zwei Gewohnheitsdiebinnen und einer alten lesbischen Dirne, die sie bei
Nacht mit Anträgen und unzüchtigen Zärtlichkeiten verfolgt, geplagt
von Unreinlichkeit, einer höllischen Wächterin Stößen und Speichel
preisgegeben, sorgen anonyme Briefe, denen Zeitungsausschnitte über die
Verhandlung beigeklebt sind, an ihre Vermieterin und die Familien, die
ihr Stunden gewährten, für den völligen Zusammenbruch ihrer materiellen
Existenz. Dem Gefängnis entlassen, findet sie sich wohnungs- und
subsistenzlos. Ein neues Zimmer, das sie mit Hilfe des letzten verkauften
Ringes mietet, und neue Stunden, durch Annoncen gewonnen, werden ihr
nach Ablauf einer Woche auf Grund der anonymen Briefe aufgekündigt. Der
Versuch, in eine Modisterei als Aufputzerin einzutreten, scheitert an der
Wachsamkeit des Verfolgers. Auch in einem dritten Zimmer bei einer alten,
hochmütigen Beamtenswitwe kann sie sich nicht halten und als sie es in
einem vierten mit einer Falschmeldung wagt, wird sie von unbekannter
Seite angezeigt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie entschließt sich
endlich, ein allzu teures Zimmer in einer ziemlich fragwürdigen Pension
zu nehmen, wo ihr wenigstens der Steckbrief kaum zu Schaden gereichen kann.
Seitens der Pensionsinhaberin an sie gestellte Anträge, sich an einem
der »intimen Abende« in der Pension zu zeigen, lehnt sie -- nicht mit
Entrüstung oder Entsetzen -- nur mehr müde und aus Gleichgültigkeit fast
schon erliegend ab.
Nun hält Secundus die Zeit für reif geworden und geht zur Adèle Osterer.
Die Osterer ist die Besitzerin zweier großen ~Maisons des rendez-vous~ in
Wien und Budapest und des elegantesten Bordells der City. Sie ist etwas wie
eine Präsidentin des internationalen Mädchenhändlertrustes, nimmt eine
anerkannte soziale Position ein, protegiert manchmal die Polizei bei ihren
Streifungen und ist ob ihrer Beziehungen, die von rumänischen Bauernhöfen
bis in die höchsten Kreise reichen, gefürchtet und unantastbar wie ein
Abgeordneter.
Bei dieser Dame läßt sich Secundus melden, wird in einem strotzenden
Salon empfangen und steuert nach Austausch gegenseitiger Höflichkeiten
direkt auf sein Ziel los.
»Sagen Sie mir, ganz im Vertrauen, beste Frau Adèle, haben Sie die
Nhilius schon?«
Sie lächelt geschmeichelt, daß der Puder stiebt. »Durchlaucht
überschätzen mich. Ich habe die Dame allerdings seit längerer Zeit
ins Auge gefaßt, glaubte aber bisher den Moment für ein Eingreifen
meinerseits noch nicht gekommen.«
»Ich wußte, daß Ihnen dieser interessante Fall nicht entgangen sein
könnte.«
»Gott, Durchlaucht -- man muß doch ein Auge für die Vorgänge dieser
Welt haben. Meine Hauptgeschäfte wickeln sich in der großen Gesellschaft
ab. Ich spüre ihren Herzschlag, ich fühle gleichsam ihren Puls, die
geheimsten Unregelmäßigkeiten seiner Schwingung, die feinsten Reize und
Wünsche dieses Blutes muß ich kontrollieren und zu befriedigen suchen.
Ließe ich nach, versagte die Feinheit meiner nachtastenden Finger,
Durchlaucht können mir glauben, es käme zu den empfindlichsten Krisen des
hiesigen gesellschaftlichen Lebens, zu Stockungen, die stationär würden,
und jene sexuelle Revolution, die wir am Steuer Stehenden um jeden Preis
verhindern müssen, da sie angesichts der Kreise, in denen sie ausbräche,
leicht zu einer politischen werden könnte, stände uns unmittelbar bevor.
In diesem Sinne kann auch ich mit Stolz sagen, daß ich den Posten, den mir
die Gesellschaft -- fast drängt sich mir das Wort ‹Vaterland› auf die
Lippen -- angewiesen hat, ganz ausfülle und trotz aller Schwierigkeiten,
die Taktlosigkeit und Impotenz mir zwischen die Beine wirft, mit Gottes
Hilfe aushalten werde.«
»Falls es bei uns zu einem passiven Wahlrecht der Frauen kommen sollte,
stände ich nicht umhin, Ihnen als erster meine Stimme zu geben, verehrte
Frau.«
»Ich danke, ich danke, Durchlaucht. Mir genügt mein stilles Wirken und
der vertrauensvolle Dank der höchsten Stelle. Aber, um auf Ihre Anregung
zurückzukommen, es ist mir nicht unbekannt, daß Durchlaucht ein gewisses
Interesse an der Baronin haben.«
»Ein negatives, rein psychologisches, liebe Frau Adèle.
Experimentalpsychologie.«
»Ich verstehe vollkommen, Durchlaucht. Da Sie zweifellos besser informiert
sein dürften als ich, gestatten Sie die Frage: Sie halten den Moment für
gekommen, an die Dame heranzutreten?«
»Soweit ich die Lage überblicke, glaube ich ‹Ja› antworten zu
dürfen.«
»Sie halten also die Widerstandskraft der -- für hiesige Verhältnisse
zweifellos ganz merkwürdig anständigen -- Frau genügend geschwächt,
einem Anerbieten meinerseits nachzugeben?«
»‹Geschwächt› möchte ich nicht sagen. Aber ich glaube, daß
jener psychologische Augenblick vollständiger Gleichgültigkeit,
Nervenerschlaffung, Apathie, mit einem Wort, ~désinteressement absolu~ an
der eigenen Person eingetreten ist, der bewirken wird, daß die Dame, schon
um sich die Mühe weigernder Worte zu ersparen, bedingungslos auf jede
halbwegs geschickt gestellte Proposition eingehen dürfte.«
»Ich würde natürlich mit der äußersten Delikatesse ans Werk gehen, die
Baronin völlig als Dame behandeln, als meinesgleichen, wenn ich so sagen
darf --«
»Auch das dürfte von guter Wirkung sein, da die Baronin seit jüngst in
dieser Hinsicht kaum verwöhnt ist und jede Liebenswürdigkeit Ihrerseits
in ihrem Unterbewußtsein sicher dankbar empfinden würde.«
»Verlassen Sie sich auf mich, Durchlaucht. Ich glaube auf diesem Gebiet
alle Register zu beherrschen. Die Gräfin V. nach ihrer Scheidung zu dem
ersten Schritt in mein Haus zu bewegen, war auch keine Kleinigkeit. Heute
führt sie eine Maison in Petersburg.«
»Ich vertraue Ihnen unbedingt. Vor allem jedoch wird starke Energie,
möglichst große persönliche Suggestion am Platze sein.«
»Wenn tatsächlich jener Moment seelischer Stagnation eingetreten ist,
wie Durchlaucht es schildern, halte ich den Erfolg für sicher. Durchlaucht
können überzeugt sein, daß ich alles einsetzen werde, schon aus
Prestigerücksichten. Frau von Nhilius gilt als eine der anständigsten
Frauen der Stadt, ihre Anwesenheit in meinem Salon würde triumphal für
die Sache wirken, auch finanziell viel für mich bedeuten.«
»In dieser Hinsicht liegt ein Scheck auf 100.000 Kronen bereit, an Ihre
Adresse abzugehen.«
»Meinen herzlichsten Dank, Durchlaucht. Eine so enorme Summe gibt Ihnen
