XIV.

Ein Nachmittag bei den Karthäusern.

Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z.,

der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom

Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und

befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen.

Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke

Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der

Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer

umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in

der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen,

an denen keine Fenster zu sehen waren.

Das ist das Karthäuserkloster „Hain“; es ist das einzige in Deutschland,

erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden

ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs

Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben

widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein.

Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten

strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie

üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere

Bildung.

Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal

besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache

abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge

(Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch

1/4 Stunde bis zur Karthause hat.

Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder

Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir

eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem

Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in

freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang

herumführte.

Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit

Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter

in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und

betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir

eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter

dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir

vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker

versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der

Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die

Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden:

in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während

sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt.

Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der

interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche

Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand

gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume,

im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel

davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte

lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des

ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen

hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und

Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl

und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer

Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine

Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der

Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng.

Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet,

körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die

Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch;

zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu

Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag

gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden

häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben.

Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke

zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur

Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis

halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht,

Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden.

Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und

nachher giebt es freilich kein „Zurück“ mehr.

Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und

Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick

dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil

augenblicklich die pflegende Hand fehlt.

Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen

Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang

zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt

wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der

Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis

bedurft hätte.

Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder

zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles

scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt

Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der

voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern,

einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der

Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke

Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern

köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder

Bienenvater verkauft.

Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur

(Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause

(der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in

Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der

dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten.

Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich

ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie

während der Jahre 1875-90 geruht.

Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte

reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind

meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben

entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine

Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein

Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte

seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer

für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein

Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere

Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem

Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso

fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit.

Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen.

Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den

Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein

gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ

uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns

zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen.

An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der

Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse,

alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch,

uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem

Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die

Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem

Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen

Gefährten daraus vor.

Da schreibt einer:

Wo sind Fried und Ruh

Und Herzensglück zu Hause?

Ich weiß es genau:

Hier in der Karthause.

Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters.

Ein anderer:

Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen!

Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft.

Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse:

Drum pflege nicht den Leib zu sehr,

Sonst wird dir einst das Scheiden schwer!

Hast du die Seele treu gepflegt,

Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt.

Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber

nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen

schattenlosen Weg nach Düsseldorf.

Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt:

Härzlichen Dank für die gute Bedinung!

Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigen

Versen:

Besten Dank

Für den guten Trank.

Ein Trappist schreibt:

Gratias intimo ex corde

Carissimi Confratres Cartusiae

Oremus pro invicem.

(Name)

Trappista.

Sehr anmutend fand ich die Eintragung:

Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen

mich an die Wahrheit des Spruchs denken:

Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise;

Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.

(Rüdert.)

Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt

verboten ist, schreibt:

Leider hab' ich nichts gesehen,

Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen.

Frau X.

Endlich noch zwei lateinische Sprüche:

Cartusis clara

Eras mihi praeclara

Eris mihi cara!

und

O beata solitudo,

O sola beatitudo!

Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte

freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im

heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb

der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich

mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken

sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden

Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt — —

Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen · 第 40 / 50 题