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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1868 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
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gesperrt: _Unterstriche_
Antiqua: ~Tilden~
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Hüben und Drüben.
Neue gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.
Zweiter Band.
[Illustration]
Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1868.
Leipzig,
Druck von Giesecke & Devrient.
Inhaltsverzeichniß.
Seite
1. Der verheirathete Doktor 1
2. Ruine Wildenfels 70
3. Herr Müller 220
4. Ein freundlicher Empfang 311
Der verheirathete Doktor.
Erstes Kapitel.
Zum Lindenbaum.
Schon im Jahre 39 war Pittsburg, im Staat Pennsylvanien, eine größere
Stadt, die sich besonders durch ihre Fabriken, Eisenwerke, wie
überhaupt eine außerordentliche Gewerbsthätigkeit auszeichnete, und in
der That seitdem so an Einwohnerzahl und Reichthum gewonnen hat, daß
sie jetzt zu den Hauptplätzen der Union gerechnet werden darf.
Von allem Anfang an hatten sich eine Menge Deutsche dorthin gezogen,
wie denn ja auch ganz Pennsylvanien vorzugsweise von unseren
Landsleuten bevölkert ist. Haben sie sich doch sogar in ihrem Uebergang
zur englischen Redeweise eine ganz eigene und merkwürdige Sprache
gebildet: das sogenannte Pennsylvanisch-Deutsch, das sie freilich nur
unter einander reden können, denn Amerikanern, wie der englischen
Sprache nicht mächtigen Deutschen bleibt sie gleich unverständlich.
Ursprünglich ließ sich auch in diesem Staat eine große Zahl jener
armen Teufel nieder, die im Befreiungskrieg der Union von deutschen
Fürsten an die Engländer verkauft wurden, aber in der Mehrzahl viel zu
klug waren, irgend welchen Heldenmuth gegen das für seine Unabhängkeit
kämpfende Volk zu entwickeln. Sie desertirten oder ließen sich gefangen
nehmen, wonach sie dann mit Vergnügen das Versprechen abgaben: in
diesem Kriege nicht mehr gegen die Amerikaner zu dienen, und bald im
Walde drin ihre kleine, freundliche Heimath gründeten. Abkömmlinge
von ihnen findet man noch überall, besonders in Pennsylvanien, und
sie sind sogar stolz darauf zu erzählen, daß ihre Vorväter zu den
Freiheitskämpfern übergingen.
So leicht nun auch die Deutschen in den vereinigten Staaten die
englische Sprache erlernen und mit den Amerikanern selber auf
freundschaftlichem Fuße leben, so finden sie es doch -- mit wenigen
Ausnahmen -- stets gemüthlicher, für ihre Geselligkeit die eigene
Landsmannschaft aufzusuchen, und besonders ihre Abende unter Deutschen
zuzubringen.
Das amerikanische und deutsche Leben läßt sich in der That nicht gut
vereinigen, denn Beider Neigungen liegen zu weit aus einander, und
schon die entsprechenden Wirthshäuser kennzeichnen Beide auf das
Entschiedenste.
Der Amerikaner ist rastlos in seinen Genüssen wie in seinem Geschäft,
und kennt in beiden keine Ruhe. Er arbeitet rasch, aber ebenso ißt er
auch, und verschlingt Mittags die Speisen weit eher, als daß er sie
ordentlich verzehrt. Eben so wenig hält er sich beim Trinken auf, und
so oft er auch über Tag einen Schenkstand besuchen mag, _er setzt sich
nie dazu_, läßt sich sein Glas einschenken, stürzt es hinab und geht
weiter.
Das verträgt der Deutsche nicht, weder daheim noch in Amerika, denn
er will seinen Stuhl und seinen Tisch haben, um, _was_ er genießt,
auch in aller Ruhe und Gemüthlichkeit zu verzehren, und sich dabei
gehörig auszusprechen. Sehr natürlich fühlt er sich -- mit _diesen_
Neigungen -- in amerikanischen Wirthshäusern, in denen er auch
meistens sein gewohntes Bier vermißt, nie recht wohl, und nur die
ächt amerikanisirten Deutschen (beiläufig gesagt der widerlichste
Menschenschlag von Renegaten, der sich auf der Welt nur denken läßt)
affektiren die amerikanische Sitte und halten es für unter ihrer Würde,
sich in ein deutsches Bierhaus zu setzen, in dem sie sich doch sonst
wohl genug fühlten.
In Pittsburg gab es nun schon damals verschiedene derartige deutsche
Lokale; den besten Ruf hatte aber jedenfalls der „Lindenbaum“, und
verdiente ihn auch, obgleich er von keinem _Wirth_, sondern nur von
einer _Wirthin_ gehalten wurde.
Die „Wittwe _Reuter_“ war nämlich eine Frau noch in ihren besten
Jahren, und verstand vollkommen einer solchen Wirthschaft vorzustehen.
Vor einem halben Jahrzehnt nach Amerika, eben verheirathet,
ausgewandert, hatte sie ihren Mann, wie sie kaum den Fuß auf
amerikanischen Boden gesetzt, an einem hitzigen Fieber verloren.
Sie war damals erst 22 Jahre alt, aber von festem, entschlossenem
Charakter, und außerdem nicht gewohnt, die Hände in den Schooß zu
legen. Sie verzagte auch deßhalb in dieser schweren Lebenssorge nicht,
sondern griff rüstig zu, um sich ihren Unterhalt selber und allein zu
erwerben. Anfangs wusch und nähte sie für fremde Leute, dann trat sie
als Wirthschafterin in ein sogenanntes Kost- oder Boardinghaus, und
verdiente sich, mit rastlosem Fleiß und eiserner Sparsamkeit, endlich
so viel, um selber ein ähnliches kleines Hotel, das gerade zum Verkauf
ausgeboten wurde, übernehmen zu können.
Dort ging es ihr gut. Der Ruf, wie vortrefflich und reinlich bei ihr
gekocht würde, verbreitete sich bald in Pittsburg, und da sie außerdem
die besten Getränke zu verhältnißmäßig billigen Preisen ausschenkte, so
konnte es nicht fehlen, daß sich ihr Geschäft hob und sie hübsches Geld
dabei verdiente.
Besonders hatte sie in ihrem Haus eine Anzahl von gebildeten
Landsleuten zu Gästen, die hier, aus sich selbst heraus und ohne
Statuten oder Beiträge, eine Art von Klub bildeten, und jeden fremden
Landsmann ebenfalls dorthin zogen. _Gemischt_ war die Gesellschaft
übrigens, das ließ sich nicht leugnen, aber nur in der Art, wie es
in Amerika „gemischte Gesellschaften“ gibt. An Bildung, Sitte und
Intelligenz paßten sie _Alle_ zusammen, nur in ihren Beschäftigungen
unterschieden sie sich allerdings bedeutender. So bestand denn
auch die kleine Zahl von Stammgästen, die sich allabendlich dort
zusammenfand, aus ein paar Aerzten, einem Apotheker, einem Advokaten,
einem Bankbeamten und einem Geistlichen, auch ein Baron war dabei, der
aber freilich das bescheidene Amt eines Zeitungsträgers bekleidete.
Außerdem gehörten zwei Kohlenarbeiter dazu -- daheim waren sie ~Dr.
philosophiae~ gewesen, dann ein Schmied -- der frühere Stallmeister
eines Herzogs von --, der Redakteur des Pittsburger Beobachters mit
zwei Setzern, wie noch ein paar junge Kaufleute -- und der Klub wurde
noch außerdem durch zeitweilige Fremde verstärkt.
So kamen dann und wann, wenn ihr Boot Pittsburg anlief, zwei Feuerleute
eines der Ohio-Dampfer in den Klub, die ihr saures Brod zwischen
Negern, Mulatten und Irländern hart genug verdienen mußten und in
ihren blauen Matrosenhemden und schottischen Mützen -- was wenigstens
das Aeußere betraf -- kaum recht in die Gesellschaft zu passen
schienen. Aber es waren prächtige junge Leute -- der Eine aus einer
altadeligen deutschen Familie stammend, der Andere ein junger Advokat,
und der englischen Sprache noch nicht mächtig genug, um hier schon zu
plaidiren. -- Und was that es dabei, daß sie in der schwersten und
niedrigsten Arbeit ihren zeitweiligen Beruf gesucht? Sie verdienten
sich ihr Brod _ehrlich_, und waren hier willkommener, als es mancher
befrackte Herr mit Stern und Ordensband gewesen wäre.
Und lustige Abende wurden da verlebt, das ist gewiß, denn keine
Etikette galt, kein steif gezwungener Ton konnte aufkommen, und doch
herrschte Anstand und Sitte, und es wäre Keinem zu rathen gewesen, die
zu verletzen -- die Thüre des „Lindenbaumes“ würde sich ihm nie wieder
geöffnet haben.
Zu den fleißigsten und ältesten Besuchern dieses wackeren deutschen
Wirthshauses gehörte übrigens ~Dr.~ Peters, und die übrigen Gäste
behaupteten auch, die Wittwe Reuter habe ihn mit als Inventar von
dem früheren Eigenthümer überliefert bekommen. Peters war überhaupt
in Pittsburg eine sehr bekannte Persönlichkeit, und seines trockenen
Humors wegen überall gern gesehen -- nur als Arzt schien er nicht
besonders zu reussiren -- er war nie sehr glücklich in seinen Kuren
und hatte dabei eine etwas rauhe Manier mit seinen Kranken umzugehen,
so daß ihm in der That _sehr_ viele freie Zeit blieb, und seine
Bekannten behaupten wollten, er habe die „Nachtklingel“ an seiner Thür
nur für eigenen Bedarf anbringen lassen, um nicht ausgeschlossen zu
werden, wenn er Abends spät aus seinem Wirthshaus käme.
Er lachte übrigens selber darüber, und konnte es auch recht gut mit
ansehen, denn wenn ihm seine Praxis wenig einbrachte, so besaß er
doch nicht allein ein kleines Kapital an baarem Gelde, sondern auch
noch außerdem einen sehr vortheilhaften Antheil an verschiedenen
benachbarten Kohlenminen. Das setzte ihn in den Stand, sorgenfrei zu
leben, und er lebte auch in der That so, und daß er das Wirthshaus zum
Lindenbaum so oft besuchte, war außerdem kein Zeichen einer Neigung zur
Unmäßigkeit, oder zur Schwelgerei. Er lebte im Gegentheil gewöhnlich
mäßig, und nur in fröhlicher Gesellschaft ließ er sich manchmal so weit
hinreißen, mit einem kleinen „Spitz“ nach Hause zu gehen. Eigentlich
betrunken hatte ihn noch Niemand gesehen.
Der Doktor war dabei ein seelenguter Mensch, und wer ihn näher kennen
lernte, gewann ihn auch lieb; außerdem ging er gern und immer auf einen
Scherz ein, selbst wenn er auf _seine_ Kosten ausgeführt wurde,
und konnte dann auf das Herzlichste mitlachen.
Uebrigens hatte er manche Eigenheiten -- keine aber, die einem
seiner Freunde je lästig werden durfte. So war er z. B. entsetzlich
abergläubisch, und ließ manchen Spott deßhalb über sich ergehen,
änderte sich aber nicht und nickte dabei nur immer geheimnißvoll mit
dem Kopf, als ob er es doch besser wisse, als alle die Anderen. So
hätte er sich nie zu dreizehn an einen Tisch gesetzt, nie an einem
Freitag irgend eine wichtige Handlung begonnen; er stieg gewissenhaft
jeden Morgen mit dem rechten Fuß zuerst aus seinem Bette, und was alte
würdige Frauen mit Nägelabschneiden, Salat essen an gewissen Tagen,
Eierschaalen zerdrücken und anderen dem ähnlichen Dingen vorschrieben,
beobachtete er auf das Peinlichste.
Trotzdem hatte ihn ein Jeder lieb und seine Freunde besonders, die
bald herausfühlten, daß er den „Lindenbaum“ nicht allein seiner guten
Getränke, sondern mehr noch der hübschen Wirthin wegen frequentire,
hegten die stille Hoffnung, daß er die doch undankbare ärztliche
Beschäftigung bald an den Nagel hängen und dafür den „Lindenbaum“
_mit_ der Frau Reuter übernehmen werde.
Grund genug hatten sie dafür, denn Peters war ein regelmäßiger Gast im
Hause -- ja mehr als das, er verplauderte auch manche müßige Stunde mit
der jungen Wittwe, und wurde zuletzt sogar zu einer Art von Factotum
im Hause. Die Frau hatte ihm nämlich oft geklagt, welche Noth sie
mit ihren Büchern und besonders mit dem Einkauf ihrer verschiedenen
Provisionen habe -- wozu eine Frau auch eigentlich nicht recht paßt
-- und er nahm sich von da ab bereitwillig ihrer an. Nicht allein
brachte er ihre Bücher in Ordnung und machte fast täglich die laufenden
Einträge, sondern er zeigte ihr auch noch manche Verbesserung in ihrer
Wirthschaft und gab ihr überdies durch seine große Bekanntschaft gute
Quellen an, von wo sie ihre Provisionen und Getränke in bester Qualität
und zu billigen Preisen bekommen konnte, ja verschaffte ihr sogar
in mehreren Häusern einen neuen und höchst vortheilhaften Kredit.
Er schien überhaupt -- wie die böse Welt wissen wollte -- viel mehr
Talent zu einer culinarischen wie medicinischen Thätigkeit zu haben,
und daß die Leute deßhalb eine Verbindung des Doktors mit der Wirthin
prophezeihten, war wohl natürlich -- und trotzdem fand sie nicht statt.
Aber weßhalb nicht? Er hatte sie gern; das leugnete er nicht einmal,
und seinen ärztlichen Beruf aufgeben und eine Wirthschaft übernehmen?
lieber Gott, da waren ganz andere Veränderungen in Situationen hier
in Amerika vorgekommen, und kamen noch jeden Tag vor. Die Frau Reuter
war ihm außerdem von Herzen gut, das konnte ein Kind sehen, und der
Doktor -- als rechtschaffener Mann in der ganzen Stadt bekannt --
eine Parthie, wie sie sich dieselbe nicht besser wünschen konnte und
wahrscheinlich auch nicht besser haben wollte, und trotzdem machte ihr
der Doktor keinen Antrag und Jahr nach Jahr verging.
~Dr.~ Peters schien sich aber selber nicht behaglich in dieser
Lage zu fühlen; er gab allerdings den Besuch des Lindenbaums nicht
auf und besorgte nach wie vor die Geschäfte der Wittwe auf das
Pünktlichste, so daß er jetzt schon als regelmäßiger Buchhalter und
Korrespondent derselben angesehen werden konnte, aber in seiner
sonstigen Stellung zu ihr hatte sich nichts verändert, und nur sein
eigenes Aussehen war nicht mehr so gut wie früher.
Sonst der behäbigste Mann in ganz Pittsburg, wurde er jetzt, ohne
daß er es hätte an leiblicher Nahrung fehlen lassen, auffallend
magerer, und das Schlimmste von Allem war, daß ihn auch seine frühere
Jovialität -- eine eigene Fertigkeit, sich über sich selber lustig zu
machen -- verließ. Er fing an melancholisch zu werden, und da er als
Norddeutscher am allerliebsten plattdeutsch sprach, so paßte das gar
nicht zu seinem ganzen übrigen Wesen.
Etwas _lag_ ihm auf dem Herzen, und die übrigen Gäste, denen er anfing
langweilig zu werden, begannen schon gemeinsam zu berathen, wie sie ihm
seine alte fröhliche Laune zurückgeben könnten.
Zweites Kapitel.
Des Doktors Bekenntniß.
Die Seele der Gesellschaft war der Apotheker, ein noch ziemlich junger,
aber gewandter Deutscher, der es in wenig Jahren möglich gemacht,
hier ein ganz bedeutendes Geschäft zu etabliren. Er stak voller Witz
und Laune, und hatte dabei bis jetzt den Doktor Peters zum treuen
Verbündeten gehabt. Der aber schien ihm vollständig abhanden zu kommen,
und den mußte er wiedergewinnen, koste es was es wolle.
Lange schon hatte er auch versucht, den Doktor zu einem Geständniß zu
bringen. So sehr dieser aber das Herz sonst immer auf der Zunge trug,
in dieser Angelegenheit hielt er es verschlossen, und Ohlers brachte
trotz allen Anspielungen, ja selbst direkten Fragen nichts aus ihm
heraus. Da kam eines Morgens Peters zu ihm in die Apotheke, wo er
ausnahmsweise einmal ein Rezept verschreiben mußte, grüßte, trat an den
Pult, rezeptirte, nahm dann seinen Hut und wollte die Apotheke wieder
verlassen. -- Es war Zeit geworden, daß er nach dem Lindenbaum hinüber
ging.
„Hör einmal, Doktor,“ sagte der Ohlers, der ihn schweigend beobachtet
hatte, und einen anderen, als den bisherigen Weg mit ihm einzuschlagen
beschloß, „Du kannst mir einen Gefallen thun.“
„So? was ist es?“ sagte der Doktor ruhig.
„Du verstehst doch was vom Wein?“
„Nur ein Bischen -- willst Du Wein kaufen?“
„Ich habe da eine Probe von Ungarwein geschickt bekommen,“ sagte
Ohlers, „und möchte Deine Meinung darüber hören. Hast Du einen
Augenblick Zeit?“
Der Doktor sah nach der Uhr.
„Eine Viertelstunde vielleicht -- wo ist er?“
„Oh gleich bei der Hand -- Du Carl, bring doch einmal eine Flasche
von dem Rothwein herauf, den ich gestern bekommen habe -- kannst auch
gleich den Limburger Käse mitbringen, er steht vorn links im Keller --
Du riechst ihn schon.“
„Donnerwetter, Ohlers, hast Du Limburger Käse?“
„Und was für welchen,“ sagte der Apotheker -- „direkt von Deutschland
importirt -- ich sage Dir, er stinkt durch’s Blech durch.“
„Kannst Du nichts davon ablassen?“
„Für die Wittwe? -- hm, ich denke wohl; für mich allein ist’s doch zu
viel -- nun wir wollen einmal sehen, komm’ jetzt herein, Dein Rezept
wird indessen gemacht.“
Der Doktor folgte, und Ohlers führte ihn in sein kleines Privatzimmer,
das er sich sehr bequem und nett hergerichtet hatte. Ein Sopha stand
darin mit zwei Lehnstühlen, ein kleines Regal mit verschiedenen feinen
Liqueuren befand sich in der Ecke, und auf einem Seitentisch fehlte
auch nicht eine Kiste mit guten Cigarren, auf die Ohlers überhaupt
etwas hielt. Der Doktor kannte das Plätzchen auch gut genug, und hatte
in früheren Zeiten manche Stunde hier mit dem Apotheker verplaudert
-- aber jetzt schon lange nicht mehr, denn seine Morgenstunden waren
ausschließlich dem Lindenbaum gewidmet gewesen.
Trotzdem heimelte es ihn an, als er hinein trat, und wie er nun gar
behaglich in der Sophaecke lehnte, mit dem ächten Limburger und einem
Glas delikaten funkelndem Ungarwein vor sich, überkam ihn ein Gefühl
so wie Heimweh, und er wurde ganz wehmüthig gestimmt. -- Aber der Wein
brachte ihn wieder zu sich.
„Junge, Junge,“ rief er, als er ihn erst vorsichtig und dann schon
dreister gekostet hatte, „das ist ja ein ganz delikater Wein -- wo hast
Du den her?“
„Direkt von Pesth verschrieben, kostet auch ein schönes Geld, bis er
hierher kommt -- aber nicht wahr, der schmeckt?“
Der Doktor antwortete nicht -- er that einen langen Zug und schob das
Glas dem Freunde nur mit dem einen Worte wieder zu: „famos!“
Und jetzt der Limburger Käse -- der Doktor thaute auf, und war lange
nicht so heiter gewesen. Den Augenblick mußte der Apotheker benützen.
Wie sein Freund nur eben ein paar Gläser getrunken hatte und das Feuer
in den Adern spürte, sagte er treuherzig:
„Nun höre einmal Peters -- jetzt beträgst Du Dich wieder wie ein
anderer vernünftiger Mensch auch, _was_ aber hat Dir die ganze
Zeit über in den Knochen gesteckt, daß Du herum gegangen bist, als ob
Dir die Petersilie verhagelt wäre.“
„Ach mein Junge,“ stöhnte der Doktor, und machte seinem Herzen durch
einen schweren Seufzer Luft.
„Nanu?“ sagte Ohlers, „Du schneidst ja ein Gesicht wie ein Laubfrosch,
wenn’s blitzt.“
„Ach Ohlers,“ seufzte der Doktor wieder, „laß uns von was Anderem reden
-- ich möchte gern auch einmal vergnügt sein.“
„Ja, das ist ja gerade die Sache,“ rief Ohlers, „weil ich Dich gern
wieder vergnügt haben _möchte_, muß ich mit Dir reden, und Dir die
Geschichte wie einen Zahn herausholen. Dir liegt was auf dem Herzen!
herunter damit! wir sind jetzt allein, und daß ich es gut mit Dir
meine, weißt Du.“
Der Doktor antwortete nicht -- er trank und seufzte nur, aber Ohlers
ließ ihn still zufrieden. Er war „angebohrt“ und die Dosis mußte jetzt
erst arbeiten, ehe sie wirken konnte. Peters schien indessen nicht in
gesprächiger Laune, der Limburger Käse mit dem kräftigen Schwarzbrod
nahm seine Kinnladen außerdem in Anspruch. Ohlers mußte einen neuen
Anlauf nehmen und beschloß dieses Mal gleich mitten hinein zu springen.
„Warum heirathest Du nicht“, sagte er plötzlich, und der Doktor sah
ihn starr an, ja brachte das schon gehobene Glas Wein nicht einmal zum
Munde.
„Ja, Du heirathest ja auch nicht,“ sagte er endlich.
„Das ist was Anderes,“ rief Ohlers entschieden -- „ich bin
achtundzwanzig, Du bist achtunddreißig Jahre alt -- ich habe eine
bestimmte Beschäftigung -- Du hast keine --“
„Danke Dir, bin ich nicht Arzt?“
„Bah, so viel für Deine ganze Praxis,“ sagte Ohlers mit dem Kopfe
schüttelnd, „Du hast ja nicht einmal Freude daran.“
„Das weiß Gott,“ stöhnte der Doktor wieder.
„Na, dann sei auch vernünftig,“ nickte ihm Ohlers zu und schenkte ihm
sein Glas wieder voll, „und mache der Geschichte einmal ein Ende. Du
bist bis über die Ohren in die Wittwe Reuter verschossen; sie ist Dir
ebenfalls gut und wartet schon seit ein paar Jahren darauf, daß Du um
sie anhalten sollst, weßhalb also nicht zugreifen? Du gäbest einen
famosen Wirth und Ihr würdet Geld Hand über Hand verdienen.“
Wieder seufzte der Doktor, aber er trank doch diesmal wenigstens dazu,
und sah dann eine ganze Weile stier vor sich nieder, so daß Ohlers
endlich unruhig wurde.
„Hör einmal,“ sagte er nach einer Weile, „die Sache kommt mir bald
bedenklich vor, und ich fange an zu glauben, daß doch am Ende etwas an
dem Gerücht ist, von dem man in der Stadt hier munkelt.“
„An dem Gerücht? an welchem Gerücht?“ frug Peters.
„Daß Du nur deßhalb nicht um die Wittwe anhieltest, weil Du -- schon
verheirathet wärst.“
„Unsinn,“ brummte der Doktor, mit dem Kopf schüttelnd, „wer sagt denn
das?“
„Wer sagt es nicht,“ meinte Ohlers, „denn sonst könnte man sich keinen
Grund denken, der Dich abhielte, der Quälerei ein Ende zu machen. Wenn
Du aber in Deutschland drüben schon eine Frau sitzen hättest, wäre das
freilich was Anderes.“
„Ihr seid Alle mit einander nicht recht bei Trost,“ rief der Doktor,
sich ganz in Gedanken selber wieder einschenkend, während er dabei die
dichten Rauchwolken von sich blies, „ich verheirathet -- ich wollte
ich wär’s, dann führte ich nicht mehr so ein Hundeleben wie jetzt --
aber’s geht nicht -- es geht wahrhaftig nicht.“
„_Was_ geht nicht? Mensch, so rück endlich einmal heraus,“ drängte
aber jetzt Ohlers. „Dir liegt was auf dem Herzen, das ist gewiß, und je
eher Du’s herunter schüttelst, desto besser. Ist Dir dann zu helfen,
so --“
„Mir ist _nicht_ zu helfen,“ sagte der Doktor finster, „aber --
wenn ich’s Dir auch erzählen wollte -- Du lachtest mich einfach aus.“
„Ich lache Dich aus? Ist es denn so was Komisches?“ frug Ohlers
gespannt.
„Komisch? Nein,“ sagte der Doktor, „aber -- es ist etwas, was ihr nicht
Alle begreift, was auch ein Zweiter und Dritter eigentlich begreifen
_kann_, denn es steht mit jenem unbekannten Etwas in Verbindung,
das uns umgibt, und das wir trotzdem mit unseren groben Sinnen nicht im
Stande sind zu erfassen.“
„Ich verstehe kein Wort davon,“ sagte der Apotheker kopfschüttelnd.
„Na gut, Ohlers, Du sollst es wissen,“ nickte Peters endlich, zum
Aeußersten entschlossen, „aber thu’ mir die einzige Liebe und lach
nicht, denn die Sache ist wirklich nicht komisch, da sie mich elend
und unglücklich macht mein ganzes Leben lang -- glaubst Du an Ahnungen?“
„Ne,“ sagte Ohlers, entschieden mit dem Kopf schüttelnd, „nur an
Congestionen nach dem Kopf. Glaubst Du dran?“
„Ja, Ohlers,“ sagte der Doktor feierlich, „und -- ich habe alle Ursache
dazu. Mein Großvater war ein Sonntagskind und verkehrte mit jener Welt,
die uns anderen armen Sterblichen meist immer verschlossen bleibt. Du
weißt aber, daß in der Natur nur zu oft Eigenschaften vom Großvater auf
den Enkel theilweise übererben, und einen _kleinen_ Theil der ihm
verliehenen Gaben scheine auch ich von ihm bekommen zu haben.“
Ohlers wollte etwas erwiedern. Es lag ihm schon auf der Zunge, aber der
Doktor war einmal im Gang -- er durfte ihn jetzt nicht böse machen oder
auch nur stören, und trommelte nur, um doch irgend eine Beschäftigung
zu haben, mit den Fingern auf den Tisch.
„Nun siehst Du, Ohlers,“ fuhr Peters zutraulich fort, „so hat er
den schwächsten Theil seiner Kraft auch auf mich vererbt -- das
Ahnungsvermögen. -- Ich sehe nichts wirklich, wie er es gethan hat;
ich kann mit jenen überirdischen Wesen und Kräften nicht selber in
Verbindung treten, aber ich _ahne_ sie, und ohne daß ich selber
weiß, woher es kommt, erhalte ich oft Verkündigungen kommender Dinge,
die in mein eigenes Leben eingreifen, und mich entweder vor einem
Unglück warnen, oder mir auch im anderen Fall ein Glück erschließen.“
„Aber guter Peters.“
„Unterbrich mich nicht, Ohlers,“ sagte der Doktor, und leerte langsam
sein Glas -- „ich habe die _Beweise_ dafür. Ohne einen Cent
Geld kam ich nach Amerika, ein armer Teufel, wie sie sich hier zu
Tausenden herumtreiben; englisch verstand ich fast gar nicht und die
Deutschen wollten nicht krank werden, oder _wenn_ ich einmal einen
Patienten bekam, starb er mir unter den Händen weg. Es ging mir damals
hundeschlecht, und ich hatte oft das Salz nicht zum Brod und noch
weniger das Brod selber. Da wurden hier in der Nähe Kohlenbergwerke
entdeckt, und was verstand _ich_ von solchen Dingen, wie ich mich
überhaupt nie um die Geologie bekümmert habe. Da war es mir eines
Tages, als ob mir Jemand den Rock anzog, den Hut aufsetzte und den
Stock in die Hand drückte -- ich _mußte_ hinaus in die Berge, ich
mochte wollen oder nicht, und dort -- ging ich direkt zu dem Platz,
dem ich Alles verdanke, was ich auf der Welt habe. Ohne, wie gesagt,
die Spur davon zu verstehen, _wußte_ ich, hier liegen Kohlen, ein
reicher Grundbesitzer in der Nachbarschaft, der mir als _deutschem
Doktor Alles_ zutraute, ging darauf ein, das Land, das _ich_
ihm zeigen würde, gemeinschaftlich mit mir anzugreifen und das Geld zum
ersten Betrieb herzugeben und der Erfolg übertraf in der That unsere
kühnsten Erwartungen.“
„Aber was hat das Alles mit der Wittwe Reuter zu thun?“ rief der
ungeduldig werdende Apotheker.
„Es sollte Dir nur einen Beweis liefern,“ sagte Peters, „daß ich
_wußte_, wo die Kohlen lagen, oder daß mich vielmehr mein
Ahnungsvermögen dorthin trieb, und ebenso _weiß_ ich, was mir
bevorsteht, wenn ich -- der Wittwe Reuter meine Hand reiche.“
Ohlers schüttelte mit dem Kopf.
„Ich bin noch so dumm wie zuvor,“ sagte er, „mir klingt Alles vor
den Ohren herum -- Du weißt, was Dir bevorsteht, wenn Du die Wittwe
heirathest? Und ist denn das gar so was Entsetzliches?“
„In dem Augenblick,“ sagte Peters feierlich, „wo ich mit ihr vor dem
Friedensrichter stehe, trifft mich der Schlag!“
„Na nu setz mich mal an Land!“ rief Ohlers, mit der Hand auf den
Tisch schlagend, „und das ist die einzige Ursache, weßhalb Du sie
_nicht_ heirathest?“
„Weil ich damit mein eigenes Todesurtheil unterschreiben würde,“
versicherte ruhig der Doktor.
Ohlers war aufgesprungen und lief eine Weile in dem engen Raum auf
und ab. Er kannte ja auch den Doktor so genau, und wußte recht gut,
wie entsetzlich schwer es war, ihn von einer seiner fixen Ideen
abzubringen. Trotzdem versuchte er jetzt, den unglückseligen Gedanken
durch alle nur erdenklichen Vernunftgründe zu bannen, aber ganz
natürlich ohne den geringsten Erfolg. Der Doktor hörte ihn ruhig und
lächelnd an, erwiederte aber auf Alles, was ihm Ohlers einwerfen
konnte, mit der größten Unbeweglichkeit:
„Was hilft es, lieber Freund; es ist einmal Bestimmung, und wir können
nicht dagegen ankämpfen.“
„Und daß Du die arme Frau selber damit unglücklich machst, genirt Dich
auch nicht?“ rief Ohlers endlich, als letztes, verzweifeltes Mittel.
„Die arme Frau?“ frug der Doktor verwundert.
„Nun daß sie Dich liebt,“ fuhr aber Ohlers fort, „kann doch ein Blinder
sehen; die ganze Stadt weiß es außerdem, und Du bringst sie, oder hast
sie vielmehr schon in das Gerede der Leute gebracht, die natürlich nie
an ein anständiges Verhältniß, sondern immer nur gleich am liebsten
das Allerschlimmste glauben. Aber was kümmert das Dich; Du, mit Deiner
fixen Idee im Kopf, daß Dich der Schlag rühren würde, -- und der Kerl
ist in den letzten Jahren hager geworden wie eine Latte, -- besuchst
sie Tag nach Tag, sitzest Stunden, ja ganze Morgen lang allein bei ihr,
und machst die Sache nur noch immer schlimmer.“
„Du hast Recht,“ sagte der Doktor plötzlich, und jetzt ebenfalls von
seinem Sitz aufstehend, „das muß ein Ende nehmen. Ich -- sehe ein, ich
bin es der Frau schuldig -- sie kann es von mir verlangen.“
„Was denn?“ frug Ohlers neugierig, denn er glaubte jetzt wirklich, daß
sein letztes Argument über Peters Bedenklichkeiten gesiegt hätte.
„Laß mich nur machen,“ sagte aber der Doktor, seinen Hut nehmend, „Du
sollst mit mir zufrieden sein. Ich bin ein ehrlicher Mann, und will wie
ein ehrlicher Mann handeln.“
„Und wohin gehst Du jetzt?“
„Zur Wittwe Reuter,“ sagte der Doktor, drückte sich den Hut in die
Stirn und verließ die Apotheke.
Drittes Kapitel.
Ein Plan zur Rettung.
Ohlers hatte noch in seiner Apotheke zu thun, mußte dem Doktor auch
Zeit lassen, um seinen Entschluß auszuführen, war aber doch ganz
entsetzlich neugierig geworden zu hören, wie die Sache abgelaufen,
und konnte es kaum erwarten, bis er sich selber an Ort und Stelle
überzeugen durfte.
Gegen Mittag lief er dann auch nach dem Lindenbaum hinüber -- angeblich
um dort zu essen, in Wirklichkeit aber, um von der Wittwe zu hören, wie
Alles abgelaufen.
Peters war nicht da -- sein Serviettenring, mit der Serviette drin,
lag auf dem leeren Teller, und die Wittwe Reuter ließ sich ebensowenig
sehen. Er frug das aufwartende Mädchen: „Die Frau sei oben auf ihrem
Zimmer,“ lautete die Antwort -- „nicht recht wohl“, wie sie hinzusetzte.
Ohlers stutzte. Das war keinenfalls ein _gutes_ Zeichen, er selber
aber viel zu wenig blöde, um sich mit solch’ dürftiger Nachricht zu
begnügen. Er verzehrte sein Mittagbrod und trank sein Quart Bier dazu,
wie gewöhnlich, dann ließ er sich Kaffee geben und las die Zeitung, bis
die Gäste das Zimmer verlassen hatten, und sagte dann ohne Weiteres
dem Mädchen, sie möchte ihn bei „der Frau“ einmal melden: er habe ihr
etwas Wichtiges mitzutheilen.
Das Mädchen wollte erst nicht; sie behauptete, die Frau liege auf
dem Bett und könne jetzt Niemanden sprechen; Ohlers ließ sich aber
nicht abweisen, und verlangte, daß sie ihr wenigstens seinen Auftrag
ausrichte und hinzu setze: „es sei des Doktors wegen.“
Das half. Das Mädchen ging hinauf und kam nach kaum zehn Minuten mit
der Antwort zurück, Frau Reuter würde es angenehm sein, ihn zu sprechen.
Angenehm -- die arme Frau hatte, als Ohlers hinauf kam, dicke,
rothgeweinte Augen. Ohlers trieb übrigens nie „Gefühlspolitik“. Er war
-- so jung er sein mochte -- durchaus praktischer Natur, und ohne sich
deßhalb auch bei irgend welcher unnöthigen Sentimentalität aufzuhalten,
sagte er gleich, sowie er nun in’s Zimmer trat:
„Entschuldigen Sie, Frau Reuter, daß ich mit der brennenden Cigarre zu
Ihnen komme, aber ich wußte nicht, ob Sie Schwefelhölzchen oben hatten,
und möchte gern etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen. War der Doktor
da?“
„Ja, Herr Ohlers,“ sagte die Wittwe, die ihm winkte, einen Stuhl zu
nehmen.
„Dank Ihnen,“ bemerkte Ohlers, sich setzend; „und was hat er Ihnen
gesagt?“
„Herr Ohlers,“ rief die Wittwe.
„Bitte, geniren Sie sich nicht,“ erwiederte aber der Apotheker -- „ich
weiß doch Alles, und kann Ihnen sogar wahrscheinlich über Manches, was
_Sie nicht_ wissen, Auskunft geben.“
„_Sie_ könnten mir des Doktors räthselhaftes Betragen erklären?“
rief die Wittwe wirklich erstaunt.
„Alles,“ versicherte Ohlers ruhig, „wenn Sie mir nur vorher erzählen,
was er gesagt hat. Daß ich es gut mit Ihnen allen Beiden meine, davon
sind Sie doch hoffentlich überzeugt.“
„Ich glaub es, Herr Ohlers -- ich glaub es,“ seufzte die arme Frau,
„aber trotzdem _kann_ ich Ihnen nicht viel erzählen. Er kam vor
etwa anderthalb Stunden in einer sehr erregten Stimmung zu mir. Es
schien mir fast, als ob er Wein getrunken hätte, und --“
„Und? Frau Reuter.“
„Und hat mir eine Menge von Dingen vorgesprochen, die ich gar nicht
verstanden.“
„Das sieht ihm ähnlich -- aber das Ende vom Liede?“
„Das Ende vom Lied war, daß er mir sagte, wie er mir von Herzen gut
wäre, und wüßte, daß er Zeitlebens unglücklich bleiben müsse, aber --
er könne mich nicht heirathen -- das Schicksal wolle es nicht, und um
mir nicht zu schaden, werde er mein Haus nicht mehr betreten.“
„Puffbohnen,“ sagte Ohlers erstaunt -- ein Ausdruck, den er nur bei der
größten Ueberraschung gebrauchte, „er will den Lindenbaum nicht mehr
betreten? Unsinn, da müßte er verrückter sein, als wofür ich ihn bis
jetzt selber gehalten.“
„Das waren seine eigenen Worte, Herr Ohlers.“
„Er ist wirklich übergeschnappt.“
„Und können Sie mir in der That einen Grund seines wunderlichen
Benehmens nennen?“ frug die Frau, die von Herzen betrübt schien -- „ich
weiß es mir nicht zu erklären, denn böse ist er nicht auf mich -- er
war so gerührt, daß ihm die Thränen in den Augen standen.“
„Böse -- weßhalb sollte er böse sein,“ brummte Ohlers; „nein, setzen
Sie sich einmal dahin, Frau Reuter, und dann will ich Ihnen die ganze
Mordgeschichte erzählen. Nachher können wir berathen, was jetzt mit dem
Doktor anzufangen ist.“
Die Frau setzte sich in ängstlicher Spannung ihm gegenüber, und Ohlers
erzählte ihr jetzt Alles ausführlich, was er heute Morgen mit dem
Doktor verhandelt, und welchen Grund ihm dieser selber gegen seine
Verheirathung angegeben habe. Daß er einfach an einer fixen Idee leide,
blieb natürlich außer aller Frage; aber wie die jetzt heben, denn
wirkliche Irrthümer kann man durch Thatsachen widerlegen, eine bloße
Phantasie aber bietet nirgends einen festen Halt, bei dem man sie
fassen könnte, und weicht jedem Griff elastisch aus.
Ohlers zerbrach sich den Kopf herüber und hinüber, aber sie kamen zu
keinem Resultat, bis der kleine Apotheker endlich in die Höhe sprang
und ausrief:
„Das hilft uns jetzt nichts, Frau Reuter, so viel seh’ ich ein, _wir_
Beide werden mit der Geschichte nicht allein fertig, aber eine Frage
müssen Sie mir vorher beantworten, damit _ich_ wenigstens weiß, woran
ich bin, und nachher verlassen Sie sich auf mich.“
„Was für eine Frage, Herr Ohlers.“
„Wollen _Sie_ den Doktor heirathen?“
„Aber Herr Ohlers.“
„Thun Sie mir den einzigen Gefallen und zieren Sie sich nicht; dazu ist
jetzt gar keine Gelegenheit und Veranlassung.“
„Aber Herr Ohlers, man sagt doch so etwas nicht so gerade heraus.“
„Gut, dann sagen Sie’s drum herum,“ meinte der Apotheker, „aber wissen
muß ich’s, wenn ich Ihnen beistehen soll.“
„Und nachher machen Sie sich unten über mich lustig,“ sagte die Frau,
die über und über roth geworden war.
„Herr du meine Güte,“ rief Ohlers, und fuhr sich mit der Hand durch die
Haare, „ist so eine Wittwe langweilig. Hier steht Jemand, der Ihnen und
dem Doktor helfen will, denn _der_ muß vor der Hand unter Vormundschaft
gestellt werden. Wollen Sie also Frau Doktorin werden oder nicht?“
„Und Sie haben mich nicht zum Besten?“
„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.“
„Gut denn,“ sagte Frau Reuter entschlossen, „ich will Ihnen glauben und
bedaure selber, daß Herr Peters eine so traurige -- wie soll ich denn
gleich sagen --“
„Zurückhaltung?“ ergänzte Ohlers.
„Nein,“ erröthete die Wittwe -- „eine so traurige Idee gefaßt hat,
die ihm vielleicht sein ganzes Lebensglück vergiftet. Was ich dazu
beitragen kann, ihn zu heilen, will ich von Herzen gern thun.“
„Davon ist ja aber gar nicht die Rede,“ sagte Ohlers, „wollen Sie ihn
_heirathen_?“
„Sie sind ein schrecklicher Mensch, Herr Ohlers,“ seufzte die Wittwe --
„von Zartgefühl haben Sie keine Spur.“
„Also _nicht_?“ sagte Ohlers, und nahm seinen Hut.
„Ja denn, in des Himmels Namen, wenn Sie mir das Messer so auf die
Brust setzen. Aber wie wollen Sie ihn von der unglücklichen Idee
heilen?“
„Das weiß ich selber noch nicht,“ erwiederte Ohlers, „die Hauptsache
ist, daß wir auf Ihre Unterstützung rechnen können, aber das Geseufze
und Gestöhne hab ich satt, und wir wollen jetzt sehen, ob wir nicht
wieder einen fidelen Menschen aus diesem Peters machen können.“
* * * * *
Ohlers entwickelte von dieser Zeit an eine ungemeine Geschäftigkeit,
und hatte verschiedene geheime Unterredungen, besonders mit dem
Advokaten Dulzig und dem Pastor Umbreit. Auch der Feuermann des
Ohio-Dampfers, der junge Degmar, war in diesen Tagen nach Pittsburg
gekommen. Er hatte sein Boot, auf dem er sich mit eisernem Fleiß ein
paar hundert Dollar gespart, verlassen, und rüstete sich jetzt zu
einem Jagdzug nach Missouri, wohnte und aß aber indessen, da seine
Vorbereitungen jedenfalls ein paar Wochen in Anspruch nahmen, und er
sich von seinen gehabten Strapazen und der schweren Arbeit doch auch
erst einmal ordentlich ausruhen wollte, in der Zeit im Lindenbaum, und
war von Ohlers bald in die ganzen Verhältnisse eingeweiht.
Erleichtert wurde ihnen die Sache allerdings dadurch, daß ~Dr.~
Peters in der That sein Wort hielt, und das Haus der Wittwe Reuter
nicht mehr betrat. Er war überhaupt ein ganz anderer Mensch geworden:
trübe, in sich gebrochen, ging er umher, keine Spur mehr von der
früheren Laune und dem oft sprudelnden Humor; er sah dabei bleich und
elend aus, und es war augenscheinlich, daß ihm ein geheimer Kummer am
Herzen nage.
Auch die Frau Reuter hatte jetzt oft verweinte Augen, wenn sie
ihrem Geschäft auch wacker, wie bisher, vorstand, und alle Versuche
des Pastor Umbreit, dem Doktor einmal zum Herzen zu reden, blieben
erfolglos. Er sprach sogar davon, daß er Pittsburg ganz verlassen
wolle, um sich in der Nähe seiner Kohlenminen anzusiedeln, da seine
Gegenwart dorten von Zeit zu Zeit nöthig sei -- aber es dachte Niemand
daran, ihn dort zu gebrauchen, und es war das nur eine Ausrede, um von
Pittsburg -- vom Lindenbaum fortzukommen. -- Ging er freilich, so war
die ganze Sache verdorben, und das mußte deßhalb unter jeder Bedingung
verhindert werden.
Die vier Verbündeten, die sich übrigens das Wort gegeben hatten,
keine Silbe des ganzen Verhältnisses gegen irgend Jemanden zu
äußern, um weder ihren Freund, den Doktor, noch die wackere Frau zu
compromittiren, hielten jetzt Konferenzen bei verschlossener Thüre, und
Degmar, ein junger tollköpfiger Bursche und zu Allem fähig, machte da
einen Vorschlag, über den selbst Ohlers stutzig wurde, und den Pastor
Umbreit -- sonst auch nicht der Letzte, wo es einen Scherz auszuführen
galt -- im ersten Augenblick auf das Entschiedenste verwarf.
Der Plan war allerdings kühn genug und bestand darin, den Doktor,
der sich ja nur vor dem Moment der Trauung fürchtete, weil er die
feste Idee hatte, der Schlag würde ihn in dem Augenblick rühren, zu
verheirathen, ohne daß er selber etwas davon erführe, während er gegen
das ~fait accompli~ nachher nicht das Geringste würde einzuwenden
haben.
Das ging auf keinen Fall; die Trauung war eine zu heilige Sache, um
damit irgend einen Scherz zu treiben, und außerdem nicht giltig, wenn
die Betheiligten nicht bei vollem Bewußtsein ihr Jawort deutlich
sprachen. Der Gedanke schon sei wahnsinnig, und sie brauchten keine
weitere Zeit damit zu verlieren.
Degmar gab aber nicht nach.
„Es ist ja gar nicht nöthig,“ rief er aus, „daß wir ihn wirklich
trauen; wir machen ihm nur weiß, daß er von einem Friedensrichter
zusammengegeben sei, und die Frau besteht dann darauf, daß der
Geistliche auch noch seinen Segen darüber sprechen müsse.“
„Dann müssen wir ihn erst verrückt machen, ehe er etwas Derartiges
glauben würde,“ sagte Ohlers.
„Verrückt nicht, nur betrunken,“ lachte Degmar; „ich wette meinen Hals
darauf, daß es ausführbar ist.“
„Thorheit,“ sagte Umbreit, „selbst die Frau Reuter würde dazu nie
ihre Zustimmung geben, wollten _wir_ selbst auf einen solchen
tollköpfigen Gedanken eingehen.“
Ohlers war nachdenkend geworden. Gerade das Tolle dieses Planes sagte
ihm zu, und er überlegte sich im Geist die mögliche Ausführung.
Dulzig, der Advokat, war übrigens auch vollständig dagegen, da er
keine Möglichkeit eines günstigen Erfolges sah, wie auch ebenfalls
an Frau Reuters Zustimmung zweifelte. Die Verhandlung wurde zuletzt
abgebrochen, und Umbreit erklärte, noch einmal einen Versuch zu machen,
durch Vernunftgründe auf den Doktor einzuwirken -- er hätte seine
Vernunftgründe ebensogut einem Tisch vorpredigen können.
Nach der Berathung nahm Ohlers, ohne ein Wort zu sagen, Degmars Arm und
führte ihn in das nämliche Hinterstübchen hinüber, wo er damals mit
dem Doktor gesessen hatte. Ungarwein und Limburger Käse wurden auch
heute wieder wie an jenem Tag herauf beschworen, und die beiden jungen
Leute waren dabei so in ihre Unterredung vertieft, daß sie sogar das
Mittagessen darüber versäumten -- aber sie kamen zu einem Entschluß,
da ihnen Niemand opponirte, und alle ihnen noch entgegen stehenden
Schwierigkeiten hofften sie mit leichter Mühe zu besiegen.
Allerdings wollte Degmar nicht den „Pastor“ dabei haben, der ihnen,
wie er fürchtete, noch einen Querstrich durch das Ganze machen könne.
Ohlers aber, der seine Leute besser kannte, behauptete, ohne den nicht
fertig werden zu können, und da er es selber übernahm, die Wittwe
sowohl als den Geistlichen für ihren Plan zu gewinnen, fügte sich
Degmar endlich auch in dieser Hinsicht.
Viertes Kapitel.
Das Abschieds-Souper.
Ohlers hatte sich übrigens, mit ein paar Gläsern Ungarwein im Kopf,
die Sache viel leichter gedacht, als sie sich wirklich herausstellte.
Wie er, noch an dem nämlichen Nachmittag, zur Frau Reuter hinüber
ging, fühlte er doch, daß er zu einer solchen Aufgabe bei vollkommen
klarem Verstande sein müsse, und verschob deßhalb den ersten Sturmlauf
auf den nächsten Vormittag -- aber selbst da wurde er abgeschlagen.
Die Frau hörte kaum, um was es sich handelte, als sie sich auf das
Entschiedenste weigerte, dazu ihre Hand zu bieten. Sie sei, wie sie
jetzt offen und ohne Scheu gestand, dem Doktor recht von Herzen gut und
würde sich glücklich fühlen, seine Frau zu werden, aber -- sie könne,
um das zu erreichen, nie zu einem solchen Mittel ihre Zuflucht nehmen,
das sie später ja, wenn er es einmal erfahre, in der Achtung ihres
Gatten herabsetzen, ja ihr seine Liebe ganz entziehen müsse.
