Eisenberg.[12]

Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit

Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber

auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern

pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie

aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben.

Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo

ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden

von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden

Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im

Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange

Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn

Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer,

wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint

auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl

villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen

höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange

dehnt sich der sogenannte „Nasse Wald“ mit vielen Promenaden aus. Vom

höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die

wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den

Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das

_Schloß_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in

etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine

Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon

bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß dem

_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz.

Am 7. März 1677 zog _Christian_ in das Schloß ein, das ihm nebst dem

Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des

Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß

„Christiansburg.“ Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er

ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten

Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den

älteren Einwohnern der Stadt „'s Läbbetoorchen“ genannt. Bei den

deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen

„Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz“ bekannt. In einem

ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und

Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung

mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war

jedoch die Gründung des _Lyceums, späteren Gymnasiums_, das der Stadt

ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg

in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine

einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von

Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm

war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere

Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt

liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg

bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des

Hauses.

Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des

Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein

Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph

_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant

anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat.

Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine

Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben.

Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang

und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte

„Thälchen.“

Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von

zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten

(West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie

gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will

Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von

Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus

prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das

Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle

Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal,

durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen

und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen

auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen

Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein

größeres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen

Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu

gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See

gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt

Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der Nähe _Thalbürgel_,

mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den

hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde,

von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe

einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte

er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von

dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er „die Geschwister“, in denen er

sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte;

freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und

Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen.

Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen

östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken.

Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen · 第 42 / 50 题