Fünfte Szene

=Frau Gabor=

(sitzt, schreibt):

Lieber Herr Stiefel!

Nachdem ich 24 Stunden über alles, was Sie mir schreiben, nachgedacht

und wieder nachgedacht, ergreife ich schweren Herzens die Feder.

Den Betrag zur Überfahrt nach Amerika kann ich Ihnen -- ich gebe

Ihnen meine heiligste Versicherung -- _nicht_ verschaffen. Erstens

habe ich so viel nicht zu meiner Verfügung, und zweitens, wenn ich

es hätte, wäre es die denkbar größte Sünde, Ihnen die Mittel zur

Ausführung einer so folgenschweren Unbedachtsamkeit an die Hand zu

geben. Bitter Unrecht würden Sie mir tun, Herr Stiefel, in dieser

meiner Weigerung ein Zeichen mangelnder Liebe zu erblicken. Es wäre

umgekehrt die gröbste Verletzung meiner Pflicht als Ihre mütterliche

Freundin, wollte ich mich durch Ihre momentane Fassungslosigkeit dazu

bestimmen lassen, nun auch meinerseits den Kopf zu verlieren und

meinen ersten nächstliegenden Impulsen blindlings nachzugeben. Ich bin

gern bereit -- falls Sie es wünschen -- an Ihre Eltern zu schreiben.

Ich werde Ihre Eltern davon zu überzeugen suchen, daß Sie im Laufe

dieses Quartals getan haben, was Sie tun konnten, daß Sie Ihre Kräfte

erschöpft, derart, daß eine rigorose Beurteilung Ihres Geschickes nicht

nur ungerechtfertigt wäre, sondern in erster Linie im höchsten Grade

nachteilig auf Ihren geistigen und körperlichen Gesundheitszustand

wirken könnte.

Daß Sie mir andeutungsweise drohen, im Fall Ihnen die Flucht nicht

ermöglicht wird, sich das Leben nehmen zu wollen, hat mich, offen

gesagt, Herr Stiefel, etwas befremdet. Sei ein Unglück noch so

unverschuldet, man sollte sich nie und nimmer zur Wahl unlauterer

Mittel hinreißen lassen. Die Art und Weise, wie Sie mich, die ich Ihnen

stets nur Gutes erwiesen, für einen eventuellen entsetzlichen Frevel

Ihrerseits verantwortlich machen wollen, hat etwas, das in den Augen

eines _schlecht_denkenden Menschen gar zu leicht zum Erpressungsversuch

werden könnte. Ich muß gestehen, daß ich mir dieses Vorgehens von

Ihnen, der Sie doch sonst so gut wissen, was man sich selber schuldet,

zu allerletzt gewärtig gewesen wäre. Indessen hege ich die feste

Überzeugung, daß Sie noch zu sehr unter dem Eindruck des ersten

Schreckens standen, um sich Ihrer Handlungsweise vollkommen bewußt

werden zu können.

Und so hoffe ich denn auch zuversichtlich, daß diese meine Worte

Sie bereits in gefaßterer Gemütsstimmung antreffen. Nehmen Sie die

Sache, wie sie liegt. Es ist meiner Ansicht nach durchaus unzulässig,

einen jungen Mann nach seinen Schulzeugnissen zu beurteilen. Wir

haben zu viele Beispiele, daß sehr schlechte Schüler vorzügliche

Menschen geworden und umgekehrt ausgezeichnete Schüler sich im Leben

nicht sonderlich bewährt haben. Auf jeden Fall gebe ich Ihnen die

Versicherung, daß Ihr Mißgeschick, soweit das von mir abhängt, in Ihrem

Verkehr mit _Melchior_ nichts ändern soll. Es wird mir stets zur Freude

gereichen, meinen Sohn mit einem jungen Manne umgehn zu sehen, der

sich, mag ihn nun die Welt beurteilen wie sie will, auch meine vollste

Sympathie zu gewinnen vermochte.

Und somit Kopf hoch, Herr Stiefel! -- Solche Krisen dieser oder jener

Art treten an jeden von uns heran und wollen eben überstanden sein.

Wollte da ein jeder gleich zu Dolch und Gift greifen, es möchte recht

bald keine Menschen mehr auf der Welt geben. Lassen Sie bald wieder

etwas von sich hören und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrer Ihnen

unverändert zugetanen

mütterlichen Freundin

Fanny G.

Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie · 第 28 / 59 题