Aus der Dachluke zu klettern war so schwer nicht wie dieser Weg! --
Darauf nur war ich nicht gefaßt gewesen....
Ich hänge über dem Abgrund -- alles versunken, verschwunden -- O wär’
ich dort geblieben!
Warum sie um meinetwillen! -- Warum nicht der Verschuldete! --
Unfaßbare Vorsicht! -- Ich hätte Steine geklopft und gehungert ...!
Was hält mich noch aufrecht? -- Verbrechen folgt auf Verbrechen.
Ich bin dem Morast überantwortet. Nicht so viel Kraft mehr, um
abzuschließen ...
Ich war nicht schlecht! -- Ich war nicht schlecht! -- Ich war nicht
schlecht ...
-- So neiderfüllt ist noch kein Sterblicher über Gräber gewandelt.
-- Pah -- ich brächte ja den Mut nicht auf! -- O, wenn mich Wahnsinn
umfinge -- in dieser Nacht noch!
Ich muß drüben unter den Letzten suchen! -- Der Wind pfeift auf
jedem Stein aus einer anderen Tonart -- eine beklemmende Symphonie!
-- Die morschen Kränze reißen entzwei und baumeln an ihren langen
Fäden stückweise um die Marmorkreuze -- ein Wald von Vogelscheuchen!
-- Vogelscheuchen auf allen Gräbern, eine greulicher als die andere
-- haushohe, vor denen die Teufel Reißaus nehmen. -- Die goldenen
Lettern blinken so kalt.... Die Trauerweide ächzt auf und fährt mit
Riesenfingern über die Inschrift....
-- Ein betendes Engelskind -- Eine Tafel --
Eine Wolke wirft ihren Schatten herab. -- Wie das hastet und heult! --
Wie ein Heereszug jagt es im Osten empor. -- Kein Stern am Himmel --
Immergrün um das Gärtlein? -- Immergrün? -- -- Mädchen ...
[Illustration:
Hier ruht in Gott
Wendla Bergmann,
geboren am 5. Mai 1878,
gestorben an der Bleichsucht den
27. Oktober 1892.
Selig sind, die reinen Herzens sind ...
]
Und ich bin ihr Mörder. -- Ich bin ihr Mörder! -- Mir bleibt die
Verzweiflung. -- Ich darf hier nicht weinen. -- Fort von hier! -- Fort
--
=Moritz Stiefel=
(seinen Kopf unter dem Arm, stapft über die Gräber her)
Einen Augenblick, Melchior! Die Gelegenheit wiederholt sich so bald
nicht. Du ahnst nicht, was mit Ort und Stunde zusammenhängt....
=Melchior=
Wo kommst du her?!
=Moritz=
Von drüben -- von der Mauer her. Du hast mein Kreuz umgeworfen. Ich
liege an der Mauer. -- Gib mir die Hand, Melchior....
=Melchior=
Du bist _nicht_ Moritz Stiefel!
=Moritz=
Gib mir die Hand. Ich bin überzeugt, du wirst mir Dank wissen.
So leicht wird’s dir nicht mehr! Es ist ein seltsam glückliches
Zusammentreffen. -- Ich bin extra heraufgekommen....
=Melchior=
Schläfst du denn nicht?
=Moritz=
Nicht was ihr Schlafen nennt. -- Wir sitzen auf Kirchtürmen, auf hohen
Dachgiebeln -- wo immer wir wollen....
=Melchior=
Ruhelos?
=Moritz=
Vergnügungshalber. -- Wir streifen um Maibäume, um einsame
Waldkapellen. Über Volksversammlungen schweben wir hin, über
Unglücksstätten, Gärten, Festplätze. -- In den Wohnhäusern kauern wir
im Kamin und hinter den Bettvorhängen. -- Gib mir die Hand. -- Wir
verkehren nicht untereinander, aber wir sehen und hören alles, was in
der Welt vor sich geht. Wir wissen, daß alles Dummheit ist, was die
Menschen tun und erstreben, und lachen darüber.
=Melchior=
Was hilft das?
=Moritz=
Was braucht es zu helfen? -- Wir sind für nichts mehr erreichbar, nicht
für Gutes noch Schlechtes. Wir stehen hoch, hoch über dem Irdischen --
jeder für sich allein. Wir verkehren nicht miteinander, weil uns das zu
langweilig ist. Keiner von uns hegt noch etwas, das ihm abhanden kommen
könnte. Über Jammer oder Jubel sind wir gleich unermeßlich erhaben. Wir
sind mit uns zufrieden und das ist alles! -- Die Lebenden verachten wir
unsagbar, kaum daß wir sie bemitleiden. Sie erheitern uns mit ihrem
Getue, weil sie als Lebende tatsächlich nicht zu bemitleiden sind. Wir
lächeln bei ihren Tragödien -- jeder für sich -- und stellen unsere
Betrachtungen an. -- Gib mir die Hand! Wenn du mir die Hand gibst,
fällst du um vor Lachen über dem Empfinden, mit dem du mir die Hand
gibst....
