Die Birmanen sind Anhänger der +Lehre Buddhas+ (Abb. 415) und befolgen
auch nach außen hin deren Gebote aufs strengste. Aber im Grunde ihres
Herzens huldigen sie alle der +Geisteranbetung+. Besonders trifft dies
für die auf niederer Kulturstufe stehenden Stämme in den Bergen zu, wie
die Katschin, Karen, Tschin, Lahu, Akha, Wa und andere. Stets ist man
darauf bedacht, die Geister, von denen man sich überall, in Wald und
Flur, auf Flüssen, in den Bergen und anderwärts sonst, umgeben glaubt,
fernzuhalten. Daher trifft man außerhalb der Umfriedigung der Dörfer
Geistertore an; die Katschin legen von einem Baum zum anderen ein
Bambusrohr quer über den Weg, der zum Dorfe führt, und behängen ihn mit
Kreisen, Kreuzen und seltsamen Figuren aus gespaltenem Rohr, um dadurch
die Geister, die ein böses Gewissen haben, von dem Betreten des Dorfes
abzuhalten; sie sollen nämlich glauben, daß die verschiedenen Symbole,
die im Winde wehen, so und so viele Fallen sind, die man ihnen stellt,
und daher keine Lust verspüren, einen Umweg ins Dorf ausfindig zu
machen, sondern vorziehen umzukehren. Die Schan von Nam Hkon errichten
im Flusse ein Häuschen für die Geister (Abb. 417), hindern sie aber
daran nachts an Land zu gehen, indem sie die Verbindungsbrücke, die sie
sonst nötig haben, um ihnen ein Opfer zu bringen, einfach abbrechen.
In jedem birmanischen Hause auf dem Lande hängt in einem viereckigen
Bambusrahmen eine Kokosnuß und darüber als Turban ein rotes Stück
Zeug; dies ist der Aufenthaltsort des Magayi Nat, des Hausgeistes,
dem man täglich Opfergaben darbringt und jedes Kind, das im Hause
geboren wird, in aller Form vorstellt. Recht bezeichnend für die
Doppelreligion des Birmanen ist es, wenn er in einem Augenblick dem
Hausgeiste ein Opfer darbringt und im nächsten den Bettelmönchen auf
ihrer täglichen Runde Almosen reicht. Der Buddhismus ist eben seine
angelernte Religion (Abb. 419), die Geisteranbetung seine rituelle.
Auch jedes Dorf besitzt seinen +Schutzgeist+; er lebt im Dschungel,
und daher steht sein Altar und seine Wohnung immer im Dickicht oder
mitten in einer Bambusgruppe, auch am Fuße eines sehr großen Baumes,
meistens eines Feigenbaumes (Abbild. 418). In dieser seiner kleinen
Behausung findet man oft die Figur eines Geistes oder ein Bett, das ihm
zur Ruhestätte dienen soll (manchmal auch zwei davon, falls er seine
Frau bei sich hat) und oft mit einem winzigen Moskitonetz überspannt
ist, ringsherum ferner Wasserkrüge, Speinäpfe, Betelkästchen, alles
natürlich ~en miniature~, manchmal auch noch Flinten und Speere,
gleichfalls der Größe des Raumes angemessen, damit der Geist sie
benutzen kann, wenn er in den Kampf ziehen will. Diesen Geistern werden
an bestimmten Tagen Opfergaben dargebracht (Abbildung 421). Der Birmane
kennt auch eine regelrechte Liste seiner siebenunddreißig +Nats+ oder
+Nationalgeister+, die er sich meist in Menschengestalt vorstellt. Die
Tänze zu ihren Ehren werden stets von Frauen ausgeführt, sie entbehren
aber des Gemessenen, Künstlerischen in der Haltung der Tänzerinnen,
zeichnen sich durch wilde, tobende Bewegungen aus.
[Illustration:
Phot. P. Klier.
Abb. 416. Ein tatauierter Birmane.
Die eintatauierten Muster unter der Hüfte pflegen Tiere, im besonderen
Tiger, von allerlei Schnörkeln umgeben, darzustellen. Die Figuren auf
dem Oberkörper und den Armen sollen Unverletzlichkeit gegen Schwert und
Schußwaffen oder Erfolg in der Liebe bezwecken.]
[Illustration:
Phot. Sir George Scott.