Abb. 263. Schädelverunstaltung bei einem Milanaukind.]

Viele Malaienstämme haben bestimmte Weiber, die, ähnlich wie bei uns,

berufsmäßig Hebammendienste bei der Niederkunft verrichten, das heißt

der Gebärenden nicht nur beistehen, sondern auch die Wöchnerin pflegen,

ihr Rat in Kinderangelegenheiten erteilen und Abtreibungen vornehmen.

Dagegen ziehen die Tenggeresinnen und Baliinsulanerinnen nur männliche

Hilfe bei ihren Geburten hinzu. -- Wie während der Schwangerschaft, so

sucht man auch bei der +Niederkunft+ nach Möglichkeit den schädigenden

Einfluß der Dämonen, die nach Ansicht der Malaien das ganze Leben des

Menschen bedrohen, fernzuhalten. Zu diesem Zweck vertreibt man sie auf

den Aaruinseln durch Trommeln. Auf den Inseln des Sawuarchipels wehrt

man den bösen Geist Wango durch Dornengebüsch von dem Hause ab; auch

feindlichen Überfällen sucht man durch solche Sicherheitsmaßregeln, im

besonderen durch aufgehäufte Bambussplitter zu begegnen (Abb. 264). Auf

Nias stellt man neben der Kreißenden ein Götzenbild in Gestalt eines

schwangeren Weibes auf, das sie vor dem Dämon Bechumatiana schützen

soll. Bei den Atschinesen hängt man, um einem anderen gefährlichen

Dämon den Eintritt in das Haus zu verwehren, an der Decke des

Gebärraumes einen bestimmten dornigen Zweig auf, zündet vier kleine

Holzfeuer an den Ecken des Hauses an, namentlich wenn die Niederkunft

in der Nacht erfolgt, und wirft von Zeit zu Zeit in sie Salz, Pfeffer,

Schwefel und Hornstückchen hinein, wodurch ein mächtiger Gestank

entsteht, der in gleicher Weise wie die Dornen den Dämon fernhalten

soll; außerdem reibt die Hebamme die große Zehe der Kreißenden,

als dessen mutmaßliche Eintrittspforte, mit einem Gemisch von fein

gestoßenem Pfeffer, Zwiebeln und ~Asa foetida~ ein. Bei schwerer Geburt

lassen die Atschinesen die Kreißende lauwarmes Wasser trinken, in dem

sich eine sogenannte Jerichorose entfaltet hat. Auf Ambon und den

Uliaseinseln legt man zur Erleichterung der Geburt auf den Platz, wo

die Niederkunft stattfindet, alte Kleidungsstücke des Mannes, damit

das Kind, durch den ihnen anhaftenden Schweißgeruch angezogen, recht

schnell erscheine.

[Illustration:

Phot. Ch. Hose.

Abb. 264. Gegen feindliche Überfälle mit Bambusspittern befestigtes

Haus.]

An die +Nachgeburt+ knüpft sich mancherlei Aberglauben. Eine ganz

eigenartige Auffassung über ihre Bedeutung besteht bei den Bewohnern

der Inseln Bali und Nias, bei den Atschinesen und so weiter. Sie

halten diese nämlich für den Bruder, beziehungsweise die Schwester des

Neugeborenen und glauben, daß, wenn jemand stirbt, ihm die Seele seiner

Nachgeburt auf dem halben Wege entgegenkomme, um dem Verstorbenen den

Weg zum Paradiese zu zeigen. Daher wird die Nachgeburt auch sorgfältig

behandelt; meistens pflegt man sie zu waschen und in einem Gefäß,

Bambusrohr, in der Blütenhülle des Pinang (Arekablüte) und ähnlichem

gut verpackt, entweder im Hause aufzuheben oder in dessen Nähe zu

vergraben. Bei anderen Stämmen ist es Sitte, sie auf einem kleinen

Bambusfloß, das mit Blumen und Früchten festlich geschmückt und mit

Kerzen beleuchtet ist, den Fluß hinabtreiben zu lassen, als ein Opfer

für die Krokodile, welche die Seele der Vorfahren beherbergen. Der

Aberglaube von dem Nachgeburtszwilling treibt noch weitere Blüten.

Wird ein Kind krank, so meint man, daß die Nachgeburt in ihrem Grabe

krank geworden sei, und legt daher die Heilmittel auf die Stelle, wo

sie verscharrt wurde; bessert sich trotzdem das Befinden des Kindes

nicht, so ist man überzeugt, daß die Nachgeburt kein angenehmes Lager

gefunden habe, gräbt sie wieder aus und beerdigt sie an einer anderen

Stelle. Man vermutet ferner, daß die Seele der Nachgeburt zeitweilig

ihre Stätte verlasse, um mit ihrem Zwillinge zu spielen, und daß ein

Lächeln des Kindes im Schlafe darauf hindeute. -- Die Abtrennung der

+Nabelschnur+ wird meistens mit einem Bambussplitter vorgenommen;

wollen bei den Atschinesen die Eltern, daß ihr Sohn eine gute Stimme

bekomme, so wird dieser Splitter aus einer Bambusflöte geschnitten.

Meistens trocknet man den Nabelschnurrest und bewahrt ihn auf: bei

Erkrankungen wird er entweder zu Pulver gestoßen und dem Patienten

eingegeben oder in Form von Umschlägen angewendet. Verschiedentlich

tragen die Kinder ihre eigenen Nabelschnurreste auch als Amulett um

Hals und Bauch.

Die +Wöchnerin+ wird allgemein als unrein angesehen. Während dieser

Zeit haben bei den Atschinesen nur Frauen zu ihr Zutritt, ausgenommen

der Ehegatte, der ihr Essen bringt, aber nur das Notwendigste mit ihr

sprechen, sie nie berühren, noch von den Speisen und Getränken, die

sie angefaßt hat, etwas essen darf. Merkwürdig ist der Brauch auf den

Tanembar- und Timorlaoinseln, daß in der ersten Zeit nach der Geburt

der Ehegatte das Kind zu pflegen und zu besorgen hat, während die

Frau ihrer gewohnten Tagesbeschäftigung nachgeht; offenbar handelt es

sich hierbei um die letzten Ausklänge der ursprünglichen Sitte des

Männerkindbettes. -- Die jungen Mütter pflegen ihr Kind oft jahrelang

selbst zu stillen, aber daneben ihm auch andere Kost zu verabreichen.

Ist eine Mutter aus irgend einem Grunde außerstande, ihr Kind selbst zu

nähren, dann übernimmt vielfach die Großmutter diese Funktion. Infolge

des Reizes, der durch das wiederholte Anlegen an die Brust auf diese

ausgeübt wird, kommt es trotz des Alters doch noch zur Absonderung von

Milch. Bei der Arbeit schleppt die Mutter ihr Kind in einem Korbe auf

dem Rücken mit sich herum (Abb. 265).

[Illustration:

Phot. W. H. Furneß.

Abb. 265. Punanfrau, ihr Kind in einem Korbe auf dem Rücken tragend,

in dem es bequem ruht, während die Frau ihre Arbeit fortsetzt.]

Stirbt die Mutter bei der Geburt, so pflegt man allgemein auch das Kind

zu töten, weil man entweder annimmt, daß es an dem Tode der Mutter

schuld ist, oder weil man fürchtet, daß es doch nur ein Unglücklicher

werden würde. Meistens geschieht die Tötung auf grausame Art. Die Dajak

legen das Kind lebend in den Sarg der Mutter, die Niasser stecken

es in einen Sack und hängen ihn im Wald an einem Baume auf, die

Mentaweiinsulaner drücken ihm den Kopf ein und halten ihm Mund und Nase

zu und anderes mehr.

+Künstliche Abtreibung+ der Leibesfrucht wird auf den Inseln des

malaiischen Archipels in großem Umfange geübt; einige Stämme sollen es

zu großer Fertigkeit darin gebracht haben.

+Zwillinge+ werden vielfach, wie auch anderwärts, als ein Unglück

angesehen, zumal, wenn sie verschiedenen Geschlechtes sind. Die Dajak

geben den männlichen Zwilling als Sklaven fort, die Balinesen verhängen

schwere Strafen über die Mutter; sie verbannen sie für mehrere Monate

an einen einsamen Ort, brennen ihre Hütte nieder, reinigen das

ganze Dorf, und bringen zahlreiche Opfer dar, um die vermeintliche

Blutschande im Mutterleibe zu sühnen. Auf einzelnen kleineren Inseln

dagegen werden Zwillinge hochgeschätzt, als ein Geschenk der Götter

angesehen und besonders gepflegt.

