[Illustration: D V]
Die Liebe
Novelle
von
Hans Kaltneker
Donau Verlag
Ges. m. b. H.
Leipzig und Wien
1921
Alle Rechte vorbehalten,
insonders das der Übersetzung, der Dramatisierung
und der Verfilmung.
Copyright 1920, Donau Verlag Ges. m. b. H. Wien
Druck der Offizin der Waldheim-Eberle A. G., Wien
Die Liebe
Aber sie stärker und stärker zu prüfen,
Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
Lust und Entsetzen und grimmige Pein.
_Goethe_ »Der Gott und die Bajadere«
Aber ihr letztes Ziel wirkt die _Liebe_, die da
stark ist wie der Tod. Und das ist, daß der
Mensch auch auf sein ewiges Leben Verzicht
leistet und auf alles, was er von Gott und seinen
Gaben dereinst empfangen könnte.
_Magister Ekkehart_ »~Fortis est ut mors dilectio~«
»Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich.«
Durch einen Regen verklärter Tränen brechen ihre Blicke und finden sich
-- ein schimmernder Bogen -- Gesicht bindend an Gesicht.
»Dies -- daß es _sein_ kann --«
»Daß es _nicht_ sein konnte!«
Worte gehen nicht gerade, aufrechte Boten schwebenden Herzschlags von einem
zur andern, Worte schwanken, taumeln, sind Mantel um den nackten Gedanken,
in den der Sturm fährt, ihn bauscht und knittert, und der Gedanke ist
ein strahlender Gott. Worte sind Hall zwischen Himmel und Hölle, Ruf und
Gegenruf zwischen dem Wächter unten und oben und die erdämmernde Nacht
dröhnt leise von den Rufen der Engel.
Der Mann: »Irre -- Suchen -- immer nur dich --«
Die Frau: »Nie gesucht. Seligkeit, gefunden zu werden, sich finden lassen.
Ich wußte, wußte, daß du mich finden würdest. O Warten -- Jahre des
Wartens --! Du warst noch weit, aber manchmal in Nächten fühlte dich
näher nahen. Gläser klirrten von deinem entfernten Schritt, Kerze
flackerte in deines entfernten Atems Wind und im Schlagen der Uhr metallen
donnernd dein Herzschlag. Unendliche Nächte. Ich, geborgen in der Wärme
meines Bettes, fliederfarbenes Dunkel leichter Decke über mir, warmer,
süßer Schlaf meine Stirne umwehend --. Da wollte ich mir dich verdienen,
opfern -- Gott und dir -- ein paar Schritte dir entgegenkommen auf deinem
noch so weiten Weg. Und stand auf, tief in der Nacht, ging mit bloßen
Füßen sechs Schritte neben dem Teppich über die kalten Parketten bis zur
Türe. Und konnte nun erst schlafen. Lachst du? Geliebter.«
»Das hast du für mich getan!«
»Für dich -- für Gott -- für _dich_.«
»Und hast nie gezweifelt?«
»Lebte ich noch?«
»Du lebtest mit einem andern! Mein waren drei Minuten -- des andern die
Nacht --«
»Still, still du --«
Über seinen Augen liegt weiße Nacht, ihr Arm. Seine sinkenden Wimpern
streifen ihre kühle, lebendige Haut.
»Vor vier Jahren auf meiner Hochzeitsreise -- in Kairo -- sah ich einen
leprakranken Bettler im Finstern eines Torbogens kauern. Er wagte sich
nicht mehr ins Straßenlicht, sein Zerfall war so furchtbar, daß ihn die
Menschen gesteinigt hätten. Aber aus dem Dunkel züngelte sein Blick rot
und hündisch über meine Schuhe. So schrecklich war dieser Mensch, daß
ich hingehen mußte und ihn streicheln -- mit dieser Hand. Damals hatte ich
deiner vergessen. Wie hätte ich sonst meinen Leib -- _deinen_ Leib,
dies Mein, das dein war vom Anbeginn meines Atmens -- solcher Gefahr
preisgegeben? Willst du eifersüchtig sein auf diesen eiternden Brocken
Fleisch? Ihm müßtest du mehr zürnen als dem Manne, der mein Sterbliches
bis heute besessen hat. Damals brach ich dir die Treue.«
»Du --!« Als riss' er einen jungen Baumstamm mit allen Wurzeln aus
feuchter Erde, reißt er seinen Mund von ihrem auf. Ihr Kuß ist bitter
wie das klebrige Innere einer märzlichen Blattknospe. Den Oberkörper
emporgehoben über sie wirft er ihr die Worte ins Gesicht. Ihre Lider
schlagen in seinem Atem wie an Fenstern schwere Vorhänge im Sturm. »Oft,
oft hast du mich betrogen. Du liebtest andere Dinge neben mir, tausend
andere Dinge. Tand, Eitelkeit, Ungöttliches!«
Ihre wehenden Lider sinken schwer herab. Und siehe, im Zimmer, dem hell
vermeinten, ist solche Nacht, daß sein Leib angstvoll an ihren fliegt.
Die Frau, leise, gebunden: »Vergib. Ich weiß. Es war viel Äußeres
um mich und an mir. Und manches davon gefiel mir. Ich war gerne schön
gekleidet, edel frisiert und fühlte mich froh, wenn Menschen mich schön
fanden. Ich liebte die Jagd, den Winter in der Schweiz, den Frühling auf
dem Meer, Konzerte, meinen Hund -- du kennst ihn --«
»Und heute -- jetzt?«
Ganz zart, mit einem schwebenden Lächeln, in dem ein schwaches Licht
ist wie am äußersten Rande des Himmels am Morgen: »Den Hund liebe ich
vielleicht noch.«
»Ich werde ihn töten müssen!«
»Wilder du --« Unter ihren kindlichen Fingerspitzen knistert sein Haar,
als sprängen Funken über.
Sein Leib stürmt verzweifelt wider ihren an. »Nur _mich_ lieben, du,
_nur_ mich! Um uns, außer uns, das Nichts, luftleeres Chaos. Luft, Leben
nur mehr in unsrem Atem, nur mehr aus meinem Mund in deinen und zurück.
Lassen wir uns los, ersticken wir, stürzen ab in den brennenden
Sternenraum --«
»Ja --! Doch noch der Sturz -- Seligkeit!«
»Noch nicht stürzen! Leben! Atmen!«
Sie sind eins. Eins und allein. Um sie Gemäuer mit tausend verschlossenen
Toren. Tausend Türme stürzen, sich verjüngend, empor in den Raum und
ihre Spitzen, ganz zarte Nadeln aus Stein, berühren den aufklingenden
Himmel. An die Tore aber donnert in brünstigem Rhythmus graues, gischtiges
Meer. In furchtbarer Rundung ist um sie Granit gegossen, nur ganz oben
ist der Blick frei. Die Augen der Frau weit offen empfangen den ungeheuer
fernen Himmel, Nachthimmel dunkel, blau und gestirnt, über den zuckende
Bogen von Blitzen schießen, und der Mann sieht den Widerschein sterbender
Sterne in ihren Augen und erschauert.
Ihre Körper entsinken einander. Die Frau weint leise. Ihr ist, als hätte
sie den Tod in ihrem Schoß empfangen und müßte ihn nun in die Welt
hinausgebären. So grauenvoll war die Lust. Gütig und bruderhaft geht die
schöne Hand des Mannes durch ihr verwirrtes, strahlendes Haar.
»Wollen wir sterben -- jetzt -- jetzt gleich?«
Sie richtet sich dunkel erschrocken halb auf, die eine Hand mit seltsam
keuscher Gebärde auf ihren lieben Brüsten.
