Abb. 273. Der Bräutigam auf Java

wird von den männlichen Hochzeitsteilnehmern und dem Vater der Braut in

die Moschee begleitet.]

Gewöhnlich ergreift der Jüngling die +Initiative, um Liebe zu

gewinnen+, nur bei den Kalabit tut dies das Mädchen. Die Seedajak

kennen einen eigenartigen +Liebestrank+, um sich ein Mädchen geneigt

zu machen oder deren verlorene Liebe wieder zu gewinnen, den Jayan.

In der Hauptsache besteht er in Kokosnußöl, das aber ein noch in der

Reife stehendes Mädchen zubereitet haben muß, und anderen Zusätzen, die

dem Hersteller im Traume genannt wurden. Sehr wirksam sollen darunter

die Tränen eines weiblichen Meerschweinchens sein; allerdings sind

diese schwer zu erlangen, da man einem Tiere seine Jungen fortnehmen

muß, um es zum Weinen zu bringen. Die Flüssigkeit wird in drei Gefäße

gefüllt, die mit Zeugstopfen verschlossen werden; der Verschluß der

kleinsten Flasche wird mit einer Nadel durchstochen. Man will damit

erreichen, daß, wie die spitze Nadel in den Stoff sich einbohrte, auch

der Liebeszauber in das betreffende Mädchen eindringe. Das Ganze muß an

einem Orte, der von Menschen wenig begangen wird, versteckt werden. Vor

der Anwendung wird an einem entlegenen Platze ein Feuer angezündet, in

dieses wohlriechende Kräuter und aromatische Rinde gestreut und unter

Hersagen eines Zaubergesanges das Gemisch über der Flamme hin und her

geschwenkt. Darauf reibt man damit entweder das Lager oder die Kleider

der Person, die man sich in der Liebe geneigt machen will, oder sie

auch selbst im Schlafe ein, oder setzt die Mischung den Bestandteilen

beim Betelkauen zu. Wer so behandelt wird, der findet angeblich nicht

eher Ruhe, bis er sich in Liebe mit dem Spender vereinigt hat. Fühlt

sich ein Dajakjüngling von einem Mädchen angezogen, so stattet er ihm

Besuche ab, und zwar für gewöhnlich des Nachts, weil das Mädchen dann

von ihren Eltern getrennt, wenn auch oft in demselben Raume schläft.

In solchen Fällen pflegt man von ihm zu sagen, er sei Tabak suchen

gegangen; eine Redensart, die wohl darin ihren Ursprung haben mag, daß

die Frauen des Hauses den Gästen Zigaretten verabreichen. Der Jüngling

weckt das Mädchen und macht ihr ein Geschenk durch eine Betelnuß, die

er sorgfältig in ein Sirihblatt eingehüllt hat. Nimmt sie es an, so

erblickt er hierin das übliche Zeichen der Ermutigung dafür, daß er

bleiben und sich mit ihr unterhalten darf. Nach dem ersten Besuche

läßt er manchmal unter dem Kopfkissen des Mädchens eine Halskette aus

den aufeinandergereihten wohlriechenden Samenkörnern der Balongfrucht

zurück. Sagen dem Mädchen die Besuche ihres Bewerbers zu, so gibt

es ihm dies auf irgendeine Weise zu verstehen, meistens durch eine

Zigarette aus Tabak. Bei den Dajak herrscht, wie bereits erwähnt, das

Herkommen, den Gästen Zigaretten, die in getrocknete Bananenblätter

eingewickelt sind, anzubieten. Das Mädchen pflegt dann ihrem Verehrer

eine nach besonderer Art zusammengebundene Zigarette zu geben, wenn sie

den Wunsch hegt, daß er seinen Besuch verlängern möchte. Findet der

Jüngling, daß das Mädchen seine Besuche gern sieht, dann wiederholt

er sie. Bei glattem Verlauf der ganzen Angelegenheit reißt ihm das

Mädchen die Haare der Augenbrauen und die Wimpern mit einer messingnen

Haarzange aus, während er mit seinem Kopf auf ihrem Schoße ruht;

besitzt er etwa nur wenig Haare, dann pflegt sie wohl zu sagen, daß ein

anderes Mädchen sie schon vor ihr ausgerissen habe. Wenn die Sache so

weit gediehen ist, verbleibt der Jüngling auch die ganze Nacht bis zum

frühen Morgen bei seiner Liebsten. Sodann verlangt er von einem seiner

Bekannten, daß er den Eltern seines Mädchens von seiner Heiratslust

Mitteilung mache. Diese geraten auf diese Nachricht hin in Erstaunen,

manchmal auch nur zum Schein. Begünstigen sie das Verhältnis, so

macht der junge Mann ihnen ein Messinggong oder eine wertvolle Perle

als Unterpfand seiner Aufrichtigkeit zum Geschenk; wird später das

Verhältnis aus irgendeinem Grunde, für den er nicht verantwortlich

gemacht werden kann, gelöst, so erhält er die Geschenke zurück. Jetzt

erfordert die gute Sitte, daß auch die Öffentlichkeit ihre Anerkennung

gibt; irgend ein Freund macht dem Häuptling Mitteilung, der die

Sache entweder gutheißt, womit das Verlöbnis geschlossen ist, oder

irgendeinen Einwand dagegen erhebt, dann aber auch für gewöhnlich

dafür sorgt, daß die Hochzeit überhaupt nicht stattfindet. Nach der

Verlobung sucht man nach günstigen Vorbedeutungen für die Hochzeit.

Der Schrei bestimmter Vögel und der Rehe, wenn sie in der Nähe des

Hauses vernommen werden, gelten als böse Vorbedeutungen; ein Kundiger

wird in den Wald gesandt, um dafür gute zu suchen oder wenigstens

solche, die genügen, um nicht allzu schlechte wieder auszugleichen.

Das Pfeifen eines Trogon, das Zirpen des Mauerspechtes und der hohe

Flug eines Habichts von rechts nach links gelten als günstige Zeichen.

Sind dagegen die Vorzeichen fortdauernd schlechte, so wird die Hochzeit

um ein Jahr aufgeschoben, worauf man die Schicksalsfragen von neuem

stellt. Inzwischen verläßt der Jüngling meistens das Dorf, um sich auf

die Probe zu stellen; er sieht sich nach anderen Mädchen um für den

Fall, daß er sich in seiner ersten Wahl geirrt haben sollte. Kehrt

er aber ebenso gesonnen wieder heim, wie er fortgegangen ist und hat

man inzwischen gute Vorbedeutungen erhalten, so findet die Hochzeit

bald statt, vielfach nach der Ernte um die Zeit des Neumonds, denn

diese gilt für die günstigste. Am Tage vor der Hochzeit läßt sich der

Bräutigam angelegen sein, einen möglichst großen Vorrat an Betelnüssen

und anderen eßbaren Dingen zu beschaffen, damit die Gäste während der

bevorstehenden Zeremonie etwas zu kauen haben. Er selbst und seine

Angehörigen machen den Eltern des Mädchens viele Geschenke, deren Zahl

sich nach der gesellschaftlichen Stellung der Teilnehmer richtet.

Findet die Hochzeit im Hause der Braut statt, so werden Freunde beider

Familien dazu eingeladen; sie versammeln sich in der langen Galerie des

Hauses (Abb. 266). Früh am Morgen erscheint der Bräutigam mit seinen

Trauzeugen und einer Anzahl Krieger im vollen Kriegsstaat (Abb. 267) im

Boot vor dem Hause der Braut, selbst wenn er nur wenige Schritte von

ihr ab wohnen sollte. Sie marschieren alle zum Hause heran und stellen

manchmal große Messinggongs, die sie mitbrachten, in der Galerie in

solchen Zwischenräumen auf, daß die Braut von einem zum anderen treten

kann; auch bringen sie Geschenke mit, die sie vor der Türe aufhäufen.

Darauf versuchen der Bräutigam und seine Gesellschaft die Türe mit

Gewalt zu öffnen, aber die Partei der Braut tritt ihnen entgegen und

treibt sie zurück, worauf sich ein Scheinkampf entspinnt. Dieser

Versuch mit seinen Folgen wiederholt sich mehrere Male, bis schließlich

der Bräutigam und seine Partei ins Zimmer gelangen, aber dann

vielleicht die Entdeckung machen, daß die Braut durch eine andere Türe

in das Zimmer eines ihrer Nachbarn entschlüpft ist. Hat der Bräutigam

die Spur der Braut ganz verloren, so setzt er sich mitten ins Zimmer

hin und raucht gemütlich Zigaretten. Bald erscheint die inzwischen

nachgiebig gewordene Braut mit ihren Freundinnen, findet aber von

seiten des Bräutigams keine Beachtung. Jetzt ist der Zeitpunkt für

die Festsetzung der Mitgift gekommen; den bereits mitgebrachten Gongs

werden bisweilen noch weitere als Teilzahlung hinzugefügt. Ein Schwein

wird darauf getötet, und wenn die Untersuchung seiner Eingeweide

günstige Anzeichen ergibt, besprengt eine Dajong alle Anwesenden mit

dem Blute, segnet gleichzeitig das junge Paar ein und wünscht ihm gut

Glück und viele Kinder. Schließlich treten die Jungvermählten von Gong

zu Gong; damit ist die Zeremonie beendet bis auf einen noch folgenden

Schmaus. -- Der Anklang an die ursprüngliche Raubheirat tritt noch

deutlicher zutage, wenn der Bräutigam eine Entführung in Szene setzt.

Er sowie seine Anhänger rudern mit dem Mädchen davon, werden aber

von den Angehörigen und Freunden des Mädchens scharf verfolgt. Jene

werfen in einemfort wertvolle Gegenstände aus dem Boot ans Ufer, um

die Verfolger dadurch zu veranlassen, daß sie diese aufheben, und sie

so am Näherkommen zu hindern. Dies wird so lange fortgesetzt, bis die

Verfolger annehmen, daß sie den ganzen Besitz des Bräutigams erwischt

haben; dann erst lassen sie ihn und die Braut in Ruhe.

[Illustration:

Aus: de Wit, Java.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 129 / 207 题