Selbst um mein Unglück! sprach ich hastig. Es wird wohl so sein! --

Hören Sie ruhig zuerst mein Unglück! und wer ein größeres kennt, als ein

treuloses Weib, dem will ich nachstehen; sprach Sir Samuel. Doch nach und

nach gewöhnt sich der bessere Mensch, nur das für Glück oder Unglück

anzusehen, was Er Gutes oder Böses thut, nicht was ihm gethan wird. Ich

habe 15 Jahre nicht geweint, bis zu Ihrer Trauung; denn Lisanna konnte

_mein_ sein, meine Tochter sein von meinem Weihe. Aber als ich erst

unglücklich ward, war ich das Unglück nicht eben gewohnt; das ist das

Unglück des Unglücks; und leider wird man erst besser durch schlechter

sein, als gut ist. Das mag mich im Voraus entschuldigen! Jetzt bin ich im

Klaren, und wenn ich Allem nachdenke: so fehlt' ich zuerst gegen die alte

Regel, und glaubte nicht, daß eine Tochter so wird, wie die Mutter gewesen

ist. Das Schicksal begünstigte _mich_ wenigstens mit keiner Ausnahme. Mir

hatten Canova's glatte Weiber und die Venus von Medicis den Kopf verwirrt

-- mich reizte nur die schöne _Form_, ohne mit Augen zu sehen, daß man sie

auch dem Marmor aufdrücken kann. Die schönsten Blumen riechen nicht, die

schönsten Vögel singen abscheulich; Ihr Schmuck ist ihr Werth, und die

Schönheit ist gewiß das Anlockendste für den Liebenden. Aber das Weib muß

mild sein, schweigsam gleich der Natur, sich immer gleich, wohlthätig,

uneigennützig, ja großmüthig; sie muß den ewigen Sinn der Natur, so weit

ihn eine menschliche Seele fassen kann, aus sich kund geben, das heißt:

_lieben!_ -- Daß davon Gelehrsamkeit, -- nicht weiser Sinn; Schautragen von

Schönheit und Reizen, -- nicht Schönheit und Reize; Werthlegen auf

weltliche Güter, -- nicht ihr Besitz selbst, _ganz_ ausgeschlossen sei, ist

eine Bedingung, die unerläßlich ist, wenn der Mann nicht bloß Menschliches,

Weibisches, Gemeines in ihr erkennen, und -- Sie fliehen soll! nicht sehen

soll, daß sie Viele, oder nur Zwei liebe, also Ihn nicht, und überhaupt

nicht liebe. Denn die Liebe ist das Erfülltsein von Einem, die Liebe liebt

Eines, das Einzige, Schönste für sie. Deßwegen sind Schönheit, Rang und

Gold auch wiederum nicht im Stande, so die Jungfrau zu gewinnen, als die

süße Sprache des Herzens, voll Gefühl, Tapferkeit, kurz alles dessen, was

überhaupt den Mann sie ahnen läßt. Feigheit -- nicht Versöhnlichkeit,

Verschwendung -- nicht Armuth, kaltes oder gar schlechtes Herz -- nicht ein

begrabenes, und vollends Lächerlichkeit, die Travestie der Menschenwürde,

zersetzen gewiß, und oft plötzlich, die Liebe auch in den vorher

befangensten Jungfrauen. Wir sahen daher so viele, schöne, reiche und

vornehme Männer, die nie geliebt waren, weil ihnen Eines fehlte: das

Gemüth! der Sinn zur Natur, zu welcher das Weib auch dann, und dann erst

eben recht und weiblich hinstrebt, wenn sie dem Manne sich ergiebt. -- Mein

Vergehen, das mich hieher geführt, auf meinen und meines Weibes Fehler

gegründet, liegt in diesen Worten eingehüllt. Es half mir nichts, daß ich

mein schönes Weib liebte, unaussprechlich liebte! Sie wissen, Lambton, um

mich Ihnen verständlich zu machen: wenn Zwei Substantiva zusammenkommen, so

steht das Eine im Genitiv, oder: die Liebe hat auch das mit dem Magnet

gemein, daß sie positiv und negativ _zugleich_ in den Liebenden ist, wenn

auch die Pole wechseln. _Ganz gleich_ lieben sich nie zwei Liebende, oder

Eheleute, und wenn sich auch beide noch so sehr lieben! Ich liebte _mehr_

-- und stand also im Genitiv! Daß wir kein Kind, zu unserem Erbe hatten,

war ein Antrieb für ihre ausgelernte, weltlichgesinnte Frau Mutter, dem

Verführer eine Brücke zu ihr zu bauen, und für Sie selbst -- sie zu halten.

So thöricht macht ein großes Besitzthum die Menschen: sich Erben für

dasselbe zu ersündigen, oder einzuschwärzen -- die doch dann _Ihre_ Erben

nicht sind! Und wenn auch alles Andere ungewiß ist, was die Weiber sind, so

sind sie doch kinderliebend gewiß; und was man liebt -- begehrt man. Indeß

wäre meine Theano so schnell nicht gefallen!

»_Theano!_« rief ich, und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. Doch

erzählte er eisern fort: Aber Sir Horazio, mein Freund auf Reisen, lud uns

nach Schloß Rowlandhill.

»Rowlandhill! -- