Erste Szene

Abend auf Melchiors _Studierzimmer_. Das Fenster steht offen, die Lampe

brennt auf dem Tisch. -- _Melchior_ und _Moritz_ auf dem Kanapee.

=Moritz=

Jetzt bin ich wieder ganz munter, nur etwas aufgeregt. -- Aber in der

Griechischstunde habe ich doch geschlafen wie der besoffene Polyphem.

Nimmt mich Wunder, daß mich der alte Zungenschlag nicht in die Ohren

gezwickt. -- Heut’ früh wäre ich um ein Haar noch zu spät gekommen. --

Mein erster Gedanke beim Erwachen waren die Verba auf μ. --

Himmel-Herrgott-Teufel-Donnerwetter, während des Frühstücks und den Weg

entlang habe ich konjugiert, daß mir grün vor den Augen wurde. -- Kurz

nach drei muß ich abgeschnappt sein. Die Feder hat mir noch einen Klex

ins Buch gemacht. Die Lampe qualmte, als Mathilde mich weckte; in den

Fliederbüschen unter dem Fenster zwitscherten die Amseln so lebensfroh

-- mir ward gleich wieder unsagbar melancholisch zu Mute. Ich band mir

den Kragen um und fuhr mit der Bürste durchs Haar. -- -- Aber man fühlt

sich, wenn man seiner Natur etwas abgerungen!

=Melchior=

Darf ich dir eine Zigarette drehen?

=Moritz=

Danke, ich rauche nicht. -- Wenn es nun nur so weiter geht! Ich will

arbeiten und arbeiten, bis mir die Augen zum Kopf herausplatzen. --

Ernst Röbel hat seit den Ferien schon sechsmal nichts gekonnt; dreimal

im Griechischen, zweimal bei Knochenbruch; das letztemal in der

Literaturgeschichte. Ich war erst fünfmal in der bedauernswerten Lage;

und von heute ab kommt es überhaupt nicht mehr vor! -- Röbel erschießt

sich nicht. Röbel hat keine Eltern, die ihm ihr Alles opfern. Er kann,

wann er will, Söldner, Cowboy oder Matrose werden. Wenn ich durchfalle,

rührt meinen Vater der Schlag, und Mama kommt ins Irrenhaus. So was

erlebt man nicht! -- Vor dem Examen habe ich zu Gott gefleht, er

möge mich schwindsüchtig werden lassen, auf daß der Kelch ungenossen

vorübergehe. Er ging vorüber -- wenngleich mir auch heute noch seine

Aureole aus der Ferne entgegenleuchtet, daß ich Tag und Nacht den

Blick nicht zu heben wage. -- Aber nun ich die Stange erfaßt, werde

ich mich auch hinaufschwingen. Dafür bürgt mir die unabänderliche

Konsequenz, daß ich nicht stürze, ohne das Genick zu brechen.

=Melchior=

Das Leben ist von einer ungeahnten Gemeinheit. Ich hätte nicht übel

Lust, mich in die Zweige zu hängen. -- Wo Mama mit dem Tee nur bleibt!

=Moritz=

Dein Tee wird mir gut tun, Melchior! -- Ich zittre nämlich. Ich fühle

mich so eigentümlich vergeistert. Betaste mich bitte mal. Ich sehe --

ich höre -- ich fühle viel deutlicher -- und doch alles so traumhaft --

o, so stimmungsvoll. -- Wie sich dort im Mondschein der Garten dehnt,

so still, so tief, als ging’ er ins Unendliche. -- Unter den Büschen

treten umflorte Gestalten hervor, huschen in atemloser Geschäftigkeit

über die Lichtungen und verschwinden im Halbdunkel. Mir scheint, unter

dem Kastanienbaum soll eine Ratsversammlung gehalten werden. -- Wollen

wir nicht hinunter, Melchior?

=Melchior=

Warten wir, bis wir Tee getrunken.

=Moritz=

-- Die Blätter flüstern so emsig. -- Es ist, als hörte ich Großmutter

selig die Geschichte von der „Königin ohne Kopf“ erzählen. -- Das

war eine wunderschöne Königin, schön wie die Sonne, schöner als alle

Mädchen im Land. Nur war sie leider ohne Kopf auf die Welt gekommen.

Sie konnte nicht essen, nicht trinken, konnte nicht sehen, nicht lachen

und auch nicht küssen. Sie vermochte sich mit ihrem Hofstaat nur durch

ihre kleine weiche Hand zu verständigen. Mit den zierlichen Füßen

strampelte sie Kriegserklärungen und Todesurteile. Da wurde sie eines

Tages von einem Könige besiegt, der zufällig zwei Köpfe hatte, die sich

das ganze Jahr in den Haaren lagen und dabei so aufgeregt disputierten,

daß keiner den andern zu Wort kommen ließ. Der Oberhofzauberer nahm nun

den kleineren der beiden und setzte ihn der Königin auf. Und siehe,

er stand ihr vortrefflich. Darauf heiratete der König die Königin,

und die beiden lagen einander nun nicht mehr in den Haaren, sondern

küßten einander auf Stirn, auf Wangen und Mund und lebten noch lange

lange Jahre glücklich und in Freuden.... Verwünschter Unsinn! Seit den

Ferien kommt mir die kopflose Königin nicht aus dem Kopf. Wenn ich

ein schönes Mädchen sehe, seh’ ich es ohne Kopf -- und erscheine mir

dann plötzlich selber als kopflose Königin.... Möglich, daß mir nochmal

einer aufgesetzt wird.

(Frau Gabor kommt mit dem dampfenden Tee, den sie vor Moritz und

Melchior auf den Tisch setzt)

=Frau Gabor=

Hier Kinder, laßt es euch munden. -- Guten Abend, Herr Stiefel; wie

geht es Ihnen?

=Moritz=

Danke, Frau Gabor. -- Ich belausche den Reigen dort unten.

=Frau Gabor=

Sie sehen aber gar nicht gut aus. -- Fühlen Sie sich nicht wohl?

=Moritz=

Es hat nichts zu sagen. Ich bin die letzten Abende etwas spät zu Bett

gekommen.

=Melchior=

Denke dir, er hat die ganze Nacht durch gearbeitet.

=Frau Gabor=

Sie sollten so etwas nicht tun, Herr Stiefel. Sie sollten sich schonen.

Bedenken Sie Ihre Gesundheit. Die Schule ersetzt Ihnen die Gesundheit

nicht. -- Fleißig spazieren gehn in der frischen Luft! Das ist in Ihren

Jahren mehr wert als ein korrektes Mittelhochdeutsch.

=Moritz=

Ich werde fleißig spazieren gehn. Sie haben recht. Man kann auch

während des Spazierengehens fleißig sein. Daß ich noch selbst nicht auf

den Gedanken gekommen! -- Die schriftlichen Arbeiten müßte ich immerhin

zu Hause machen.

=Melchior=

Das Schriftliche machst du bei mir; so wird es uns beiden leichter. --

-- Du weißt ja, Mama, daß Max von Trenk am Nervenfieber darniederlag!

-- Heute mittag kommt Hänschen Rilow von Trenks Totenbett zu Rektor

Sonnenstich, um anzuzeigen, daß Trenk soeben in seiner Gegenwart

gestorben sei. -- „So?“ sagt Sonnenstich, „hast du von letzter Woche

her nicht noch zwei Stunden nachzusitzen? -- Hier ist der Zettel an den

Pedell. Mach, daß die Sache endlich ins reine kommt! Die ganze Klasse

soll an der Beerdigung teilnehmen.“ -- Hänschen war wie gelähmt.

=Frau Gabor=

Was hast du da für ein Buch, Melchior?

=Melchior=

„Faust.“

=Frau Gabor=

Hast du es schon gelesen?

=Melchior=

Noch nicht zu Ende.

=Moritz=

Wir sind gerade in der Walpurgisnacht.

=Frau Gabor=

Ich hätte an deiner Stelle noch ein, zwei Jahre damit gewartet.

=Melchior=

Ich kenne kein Buch, Mama, in dem ich so viel Schönes gefunden. Warum

hätte ich es nicht lesen sollen.

=Frau Gabor=

-- Weil du es nicht verstehst.

=Melchior=

Das kannst du nicht wissen, Mama. Ich fühle sehr wohl, daß ich das Werk

in seiner ganzen Erhabenheit zu erfassen noch nicht imstande bin ...

=Moritz=

Wir lesen immer zu zweit; das erleichtert das Verständnis

außerordentlich!

=Frau Gabor=

Du bist alt genug, Melchior, um wissen zu können, was dir zuträglich

und was dir schädlich ist. Tu, was du vor dir verantworten kannst. Ich

werde die erste sein, die es dankbar anerkennt, wenn du mir niemals

Grund gibst, dir etwas vorenthalten zu müssen. -- Ich wollte dich nur

darauf aufmerksam machen, daß auch das Beste nachteilig wirken kann,

wenn man noch die Reife nicht besitzt, um es richtig aufzunehmen. --

Ich werde mein Vertrauen immer lieber in dich als in irgendbeliebige

erzieherische Maßregeln setzen. -- -- Wenn ihr noch etwas braucht,

Kinder, dann komm herüber, Melchior, und rufe mich. Ich bin auf meinem

Schlafzimmer. (Ab.)

=Moritz=

-- -- Deine Mama meinte die Geschichte mit Gretchen.

=Melchior=

Haben wir uns auch nur einen Moment dabei aufgehalten!

=Moritz=

Faust selber kann sich nicht kaltblütiger darüber hinweggesetzt haben!

=Melchior=

Das Kunstwerk gipfelt doch schließlich nicht in dieser Schändlichkeit!

-- Faust könnte dem Mädchen die Heirat versprochen, könnte es daraufhin

verlassen haben, er wäre in meinen Augen um kein Haar weniger strafbar.

Gretchen könnte ja meinethalben an gebrochenem Herzen sterben. --

Sieht man, wie jeder _darauf_ immer gleich krampfhaft die Blicke

richtet, man möchte glauben, die ganze Welt drehe sich um P.... und

V....!

=Moritz=

Wenn ich aufrichtig sein soll, Melchior, so habe ich nämlich

tatsächlich das Gefühl, seit ich deinen Aufsatz gelesen. -- In den

ersten Ferientagen fiel er mir vor die Füße. Ich hatte den Plötz in

der Hand. -- Ich verriegelte die Tür und durchflog die flimmernden

Zeilen, wie eine aufgeschreckte Eule einen brennenden Wald durchfliegt

-- ich glaube, ich habe das meiste mit geschlossenen Augen gelesen. Wie

eine Reihe dunkler Erinnerungen klangen mir deine Auseinandersetzungen

ins Ohr, wie ein Lied, das einer als Kind einst fröhlich vor sich

hingesummt und das ihm, wie er eben im Sterben liegt, herzerschütternd

aus dem Mund eines andern entgegentönt. -- Am heftigsten zog mich in

Mitleidenschaft, was du vom Mädchen schreibst. Ich werde die Eindrücke

nicht mehr los. Glaub’ mir, Melchior, Unrecht leiden zu müssen ist

süßer, denn Unrecht tun! Unverschuldet ein so süßes Unrecht über sich

ergehen lassen zu müssen, scheint mir der Inbegriff aller irdischen

Seligkeit.

=Melchior=

-- Ich will meine Seligkeit nicht als Almosen!

=Moritz=

Aber warum denn nicht?

=Melchior=

Ich _will_ nichts, was ich mir nicht habe erkämpfen müssen!

=Moritz=

Ist dann das noch Genuß, Melchior?! -- Das Mädchen, Melchior, genießt

wie die seligen Götter. Das Mädchen wehrt sich dank seiner Veranlagung.

Es hält sich bis zum letzten Augenblick von jeder Bitternis frei,

um mit einem Mal alle Himmel über sich hereinbrechen zu sehen. Das

Mädchen fürchtet die Hölle noch in dem Moment, da es ein erblühendes

Paradies wahrnimmt. Sein Empfinden ist so frisch wie der Quell, der

dem Fels entspringt. Das Mädchen ergreift einen Pokal, über den noch

kein irdischer Hauch geweht, einen Nektarkelch, dessen Inhalt es, wie

er flammt und flackert, hinunterschlingt ... Die Befriedigung, die der

Mann dabei findet, denke ich mir schal und abgestanden.

=Melchior=

Denke sie dir, wie du magst, aber behalte sie für dich. -- Ich denke

sie mir nicht gern ...

Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie · 第 21 / 59 题