XI.

Bordesholm.

Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt

das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist

nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der

glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem

Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum,

auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche.

Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut

sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten

der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck

macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500

Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer

Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem

altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier.

Das, was uns eigentlich hergeführt hat — _die Klosterkirche_ — haben wir

unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht.

Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit

auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum

zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit

eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last

nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter

des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine

Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt;

allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz

unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender

Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt:

„Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde,

Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt.

Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands

Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!“

März 24. 1873.

Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der

Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter,

epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier

im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das

Gebäude.

Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster — Niegenmünster,

wie eine lateinische Inschrift besagt — gegründet. Allein dort an der

Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet,

den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die

abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name

hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch

starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das

übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern

vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine

Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste

sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel;

wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben

verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den

80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen „Alma

mater“ reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof

(ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende

Ansprache entgegen.

Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt,

einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle

und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt

keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine

Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu

Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige

daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten

Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das

auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt.

Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine

Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des

russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es

einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die

schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist.

Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem

Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern

von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten

Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in

den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der

letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen

_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der

Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes

Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von

Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von

Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei

Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter

Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum

Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt.

1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein

wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren

Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn,

der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist

der jetzige Kaiser Nikolaus II.

In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage

Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er

ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_

gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829

großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf

Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen

bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron,

Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische

General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten

Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. († 1533) und

seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den lebensgroßen Figuren des

Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, vielleicht von Peter Bischer. Zu

den Füßen der Dame schmiegt sich ein Hündchen. — Wer suchte wohl in

diesem abgeschiedenen, weltfremden Dörfchen Holsteins den Ahnen des

Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! Schon diese eine

Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms reichlich, und doch

wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht aufgesucht, ja, ist

den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Treten wir aus der

hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns gegenüber den

eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und Amtsstuben des

Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür befindet sich eine

Inschrift folgenden Inhalts:

„In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog

Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich

und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den

Befehl zum Einmarsch in Schleswig.“

Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir

noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische

Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist.

Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger

Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des

meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer

Vorzeit Gericht gehalten wurde — alles das vereinigt das kleine

Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben,

die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters

gemahnt:

„States fall, arts fade, but Nature does not die.“

Von Haparanda bis San Francisco: Reise-Erinnerungen · 第 32 / 50 题