Marsberg.
Auch eine Sommerfrische.
Wir wollten in die Sommerfrische — so viel stand fest. Hierin waren
meine Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir
_mußten!_ Alle unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische — eine
Familie nach Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach
Eschwege. Wenn wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können,
als „hätten wirs nicht dazu!“ Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die
Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen,
namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem
Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir
wollten in die Sommerfrische.
Ich ging hin und kaufte mir „Tinten und Feder und Papier“. _Eine_ Feder,
aber _zwölf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere
Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich
doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden,
bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl
selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch — den ich selbst
besaß — und Bädekers Rheinlande — den mir ein befreundeter,
edeldenkender Buchhändler auf einen Tag lieh — freilich unter der
Bedingung, ihn sofort zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden
sollte, denn es war nur dieses eine Exemplar auf Lager — also ich nahm
den kleinen, grünen Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und
studierte und studierte. Ich habe schon viel studiert in meinem Leben,
z.B. auf der Universität, aber so hat nur weder im metaphysischen Kolleg
beim alten Strümpell in Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei
Eucken in Jena der Kopf gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so
harmlosen Bücher. Denn da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine
immer einladender als die andere. Preisend mit viel schönen Reden
registrierten die Verfasser alles, was nur irgend Anspruch auf diese
ehrenvolle Bezeichnung erheben konnte, von Godesberg am Rhein und
Manderscheid in der Eifel bis Oberkirchen und Laasphe im Sauerland.
Rheinland und Westfalen sollte und mußte es sein, lieber noch letzteres,
denn mein Grundsatz ist derselbe wie der des alten Geheimrat Goethe:
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah!
Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein
Gasthaus mit dem lieblichen Namen „Waldesfrieden“, und da las ich
Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von
Offenbach: „Die Großherzogin von Gerolstein.“ Dies Großherzogtum hätte
ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer
mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag
noch nicht im Walde gewohnt hatte.
Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl
der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit
einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die
Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig
harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten.
Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben
mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es
auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht.
Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter.
Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger entgegen
— bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um neun Uhr
vormittags — und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er nichts
hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste Frage:
Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine Karte.
Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für die
nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch
verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht
einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des
Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die
übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im
Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die — mir bebt die
Feder vor edlem Zorn — überhaupt nicht antworteten!
Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend
erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich
Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im
Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist
kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich
gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen,
unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach
diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich
aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen
und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen;
überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache,
wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten
Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach.
Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber
dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei
unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit
auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf
den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also
ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine
Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von
der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz
entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte
nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine
Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte
es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein
überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität
lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im
östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise
angetreten werden.
Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf
folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine
Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5
stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die
wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe
Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des
Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als
Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In
Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf
unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche
Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen
Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar
empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen
wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch
Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in
Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die
Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen.
Auf dem Wege zum „Westfälischen Hof“ kamen wir an einem Trümmerhaufen
vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel,
abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte:
Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und
bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu
entziffernden Inschrift:
DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN
GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN.
Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die
Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts.
Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen
hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen
den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben
zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein
Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen
man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat
Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung.
Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine
Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des
wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung,
genannt der „Diemelbote“, der aber nicht _einmal_ täglich erscheint, wie
gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat
Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen
Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die
geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte.
Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist,
sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du,
lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter
gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß
hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre
berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß
dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier
zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die
Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren,
nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles
dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich
habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht
und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß
hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er
ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser
mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine
alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig
gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher — es wäre
ein Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller
heißt er und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein
Freund Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt — in dessen Schaufenster
hängen also nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei
dem andern. Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit,
wie ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte,
wenn ich vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen
„Uhrkenmaker“ seinen Meister gefunden.[7]
Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen
Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen
Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt.
Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen,
vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide
Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von
der Passion Christi führt hinauf.
Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir
bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen
keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler
und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum
„Westfälischen Hof“ hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und
da haben wir manchen guten Braten gehabt.
Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach
Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als
ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist
mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man
kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze
zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen
sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller
Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen
lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche
Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die
Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen
aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die
sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von
dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer
trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal
mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen.
Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von
dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand
anders, bewunderten den „Roland“, der aber nicht so riesenhaft wie der
in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten
schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch „Freßburg“ genannt,
ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie
mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus
denselben Bestandteilen hergestellt ist.
_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist
wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen
jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei,
welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich
Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz
eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es
giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die
noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen
Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den
Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte
Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein
Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den
Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der
jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen
unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser
Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt,
aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein,
der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da
liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei.
Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher
denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben
eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und
gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt!
Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von
Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag
nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer
Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke
hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte,
was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche
Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite
Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den
Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist
nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist.
Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich
von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein
Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der
Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von
Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen,
insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte
Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren
Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen
verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere
Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch
Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das
herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die
Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von
Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in
Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten
Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich
aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte
also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise
plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von
Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon
gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten;
ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim
angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr
heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar
Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten,
ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf
eine Thür, an der „Komptoir“ stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug
meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser
lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten
Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte
zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte.
Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten.
Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der
Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog
zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß
ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch
ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte
ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal
so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte
mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und
erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich
fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter)
den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte
den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder
herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das
gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren
Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken
(wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener
Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart!
Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu
streichen.
Um auch einmal ins „Ausland“ zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach
dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen,
wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer
Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen,
Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und
Akazien besetzt war — wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der
sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch
ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein
einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das
Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt)
auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine
Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht
gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das
verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund,
keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein
Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du
schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem
Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es
beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von
dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so
heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung! — Ich wandere weiter
und gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein
Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen
Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern
leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will.
Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die
Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß — — Nun laß sich
die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren
Tannen und Eichen — und du bist in das romantische Land versetzt, von
dem die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten,
führen hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das
Grün? Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen
des Mausoleums die Worte: „In diesen Hafen sammeln wir uns aus den
Stürmen des Lebens.“ Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor
etwa hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die
Gitter und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen;
an den beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die
äußersten Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank
und träume. Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier
im fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher
eine Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten
darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen,
die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend
verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die
breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig
geschmückten Gewändern zum Ballsaal — — Da höre ich in der Ferne das
Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den
Zuruf eines Ackerknechtes — das ist die Prosa des modernen Lebens, die
nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll;
wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den
tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein
Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus,
voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung — —