»Seit ich ihn gesehen,
Glaub' ich blind zu sein« u. s. w.
hinhimmeln, die gehen mit einem suggerierten Idealismus in das Eheglück
hinein. Freilich, klug ist es nicht, daß unsere Mütter ihren Töchtern
all die veralteten Melodien in die Hand geben. Unsere Zeit ist eine andere.
Es leben andere Menschen, es sind andere Verhältnisse. Die Töchter
dürfen nicht mehr »blind sein«, seit sie ihn gesehen.
Nein, #weil# sie ihn gesehen, muß man ihnen die Augen öffnen!
Nach Chamisso ist ein anderer hehrer Geist herabgestiegen. Und seine
gewaltige Stimme sprach:
»Manchen Menschen darfst Du nicht die Hand geben, sondern die Tatze, und
ich will, daß Deine Tatze auch Krallen habe.«
Wäre dem so, der Mann und die Frau, beide wären sie glücklicher. Aber
es giebt so verschiedene Arten von Weibern, die, obzwar sie in der Welt
Bescheid wissen, doch singen:
»Eines Mannes schönste Tugend
Ist nicht Keuschheit, noch ists Jugend,
Ist nicht Schönheit und Verstand,
Ueberfluß an Geld und Land.
Auch nicht Stellung ists, noch Titel,
Nicht der Rock, noch bunter Kittel,
Dann erst lob' ich mir den Mann,
Wenn ich ihn noch kriegen kann.«
Aber die edle Frau, die aus kühler Ferne beobachtet, ohne Herz und ohne
Galle sprechen zu lassen, die gleichgültig lächelnd vom hohen Balcon
herabschaut auf das Treiben der Männlein und Weiblein, die singt ein
anderes Lied, das da lautet:
»Seit Amor sich hat verwundet
Mit seinem eigenen Pfeil,
Reist er in olympische Bäder
Zu suchen dort sein Heil.
Er hat ein krankes Herze,
Seit Psyche ihm entfloh,
Nicht mag er mehr regieren,
Wird nicht des Lebens froh.
Nun aber treibt auf Erden
Viel wüsten Spuk und Graus
Ein täppischer Geselle,
Giebt sich als Amor aus.
Er ist gemeiner Herkunft
Und widrig von Gestalt,
Verliebt und ganz vertrunken,
Mit kahlem Haupt und alt.
Und fahl sind seine Wangen,
Und frech der blöde Blick.
Betäubend ist sein Treiben,
Doch bringt er Keinem Glück.
Die Väter täuscht er Alle,
Sie freut der glatte Wicht,
Die Mütter aber seufzen:
»Das ist der Amor nicht!«
Sie knieen nieder und beten:
»O Göttin im Himmelsrund,
Gieb Deinen Sohn uns wieder
Und mach' ihn wieder gesund.«
Ja, das wäre was, wenn nochmals das alte Reckengeschlecht aufstände,
mit ehrlicher Liebe, mit ehrlicher Leidenschaft, mit der Würde, die
Ehrlichkeit im Handel und Wandel verleiht, durch die allein das Weib #vor#
dem Manne beschützt werden kann. #Von# dem Manne beschützt zu werden, hat
sie längst aufgegeben und auch nicht mehr nöthig: unser Jahrhundert ist
anders geworden, der schlafende Riese hat sich geregt. Aber -- wenn sie
nochmals käme, die goldene Zeit, die Männer erstehen ließe -- so wäre
gelöst, #die Frauenfrage#, in der
#Männerfrage#.
Druck von G. Reusche, Leipzig.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender
Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,
Seite 5:
"ihr" geändert in "ihre"
(Er giebt vor, ihre Psyche zu belauschen)
Seite 7:
"erhobenenen" geändert in "erhobenen"
(vor ihm kniet das Weib mit erhobenen Händen)
Seite 7:
"Witzlätter" geändert in "Witzblätter"
(unsere Witzblätter mit Studentenstreichen angefüllt)
Seite 10:
"in in" geändert in "in"
(die Milchwagen in die Stadt gefahren)
Seite 15:
"," entfernt hinter "vielen"
(mit seinen vielen Arroganzen so hoch über das Weib)
Seite 21:
"Überfluß" geändert in "Ueberfluß"
(von seinem Ueberfluß für dasselbe geben) ]