Mit dem +Neugeborenen+ werden ebenfalls allerlei Zeremonien vorgenommen

und Mittel angewendet, um den Einfluß der bösen Geister zu verhindern.

Sehr beliebt ist als Opfer für sie ein Huhn, dessen Blut über das

Kind gespritzt wird. Bei den Batakern läßt man einen Zauberer kommen,

der dem Kinde das Horoskop stellen, das heißt sagen muß, ob es unter

günstigen oder ungünstigen Gestirnen geboren ist. Bei den Kenjah

wird der neue Weltbürger mit Trommelschlag begrüßt, und jeder der

anwesenden Hausgenossen erhält für gewöhnlich eine Handvoll Salz zum

Geschenk. Wenn sie sich nicht im Hause befinden, erwartet man umgekehrt

von ihnen, daß sie dem Kinde ein Geschenk machen. Sehr wichtig ist

auch, daß kein Fremder von dem Kinde Notiz nimmt, da man fürchtet,

daß eine solche Beachtung die Aufmerksamkeit der Geister auf dasselbe

lenken könnte; vergeht sich der Fremde gegen diese Vorschrift, so

muß er zur Sühne dem Kinde etwas schenken. -- Auf Java wird bei der

Geburt eines Knaben ein scharfer Bambusspan in ein Papier, das mit

dem javanischen Alphabet beschrieben ist, eingewickelt, in eine Kanne

getan und vergraben. In der ersten Nacht nach der Geburt bewachen

Leute das Kind und lesen ihm eine Art Erzählung vor; einige Tage

später erhält es seinen Namen. Ist es neun Monate alt, dann findet

eine Wayangvorstellung statt. Bei den Dajak erfolgt die Namensgebung

auf ein bestimmtes Wahrzeichen hin. Man kitzelt dem Kinde mit einer

Feder die Nasenschleimhaut; nießt es, so gilt dies für eine günstige

Vorbedeutung und die Namensgebung erfolgt; andernfalls wird sie auf

später verschoben. Bei der Namensgebung nimmt die Mutter das Kind vor

das Haus, badet es, hebt es dreimal nach Westen und dreimal nach Osten

in die Höhe, wobei sie Segenswünsche für sein Gedeihen ausspricht,

opfert darauf ein Huhn, bespritzt mit dessen Blut ihr Kind und gibt

ihm den Namen. Die Alfuren auf Celebes opfern bei dieser Gelegenheit

für einen Knaben zwei Böcke, für ein Mädchen nur eine Ziege, deren

Köpfe, Fell und Pfoten vergraben werden. Natürlich knüpfen sich an alle

diese Handlungen größere oder kleinere Feste. -- Bei den Klemantanen

erhält das Kind in den ersten paar Jahren seines Lebens noch keinen

Namen; man spricht von ihm in unbestimmten Ausdrücken, wie etwa

„das Dingsda“ oder „das kleine Wurm“ und dergleichen. Man fürchtet

nämlich, daß, da das Kind noch klein und schwächlich ist, es für die

bösen Geister empfänglicher ist, und daß es deren Aufmerksamkeit

wahrscheinlich noch leichter auf sich lenken könnte, wenn es mit

einem Namen gerufen würde. Erst im Alter von drei bis vier Jahren

erhält es einen solchen. Für gewöhnlich wird der Name des Großvaters

beziehungsweise der Großmutter dazu gewählt, wenn diese besonderes

Glück im Leben gehabt haben. Wird das Kind aber von Unglück verfolgt,

oder bekommt es eine ernste Krankheit, dann wird sein Name gewöhnlich

gegen einen anderen vertauscht. Manchmal wählt man auch einen unschönen

Namen, etwa entsprechend unserem „Dung“ oder „schlecht“ aus dem schon

angegebenen Grunde, um die unfreundlichen Geister irrezuführen. Bei

den Kajan am oberen Rejang ist die Namensfeier sehr verwickelt. Die

Dajong, eine Frau, die im Namengeben bewandert ist, wird gerufen, und

alle Familienmitglieder werden zu einem großen Festessen eingeladen,

zu dem man alles mögliche Eßbare an Fischen und Tieren, auch Bananen

herbeischleppt. Die Dajong bringt ein Hühnerei mit und bestreicht

damit das Kind vom Nabel bis zur Stirn; bei jedem Strich spricht sie

einen Namen aus, bis sie glaubt, einen passenden gefunden zu haben.