Ohlers kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Der Einwurf war so
vernünftig und ehrlich dabei, daß all’ seine Spitzfindigkeiten scheel
und nichtig dagegen erschienen, und nach einer Stunde vergeblichen
Redens mußte er es in Verzweiflung aufgeben, die Hauptperson selber
ihrem Plan zu gewinnen. Seine letzte Zuflucht blieb jetzt der Pastor,
aber mit kaum besserem Erfolg. Umbreit gestand ihm allerdings
zu, daß -- wie er sich Alles ausgedacht -- nichts Unrechtes oder
Unehrenhaftes an der Handlung sei, da es ja überhaupt nur galt,
einen unglückseligen Wahn zu besiegen, und beide betreffende Theile,
aller Wahrscheinlichkeit nach, durch das Gelingen der List glücklich
gemacht würden, aber er selber werde sich nie dazu verstehen, der
Wittwe zuzureden. Früge _sie_ ihn darum, gut, so werde er ihr das
Nämliche sagen, was er jetzt Ohlers gesagt habe -- aber weiter nichts
-- und dabei blieb es.
Degmar war außer sich und Ohlers hatte die größte Mühe, ihn von einem
tollen Streich abzuhalten, da er es sich einmal in den Kopf gesetzt
hatte, der Wittwe einen Mann zu verschaffen. Er wollte auch absolut zum
Doktor gehen und diesem die Wahl lassen, augenblicklich um die Hand
der Frau Reuter anzuhalten, oder sich mit ihm zu schießen, und konnte
nur mit der größten Mühe überzeugt werden, daß er dadurch, wenn er den
beabsichtigten Bräutigam todtschieße, unmöglich seinen Zweck erreichen
würde.
Der Doktor selber nahm aber ihre Aufmerksamkeit bald auf sehr ernste
Weise in Anspruch, denn er wurde schwer krank und verfiel in ein
nervöses hitziges Fieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte.
Erbärmliche Pflege hatte er außerdem gehabt, denn er wohnte in einem
Privatlogis mit einer alten halbtauben Magd zur Aufwartung, die kaum
dazu gebracht werden konnte, sein Zimmer rein zu halten, und sich um
den Kranken wenig oder gar nicht bekümmerte.
Degmar wich in der Zeit fast nicht von des Doktors Seite. Er ließ sich
seine Matratze hinüber schaffen und saß ganze Nächte bei ihm auf, und
nur Ohlers und Dölzig, wie auch zu Zeiten Einer der übrigen Stammgäste
aus dem Lindenbaum wechselten mit ihm ab, daß er sich manchmal die
nöthigste und unentbehrlichste Ruhe gönnen konnte. Der Arzt, der ihn
behandelte, zweifelte auch eine lange Zeit an seinem Wiederaufkommen;
endlich aber siegte seine urkräftige Natur doch, und er erholte sich
langsam.
Ohlers hatte ebenfalls manche Nacht an seinem Bett gewacht, und
seinen tollen Phantasien gelauscht. Alles aber, was er in seinem
besinnungslosen Zustand sprach, bezog sich nur immer auf den Lindenbaum
und auf jenen bösen Feind, der seines Schicksals Fäden in der Hand
hielt und mit seiner Keule bereit stand, um ihn -- sowie er nur den Arm
nach dem erhofften Glück ausstreckte -- erbarmungslos damit zu Boden
zu schlagen. Der arme Teufel fühlte sich, all’ seinen Reden nach,
namenlos unglücklich, und oft in ruhigen Stunden liefen ihm die hellen
Thränen an den Backen nieder.
Die Frau Reuter verbrachte indessen eine kaum minder schwere Zeit. Wie
gern hätte sie ihn gepflegt, aber durfte sie es denn? hatte sie ein
Recht dazu? Hundertmal stand sie auf dem Sprung, zu ihm zu eilen, aber
eben so oft verwarf sie auch den Entschluß, und saß so eines Abends
auch wieder, still weinend, in ihrer Kammer, als Ohlers zu ihr in’s
Zimmer trat und ruhig sagte:
„Bitte, Frau Reuter, setzen Sie einmal Ihr Bonnet auf und kommen Sie
mit mir.“
„Mit Ihnen, Herr Ohlers? wohin?“
„Wohin, zum Doktor natürlich -- wollen Sie ihn nicht noch einmal sehen?“
„Oh du großer Gott, ist er denn wirklich so krank,“ rief die Frau, die
Hände faltend.
„Wenn er’s überlebt, ist’s ein Wunder,“ sagte Ohlers, „ich glaub’ aber
nicht, daß er’s noch bis morgen früh macht.“
„Aber was _kann_ ich thun?“ rief die arme Frau in Verzweiflung.
„Jetzt gar nichts mehr,“ sagte der Apotheker, „als ihm vielleicht noch
einmal die Hand drücken. Wären Sie _früher_ meinem Rath gefolgt,
hätten Sie sich und _ihm_ das erspart.“
„Ach mein guter Herr Ohlers --“
„Setzen Sie Ihr Bonnet auf und kommen Sie; es ist keine Schande,
daß Sie einen alten Freund, der so treu bei Ihnen die langen Jahre
ausgehalten, auf seinem Sterbebett besuchen.“
„Ich gehe mit Ihnen, Herr Ohlers -- ich gehe mit Ihnen,“ rief die
Wittwe, aufgelöst in Thränen, und ohne weiter eine Silbe zu äußern,
setzte sie ihr Bonnet auf, warf ihren Mantel um und schritt der Wohnung
des Doktors zu.
Sie fanden Peters wirklich noch sehr leidend, aber doch nicht mehr
besinnungslos, und als er die Frau erkannte, flog ein mattes Lächeln
über seine bleichen Züge. Reden konnte er nicht, aber er drückte ihr
still die Hand, und schloß dann die Augen, als ob er schlafen wolle.
-- Sie mußten ihn auch in Ruhe lassen und durften ihn besonders nicht
aufregen. Als Ohlers aber die Wittwe nach Hause zurückbegleitete,
erzählte er ihr, mit was sich des Kranken Phantasien die ganze Zeit
beschäftigt, wie er sich elend und verlassen fühle, und doch nicht die
alte Furcht vor einem eingebildeten Schreckbild bewältigen könne, bis
er sie endlich so weit hatte, daß sie weinte, als ob ihr das Herz
brechen müsse -- dann empfahl er sich und ging wieder nach Hause.
Und der Doktor erholte sich wirklich. Degmar hatte -- als das
Schlimmste mit ihm überstanden war -- Briefe aus New-York bekommen,
die seine Anwesenheit dort nöthig machten. Er hielt sich aber nicht
lange da auf, und als er zurückkehrte, fand er den Doktor wieder
auf und munter, und außer einer etwas bleichen Gesichtsfarbe wohl
aussehend. Aber er hatte den „Lindenbaum“ noch nicht wieder betreten
-- die Wittwe seit jenem Abende, an dem sie _ihn_ besuchte, nicht
wieder gesehen, und traf jetzt alles Ernstes seine Vorbereitungen,
nicht allein Pittsburg, sondern überhaupt Pennsylvanien zu verlassen.
Der Antheil an den Kohlenminen blieb ihm, und war in sicheren Händen,
so daß er keine Uebervortheilung zu fürchten brauchte, und er selber
hatte, wie er sagte, die Absicht, nach Arkansas überzusiedeln, und sich
dort eine kleine Farm zu kaufen.
Seine Abreise war auf Montag in acht Tagen festgestellt, und Degmar,
der jetzt wieder mehrere Konferenzen mit Ohlers hatte, zu denen zuletzt
auch Pastor Umbreit gezogen wurde, schien _seine_ Abreise nach
Missouri auf den nämlichen Tag verlegt zu haben.