=Frau Gabor=
(sitzt, schreibt):
Lieber Herr Stiefel!
Nachdem ich 24 Stunden über alles, was Sie mir schreiben, nachgedacht
und wieder nachgedacht, ergreife ich schweren Herzens die Feder.
Den Betrag zur Überfahrt nach Amerika kann ich Ihnen -- ich gebe
Ihnen meine heiligste Versicherung -- _nicht_ verschaffen. Erstens
habe ich so viel nicht zu meiner Verfügung, und zweitens, wenn ich
es hätte, wäre es die denkbar größte Sünde, Ihnen die Mittel zur
Ausführung einer so folgenschweren Unbedachtsamkeit an die Hand zu
geben. Bitter Unrecht würden Sie mir tun, Herr Stiefel, in dieser
meiner Weigerung ein Zeichen mangelnder Liebe zu erblicken. Es wäre
umgekehrt die gröbste Verletzung meiner Pflicht als Ihre mütterliche
Freundin, wollte ich mich durch Ihre momentane Fassungslosigkeit dazu
bestimmen lassen, nun auch meinerseits den Kopf zu verlieren und
meinen ersten nächstliegenden Impulsen blindlings nachzugeben. Ich bin
gern bereit -- falls Sie es wünschen -- an Ihre Eltern zu schreiben.
Ich werde Ihre Eltern davon zu überzeugen suchen, daß Sie im Laufe
dieses Quartals getan haben, was Sie tun konnten, daß Sie Ihre Kräfte
erschöpft, derart, daß eine rigorose Beurteilung Ihres Geschickes nicht
nur ungerechtfertigt wäre, sondern in erster Linie im höchsten Grade
nachteilig auf Ihren geistigen und körperlichen Gesundheitszustand
wirken könnte.
Daß Sie mir andeutungsweise drohen, im Fall Ihnen die Flucht nicht
ermöglicht wird, sich das Leben nehmen zu wollen, hat mich, offen
gesagt, Herr Stiefel, etwas befremdet. Sei ein Unglück noch so
unverschuldet, man sollte sich nie und nimmer zur Wahl unlauterer
Mittel hinreißen lassen. Die Art und Weise, wie Sie mich, die ich Ihnen
stets nur Gutes erwiesen, für einen eventuellen entsetzlichen Frevel
Ihrerseits verantwortlich machen wollen, hat etwas, das in den Augen
eines _schlecht_denkenden Menschen gar zu leicht zum Erpressungsversuch
werden könnte. Ich muß gestehen, daß ich mir dieses Vorgehens von
Ihnen, der Sie doch sonst so gut wissen, was man sich selber schuldet,
zu allerletzt gewärtig gewesen wäre. Indessen hege ich die feste
Überzeugung, daß Sie noch zu sehr unter dem Eindruck des ersten
Schreckens standen, um sich Ihrer Handlungsweise vollkommen bewußt
werden zu können.
Und so hoffe ich denn auch zuversichtlich, daß diese meine Worte
Sie bereits in gefaßterer Gemütsstimmung antreffen. Nehmen Sie die
Sache, wie sie liegt. Es ist meiner Ansicht nach durchaus unzulässig,
einen jungen Mann nach seinen Schulzeugnissen zu beurteilen. Wir
haben zu viele Beispiele, daß sehr schlechte Schüler vorzügliche
Menschen geworden und umgekehrt ausgezeichnete Schüler sich im Leben
nicht sonderlich bewährt haben. Auf jeden Fall gebe ich Ihnen die
Versicherung, daß Ihr Mißgeschick, soweit das von mir abhängt, in Ihrem
Verkehr mit _Melchior_ nichts ändern soll. Es wird mir stets zur Freude
gereichen, meinen Sohn mit einem jungen Manne umgehn zu sehen, der
sich, mag ihn nun die Welt beurteilen wie sie will, auch meine vollste
Sympathie zu gewinnen vermochte.
Und somit Kopf hoch, Herr Stiefel! -- Solche Krisen dieser oder jener
Art treten an jeden von uns heran und wollen eben überstanden sein.
Wollte da ein jeder gleich zu Dolch und Gift greifen, es möchte recht
bald keine Menschen mehr auf der Welt geben. Lassen Sie bald wieder
etwas von sich hören und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrer Ihnen
unverändert zugetanen
mütterlichen Freundin
Fanny G.