Dann wird das Kind in einen großen Raum gebracht, wo ein Huhn geopfert

und seine Eingeweide auf etwaige gute Vorbedeutung untersucht werden.

Trifft diese zu, dann stimmt die Dajong einen Gesang an und erbittet

den Schutz der guten Geister für das Kind. Nachdem sodann sechzehn

Männer und ebensoviele Frauen, deren Eltern noch am Leben sind, Wasser

zur Benutzung für Mutter und Kind herbeigebracht haben, beginnt das

Essen. Einige der Gäste essen dabei zum Besten des Kindes, wenn es noch

zu jung ist, um selbst daran teilzunehmen. Acht Tage später wird der

Schutz der Geister wiederum angerufen, und das Kind den Hausgenossen

gezeigt. Ein naher Verwandter zeichnet ihm mit einem Stück Holzkohle

ein Kreuz auf den rechten Fuß; sodann bringt man das Kind vor die Tür

eines jeden Dorfbewohners, damit er es beschenkt. Hierauf muß es acht

Tage in dem Raum der Eltern bleiben, ehe es wieder heraus darf. Wenn

dann bis zum nächsten Herbst dem Kinde kein Unglück zugestoßen ist,

wird sein Name bestätigt; ist ihm aber irgend etwas geschehen, so

erhält es den Namen irgend eines Verwandten, dem es gut geht, dafür

verliert es den ersten Namen. Selten behält übrigens ein Angehöriger

der Klemantanen den Namen, der ihm als Kind gegeben wurde, sein ganzes

Leben lang. Nach einer jeden Krankheit oder irgend einem Unglück wird

er gewechselt, damit die bösen Mächte, die beständig in der Umgebung

der Menschen weilen, unter dem neuen Namen ihn nicht mehr erkennen.

[Illustration: Abb. 266. Hochzeit bei den Dajak.

Eine Betelnuß wird in Gegenwart von Freunden und Zeugen gespalten,

um den Eltern und Verwandten zu zeigen, daß die Ehe glücklich sein

wird. Ist die Betelnuß gut, was gewöhnlich der Fall ist, so ist die

Hochzeitszeremonie damit beendet. Allen Anwesenden wird dann ein Fest

gegeben.]

Bei den Balinesen sind die Zeremonien anläßlich einer Geburt ziemlich

die gleichen wie bei den Javanern, nur kommen sie bei gewissen

Gebräuchen in Wegfall, die der Islam vorschreibt. -- Bei den

Atschinesen erhält die Schwangere im vierten bis sechsten Monat einen

zeremoniellen Besuch von ihrer Schwiegermutter, die ihr ein Geschenk

bringt und dafür Tabak und Nahrungsmittel mitnimmt. Ebenso fühlen

sich andere Besucher verpflichtet, der angehenden Mutter Geschenke zu

machen. Auch hier trifft man tausenderlei Vorsichtsmaßregeln gegen den

Einfluß der bösen Geister. -- Bei der Wöchnerin wird vierundvierzig

Tage lang ein Feuer unterhalten. Die Wiege des Kindes wird mit

Amuletten behängt, um das Kind gegen den Pontianak gefeit zu machen.

Es ist dies ein Teufel, der nur aus einem Kopf besteht, von dem

Eingeweide heraushängen. Sieben Tage nach der Geburt wird dem Kinde der

Kopf rasiert, was ohne Festessen nicht abgeht, und bald darauf unter

Darbringung eines mohammedanischen Opfers ihm der Name gegeben.

Im Alter von etwa neun bis zwölf Jahren werden die +Knaben der

Dajak als Mitglied der Gemeinde+ aufgenommen; verschiedentlich

bekommen sie auch dann einen neuen Namen. Bei den Kajan findet bei

dieser Gelegenheit eine große Zeremonie statt, bei der ein auf der

nachfolgend beschriebenen Kopfjagd erbeuteter Schädel eine wichtige

Rolle spielt. In dem Hause, in dem sich mehrere Knaben befinden,

denen noch nicht die Aufnahme zuteil geworden ist, schlachtet ein

dazu erwählter Zeremonienmeister ein Huhn und zerlegt es in drei

Stücke, eins davon für die Erwachsenen, ein zweites für die Knaben

und ein drittes für die kleinen Kinder. Darauf bindet er jedem Knaben

ein Armband aus Palmblattstreifen um das Handgelenk und besprengt es

mit dem Hühnerblut. Nun muß jeder Knabe dem erbeuteten Kopf, den die

heimkehrenden Männer mit großem Gepränge anbrachten, einen Schlag

austeilen. Schließlich werden die Knaben an einen Fluß geführt, um

hier zu baden, währenddessen wird ein Büschel Palmblätter, mit dem der

Schädel geschmückt war, über sie geschwenkt. Kein Jüngling darf sich

einem Kriegszuge anschließen, bevor er diesen Ritus nicht durchgemacht

hat. Einige Jahre nach dieser Einweihungsfeier werden die bereits oben

geschilderten Körperverunstaltungen an den Knaben vorgenommen. In

gleicher Weise müssen sich ihnen auch die Mädchen unterziehen.

Das +heiratsfähige Alter+ tritt bei den malaiischen Stämmen bereits

sehr früh ein. Die Banjanesinnen auf Borneo sollen schon mit acht bis

neun Jahren, die Javanerinnen sogar mit sieben bis acht Jahren in die

Ehe treten, also schon zu einem Zeitpunkt, wo sich die geschlechtliche

Reife bei ihnen noch nicht eingestellt hat und sie noch nicht zur

Mutterschaft gelangen können. Entsprechend frühzeitig heiraten auch die

jungen Männer.

[Illustration:

Phot. Ch. Hose.

Abb. 267. Eingeborener von Borneo im Kriegsschmuck,

der aus einem Leopardenfell, das über die Schultern hängt, einem

Brustschmuck aus Perlmutter und einem rot bemalten Holzschild und

Schwert besteht.]

Auf der Insel Nias ist es nicht ungewöhnlich, daß wohlhabende Männer

ihren zwei- bis dreijährigen Sohn mit einem erwachsenen Mädchen

verheiraten und damit die ehelichen Rechte und Pflichten des jungen

Ehemanns so lange übernehmen, bis dieser dazu allein imstande ist.

