Am Morgen wachte ich zeitig auf und beschloß, sogleich weiter zu
wandern. Es war kalt und ein Nebel lag so dicht, daß man kaum über die
Straße sah. Frierend trank ich Kaffee, bezahlte Zeche und Nachtlager und
ging mit langen Schritten in die dämmernde Morgenstille hinein.
Rasch erwarmend ließ ich Stadt und Gärten hinter mir und drang in die
schwimmende Nebelwelt. Das ist immer wunderlich ergreifend zu sehen, wie
der Nebel alles Benachbarte und scheinbar Zusammengehörige trennt, wie
er jede Gestalt umhüllt und abschließt und unentrinnbar einsam macht. Es
geht auf der Landstraße ein Mann an dir vorbei, er treibt eine Kuh oder
Ziege oder schiebt einen Karren oder trägt ein Bündel, und hinter ihm
her trabt wedelnd sein Hund. Du siehst ihn herkommen und sagst Grüß
Gott, und er dankt; aber kaum ist er an dir vorbei und du wendest dich
und schaust ihm nach, so siehst du ihn alsbald undeutlich werden und
spurlos ins Graue hinein verschwinden. Nicht anders ist es mit den
Häusern, Gartenzäunen, Bäumen und Weinberghecken. Du glaubtest die ganze
Umgebung auswendig zu kennen und bist nun eigentümlich erstaunt, wie
weit jene Mauer von der Straße entfernt steht, wie hoch dieser Baum und
wie niedrig jenes Häuschen ist. Hütten, die du eng benachbart glaubtest,
liegen einander nun so ferne, daß von der Türschwelle der einen die
andere dem Blick nicht mehr erreichbar ist. Und du hörst in nächster
Nähe Menschen und Tiere, die du nicht sehen kannst, gehen und arbeiten
und Rufe ausstoßen. Alles das hat etwas Märchenhaftes, Fremdes,
Entrücktes, und für Augenblicke empfindest du das Symbolische darin
erschreckend deutlich. Wie ein Ding dem andern und ein Mensch dem
andern, er sei wer er wolle, im Grunde unerbittlich fremd ist, und wie
unsere Wege immer nur für wenig Schritte und Augenblicke sich kreuzen
und den flüchtigen Anschein der Zusammengehörigkeit, Nachbarlichkeit und
Freundschaft gewinnen.
Verse fielen mir ein und ich sagte sie im Gehen leise vor mich hin:
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
kein Baum sieht den andern,
jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
als noch mein Leben licht war;
nun, da der Nebel fällt,
ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von Allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein.