»Das würdest du nicht sagen, wenn du sie kenntest.«
»Wer ist's denn?«
»Sie heißt Sibyl Vane.«
»Nie von ihr gehört.«
»Das hat niemand. Aber später einmal wird man von ihr hören. Sie ist ein
Genie.«
»Mein lieber Junge, es gibt keine Frau, die ein Genie wäre. Die Frauen
sind ein dekoratives Geschlecht. Sie haben niemals etwas zu sagen, aber
sie sagen es entzückend. Die Frauen bedeuten den Triumph der Materie
über den Geist, wie die Männer den Triumph des Geistes über die
Sittlichkeit.«
»Harry, wie kannst du?«
»Mein lieber Dorian, es ist aber wahr. Ich beschäftige mich gerade mit
der Analyse der Frauen, daher muß ich das wissen. Das Thema ist nicht
so verwickelt, wie ich glaubte. Ich finde, daß es schließlich nur zwei
Arten von Frauen gibt, die einfachen und die geschminkten. Die einfachen
Frauen sind sehr nützlich. Wenn du als ehrbarer Mensch gelten willst,
mußt du nur eine von ihnen zu Tisch führen. Die andern Frauen sind zum
Entzücken. Aber sie begehen einen Fehler. Sie schminken sich, um jung
auszusehen. Unsere Großmütter schminkten sich, um geistreich zu
plaudern. Rouge und Esprit gingen Hand in Hand. Das ist jetzt alles
vorbei. Solange eine Frau zehn Jahre jünger aussehen kann als ihre
Tochter, ist sie gänzlich zufrieden. Was die Konversation betrifft, so
gibt es in ganz London höchstens fünf Frauen, mit denen sich's zu reden
lohnt, und zwei davon sind in anständiger Gesellschaft nicht möglich.
Aber genug, erzähl' mir was von deinem Genie! Wie lange kennst du sie?«
»Ach, Harry, deine Ansichten erschrecken mich!«
»Mach' dir darum keine Kopfschmerzen. Wie lange kennst du sie also?«
»Ungefähr drei Wochen.«
»Und wo hast du die Entdeckung gemacht?«
»Ich will dir's erzählen, Harry, aber du mußt nicht häßlich darüber
reden. Übrigens wär's gar nicht dazu gekommen, wenn ich dich nicht
kennengelernt hätte. Du hast mich mit einer wilden Begierde, alles im
Leben kennenzulernen, angefüllt. Noch viele Tage, nachdem ich dich
zuerst gesehen hatte, schien in meinen Adern etwas zu rumoren. Wenn ich
im Park spazierte oder Piccadilly hinunterschlenderte, schaute ich jeden
an, der mir entgegenkam, und wollte mit einer tollen Neugierde
herauskriegen, was für eine Art Leben die Leute alle führten. Einige von
ihnen fesselten mich. Andere erfüllten mich mit Schauder. Es schwamm ein
verführerisches Gift in der Luft. Mich hatte eine Leidenschaft nach
Erlebnissen gepackt... Eines Abends also gegen sieben beschloß ich,
mich auf die Suche nach einem Abenteuer zu begeben. Ich hatte solch
Gefühl, daß unser graues, riesenhaftes London mit seinen vielen
Hunderttausenden schmutzigen Sündern und seinen schillernden Sünden, wie
du dich mal ausdrücktest, irgend etwas für mich in Bereitschaft halten
müsse. Ich erfand mir tausenderlei Dinge. Schon die bloße Gefahr
schenkte mir einen gewissen Genuß. Ich erinnerte mich an das, was du mir
sagtest an dem wunderbaren Abend, als wir das erstemal zusammen
speisten: daß nämlich das Suchen nach Schönheit das eigentliche
Geheimnis des Lebens sei. Ich weiß nicht, was ich erwartete, aber ich
ging drauflos und wanderte nach dem Osten, wo ich meinen Weg bald in
einem Wirrwarr von rußigen Straßen und schwarzen, graslosen Plätzen
verlor. Gegen halb acht kam ich an einem kleinen, schnurrigen Theater
mit großen, flackernden Gasflammen und grellen Plakaten vorbei. Ein
widerlicher Jude, in dem erstaunlichsten Rock, den ich mein Lebtag
gesehen habe, stand an der Tür und paffte eine stänkrige Zigarre. Er
hatte fettige Peies, und ein riesiger Brillant glitzerte auf seiner
schmutzigen Hemdenbrust. >Eine Loge, Herr Baron?< fragte er mich und
nahm seinen Hut mit grandioser Unterwürfigkeit ab. Er hatte etwas an
sich, Harry, was mich belustigte. Er war das reine Monstrum. Du wirst
mich auslachen, ich weiß schon, aber ich trat wirklich ein und erlegte
ein Zwanzigmarkstück für die Proszeniumsloge. Ich kann mir noch heute
nicht erklären, warum ich das tat; und doch -- wenn ich's nicht getan
hätte -- bester Harry, ich wäre um das größte Ereignis meines Lebens
gekommen. Ja, lach du nur. Es ist häßlich von dir.«
»Ich lache nicht, Dorian, wenigstens nicht über dich. Aber du solltest
es nicht das größte Ereignis deines Lebens nennen. Sage lieber, das
erste Ereignis deines Lebens. Du wirst immer geliebt werden, und du
wirst in die Liebe immer verliebt sein. Die grande Passion ist das
Vorrecht aller Leute, die nichts zu tun haben. Das ist der einzige
Nutzen, den die Tagediebe eines Landes bringen. Habe keine Angst!