Daher kann es vorkommen, daß die junge Frau nicht nur ihrem Kinde,

dessen Vater ihr Schwiegervater ist, sondern auch ihrem gesetzlichen

Manne gleichzeitig die Brust reicht. -- Auch auf Java werden die

Ehen sehr frühzeitig geschlossen; hier sieht man nicht selten sehr

begüterte junge Burschen im Alter von dreizehn bis vierzehn Jahren

im Besitze eines Harems. -- Über die +Keuschheit+ der Mädchen vor

der Ehe herrschen ganz verschiedene Anschauungen in Indonesien; bei

einigen Stämmen ist der Geschlechtsverkehr den Mädchen erlaubt, bei

anderen dagegen wird daran großer Anstoß genommen. Unter den Batakern

ist ein „Ausleben“ der jungen Mädchen etwas Selbstverständliches,

und ein solches, das jungfräulich stirbt, wird nach ihrer Annahme zu

einem bösen Geiste, der den Männern nachstellt, weil es bei Lebzeiten

die Freuden der Liebe nicht kosten konnte. Auf den Mentaweiinseln

empfangen junge Mädchen direkt ihre Liebhaber in einer der zahlreichen

kleinen Feldhütten, die außerhalb des Dorfes erbaut sind, um mit

ihnen die Nächte zuzubringen. Bei den Tenggeresen auf Java wird einem

jungen Mann, der eine befreundete Familie besucht, für die Nacht die

Tochter des Hauses zur Verfügung gestellt. Dagegen halten die Dajak

Südostborneos sehr auf geschlechtliche Reinheit ihrer Töchter. Hat

ein junger Mann trotzdem ein Mädchen verführt, so ist er gezwungen,

es zu heiraten; außerdem müssen beide zur „Reinigung“ des Dorfes ein

Huhn und ein Schwein schlachten lassen und alle Dorfbewohner zum

Verzehren einladen. Bei anderen Stämmen werden die Mädchen, die sich

außerehelich preisgeben, mit dem Tode bestraft oder in sehr schwere

Geldstrafe genommen. Dies gilt auch für verschiedene Stämme auf Sumatra

und Celebes. Die Sibuyan (Borneo) sehen uneheliche Mutterschaft sogar

für eine schwere Beleidigung der höheren Mächte an, wofür der ganze

Stamm von ihnen bestraft werden würde; sie bringen daher für gefallene

Mädchen Sühneopfer dar und bestrafen die Schuldigen, beziehungsweise

deren Eltern. -- Die Bewohner der Insel Nias führen ein Ausbleiben des

Regens auf eine außereheliche Schwangerschaft zurück und untersuchen

vorkommendenfalls alle jungen Mädchen im Dorfe daraufhin. Jede

Schwangere, die man findet, wird mit ihrem Verführer getötet. Um dieser

harten Strafe zu entgehen, kommen manche Mädchen auf den Gedanken zu

behaupten, sie wären von einem bösen Geiste geschwängert worden; der

Volksglaube läßt aber aus solcher Verbindung Albinos hervorgehen. Wird

nun ein Kind geboren, das kein Albino ist, dann forscht man unter den

jungen Männern nach, welchem es ähnlich sieht, und erklärt diesen für

den Vater. Dieser mutmaßliche Verführer und das junge Mädchen werden

daraufhin auf grausame Weise getötet, das Kind aber wird in einem Sack

an einen Baum gehängt und dem Hungertode preisgegeben.

[Illustration:

Phot. ~Dr.~ Arnold Heim.

Abb. 268. Ein malaiisches Opfer auf Sumatra.

Die Malaien der südöstlichen Gebiete Sumatras töten zu jedem Fest einen

Ochsen. Wenn letzteres vorüber ist, wird der Kopf des Tieres in ein

weißes Tuch eingeschlagen und unter das Haus des Dorfhäuptlings oder

des Gastgebers gelegt.]

Bei einigen Stämmen Borneos kommt auch +Prostitution+ vor, und zwar

geben sich gewisse Priesterinnen (Balian) dazu her; sie nehmen trotzdem

eine geachtete Stellung unter der Bevölkerung ein. Ebenso sollen auf

Java Prostituierte im herzlichen Verkehr mit ihren Angehörigen bleiben

und sich nach Aufgabe ihres Gewerbes noch verheiraten können und selbst

für ehrenhafte Frauen gelten. -- Sehr verbreitet scheint auf Borneo

und Celebes die männliche Prostitution zu sein. Diese Leute (Basir

genannt) ahmen in der Kleidung und im Benehmen die Frauen nach und

geben sich gegen entsprechende Bezahlung +homosexuellem Verkehr+ hin.

Wegen ihrer abnormen Veranlagung werden sie vom Volke für etwas Höheres

gehalten, nehmen daher die Funktionen von Priestern wahr und gelten

für Vermittler im Verkehr mit den Geistern. Manche Männer knüpfen

dauernde Liebesverhältnisse mit solchen Basir an und schließen mit

ihnen sogar eine regelrechte Ehe. Allerdings darf man nicht bei allen

Männern, die nach Weiberart gekleidet einhergehen, annehmen, daß sie

homosexuellen Neigungen nachgehen; denn es kommt auch vor, daß sie ihr

Gewand geändert haben, um böse Geister, die sie jahrelang mit Unglück

und Krankheit verfolgten, dadurch zu täuschen.

Die Indonesier scheinen +sehr sinnlich veranlagt+ zu sein. Um den

Weibern die Freude beim Geschlechtsgenuß zu erhöhen, ist es bei

verschiedenen Stämmen des Archipels (Dajak, Bisayo) üblich, die

Eichel des männlichen Gliedes zu durchbohren und durch die Öffnung

ein Stäbchen aus Elfenbein, Messing oder Silber zu stecken, das nicht

selten an jedem abgerundeten Ende noch eine kleine Kugel aus Metall

oder Stein trägt. Diese Vorrichtung, +Ampallang+, Palang, Utang oder

Kampion genannt, wird erst vor Vollziehen des Beischlafes angelegt. Die

Weiber einiger Stämme sind nicht mit einem einzigen Stäbchen zufrieden,

sondern verlangen deren drei, die durch drei Öffnungen in verschiedenen

Richtungen des Gliedes gesteckt werden. Die Frauen sollen in Männer,

die über solche mechanische Reizmittel verfügen, wie vernarrt sein und

nur solche zu heiraten pflegen.

[Illustration:

Aus: de Wit, Java.

Abb. 269. Opfer in Form von Nahrungsmitteln,

die nicht allein aus Anlaß von Geburt, Hochzeit, Todesfall, Zeremonien

für das Gedeihen der Feldfrüchte, sondern bei fast allen Zwischenfällen

des Lebens stattfinden.]

[Illustration:

Aus: de Wit, Java; Facts and Fancies.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 127 / 207 题