=Melchior=
Ekelt dich das nicht an?
=Moritz=
Dazu stehen wir zu hoch. Wir lächeln! -- An meinem Begräbnis war ich
unter den Leidtragenden. Ich habe mich recht gut unterhalten. Das
ist Erhabenheit, Melchior! Ich habe geheult wie keiner, und schlich
zur Mauer, um mir vor Lachen den Bauch zu halten. Unsere unnahbare
Erhabenheit ist tatsächlich der einzige Gesichtspunkt, unter dem der
Quark sich verdauen läßt.... Auch über mich will man gelacht haben, eh’
ich mich aufschwang!
=Melchior=
-- Mich lüstet’s nicht, über mich zu lachen.
=Moritz=
... Die Lebenden sind als solche wahrhaftig nicht zu bemitleiden!
-- Ich gestehe, ich hätte es auch nie gedacht. Und jetzt ist es mir
unfaßbar, wie man so naiv sein kann. Jetzt durchschaue ich den Trug so
klar, daß auch nicht ein Wölkchen bleibt. -- Wie magst du nur zaudern,
Melchior! Gib mir die Hand! Im Halsumdrehen stehst du himmelhoch über
dir. -- Dein Leben ist Unterlassungssünde....
=Melchior=
-- Könnt ihr vergessen?
=Moritz=
Wir können alles. Gib mir die Hand! Wir können die Jugend bedauern, wie
sie ihre Bangigkeit für Idealismus hält, und das Alter, wie ihm vor
stoischer Überlegenheit das Herz brechen will. Wir sehen den Kaiser
vor Gassenhauern und den Lazzaroni vor der jüngsten Posaune beben.
Wir ignorieren die Maske des Komödianten und sehen den Dichter im
Dunkeln die Maske vornehmen. Wir erblicken den Zufriedenen in seiner
Bettelhaftigkeit, im Mühseligen und Beladenen den Kapitalisten. Wir
beobachten Verliebte und sehen sie voreinander erröten, ahnend, daß sie
betrogene Betrüger sind. Eltern sehen wir Kinder in die Welt setzen,
um ihnen zurufen zu können: Wie glücklich ihr seid, solche Eltern zu
haben! -- und sehen die Kinder hingehn und desgleichen tun. Wir können
die Unschuld in ihren einsamen Liebesnöten, die Fünfgroschendirne
über der Lektüre Schillers belauschen.... Gott und den Teufel sehen
wir sich voreinander blamieren und hegen in uns das durch nichts zu
erschütternde Bewußtsein, daß beide betrunken sind.... Eine Ruhe, eine
Zufriedenheit. Melchior --! Du brauchst mir nur den kleinen Finger zu
reichen. -- Schneeweiß kannst du werden, eh’ sich dir der Augenblick
wieder so günstig zeigt!
=Melchior=
-- Wenn ich einschlage, Moritz, so geschieht es aus Selbstverachtung.
-- Ich sehe mich geächtet. Was mir Mut verlieh, liegt im Grabe.
Edler Regungen vermag ich mich nicht mehr für würdig zu halten --
und erblicke nichts, nichts, das sich mir auf meinem Niedergang noch
entgegenstellen sollte. -- Ich bin mir die verabscheuungswürdigste
Kreatur des Weltalls....
=Moritz=
Was zauderst du ...?
(Ein vermummter Herr tritt auf)
=Der vermummte Herr= (zu Melchior)
Du bebst ja vor Hunger. Du bist gar nicht befähigt, zu urteilen. -- (Zu
Moritz) Gehen Sie.
=Melchior=
Wer sind Sie?
=Der vermummte Herr=
Das wird sich weisen. -- (Zu Moritz) Verschwinden Sie! -- Was haben Sie
hier zu tun! -- Warum haben Sie denn den Kopf nicht auf?
=Moritz=
Ich habe mich erschossen.
=Der vermummte Herr=
Dann bleiben Sie doch, wo Sie hingehören. Dann sind Sie ja vorbei!
Belästigen Sie uns hier nicht mit Ihrem Grabgestank. Unbegreiflich
-- sehen Sie doch nur Ihre Finger an. Pfui Teufel noch mal! Das
zerbröckelt schon.
=Moritz=
Schicken Sie mich bitte nicht fort....