natürlich Vorrechte. Haben Sie für den Fall eines Gelingens besondere
Wünsche?«
»Ich möchte, daß alles geheimgehalten wird, bis ich selbst das nötige
Arrangement getroffen habe. Und dann -- ich glaube, Sie werden die Dame
wohl ziemlich mühelos herbekommen, sobald sie aber hier ist, dürfte
starker Widerstand einsetzen.«
»Das ist meist so.«
»Für diesen Fall empfehle ich Ihnen äußerste Strenge. Schrecken Sie
auch vor Erniedrigungen nicht zurück. Sie haben von mir aus völlig freie
Hand.«
»Ich verstehe. Wir greifen nur selten und ungern zu körperlicher
Züchtigung, aber wenn eine solche unvermeidlich ist --«
Secundus' Mund verzerrt sich leicht: »Es liegt mir daran, daß die Baronin
alles auf diesem Gebiet kennen lernt -- alles --«
Die elegante dicke Dame lacht etwas tückisch und durch ihr Parfüm beißt
leichter Hyänengeruch. »Sie werden zufrieden sein.«
* * * * *
Nicht ganz drei Wochen später -- der Umkreis des Jahres ist geschlossen,
es ist wieder November und der Tag Allerseelen bricht mit heiseren Glocken
aus schwarzen Nebelschwaden herauf -- erhält er ein sanft parfümiertes
Billet, in dem eine zierliche Handschrift ihm mitteilt, daß die neulich
gesprächsweis erwähnte Dame es nunmehr vorgezogen habe, ihr bisheriges
Logis zu wechseln und die besprochene neue Wohnung zu beziehen, woselbst
sie sich freuen würde, Seine Durchlaucht gelegentlich zu empfangen.
Er ruft sofort die Osterer an und erfährt von ihr, daß sich die Dame
bereits seit drei Tagen in ihrer Obhut befinde. Alles sei programmgemäß
verlaufen, der in der Tat völlig apathische Seelenzustand der Dame habe
ihr die Aufgabe sehr erleichtert. Sie -- Madame Adèle -- hätte natürlich
schon längst Mitteilung gemacht, aber nach vollzogener Übersiedlung habe
die Dame, gleichfalls wie erwartet, Spuren von Renitenz gezeigt und einen
hysterischen Anfall erlitten, man habe zu den bewährten Hausmitteln
gegriffen und nun sei alles in Ordnung. Seine Durchlaucht könne jederzeit
erscheinen, es sei kein wie immer gearteter Widerstand seitens ihres
Schützlings mehr zu befürchten. Sie selbst sähe den Anordnungen Seiner
Durchlaucht mit Vergnügen entgegen.
Secundus dankt höflich für ihr Bemühen und bittet sie, für den
Abend ein Souper zu etwa zehn Gedecken herzurichten, da er einige seiner
intimeren Bekannten zu der Première einzuladen gedenke, ferner die Dame
auf die kleine Abendgesellschaft entsprechend vorzubereiten, jedoch ohne
den Veranstalter zu nennen, das Menu sei von Sacher zu bestellen, er lege
Wert auf schönes Blumenarrangement. Champagner ~Mumm extra dry~ und ~Moët
et Chandon~ 1892.
Wie er abläutet und sich wendet, sieht er um sich zerreißendes Licht
aufstieben und knapp vor seinem ungeheuer aufgetanen Antlitz die spiegelnde
Schärfe eines breiten Beiles niederblitzen und stürzt -- das dumpfe,
schwarze Rauschen aller Glocken der Erde enthallend in den Ohren -- gelben
Schaum vor dem Munde zu Boden.
Diener finden ihn die Zähne in den Parkettboden verbissen und tragen ihn
aufgerissenen Kragens nach dem Diwan. Erweckt, verweigert er die Hilfe des
rasch herbeigeholten Arztes und schickt -- alles sehr sanften und gütigen
Tones -- die Umgebung fort. Eine halbe Flasche Whisky, unverdünnt
getrunken, setzt ihn instand, die Einladungen zu dem Souper zu schreiben,
die sofort ausgetragen werden, und dann ein längeres Schriftstück
aufzusetzen, das er auf der Schreibmaschine vervielfältigt. Letzteres
enthält eine Selbstanzeige wegen Verbrechens der schwersten Verleumdung,
Mißhandlung eines Toten, begangen an weiland Baron Nhilius, Verleitung
zum Diebstahl, fälschlicher Anzeige, Meineides und Unterstützung von
Kuppelei. Als Beweise führt er die Zeugenschaft des Grafen Kolosvary,
den Obduktionsbefund an dem Baron, der von einem schweren Faustschlag im
Gesicht des Toten sprach, das Dokument des von ihm gedungenen Diebes, das
Protokoll über seine Aussage in der Verhandlung kontra Kathrin Nhilius
sowie den Brief der Osterer an. Als Motiv seines Vorgehens bekennt er
Rachsucht für die Ablehnung eines von ihm an die Baronin gestellten
Antrages. Die Vervielfältigungen des Schriftstückes, das er an die
Staatsanwaltschaft schickt, sendet er den meistgelesenen Tageszeitungen ein
mit dem beigefügten Ersuchen um Abdruck im nächsten Morgenblatt zwecks
völliger Rehabilitierung der genannten Dame vor der Öffentlichkeit. Die
adressierten Briefe übergibt er seinem Kammerdiener zur Beförderung.
Gegen fünf Uhr nachmittag -- der werdende Abend dampft grau und naß an
die hohen Fenster -- ist er mit seiner Arbeit fertig, begibt sich in die
Appartements der Fürstin und bittet diese um eine kurze Unterredung. Sie
empfängt ihn, damit beschäftigt, Schuhe und Strümpfe zu wechseln, ohne
sich von ihm -- wie einem Nichtanwesenden -- stören zu lassen. Er erklärt
ihr, daß es für sie am vorteilhaftesten wäre, noch im Laufe des Tages
die Scheidungsklage gegen ihn einzureichen, da sein Name bereits morgen
kaum mehr ehrenvoll zu tragen und es ihr sicher gesellschaftlich von Nutzen
sein würde, wenn sie bereits vor Erscheinen der morgigen Zeitungen sein
Haus verlassen hätte. Das ihr überwiesene Dritteil seines ehemaligen
Vermögens stehe ihr völlig integer zur Verfügung, ein weiteres
Verbleiben an seiner Seite hätte schon aus dem Grunde keinen Sinn, weil
er selbst vollkommen ruiniert sei und nach Verkauf des Palais ihm kaum noch
drei Millionen bleiben würden, die übrigens einer von ihm zu leistenden
Entschädigung zur Verfügung gestellt werden müßten. Die Fürstin dankt
für seinen Rat und erklärt, die Spange an ihrem Schuh schließend, ihn
befolgen zu wollen. Sein Gesicht ist so völlig in Unirdisches getaucht,
daß eine boshafte Abgangsglosse, die sie seit Monaten vorbereitet hat,
unterbleibt. Sie scheiden höflich und in Form.
* * * * *
In der Einsamkeit seines Zimmers faltet er, betäubt von der Größe des
aus ihm Geschehenen, hilflos und armselig vor der mächtig die Stirne ihm
überschattenden Ewigkeit, seine Hände.