»Jetzt? Nein. Wäre das nicht zu klein für uns? Wir haben doch noch nicht
gelitten.«
»_Du_ nicht?«
»Nicht so. Nicht so. Versteh. Wir waren nie glücklich bis heute, weil
wir nicht _aneinander_ glücklich waren. Und so haben wir auch noch nie
gelitten, weil wir nicht aneinander gelitten haben. Wäre es nicht klein,
uns darum zu betrügen?«
»Nie, nie -- nie wollen wir dieses Leiden erleiden! Wie kommst du darauf?
Warum glaubst du daran?«
»Ich weiß nicht. Aber müßte die Welt nicht aus ihrer Bahn stürzen, die
Erdenellipse zerreißen, wenn diese Stunde nicht ein Gleichgewicht fände?
Und können für uns noch Schmerzen sein außer denen, die _wir uns_
zufügen?«
Angstvoll starrt er ihr ins Gesicht hinein: »Was meinst du? Was ahnt
dir?«
»Nichts, nichts, Geliebtester. Du liebst mich!«
Ihr Lächeln, ein Sternenstrom, stürzt nieder über sein Antlitz und
glüht Angst und Trauriges von seinen Schläfen ab.
»Ich liebe dich. Nichts mehr, was uns trennt, kein Schatten zwischen uns.
Über unseren Häuptern die Luft brennt von Glück. Schwere bindet uns
nicht mehr. Soll ich fliegen? Jetzt, vom Lager auf, drei Fuß über dem
Boden?«
»Ach du! Unerhört Geliebtester!« Sie lacht, lacht wie ein tolles Kind
und küßt hunderttausendmal seine Haare.
»Morgen kommt _er_ zurück --. Ich suche ihn auf -- morgen, nein, das ist
heute noch -- zu Mittag. Spreche mit ihm. Du sollst nichts, nichts damit
zu tun haben, er gibt dich frei. Wie sollte er nicht? Du bereitest das
Nötigste vor, wegzugehen. Du sollst ihn nicht wiedersehen. Nach der
Unterredung rufe ich dich an, wie immer sie ausfällt. Dann gehst du --
kommst -- zu mir!«
»Das alles -- und das ist wirklich?«
»In zwei Monaten bist du meine Frau -- Und dann fort -- ganz, ganz weit
fort, auf Jahre werfen wir uns in die Welt. Indien. Java. Japan. Yokohama
und Singapore. Die Dschungeln. Der Orinoco. Die Wüste. Das Meer.
Panther und Schlangen um uns. Böse gelbe und gute, demütige schwarze
Menschentiere unsre Gesellschaft. Wir rauben eine Dschunke und treiben
Piraterie in der Südsee. Denk' das alles --!«
Stunden kreisen, Welten altern. Geburt und Sterben ist in der Nacht. Kleine
Kinder überwinden Fieberkrisen, Studenten stehen wüst und durstig von
Dirnenbetten auf, Succubi mit pompösen Brüsten besuchen einen Einsiedler,
in Grabkammern altern weißüberpuderte Skelette.
Um sie ist wieder das Zimmer. Stumpf und weiß tastet Morgenlicht in den
todesdunklen Raum.
Der Abschied ist voll namenlosen, betäubenden Schmerzes. Zwölf Stunden
Trennung sind vor ihnen, eine Zeitmasse, eine graue, gallertige Masse, ein
unübersehbares Tangmeer Zeit, in das sie sich stürzen müssen. Und die
träge Masse hindert Tempo und Kampf, sie müssen sich ergeben und --
warten.
Er ist gegangen. Die letzte Türe schließt er hinter sich, er steht im
Garten. Hart und herbstlich sind alle Konturen. Dünne weiße Nebelfäden
hängen sich an seinen Überrock. Ein großer schwarzer Hund kommt langsam
und fröstelnd durch den erstorbenen Garten auf ihn zu, erkennt ihn und
reibt stumm den riesigen Kopf an seinem Knie. Da erwacht er erst ganz, erst
furchtbar. Beugt sich herab und streichelt mit sinnloser Zärtlichkeit das
schwarzzottige Fell des Tieres. Der Hund wedelt zweimal, dreimal schwach
und meint, daß der Morgen häßlich, Gott aber doch gut sei.
Der Herr nickt und zieht ein Fläschchen aus der Tasche, entkorkt es
vorsichtig und schüttet ein paar Tropfen auf sein Taschentuch. Der
penetrante saure Geruch macht das Tier zittern. Mit einer Hand hält er den
schönen, schweren Kopf fest und drückt mit der andern das Tuch auf die
Schnauze des Tieres. Es stirbt ganz ruhig und schmerzlos.
Er läßt es zu Boden gleiten, gerade vor die Türe, kniet nieder
und küßt das lang herabhängende kühle, seidige Ohr. Dann geht er
aufgestellten Kragens. Der Morgen ist sehr kalt.
* * * * *
Es ist eine Wohnung im zweiten Stock eines alten Hauses der inneren
Stadt. Alte Wohnung in einem alten Haus einer alten Gasse. Die Wände des
Treppenhauses sind frisch getüncht, aber die Stufen hoch und ausgetreten.
Mürrischer, verrunzelter Stein. Er drückt auf den Knopf des
elektrischen Läutewerkes, das störend und fremd wirkt. Noch fremder ein
Gesellschaftstelephon in dem engen, wenig belichteten Vorzimmer, zu dem
eine uralte, verdummte Magd die Tür öffnet.
»Die Exzellenz? Die gnädige Exzellenz seien nicht zu Hause, aber das
gnädige Fräulein Tochter würden gewiß empfangen.«
Er tritt ein. Durch eine schmale Tür in unheimlich dicker Mauer. Die Luft
des sehr hohen Zimmers ist bitter und staubig. Unter halb herabgelassenen
Jalousien, zwischen halb zur Seite geschobenen schweren Stores bricht --
Staub auftanzen lassend -- graues muffiges Sonnenlicht herein. Wohin
es fällt, Sammet, Teppiche, verblichene Seidenpölster, etwas fleckige
Plüschmöbel, etwas blinde Spiegel, Bilder im Makartstil mit ausgegangenen
Farben, vertrocknete Bukette in imitierten Vasen, kein Fuß Wand, kein
Fuß Diele frei von Plüsch, Teppichen und Bildern. Und Nippes, Nippes
in erschreckenden Quantitäten. Über einem breit ausladenden Kanapee
ein stark gedunkeltes Porträt des Großvater-Feldzeugmeisters. Peinliche
Erinnerungen an 59 und 66 steigen auf. Das Urbild des alten Generals --
Radetzkyschule -- der zehn Attacken reiten und keine Schlacht gewinnen
konnte. Um ihn Türkensäbel und Reiterpistolen mit gezogenem Lauf
malerisch gruppiert. Das Zimmer wirkt als Ganzes, als müßte sein bloßes
Vorhandensein in dieser stillen Gasse und diesem ruhigen Hause durch
furchtbare Ausstrahlung ungeahnter Kräfte lähmend auf allen Verkehr und
alles Vorwärtskommen in hundert Quadratmeilen Entfernung wirken.
Secundus bleibt stehen und klopft leicht, gedankenlos, gewohnheitsgemäß
den Staub aus der Lehne des riesigen, unheimlich tiefen Fauteuils, in den
er sich dann setzen wird. Er vermag nichts zu denken. Das halbe Licht, die
völlig staubgesättigte Atmosphäre, die verzeichneten Götter auf
den antikisierenden Bildern üben selbstverständliche, erschlaffende
Suggestion auf ihn aus. Jegliche Gefühlsregung muß mangels Resonanz in
diesen Tapeten ersticken.