=Melchior=
Wer sind Sie, mein Herr??
=Moritz=
Schicken Sie mich nicht fort! Ich bitte Sie. Lassen Sie mich hier noch
ein Weilchen teilnehmen; ich will Ihnen in nichts entgegensein. -- --
Es ist unten so schaurig.
=Der vermummte Herr=
Warum prahlen Sie denn dann mit _Erhabenheit_?! -- Sie wissen doch,
daß das Humbug ist -- saure Trauben! Warum _lügen_ Sie geflissentlich,
Sie -- Hirngespinst! -- -- Wenn Ihnen eine so schätzenswerte Wohltat
damit geschieht, so bleiben Sie meinetwegen. Aber hüten Sie sich
vor Windbeuteleien, lieber Freund -- und lassen Sie mir bitte Ihre
Leichenhand aus dem Spiel!
=Melchior=
Sagen Sie mir endlich, wer Sie sind, oder nicht?!
=Der vermummte Herr=
Nein. -- Ich mache dir den Vorschlag, dich mir anzuvertrauen. Ich würde
fürs erste für dein Fortkommen sorgen.
=Melchior=
Sie sind -- mein Vater?!
=Der vermummte Herr=
Würdest du deinen Herrn Vater nicht an der Stimme erkennen?
=Melchior=
Nein.
=Der vermummte Herr=
-- Dein Herr Vater sucht Trost zur Stunde in den kräftigen Armen
deiner Mutter. -- Ich erschließe dir die Welt. Deine momentane
Fassungslosigkeit entspringt deiner miserablen Lage. Mit einem warmen
Abendessen im Leib spottest du ihrer.
=Melchior= (für sich)
Es kann nur _einer_ der Teufel sein! -- (laut) Nach dem, was ich
verschuldet, kann mir ein warmes Abendessen meine Ruhe nicht
wiedergeben!
=Der vermummte Herr=
Es kommt auf das Abendessen an! -- So viel kann ich dir sagen, daß die
Kleine vorzüglich geboren hätte. Sie war musterhaft gebaut. Sie ist
lediglich den Abortivmitteln der Mutter Schmidtin erlegen. -- -- Ich
führe dich unter Menschen. Ich gebe dir Gelegenheit, deinen Horizont in
der fabelhaftesten Weise zu erweitern. Ich mache dich ausnahmslos mit
allem bekannt, was die Welt Interessantes bietet.
=Melchior=
Wer sind Sie? Wer sind Sie? -- Ich kann mich einem Menschen nicht
anvertrauen, den ich nicht kenne.
=Der vermummte Herr=
Du lernst mich nicht kennen, ohne dich mir anzuvertrauen.
=Melchior=
Glauben Sie?
=Der vermummte Herr=
Tatsache! -- Übrigens bleibt dir ja keine Wahl.
=Melchior=
Ich kann jeden Moment meinem Freunde hier die Hand reichen.
=Der vermummte Herr=
Dein Freund ist ein Scharlatan. Es lächelt keiner, der noch einen
Pfennig in bar besitzt. Der erhabene Humorist ist das erbärmlichste,
bedauernswerteste Geschöpf der Schöpfung!
=Melchior=
Sei der Humorist, was er sei; Sie sagen mir, wer Sie sind, oder ich
reiche dem Humoristen die Hand!
=Der vermummte Herr=
-- Nun?!
=Moritz=
Er hat recht, Melchior. Ich habe bramarbasiert. Laß dich von ihm
traktieren und nütz’ ihn aus. Mag er noch so vermummt sein -- er ist es
wenigstens!
=Melchior=
Glauben Sie an Gott?
=Der vermummte Herr=
Je nach Umständen.
=Melchior=
Wollen Sie mir sagen, wer das Pulver erfunden hat?
=Der vermummte Herr=
Berthold Schwarz -- alias Konstantin Anklitzen -- um 1330
Franziskanermönch zu Freiburg im Breisgau.
=Moritz=
Was gäbe ich darum, wenn er es hätte bleiben lassen!
=Der vermummte Herr=
Sie würden sich eben erhängt haben!
=Melchior=
Wie denken Sie über Moral?
=Der vermummte Herr=
Kerl -- bin ich dein Schulknabe?!
=Melchior=
Weiß ich, was Sie sind!!
=Moritz=
Streitet nicht! -- Bitte, streitet nicht. Was kommt dabei heraus! --
Wozu sitzen wir, zwei Lebendige und ein Toter, nachts um zwei Uhr hier
auf dem Kirchhof beisammen, wenn wir streiten wollen wie Saufbrüder!
