6. Kapitel.

Wißmanns Expedition nach Mpapua.

Buschiris Rückzug nach dem Innern. -- Sein Angriff auf die Station

Mpapua der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. -- Die Station wird

von den Beamten aufgegeben. -- Zusammensetzung des Expeditionskorps

Wißmanns. -- Mitnahme einer Waniamuesi-Karawane. -- Teilung der

Expedition. -- Marsch des Verfassers auf der großen Karawanenstraße.

-- Kämpfe Wißmanns gegen die vereinigten Bagamoyo-Jumbes bei Pangiri.

-- Wiedervereinigung der beiden Korps in Msua. -- Verhalten der

Bevölkerung gegenüber der Expedition. -- Wißmanns Verhandlungen mit

der Bevölkerung. -- Der Häuptling Kingo von Morogro. -- Marschtempo

und Lageranlage. -- Gefecht des Verfassers gegen die Bagamoyo-Jumbes

bei Somwi und Zersprengung der Rebellen. -- Friedlicher Marsch bis

Mpapua. -- Wahehe und Massai. -- Ankunft in Mpapua. -- Stationsbau

daselbst. -- Verhandlungen mit dem Häuptling Kipangiro. -- Wißmanns

Abmarsch zur Küste.

Wenden wir uns nun wieder zu Buschiri. Dieser hatte sich nach seinen

Niederlagen bei Bagamoyo in der ersten Hälfte des Mai ins Innere

begeben, um den einzigen Platz, welchen die Deutsch-Ostafrikanische

Gesellschaft noch dort besaß, Mpapua, in seine Gewalt zu bringen.

Jene Gegend war bis dahin so ziemlich vom Aufstande verschont geblieben

und nur die Kunde davon von der Küste zu den Beamten der Gesellschaft

gedrungen. Von Seiten der Gesellschaftsvertretung war dem Stationschef

von Mpapua, Lieutenant Giese und dem dortigen Beamten Nielsen der

Rat erteilt worden, den Versuch zu machen, auf dem Wege durch das

Massai-Land nach der Küste zu dringen.

Die Herren arbeiteten indes weiter an dem Ausbau der Station,

allerdings in recht unpraktischer Weise, wie sich später zeigte, und

glaubten sich in jener, wie gesagt, bis dahin ruhigen Gegend halten zu

können, bis von der Küste Hilfe käme; um so mehr, als sie eine ganze

Anzahl Suaheli-Askaris angeworben und ausgebildet hatten.

Als nun Nachrichten über einen Anschlag Buschiris nach Mpapua

gelangten, versäumten sowohl Giese, teils weil er diesen Gerüchten

nicht recht glaubte, teils auch, weil er am Fieber und Dyssenterie

schwer darniederlag, wie auch Nielsen, die nötigen Vorsichtsmaßregeln

zu treffen. So gelang es denn einem Teil der Leute Buschiris bei Nacht

sich in die Station einzuschleichen. Nielsen wurde ermordet, Giese,

der im Schlafe von den Aufständischen überrascht wurde, griff zwar zum

Gewehr, als dieses jedoch versagte, sprang er zum Fenster hinaus und

kam im Nachtgewande, alles verloren glaubend, zu einem ihm ergebenen

Häuptlinge. Die Station war aber gar nicht verloren, auch waren die

Suaheli-Askari nicht entflohen, sondern hatten so tapferen Widerstand

geleistet, daß die Rebellen wieder von Mpapua abzogen.

Die Leute Gieses verblieben noch einige Zeit daselbst, zerstreuten sich

aber, als ihr Führer nicht zu ihnen zurückkehrte. Einige von ihnen

fanden sich zu Giese, der bald von seiner Krankheit soweit hergestellt

war, daß er in Begleitung zweier Soldaten auf dem von seinen Askaris

Buschiri abgenommenen Esel in Nachtmärschen nach der Küste reisen

konnte. Buschiri kehrte, als der Ort schon von Soldaten ganz verlassen

war, noch einmal dahin zurück und zerstörte und plünderte die Station,

wie auch die Gebäude und die Kirche der englischen Mission zu Mpapua;

die 2-1/2 Stunden entfernte englische Missionsstation Kisogue blieb

verschont.

Das auf der Station befindliche 4,7 +cm+ Geschütz hatte der

Wagogo-Häuptling Kipangiro vor dem Rebellenführer gerettet und mit

der dazu gehörigen Munition in seine Tembe (befestigte Niederlassung)

geschafft, um es später den Deutschen auszuliefern.

So stellt sich die Sache dar nach den übereinstimmenden Aussagen der

Soldaten der Besatzung und der englischen Missionare von Kisogue.

Der Bericht Gieses widerspricht dem in einigen Punkten, indes ist es

wahrscheinlich, daß der durch seine Krankheit schwer Mitgenommene den

Vorgang nicht so klar überschaut hat, wie er es bei vollkommener

Gesundheit gethan hätte. Zweierlei steht jedenfalls unleugbar fest, daß

Vorsichtsmaßregeln so gut wie gar nicht getroffen waren, und daß die

Besatzung, obwohl ihr Führer alles verloren glaubte, noch einige Tage

nach dem Abzug Buschiris sich in Mpapua gehalten hat.

Die über die Vorfälle in Mpapua an die Küste gedrungenen Gerüchte,

welche durch den persönlichen Bericht des Lieutenants Giese teils

bestätigt, teils erweitert wurden, sowie die Nachricht, daß Buschiri

unter den Wahehe und Mafiti Anwerbungen mache, um gegen uns zu ziehen,

veranlaßten den Reichskommissar nunmehr eine Expedition nach dem Innern

vorzubereiten. Lag doch die Gefahr vor, daß Buschiri jetzt, wo die

deutschen Interessen im Innern nicht mehr genügend geschützt werden

konnten, gegen die Stationen der englischen und französischen Mission

vorgehen und die große Karawanenstraße weiterhin beunruhigen werde.

