nochmals ab, »den hab' ich bereits gerochen.«

War dies glaublich? In dem feinen Café, wo die Kellner herumlaufen wie

die Ballherren während der Tanzpausen und der Zahlkellner es mit jedem

Bräutigam aus der höchsten Noblesse aufnimmt, entblödeten die beiden

Weiber sich nicht, den Eßkober zu entfalten, als machten sie eine

Landpartie nach der Wuhlheide. Und die spietschen Physiognomieen von

den Wienern. Und meine Angst, daß Bekannte kämen. Ich fürchte doch, die

Butschen wird in der Weißbierstube ihres Mannes nach und nach gemischt.

Von der Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann über seinen Horizont.

Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich die

Bemerkung der Pohlenz über die kleinen Tassen garnicht hörte. Ob sie

Trinkgeld gegeben haben, weiß ich nicht, mir war blos, als ob das »Hab'

die Ehr'!« den Beiklang eines Hinauscompliments hatte.

Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebäude, was mir jedoch

insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der letzten

Krönung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte, allein, was

vermochte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf der Butschen Seite

stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? Ich folgte willenlos.

[Illustration: "Da raucht einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal."]

Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. »Herrjeh,« rief sie, »das ist

ja eine ganze neue Mode: da raucht Einer aus zwei Cigarrenspitzen auf

einmal.« -- »Wo denn?« -- »Da über dem Thürbogen der Kopp.«

»Nein,« erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische ergründet hatte,

»das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm, der bläst auf der

sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alterthum hießen.« -- »Da gehört

aber eine tüchtige Puste dazu,« sagte die Pohlenz. -- »In früheren

Zeiten waren die Lungen kräftiger,« gab ich ihr zu verstehen, »aber man

schonte sich auch mehr bei Erkältungen und blieb zu Hause.«

Wir traten ein, in der Vorhalle den Löwenbrunnen zu besichtigen, wobei

wir von einem Blumenmädchen anmuthig unterbrochen wurden. Sie war weiß

gekleidet mit einer Achselschleife in den deutschen Farben, hatte aber

kein Glück mit uns. Auch einer schwarz gekleideten erging es ebenso.

Eine dritte, die dies sah, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch

nicht blumenkauferig.

Mein Karl hält abgeschnittenen Blumenhandel ebenfalls für unnöthig.

Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galanteriejahren heraus.

Die Pohlenzen strebte vorwärts: sie hätte so viel von dem Deckengemälde

in der Kuppelhalle gelesen, das müßte sie betrachten. »Gewiß,«

willigte ich ein, »Gemälde bilden.« -- »Man sagt ja auch, Kinder wie

die Bilder,« setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir

unerfindlich und wird wohl für immer räthselhaft bleiben, denn, gerade

als ich nachfragen wollte, stieß die Pohlenz einen Mordsschrei aus und

legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine Scheuklappe an die

Stirn.

»Was ist Ihnen?« fragte ich besorgt. -- »Haben Sie sich den Fuß

verknaxt?« fragte die Butschen. -- »Nein, nein,« ächzte die Pohlenz,

»Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen...« -- »Was nicht?«

-- »O nein... nein... die Puppen.« -- »Was für...« -- Wir hielten

nun auch einen Rundblick und entdeckten an einer Ecke der Halle ein

paar Museumsriesen in der bekannten klassischen Auffassung, bei der

das Stoffliche vernachlässigt wird, weil doch die Marmorfiguren

aus dem sonnigen Griechenland entspringen und es im Alterthum

keine Confectionsgeschäfte gab. Aber wegen der Größe und der

Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz sie wohl für lebendig gehalten

haben und gedacht, sie thäten ihr was.

»Es sind ja nur gipserne,« suchte die Butschen sie zu beschwichtigen.

-- »Nein, nein,« blieb die Pohlenz bei, »ich kann so was nicht sehen.«

-- »Denn kommen Sie man raus,« griff ich ein, »draußen sind die

Blümelein und die rauschenden Gewässer und was sonst unerröthend ist.

Für Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das Unbekleidete einmal so

an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?«

»Nein... nein. Aber nach den Marineschauspielen will ich, dazu hab' ich

ein Freibillet.« -- -»Wie kommen Sie dabei?« Sie stach sich noch röther

an, und lispelte kaum verstehbar: »Geschenkt.«

Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhältnisse, sondern war

froh, daß wir um die aus Strikegründen unvollendete Ausstellung meines

Karls herum kamen, und fragte: »Wann ist denn der Zauber?« -- »Das

weiß ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen.« -- »Freilich

in dem Programm.« -- »Haben Sie eins?« -- »Nein.« -- »Sie auch nicht,

Frau Butschen?« -- »Ih, wo werd' ich!... Aber ich kann ja mal den

Kaffee-Kellner fragen.«

Sie hin. Der Frackmensch sie mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet,

aber doch höflich geantwortet, sie müßte sich wohl irren, von

Marineschauspielen wüßte er nur, daß sie vor längerer Zeit bei Kiel

stattgefunden hätten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung

meinte, die wäre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree gelegen.

»Wir werden es schon finden,« sagte die Pohlenz. »Mir recht,«

entgegnete ich. -- Bei dem Durchwandeln des Parkes konnte ich

wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten Tagen gearbeitet

worden war und wie die Ausstellung immer completer und schöner wurde.

Es will eben alles seine Zeit haben, selbst der simpelste Hefenteig.

Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns Dreien

blieb immer irgendwo hängen und war nicht mit zu kriegen und, als wir

glücklich bei den Marineschauspielen anlangten, war die Vorstellung

justement vorbei.

Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, also die

Butschen und ich, hätten absichtlich gebummelt, damit sie zu spät käme

und so wie ich hätte mich gerühmt, Bescheid zu wissen und das schiene

doch nur sehr plundrig. Grade ihrem Husten hätte die Marine-Seeluft

gut gethan. Aber man gönnte ihr nichts Gutes. In denselben Ton

verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es war, die am meisten

stehen blieb und überall hineinwollte, wo noch garnicht eröffnet

wurde. Hocharistokratisch entgegnete ich daher: »Mein Fräulein, die

Ausstellung ist zu groß, als daß sie auf ein- oder zweimal in den

menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die Gnietschigkeit, sich

kein Programm zuzulegen.« -- Das könnten Andere sich nicht minder

zuziehen, schnatterte sie gegen in ihrer sticheligen Manier und bewies

dadurch wieder, wie sehr es ihr zwei Finger hoch über der Nase fehlt.

Mir fiel sofort plötzlich ein, daß ich meinem Karl versprochen

hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur

Butsch sagte: »Sie bleiben wohl noch,« machte ich eine absichtlich

gelenkarme Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken hat, und

verabschiedete mich. Mir war klar geworden, daß es bei Ausstellungen

doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der man sie besucht.

[Illustration: Titel-Dekoration]

Der Hausbesuch regt sich.

[Illustration]

Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen. Wie kann ich auch?

Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den Zeitungen

gelesen, daß die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie

sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kämen

erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit,

der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verständigen, da Ungermann's

jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit

ihr zusammenstößt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das

hinderte. Ungermann's müssen in die gute Stube und Tante Lina läßt

sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist

der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchenkammer zufrieden. Das

Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das

Schlafen auf dem Boden.

Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein

einleuchtende Berichte über die Größe der Industrie und das

Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That

Leistungen draußen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur

sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug

anzuerkennende ist in einem Seitenflügel angebracht. -- Jawohl, das

ist es! -- Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen

und laut zu verkündigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese

prachtvolle Qualität und dauerhaft im Tragen. Und preiswürdig! Denn bei

den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft machen

und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos

vorüberrennt und seinen Fleiß, seine Arbeit, seine Tüchtigkeit links

liegen läßt.

Aber ich will's schon schieben.

Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden sie selbst

mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen können, da sie

ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig

ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrücke

giebt sie her, aber für Viele thut sich ohne dies schon fast zu

reichlich. Außerdem hat bis jetzt noch keine große Ausstellung ihren

Zeitpunkt innegehalten. Den ^letzten^ Pinselstrich hat wohl noch

Niemand gesehen, wie mein Karl meint.

Was ihn selbst betrifft... er will nicht in der Fabrik schlafen und

sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in

seiner Macht stände, sich auch nicht ändern.«

»Karl,« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen Geschlechts

liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muß das Thierische,

das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen,

namentlich Gewohnheiten.«

»Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,«

sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten

wissen.«

»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder

willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl, die liegen in

ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie

Gorillas?«

»Mit keiner Silbe!«

»Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte ich mir für

meine Ahnen, das waren Musterleute. Was mich selbst betrifft, bin ich

viel zu aufgeklärt, um zu leugnen, daß ich nicht auch meine Fehler

hätte.«

»Ganz sicher.«

»So; und welche wären das? Wie? Ich möchte sie wirklich kennen lernen.

Jawohl, das möchte ich. So nenne sie doch.«

Er besah seine Fingernägel, als wären es Polizeiakten, aber es stand

nichts darauf.

»Siehst Du, Karl, wie leicht etwas nicht bewiesen wird? Gesetzt den

Fall, ich wäre nicht Deine Dich innig liebende Gattin, sondern Besuch

von Außerhalb und ginge Dich direct verklagen? Bedenke den Blam! Du in

allen Zeitungen, an jedem Biertisch gelesen und straffällig gefunden,

verurtheilt von der öffentlichen Meinung und nie -- nie Kommerzienrath.

Du urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unüberlegt;

ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich

aufwallenden Blut liegt -- Du hast Dich auffallend gut konservirt --

aber wenn wir Fremde haben und Du läßt Dich hinreißen und schmetterst

in Deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkränkungen hin wie eben... Karl,

hast Du die Folgen bedacht? Ich meine ^Folgen^, wenn ich Folgen sage...«

»Wilhelmine, ich weiß nicht, wie Du mir vorkommst.«

»Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgniß um Dich...«

»Aber Kind...«

»Karl, es ist das Beste,... Du schläfst in der Fabrik, dann kann so

etwas garnicht passiren.«

»Nein!«

»Und wenn's nachher zu spät ist? Wenn es sich erfüllt, wie ich

voraussehe?«

»Für das, was geschieht, übernehme ich, Karl Buchholz, die

Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?«

»Vollständig. Gewiß, mein Karl. Ich möchte den sehen, der Dir irgendwie

käme... Aber wenn Du in der Fabrik schlafen wolltest...«

Was er sagte, als er das Lokal jetzt verließ, verstand ich nicht genau.

Ich glaube beinahe, er fluchte.

Aber er hat nun einmal das Prinzip, nicht in die Fabrik überzusiedeln

und Prinzipien sind um so eigensinniger, je höher sie gehalten werden.

Und doch... mein Karl muß in die Fabrik.

Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl, daß mein

Mann nicht von mir weg wollte, und gleichzeitig verdrossen mich seine

Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte bewegten sich meine Gedanken,

als ich mich nunmehr hinsetzte, der Kliebisch Tag und Woche zu

schreiben, wann wir sie mit Gatten bei uns sehen könnten, und nebenbei

einige Andeutungen über ihren Briefstil zu verabreichen, der mein

Mißfallen erregt hatte.

Daß die Kliebisch kommen wollte, war mir recht, wenn auch mein Karl

murrte.

Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewöhnliche

Eisenbahnabtheils-Bekannte oder _Table d'hôte_-Mitesser, sondern

mancherlei Erlebnisse brachten uns näher, Gefahren und glückliches

Entschlüpfen, wie ich in dem Buche »Buchholzen's in Italien«

wahrheitsgemäß wiedererzählt habe, von dem jedoch die Krausen hinter

meinem Rücken laut behauptet, ich hätte es garnicht geschrieben,

sondern Jemand anders. Ganz derselben Meinung war früher die

Bergfeldten. Welche Mühe hat es mich gekostet, ihr diesen Wahnwitz

auszureden. »Bergfeldten,« fragte ich sie eindringlich, »wie kann man

ein Buch über etwas schreiben, wenn man nicht da war? Wie denken Sie

sich das? So aus heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an

den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder Rom

oder die Bevölkerung und, was sonst malerisch ist, ohne persönliche

Anschauung?«

Und was antwortete sie darauf? Was?

»Das Papier ist geduldig.«

Hierauf wollte ich tödtlich werden, wie es sich auch eigentlich

gehörte, aber da ich kürzlich vorher in der Familienbeilage unseres

Blattes gelesen hatte, daß Langmuth und Unnachgiebigkeit herrlicher

von Erfolg gekrönt werden als Jähzorn mit Handhabungen, wendete ich

Nachsicht an und sagte, sie möchte doch um Alles in der Welt nicht über

Dinge reden, die für sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so

lange sie sich absichtlich der Wahrheit verschlösse.

Da gestand sie denn, daß sie blos sagte, was die Krausen gesagt hätte.

Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie später, und

stand einigermaßen ziemlich mit ihr, so daß diese Offenbarung mir durch

und durch ging, weshalb ich rügte: »Man muß sich nie als Sprachrohr

gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.«

Hôtel Buchholz. Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz · 第 2 / 16 段