Siebente Szene

_Abenddämmerung_. Der Himmel ist leicht bewölkt. Der Weg schlängelt

sich durch niedres Gebüsch und Riedgras. In einiger Entfernung hört man

den Fluß rauschen.

=Moritz=

Besser ist besser. -- Ich passe nicht hinein. Mögen sie einander auf

die Köpfe steigen. -- Ich ziehe die Tür hinter mir zu und trete ins

Freie. -- Ich gebe nicht so viel darum, mich herumdrücken zu lassen.

Ich habe mich nicht aufgedrängt. Was soll ich mich jetzt aufdrängen!

-- Ich habe keinen Vertrag mit dem lieben Gott. Mag man die Sache

drehen, wie man sie drehen will. Man hat mich gepreßt. -- Meine Eltern

mache ich nicht verantwortlich. Immerhin mußten sie auf das Schlimmste

gefaßt sein. Sie waren alt genug, um zu wissen, was sie taten. Ich war

ein Säugling, als ich zur Welt kam -- sonst wär’ ich wohl auch noch so

schlau gewesen, ein anderer zu werden. -- Was soll ich dafür büßen, daß

alle andern schon da waren!

Ich müßte ja auf den Kopf gefallen sein ... macht mir jemand einen

tollen Hund zum Geschenk, dann gebe ich ihm seinen tollen Hund zurück.

Und will er seinen tollen Hund nicht zurücknehmen, dann bin ich

menschlich und ...

Ich müßte ja auf den Kopf gefallen sein!

Man wird ganz per Zufall geboren und sollte nicht nach reiflichster

Überlegung -- -- -- es ist zum Totschießen!

-- Das Wetter zeigt sich wenigstens rücksichtsvoll. Den ganzen Tag sah

es nach Regen aus und nun hat es sich doch gehalten. -- Es herrscht

eine seltene Ruhe in der Natur. Nirgends etwas Grelles, Aufreizendes.

Himmel und Erde sind wie durchsichtiges Spinnewebe. Und dabei scheint

sich alles so wohl zu fühlen. Die Landschaft ist lieblich wie eine

Schlummermelodie -- „_schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein_“, wie

Fräulein _Snandulia_ sang. Schade, daß sie die Ellbogen ungraziös hält!

-- Am Cäcilienfest habe ich zum letzten Male getanzt. _Snandulia_ tanzt

nur mit Partien. Ihre Seidenrobe war hinten und vorn ausgeschnitten.

Hinten bis auf den Taillengürtel und vorne bis zur Bewußtlosigkeit. --

Ein Hemd kann sie nicht angehabt haben ... -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- --

-- das wäre etwas, was mich noch fesseln könnte. -- Mehr der Kuriosität

halber. -- Es muß ein sonderbares Empfinden sein -- -- ein Gefühl, als

würde man über Stromschnellen gerissen -- -- -- Ich werde es niemandem

sagen, daß ich unverrichteter Sache wiederkehre. Ich werde so tun, als

hätte ich alles das mitgemacht ... Es hat etwas Beschämendes, Mensch

gewesen zu sein, ohne das Menschlichste kennen gelernt zu haben. -- Sie

kommen aus _Ägypten_, verehrter Herr, und haben die _Pyramiden_ nicht

gesehn?!

Ich will heute nicht wieder weinen. Ich will nicht wieder an mein

Begräbnis denken -- -- _Melchior_ wird mir einen Kranz auf den

Sarg legen. Pastor _Kahlbauch_ wird meine Eltern trösten. Rektor

_Sonnenstich_ wird Beispiele aus der Geschichte zitieren. -- Einen

Grabstein werd’ ich ja wahrscheinlich nicht bekommen. Ich hätte mir

eine schneeweiße Marmorurne auf schwarzem Syenitsockel gewünscht --

ich werde sie ja gottlob nicht vermissen. Die Denkmäler sind für die

Lebenden, nicht für die Toten.

Ich brauchte wohl ein Jahr, um in Gedanken von allem Abschied zu

nehmen. Ich will nicht wieder weinen. Ich bin so froh, ohne Bitterkeit

zurückblicken zu dürfen. Wie manchen schönen Abend ich mit _Melchior_

verlebt habe! -- unter den Uferweiden; beim Forsthaus; am Heerweg

draußen, wo die fünf Linden stehen; auf dem Schloßberg, zwischen den

lauschigen Trümmern der Runenburg -- -- -- Wenn die Stunde gekommen,

will ich aus Leibeskräften an Schlagsahne denken. Schlagsahne hält

nicht auf. Sie stopft und hinterläßt dabei doch einen angenehmen

Nachgeschmack ... Auch die Menschen hatte ich mir unendlich schlimmer

gedacht. Ich habe keinen gefunden, der nicht sein Bestes gewollt hätte.

Ich habe manchen bemitleidet um meinetwillen.

Ich wandle zum Altar wie der Jüngling im alten Etrurien, dessen letztes

Röcheln der Brüder Wohlergehen für das kommende Jahr erkauft. -- Ich

durchkoste Zug für Zug die geheimnisvollen Schauer der Loslösung. Ich

schluchze vor Wehmut über mein Los. -- -- Das Leben hat mir die kalte

Schulter gezeigt. Von drüben her sehe ich ernste freundliche Blicke

winken: die kopflose Königin, die kopflose Königin -- Mitgefühl, mich

mit weichen Armen erwartend ... Eure Gebote gelten für Unmündige; ich

trage mein Freibillett in mir. Sinkt die Schale, dann flattert der

Falter davon; das Trugbild geniert nicht mehr. -- Ihr solltet kein

tolles Spiel mit dem Schwindel treiben! Der Nebel zerrinnt; das Leben

ist Geschmacksache.

=Ilse=

(in abgerissenen Kleidern, ein buntes Tuch um den Kopf, faßt ihn von

rückwärts an der Schulter)

Was hast du verloren?

=Moritz=

Ilse?!

=Ilse=

Was suchst du hier?

=Moritz=

Was erschreckst du mich so?

=Ilse=

Was suchst du? -- Was hast du verloren?

=Moritz=

Was erschreckst du mich denn so entsetzlich?

=Ilse=

Ich komme aus der Stadt. -- Ich gehe nach Hause.

=Moritz=

Ich weiß nicht, was ich verloren habe.

=Ilse=

Dann hilft auch dein Suchen nichts.

=Moritz=

Sakerment, Sakerment!!

=Ilse=

Seit vier Tagen bin ich nicht zu Hause gewesen.

=Moritz=

-- Lautlos wie eine Katze!

=Ilse=

Weil ich meine Ballschuhe anhabe. -- Mutter wird Augen machen! -- Komm

bis an unser Haus mit!

=Moritz=

Wo hast du wieder herumgestrolcht?

=Ilse=

In der _Priapia_!

=Moritz=

_Priapia_?

=Ilse=

Bei _Nohl_, bei _Fehrendorf_, bei _Padinsky_, bei _Lenz_, _Rank_,

_Spühler_ -- bei allen möglichen! -- Kling, kling -- die wird springen!

=Moritz=

Malen sie dich?

=Ilse=

_Fehrendorf_ malt mich als Säulenheilige. Ich stehe auf einem

korinthischen Kapitäl. _Fehrendorf_, sag’ ich dir, ist eine verhauene

Nudel. Das letzte Mal zertrat ich ihm eine Tube. Er wischt mir die

Pinsel ins Haar. Ich versetze ihm eine Ohrfeige. Er wirft mir die

Palette an den Kopf. Ich werfe die Staffelei um. Er mit dem Malstock

hinter mir drein über Divan, Tische, Stühle, ringsum durchs Atelier.

Hinterm Ofen lag eine Skizze: -- Brav sein, oder ich zerreiße sie! --

Er schwor Amnestie und hat mich dann schließlich noch schrecklich --

schrecklich, sag’ ich dir -- abgeküßt.

=Moritz=

Wo übernachtest du, wenn du in der Stadt bleibst?

=Ilse=

Gestern waren wir bei _Nohl_ -- vorgestern bei _Bojokewitsch_ -- am

Sonntag bei _Oikonomopulos_. Bei _Padinsky_ gab’s Sekt. _Valabregez_

hatte seinen Pestkranken verkauft. _Adolar_ trank aus dem Aschenbecher.

_Lenz_ sang die _Kindsmörderin_, und _Adolar_ schlug die Guitarre

krumm. Ich war so betrunken, daß sie mich zu Bett bringen mußten. -- --

Du gehst immer noch zur Schule, Moritz?

=Moritz=

Nein, nein ... dieses Quartal nehme ich meine Entlassung.

=Ilse=

Du hast Recht. Ach, wie die Zeit vergeht, wenn man Geld verdient! --

Weißt du noch, wie wir _Räuber_ spielten? -- _Wendla Bergmann_ und

du und ich und die Andern, wenn ihr abends herauskamt und kuhwarme

Ziegenmilch bei uns trankt? -- Was macht _Wendla_? Ich sah sie noch bei

der Überschwemmung. -- Was macht _Melchi Gabor_? -- Schaut er noch so

tiefsinnig drein? -- In der Singstunde standen wir einander gegenüber.

=Moritz=

Er philosophiert.

=Ilse=

_Wendla_ war derweil bei uns und hat der Mutter Eingemachtes gebracht.

Ich saß den Tag bei Isidor Landauer. Er braucht mich zur heiligen

Maria, Mutter Gottes, mit dem Christuskind. Er ist ein Tropf und

widerlich. Hu, wie ein Wetterhahn! -- Hast du Katzenjammer?

=Moritz=

Von gestern Abend! -- Wir haben wie Nilpferde gezecht. Um fünf Uhr

wankt’ ich nach Hause.

=Ilse=

Man braucht dich nur anzusehn. -- Waren Mädchen dabei?

=Moritz=

Arabella, die Biernymphe, Andalusierin! -- Der Wirt ließ uns Alle die

ganze Nacht durch mit ihr allein.

=Ilse=

Man braucht dich nur anzusehen, Moritz! -- Ich kenne keinen

Katzenjammer. Vergangenen Karneval kam ich drei Tage und drei Nächte in

kein Bett und nicht aus den Kleidern. Von der Redoute ins Café, Mittags

in Bellavista, Abends Tingl-Tangl, Nachts zur Redoute. _Lena_ war dabei

und die dicke _Viola_. -- In der dritten Nacht fand mich _Heinrich_.

=Moritz=

Hatte er dich denn gesucht?

=Ilse=

Er war über meinen Arm gestolpert. Ich lag bewußtlos im Straßenschnee.

-- Darauf kam ich zu ihm hin. Vierzehn Tage verließ ich seine Behausung

nicht -- eine gräuliche Zeit! -- Morgens mußte ich seinen persischen

Schlafrock überwerfen und abends in schwarzem Pagenkostüm durchs Zimmer

gehn; an Hals, an Knien und Ärmeln weiße Spitzenaufschläge. Täglich

photographierte er mich in anderem Arrangement -- einmal auf der

Sofalehne als Ariadne, einmal als Leda, einmal als Ganymed, einmal auf

allen Vieren als weiblichen Nebuchod-Nosor. Dabei schwärmte er von

Umbringen, von Erschießen, Selbstmord und Kohlendampf. Frühmorgens nahm

er eine Pistole ins Bett, lud sie voll Spitzkugeln und setzte sie mir

auf die Brust: Ein Zwinkern, so drück’ ich! -- O, er hätte gedrückt,

Moritz; er hätte gedrückt! -- Dann nahm er das Dings in den Mund wie

ein Pusterohr. Das wecke den Selbsterhaltungstrieb. Und dann -- Brrrr

-- die Kugel wäre mir durchs Rückgrat gegangen.

=Moritz=

Lebt _Heinrich_ noch?

=Ilse=

Was weiß ich! -- Über dem Bett war ein Deckenspiegel im Plafond

eingelassen. Das Kabinet schien turmhoch und hell wie ein Opernhaus.

Man sah sich leibhaftig vom Himmel herunterhängen. Grauenvoll habe ich

die Nächte geträumt. -- Gott, o Gott, wenn es erst wieder Tag würde! --

Gute Nacht, Ilse. Wenn du schläfst, bist du zum Morden schön!