Hatte Buschiri doch schon den wenn auch vergeblichen Versuch

gemacht, eine vor kurzem in Bagamoyo unter der Führung des bekannten

Karawanenführers Tscherekesa angelangte Karawane, welche eine große

Rindviehherde, Kleinvieh und Elfenbein mit sich führte, auf ihrem

Marsche ihrer Habe zu berauben.

Für Wißmanns Absicht traf es sich günstig, daß Lieutenant Ramsay, der

zur abermaligen Anwerbung von Zulus abgeschickt war, gerade mit 300

Neuangeworbenen in Bagamoyo angekommen war, die nun eifrig einexerziert

wurden und zur Teilnahme an der Expedition herangezogen werden konnten.

Dem Reichskommissar war es klar, daß, wenn sich die Nachricht von den

Anwerbungen Buschiris bei den Wahehes und Mafitis bewahrheitete, nach

seinem Abrücken mit einer größeren Truppenmacht ein Erscheinen der

Rebellen an der Küste mit den alten Anhängern und den neuen Kräften

mindestens wahrscheinlich sei. Nichtsdestoweniger schien es Wißmann von

der größten Wichtigkeit, die Expedition selbst ins Innere zu führen, um

sich persönlich über die Absichten und die Stimmung der Eingeborenen

und ihr Verhalten zu den Deutschen und Buschiri zu unterrichten. Die

bisher nur in sehr unsicherer Form zu ihm gedrungenen Gerüchte ließen

es nötig erscheinen, daß der Kommissar auf Grund eigener Wahrnehmungen

seine Maßnahmen träfe. Er trug jedoch Bedacht, daß sein Stellvertreter

an der Küste, Freiherr von Gravenreuth, nicht nur eine zur Sicherung

der Stationen erforderliche Truppenzahl zur Verfügung behielt, sondern

auch gegebenen Falls ein Expeditionskorps bis zur Stärke von 200 Mann

formieren konnte, ohne daß deshalb die Stationen entblößt werden

mußten. Hierzu kam noch, daß an der Küste selbst ja im äußersten Falle

die Kriegsschiffe helfend eingreifen konnten.

Das Korps, welches der Reichskommissar mit sich nahm, bestand aus 3

Kompagnien, (1 Sudanesen- und 2 Zulukompagnien), einer Askaritruppe und

der Artillerieabteilung (1 Maxim-Gun und ein 4,7 +cm+ Geschütz);

im ganzen waren es 25 Europäer und 550 Mann.

Die Führung des ganzen Expeditionskorps hatte Chef von Zelewski,

der Sudanesen Lieutenant End, der Zulus Lieutenant Ramsay und von

Medem, der Artillerie Lieutenant Böhlau, der Askaris Deckoffizier

Illich. Ferner nahmen Teil +Dr+. Bumiller als Adjutant des

Reichskommissars, und als Gast Wißmanns Herr Otto Ehlers, bekannt

durch seine Reise nach dem Kilimandscharo und als Führer der vom

Dschaggahäuptling Mandara an Se. Majestät den deutschen Kaiser

geschickten Gesandtschaft.

Verfasser selbst hatte in der ersten Zeit die Waniamuesi-Karawane mit

einem Teile der Soldaten zu führen. Es erschien wohl möglich, daß diese

Karawane unterwegs von Buschiri angegriffen würde. Die Söhne Uniamuesis

waren wegen der uns geleisteten Dienste den Rebellen verhaßt und sie

führten große Reichtümer mit sich.

Die Fürsorge für die Träger und die Lasten, wie das ganze

Verpflegungswesen war Lieutenant Blümcke übertragen. Die Trägerkolonne

bestand, da wir uns nur auf die Mitnahme des Proviants und der

notwendigsten Tauschartikel und Geschenke beschränkten, trotz der

großen Anzahl von Europäern und Truppen, aus nur 100 Mann, meist

Leute von der Küste nebst einer Anzahl Wassukuma aus der oben bereits

erwähnten Karawane, deren Zutrauen wir uns so schnell zu verschaffen

gewußt hatten, daß sich ein Teil von ihnen willig zu Trägern für uns

hergab.

Da vor dem Aufbruch der Expedition gemeldet wurde, daß etwas seitlich

von der Karawanenstraße bei Pangiri sich ein Rebellenlager befinde,

wohin sich die vereinigten Jumbes von Bagamoyo gezogen haben sollten,

beschloß Wißmann zunächst dorthin zu marschieren und die Aufständischen

zu vertreiben. Wie erwähnt, gab er dem Verfasser den Auftrag am Tage

nach seinem Abmarsch mit der ganzen Waniamuesi-Karawane und den Trägern

auf der großen Karawanenstraße vorzugehen, bis er wieder zum Gros

stieße, was spätestens in Gerengere der Fall sein würde.

In Gemäßheit dieses Befehls setzten wir am ersten Marschtage in Böten

über den Kingani, woselbst Lieutenant Sulzer einen befestigten Posten

kommandierte. Daß die Karawane nur außerordentlich langsam vorwärts

kam, ist bei der großen Masse von Weibern und Kindern und besonders bei

den ungewöhnlich großen Lasten, die jeder einzelne zu schleppen hatte,

leicht begreiflich. Hatten doch die Waniamuesi durch ihre Teilnahme

am Kampfe gegen die Rebellen und an den Befestigungsarbeiten in den

Küstenplätzen Gelegenheit gehabt, mehr als gewöhnlich zu verdienen,

und so natürlich auch mehr eingekauft als sonst. Von einer Ordnung

war überhaupt keine Rede, und es wäre verlorene Mühe gewesen, hieran

irgendwie etwas ändern zu wollen, wenn wir nur unsern Zweck, die

Karawane vor feindlichen Überfällen zu schützen, erreichten.

Aus Furcht vor einem Angriff Buschiris hielten sich die Waniamuesi in

den ersten Marschtagen, als wir uns noch nicht mit der Expedition des

Reichskommissars vereinigt hatten, stets möglichst dicht hinter dem

deutschen Teil der Expedition, welcher die Begleitmannschaft und unsere

Träger umfaßte. In Mtoni am Kingani verabschiedete sich Verfasser vom

Lieutenant Sulzer. Nachdem wir die links vom Flusse sich hinziehende

durch ihren Reichtum an Giraffen und Antilopen zur Jagd verlockende

Ebene passiert hatten, langten wir in Mbuyuni, dem dortigen Hauptplatze

der Wadoës an. Da diese sich am Aufstande beteiligt hatten, ihnen

sogar nachgesagt wurde, daß sie drei von der Marine während des

Kampfes desertierte Matrosen gefangen genommen und aufgezehrt hätten,

-- was dahin zu berichtigen ist, daß sie allerdings, ihrer alten

kannibalischen Sitte folgend, den Leichnam eines jener drei von andern

Aufständischen ermordeten und in den Fluß geworfenen Fahnenflüchtigen

herausgefischt und verspeist hatten, -- so war es von vorn herein nicht

gewiß, wie sich die zu passierenden Wadoë-Dörfer zu unserer Expedition

stellen würden.

Bei Mbuyuni angekommen, ging ich zunächst mit einigen meiner Leute in

das von einer schwachen Boma umgebene Dorf, das ich ziemlich verlassen

fand. Ich schickte in das Haus des Muene, wie die Wadoë-Häuptlinge

genannt werden, und ließ ihn zu mir rufen. Er erschien auch sofort mit

einem kleinen Gefolge, hinter sich einen Diener, der ein Leopardenfell

und einen mit ebensolchem Fell überzogenen Sessel trug, -- beides

nebst einer kunstvoll geschnitzten Axt, welche der Muene immer mit

sich führt, die von ihm unzertrennlichen Zeichen seiner Würde. Als der

Diener den Sessel hingestellt und das Fell davor gebreitet, nahm der

Muene selbst darauf Platz und ließ den Verfasser vor sich stehen. Es

wurde ihm bedeutet, daß dies bei uns nicht Sitte sei, und er ließ auch

sofort eine Kitanda (Negerbettstelle) herbei bringen, auf welche wir

uns einträchtig neben einander setzten.

Aus der Unterredung gewann ich bald die Ueberzeugung, daß besagter

Häuptling ein gutmütiger Mann sei, und daß ihm wie seinen Leuten daran

lag, mit uns in Frieden zu leben. Wir erfuhren später, daß kurz vor

meinem Besuche die Wadoë bei einem Zauberer angefragt hatten, ob sie

den Krieg fortsetzen und auf Seiten Buschiris bleiben sollten oder

nicht, und von diesem den Rat erhalten hatten, vom Kampfe abzulassen

und sich offen auf unsere Seite zu stellen. So geschah es denn auch in

Mbuyuni, wie in den andern Wadoë-Dörfern, welche wir durchzogen. Der

Muene von Mbuyuni hat sogar einige Wochen später Anhänger Buschiris,

welche jene Gegend passierten, gefangen genommen und Herrn von

Gravenreuth nach Bagamoyo zugeschickt.

Ich machte zwei Rasttage, um die weit zerstreute Waniamuesi-Karawane

wieder vollzählig beisammen zu haben. Von den Eingeborenen kehrten die

meisten, auch die Weiber und Kinder bald wieder aus ihren Verstecken

zurück, als sie sahen, daß wir nichts Arges gegen sie im Schilde

führten, und nicht duldeten, daß ihr Hab und Gut irgendwie von unseren

Soldaten oder den Leuten der Karawane angetastet würde, ja daß sogar

die Diebstähle, welche die Waniamuesi nicht lassen konnten, streng

bestraft wurden. Es bestand bald das beste Einvernehmen, und ein

gemütlicher Verkehr zwischen uns und den Eingeborenen entfaltete sich.

Die Wadoë sind ursprünglich reguläre Kannibalen. Sogar noch im vorigen

Jahrzehnt waren die Fälle, daß Leute geschlachtet und verzehrt wurden,

gar nicht so selten und bei feierlichen Gelegenheiten, Thronwechsel und

dergl. fehlte der Leckerbissen des Menschenfleisches nicht, trotz der

großen Nähe der Küste und der Lage von Mbuyuni an der Karawanenstraße.

Bei der Karawane des Verfassers wurden eine Anzahl Brieftauben

mitgeführt, um festzustellen, auf welche Entfernung dieselben zur

Verbindung des Innern mit Bagamoyo verwandt werden könnten, wo sie

einige Monate lang gefüttert worden waren. In Mbuyuni wurden zum

großen Gaudium der Einwohner zwei Brieftauben mit der in den Kiel

eingeführten und an einer Schwanzfeder angenähten Depesche aufgelassen.

Sie stiegen zunächst hoch in die Luft empor, offenbar um Umschau zu

halten und das Meer ist ihnen wahrscheinlich der beste Wegweiser über

die einzuschlagende Richtung gewesen. Sie sind, wie auch alle andern,

die in den nächsten Tagen bei Msua abgeschickt wurden, richtig in

Bagamoyo eingetroffen. Verfasser war dafür, ein Paar Exemplare mit bis

Mpapua zu nehmen und zu versuchen, ob sie auch von dort aus unsere

Nachrichten bis an die Küste bringen würden. Es wäre dies später von

großem Interesse gewesen, wenn die Kunde von der Ankunft Stanleys und

Emin Paschas in Mpapua in kurzer Zeit hätte nach der Küste übermittelt

werden können, um von da aus per Draht nach Europa befördert zu werden.

Allein dies unterblieb, weil von Msua nur das absolut Notwendige weiter

mitgenommen werden sollte.

