Erste Szene

_Konferenzzimmer_. -- An den Wänden die Bildnisse von Pestalozzi und

J. J. Rousseau. Um einen grünen Tisch, über dem mehrere Gasflammen

brennen, sitzen die Professoren _Affenschmalz_, _Knüppeldick_,

_Hungergurt_, _Knochenbruch_, _Zungenschlag_ und _Fliegentod_. Am

oberen Ende auf erhöhtem Sessel Rektor _Sonnenstich_. Pedell _Habebald_

kauert neben der Tür.

=Sonnenstich=

....Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben? -- --

Meine Herren! -- Wenn wir nicht umhin können, bei einem hohen

Kultusministerium die Relegation unseres schuldbeladenen Schülers

zu beantragen, so können wir das aus den schwerwiegendsten Gründen

nicht. Wir können es nicht, um das bereits hereingebrochene Unglück

zu sühnen, wir können es eben so wenig, um unsere Anstalt für die

Zukunft vor ähnlichen Schlägen sicher zu stellen. Wir können es nicht,

um unseren schuldbeladenen Schüler für den demoralisirenden Einfluß,

den er auf seinen Klassengenossen ausgeübt, zu züchtigen; wir können

es zu allerletzt, um ihn zu verhindern, den nämlichen Einfluß auf

seine übrigen Klassengenossen auszuüben. Wir können es -- und der,

meine Herren, möchte der schwerwiegendste sein -- aus dem jeden

Einwand niederschlagenden Grunde nicht, weil wir unsere Anstalt vor

den Verheerungen einer Selbstmord-Epidemie zu schützen haben, wie sie

bereits an verschiedenen Gymnasien zum Ausbruch gelangt und bis heute

allen Mitteln, den Gymnasiasten an seine durch seine Heranbildung zum

Gebildeten gebildeten Existenzbedingungen zu fesseln, gespottet hat. --

-- Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben?

=Knüppeldick=

Ich kann mich nicht länger der Überzeugung verschließen, daß es endlich

an der Zeit wäre, irgendwo ein Fenster zu öffnen.

=Zungenschlag=

Es he-herrscht hier eine A-A-Atmosphäre wie in unterirdischen

Kata-Katakomben, wie in den A-Aktensälen des weiland Wetzlarer

Ka-Ka-Ka-Ka-Kammergerichtes.

=Sonnenstich=

Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Öffnen Sie ein Fenster! Wir haben Gott sei Dank Atmosphäre genug

draußen. -- Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben?

=Fliegentod=

Wenn meine Herren Kollegen ein Fenster öffnen lassen wollen, so habe

ich meinerseits nichts dagegen einzuwenden. Nur möchte ich bitten, das

Fenster nicht gerade hinter meinem Rücken öffnen lassen zu wollen!

=Sonnenstich=

Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Öffnen Sie das andere Fenster! -- -- Sollte einer der Herren noch etwas

zu bemerken haben?

=Hungergurt=

Ohne die Kontroverse meinerseits belasten zu wollen, möchte ich an

die Tatsache erinnern, daß das andere Fenster seit den Herbstferien

zugemauert ist.

=Sonnenstich=

Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Lassen Sie das andere Fenster geschlossen! -- Ich sehe mich genötigt,

meine Herren, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Ich ersuche

diejenigen Herren Kollegen, die dafür sind, daß das einzig in Frage

kommen könnende Fenster geöffnet werde, sich von ihren Sitzen zu

erheben. (Er zählt) -- Eins, zwei, drei. -- Eins, zwei drei. --

Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Lassen Sie das eine Fenster gleichfalls geschlossen! -- Ich meinerseits

hege die Überzeugung, daß die Atmosphäre nichts zu wünschen übrig

läßt! -- -- Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben?

-- -- Meine Herren! -- Setzen wir den Fall, daß wir die Relegation

unseres schuldbeladenen Schülers bei einem hohen Kultusministerium

zu beantragen unterlassen, so wird _uns_ ein hohes Kultusministerium

für das hereingebrochene Unglück verantwortlich machen. Von den

verschiedenen von der Selbstmord-Epidemie heimgesuchten Gymnasien

sind diejenigen, in denen fünfundzwanzig Prozent den Verheerungen

der Selbstmord-Epidemie zum Opfer gefallen, von einem hohen

Kultusministerium suspendiert worden. Vor diesem erschütterndsten

Schlage unsere Anstalt zu wahren, ist unsere Pflicht als Hüter und

Bewahrer unserer Anstalt. Es schmerzt uns tief, meine Herren Kollegen,

daß wir die sonstige Qualifikation unseres schuldbeladenen Schülers

als mildernden Umstand gelten zu lassen nicht in der Lage sind. Ein

nachsichtiges Verfahren, das sich unserem schuldbeladenen Schüler

gegenüber rechtfertigen ließe, ließe sich der zur Zeit in denkbar

bedenklichster Weise gefährdeten Existenz unserer Anstalt gegenüber

_nicht_ rechtfertigen. Wir sehen uns in die Notwendigkeit versetzt, den

Schuldbeladenen zu richten, um nicht als die Schuldlosen gerichtet zu

werden. -- Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Führen Sie ihn herauf!

(Habebald ab.)

=Zungenschlag=

Wenn die he-herrschende A-A-Atmosphäre maßgebenderseits wenig

oder nichts zu wünschen übrig läßt, so möchte ich den Antrag

stellen, während der So-Sommerferien auch noch das andere Fenster

zu-zu-zu-zu-zu-zu-zu-zu-zuzumauern!

=Fliegentod=

Wenn unserem lieben Kollega Zungenschlag unser Lokal nicht genügend

ventiliert erscheint, so möchte ich den Auftrag stellen, unserm

lieben Herrn Kollega Zungenschlag einen Ventilator in die Stirnhöhle

applizieren zu lassen.

=Zungenschlag=

Da-da-das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen! -- Gro-Grobheiten

brauche ich mir nicht gefallen zu lassen! -- Ich bin meiner

fü-fü-fü-fü-fünf Sinne mächtig ...!

=Sonnenstich=

Ich muß unsere Herren Kollegen Fliegentod und Zungenschlag um einigen

Anstand ersuchen. Unser schuldbeladener Schüler scheint mir bereits auf

der Treppe zu sein.

(Habebald öffnet die Türe, worauf _Melchior_, bleich aber gefaßt, vor

die Versammlung tritt.)

=Sonnenstich=

Treten Sie näher an den Tisch heran! -- Nachdem Herr Rentier Stiefel

von dem ruchlosen Frevel seines Sohnes Kenntnis erhalten, durchsuchte

der fassungslose Vater, in der Hoffnung, auf diesem Wege möglicherweise

dem Anlaß der verabscheuungswürdigen Untat auf die Spur zu kommen, die

hinterlassenen Effekten seines Sohnes Moritz und stieß dabei an einem

nicht zur Sache gehörigen Orte auf ein Schriftstück, welches uns ohne

noch die verabscheuungswürdige Untat an sich verständlich zu machen,

für die dabei maßgebend gewesene moralische Zerrüttung des Untäters

eine leider nur allzu ausreichende Erklärung liefert. Es handelt sich

um eine in Gesprächsform abgefaßte, „_Der Beischlaf_“ betitelte, mit

lebensgroßen Abbildungen versehene, von den schamlosesten Unfläthereien

strotzende, zwanzig Seiten lange Abhandlung, die den geschraubtesten

Anforderungen, die ein verworfener Lüstling an eine unzüchtige Lektüre

zu stellen vermöchte, entsprechen dürfte. --

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben sich ruhig zu verhalten! -- Nachdem Herr Rentier Stiefel

uns fragliches Schriftstück ausgehändigt und wir dem fassungslosen

Vater das Versprechen erteilt, um jeden Preis den Autor zu ermitteln,

wurde die uns vorliegende Handschrift mit den Handschriften sämtlicher

Mitschüler des weiland Ruchlosen verglichen und ergab nach dem

einstimmigen Urteil der gesamten Lehrerschaft, sowie in vollkommenem

Einklang mit dem Spezial-Gutachten unseres geschätzten Herrn Kollegen

für Kalligraphie die denkbar bedenklichste Ähnlichkeit mit der

_Ihrigen_. --

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben sich ruhig zu verhalten! -- Ungeachtet der erdrückenden

Tatsache der von Seiten unantastbarer Autoritäten anerkannten

Ähnlichkeit glauben wir uns vorderhand noch jeder weiteren Maßnahmen

enthalten zu dürfen, um in erster Linie den Schuldigen über das

ihm demgemäß zur Last fallende Vergehen wider die Sittlichkeit in

Verbindung mit daraus resultierender Veranlassung zur Selbstentleibung

ausführlich zu vernehmen. --

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben die genau präzisierten Fragen, die ich Ihnen der Reihe nach

vorlege, eine um die andere, mit einem schlichten und bescheidenen „Ja“

oder „Nein“ zu beantworten. -- Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Die Akten! -- -- Ich ersuche unseren Schriftführer, Herrn Kollega

Fliegentod, von nun an möglichst wortgetreu zu protokollieren. -- (Zu

Melchior) Kennen Sie dieses Schriftstück?

=Melchior=

Ja.

=Sonnenstich=

Wissen Sie, was dieses Schriftstück enthält?

=Melchior=

Ja.

=Sonnenstich=

Ist die Schrift dieses Schriftstücks die Ihrige?

=Melchior=

Ja.

=Sonnenstich=

Verdankt dieses unflätige Schriftstück Ihnen seine Abfassung?

=Melchior=

Ja. -- Ich ersuche Sie, Herr Rektor, mir _eine_ Unflätigkeit darin

nachzuweisen.

=Sonnenstich=

Sie haben die genau präzisierten Fragen, die ich Ihnen vorlege, mit

einem schlichten und bescheidenen „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten!

=Melchior=

Ich habe nicht mehr und nicht weniger geschrieben, als was eine Ihnen

sehr wohlbekannte Tatsache ist!

=Sonnenstich=

Dieser Schandbube!!

=Melchior=

Ich ersuche Sie, mir einen Verstoß gegen die Sittlichkeit in der

Schrift zu zeigen!

=Sonnenstich=

Bilden Sie sich ein, ich hätte Lust, zu Ihrem Hanswurst an Ihnen zu

werden?! -- Habebald ...!

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben so wenig Ehrerbietung vor der Würde Ihrer versammelten

Lehrerschaft, wie Sie Anstandsgefühl für das dem Menschen eingewurzelte

Empfinden für die Diskretion der Verschämtheit einer sittlichen

Weltordnung haben! -- Habebald!!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Es ist ja der _Langenscheidt_ zur dreistündigen Erlernung des

aggluttierenden Volapük!

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Ich ersuche unseren Schriftführer, Herrn Kollega Fliegentod, das

Protokoll zu schließen!

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben sich ruhig zu verhalten!! -- Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Führen Sie Ihn hinunter!

Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie · 第 32 / 59 题