=Moritz=

Lebt dieser _Heinrich_ noch?

=Ilse=

So Gott will, nicht! -- Wie er eines Tages Absynth holt, werfe ich den

Mantel um und schleiche mich auf die Straße. Der Fasching war aus; die

Polizei fängt mich ab; was ich in Mannskleidern wolle? -- Sie brachten

mich zur Hauptwache. Da kamen _Nohl_, _Fehrendorf_, _Padinsky_,

_Spühler_, _Oikonomopulos_, die ganze _Priapia_, und bürgten für mich.

Im Fiaker transportierten sie mich auf _Adolars_ Atelier. Seither bin

ich der Horde treu. _Fehrendorf_ ist ein Affe, _Nohl_ ist ein Schwein,

_Bojokewitsch_ ein Uhu, _Loison_ eine Hyäne, _Oikonomopulos_ ein Kameel

-- darum lieb’ ich sie doch Einen wie den Andern und möchte mich an

sonst niemand hängen, und wenn die Welt voll Erzengel und Millionäre

wär’!

=Moritz=

-- Ich muß zurück, Ilse.

=Ilse=

Komm bis an unser Haus mit!

=Moritz=

-- Wozu? -- Wozu? --

=Ilse=

Kuhwarme Ziegenmilch trinken! -- Ich will dir Locken brennen und

dir ein Glöcklein um den Hals hängen. -- Wir haben auch noch ein

Hü-Pferdchen, mit dem du spielen kannst.

=Moritz=

Ich muß zurück. -- Ich habe noch die Sassaniden, die Bergpredigt und

das Parallelepipedon auf dem Gewissen. -- Gute Nacht, Ilse!

=Ilse=

Schlummre süß! ... Geht ihr wohl noch zum _Wigwam_ hinunter, wo _Melchi

Gabor_ mein Tomahawk begrub? -- Brrr! Bis es an euch kommt, lieg’ ich

im Kehricht. (Eilt davon.)

=Moritz= (allein)

-- -- -- Ein Wort hätte es gekostet. -- (Er ruft) -- Ilse! -- Ilse! --

-- Gottlob sie hört nicht mehr.

-- Ich bin in der Stimmung nicht. -- Dazu bedarf es eines freien Kopfes

und eines fröhlichen Herzens. -- Schade, schade um die Gelegenheit!

... ich werde sagen, ich hätte mächtige Kristallspiegel über meinen

Betten gehabt -- hätte mir ein unbändiges Füllen gezogen -- hätte es

in langen schwarzseidenen Strümpfen und schwarzen Lackstiefeln und

schwarzen, langen Glacé-Handschuhen, schwarzen Samt um den Hals,

über den Teppich an mir vorbeistolzieren lassen -- hätte es in einem

Wahnsinnsanfall in meinen Kissen erwürgt ... ich werde lächeln wenn von

Wollust die Rede ist ... ich werde --

_Aufschreien! -- Aufschreien! -- Du sein, Ilse! -- Priapia! --

Besinnungslosigkeit! -- Das nimmt die Kraft mir! -- Dieses Glückskind,

dieses Sonnenkind -- dieses Freudenmädchen auf meinem Jammerweg! -- --

O! -- O!_

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

(Im Ufergebüsch)

Hab’ ich sie doch unwillkürlich wiedergefunden -- die Rasenbank. Die

Königskerzen scheinen gewachsen seit gestern. Der Ausblick zwischen

den Weiden durch ist derselbe noch. -- Der Fluß zieht schwer wie

geschmolzenes Blei. Daß ich nicht vergesse ... (er zieht Frau Gabors

Brief aus der Tasche und verbrennt ihn) -- Wie die Funken irren -- hin

und her, kreuz und quer -- Seelen! -- Sternschnuppen! --

Eh’ ich angezündet, sah man die Gräser noch und einen Streifen am

Horizont. -- Jetzt ist es dunkel geworden. Jetzt gehe ich nicht mehr

nach Hause.

Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie · 第 30 / 59 题