Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles
einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend,
architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt
hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen
und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten
hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß
Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und
nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik
sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV.
geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er
beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu
errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten
ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden
Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal
Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf
drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem
Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier
mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der
Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß
gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle
Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen
berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige
Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den
Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere
ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind
vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von
Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen
erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende,
zur Verfügung stellte.
Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches
Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und
ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den
beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte,
von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von
Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde
von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem
Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft
der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von
Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von
1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und
einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders
die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche
überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der
Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige
Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das
von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern
entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen;
Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer.
„Bierbrauerkunst“ nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl
etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die
Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt
wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz,
mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste
in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als
allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des
Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von
Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen
die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur
Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt „Christus in Gethsemane“,
1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für
seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft
bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor
ernannt wurde.
Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den
Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des
Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den
letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I.,
Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn
Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen
Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er
hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864
erhalten.
Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere
Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_
einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von
ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze,
bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können:
den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die
deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu
Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf
bezieht sich die Ode Klopstocks: „Rothschilds Gräber“; Rothschild ist
Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst
denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun,
sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar
geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt.
Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite
Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand
lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und
giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine
Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt.
In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die
eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die
Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen
zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge
(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden
Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier
walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an
kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa
(Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen
noch heute ein „Hellige Lund“ (heiliger Hain) existiert, mit „Herthadal“
und „Herthasee“. Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die
zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen
segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden
die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen.
Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach
Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde
soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der
Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen
skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der
Mittelpunkt der geistlichen Regierung.
Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann
von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von
den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die
Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage
Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben
mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank
schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles
Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern.
Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefen
Meereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcher
Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht.
Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auch
hier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus.
Der alte lustige „Graver“ (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen,
in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31
Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene
haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig
ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen
Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist
eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn († 985)
am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren Könige haben ihre
Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter dem Altar steht der
Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei nordischen Reiche
beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die Marmorstatue der Königin,
ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich Wilhelms III. in
Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und Christian III. Die
schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem Standbilde des Königs
von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand. Die letztverstorbenen
Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und Caroline Amalie, geborene
Prinzessin von Augustenburg, sind in der Kapelle Friedrichs V.
beigesetzt.
Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und
Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend
wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß
sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich
folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen
Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten
und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß
Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und
Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und
Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia,
und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad,
Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen,
die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer
auseinander zu halten.
Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir
aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark
Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet
die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter
der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht
zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären,
sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann
wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen
Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine
Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren
sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als
unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden
und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester
geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt
Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der
Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche.
Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen
wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf
uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen
Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2
Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die
beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des
Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die
große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt.
Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber
Saxo Grammaticus († 1207), der die alten Sagen vom dänischen Tell
aufgezeichnet hat.
An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des
1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der
berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten.
In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen,
darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke
(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist.
Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15.
Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen
Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten
und Neuen Testament darstellt.
Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man
nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König
Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen
Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen
ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem
ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden.