Ein sehr kühler Abend, feucht, ungastlich und früh dunkelnd. Auf einem
steilen Sträßlein, zum Teil lehmiger Hohlweg, war ich vom Berge
herabgestiegen und stand am Seeufer allein und fröstelnd. Nebel rauchte
jenseits von den Hügeln, der Regen hatte sich erschöpft und es fielen
nur noch einzelne Tropfen, kraftlos und vom Winde vertrieben.
Am Strande lag ein flaches Boot halb auf den Kies gezogen. Es war gut im
Stande, sauber gemalt, kein Wasser am Boden, und die Ruder schienen ganz
neu zu sein. Daneben stand eine Wartehütte aus Tannenbrettern,
unverschlossen und leer. Am Türpfosten hing ein altes messingenes Horn,
mit einer dünnen Kette befestigt. Ich blies hinein. Ein zäher,
unwilliger Ton kam heraus und flog träge dahin. Ich blies noch einmal,
länger und stärker. Dann setzte ich mich ins Boot und wartete, ob jemand
käme.
Der See war nur leicht bewegt. Ganz kleine Wellen schlugen mit
schwächlichem Klatschen an die dünnen Bootwände. Mich fror ein wenig und
ich wickelte mich fest in meinen weiten, regenfeuchten Mantel, steckte
die Hände unter die Achseln und betrachtete die Seefläche.
Eine kleine Insel, dem Anscheine nach nur ein stattlicher Felsen, ragte
in der Seemitte schwärzlich aus dem bleifarbenen Wasser. Ich würde, wenn
sie mein wäre, einen Turm darauf bauen lassen, mit wenigen Zimmern und
quadratischem Grundriß. Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Eßzimmer
und eine Bibliothek.
Dann würde ich einen Wärter hineinsetzen, der müßte alles in Ordnung
halten und jede Nacht im obersten Zimmer Licht brennen. Ich aber würde
weiterreisen und wüßte nun zu jeder Zeit eine Zuflucht und Ruhestätte
auf mich warten. In fernen Städten würde ich jungen Frauen von meinem
Turm im See erzählen.
»Ist auch ein Garten dabei?« würde vielleicht eine fragen. Und ich: »Ich
weiß nicht mehr, ich war so lange nimmer dort. Wollen Sie, daß wir
hinreisen?«
Sie würde mir mit dem Finger drohen und lachen, und der Blick ihrer
hellbraunen Augen würde sich plötzlich verändern. Möglich auch, daß ihre
Augen blau sind oder schwarz, und ihr Gesicht und Nacken bräunlich, und
ihr Kleid dunkelrot mit Pelzbesätzen.
Wenn es nur nicht so kühl gewesen wäre! Eine unangenehme
Verdrießlichkeit wuchs in mir herauf.
Was geht mich die schwarze Felseninsel an? Sie ist lächerlich klein,
wenig besser als ein Vogeldreck, und man könnte auf ihr überhaupt nicht
bauen. Wozu auch, bitte? Und was liegt daran, ob eine junge Frau, die
ich mir erdenke und der ich möglicherweise, falls sie wirklich
existierte, mein Turmschloß zeigen würde, falls ich eines hätte -- ob
diese junge Frau blond ist oder braun und ob ihr Kleid einen Pelzbesatz
hat oder Spitzen oder gewöhnliche Litzen? Wären mir Litzen etwa nicht
gut genug?
Gott bewahre, ich gab den Pelzbesatz, den Turm und die Insel preis, rein
um des Friedens willen. Meine Verdrießlichkeit kassierte die Bilder
mürrisch, schwieg und nahm zu statt ab.
»Bitte,« fragte sie nach einer Weile wieder, »wozu sitzest du eigentlich
hier, an einem weltfremden Ort, in der Nässe am Strand und frierst?«
Da knirschte der Kies, und eine tiefe Stimme rief mich an. Es war der
Fährmann.
»Lang gewartet?« fragte er, während ich ihm das Boot ins Wasser schieben
half.
»Gerade lang genug, scheint mir. Jetzt also los!«
Wir hängten zwei Paar Ruder ein, stießen ab, drehten und probierten den
Takt aus, dann arbeiteten wir schweigend mit starken Schlägen. Mit dem
Erwarmen der Glieder und mit der flotten, taktfesten Bewegung kam ein
anderer Geist in mir auf und machte dem fröstelnd trägen Unmut ein
rasches Ende.
Der Schiffsmann war graubärtig, groß und mager. Ich kannte ihn, er hatte
mich vor Jahren mehrmals gerudert; doch erkannte er mich nicht wieder.
Wir hatten eine halbe Stunde zu rudern, und während wir unterwegs waren,
ward es vollends Nacht. Mein linkes Ruder rieb in seiner Öse bei jedem
Zuge mit rostig knarrendem Ton, unter dem Vorderteil des Bootes schlug
das schwache Gewoge unregelmäßig mit hohlem Geräusch an den
Schiffsboden. Ich hatte zuerst den Mantel, dann auch noch die Jacke
ausgezogen und neben mich gelegt, und als wir uns dem jenseitigen Ufer
näherten, war ich in einen leichten Schweiß geraten.
Jetzt spielten vom Strande her Lichter auf dem dunkeln Wasser, zuckten
springend in gebrochenen Linien und blendeten mehr als sie leuchteten.
Wir stießen ans Land, der Fährmann warf seine Bootskette um einen dicken
Pfahl. Aus dem schwarzen Torbogen trat der Zöllner mit einer Laterne.
Ich gab dem Schiffsmann seinen kleinen Lohn, ließ den Zöllner an meinem
Mantel schnuppern und zog mir die Hemdärmel unter der Jacke zurecht.
Im Augenblick, da ich wegging, fiel mir der vergessene Name des
Schiffers wieder ein. »Gut Nacht, Hans Leutwin,« rief ich ihm zu und
ging davon, während er, die Hand vorm Auge, mir erstaunt und brummend
nachglotzte.