Himmlische Dinge warten noch deiner. Das ist der bloße Anfang.«
»Hältst du meine Natur für so oberflächlich?« rief Dorian Gray gekränkt.
»Nein, ich halte sie für so tief.«
»Wie meinst du das?«
»Mein lieber Junge, die Leute, die nur einmal im Leben lieben, das sind
in Wirklichkeit die Oberflächlichen. Was sie Anstand und Treue nennen,
nenne ich entweder die Trägheit der Gewohnheit oder Mangel an
Einbildungskraft. Treue ist im Gefühlsleben dasselbe, was Konsequenz im
Geistesleben ist, nichts als das Zugeständnis von Schwäche. Treue! Ich
muß ihren Begriff später mal analysieren. Freude am Besitz liegt darin.
Welche Menge von Dingen würden wir wegwerfen, wenn wir nicht fürchten
müßten, andere könnten sie auflesen. Aber ich möchte dich nicht
unterbrechen. Erzähle weiter.«
»Ich saß also in einer schauderhaften kleinen Loge, und ein ordinärer
Vorhang starrte mir gerade ins Gesicht. Ich schaute hinter der Gardine
vor und sah mich im Hause um. Es war ein schäbig-elegantes Ding,
gestopft voll mit Amoretten und Füllhörnern, wie auf einem
Hochzeitskuchen billigster Sorte. Galerie und Stehparterre waren
leidlich voll, aber die zwei Reihen schmieriger Fauteuils vorne waren
ganz leer und auf dem Platze, den sie vermutlich ersten Rang
titulierten, saß kaum ein Mensch. Weiber gingen mit Orangen und
Ingwerbier herum, und eine unglaubliche Masse von Nüssen wurde
verknackt.«
»Es muß ganz wie in der Glanzzeit des britischen Dramas gewesen sein.«
»Ganz so, vermute ich, und sehr niederdrückend. Ich begann, zu
überlegen, was um Himmels willen ich da anfangen sollte, als mein Blick
auf den Theaterzettel fiel. Was glaubst du, was sie spielten, Harry?«
»Ich vermute, der >kleine Kretin< oder >Blödsinnig, aber unschuldig<.
Unsere Väter liebten diese Art Stücke, glaube ich. Je länger ich lebe,
Dorian, je stärker fühle ich, daß alles, was für unsere Väter gut genug
war, für uns noch lange nicht gut genug ist. In der Kunst wie in der
Politik ~les grandpères ont toujours tort~.«
»Das Stück war gut genug für uns, Harry. Es war >Romeo und Julia<. Ich
muß zugeben, daß mich der Gedanke, Shakespeare in einer so elenden
Spelunke zu sehen, ärgerte. Und doch interessierte es mich irgendwie.
Jedenfalls entschloß ich mich, den ersten Akt abzuwarten. Es spielte da
ein schauderöses Orchester, das ein junger Hebräer dirigierte, der an
einem schnarrenden Klavier saß, mich beinah zum Davonlaufen brachte;
aber schließlich ging doch der Vorhang in die Höhe und das Stück fing
an. Romeo war ein hahnebüchener älterer Herr mit dick gemalten Brauen,
einer versoffenen Tragödenstimme und einer Falstaffgestalt wie eine
Biertonne. Mercutio war fast ebenso arg. Er wurde vom Komiker gespielt,
der Mätzchen eigener Improvisation einstreute und in der
verwandtschaftlichsten Beziehung zur Galerie stand. Sie waren beide
genau so grotesk wie die Szenerie, und die sah aus, als käme sie vom
Jahrmarktsrummel. Aber Julia! Harry, stell dir ein Mädchen vor, kaum
siebzehn Jahre alt, mit einem blumenhaften Gesichtchen, einem schmalen
griechischen Kopf mit dunkelbraunen Zöpfen, mit Augen, wie veilchenblaue
Brunnen heißer Leidenschaft, mit Lippen wie Rosenblätter. Das
entzückendste Geschöpf, das ich je im Leben gesehen habe. Du sagtest mal
zu mir, Pathos ergreife dich nicht, aber Schönheit, keusche Schönheit an
sich, könnte deine Augen wohl mit Tränen füllen. Ich sage dir, Harry,
ich konnte dieses Mädchen kaum sehen, von dem Tränenflor über meinen
Augen. Und ihre Stimme -- ich habe so eine Stimme nie gehört. Zuerst
sehr leise in tiefen, vollen Molltönen, die langsam und jeder für sich
allein ins Ohr zu träufeln schienen. Dann etwas lauter und erklingend
wie eine Flöte oder eine ferne Hoboe. In der Gartenszene hatte sie jene
zitternde Inbrunst, die man hört, wenn die Nachtigallen singen vor Tag
und Tau. Es gab dann Augenblicke, wo ihre Stimme die verhaltene
Leidenschaftsglut von Geigentönen hatte. Du weißt, wie eine Stimme einen
erschüttern kann. Deine Stimme und die Stimme von Sibyl Vane, die beiden
werde ich nie vergessen. Wenn ich meine Augen schließe, höre ich sie,
und jede von ihnen sagt etwas anderes. Ich weiß nicht, welcher ich
folgen soll. Warum sollte ich sie nicht lieben? Harry, ich liebe sie.
Sie ist alles in meinem Leben. Abend für Abend gehe ich hin, um sie
spielen zu sehen. An einem Abend ist sie Rosalinde, am nächsten Imogen.
Ich habe sie im Düster eines italienischen Grabgewölbes sterben sehen,
wie sie das Gift von den Lippen des Geliebten trinkt. Ich bin ihrer
Wanderung durch die Ardennen gefolgt, wie sie als hübscher Knabe mit
Hose, Wams und einem kleinen Barett verkleidet war. Sie war wahnsinnig
und ist vor einen schuldbewußten König hingetreten und ließ ihn Rauten
tragen und bittere Kräuter kosten. Sie war unschuldig, und die schwarzen
Hände der Eifersucht haben ihren zarten Hals zusammengepreßt. Ich habe
sie in jedem Jahrhundert und in jeder Tracht gesehen. Gewöhnliche Frauen
sagen unserer Phantasie nichts. Sie sind in ihre Zeit hineingebannt.
Kein Zauber kann sie umwandeln. Man kennt ihren Geist ebenso schnell wie
ihre Güte. Man kennt sie immer heraus. Es gibt kein Geheimnis in ihnen.
Sie reiten morgens in den Park und schnattern nachmittags beim Tee. Sie
haben ihr stereotypes Lächeln und ihre eleganten Modemanieren. Aber eine
Schauspielerin! Wie anders solche Schauspielerin! Harry! Warum hast du
mir nicht gesagt, daß nichts geliebt zu werden verdient als eine
Schauspielerin?«
»Weil ich so viele von ihnen geliebt habe, Dorian.«
»Oh, gewiß, gräßliche Geschöpfe mit gefärbten Haaren und geschminkten
Gesichtern.«
»Schmähe nicht gefärbtes Haar und geschminkte Gesichter. Es liegt
zuweilen ein ganz besonderer Reiz darin«, sagte Lord Henry.
»Ich wollte, ich hätte dir nie etwas von Sibyl Vane gesagt.«
»Du hättest gar nicht anders können, Dorian. Dein ganzes Leben lang
wirst du mir alles sagen, was du tust.«
»Ja, Harry, ich glaube, es ist so. Ich bin geradezu gezwungen, dir alles
zu sagen. Du hast eine seltsame Macht über mich. Wenn ich je ein
Verbrechen beginge, käme ich gleich zu dir und beichtete es dir. Du
würdest mich verstehen.«
»Menschen wie du -- die kühnen Sonnenstrahlen des Lebens -- begehen
keine Verbrechen, Dorian. Aber ich danke dir trotzdem für dein
Kompliment. Und nun sag' mir -- bitte gib mir mal die Streichhölzer
herüber; danke -- wie sind deine wirklichen Beziehungen zu Sibyl Vane?«
Dorian Gray sprang mit geröteten Wangen und blitzenden Augen auf.
»Harry! Sibyl Vane ist mir heilig.«
»Nur heilige Dinge sind wert, sie anzurühren, Dorian«, sagte Lord Henry
mit einem merkwürdigen pathetischen Ton in seiner Stimme. »Aber warum
fühlst du dich verletzt? Ich vermute, sie wird dir eines Tages gehören.
Wenn man verliebt ist, fängt man immer damit an, sich selbst zu
betrügen, und hört immer damit auf, andere zu betrügen. Das nennt die
Welt eine Liebesgeschichte. Auf jeden Fall denke ich, du kennst sie?«
»Natürlich kenne ich sie. Schon am ersten Abend im Theater kam der
gräßliche alte Jude nach der Vorstellung in meine Loge und bot mir an,
mich hinter die Kulissen zu führen und ihr vorzustellen. Ich war wütend
und sagte ihm, daß Julia seit Hunderten von Jahren tot sei und daß ihr
Körper in einem Marmorgrabe zu Verona liege. Nach dem bestürzten
Ausdruck in seinem Gesicht vermute ich, daß er glaubte, ich hätte zuviel
Champagner oder Ähnliches getrunken.«
»Kein Wunder!«
»Dann fragte er mich, ob ich für irgendeine Zeitung schreibe. Ich sagte
ihm, daß ich nicht mal eine lese. Das schien ihn furchtbar zu
enttäuschen, und er vertraute mir an, alle Theaterkritiker hätten sich
gegen ihn verschworen und jeder einzelne von ihnen wäre käuflich.«
»Es sollte mich nicht wundern, wenn er ganz recht hätte. Andererseits
aber, nach ihrem Aussehen zu schließen, können sie meistens gar nicht
teuer sein.«
»Einerlei, sie schienen über seine Mittel zu gehen«, sagte Dorian
lachend. »Inzwischen aber wurden die Lichter im Theater ausgedreht und
ich mußte fort. Er bat mich noch, einige Zigarren zu probieren, die er
mir sehr warm empfahl. Ich dankte. Am nächsten Abend ging ich natürlich
wieder hin. Als er mich sah, machte er eine tiefe Verbeugung und
versicherte mir, ich sei ein edelmütiger Kunstmäzen. Er ist eine höchst
abstoßende Kreatur, obwohl er eine außerordentliche Leidenschaft für
Shakespeare hegt. Er erzählte mir mal mit einem Anflug von Stolz, seine
fünf Bankrotte verdanke er nur dem >Barden<; so nannte er nämlich
hartnäckig Shakespeare. Er schien das für ein Verdienst zu halten.«
»Es ist ein Verdienst, lieber Dorian -- ein großes Verdienst. Die
meisten Leute werden bankrott, weil sie zuviel in der Prosa des Lebens
angelegt haben. Sich mit Poesie ruiniert zu haben, ist eine ehrenvolle
Auszeichnung. Aber wann hast du Fräulein Sibyl Vane zum erstenmal
gesprochen?«
»Am dritten Abend. Sie hatte die Rosalinde gespielt. Ich mußte hinter
die Bühne gehen. Ich hatte ihr ein paar Blumen zugeworfen, und sie hatte
zu mir hingesehen, wenigstens bildete ich es mir ein. Der alte Jude war
beharrlich. Er schien entschlossen, mich mit nach hinten zu nehmen, und
so gab ich nach. Es war sonderbar, daß ich sie nicht kennenlernen
wollte, nicht wahr?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Warum, lieber Harry?«
»Ich erkläre dir das ein andermal. Jetzt möchte ich gern von dem Mädchen
hören.«
»Von Sibyl? Oh, sie war so schüchtern und lieb. Sie ist noch fast wie
ein Kind. Ihre Augen öffneten sich in einem allerliebsten Staunen, als
ich ihr sagte, was ich über ihr Spiel dachte, und sie schien sich ihres
eigenen Könnens gar nicht bewußt zu sein. Ich glaube, wir waren beide
recht nervös. Der alte Jude stand grinsend an der Tür der staubigen
Garderobe und hielt theatralische Reden über uns beide, während wir uns
wie Kinder anstarrten. Er bestand darauf, mich >Herr Baron< zu nennen,
so daß ich Sibyl versichern mußte, ich sei nichts der Art. Sie sagte in
ganz schlichter Weise zu mir: >Sie sehen mehr wie ein Prinz aus. Ich
will Sie Prinz Märchenschön nennen<.«
»Mein Wort, Dorian, Fräulein Sibyl versteht es, Schmeicheleien zu
sagen.«
»Du verstehst sie nicht, Harry. Sie betrachtete mich nur wie eine Figur
in einem Theaterstück. Sie weiß gar nichts vom Leben. Sie wohnt bei
ihrer Mutter, einer verblühten, ältlichen Frau, die am ersten Abend in
einer Art türkisch-rotem Schlafrock die Lady Capulet spielte und den
Eindruck machte, als hätte sie bessere Tage gesehen.«
»Ich kenne diese Art, auszusehen. Sie stimmt mich unbehaglich«, sagte
Lord Henry mit verhaltener Stimme und betrachtete seine Ringe.
»Der Jude wollte mir ihre Lebensgeschichte erzählen, aber ich bemerkte,
sie interessiere mich nicht.«
»Da hattest du recht. Die Tragödien anderer Leute haben immer etwas
unglaublich Gewöhnliches an sich.«
»Sibyl ist das einzige, um das ich mich kümmere. Was geht's mich an,
woher sie stammt? Von ihrem kleinen Kopf bis zu ihrem kleinen Fuß ist
sie ein himmlisches Wesen. Jeden Abend, den ich erlebe, gehe ich hin, um
sie spielen zu sehen, und jeden Abend ist sie entzückender.«
»Ich vermute darin den Grund, weshalb du jetzt nie mehr mit mir zusammen
ißt. Ich dachte mir gleich, daß dahinter irgendeine merkwürdige
Geschichte stecke. Das ist so, aber es ist nicht ganz, was ich
erwartete.«
»Lieber Harry, wir sind jeden Tag entweder beim Frühstück oder beim
Abendessen zusammen, und ich bin mehrere Male mit dir in der Oper
gewesen«, sagte Dorian und öffnete verwundert seine blauen Augen.
»Du kommst immer furchtbar spät.«
»Ja, ich muß hin und Sibyl spielen sehen, und wenn auch nur einen Akt
lang. Ich hungere nach ihrem Anblick, und wenn ich an die himmlische
Seele denke, die in diesem zierlichen Elfenbeinkörper eingeschlossen
ist, packt mich stille Ehrfurcht.«
»Kannst du heute abend mit mir essen, Dorian?«
Er schüttelte den Kopf. »Heute abend ist sie Imogen,« antwortete er,
»und morgen abend Julia.«
»Wann ist sie Sibyl Vane?«
»Nie!«
»Da wünsche ich dir Glück.«
»Wie schrecklich du bist! Sie verkörpert alle die großen Frauengestalten
der Weltgeschichte in sich. Sie ist mehr als ein Geschöpf. Du lachst,
aber ich sage dir, sie ist ein Genie. Ich liebe sie und ich will's
erreichen, daß sie mich auch liebt. Dir sind alle Geheimnisse des Lebens
bekannt, du mußt mir sagen, wie ich Sibyl Vane so bezaubern kann, daß
sie mich liebt. Ich will Romeo eifersüchtig machen. Ich will, daß die
toten Liebhaber der Welt unser Lachen hören und sich grämen. Ich will,
daß unsere strahlende Leidenschaft ihren Staub wieder beleben und ihre
Asche zu Schmerzen auferwecken soll. O Gott, Harry, wie bete ich sie
an!« Er ging, während er sprach, im Zimmer auf und ab. Rote hektische
Flecken brannten auf seinen Wangen. Er war furchtbar erregt.
Lord Henry betrachtete ihn mit stillem Wohlbehagen. Wie anders war er
jetzt als jener verlegene, schüchterne Knabe, den er in Basil Hallwards
Atelier angetroffen hatte! Seine Natur hatte sich entwickelt wie eine
Blume und trug Blüten von brennendrotem Scharlach. Aus ihrem geheimen
Versteck war seine Seele hervorgekrochen, und die Wollust war ihr auf
halbem Wege entgegengekommen.
»Und was hast du nun vor?« sagte Lord Henry schließlich.
»Ich will, du und Basil sollt mich an einem Abend begleiten und sie
spielen sehen. Ich setze nicht die leiseste Besorgnis in die Wirkung.
Ihr werdet zugeben müssen, daß sie Genie hat. Dann müssen wir sie dem
Juden aus den Händen winden. Sie ist noch drei Jahre -- genau zwei Jahre
und acht Monate -- an ihn gebunden. Natürlich werde ich ihm etwas zahlen
müssen. Wenn das alles in Ordnung ist, suche ich mir ein Theater im
Westend und lasse sie dort erst mal richtig auftreten. Sie wird die Welt
ebenso verrückt machen wie mich.«
»Das wird kaum gehen, lieber Junge.«
»Ja, sie wird es; denn in ihr ist nicht nur Kunst, vollendetster
Kunstinstinkt, sondern sie hat auch Persönlichkeit; und du selbst hast
mir oft genug gesagt, daß nur Persönlichkeiten, nicht Prinzipien die
Welt beherrschen.«
»Schön, wann sollen wir also hingehen?«
»Laß mich mal nachdenken. Heute ist Dienstag. Wollen wir morgen
festsetzen? Morgen spielt sie die Julia.«
»Abgemacht! Morgen um acht im Bristol. Ich werde Basil mitbringen.«
»Bitte, nicht um acht Uhr, Harry. Halbsieben. Wir müssen dort sein, ehe
der Vorhang aufgeht. Du mußt sie im ersten Akt bei der Begegnung mit
Romeo sehen.«
»Halbsieben Uhr! Was für eine Tageszeit! Das wäre ja gerade so, wie ein
Abendbrot am Nachmittag essen oder einen englischen Roman lesen. Vor
sieben Uhr geht's nicht. Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du
Basil bis dahin? Oder soll ich ihm schreiben?«
»Der liebe Basil! Ich habe mich eine ganze Woche lang nicht um ihn
gekümmert. Das ist sehr häßlich von mir, denn er hat mir mein Porträt in
einem prachtvollen Rahmen, den er selbst entworfen hat, geschickt, und
obwohl ich ein bißchen eifersüchtig auf das Bild bin, weil es einen
ganzen Monat jünger ist als ich, muß ich doch zugeben, daß es mich ganz
entzückt. Ich bitte, schreib lieber. Ich möchte ihn nicht allein
wiedersehen. Er sagt mir Dinge, die mich verstimmen. Er gibt mir gute
Lehren.«
Lord Henry lächelte. »Die Menschen haben eine starke Vorliebe, das
wegzuschenken, was sie selber am nötigsten hätten. Ich nenne das den
Chimborasso Freigebigkeit.«
»Oh, Basil ist der beste Mensch, aber er scheint mir doch ein klein
bißchen Philister zu sein. Seit ich dich kenne, Harry, hab' ich das
entdeckt.«
»Basil, mein lieber Junge, tränkt seine Werke mit allem, was an ihm
entzückend ist. Die Folge ist, daß ihm fürs Leben nichts übrigbleibt als
seine Vorurteile, seine Grundsätze und sein gesunder Menschenverstand.
Alle Künstler, die ich kennengelernt habe, und die persönlich von
Anziehungskraft sind, waren schlechte Künstler. Gute Künstler leben nur
in ihren Schöpfungen und sind daher im Leben vollständig uninteressant.
Ein großer Dichter, ein wirklich großer Dichter ist das unpoetischste
Geschöpf von der Welt. Aber untergeordnete Dichter bezaubern immer. Je
schlechter ihre Reime sind, desto malerischer ist ihr Aussehen. Die
bloße Tatsache, eine Sammlung mittelmäßiger Sonette veröffentlicht zu
haben, macht solchen Menschen einfach unwiderstehlich. Er lebt die
Poesie, die er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie,
die sie nicht zu leben wagen.«
»Ich möchte wissen, ob das wirklich so ist, Harry«, sagte Dorian Gray,
der inzwischen aus einem großen goldgefaßten Flakon auf dem Tische etwas
Parfüm auf sein Taschentuch gegossen hatte. »Es wird wohl sein, wenn du
es sagst. Jetzt aber muß ich fort. Imogen wartet auf mich. Vergiß nicht,
morgen! Adieu!«
Als er das Zimmer verlassen hatte, schloß Lord Henry die schweren Lider
und begann nachzudenken. Gewiß hatten ihn wenige Menschen bisher so
interessiert wie Dorian Gray, und doch verursachte ihm die wahnsinnige
Leidenschaft des Jünglings für eine andere Person nicht im entferntesten
Ärger oder Eifersucht. Es freute ihn. Dorian wurde dadurch nur noch
interessanter. Die Methoden der Naturwissenschaft hatten ihn immer
entzückt, aber der gewöhnliche Gegenstand dieser Wissenschaft war ihm
kleinlich und belanglos erschienen, und so hatte er begonnen, sich
selbst zu vivisezieren und hatte damit geendet, andere zu vivisezieren.
Das Menschenleben -- das schien ihm der einzige einer Untersuchung werte
Gegenstand. Verglichen damit war alles andere ohne jegliche Bedeutung.
Freilich, wenn man das Leben in dem seltsamen Schmelztiegel des
Schmerzes und der Lust beobachtete, konnte man keine Glasmaske über dem
Gesicht tragen, konnte auch nicht die Schwefeldämpfe abhalten, die einem
das Gehirn verwirrten und die Phantasie mit monströsen Ausgeburten und
mißratenen Träumen umwirbelten. Es gab so feine Gifte, daß man an ihnen
erkrankt sein mußte, um ihre Eigenheiten zu kennen. Es gab so seltsame
Krankheiten, daß man sie durchgemacht haben mußte, um ihre Art zu
begreifen. Und doch, welchen Lohn empfing man dafür! Wie wunderbar
wandelt sich einem dann die ganze Welt! Die merkwürdig strenge Logik der
Leidenschaft und das buntgefärbte Trieb- und Gefühlsleben des Geistes
anzumerken -- zu beobachten, wo sich die beiden Linien schneiden und wo
sie auseinandergehen, in welchem Punkte sie in Eintracht leben und in
welchem sie sich wieder bekriegen -- das ist ein Genuß! Was liegt an dem
Preise dafür! Man kann nie einen zu hohen Preis für ein Sinnenerlebnis
geben.
Er war sich bewußt -- und dieser Gedanke brachte einen freudigen Glanz
in seine achatbraunen Augen -- daß sich durch gewisse Worte, die er
gesprochen hatte, musikalische Worte in melodischem Tonfall, Dorian
Grays Seele diesem weißen Mädchen zugewendet und sich in Verehrung vor
ihr gebeugt hatte. In hohem Maße war der Jüngling sein Geschöpf. Er
hatte ihn vor der Zeit reifen lassen. Das war schon was. Die
gewöhnlichen Menschen warten, bis ihnen das Leben seine Geheimnisse
aufschließt, aber den wenigen Auserwählten werden die Mysterien des
Daseins enthüllt, bevor der Schleier weggezogen wird. Manchmal ist das
die Wirkung der Kunst, besonders der Dichtung, die ja unmittelbar die
Leidenschaften und den Intellekt behandelt. Ab und zu nimmt aber eine
komplizierte Persönlichkeit diesen Platz ein und übt das Amt der Kunst
aus, ist eigentlich auf ihre Weise ein richtiges Kunstwerk, denn das
Leben schafft ebenso seine vollendeten Meisterwerke wie die Poesie oder
die Bildhauerkunst oder die Malerei.
Ja, dieser Jüngling war vor der Zeit reich. Er erntete, während er noch
lenzte. Der Puls und die Leidenschaft der Jugend wohnten in ihm, und er
begann, seiner bewußt zu werden. Es war entzückend, ihn zu beobachten.
Mit seinem schönen Angesicht und seiner schönen Seele war er ein Stück
Leben zum Anstaunen. Es lag nichts daran, wie das alles endete, oder
enden sollte. Er glich einer der graziösen Gestalten auf einem Gobelin
oder in einem Schauspiel, deren Freuden von den unseren weit entfernt zu
sein scheinen, aber deren Schmerzen unseren Schönheitssinn erregen und
deren Wunden wie rote Rosen sind.
Seele und Leib, Leib und Seele -- wie geheimnisvoll das alles ist!
Animalisches ist in der Seele, und der Leib hat seine Augenblicke
geistiger Veredlung. Die Sinne können sich läutern, und der Intellekt
kann sich vergröbern. Wer kann sagen, wo die fleischlichen Triebe
endigen und die seelischen beginnen? Wie flach sind die willkürlichen
Erklärungen der handwerksmäßigen Psychologen! Und doch, wie schwierig
ist die Entscheidung zwischen den Lehren der einzelnen Schulen. Ist die
Seele ein Schatten, der im Hause der Sünde wohnt? Oder ist der Körper
wirklich in der Seele eingeschlossen, wie es sich Giordano Bruno dachte?
Die Trennung von Geist und Stoff ist ein Geheimnis, und die Vereinigung
von Geist und Stoff ist abermals ein Geheimnis.
Er dachte darüber nach, ob wir je die Psychologie zu einer so exakten
Wissenschaft machen können, daß uns auch das kleinste Triebrädchen des
Lebens offenbar würde. Wie die Dinge heute liegen, begreifen wir uns
selbst nie und die anderen nur selten. Die Erfahrung hat keinerlei
ethische Bedeutung. Sie ist nur das Firmenschild, das die Menschen ihren
Irrtümern anhängen. Die Moralisten haben sie meist als eine Art Warnung
betrachtet, haben für sie eine gewisse ethische Wirksamkeit in der
Bildung der Charaktere beansprucht, haben sie als Mittel gepriesen, das
uns darüber aufklärt, was wir tun und lassen sollen. Aber in der
Erfahrung liegt keine bewegende Kraft. Sie ist ebensowenig eine tätige
Ursache wie das Gewissen. Alles, was sie in Wirklichkeit lehrt, ist, daß
unsere Zukunft ebenso sein wird wie unsere Vergangenheit, und daß wir
die Sünde, die wir dereinst mit Abscheu und Widerwillen begangen haben,
immer und immer wieder und dann mit Genuß wiederholen werden.
Er war sich darüber klar, daß die Versuchsmethode die einzige sei, durch
die man zu irgendeiner wissenschaftlichen Erklärung der Leidenschaften
kommen könne; und sicher war ihm Dorian Gray ein bequemes Objekt und
schien reiche und wertvolle Erfolge zu versprechen. Seine jähe
sturmartige Liebe zu Sibyl Vane war eine psychologische Tatsache von
großem Interesse. Kein Zweifel, daß die Neugier dabei stark im Spiele
war, Neugier und Lust an neuen Erlebnissen; doch es war keine einfache,
sondern eher eine recht komplizierte Leidenschaft. Was von dem rein
sinnlichen Triebe des Knabenalters in ihr war, das hatte die Mitarbeit
der Phantasie umgebildet, in irgendwas verwandelt, das dem Jüngling
selbst ganz fern von allem Sinnlichen schien und gerade deshalb um so
gefährlicher war. Alle Leidenschaften, über deren Ursprung wir uns
selbst täuschen, üben die stärkste Herrschaft auf uns aus. Unsere
schwächsten Triebkräfte sind die, über deren Natur wir klar sehen. Es
kommt oft vor, daß wir im Denken mit uns selbst Experimente anstellen
und glauben, sie mit anderen zu versuchen.
Während Lord Henry noch dasaß und über diese Dinge nachgrübelte, wurde
an die Tür geklopft; ein Diener trat ein und erinnerte ihn, daß es Zeit
sei, sich für das Abendessen umzukleiden. Er erhob sich und blickte auf
die Straße hinab. Der Sonnenuntergang hatte die oberen Fenster der
gegenüberliegenden Häuser in ein feuerrotes Gold getaucht. Die Scheiben
glühten wie erhitzte Metallplatten. Der Himmel drüber glich einer
verwelkten Rose. Es erinnerte ihn an das junge, flammenlodernde Leben
seines Freundes, und er fragte sich, wie das alles enden würde.
Als er dann gegen halb ein Uhr nachts nach Hause kam, fand er im Vorflur
auf dem Tische ein Telegramm liegen. Er öffnete es und sah, daß es von
Dorian Gray war. Es teilte ihm mit, daß er sich mit Sibyl Vane verlobt
habe.