Rudin

*

München bei Georg Müller

1927

Copyright 1926 by Georg Müller Verlag

A.-G., München / Printed in Germany

I

Es war ein stiller Sommermorgen. Die Sonne stand schon ziemlich hoch

am reinen Himmel, auf den Feldern aber glänzte noch der Tau, aus den

eben erwachten Tälern wehte duftige Frische und in dem noch feuchten

und lautlosen Walde stimmten die kleinen Vögel lustig ihr Morgenlied

an. Auf dem Gipfel eines Hügels, dessen Abhänge von oben bis unten mit

reifendem Roggen bedeckt waren, zeigte sich ein kleines Dörfchen. Nach

diesem Dörfchen ging, auf schmalem Nebenwege, eine junge Frau in weißem

Mousselinkleide und rundem Strohhute, einen Sonnenschirm in der Hand.

Ein kleiner, als Kosak gekleideter Dienstbursche folgte ihr in einiger

Entfernung.

Sie ging, ohne sich zu beeilen und als fände sie Vergnügen an ihrem

Spaziergange. Rings umher auf dem langen und schwankenden Roggen zogen

in silbergraulichem und rötlichem Farbenspiele langgestreckte Wogen mit

sanftem Rauschen dahin; in der Höhe schmetterten Lerchen. Die junge

Frau kam aus dem ihr gehörigen größeren Dorfe, das etwa eine Werst von

dem Dörfchen entfernt lag, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatte.

Sie hieß Alexandra Pawlowna Lipin, war Witwe, kinderlos und ziemlich

begütert, und lebte zusammen mit ihrem unverheirateten Bruder, Sergei

Pawlowitsch Wolinzow, einem Stab-Rittmeister außer Diensten, welcher

ihr Gut verwaltete.

Alexandra Pawlowna hatte das Dorf erreicht; sie blieb bei dem

äußersten, sehr alten und verfallenen Bauernhäuschen stehen, rief ihren

Dienstburschen heran und befahl ihm, hineinzugehen und sich nach dem

Befinden der Eigentümerin zu erkundigen. Er kehrte bald zurück, gefolgt

von einem altersschwachen Bauer mit weißem Barte.

»Nun, wie steht’s?« fragte Alexandra Pawlowna.

»Sie lebt noch …« erwiderte der Alte.

»Kann ich hineingehen?«

»Warum nicht.«

Alexandra Pawlowna trat in die Hütte. Es war eng darin, beklommen und

räucherig … Auf der Ofenbank regte sich jemand und stöhnte. Alexandra

Pawlowna sah sich um und gewahrte in dem Halbdunkel den gelben und

runzeligen Kopf einer alten Frau, den ein kariertes Tuch umhüllte. Bis

unter den Hals mit einem dicken Oberrock bedeckt, atmete sie schwer und

bewegte schwach ihre mageren Arme.

Alexandra Pawlowna trat zu der Alten heran und berührte ihre Stirne

mit der Hand; sie war brennend heiß.

»Wie ist dein Befinden, Matrona?« fragte sie, sich über die Ofenbank

beugend.

»Ach! Ach!« stöhnte die Alte, nachdem sie Alexandra Pawlowna gewahr

worden war. »Schlecht, schlecht, Mütterchen! Das Todesstündchen ist

gekommen, mein Täubchen.«

»Mit Gottes Hilfe wird es schon besser werden, Matrona. Hast du die

Arznei eingenommen, die ich dir geschickt habe?«

Die Alte stöhnte schwer und gab keine Antwort. Sie hatte die Frage

nicht recht gehört.

»Sie hat sie eingenommen,« erklärte der Alte, der an der Türe

stehengeblieben war.

Alexandra Pawlowna wandte sich zu ihm.

»Außer dir ist niemand bei ihr?« fragte sie.

»Die Kleine ist da – ihre Enkelin, läuft aber immer davon. Kann nicht

sitzen bleiben: ein wildes Ding. Einen Trunk Wasser der Großmutter

reichen – selbst das fällt ihr schwer. Bin selbst zu alt: was kann ich

helfen?«

»Sollte man sie nicht zu mir ins Krankenhaus tragen?«

»Nein! Wozu ins Krankenhaus! Ganz gleich, wo man stirbt. Sie hat ihre

Zeit abgelebt; es muß wohl Gottes Wille so sein. Sie kann von der

Ofenbank nicht herunter. Wie soll die ins Krankenhaus! Hebt man sie nur

auf, so ist sie tot.«

»Ach,« stöhnte die Kranke wieder: »Meine schöne, gnädige Frau, meine

Kleine, die Waise, verlaß sie nicht; unsere Herrschaft ist weit von

hier, du aber …«

Die Alte schwieg, sie konnte kaum sprechen.

»Sei ruhig,« sagte Alexandra Pawlowna, »es soll alles geschehen. Ich

habe dir da Tee und Zucker gebracht. Wenn du Lust haben wirst, trinke …

Ihr habt ja doch wohl einen Samowar?« setzte sie, mit einem Blick auf

den Alten, hinzu.

»Einen Samowar? Nein, einen Samowar haben wir nicht, man kann sich das

aber verschaffen.«

»Nun, dann verschaffe ihn dir, geht’s nicht, so schicke ich dir einen.

Und sage auch deiner Enkelin, sie solle nicht aus dem Hause laufen.

Sage ihr, es sei das gar nicht recht von ihr.«

Der Alte antwortete nichts, nahm indessen den eingewickelten Tee und

Zucker mit beiden Händen entgegen.

»Nun, lebe wohl, Matrona!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich komme wieder

zu dir, verliere den Mut nicht und nimm die Arznei pünktlich ein …«

Die Alte hob den Kopf ein wenig und streckte sich gegen Alexandra

Pawlowna vor.

»Gib, Gnädige, das Händchen,« lallte sie.

Alexandra Pawlowna gab ihr nicht die Hand, sie beugte sich über sie und

küßte sie auf die Stirne.

»Gib also acht,« sagte sie im Fortgehen zum Alten, »die Arznei muß ihr

durchaus eingegeben werden, wie vorgeschrieben ist … Und auch Tee gebt

ihr zu trinken.«

Der Alte erwiderte abermals nichts und verbeugte sich nur.

Alexandra Pawlowna atmete freier, als sie wieder in die frische Luft

gekommen war. Sie schlug ihren Sonnenschirm auf und wollte bereits

nach Hause gehen, als plötzlich um die Ecke der Hütte herum auf einer

niedrigen Reitdroschke ein Mann in den Dreißigen angefahren kam; er

hatte einen alten Paletot aus grauem Leinzeuge an und trug eine Mütze

aus gleichem Stoffe. Als er Alexandra Pawlownas ansichtig wurde, hielt

er sogleich an und wandte sich zu ihr. Sein Gesicht war breit und

bleich, mit kleinen blaßgrauen Augen und hellblondem Schnurrbart; das

Ganze paßte zur Farbe seines Anzuges.

»Guten Tag,« brachte er mit einem trägen Lächeln hervor, »was machen

Sie denn hier, wenn ich fragen darf?«

»Ich habe eine Kranke besucht … Von wo kommen Sie aber, Michael

Michailitsch?«

Der Mann, der Michael Michailitsch hieß, schaute ihr in die Augen und

lächelte wieder.

»Sie haben gut daran getan,« fuhr er fort, »eine Kranke zu besuchen;

wäre es aber nicht besser, Sie ließen sie ins Krankenhaus bringen?«

»Sie ist zu schwach: man darf sie nicht rühren.«

»Wie ist’s denn mit Ihrem Krankenhause, sind Sie nicht Willens, es

eingehen zu lassen?«

»Eingehen lassen? Weshalb?«

»Nun, so.«

»Welch sonderbarer Einfall! Wie ist Ihnen der in den Kopf gekommen?«

»Sie verkehren ja so viel mit Frau Laßunski, und stehen, wie

es scheint, unter ihrem Einflusse. Wie die nun sagt, sind ja

Krankenhäuser, Schulen – nichts als Unsinn, unnütze Erfindungen. Die

Wohltätigkeit soll persönlich sein, ebenso die Bildung; das alles ist

Sache der Seele … in dieser Weise, glaube ich, drückt sie sich aus. Wem

sie das nachsingt, möchte ich aber wissen?«

Alexandra Pawlowna lachte auf.

»Darja Michailowna ist eine kluge Frau, ich liebe und achte sie sehr;

sie kann ja aber auch irren und ich glaube nicht an jedes ihrer Worte.«

»Und Sie tun sehr wohl daran,« erwiderte Michael Michailitsch, immer

noch auf der Droschke sitzend, »denn sie selbst schenkt ihren eigenen

Worten keinen rechten Glauben. Es freut mich übrigens sehr, daß ich Sie

getroffen habe.«

»Wieso?«

»Eine schöne Frage! Als wenn es nicht immer angenehm wäre, mit Ihnen

zusammenzukommen! Heute sind Sie ebenso frisch und freundlich, wie

dieser Morgen.«

Alexandra Pawlowna lachte wieder.

»Worüber lachen Sie denn?«

»Wie, worüber? Wenn Sie sehen könnten, mit welcher apathischen, kalten

Miene Sie Ihr Kompliment vorbrachten! Es wundert mich, daß Sie es ohne

Gähnen zu Ende gebracht haben.«

»Mit kalter Miene … Sie wollen immer Feuer haben; Feuer taugt aber zu

nichts. Es lodert auf, qualmt und verlischt.«

»Und wärmt,« setzte Alexandra Pawlowna hinzu.

»Ja … und brennt auch.«

»Nun, was tut es, mag es brennen! Das ist auch kein Übel! Immer noch

besser als …«

»Nun, ich will doch sehen, ob Sie wohl noch ebenso sprechen, wenn Sie

sich, auch nur einmal, tüchtig verbrannt haben werden,« unterbrach

sie ärgerlich Michael Michailitsch und schlug mit den Zügeln auf sein

Pferd. »Leben Sie wohl!«

»Michael Michailitsch, warten Sie!« rief Alexandra Pawlowna, »wann

sehen wir Sie bei uns?«

»Morgen; grüßen Sie Ihren Bruder.«

Und die Droschke rollte davon.

Alexandra Pawlowna sah Michael Michailitsch nach. Ein wahrer Mehlsack!

dachte sie. Zusammengebückt, staubbedeckt, mit der in den Nacken

geschobenen Mütze, unter welcher unordentliche Büschel gelben Haares

hervorguckten, war er in der Tat einem großen Mehlsack ähnlich.

Langsam kehrte Alexandra Pawlowna auf dem Wege nach Hause zurück.

Gesenkten Blickes schritt sie dahin, als der Hufschlag eines Pferdes

in der Nähe sie zwang, stehen zu bleiben und den Blick zu erheben … Ihr

entgegen ritt ihr Bruder; neben ihm schritt ein junger Mann, mittleren

Wuchses, in aufgeknöpftem, dünnem Röckchen, schmalem Halstüchelchen und

leichtem grauen Hute, mit einem Spazierstöckchen in der Hand. Schon von

weitem lächelte er Alexandra Pawlowna entgegen, obgleich er wohl sah,

daß sie in Gedanken versunken einherging, ohne auf irgend etwas acht zu

geben. Sie bemerkte ihn erst, als er zu ihr herantrat und freudig, fast

zärtlich sagte:

»Guten Morgen, Alexandra Pawlowna, guten Morgen!«

»Ah! Constantin Diomiditsch! Guten Tag!« antwortete sie. »Sie kommen

von Darja Michailowna?«

»Gewiß, gewiß,« rief mit strahlendem Gesicht der junge Mann, »von Darja

Michailowna. Sie hat mich zu Ihnen geschickt; ich habe es vorgezogen

zu Fuß zu kommen … Der Morgen ist so wunderschön, es sind im ganzen

nur vier Werst bis hierher. Ich komme – finde Sie nicht zu Hause. Ihr

Bruder sagt mir, sie seien nach Semenowka gegangen, er selbst war im

Begriff aufs Feld zu reiten; so bin ich denn mit ihm gegangen, Ihnen

entgegen. Jawohl. Wie herrlich!«

Der junge Mann sprach russisch, rein und grammatikalisch richtig,

jedoch mit einem fremden Akzent, dessen Abstammung schwer zu bestimmen

war. In seinen Gesichtszügen lag etwas Asiatisches. Die lange, gebogene

Nase, die großen, hervortretenden, starren Augen, die dicken roten

Lippen, die eingedrückte Stirn, das pechschwarze Haar, – alles an ihm

bekundete die orientalische Abkunft.

Sein Name war Pandalewski und als seine Heimat gab er Odessa an,

obgleich er irgendwo in Weißrußland auf Kosten einer wohltätigen und

reichen Witwe erzogen worden war. Eine andere Witwe hatte ihm eine

Anstellung ausgewirkt. Überhaupt begünstigten ihn vorzugsweise Frauen

reiferen Alters: er verstand es, von ihnen zu erlangen, was er wollte.

Auch im gegenwärtigen Augenblick lebte er bei einer reichen

Gutsbesitzerin, Darja Michailowna Laßunski, als Pflegesohn oder

Kostgänger. Er war überaus freundlich, dienstbereit, gefühlvoll und im

geheimen sinnlich, hatte eine angenehme Stimme, spielte nicht schlecht

Klavier und pflegte jedermann, mit dem er sprach, starr anzublicken.

Seine Kleidung war sehr sauber und hielt bei ihm lange vor, sein

breites Kinn war sorgfältig rasiert und sein Haar stets glatt gekämmt.

Alexandra Pawlowna hörte seine Anrede bis zu Ende an und wandte sich

darauf zu ihrem Bruder.

»Heute begegne ich einem nach dem andern; soeben habe ich Leschnew

gesprochen.«

»Ah! wirklich!«

»Ja; und denke nur, er fuhr auf einer Reitdroschke, in einem linnenen

Sackkittel, ganz von Staub bedeckt … Ein wahrer Sonderling!«

»Mag sein! er ist aber ein prächtiger Mensch.«

»Was? Herr Leschnew?« fragte Pandalewski verwundert.

»Nun, Michael Michailitsch Leschnew,« erwiderte Wolinzow. »Indessen,

lebe wohl, Schwester: ich muß jetzt aufs Feld; es wird bei dir

Buchweizen gesät. Herr Pandalewski wird dich nach Hause begleiten.«

Und Wolinzow trabte davon.

»Mit dem größten Vergnügen!« rief Constantin Diomiditsch und bot

Alexandra Pawlowna seinen Arm.

Sie reichte ihm den ihrigen, und beide schlugen den Weg zum

herrschaftlichen Hause ein.

* * * * *

Arm in Arm mit Alexandra Pawlowna zu wandeln, erfüllte, wie es schien,

Constantin Diomiditsch mit Glück und Stolz; er machte nur kurze

Schritte, lächelte mit Behagen, und seine morgenländischen Augen

wurden feucht, was übrigens bei ihm nicht selten vorkam: es kostete

ihm wenig, gerührt zu werden und eine Träne fallen zu lassen. Und wem

wäre es wohl nicht angenehm, ein hübsches, junges und schmuckes Weib am

Arme zu führen? Von Alexandra Pawlowna sagte das ganze Gouvernement,

sie sei reizend, und das Gouvernement täuschte sich nicht. Schon ihr

gerades, unmerklich aufgeworfenes Näschen konnte jeden Sterblichen um

den Verstand bringen, wieviel mehr die sammetweichen, braunen Augen,

das goldblondene Haar und die Grübchen auf den vollen Wangen, ihrer

vielen anderen Vorzüge gar nicht zu gedenken. Das Beste an ihr war

jedoch der Ausdruck ihres lieblichen Gesichts: durch Zutraulichkeit,

Treuherzigkeit und Sanftmut rührte und zog es an. Alexandra Pawlowna

hatte den Blick und das Lachen eines Kindes; die Damen ihres Standes

fanden sie etwas einfach … Ließ sich wohl mehr wünschen?

»Darja Michailowna hätte Sie zu mir geschickt, sagten Sie?« fragte sie

Pandalewski.

»Gewiß, sie haben mich hergeschickt,« erwiderte er, und er sprach

dabei den Buchstaben s, wie die Engländer das th aus, »sie wünschten

durchaus und lassen inständig ersuchen, Sie wollten sie heute zu Mittag

besuchen. Sie erwarteten einen neuen Gast« (Pandalewski, wenn er von

einer dritten Person redete, gebrauchte in der Regel die Mehrzahl) »und

wünschten durchaus, daß Sie dessen Bekanntschaft machen.«

»Wer ist das?«

»Ein gewisser Muffel, ein Baron, Kammerjunker aus Petersburg. Darja

Michailowna haben ihn unlängst beim Fürsten Garin kennengelernt

und sind des Lobes über ihn voll, als über einen liebenswürdigen

und gebildeten jungen Mann. Der Herr Baron beschäftigen sich auch

mit Literatur, oder richtiger gesagt … ach, was für ein reizender

Schmetterling! bitte, betrachten Sie … oder richtiger gesagt, mit

politischer Ökonomie. Er hat einen Aufsatz über eine sehr interessante

Frage geschrieben – und wünscht ihn dem Urteil von Darja Michailowna zu

unterwerfen.«

»Einen Aufsatz über politische Ökonomie?«

»In bezug auf den Stil, Alexandra Pawlowna, in bezug auf den Stil.

Es ist Ihnen wohl, denke ich, bekannt, daß Darja Michailowna auch

hierauf sich versteht. Schukowski hat sie zu Rate gezogen und mein

Wohltäter, der in Odessa lebende, hochehrenwerte, großwürdige Roxolan

Mediarowitsch Xandrika … Der Name dieses Mannes ist Ihnen gewiß

bekannt?«

»Ganz und gar nicht, ich habe ihn noch nie gehört.«

»Haben von diesem Manne nichts gehört? Merkwürdig! Ich wollte sagen,

daß auch Roxolan Mediarowitsch jederzeit eine hohe Meinung von den

Kenntnissen Darja Michailownas in der russischen Sprache gehabt hat.«

»Ist jener Baron nicht ein Pedant?« fragte Alexandra Pawlowna.

»Nicht im geringsten; Darja Michailowna sagen, im Gegenteil, man

erkenne in ihm sogleich den Mann von Welt. Von Beethoven hat er mit

solcher Beredsamkeit gesprochen, daß sogar den alten Fürsten Entzücken

überkam … Das, muß ich gestehen, hätte ich gern mit angehört: das

schlägt ja in mein Fach. Darf ich Ihnen dieses herrliche Feldblümchen

anbieten?«

Alexandra Pawlowna nahm das Blümchen und ließ es, einige Schritte

weiter, auf den Weg fallen … Bis zu ihrem Hause hatte sie noch etwa

zweihundert Schritte, nicht mehr. Vor kurzem gebaut und weiß getüncht,

schaute es mit seinen breiten, hellen Fenstern einladend aus dem

dichten Laube alter Linden und Ahornbäume hervor.

»Was hätte ich also Darja Michailowna zu hinterbringen,« begann

Pandalewski von neuem, ein wenig beleidigt durch das Schicksal, welches

sein Blümchen betroffen hatte, »werden Sie sich zum Mittage hinbemühen?

Darja Michailowna lassen Ihren Bruder auch einladen.«

»Ja, wir werden kommen, ganz bestimmt. Was macht Natascha?«

»Natalia Alexejewna ist Gott sei Dank gesund … Doch wir sind an dem

Wege, welcher zum Gute Darja Michailownas führt, schon vorbei. Erlauben

Sie, daß ich Abschied nehme.«

Alexandra Pawlowna blieb stehen. »Sie wollen also nicht bei uns

vorsprechen?« fragte sie zögernd.

»Würde es herzlich gern tun, wenn ich nicht befürchtete, zu spät

zu kommen. Darja Michailowna haben gewünscht, eine neue Etüde von

Thalberg zu hören: da muß denn vorbereitet und einstudiert werden. Dann

aber, muß ich gestehen, bezweifle ich, daß meine Unterhaltung Ihnen

irgendwelches Vergnügen bereiten könnte.«

»Doch nein … warum aber …«

Pandalewski stieß einen Seufzer aus und senkte beredt den Blick.

»Auf Wiedersehen, Alexandra Pawlowna!« sagte er nach einigem Schweigen,

verbeugte sich und trat einen Schritt zurück.

Alexandra Pawlowna wandte sich um und ging nach Hause.

Auch Constantin Diomiditsch schlug den Rückweg ein. Alles Süßliche

war sogleich von seinem Gesicht verschwunden: ein selbstvertrauender,

ja harter Ausdruck hatte es ersetzt. Sein Gang sogar war ein anderer

geworden; er schritt jetzt rascher vorwärts und trat fester auf. Zwei

Werst mochte er gegangen sein, nachlässig die Luft mit seinem Stöckchen

zerteilend, als plötzlich das schmunzelnde Lächeln wiederkehrte: er

war hart am Wege ein junges, ziemlich hübsches Bauernmädchen gewahr

geworden, das Kälber aus einem Haferfelde hinaustrieb. Constantin

Diomiditsch näherte sich, vorsichtig wie ein Kater, dem Mädchen und

redete es an. Anfangs antwortete es nichts, wechselte die Farbe und

lachte vor sich hin, dann bedeckte es den Mund mit dem Ärmel, wandte

sich ab und sagte:

»Geh doch, Herr, wahrhaftig …«

Constantin Diomiditsch drohte ihr mit dem Finger und hieß sie ihm

Kornblumen holen.

»Wozu brauchst du Kornblumen? Willst du etwa Kränze flechten?«

erwiderte das Mädchen, »nun, so geh doch, aber wirklich …«

»Höre, mein schönes Liebchen,« begann wieder Constantin Diomiditsch …

»Nun geh aber endlich,« unterbrach ihn das Mädchen, »sieh, da kommen

die jungen Herren.«

Constantin Diomiditsch blickte sich um. Wirklich, auf dem Wege daher

kamen Wanja und Petja, die Söhne der Darja Michailowna; hinter ihnen

her schritt ihr Lehrer, Bassistow, ein junger Mann von zweiundzwanzig

Jahren, der eben erst seine Studien beendet hatte. Bassistow war ein

langer Bursche, mit gewöhnlichem Gesicht, großer Nase, starken Lippen

und kleinen Augen, unbeholfen, nicht hübsch, aber gut, ehrlich und

gerade. Er trug sich nachlässig, ließ sich das Haar wachsen, – nicht

um damit zu stolzieren, sondern aus Faulheit; – liebte zu essen und

zu schlafen, aber auch ein gutes Buch und anregende Unterhaltung;

Pandalewski haßte er von ganzer Seele.

Die Kinder der Darja Michailowna hatten Bassistow über alles lieb und

nicht die geringste Furcht vor ihm; mit den übrigen Hausgenossen stand

er auf vertrautem Fuße, was der Dame des Hauses gerade nicht gefiel,

obwohl sie oft behauptete, von Vorurteilen frei zu sein.

»Guten Tag, meine Lieben,« sagte Constantin Diomiditsch, »wie früh

ihr heute spazieren geht! Ich bin auch schon zeitig vom Hause

fortgegangen,« setzte er, zu Bassistow gewendet, hinzu; »meine

Leidenschaft ist’s, in der Natur zu schwelgen.«

»Wir haben es gesehen, wie Sie in der Natur schwelgen,« brummte

Bassistow.

»Sie sind ein Materialist: Sie sehen gleich in allem etwas … Ich kenne

Sie!«

Wenn Pandalewski mit Bassistow oder diesem ähnlichen Leuten redete,

so geriet er leicht in Eifer und sprach den Buchstaben s rein und oft

etwas pfeifend aus.

»Sie haben sich also wohl bei jenem Mädchen nach dem Wege erkundigt?«

sagte Bassistow, indem er den Blick bald rechts- bald linkshin

schweifen ließ.

Er empfand es, daß Pandalewski ihm starr ins Gesicht blickte, und das

war ihm äußerst peinlich.

»Ich wiederhole es, Sie sind ein Materialist und weiter nichts. Sie

wollen in allem durchaus nur die prosaische Seite sehen …

»Kinder,« kommandierte plötzlich Bassistow, »ihr seht auf der Wiese den

Weidenbusch: wir wollen doch sehen, wer am schnellsten dorthin läuft …

eins! zwei! drei!«

Und über Hals und Kopf rannten die Kinder zu der Weide.

Rudin(#75298) · 第 4 / 36 题