Betäubende Ruhe sinkt über ihn. Ekstasen, ungeheurer, tobender
Gefühlsrausch verrieselt wie Sand, wird Moder, der vom Wind angeblasen
zerstiebt.
In müder Gespanntheit hängen seine Blicke an sich öffnender Türe. »Das
gnädige Fräulein« treten ein. Es ist schwarz gekleidet -- die Trauer um
den verstorbenen Feldmarschalleutnant-Vater -- schlank, groß, edel, weiß
und böse.
Die etwas schütteren Brauen leicht emporgezogen begrüßt sie ihn. Er
verbeugt sich und spricht, scharf betonend, als richte er einen höheren
Auftrag aus: »_Ich bitte Sie um Ihre Hand, Sabine._«
Beherrschtes Erstaunen erwidert seinen Worten. Aufflammender Blick wird
mit wahnsinniger Selbstzucht niedergehalten, Mondkühle über das weiße
Gesicht gebreitet. Nur die Nüstern beben gierig und bereit.
»Nehmen Sie Platz, Fürst.« Der sonst gebrauchte Vorname wird fallen
gelassen, behutsame Konvention scheint am Platze. Das Niedersetzen,
leichtes Überschlagen des rechten Beines, unmerkbares Glätten der
Kleidfalten gewährt Gelegenheit, sich zu sammeln, die kreisenden Gedanken
zu ordnen.
»Ich erbitte Ihre Antwort.«
»Sie fällt mir schwer. Nach Ihrem Benehmen erwartete ich kein
Wiedersehen.« Kurzer sparsamer Aufblick kontrolliert die Wirkung.
»Warum?« Ekel und Stumpfheit. Worte. Unnütze Worte. Er kennt die
Fechterpose drüben, will aber nicht fechten, schmeißt das Florett weg.
»Sie haben sich nach jenem Abend in der Loge nicht so benommen, wie man es
Mädchen meines Kreises schuldig ist.«
Der Feldzeugmeister an der Wand!
»Sie haben, eine gewisse Neigung und ein vielleicht zu sehr geoffenbartes
Vertrauen, das ich Ihnen entgegenbrachte, mißbrauchend, mich
kompromittiert. Das liegt nun sechs Wochen zurück. Sie kommen spät.«
Ihre schöne, etwas harte Stimme reizt ihn unsäglich. Er wird brutal.
»Nehmen Sie an, daß ich bis jetzt keine Zeit hatte.«
Sie öffnet haßvoll die ganz schmal gezogenen Lippen. Schweigt. Er hat
sichtlich die Oberhand und beschließt, dies auszunützen.
»Sie können sich ja damit zufrieden geben, daß ich das Versäumte
nachhole, Sabine. Im Übrigen bitte ich Sie, mich ruhig anzuhören.
Absolute Klarheit zwischen uns scheint mir durchaus vonnöten. Ich stelle
Bedingungen.«
»_Sie?_«
»Berechtigter Weise. Da Sie der empfangende Teil sind. Natürlich nicht,
weil ich Ihr -- wie heißt das in französischen Schwänken? -- Ihr Gatte
werde, Sie würden gewiß tausend bessere Männer finden, vielleicht wäre
jeder andere besser für Sie, da ich Sie nicht liebe. Worauf es Ihnen aber
ankommt, ist die soziale Position, der Reichtum, den ich Ihnen zu bieten
habe. Die Luft dieses Zimmers ist schlecht für Sie, vielleicht nur für
Ihren Teint, vielleicht auch für Ihre unsterbliche Seele. Sie müssen
herrschen, umworben sein, ausstechen, niedermachen. Familientraditionen
hindern Sie, Kokotte zu werden. Bleibt also nur die bekannte gute Partie,
die Ihnen diese für Sie notwendige Atmosphäre schafft. Ich gebe
sie Ihnen. Als meine Frau sind Sie -- Sie entschuldigen die
Geschmacklosigkeiten, die ich als Argumente vorbringen muß -- eine der
ersten Damen der internationalen Gesellschaft, mein Vermögen besteht aus
etwa dreißig Millionen, zu einem Fünftel in durchschnittlich mit vier
Prozent sich verzinsenden Latifundien, das Übrige in hochwertigen Konsols
und Industriepapieren angelegt, das heißt, Sie verfügen als meine Frau
über ein Jahreseinkommen von beinahe zwei Millionen. Das sind, wenn Sie
es überlegen, zweifellos positive Werte, für die ich Gegenleistungen
beanspruchen kann.«
Sie nickt, höhnisch und unsicher: »Worin würden diese bestehen?«
Er spricht ruhig und eindringlich: »In drei Stücken. Das erste: es kann
zwischen uns keinen ehelichen Verkehr geben.«
Ihre Finger zerren an einem Taschentuch. Ihr Mund ist hochmütig und
hexenhaft. »Sie kommen mir entgegen.«
»Umso besser. Ich bitte Sie nur, in dieser Forderung keine Beleidigung
erblicken zu wollen. Es ist selbstverständlich, daß ich Sie begehre,
es wäre lächerlich und kränkend meinerseits Sie das Gegenteil glauben
machen zu wollen. Nehmen Sie also bitte an, daß es mir an der physischen
Möglichkeit gebricht, diesem Begehren Handlungen folgen zu lassen.«
Sie lächelt, etwas versöhnt und etwas angewidert.
»Der zweite Punkt bezieht sich auf unsre Scheidung.«
»Daran haben Sie auch schon gedacht?«
Er verbeugt sich zustimmend: »Sie werden sich vertraglich verpflichten,
Sabine, mir jederzeit, wann immer ich Sie darum ersuchen sollte, die
Scheidung zu gewähren. Natürlich nehme ich für diesen Fall das
Verschulden auf mich und Sie erhalten als Abfindung ein Drittel meines
Vermögens, das ich zur Sicherstellung heute noch auf Ihren Namen
überschreiben lasse.«
»Zehn Millionen?« Sie ist besiegt und vergißt fast das Gegenteil zu
posieren.
»Die Ihnen, der freien Frau, dann vollkommen uneingeschränkt zur
Verfügung stehen. Sie können sofort den hierauf bezüglichen Vertrag beim
Notar unterzeichnen. Er hat ihn bereits aufgesetzt, natürlich vorläufig
ohne Kenntnis Ihres Namens.«
»So sicher waren Sie?«
»Der dritte Punkt wird Sie vielleicht etwas in Erstaunen setzen.«
»Nach diesen beiden kaum.«
»Eigentlich nicht gerade eine Bedingung. Eher eine Bitte. Ihrer
Freundin, Frau Kathrin Nhilius, als der ersten Ihre Verlobung telephonisch
mitzuteilen.«
Sie hebt sich schroff auf, mißt ihn, erschrickt vor dem Blick, der ihren
erwidert. »Ach so, das ist der Sinn? Warum haben Sie die Pointe so lange
aufgespart? Abgefallen? Und für die kleine Rache, die vielleicht
keine ist, eine Ehe und zehn Millionen? Sie sind großzügig in Ihrer
Kleinlichkeit.«
»Nehmen Sie es an. Ich habe nichts zu entgegnen. Willigen Sie ein?«
Sie zaudert. Schließt die Augen. Eine Unterschwingung in seiner Stimme
macht ihr Angst. Etwa die Angst einer Dirne, die sich mit einem Manne zu
gehen entschließt, den sie für einen Lustmörder hält. Grauen, Lust
und Angst. Ganz leise, wie eine Liebkosung fast, kommen ihre Worte zu ihm:
»Sie sind eigentlich schlechter, Secundus, als ich mir's in diesen sechs
Wochen ausgerechnet habe.«
»Sie nicht besser, Sabine, als ich es annahm, da ich _Sie_ zu meiner Frau
wählte.«
Sie zuckt, als hätte er ihr mit einer Rute über die Augen geschlagen:
»Ich werde telephonieren.«
Er küßt ihre schmale, entartete Hand: »Fürstin!«
* * * * *
Aber dann, da das Brausen des steinernen Meeres, eingefangen in der
mißtönenden Muschel, an sein Ohr schlägt, da Ruf und Gegenruf sich
antworten, Laute aus Lärm sich ballen und endlich aus schwarzen Wogen
Getöses ein nackter, blendender Engel ihre Stimme steigt und elektrische
Wellen die Todesbotschaft an ihr unbereites Ohr schwingen, läßt er den
Hörer fallen und entstürzt, von wütendem Grausen geschüttelt, die
abgetretene Treppe hinab.
Sein Auto rast durch den Mittag, endlose, zum Erbrechen volle
Vorstadtstraßen durch. Die Menschheit wimmelt dem Mittagessen entgegen,
das Leid der Kreatur erstickt im Suppendampf. Ladenmädchen, von
verseuchten Jünglingen gefolgt, lüften unreinliche Jupons, verschimmelte
Beamte eilen speisegeil nach Hause, aus einem Fabrikstor donnern dunkel und
geschunden Arbeiter auf das Pflaster.
Sein gemartertes Herz grüßt sie mit tausendfacher Liebe. Er läßt das
Auto kehren, fährt dann in rasendster Eile zur Bank und bestimmt dort
die Satzungen einer Einmillionenstiftung für kranke Arbeiter und
erwerbsunfähige Prostituierte. Und fühlt sich nicht entsühnt, vermag
seine stürzende Seele nicht an das gute Werk zu klammern, das fremd und
leuchtend ihm entschwebt, saust tiefer, gräßlicher und fühlt den Druck
eines Meeres auf seinem keuchenden Leib.
* * * * *
Tage und Nächte vergehen. Wie? Wer weiß es? In Kleinlichstem,
Unwichtigstem. Der große, strahlende Gottestag -- der jungfräuliche
Marmorblock, den seine Seele jeden Morgen umarmt hat, demütig wartend, wie
die Hand der Mächte ihn formen würde -- zerrieben in Minuten und Sekunden
von Alltäglichkeit, Vorbereitungen zur Hochzeit, ein paar Diners, Spiel
im Klub, bei dem er lächerlich hohe Summen gewinnt, und nichts, nichts,
nichts -- der Abgrund, durch den er geschlossenen Auges immer weiter sinkt
-- mit pfeifender, gellender Seele.
Manchmal glaubt er sich endlich wahnsinnig und lächelt dumm und tragisch.
Aber dann wirft er angeekelt auch diese Pose von sich und weiß sich alles
unendlich wachen Sinnes erleben, weiß, daß er sein Erleben fest in der
Hand hält, furchtbaren Willens gestaltet, und weigert sich, den Dichter
zu spielen, der sein eigenes Erleben zum schlechten Drama geformt noch
obendrein gerührt und weinend für die Bühne inszeniert.
Nur wenn der Diener die Post überreicht oder der Telephonapparat auf dem
Schreibtisch ihn anschrillt, erschrickt er und -- völlig gefaßt, zwar
wissend, daß kein Wunder geschehen kann -- erwartet er es dennoch mit
der tierischen Andacht des Negers, der, eine weiße Maske vor dem Gesicht,
seinen Fetisch umtanzt.
Von ihr weiß er nichts mehr. Nur daß sie lebt. Und wünscht sie tot, um
tot zu sein.
* * * * *
Er verläßt spät das Palais durch einen Seitenausgang und wirft sich in
die Gassen. An den Himmel gekreuzigt stirbt grandios und blutig der Abend.
Gott geht riesig und dunkel durch die Stadt, über Häuser und Dome
bricht sein Schatten herein, Schlotrauch umweht, gerade aufsteigend, seine
schwebende Stirne.
Ehrfürchtig entweicht Secundus in eine schmale Seitengasse. Ein
geschlossener Wagen rollt langsam an ihm vorbei. Hinter dem Coupéfenster
erkennt er, vom Licht einer eben entzündeten Gaslaterne magisch umwölkt,
ihr Antlitz. Der Wagen ist an ihm vorbeigefahren. Lautlos fällt er, mit
der Stirne voraus, auf das Pflaster. Den Beschmutzten, Blutenden richtet
ein von der Ecke herbeieilender Schutzmann auf und hilft ihm in einen
Taxameter, der ihn nach Hause bringt.
* * * * *
Zwei Nächte später sitzt er, das Gesicht noch etwas zerschunden, das
Nasenbein angeschwollen vom Falle, in der Manhattan-Bar. Allein. Trinkt.
Scharfe giftige Getränke, die reizen, nicht einschläfern. Vor dem
Schlafe fürchtet er sich und meidet ihn seit Tagen. Das Wachsein in seinen
entsetzlichsten Formen ist nicht so grauenvoll wie das Erwachen nach dem
Schlaf. Um dieser zwei Minuten Erwachens willen bleibt er lieber schlaflos.
Ihm gegenüber am nächsten Tische sitzt eine schöne, lauernde Dirne mit
glitzernden Nägeln und einem phantastischen Reiher im irrlichternden
Haar. Sie lächelt süß und mädchenhaft. Der Alfons an ihrer Seite blickt
frostig und würdevoll und taxiert seine graue Hemdperle.
Er trinkt seinen Cocktail und lauscht, dem Weibe abgeneigt, gedämpften
Orchesterklängen, die dem Publikum einzureden suchen, »ein Mäderl
müßt' es sein, ein Mäderl lieb und fein.«
Aber siehe, durch die lange Zeile zwischen den weißgedeckten, runden,
kleinen Tischen stürzt ein Strom von Harmonie und trägt ihn liebend hoch,
die bunten, verschleierten Glühblumen an der Decke beschreiben feurige,
kristallene Kreise, das Weltall steht in Musik. Und das Barorchester
wird hymnisch und stimmt einen gregorianischen Choral an. Ohne die Augen
aufzuheben weiß er jeden Schritt, den sie näher tut, weiß um ihr
Vorbeigehen und daß sie jetzt vorüber ist, daß er wieder aufschauen
kann, und empfängt eben noch den höflich devoten Gruß des Barons und
zweier ihn begleitenden Offiziere, von denen der eine, ein »Freund«,
ihn ansprechen will, doch sichtlich erschrocken den an seiner Stirne
abprallenden Vorsatz aufgibt und der übrigen Gesellschaft folgt.
Nun sitzt sie, fünf Schritte von ihm entfernt, in einer Loge. Blicklos
weiß er, daß sie das türkisfarbene Kleid trägt, sein liebstes. Sie
sieht ihn an, er spürt es und alles Blut hört auf durch sein Geäder zu
gehen, sein Herz schlägt hart und laut ins Leere. Er wird jetzt aufstehen
und zu ihr hingehen -- Irrsinn, _stürzen_ zu ihr, alles niederreißen,
fortschleudern, was im Weg ist, vor ihr niederfallen, heulend den Kopf
in ihren Schoß werfen --! Er wird es -- er hebt sich auf, etwas mühsam,
einem Rückenmarkleidenden ähnlich, dem die eigenen Beine lächerlich
fremd sind, wendet halb den Kopf, sieht ihren Blick dem seinen
entgegenfliegen, aber den Ausdruck zu erkennen vermag er nicht mehr, vor
seinen Augen ist Dunst, Rauch und Schwefel. Eine Wolke Haß und Hölle
blendet und erstickt ihn. Trüb und zwinkernd glotzen seine Augen hindurch.
Nur schlagen, treffen, bluten machen -- _Fangstoß_!
Und da sieht er, fast verwundert, daß er schon an dem Tisch der kleinen
glitzernden Kokotte steht und hört sich ganz ruhig sagen: »Darf ich mich
an Ihren Tisch setzen, Gnädigste? Sie gestatten? Mein Name --« und nimmt
triumphierend und zerbrochen Platz.
* * * * *
In dieser Nacht ist es, daß ihn »der Traurige«, den er die ganze Zeit
unsichtbar um sich gefühlt hat, zum ersten Male besucht.
Er hat die Hetäre ins Bristol begleitet, liebevoll der hellgelben
Paquintoilette entledigt und sich -- trotz schönster Beine unter
einem Anhauch von Seidenstrümpfen -- ohne jede Berührung nach reicher
Entlohnung entfernt.
Es ist drei Uhr morgens und der erste Dezemberschnee flimmert
seraphisch durch die schweigende Nacht. Er entläßt den schlafwarmen,
nachtschweißigen Diener und betritt sein Arbeitszimmer. Das elektrische
Licht überflammt es weiß und geheimnislos. An dem dunklen, eingelegten
Tisch in der Mitte des Raumes sitzt der Traurige. Er hat die Züge Dantes
und trägt ein Gewandstück, das ein Mittelding zwischen Frackmantel und
Kutte ist.
Secundus ist weder erschrocken noch erstaunt. Er grüßt still, bringt
das Licht zum Schweigen und läßt sich der Erscheinung gegenüber nieder.
Bewundernd betrachtet er die überaus schönen florentinischen Hände
des Gastes, die schmucklos und ruhig auf dem dunklen Holz der Tischplatte
liegen, wie angeheftet an das Holz.
»Ich komme zu dir, weil du sehr leidest.«
Secundus blickt völlig spottlos auf: »Doch kaum, mir Trost zu geben?«
»Nicht Trost. Das ist Sache der Oberen. Dich wissen zu machen. Wissen ist
tiefstes Erleiden. Du bist des besten Leides würdig.«
»Ich danke dir. Deine Meinung ehrt. Übrigens deine alte Aufgabe. ‹Und
sie erkannten, daß sie nackt waren›.«
»Ja, aber sie machten schlechten Gebrauch davon. Sie legten Kleider an.
Nun leben sie dafür, sie sich wieder abzureißen.«
»Fürchtest du nichts ähnliches von mir?«
»Nein. Du wirst nackt bleiben.«
»Doch wenn mich friert?«
»Du kennst das Mittel dagegen. Die Haut peitschen, bis sie rot und heiß
ist.«
»Du ehrst mich. Überschätzest du mich nicht?«
»Schwerlich.«
»Ich leide manchmal so, daß mich Endenslust und Todesnotdurst
überfällt. Flucht.«
»Du kannst nicht. Du mußt den Weg ausgehen.«
»Ich tappe. Taste. Durch Blutrausch und dunkle Berge von Ekstasen.
Blick' ich in mich, Mondlandschaft mit schroffen Kratern im Lichte fremder
Planeten. Mich schaudert's. Ich weiß keinen Weg.«
»Ich bin die Wahrheit und der Weg.«
»Das sagt der andere auch.«
»Mein Bruder von oben. Wo ist Grenze zwischen uns? Sein Licht ging in der
Nacht auf und sie sahen es. Ich leuchtete im Licht. Das gab Finsternis.«
»Den Weg! Den Weg!!«
»Dir ihn zu weisen sieh mich! Bisher brach er durch Dunkel. Ich atme Blitz
auf ihn, daß du ihn wissend gehst.«
»Wird es leichter, etwas leichter so sein?«
»Tausendmal schwerer. Dazu kam ich. Kommt her zu mir, die ihr mühselig
seid und beladen. Denn mein Joch ist hart und meine Bürde ist schwer.«
»Qualengel!«
»Schmäh' mich nicht. _Dich_ nicht in mir. Denn du bist ich.«
»Ich -- du --?«
»Das Wort ist Fleisch geworden.«
»In mir? In mir?!«
»Fühltest du nicht, daß ich deine Seele war, als du abfielst?«
»Erkläre. Mach' mich wissen um dies Entsetzliche. Chaos donnert an meine
Schläfen heran.«
»Nichts Entsetzliches. Du mußtest tun, was ich tun mußte. Denn wir beide
sind starke Liebende.«
»Auch du?«
»Von drei Stufen der Liebe spricht ein wissender Meister. Zum ersten
scheidet die Liebe, das ist der Tod, den Menschen vom Vergänglichen,
von Freunden, Gut und Ehren, daß er nichts mehr besitzt noch benützt um
seinetwillen. Ist dies erreicht, fängt die Seele alsbald an zu suchen
und auszuschauen nach den geistigen Gütern, nach Andacht, Gebet, Tugend,
Verzückung, nach _Gott_. Und diese Freuden sind nun der Seele so lieblich,
daß sie viel widerwilliger von ihnen scheidet als von den irdischen. Aber
dies ist nur der Anfang von dem, was die Liebe wirkt. Denn ist sie wirklich
»stark wie der Tod«, so wirkt sie weiter, daß die Seele auch vom
geistigen Trost Abschied nimmt, daß der Mensch sich darein ergibt, für
Gott alles im Stich zu lassen, woran seine Seele bisher Lust gehabt hat,
daß er _Gott um Gottes willen fahren läßt und sich Gottes um Gottes
willen entschlägt_. Denn wie könnte man Gott Besseres und Köstlicheres
zum Opfer bringen _als um seinetwillen ihn selber_? Dies ist die zweite
Stufe. Aber die dritte, die noch viel stolzer und vollkommener die Seele
emporträgt ans letzte Ziel, der letzte Grad, den die Liebe wirkt, die da
stark ist wie der Tod und das Herz bricht, der ist, _daß die Seele auf ihr
ewiges Leben Verzicht leiste, auf alles, was sie von Gott und seinen Gaben
besitzen könnte, daß die Hoffnung auf das ewige Leben in Gott sie hinfort
nicht rühre, noch erfreue, noch ihre Mühsal leichter mache_! Hier hast du
die Formel für dich und mich.«
»Dies wäre das Letzte?«
»Da ich die Cherubaugen von Gott wandte, liebte ich ihn am höchsten. So
liebte ich Gott, daß ich nicht mehr _mich_ zum Opfer brachte -- was hätte
das gewogen? -- sondern _ihn in mir_. Denn dies ist die letzte Liebe, die
nicht mehr liebt, um geliebt zu werden -- das ertrüge sie bereits nicht
mehr -- sondern sich verbirgt und mit Steinen wirft, um gehaßt zu werden.
Unseren Feinden Böses zu tun, was ist da Großes dabei? Tun das nicht auch
die Zöllner? Aber die wir lieben zu hassen und zu beleidigen, um nicht
mehr wohlgefällig in ihren Augen zu sein, _das_ ist das Stärkste und
Äußerste. Mit dieser Sünde erst trittst du aus dem Bereich der Gnade,
denn wer _selbst_ auf das ewige Leben Verzicht leistet, stellt sich
außerhalb Gottes und Gott vermag nicht mehr in ihm zu wirken.«
»Das war es, daß du abfielst?«
»Daß _du und ich_ abfielen. Um des Guten willen tat ich das Böse, da
Gott das Leben schuf, baute ich den Tod aus Mörtel und Lehm, um Gottes
willen ward ich der -- andere.«
»Und so tat auch ich?«
»Du hattest die große Liebe. Darum wardst du zum Empörer gleich mir.«
»Und es gibt keine Hoffnung?«
»Hegte ich sie, wäre das Opfer vollkommen? Wenn du gemordet hast, wirst
du bei der Leiche hocken und hoffen, daß sie dir die Hand reicht?«
»Wenn aber Gott es erkennte? Wenn seine Liebe so groß wäre, daß sie
auch das Opfer in sich fassen könnte und über dich hinauswüchse und dich
zu sich zöge, trotz deiner Verneinung?«
»Das Einzige kann er nicht. Alle Sünde kann Gott vergeben, denn Sünde
ist nur Trübung des Guten. Und welcher Fleck hielte dem Lichte seines
Blutes stand? Wer aber aus _Liebe_ ihm entsagt hat, in der freien
Erkenntnis, daß Gott das völlig Gute sei, sich selbst dem völlig Bösen
zugewandt hat, um seiner nicht teilhaft zu werden, dieser steht außerhalb
seiner Gnade. Denn gerade in der Hoffnungslosigkeit, der vollkommenen
Abgeschiedenheit von ihm besteht ja das Opfer. Die Liebe, die stark ist wie
der Tod, _scheidet_, sagt der Meister.«
»Wenn es aber eine Liebe gäbe, die _stärker_ noch als der Tod ist?
Die, das Opfer erkennend, als Feuer darauf fiele und es verzehrte? Die das
Geschiedene unauflöslich aneinander bände? Wenn die Liebe, der du entsagt
hast und die du mit Haß verfolgst, so grenzenlos wäre, daß sie sich
nicht entsagen ließe?«
»Unmöglich. Das wäre die Harmonie.«
»Ist die Harmonie unmöglich? Glaubst du nicht an sie?«
»Da ich sie zerstörte, wie kann ich an sie glauben?«
»_Ist_ sie zerstört?«
»Fragst _du_ mich? In einer Woche ist deine Hochzeit.«
»Du hast recht. -- Warum hast du _mich_ erwählt? Warum hast du dich in
_mir_ wiedergeboren?«
»Du bist edel. Nur der völlig Edle kann völlig böse sein.«
»Luzifer.«
»Der Stern, den mein Haar trug, war Gottes strahlendster. Ich zerschlug
ihn.«
»Die Frau, die in meinen Händen lebte, war Gottes strahlendste. Ich
zerbrach sie.«
»Mein armer Bruder Mensch.«
»Mein armer Bruder Satan.«
Der Traurige erhebt sich und geht zur Türe. Aus seines Mantels knittrigen
Falten schmettert fahles Sternenlicht.
»Nun geh den Weg zu Ende.«
»Was bleibt mir noch zu tun, da alles in Trümmern liegt?«
»Auf die Trümmer treten und spucken.«
* * * * *
Die Trauung findet standesamtlich statt. Der Ehekontrakt schließt die
sakramentale Verbindung für das erste Jahr aus. Zu dem kleinen Diner sind
nur wenige Intime geladen, unter ihnen die Nhilius'. Der Baron entschuldigt
sich höflich und bedauernd. Er und seine Frau sind am Tage der Trauung
leider nicht mehr in der Stadt. Wie alljährlich Davos, Wintersport.
Sofort nach dem Diner reisen die Vermählten ab. Über Paris nach London.
In Zürich steigt er aus dem Expreß. Ersucht seine Frau, vorauszufahren.
Ihn in Paris zu erwarten. Vierundzwanzig Stunden später wird er dort sein.
In einer heftigen Szene bleibt er Herr und sie handelt nach seinem Willen.
In dem rasch gekauften schnellsten Kraftwagen der Stadt wirft er, selbst
steuernd, sich an die Grenze von Graubünden. In dem Kanton ist der
Automobilverkehr untersagt. Er muß mit der Bahn weiter. Spät am Abend ist
er in Davos. Blick in die Kurliste weist ihm das Belvedere. In der Nacht
begibt er sich hin, nimmt unter falschem Namen ein Zimmer in der Nähe
ihres -- schlau erkundeten -- Appartements. Verläßt es nicht mehr bis ein
Uhr nacht. Dann tastet er sich durch den verdunkelten Gang zu ihrer Türe.
Ihre Schuhe -- sehr schmale, längliche, hohe Schuhe mit dunkelgrauem,
ganz weichem Lederbesatz -- stehen vor der Türe. _Aber nicht wagend, ihre
Schuhe zu berühren, legt er -- lang hingestreckt -- die Stirne auf die
Schwelle der Türe und küßt den vielleicht von ihr berührten Boden._
Witterung eines Menschen macht ihn auffahren. Hinter ihm grinst aus dem
Dunkel die devot geile Fratze eines verspäteten Zimmerkellners. Ein Schlag
an die Schläfe wirft das Gesicht betäubt auf den roten Teppichläufer.
Den Hingestreckten packt Secundus an den Beinen und schleift ihn lautlos
durch das lange Dunkel. Die Türe zu einem Liftschacht steht zufällig
offen. Der Abgrund dreier Stockwerke gähnt herauf. Im Begriff, den
befrackten Fremdkörper hinunterzuschmeißen, läßt er plötzlich
angeekelt los. Mit in den Schacht hinabbaumelnden Beinen bleibt die leblose
Hemdbrust liegen. Durch um seinen Leib zusammenschlagende Finsternis bricht
Secundus in sein Zimmer zurück.
Mit dem ersten Morgenzug fährt er nach Paris weiter. Die Fürstin hat sich
inzwischen von einem Liftboy entjungfern lassen und teilt ihm dies mit. Er
nimmt es zur Kenntnis und gibt seiner Teilnahme für den Liftboy Ausdruck.
* * * * *
Nach Wien zurückgekehrt finden sie die Saison auf ihrem Höhepunkt.
Premièren, Redouten, Soupers, musikalische Soiréen mit Bridge. Das Tempo
ist entsetzlich schnell, der Rhythmus häßlich und stampfend wie der
einer Lokomotive, die abwechslungshalber von Zeit zu Zeit schrille Pfiffe
ausstößt. Zwischen den Rädern ballen sich Leichenklumpen. Jüdinnen
reiten durch den Prater, Kommerzialräte verbrüdern sich mit Aristokraten,
die Rammelei ist groß und man wahrt Formen, die keine mehr sind.
Er gibt große Feste in seinem Palais. Feste, die auch mit seinem Vermögen
nicht im Einklang stehen. Die Nhilius sind nicht mehr geladen. Dies fällt
auf. Der früher sehr intime Verkehr mit dem Emporkömmling und der zu
schönen Frau ist schon längst in der »Gesellschaft« verurteilt worden.
Viele andere »tonangebende« Salons (o Worte des Ekels!) folgen dem
Beispiel. Die es nicht tun, veranlassen Secundus' Anspielungen auf die
Baronin dazu. Sie wird fallen gelassen. Die giftige Atmosphäre des
Skandals liegt dunstig um die Reine.
Ein alter, etwas lächerlicher Diplomat, der viel bei den Nhilius verkehrt
hat, nimmt sich ihrer an und stellt Secundus zur Rede.
»Ihr Benehmen ist nicht so, wie es sich einer Dame gegenüber gehört.«
»Sie meinen --?«
»Sie haben diese Frau durch bewußte Verleumdungen um ihren Ruf gebracht.
Ich finde das -- zum mindesten -- ~mauvais genre~.«
»Sie sind siebenzig, lieber Graf.«
»Leider. Das verbietet mir anders für diese Dame einzutreten.«
»Was auch eher Sache des Barons wäre.«
»Der in mexikanischen Goldminen spekuliert und derzeit für wenig anderes
Sinn hat. Als ob _sie_ sich beklagte!«
»So bitte ich Sie, bei Ihrer nächsten Begegnung den Herrn darauf
aufmerksam zu machen, daß _ich_ -- ausschließlich _ich_ es bin, der seine
Frau unmöglich gemacht hat.«
»Nichts soll mir lieber sein als diese Mission. Es ist höchste Zeit,
Ihnen Einhalt zu tun.«
»Das Recht der Kritik räume ich nur Leuten ein, deren rechter Arm -- Sie
verzeihen -- noch gebrauchsfähig ist.«
»Damit mögen Sie allerdings im Recht sein. Aber -- begreifen kann ich Sie
nicht. Zu meiner Zeit -- Sie werden lachen -- aber ich achte die Frau noch
in der gemeinsten Dirne.«
»Ich im allgemeinen die Dirne noch in der anständigsten Frau --«
* * * * *
Drei Tage später -- an einem föhnigen Vormittag, in dessen dicker Luft
furchtbare Ahnung unausweichbar neuen Werdens dampft -- meldet der Diener
den Baron Nhilius.
Secundus empfängt ihn in der Bibliothek, aufrecht stehend, den in drei
Wintermonaten ergrauten Jünglingskopf leicht zurückgeworfen, zwischen
zwei bronzenen Kandelabern an das dunkelbraune Holz der Täfelung gepreßt.
Der Baron ist fett und elegant. Sein Bauch schaukelt sanft in einer
prallen, taufarbenen Weste. Sein Gesicht weist in den ineinander
schwimmenden Konturen Spuren einer dumpfen, traurigen Schönheit. Die Augen
sind von der unruhigen Müde schwer Herzkranker, die Lider klappen ab
und zu wie Sargdeckel herab und sind dann mühsam zu heben. Der Atem weht
asthmatisch durch blond behaarte Nasenlöcher.
Er verneigt sich stumm und höflich, Secundus dankt knapp und im Innersten
fast ergriffen von diesem dicken, sterbenden Leib. Seine Handbewegung weist
dem andern Platz an, er selbst setzt sich starr und leicht vorgeworfenen
Oberkörpers auf den unbequemsten Stuhl.
Der Baron beginnt mit hoher, sanfter Stimme, die in einem unerklärlichen
Zusammenhang mit angebrannter Milch steht:
»Sie werden natürlich über den Zweck meines Besuches völlig im Klaren
sein, Durchlaucht.«
»Ja -- das heißt -- _Ihres_ Besuches --?«
»Ich weiß, ich weiß. Sie haben eher zwei meiner Freunde erwartet,
nicht wahr? Es war ursprünglich auch meine Absicht so vorzugehen. Aber
-- gewisse Motive sprachen dagegen. Ich glaube, daß die zwischen uns
schwebende Angelegenheit doch kaum auf so primitive Art zu erledigen ist.«
»Wie Sie meinen.« Er hat tatsächlich Mitleid mit der dicken, sich
mühenden Zunge.
»Ich möchte diese Sache etwas -- menschlicher behandeln, Durchlaucht. Ich
hatte früher manchmal das Vergnügen Ihr Gast zu sein, und die Ehre, Ihnen
die Gastfreundschaft meines Hauses anbieten zu können. Erinnerung daran
läßt mich hoffen, daß vieles uns heute Trennende auf Mißverständnissen
beruht und -- irgendwie zu ordnen ist. Ich kann mir nicht denken, daß Sie
das Odium einer Tat auf sich genommen haben sollten, die schließlich doch
immer auf Sie zurückfiele.«
»Ich möchte Sie bitten etwas deutlicher zu sein.«
»Gern. Wenn ich auch als Geschäftsmann im allgemeinen wenig Zeit habe
mich um gesellschaftliche Angelegenheiten zu kümmern, so ist es mir doch
aufgefallen, daß seitens verschiedener guten alten Bekannten -- Sie,
Durchlaucht, an der Spitze -- mir und insbesondere meiner Frau mit einer
Zurückhaltung begegnet wurde, die schließlich bei einigen Gelegenheiten
geradezu beleidigende Formen annahm. Von manchen Seiten wurde mir
angedeutet, daß dieses veränderte Benehmen oder sagen wir ruhig dieser
Boykott auf gewisse Gerüchte zurückzuführen sei, die geflissentlich
über meine Frau ausgestreut wurden. Diese Gerüchte beschuldigten
meine Frau mehr oder minder offen mit zwei, drei namentlich genannten
Persönlichkeiten in Beziehungen zu stehen, die mir angeblich nicht
unbekannt wären und von mir aus Motiven persönlichen Vorteils geduldet
würden. Also so ziemlich das Gemeinste, was man in dieser Hinsicht
kolportieren kann. Und als Urheber dieses ganzen Klatsches wurden mir --
was mir eben völlig unglaubhaft schien -- wiederholt _Sie_, Durchlaucht,
bezeichnet.«
»Sie sagen ‹wiederholt›. Dann wundert es mich im Grunde, Sie erst
heute zwecks Aufklärung an mich herantreten zu sehen.«
Das ist offene Beleidigung und das graue Gesicht errötet in leichter
Verstörung. »Ich sagte Ihnen ja, die Sache schien mir im höchsten Grad
unglaubwürdig und meine Frau bestärkte mich in der Ansicht, daß Ihnen,
gerade Ihnen eine solche Handlung in keinem Falle zuzutrauen wäre.«
»Ihre Frau?« Seine dünnen, knochigen Finger klammern sich aneinander.
O, das ist gemein! Sie, die ihn haßt, hassen muß bis in die letzte Faser
ihres Blutes, posiert Edelmut! ‹Ihm nicht zuzutrauen› -- der am Morgen
nach der ersten Nacht um die andere Frau angehalten hat, der sich vor ihren
Augen eine Kokotte genommen hat! Das ist Rache, kleine, gutsitzende Rache.
Es ist gut so! So gut! Er fühlt sich um so viel leichter. Alles Mitleid
zieht sich langsam aus seinen Augen zurück, die Pupillen bohren sich grün
und spitzig in den Leib des Feindes. Nun ist er schlagbereit und harrt in
grausamer Spannung der ersten Blöße, die der korrekte, fette Feind sich
geben wird.
»Ja. Aber das nur nebenbei. Gestern erhielt nun die Affäre ein anderes
Aussehen, das mich zu diesem -- mir mindestens wie Ihnen -- peinlichen
Besuch zwang. Graf Kolosvary teilte mir gestern Abend mit, und gab an, dies
auf Ihren ausdrücklichen Wunsch zu tun, daß Sie selbst sich offen als
den Erfinder und Kolporteur dieser Geschichten bezeichnet, ja, sich dieser
‹Tat› geradezu gerühmt hätten.«
»Sie machen eine Pause. Verlangt diese Pause eine Antwort oder wünschen
Sie noch --«
»Nein, nein, ich bin noch nicht ganz fertig!« Das kommt fast bittend.
»Natürlich war daraufhin mein erster Gedanke der übliche an die zwei
Freunde -- -- Wie Sie sehen, habe ich ihn fürs erste wieder fallen
gelassen.«
Secundus' Mundwinkel biegen sich höhnisch herab. »Vielleicht _auch_ unter
dem Einfluß Ihrer Frau Gemahlin?«
Das arme Tier stöhnt schwerfällig und gedrückt: »Ja. Teilweise
vielleicht. Meine Frau hielt ein derartiges Vorgehen Ihrerseits auch nach
dieser Aufklärung für unmöglich.«
»Ach -- wirklich --?«
»Und tatsächlich, es konnte ja in der Art, wie der Graf eine von Ihnen
vielleicht gemachte Äußerung wiedergab, ein Irrtum -- er ist immerhin
über siebzig und kann sich verhört haben --. Jedenfalls, ich hab' es
vorgezogen in Gottes Namen unkommentgemäß zu handeln und mir aus Ihrem
Munde Gewißheit zu holen, ehe nicht Gutzumachendes geschehen ist.«
»Sehr liebenswürdig.« Seine Stimme ist schneidend und ganz licht vor
Haß. »Sie fragen mich also -- quasi offiziell -- als der Gatte --«
Der Baron hat sich erhoben und steht arm und gedunsen -- schwebenden
Bauches -- im Raum. »Ja -- als Mann meiner -- meiner Frau -- und wenn ich
so sagen darf -- als Ihr einstiger Freund frage ich Sie: sind wirklich Sie
es, der diese Gerüchte --«
»Ja.« Klatschend wie ein Hieb fällt das Wort in das wehrlose Gesicht des
andern.
Die Lider klappen haltlos und schwer herab. Wie sie mit Mühe wieder
emporgezogen werden, erschrickt Secundus einen Moment vor dem schmachvoll
bittenden Hundeblick in den kleinen schwimmenden Augen.
Schwerfällig werden drüben Worte geformt und schleppen sich zu ihm
herüber.
»Wenn -- wenn das so ist, Durchlaucht, dann habe ich nur noch ein letztes
Wort, eine Bitte -- Mensch an Mensch -- wir werden uns dann schießen, Sie
dürfen mich ruhig erschießen -- nur das eine -- hatten Sie -- verzeihen
Sie, es ist gemein, ich weiß, aber ich kann sonst nicht mehr so weiter --
hatten Sie einen Grund, von meiner Frau so zu sprechen? -- Meine Frau ist
mir nämlich ziemlich viel --. Ist, kann es einen Grund geben, der Sie
ermächtigt -- ist irgend etwas wahr von dem, was Sie --?«
Klar und kalt -- ein eisiger, giftiger Strom -- kommt die Antwort:
»Genügt es Ihnen, daß ich bei Ihrer Frau im Bett gelegen habe?«
Zwei Schritte Vorwärtstaumeln -- dann ein jähes Stehenbleiben mit
erzitternden, schwankenden Knieen -- -- die schon fremd gewordene Hand legt
sich auf die Magengrube und tastet von dort herzaufwärts. Durch erblauende
Lippen pfeift der Atem stoßweise Secundus' Gesicht an.
Und im Anhauch dieses fremdesten Atems, den er in tausend
qualendurchschmetterten Nächten _ihre_ Lippen abweiden geahnt hat, packt
Secundus wilde, zerreißende Tierwut und macht ihn zum Sekretär stürzen,
aus irgend einer Lade irgendwelche alten Briefe oder Rechnungen ans Licht
reißen und schreiend dem halb schon Gefällten vor die zerbrechenden Augen
zu halten.
»Wollen Sie _den_ lesen -- und _den_ -- und _den_ -- ?! Wollen Sie --
Genügt's? Ihre Frau war meine Geliebte, meine Hure -- meine Bett- --!!«
Schmerzlich aufblöckend stürzt der Mensch ein, rollt, mit beiden flachen
Händen den Boden schlagend, zweimal um die eigene Achse und bleibt dann
mit traurig hängender Zunge und in dem straffen Gilet etwas eingezogenem
Bauche liegen.
Die Beine ganz gerade -- uneingeknickter Kniee -- den Rumpf im rechten
Winkel weit vorgebeugt starrt Secundus herabgebogenen Gesichtes mit
unterlaufenen Augen in das schon göttlich werdende Totenantlitz.
»_Meine_ Frau -- ‹_meine_ Frau› -- -- du, du Besitzer --
Gottgehaßter, der sie _gehabt_ hat -- -- Hund -- Hund -- Kanaille!!«
Und schlägt mit voller Kraft die geballte Faust in das entschlafene
Angesicht.
* * * * *
Er besucht Fanto in seinem Bureau. Das geschieht sehr selten und Fanto
weiß die Ehre zu würdigen, breitet Sonnenschein über sein quittengelbes
Gesicht und lacht knöchern und ergeben.
Fanto war früher Direktor einer unter unsäglichen Operationen
gegründeten Winkelbank und stand infolge genialer, aber nicht ganz
einwandfreier und vor allem durch unerhörte Schicksalstücken mißlungener
Finanztransaktionen vor der Krida. Secundus rettete ihn damals durch ein
nicht unbeträchtliches Darlehen, das jenem ermöglichte, anständig
und ohne Kollision mit leider bestehenden Gesetzen zu liquidieren. Dann
ernannte er ihn zum Verwalter seines Vermögens. In dieser Stellung
leistete der Mann Unglaubliches und hob im Verlauf seiner fünfjährigen
Geschäftsführung die Verzinsung des sehr vernachlässigten
Riesenvermögens um fast zwei Prozent. -- Fanto ist ehrwürdig, orthodox,
gerissen, zu jeder Schurkerei freudig bereit und dem Herrn gegenüber von
stiefelleckender Treue.
»Danke. Ich lege nicht ab, Fanto. Nur ein paar Worte. Ich möchte bis
Abend wissen, wie es um die Vermögensverhältnisse der Baronin Nhilius
steht. Sie wissen -- Nhilius, der vor einer Woche --. Ja. Der. Ich möchte
alles genau hören, wie das Geld angelegt ist, wer ihr Sachwalter ist, das
Testament usw. Heute Abend werden Sie mir berichten.«
Um neun Uhr Abend erscheint Fanto. Er schwitzt und lacht knöchern und
glücklich.
»Setzen Sie sich, Fanto, und erzählen Sie. Was haben Sie
herausgebracht?«
»Nix Schönes, nix Erfrailiches, Durchlaucht -- ich mein' für die Frau
Baronin. Also zuerst: Der Mann, was die Sachen in der Hand hat, der Advokat
von der Frau Baronin Nhilius, was ihr jetzt die Geschäfte führen tut, vor
dem soll ein' Gott behüten! Kopetzky heißt er und Schuft is er, so weit
er warm is. Ich hab' mit ihm zu tun gehabt!«
»Hat er Sie hereingelegt, Fanto?«
»Nein. Ich ihn. Aber die Schwierigkeiten, was er mir gemacht hat! Ich sag'
Ihnen, an der _Müh'_ hab' ich gesehn, was das für ein Mensch is!«
»Gut. Aber die Hauptsache: das Geld --!«
»Geld is da und is nicht da. Ich werd' Ihnen genau sagen, Durchlaucht.
Zuerst -- er, der Baron selig, hat nicht ein Drittel von dem gehabt, was
ihm die Lait' so nachgesagt haben.«
»Nicht? -- Interessant.«
»Nein. Er hat auf großem Fuß gelebt, hat für die Wohltätigkeit
gearbeitet, hat Feten gegeben, hat sich die Baronie gekauft, aber gehabt --
so -- Fundus, Kapital hat er nix.«
»Nichts?«