-- Es soll mir ein Vergnügen sein, der Verhandlung mit beiwohnen zu
dürfen. -- Wenn ihr streiten wollt, nehme ich meinen Kopf unter den Arm
und gehe.
=Melchior=
Du bist immer noch derselbe Angstmeier!
=Der vermummte Herr=
Das Gespenst hat nicht Unrecht. Man soll seine Würde nicht außer
Acht lassen. -- Unter Moral verstehe ich das reelle Produkt zweier
imaginärer Größen. Die imaginären Größen sind _Sollen_ und _Wollen_.
Das Produkt heißt Moral und läßt sich in seiner Realität nicht leugnen.
=Moritz=
Hätten Sie mir das doch vorher gesagt! -- Meine Moral hat mich in den
Tod gejagt. Um meiner lieben Eltern willen griff ich zum Mordgewehr.
„Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest.“ An mir hat sich die
Schrift phänomenal blamiert.
=Der vermummte Herr=
Geben Sie sich keinen Illusionen hin, lieber Freund! Ihre lieben Eltern
wären so wenig daran gestorben wie Sie. Rigoros beurteilt würden sie ja
lediglich aus gesundheitlichem Bedürfnis getobt und gewettert haben.
=Melchior=
Das mag soweit ganz richtig sein. -- Ich kann Ihnen aber mit
Bestimmtheit sagen, mein Herr, daß, wenn ich Moritz vorhin ohne
weiteres die Hand gereicht hätte, einzig und allein meine Moral die
Schuld trüge.
=Der vermummte Herr=
Dafür bist du eben nicht Moritz!
=Moritz=
Ich glaube doch nicht, daß der Unterschied so wesentlich ist -- zum
mindesten nicht so zwingend, daß Sie nicht auch mir zufällig hätten
begegnen dürfen, verehrter _Unbekannter_, als ich damals, das Pistol in
der Tasche, durch die Erlenpflanzungen trabte.
=Der vermummte Herr=
Erinnern Sie sich meiner denn nicht? Sie standen doch wahrlich auch
im letzten Augenblick noch zwischen _Tod_ und _Leben_. -- Übrigens
ist hier meines Erachtens doch wohl nicht ganz der Ort, eine so
tiefgreifende Debatte in die Länge zu ziehen.
=Moritz=
Gewiß, es wird kühl, meine Herren! -- Man hat mir zwar meinen
Sonntagsanzug angezogen, aber ich trage weder Hemd noch Unterhosen.
=Melchior=
Leb wohl, lieber Moritz. Wo dieser Mensch mich hinführt, weiß ich
nicht. Aber er ist ein Mensch ...
=Moritz=
Laß mich’s nicht entgelten, Melchior, daß ich dich umzubringen suchte!
Es war alte Anhänglichkeit. -- Zeitlebens wollte ich nur klagen und
jammern dürfen, wenn ich dich nun noch einmal hinausbegleiten könnte!
=Der vermummte Herr=
Schließlich hat Jeder sein Teil -- _Sie_ das beruhigende Bewußtsein,
_nichts_ zu haben -- _du_ den enervirenden Zweifel an _allem_. -- Leben
Sie wohl.
=Melchior=
Leb wohl, Moritz! Nimm meinen herzlichen Dank dafür, daß du mir noch
erschienen. Wie manchen frohen ungetrübten Tag wir nicht miteinander
verlebt haben in den vierzehn Jahren! Ich verspreche dir, Moritz,
mag nun werden was will, mag ich in den kommenden Jahren zehnmal ein
Anderer werden, mag es aufwärts oder abwärts mit mir gehn, dich werde
ich nie vergessen ...
=Moritz=
Dank, dank, Geliebter.
=Melchior=
... und wenn ich einmal ein alter Mann in grauen Haaren bin, dann
stehst gerade du mir vielleicht wieder näher als alle Mitlebenden.
=Moritz=
Ich danke dir. -- Glück auf den Weg, meine Herren! -- Lassen Sie sich
nicht länger aufhalten.
=Der vermummte Herr=
Komm, Kind! -- (Er legt seinen Arm in denjenigen Melchiors und entfernt
sich mit ihm über die Gräber hin.)
=Moritz= (allein)
-- Da sitze ich nun mit meinem Kopf im Arm. -- -- Der Mond verhüllt
sein Gesicht, entschleiert sich wieder und sieht um kein Haar
gescheiter aus. -- -- So kehre ich denn zu meinem Plätzchen zurück,
richte mein Kreuz auf, das mir der Tollkopf so rücksichtslos
niedergestampft, und wenn alles in Ordnung, leg’ ich mich wieder auf
den Rücken, wärme mich an der Verwesung und lächle ...