»Mein Bruder in der Nacht, Engel aus den Engeln, dessen Weg meine Seele
gegangen ist, du äußerster Liebender, Schatten, den das Licht wirft, weil
es das Licht ist, du weißt, was das Licht nicht wissen kann, _weil_ es
das Licht ist, du weißt um das letzte schauderndste Dunkel der Seelen, du
weißt, daß ich in äußerster Liebe gehandelt habe, daß ich aus Liebe
meine Liebe geopfert habe, daß ich mich selbst verstieß, weil ich es
nicht mehr tragen konnte, aufgenommen zu werden, daß ich schuldig wurde,
weil ich schuldlos nicht mehr leben konnte, daß ich haßte und schlug und
quälte und mordete, um gehaßt, geschlagen, gequält, gemordet zu werden,
weil meine Liebe zu groß war, sich noch _lieben_ lassen zu können! Du
weißt, daß ich myriadenfach alles erlitten habe, was ich erleiden machte,
daß ich zehntausend Tode gestorben bin ohne die Hoffnung der Auferstehung.
_Dies_ weißt du vor allem, daß ich gänzlich _hoffnungslos_ gelitten
habe, seit du mich wissen machtest, daß ich mir bewußt war, außerhalb
der Gnade und der Vergebung zu stehen, daß ich so inbrünstig um die
Verdammnis gerungen habe wie kein Mensch um seine Seligkeit. Nun bitte ich
dich, du lässest meine Seele hinfahren in diese Verdammnis, du bindest
mich an Händen und Füßen _und werfest mich in die äußerste Finsternis,
wo Heulen und Zähneknirschen sein wird -- dahier ist mein Weg zu Ende_.
Ich bin ihn aufrecht gegangen, aufrecht mit zerschmetterten Gliedern,
getreu bis in den Tod!!«
Aber das Schweigen wächst und das Dunkel wächst und strickt sich
netzhaft um seine geschüttelten Glieder. Hölle und Himmel sind stumm und
verfinstert; und ihm ist, als hinge er klein und nackt und gekrümmt an
einem riesigen, blutbespritzten Kreuz und es wäre die sechste Stunde
angebrochen, von der da geschrieben steht: Und es ward eine Finsternis
über das ganze Land.
Der Eintritt des Dieners, der Licht macht und ihm den Smoking bringt,
reißt ihn aus seiner entsetzlichen Halluzination. Verstört und naß von
fiebrigem Schweiß kleidet er sich um, läßt das Auto vorfahren und begibt
sich ins Johann Strauß-Theater, wo er den beiden ersten Akten der neuen
Operette beiwohnt. Mehrere der zum Souper eingeladenen Freunde, die sich
gleichfalls im Theater befinden, kommen im Zwischenakt in seine Loge und
bedrängen ihn neugierig um das Geheimnis, das er bei Madame Adèle für
sie vorbereitet habe. Er schweigt, geheimnisvoll schmutziges Lächeln um
die grauen Lippen gelegt. Nach dem zweiten Aktfinale, es ist halb zehn
geworden, fahren sie zur Osterer. Der erste Stock des unauffällig
eleganten Hauses ist hell erleuchtet. Ein reinigender Wind hat die dicken
Allerseelennebel auseinandergefetzt, der ungeheuer hohe Himmel beginnt
sich zu bestirnen und in Strahlen zu werfen. Musik flattert aus einem nahen
Restaurant, da sie in das Haus eingehen.
* * * * *
Frau Adèle in großer Toilette -- distinguiert und busig -- macht die
Honneurs und empfängt die Gäste mit liebenswürdigen Scherzreden. Im
ganzen acht Herren. Einer hat mit Berufung auf seine leider am Vormittag
stattgefundene Verlobung abgesagt. Zum größern Teil Offiziere, darunter
die beiden, die an jenem Abend in der Manhattan-Bar mit den Nhilius waren,
lauter junge Leute, von denen Secundus weiß, daß sie die Frau umworben
und nicht bekommen haben, lauter Menschen, von denen er weiß, daß sie
an ihrem Tisch gesessen sind, ihre Hand geküßt und ihr Fleisch verehrt
haben, weil es ihnen unerreichbar war. Menschen, die er haßt wie Aussatz
und für würdelos genug hält, die Statisten in dieser letzten großen
Entwürdigung zu spielen.
Eine Zigeunerkapelle beginnt gedämpft und geil den Walzer aus der neuen
Operette zu spielen:
»Eine nur, das ist die Echte,
Eine nur, das ist die Rechte --.«
Auf eine einladende Geste Frau Adèles begeben sie sich ins Nebenzimmer, wo
die Tafel, festlich in Weiß und Rosa gedeckt, sie erwartet. An dem einen
Ende der Tafel steht, mit Rosen und Flieder bekränzt, etwas erhöht --
gleichsam als Thron gedacht -- ein prunkvoller Lehnstuhl mit Brokatüberzug
Secundus, der am unteren Ende der Tafel Platz genommen hat, gegenüber.
Man setzt sich, etwas erstaunt, etwas leiser werdend, zu Tisch. Madame
Adèle ist verschwunden, acht Herren allein, damenlos, in einem Bordell bei
Tisch, die Situation ist entschieden originell. Bemerkungen wagen sich vor,
Witze werden versucht:
»Hören Sie mal, lieber Fürst, ich hoffe doch entschieden, daß die
Geschichte allmählich 'n weniger Liebenbergischen Anstrich bekommt?«
»Du hast uns doch nicht zu einem Junggesellensouper ausgerechnet zur
Osterer bestellt! Das wär' doch auch im Bristol gegangen.«
»Nein, nein, Kinder, der Secundus hat noch a besondere Gaudee für uns ~in
petto~. Schauts doch den Thron an!«
»Aber nachher fix. Ich weiß nicht, der Hummer is doch sicher vom Sacher,
aber mir schmeckt's gar nicht, wenn ich nicht a hübsches Weib zum Fußeln
neben mir hab'!«
»Ich kenne diese deine Gewohnheit, lieber Kiki«, lächelt Secundus
höhnisch. »Wie du siehst, habe ich darauf Rücksicht genommen und dich
neben die Dame des Festes placiert.«
»_Die_ Dame? Also kommt doch wenigstens _eine_?«
»_Nur_ eine, Fürst? Neun sind wir -- das wird schwer halten!«
»Also jetzt zum Teixel, wer is denn dieser steinerne Gast? Schau,
Secunderl, ich bin solchen Aufregungen nicht gewachsen --«
»Das tut mir leid um dich, so jung --«
»Also, Kinder, nach den Zurüstungen serviert er uns entweder die Gaby
Deslys oder die Kaiserin von China zum Dessert!«
»Aber um Gottes willen, Kinder, das ist ja --!«
Alle haben sich wandweiß und erschrocken erhoben, machen eine unsichere,
halb wieder fallen gelassene Verbeugung, starren mundoffen auf die
Erscheinung der Frau. Secundus allein ist sitzen geblieben. Langsam hebt er
den Blick von den fleischigen Blumen auf, die in einer schlanken, grünes
Licht versplitternden Vase vor seinem Gedeck stehen, und sagt, den Blick
ganz fest in ihrem, leicht und nonchalant in die peinliche Stille:
»Sitzen bleiben, Kinder. Nur kein Zeremoniell. ~Voilà la dernière
acquisition de madame Adèle.~ -- Guten Abend, Kathrin, nimm Platz. Eine
Vorstellung erübrigt sich. Du kennst ja alle, nicht? Es ist alles wie
immer, nur daß wir hier ‹Du› zu dir sagen. Du erlaubst doch?« Und
leert langsam mit einer niederträchtig höllischen Gebärde sein Glas
gegen sie.
Sie steht starr und heilig lächelnd vor sich schließenden Vorhängen.
Ihre Schönheit ist dem Ewigen so nahe, daß sie Stille und Schatten auch
über diese wirft. Sie ist fast nackt, trägt ein phantastisches Kostüm,
etwa im Stil des Directoire, aus dünnster, leuchtendster Gaze, das ihre
Brüste frei und den völlig edlen Körper in triumphierender Enthüllung
allen Falten entstrahlen läßt. An die bloßen Füße sind rotseidene
Sandalen gebunden, die Hände sind nackt von Schmuck, in das griechisch
zurückgetürmte violette Haar ist fahles Laub des Ölbaumes geflochten.
Das zu weiße Antlitz ist sanft und stilisiert geschminkt und macht aus dem
Todesgenius eine Kokotte.
Allen ist sie ungeheuer unwirklich und alle, auch die Verhärtetsten unter
ihnen, erwarten unklar ein Wunder. Herabsturz von Engeln durch gebrochene
Decke rauschend, der sie ihren Blicken entzöge, eine Blendung, ein
Gericht. Aber da nichts Entscheidendes geschieht, da sie unter Secundus'
Worten widerstandslos den ihr zugewiesenen Platz einnimmt und schamvoll
lächelnd, fast grüßend die Gesichter entlang blickt, löst sich langsam
der würgende Bann, der ihren Atem in der Kehle zurückhielt, und der
Ausbruch -- eine ganze Weile noch verhalten unter peinlichen Erinnerungen
und letzten Resten von äußerer Form und Zucht -- ist endlich riesenhaft
und satanisch.
Primitive Geilheit und Lust an dem halbnackten, edlen Fleisch, gewürzt
von dem Reiz der Situation, die ihnen das längst verloren gehaltene
Genußmittel plötzlich in unwahrscheinlichster Erfüllung unter Finger und
Atem wirft, gestachelt von dem männlichen Rachekitzel für den immerhin
noch nicht verziehenen Abfall, dazu der Triumph der brutalen Überlegenheit
über die überlegen Geglaubte an sich entladen sich in einer wilden,
fanatischen Zügellosigkeit. Der ganze Haß des Geschlechtes steht nackt
und roh auf und wirft sich -- ein brünstiges, boshaftes Tier -- auf die
Wehrlose. Die unkomplizierteren Smokings begnügen sich damit, sie als
Dirne zu behandeln und ihr ein schmutziges »Du« oder eine Zote ins
Gesicht zu werfen, die feiner Organisierten machen es geschickter, sprechen
zu ihr wie zu einer Dame, sagen sogar »Sie«, erinnern an gemeinsam
Erlebtes, die Dolomitentour, das Fest bei der Croy, um plötzlich, wenn
sie in Sicherheit gewiegt scheint, unter Tisch nach ihrem nackten Bein zu
tasten oder einen Kuß auf ihre Brüste zu wagen oder ihr eine dreckige
Liebkosung ins Ohr zu flüstern.
Sie spricht nicht, versucht sich innerlich ganz fern zu machen, von
den obszönsten Scherzen fortzuhören, den gemeinsten Berührungen
auszuweichen; gewohnt an die häßliche Entzündung des Fleisches rings um
sie, hofft sie noch immer, daß die völlige Makellosigkeit ihres Selbst
das Äußerste von ihr abwenden werde, aber sie muß erfahren, daß
hier, wo sie keinen äußern Rückhalt mehr besitzt, wo sie nur als Weib,
»nacktes Weib« eingerechnet wird, diese Makellosigkeit zur Stimulanz
dient. Sie fühlt, entsetzt lächelnd, wie der gelbe, trübe Gischt näher
an sie heranbrodelt, ihre Knöchel umspült, ihre Kniee bespeichelt, ihre
Stirne mit schmutzigen Flocken überwischt.
Die Stimmung ist auf jenen Siedepunkt gestiegen, wo hinter der Begierde
schon Verbrechen und Mord hockt. Das Zimmer dampft von Schweiß und
Geschlecht, fad und süß geilt die Musik im Nebenzimmer, niemand
berührt mehr eine Speise, kaum führt der eine oder der andere noch das
Champagnerglas an die Lippen, ihre Münder sind trocken und klebrig, die
Stimmen werden gedämpft und lallender, der Atem wird in kleinen, kurzen
Zügen durch witternde Nasenflügel gestoßen.
Sie blickt in furchtbarster, letzter Todesangst um sich und starrt in
verzogene Tierfratzen, schaudert in der plötzlichen völligen Stille und
öffnet die gerougeten Lippen zu einem kleinen halben Schrei. Da fühlt sie
sich schon in jäh sie überstürzendem Geheul von ihrem Stuhle gehoben,
auf den Tisch geworfen, zwischen stürzende Flaschen und noch nicht
abgespeiste Teller gebettet, sieht zerbrechenden Blickes, wie ein
beschnurrbarteter Mann ihr die Sandale vom Fuß reißt, spürt einen Biß
in die linke kleine Zehe, ringt mit unsicher tastenden, feuchten Händen,
die die kaum hüllenden Gazeschleier zerreißen, und windet sich in irrer
Verzweiflung unter Lippen, die sich keuchend in ihre Lippen, ihre Brüste,
ihren Schoß wühlen --!
_In diesem Augenblick vollzieht sich das Wunder._
Secundus, vom Sessel aufwachsend, die Lider ganz hoch gehoben und die Augen
weit und offen für die Ewigkeit, sieht Decke zerreißen, Wände stürzen
und den Boden des Zimmers mit sich, der Frau und den Tieren -- eine
schwankende Platform -- in das azurene Dunkel des Raumes getragen. Und
plötzlich entzünden sich Millionen Gestirne, die Milchstraße steht in
Flammen und brennend blauer Äther umströmt in reißendem Wirbel seine
Stirne. Von der Erde, der entsinkenden, aber weht ein würziger Geruch von
Harz und Ölgärten ihm nach und läßt ihn tief und beruhigt aufatmen. Und
einen unbeschreiblichen Frieden auf dem weiß verkohlten Antlitz, zieht er
einen kleinen Browning aus der Tasche und schießt dem über ihr Antlitz
gebeugten Tier knapp an ihrer Wange vorbei in den halb geöffneten Mund.
Einen gurgelnden Blutstrom über ihr Gesicht erbrechend, stürzt der
Erlegte, die Schläfe im Fall an der Tischkante aufschlagend, zu Boden.
Zwei Schüsse in die auf ihn Eindringenden, die zwar nicht töten, aber
stark blutende Fleischwunden reißen, genügen, diese zum Rückzug zu
veranlassen. Sie gewinnen -- den Körper des unter Blutstößen noch
japsenden Rittmeisters mit sich schleppend -- die Türe, die er ruhig
hinter ihnen schließt und versperrt.
Wände und Decke begrenzen den Raum wieder. Der Tisch steht da mit dem halb
herabgeglittenen Tischtuch, den zerschmissenen Gläsern, den zerscherbten
Tellern, Blumen in umgeworfenen Vasen, Champagnerflaschen in Eiskübeln
und Blut, Blut, Blut. Starr und müde, fast schläfernd blickt er in das
stellenweise schon krustende, schwärzlichrote Blut.
Draußen verhallt Lärm, eilige Schritte, eine Telephonklingel schrillt auf
entferntem Korridor. Dann Ruhe.
Langsam, leicht schwankenden Ganges tritt er an den Tisch heran, auf dem
sie nackt und weiß, von fremdem Blut übersprungen liegt, nimmt sie
leicht in seine Arme und bettet sie auf den breiten, prunkvollen Diwan,
der fellübergossen -- anderen Zwecken bestimmt -- in der Ecke steht. Dann
kniet er still vor ihr nieder und senkt seine Stirne auf ihre Brüste.
Leise und spielend geht ihre Hand durch sein Haar. »Lieber du. Armer du.«
An dem krampfhaften Schüttern seiner Schultern merkt sie, daß er weint,
ein lautloses, zwischen den Zähnen zerrissenes Weinen.