Aufzählung und Beschreibung der Acacien-Arten des Nilgebiets.
Hierzu Tafel IV-XXIII.
Von
Dr. _=G. SCHWEINFURTH.=_
* * * * *
Als ich vor einigen Jahren nach Aegypten aufbrach, um eine grössere
botanische Reise anzutreten, befand ich mich trotz aller durch Herbarien
und Litteratur mir dargebotenen Vorbereitung in grosser Unklarheit über
diejenigen Charakter-gewächse, welche, sei es durch ihre Individuenzahl,
sei es durch ihre weite geographische Verbreitung, für die zu
bereisenden Gebiete von besonderer Wichtigkeit erscheinen mussten.
Belehrt durch diesen grossen Mangel in unseren wissenschaftlichen
Hülfsmitteln, wurde ich zunächst auf eine genauere Beachtung alles
Dessen hingewiesen, was mir in Florens Reich auf meinen Wanderstrassen
eine bedeutende Rolle zu beanspruchen schien; ich studirte daher mit
Vorliebe die grösseren holzbildenden Gewächse, welche man, namentlich in
den dürreren Regionen, so selten in einem zur Erlangung von Herbarien-
Exemplaren tauglichen Zustande antrifft, an denen sich aber trotzdem
mancherlei unseren Blicken darbietet, worüber wir daheim unmöglich
Auskunft zu erlangen vermögen.
Da waren es denn auch vorzugsweise die Acacien, welche als treue
Begleiter auf allen seinen Wegen dem Reisenden bald sympathisch wurden,
so wenig auch anfänglich ihr Aeusseres Einladendes zu besitzen schien.
Indess es erging ihm hier wie mit den rohen Bewohnern jener Gegenden,
welche, entsprechend dem allgemeinen Charakter ihrer heimathlichen
Natur, bald abstossend durch Misstrauen und Fanatismus sich des
Fremdlings erwehrten, wie die Dornen der Acacien, oder wie letztere da,
wo sie gebogen und gekrümmt erscheinen, sich mit bettelhafter
Zudringlichkeit an seine Fersen hefteten. Auch hier gab es noch Mittel,
um sich, über die rauhe Aussenseite hinwegsetzend, mit den Vorzügen
ihres besseren Ichs vertraut zu machen. Ein fortgesetzter Umgang mit
ihren Dornen und Stacheln gab dem Reisenden solche an die Hand,
Kratzwunden an Armen und Beinen lehrten denselben seine Gewandtheit
verdoppeln, um sich ihren unsanften Umarmungen zu entwinden, zerrissenen
Kleidern verdankten solche von starrem Leder ihre Entstehung, und zu den
allen Attaquen hohnsprechenden Dornenkronen bahnte ihm schliesslich ein
Taschenmesser den Weg, behutsam Dorn für Dorn mit demselben entfernend;
kurz und gut, wie die Klaue der Katze nichts Gefährliches mehr an sich
hat, wenn man sie nur richtig zu nehmen weiss, so wurden mit der Zeit
auch die Acacien des Reisenden trauteste Freunde, spendeten ihm mit
Hülfe eines über ihr blattloses Gestell gespannten Tuchs selbst Schatten
inmitten der ödesten Wüste, oder vertheidigten an anderen Orten die
Eingänge seines Lagers gegen die Zudringlichkeiten nächtlicher Räuber.
Die Acacien (in den Reisebeschreibungen schlechtweg Mimosen genannt)
repräsentiren nicht nur in den regenlosen oder regenärmeren Gebieten
Afrika’s den eigenthümlichen Charakter jener kümmerlichen Schöpfung,
welcher ihrem dürren und starren Aussehen gleichsam aufgestempelt
erscheint, sie spielen auch innerhalb der Gesammtregion der Tropenregen
eine durch weite Verbreitung und oft bestandbildendes Auftreten
hervorragende Rolle, und kennzeichnen daselbst durch das frische Grün
ihrer Belaubung die schöpferische Fülle der sie umgebenden Florenwelt.
So bilden denn auch im Nilgebiete die Acacien, soweit wir den Ufern des
grossen Flusses nach Süden zu folgen wollen, oder so fern von demselben
wir uns auch seitwärts in die anstossenden Gebiete hineinwagen, mit den
wichtigsten Bestandteil der Baumflora. Die Wüstenthäler entlang
erreichen wir in ihrer steten Gesellschaft das Meer, oder ziehen durch
die mit ihnen wie übersäeten Steppenwüsten, durchdringen ihre
buschreichen Dickichte meilenweit innerhalb hochgrasiger Prairien und
stossen schliesslich auf sie, eine ebenbürtige Zierde des Tropenwaldes,
als Genossen von Tamarinden- und Feigenbäumen.
Die beifolgende Aufzählung weist für das gesammte Nilgebiet, die Küste
des Rothen Meeres mit inbegriffen, 24 wildwachsende Acacien-Arten auf,
also 5 mehr als jene in meinem Beitrage zur Flora Aethiopiens als Anhang
gegebenen enthält.
Der vollständigsten Arbeit, welche wir über Acacien besitzen, der von
BENTHAM im 1. Bande von HOOKER’s Lond. Journ. of bot. 1842
veröffentlichten, fehlen allein 13 Arten, welche unter den folgenden
ausführlich beschrieben sind. Bei dieser Arbeit wurden ausser meiner
eigenen auf der letzten Reise 1863-1866 gemachten Sammlung (20 Arten,
die Nummern 1937-2505 derselben umfassend) noch die in A. BRAUN’s Herbar
vollständig enthaltenen SCHIMPER’schen Acacien aus Abyssinien, ferner
die des Berliner Herbariums und schliesslich die mir durch Prof. FENZL’s
Güte zur Benutzung überlassenen des Wiener Museums berücksichtigt. Eine
nicht unbeträchtliche Anzahl von Acacien enthielt auch die von mir mit
benutzte vom verstorbenen Dr. STEUDNER in Abyssinien zusammengebrachte
Sammlung.
Als ein grosser Uebelstand bei vorliegender Arbeit erschien mir der
Mangel an tauglichem Material vorderindischer Acacien, sowie grösserer
Suiten solcher aus Senegambien, von denen viele mit mehreren meiner
Aufzählung eine so grosse Verwandtschaft verriethen, dass ich nicht im
Stande war, endgültig über ihre relative Selbständigkeit als Art zu
entscheiden.
In Folgendem zähle ich diejenigen Arten auf, welche zunächst genauer mit
einander zu confrontiren wären.
_A. spirocarpa_ mit _A. planifrons_ W. Arn.
— _arabica_ var. mit — _arabica_ W. β. _senegalensis_.
— _verugera_ mit — _Adansonii_ G. P. R.
Wie sehr indess habituell weit von einander verschiedene Acacien in
vielen ihrer Merkmale sich einander nähern können, das werden die bei
_A. spirocarpa_ und _A. tortilis_ einerseits und die bei _A. Seyal_ und
_A. Ehrenbergiana_ andererseits gegebenen Notizen darthun. Ich habe
daher mit Recht besonderes Gewicht auf die dem Stamme und seiner
Verzweigung, der Rinde und den relativen Verschiedenheiten der einzelnen
Astregionen entnommenen Merkmale gelegt. Hierüber aber mangeln uns in
den meisten Beschreibungen alle Angaben, und eine Unmöglichkeit bleibt
es daher, nach wenigen Herbarium-Exemplaren, welche sich selten als
gleichwerthig herausstellen, zu einem Resultat zu gelangen.
Was aber die Gleichwerthigkeit der zu vergleichenden Handstücke anlangt,
so wird man bei dem unter _A. spirocarpa_ und _A. nubica_
auseinandergesetzten Dualismus der Formen hinreichend erkennen, wie sehr
es darauf ankommt bei einer genauen Beschreibung auf die meteorologisch-
climatischen Bedingungen der Heimath auf der einen, sowie die
betreffende Region des Baumes einer bestimmten Art auf der anderen Seite
(in ihrem Gefolge die Jahreszeit der Einsammlung) besondere Rücksicht zu
nehmen. Man sieht, wie in beiden genannten Fällen ein Baum oder Strauch,
welcher an der dürren Küste des Rothen Meeres einen grossen Theil des
Jahres hindurch entlaubt dastehend und vor dem Laube blühend nur in
beschränkter Weise die Theilung seines Blattes differenzirt, im nahe
daranstossenden, innerhalb der Region der Tropenregen belegenen Gebiete
dagegen fast das ganze Jahr hindurch belaubt und an beblätterten Zweigen
blühend, eine weit grössere Anzahl von Blattfiedern erzeugt, während
Blätter, Blüthen, Dornen und zuletzt der ganze Wuchs grössere
Dimensionen annehmen können, ohne dass auch nur ein einziges Merkmal von
constantem Werth sich ausfindig machen liesse, um diese durch äussere
Existenzbedingungen hervorgerufene Umwandlung mit der Entstehung einer
neuen Art verwechseln zu müssen, es bleibt eben immer nur eine Andeutung
oder der erste Schritt zu einer solchen auf Erblichkeit basirten
Fortbildung.
Bis zu welchem Grade die wesentlichsten Merkmale der Exemplare je nach
der Region des Astes, welchem sie entnommen wurden, abgeändert werden
können, das zeigt uns beispielsweise das Auftreten zahlreicher Stacheln
am Mittelnervstiel[1] der Blätter des Stockausschlages von _A. Catechu_,
ein Fall, welcher sich an üppig entwickeltem Laube der _A. mellifera_
wiederholt. Ein ähnliches Beispiel liefern die oft fast nur mit
gekrümmten, verkümmerten Dornen bedeckten blühenden Zweige der _A.
tortilis_ oder _spirocarpa_, auch diejenigen der _A. glaucophylla_ und
anderer, welche an solchen Zweigen oft alle Stacheln verlieren. Der
unter dem Blattstiel sitzende dritte Stachel der Diacanthae fehlt oder
erscheint, je nach der Art der Zweige, welche vorliegen, u.s.f.
Unter allen Acacien der Aufzählung befindet sich kaum eine einzige, von
welcher sich mit Bestimmtheit sagen liesse, dass Dornen oder Stacheln an
diesen oder jenen Trieben nicht mitunter gänzlich fehlen könnten. Da
aber, wo sie auftreten, behalten sie meist die wesentlichen Merkmale
ihrer Gestalt. So wird ein an der Basis kantiger Dorn nie völlig
stielrund werden, wohl aber wird (wie bei _A. Catechu_) ein an jungen
Trieben seitlich sehr zusammengedrückter Stachel an älteren Zweigen eine
mehr stielrunde Gestalt annehmen können.
Ohne auf den Conflict näher eingehen zu wollen, in welcher die grösste
Gleichheit einerseits der verschiedenen Dornen und Stachelgebilde bei
den Acacien in functioneller Beziehung mit ihrer morphologischen
Bedeutung gerathen[2], soll hier nur im Allgemeinen auf die grossen, bei
den betreffenden Beschreibungen näher auseinandergesetzten
Veränderlichkeiten dieser Gebilde hingewiesen werden.
Variabler noch als die Dornen und Stacheln der Acacien sind die Blätter
in Bezug auf ihre Theilung sowohl, als auch auf die zu ihnen gehörenden
Nebenorgane. Die Behaarung hat hier nur geringen Werth, und die Drüsen,
welche sich an der Basis des Blattstiels oder unter dem untersten
Fiederjoche und zwischen den oberen manchmal zwischen allen zugleich am
Mittelnerv zeigen, können bei vielen Arten zugleich fehlen oder in
bestimmter Anzahl vorhanden sein. Nachstehende Tabelle giebt sowohl
einen Ueberblick über diese Merkmale, als auch über die Schwankungen,
denen ihre Zahlenverhältnisse unterworfen sind.
----------------+-------------------+---------------------+-------
| Anzahl der | Anzahl der Drüsen |
| Fiederjoche | des Blattstiels |
| | |
|primäre| secundäre |an der | an den |
| | | Basis |oberen Jochen|
----------------+-------+-----------+-------+-------------+-------
A. abyssinica | 6-15 | 17-30 | 1 | 3-4 |Baum
| | | | |
— spirocarpa | 5-10 | 10-15 | 1 | — | —
| | | | |
— tortilis | 2-6 | 5-12 | — | 2-6 | —
| | | | |
— xiphocarpa | 7-30 | 20-40 | 1 | — | —
| | | | |
— etbaica | 3-6 | 15-30 | 1 | 1-3 | —
| | | | |
— nilotica | 4-8 | 15-27 | 1 | 1-2 | —
| | | | |
— arabica var.? | 4-18 | 10-33 | 1 | 1-2 | —
| | | | |
— nubica | 3-11 | 5-15 | 1 | 1 |Strauch
| | | | |
— verugera | 7-11 | 22-32 | 1 | 1-3 |Baum
| | | | |
— fistula | 3-4 | 12-18 | 1 | 1 | —
| | | | |
— Seyal | 1-6 | 8-12 | 1 | 1-2 | —
| | | | |
— Ehrenbergiana | 1-2 | 8-10 | 1 | 1 |Strauch
| | | | |
— stenocarpa | 3-11 | 15-20 | 1 | 1 |Baum
| | | | |
— albida | 4-8 | 8-15 | — | 4-8 | —
| | | | |
— Lahai | 6-13 | 12-20 | 1 | — | —
| | | | |
— amythetophylla| 20-30 | 30-40 | 1 | — | —
| | | | |
— hecatophylla | 12-20 | 25-45 | 1 | 1-3 | —
| | | | |
— Catechu | 15-30 | 30-50 | 1 | 4-10 | —
| | | | |
— sanguinea | 2-6 | 5-10 | 1 | — | —
| | | | |
— mellifera | 2 | 1 | 1 | — |Strauch
| | | | |
— laeta | 2-3 | 3-5 | 1 | — | —
| | | | |
— venosa | 4-7 | 7-12 | 1 | — | —
| | | | |
— glaucophylla | 3-6 | 12-20 | 1 | — |Baum
| | | | |
— Verek | 3-5 | 10-15 | 1 | 1 | —
An den Stielen der Blüthenköpfchen der Gummiferae tritt eine aus 2-4,
nur selten von einander getrennten Hochblättern verwachsene Hülle auf,
welche sich bei den meisten Arten in bestimmter Höhe zeigt, bei einigen
indess hinsichtlich ihrer Insertion bedeutenden Schwankungen unterworfen
ist. Constant hingegen bleibt das Merkmal, ob diese Hülle fest mit dem
Stiele verwachsen erscheint, oder ob sich dieselbe von diesem loslöst
und sich wie ein Kragen an ihm auf- und niederschieben lässt. Ich habe
hierin ein gutes Merkmal zur Eintheilung dieser Gruppe gefunden.
Das Längenverhältniss der einzelnen Blüthentheile zu einander bleibt
ziemlich constant, desgleichen auch so ziemlich die Anzahl der Blüthen,
welche ein Köpfchen bilden, und die der Staubfäden. Sehr veränderlich
dagegen ist die relative Länge des Griffels, eines Merkmals ohne alle
Bedeutung. Von Werth erschienen auch Form und Länge der die Blüthen
stützenden Deckblättchen, schmaler spathelförmiger Gebilde, welche eine
löffelartig ausgehölte Spitze besitzen, und die von HAYNE
irrthümlicherweise für die unvollkommene Blüthe gehalten und als
trichter- oder tütenförmig abgebildet wurden, was sie indess nie sind.
Gute Merkmale liefern auch Form und Anzahl der Samen, während die
Gestalt der Hülsen grossen Schwankungen unterworfen sein kann.
In Betreff der einheimischen Nomenclatur verdient noch Folgendes bemerkt
zu werden: In den von mir bereisten Gegenden Nubiens machte ich stets
die Erfahrung, dass die Eingeborenen, welche als gute Naturbeobachter
ein instinktmässiges Verständniss des Artbegriffs besitzen, sehr genau
die verschiedenen Acacien ihrer Heimath zu benennen und zu unterscheiden
wussten. Ihren Winken und Fingerzeigen habe ich bei dieser Arbeit
hinreichend Rechnung getragen. Was aber die dem arabischen
Sprachgebrauch entsprechenden Bezeichnungen für die einzelnen Arten
anbelangt, so brauche ich nur auf den grossen Unterschied aufmerksam zu
machen, welcher sich zwischen den von mir und den von FORSKÅL dieser
oder jener Art zuertheilten arabischen Namen herausstellt. So wären
beispielsweise:
nach FORSKÅL: nach SCHWEINFURTH:
Haras = A. tortilis. Harras = A. albida.
Smurr = A. mellifera. Ssāmmorr = A. spirocarpa.
Syllim = A. sp.? Selem = A. Ehrenbergiana.
Sejal = A. Ehrenbergiana Sejal = A. tortilis.
Je nach den Provinzen ändern sich Namen von Pflanzen und Thieren in
allen Ländern (ich erinnere an Tanne und Fichte), und so auch namentlich
in Arabien und Aegypten.
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=Clavis Acaciarum Niloticarum.=