In den nächsten Tagen wurde Mbiki, ebenfalls ein Wadoë-Dorf, passiert,

und zwei Tage später Msua erreicht. Von dort aus hatte mir der

Kommandant schon die Nachricht seiner Ankunft gesandt. Nach dem

Zusammentreffen setzte nun die gesamte Expedition unter der Führung

des Reichskommissars ihren Weg fort, wobei es allerdings vorkam, daß

die Waniamuesi-Karawane, welche so schnell nicht folgen konnte und

mochte, mitunter ein auch mehrere Tage zurückblieb.

Bei diesem Marsche benutzten die Europäer, soweit es angängig war,

Reittiere, und zwar Esel oder Maultiere. Die Versuche, Ochsen als

Reittiere zu benutzen, wie dies in Westafrika geschieht, mißlangen. Die

Tiere waren nicht kräftig genug, um den Anstrengungen unserer Märsche

gewachsen zu sein, krepierten teilweise unterwegs, oder waren, wenn sie

noch bis zur Küste gelangten, derartig entkräftet, daß sie dem Fieber

erlagen, während die westafrikanischen Stiere meist aushalten; hat

doch Wißmann den größten Teil seiner Reisen in Westafrika auf einem

Reitochsen gemacht.

Beiläufig bemerkt, ist es eine in Ostafrika allgemein gemachte

Erfahrung, daß Menschen (Fremde und Eingeborene) wie auch Tiere nach

den Anstrengungen großer Expeditionen am Fieber erkranken, -- ferner

aber, daß bestehende Fieber durch Ortsveränderung verschwinden.

Bevor Wißmann nach Msua kam, hatte er in Pangiri die vereinigten

Jumbes von Bagamoyo geschlagen und große Vorräte an Proviant erbeutet,

von denen ein Teil der Expedition zu gute kam. Der Rest, der von den

Soldaten und Trägern nicht verzehrt oder mitgenommen werden konnte,

wurde wie das Rebellenlager selbst verbrannt.

Es sei gleich hier erwähnt, daß inzwischen Gravenreuth an der Küste

aus den Besatzungen von Bagamoyo und Daressalam eine Abteilung

zusammengezogen hatte, um mit ihr zur Züchtigung der Sklavenräuber in

Bueni und Kondutschi auszuziehen. Er hatte Bueni, einen Platz, an

dem immer viel Schmuggel getrieben worden war, besetzt und dort einen

Offizier als Stationschef zurückgelassen. Die Besetzung Buenis und der

Erfolg in Pangiri wirkten zusammen vorteilhaft für unser Ansehen an der

Küste.

Da im Innern die meisten Ortschaften, mehr oder minder dem Zwange

der Verhältnisse folgend, am Aufstande beteiligt waren, wurde die

Wißmannsche Expedition zunächst überall mit Furcht und Mißtrauen

empfangen; so in Msua, wo die Weiber und Kinder geflüchtet waren

und die Männer bewaffnet im Dorfe uns erwarteten. Sie wurden davon

verständigt, daß es dem Reichskommissar fern liege, an allen, welchen

eine Teilnahme am Aufstande zugeschrieben werden konnte, Rache zu

nehmen. So ist es ihm an der Karawanenstraße, wo es besonders darauf

ankam, möglichst schnell Sicherheit und Ordnung herzustellen, gelungen,

die Häuptlinge und Eingeborenen für sich zu gewinnen. Wie überall,

so meldete sich auch in Msua bald der Jumbe Simba mit seinen Leuten,

brachte Geschenke und erbat friedlichen Verkehr. Von Msua aus ließ

der Reichskommissar seine Ankunft in den an den nächsten Tagen zu

passierenden Ortschaften immer vorher ankündigen und den Eingeborenen

anheimgeben, ihm bereits auf dem Wege Gesandte entgegenzuschicken, und

eine friedliche Verständigung zu suchen. In allen Dörfern hielt Wißmann

dann Schauri ab (Gerichtsverhandlung), worin er erklärte, daß er es

nur mit Buschiri, dem Anstifter des Aufstandes zu thun habe, der auch

jetzt noch keinen Frieden wolle, sondern den Krieg gegen uns fortsetze.

Er werde daher auch fortfahren Buschiri zu bekämpfen und überall

hin zu verfolgen; ihn und seinen Anhang irgendwie zu unterstützen,

verbiete er den Eingeborenen, wenn sie ein Einschreiten seinerseits

und eine strenge Bestrafung an ihrem Hab und Gut vermeiden wollten.

Er versprach zugleich, gegen die Räuber und Sklavenfänger strengstens

vorzugehen und aufs angelegentlichste für die Herstellung von Ruhe und

Ordnung an der Straße Sorge zu tragen. Solche Reden Wißmanns verfehlten

nirgends ihren Eindruck. Alle Dörfer erbaten sich Schutzbriefe und

eine deutsche Flagge, die sie freilich in der ersten Zeit noch etwas

schüchtern aufzogen, da sie es doch noch immer für angezeigt hielten,

sich nicht ganz offen in den Augen des uns feindlichen Teils der

Araber, Belutschen und Mrima-Leute als Freunde der Deutschen zu

bekennen. Konnten sie doch immer noch annehmen, daß die Rebellenpartei

gelegentlich einmal die Oberhand gewinnen würde. Indes die zunehmenden

Erfolge Wißmanns und Gravenreuths und die späteren Siege über Buschiri

bewogen sie bald, ganz offen für uns Farbe zu bekennen.

Von Msua ging es weiter über Kisemo, Gerengere nach Simbamueno, einem

Dorfe in der Ebene, welche sich am Fuße der Ukamiberge südlich vom

Nguru-Gebirge hinzieht und östlich in die Makata-Ebene übergeht. Am

Abhange der Ukamiberge, etwa 1-1/2 Stunde von Simbamueno und eine

Stunde von der westlich dieses Dorfes gelegenen Ortschaft Morogro ist

von der französischen Mission eine Station angelegt, die in der Regel

ebenfalls Morogro genannt wird. Dieselbe hatte in der letzten Zeit die

gesamten Missionare der Missionsgesellschaft vom heiligen Geist, aus

Longa, Mhonda und Tubugue beherbergt. Es schien auf diesen Stationen

nicht mehr genügende Sicherheit vor Buschiri vorhanden zu sein,

obgleich er die Bagamoyo-Missionare stets als neutral behandelt hatte.

In Morogro selbst hatte die Mission den Schutz des mächtigen Häuptlings

Kingo angerufen, der als Herrscher von Morogro bis an die Grenze von

Usagara anerkannt war, ein wohlbefestigtes und leicht zu verteidigendes

Dorf zum Sitz hatte und sich der französischen Mission, von der er

viele Wohlthaten empfangen, stets gut gesinnt erwiesen. Von Morogro

aus schickte Wißmann einen Boten mit Nachrichten über die Vorgänge an

der Küste und seine Absichten zu den Missionaren, und erhielt auch von

diesen einen Brief zurück. Da aber darin genauere Angaben über Kingo

fehlten, Kingo selbst weder erschien, noch Gesandte schickte, auch

die für die große Karawane so notwendigen Lebensmittel aus Morogro

und Simbamueno, wo Kingos ältere Schwester, gleichfalls Simbamuene

genannt, herrschte, nicht zum Verkauf gebracht wurden, so hatten wir

Grund anzunehmen, daß es mit der guten Gesinnung des Häuptlings doch so

weit nicht her sein könne. So wurde denn den Eingeborenen mitgeteilt,

daß am nächsten Tage ein Besuch Kingos erwartet werde und schleunigst

ausreichende Lebensmittel gebracht werden sollten, wenn sie eine für

sie unangenehme gewaltsame Requisition vermeiden wollten.

Am nächsten Morgen schickte mich der Reichskommissar mit Lieutenant

Böhlau auf die Mission, um genauere Nachrichten über die dortigen

Verhältnisse einzuziehen, die Missionare zu uns ins Lager einzuladen

und sie, falls sie Einfluß auf Kingo hätten, zu bewegen, denselben in

vermittelnder Weise zur Geltung zu bringen.

Der Vorsteher der Mission, Pater Mevel, ein Franzose, empfing uns auf

das liebenswürdigste; bei ihm befand sich Pater Horner, ein Nassauer,

der vorher an der Westküste zwei Jahre thätig gewesen war. Verfasser

erfuhr von ihnen, daß Kingos Verhalten ein durchaus friedliches

gewesen war, daß er sogar ein persönlicher Feind Buschiris sei und

diesem sowohl wie den von Pangiri geflüchteten Jumbes von Bagamoyo

die Aufnahme in seinem Dorfe verweigert habe. Er hatte die letzteren

hierdurch gezwungen, von der Karawanenstraße nach Süden abzubiegen;

die Missionare habe er entschieden in Schutz genommen und ein Vorgehen

Buschiris gegen sie verhindert, welcher des Lösegeldes wegen sie gern

in seine Gewalt gebracht hätte. Daß Kingo sich den Deutschen noch nicht

genähert habe, sei auf eine gewisse den Negern überhaupt eigentümliche

Ängstlichkeit zurückzuführen.

Die von den Missionaren an den Häuptling gesandten Boten bewogen diesen

auch sofort, sich mit Geschenken zu uns ins Lager zu begeben und seine

Unterthanen zum Verkaufe reichlicher Lebensmittel zu veranlassen. Am

Nachmittag desselben Tages begab sich Verfasser auch zur Simbamuene,

einer bereits ältlichen Dame mit ergrautem Haar und erreichte hier den

gleichen Erfolg. Tags darauf verlegte Wißmann das Lager von Simbamueno

in die Nähe des Kingoschen Dorfes.

Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß wir die Lager immer in

einer dem Gelände angepaßten Form, meist im Viereck oder im Kreise

errichteten und mit einer schirmartigen schrägen Umzäunung aus Matama

oder Maisstengeln oder irgendwelchem Gestrüpp oder Gras, je nachdem

es die Gegend ermöglichte, umgaben. Die Soldaten hatten auf diese

Weise Schutz gegen die gröbsten Unbilden des Wetters und das Innere

des Lagers war zum Teil dem Einblick von außen entzogen. Bei einem

Überfalle hatten die Truppen weiter nichts zu thun, als sich jeder an

dem angewiesenen Platze auf die Erde zu werfen, die Gewehre aus der

Einfassung herauszustecken und den Befehl zum Feuern abzuwarten. Im

Innern der Lager erhoben sich eine Anzahl Zelte für je zwei, drei und

vier Europäer. Vor dem Zelte Wißmanns wurde in der Regel das Maxim-Gun

und das 4,7 +cm+ Geschütz aufgestellt, welches stets sofort nach

dem Beziehen des Lagers zum Gefecht klar gemacht wurde. Alsdann wurden

Innen- und Außenposten aufgestellt.

Über die Art und Weise unseres Marsches ist folgendes zu erwähnen. Wenn

eine besondere Eile nicht erforderlich schien, wurde des Vormittags

und auch noch einen Teil des Nachmittags marschiert, bis der für den

Tag bestimmte Lagerplatz erreicht war, die Expedition hatte dann noch

hinreichend Zeit, sich vor Eintritt der Dunkelheit ordnungsgemäß und

bequem einzurichten.

Das war natürlich nicht möglich, wenn es galt schnell vorwärts zu

kommen. Dann wurde in den weniger heißen Stunden des Vormittags

marschiert und nach einer Mittagsrast der Marsch den späteren

Nachmittag hindurch fortgesetzt. Wenn es der Zweck erforderte, wenn zum

Beispiel die Absicht vorlag, irgendwo überraschend anzutreten, sind von

der Schutztruppe öfters auch sehr bedeutende Eilmärsche, Tag und Nacht

hindurch, ausgeführt worden. --

Wie erwähnt, führte das Schauri in Simbamueno, das dann später in

Morogro fortgesetzt wurde, zu einem für beide Teile befriedigenden

Resultate. Kingo erklärte sich ganz offen für uns und umgekehrt wurde

ihm von Wißmann seine Herrschaft bis nach Usagara, -- selbstredend

unter deutscher Oberhoheit, -- bestätigt. Auch wurde sein Einfluß bei

allen Schauris mit den Eingeborenen der nächsten Dörfer, auf denen

sich der Reichskommissar als Freund Kingos erklärte, in jeder Weise

gehoben. Es war dies für uns ein großer Vorteil, da wir bei unsern

verhältnismäßig geringen Mitteln in Ostafrika nicht überall selbst

sein und herrschen können. Oft sind wir auf die gute Gesinnung der

eingeborenen Häuptlinge angewiesen und sind durch diese viel leichter

und ohne Mißstimmung zu erregen in der Lage, unsere eigene Herrschaft

auszubreiten und humanitäre Zwecke zu erreichen. Außerdem wurde Kingo

ein Monatsgehalt ausgesetzt und ihm außer andern Geschenken seinem

Wunsche gemäß die deutsche Fahne übergeben. Von der Küste wurden ihm

später zur Verteidigung seines Dorfes zwei Böller übersandt, mit denen

allerdings nicht viel Unheil anzustiften ist, die aber immerhin auf die

feindlichen Eingeborenen ihre moralische Wirkung nicht verfehlen.

Kingo gab unserer Expedition bis nach Usagara seinen Bruder Kibana

mit, welcher Wißmann durch seine Beziehungen zu den Eingeborenen gute

Dienste leistete und ihm seine Absicht erleichterte, die Eingeborenen

an der Straße für sich zu gewinnen.

Unterdes hatten die aufständischen Jumbes es ihrerseits nicht an

Bemühungen fehlen lassen, den mächtigen Häuptling auf ihre Seite

zu bringen, obwohl sie ja allerdings, wie oben erwähnt, durch sein

ablehnendes Verhalten genötigt worden waren, nach Süden auszubiegen.

Von ihrem neuen Lager aus schickten sie einen Brief an Kingo. Sie

hofften ihn zu bewegen, mit ihnen gemeinsam die Waniamuesi-Karawane,

welche sehr langsam marschierte und noch hinter uns zurück war, oder,

wenn sie wieder mit uns vereinigt wäre, die gesamte Expedition auf

dem Marsche von Makata nach Comberingha an einem der nächsten Tage zu

überfallen. Sie glaubten besonders durch den Hinweis auf die wertvollen

Lasten der Karawane die Gewinnsucht Kingos zu reizen und ihn dadurch

dem vorgeschlagenen Unternehmen geneigt zu machen.

Wißmann hatte es jedoch, wie immer bei den Eingeborenen, verstanden,

das Vertrauen des Häuptlings derartig zu gewinnen, daß dieser nach

Empfang des Briefes nichts Eiligeres zu thun hatte, als ihn dem

Reichskommissar zu übergeben und ihn so von dem Anschlage in Kenntnis

zu setzen.

Es war dies am 3. September Abends. Infolgedessen erteilte Wißmann mir

den Auftrag mit der Zulukompagnie von Medem und einer halben Kompagnie

Sudanesen, geführt von ortskundigen Eingeborenen, welche Kingo uns zur

Verfügung stellte, gegen die Aufständischen vorzugehen. Ich fand diese

nach ununterbrochenem Marsche in den Mittagsstunden des 4. September in

der Nähe von Somwi, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie wurden

sofort aus ihrer ersten Position geworfen, hielten uns aber, als wir

in dem sehr coupierten Terrain weiter vorgingen, noch einmal in einer

Bergmulde stand. Hier entspann sich ein heftiges Feuergefecht.

Meine Abteilung bis auf einen Zug Sudanesen, den ich die hinter uns

gelegenen Hügel hatte besetzen lassen, hatte ich völlig entwickelt, und

so lagen wir uns in langen Linien an einem sich unregelmäßig durch das

Gelände hinziehenden Graben, der ein natürliches Hindernis bildete, auf

nur 20 Schritt gegenüber.

Der hohe Gras- und Dornenwuchs gestattete wenig Einsicht in das

Terrain, in welchem sich der Gegner festgesetzt hatte, doch schien er

nach einer Reihe von Salven, die er zuerst ebenfalls mit einem heftigen

Schnellfeuer erwiderte, erschüttert, und als wir nun mit Marsch-Marsch

über das Hindernis vorgingen, zwangen wir ihn zu einer regellosen

Flucht ins Gebirge, das uns leider nur eine kurze Verfolgung

gestattete.

In dem Gefechte waren auf gegnerischer Seite etwa 30 Mann gefallen

und viele verwundet worden. Wir hatten einen Zulu tot und drei

schwerverwundete Farbige; Verfasser selbst hatte einen leichten

Streifschuß am Oberschenkel und Herr Ehlers, der sich freiwillig

angeschlossen hatte, konnte von großem Glück sagen, daß ihm eine

gutgemeinte Kugel zwischen den Strümpfen und der Stiefelsohle stecken

geblieben war.

Wir hatten auch drei Gefangene gemacht. Dieselben unternahmen, als

wir nach der Rückkehr von der Verfolgung gerade mit dem Verbinden der

Verwundeten und dem Bestatten des Gefallenen beschäftigt waren, einen

Fluchtversuch und wurden dabei von den sie bewachenden Zulus, ehe es

Verfasser hindere konnte, mit den Messern niedergestochen. Das Dorf

Somwi, aus welchem ebenfalls auf uns geschossen war, wurde geplündert

und niedergebrannt.

Als wir nach diesem Gefecht bei Somwi etwas gerastet hatten, wurde

dem vorher erteilten Befehl Wißmanns gemäß sofort der Rückmarsch nach

Morogro angetreten. Diesem hatte Verfasser durch einen Boten seinen

Erfolg gemeldet und zugleich mitgeteilt, daß wir Verwundete mit uns

führten. Infolgedessen schickte uns der Reichskommissar den die

Expedition begleitenden Lazarettgehülfen Grucza unter Bedeckung bis

in die Gegend von Simbamueno entgegen, wo die Schwerverwundeten einen

regelrechten Verband erhielten. Kurz vor dem Anbruch des 5. September

traf ich wieder im Lager ein, in dessen unmittelbarer Nähe eine

Abteilung unter Lieutenant Ramsay inzwischen die Waniamuesi, für welche

Wißmann Besorgnisse hegte, ein Lager hatte beziehen lassen. Nachdem

Wißmann uns am 5. September einen Rasttag gegönnt hatte, damit wir uns

von den Anstrengungen des Unternehmens gegen Somwi erholen konnten,

wurde am 6. der Weitermarsch angetreten.

Bis Mpapua hin war der Marsch ein durchaus friedlicher. Er führte

zunächst über den Makata-Fluß und durch die Makata-Ebene nach Longa.

Hier befand sich ebenfalls eine französische Missionsstation, die seit

wenigen Tagen wieder von den Missionaren bewohnt wurde. Der einzige

Platz, in dem die Verhältnisse noch manches zu wünschen übrig ließen,

war Kondoa. Das arabische Element hatte hier die Oberhand und hier

war die Heimat eines Teils der Buschirischen Rebellen. Da indes die

meisten, welche wirklich am Aufstande Teil genommen hatten, entflohen

waren, andererseits die Missionare den Reichskommissar baten, die

zurückgebliebenen Araber zu schonen, und da endlich Wißmann selbst

Bedenken trug, eine so reiche und für die Karawanenstraße so überaus

wichtige Ortschaft zu zerstören, wurde auch Kondoa, wie das gesamte

durch Usagara sich hinziehende Mukondogua-Thal friedlich durchzogen.

Freilich sind die Bewohner Kondoas, obwohl sie so gut davonkamen, nie

ganz zuverlässig gewesen, nur die Furcht vor unserem Einschreiten

hat sie im Zaume gehalten, so lange wir den Erfolg auf unserer Seite

hatten. Erst in der neueren Zeit, nach der Katastrophe in Uhehe, hat

der widerauftauchende Übermut der Araber und Belutschen zu Kondoa den

durchziehenden Europäern und den Missionaren Grund zu heftigen Klagen

gegeben.

Ein Tagemarsch hinter Kondoa brachte uns nach Muinisagara, wo die

Tochter des alten, bereits früher erwähnten Muinisagara, denselben

Namen führend, residierte. Bei dem Vorbeimarsch sahen wir die Reste

der früheren Gesellschaftsstation Kiora, welche schon ein Jahr vor

dem Aufstand, ebenso wie das nördlich gelegene Sima, von den Wasagara

zerstört war. Verfasser benutzte mit einem Teile der Kameraden den

Aufenthalt in Muinisagara, auch Sima und das Grab des früheren

Vorstehers der Station, des Gärtners Schmidt, zu besuchen, welcher ihn

im Jahre 1885 gastlich daselbst aufgenommen hatte.

Über Kirassa, den Kidete-Fluß, Dambi und Tubugue führte sodann der

Weg nach Mpapua. Bei Kirassa verließen wir Usagara und das fruchtbare

Mukondogua-Thal. Der Weg führte von nun an durch ein recht coupiertes

und schwieriges Terrain, planlos Berg auf und Berg ab, während er

sehr gut, durch eine Schlucht weiter südlich, sanft aufsteigend nach

Mpapua hätte angelegt werden können. Hier war früher auch eine Straße

gewesen, die jedoch, um den Negerausdruck zu gebrauchen, im Laufe der

Zeit gestorben, d. h. mit Gestrüpp überwachsen war. Die Karawanen

hatten sie aus Furcht vor den Wahehe, welche dieses Gebiet unsicher

machten, aufgegeben. Einen Teil des Dorfkomplexes von Kirassa, der

im Mukondogua-Thale lag, fanden wir niedergebrannt und zerstört.

Die Eingeborenen erzählten uns, daß wenige Tage zuvor die Wahehe

einen ihrer Einfälle gemacht und nur die hohen auf dem Abhang der

Usagara-Berge verstreuten Hütten verschont hätten. Die Bewohner dieser

hochgelegenen Hütten waren gezwungen, jedesmal von ihrer Höhe herunter

ins Mukondogua-Thal zu steigen, um das unentbehrliche Wasser zu holen;

aber die Sicherheit vor den gefürchteten Wahehe ließ sie dieses

Ungemach recht gern ertragen.

Geographisch wird Ugogo im Osten erst durch die Bergkette zwischen

Tubugue und Mpapua begrenzt, und diese Grenze ist auch auf allen Karten

angegeben; doch bildet jetzt ethnographisch bereits der Höhenzug

nördlich des Mukondogua-Thales die Grenze von Usagara und Ugogo, da die

schwächlichen Wasagara im Laufe der Zeit immer mehr und mehr vor den

umwohnenden kriegerischen Stämmen zurückgewichen sind. Von Westen her

drängten die räuberischen Wagogo, von Südwesten her die Wahehe und aus

dem Nordwesten die Massai, oder genau gesagt, die einen Teil derselben

ausmachenden Wahumba. Die spärlichen, von uns hinter Kirassa passierten

Ortschaften waren alle von Wagogo oder mit ihnen vermischten Negern

bewohnt. Gerade zu der Zeit, wo wir diese Gegend durchzogen, war ein

heftiger Kampf der Wahehe gegen die Massai vorangegangen, und so fanden

wir öfter eben erst von den Wahehes verlassene Lagerstätten.

Nachdem wir in Tubugue, einem größeren Orte der Wagogo, gerastet,

erreichten wir am 10. Oktober Mpapua. Auf dem Höhenzuge zwischen beiden

Dörfern fiel uns ein mit Unterholz wenig bewachsener Wald auf, der uns

in den nächsten Tagen gutes Bauholz für den Bau der Station lieferte.

In Mpapua zogen wir zunächst an den von Buschiri bei seiner letzten

Anwesenheit zerstörten Gebäuden und der Kirche der englischen Mission

vorbei, bis zu dem kleinen Hügel hin, der sich dicht am Fuße des

östlichen Höhenzuges am Ausgange des von Mpapua eingenommenen Thales

nach Nordosten hin erhebt. Hier hatte die Station der Ostafrikanischen

Gesellschaft gestanden, die ebenfalls von Buschiri, soweit es die

Stärke der Mauern zugelassen, zerstört war. Dieser Platz war vom

militärischen Standpunkt aus durchaus unpraktisch gewählt, da von dem

Abhange des östlichen Gebirgszuges mit Gewehren ganz bequem in die

Station und ihre Zimmer hineingeschossen werden konnte, und zwar aus

einer Entfernung von kaum mehr als 100 +m+.

Wir wurden beim Einrücken von den englischen Missionaren, welche von

ihrer Station in Kisogue nach Mpapua herübergekommen waren, begrüßt,

und Wißmann erhielt von ihnen über die Vorgänge hierselbst und die

Stimmung der Eingeborenen Nachricht.

Der erste Häuptling des Ortes, Kipangiro oder Schipangilo, der von

seinen Gegnern angeschuldigt wurde, mit Buschiri im Einverständnis

gewesen zu sein, war geflohen und hielt sich in den nahen Bergen

versteckt. Das Geschütz der Station, welches er, wie oben bemerkt, in

seine Tembe gebracht hatte, wurde von uns dort abgeholt, und da uns

Nahrungsmittel nicht zum Verkauf geboten wurden, wurden sie ebendort

entnommen und unter die Soldaten verteilt. Es gelang indes in den

nächsten Tagen den Häuptling zu beruhigen und ihn zu bewegen in unser

Lager zu kommen, wo er von Wißmann die Zusicherung friedlichen Verkehrs

erhielt.

Gleich am Nachmittage nach unserer Ankunft gingen wir daran, einen

geeigneten Platz für die neue Station auszusuchen. Wißmann hielt es

durchaus für angezeigt, in Mpapua, welches von allen Karawanen, die vom

Viktoria und Tanganjika nach der Küste gehen, und umgekehrt, passiert

werden muß und nur unter großen Beschwerden durch einen Marsch über ein

an Wasser und Nahrungsmitteln armes und sehr beschwerliches Terrain

vermieden werden kann, einen festen Stützpunkt für die Sicherung der

Karawanenstraße und der durchziehenden Karawanen zu errichten. Bei der

Auswahl eines Platzes waren der Reichskommissar, von Zelewski und der

Verfasser thätig. Wir waren bald darüber einig, daß kein Platz besser

dazu geeignet sei, als der, auf welchem die jetzige Station steht. Es

ist eine dicht an dem einzigen die Ebene durchziehenden Flußlauf sanft

ansteigende Erhebung, von welcher aus das gesamte Terrain ringsum

beherrscht, und besonders auch die Wagogo-Tembes unter Feuer genommen

werden können. Steine für den Bau waren reichlich von den früheren

Befestigungen vorhanden, und Holz lieferte uns der oben erwähnte Wald.

So wurde im Laufe der Woche, die Wißmann in Mpapua verblieb, die

Steinumwallung der Station etwa 1 +m+ hoch aufgeführt, mit zwei

zur Unterkunft eingerichteten Eckbastionen versehen, auf deren einer

das Geschütz aufgestellt wurde, und mit zwei starken Hindernissen,

einem Ast- und einem Dornverhau umgeben.

Die Zeit seines Aufenthaltes benutzte Wißmann, um möglichst viel gute

Beziehungen mit den eingeborenen Häuptlingen, speziell denen der

Wagogo, anzuknüpfen, wobei ihm die englischen Missionare nach bestem

Vermögen zur Seite standen. Die Waniamuesi-Karawane, deren Häuptlinge

Wißmann teilweise von seiner ersten Durchquerung Afrikas kannte, --

er hatte damals mit Mirambo, dem damaligen Herrscher von Uniamuesi

Freundschaft geschlossen, -- nahm infolge der guten Behandlung

unsererseits und des Schutzes, den wir ihnen hatten angedeihen lassen,

lebhafte Sympathien für uns mit in ihre Heimat. Wißmann gab ihr

auch reiche Geschenke an den inzwischen auch verstorbenen Häuptling

Pandascharo mit.

Nach achttägigen Arbeiten, die meist von Wißmann persönlich geleitet

wurden, übergab er die Station, besetzt mit 75 Zulus, 25 Sudanesen,

10 Suaheli, 2 deutschen Unteroffizieren und dem zum Stationschef

ausersehenen Lieutenant von Medem, zunächst dem Verfasser mit

dem Auftrage, die weitere Regelung unseres Verhältnisses zu den

Eingeborenen in die Hand zu nehmen. Ich sollte den Reichskommissar in

dieser Gegend vertreten, bis die Stanley'sche Expedition und Emin in

Mpapua anlangten, sollte diese Expedition begrüßen und mit 10 Sudanesen

der Station durch deutsches Gebiet nach Bagamoyo führen.

Geschichte des Araberaufstandes in Ost-Afrika · 第 20 / 37 题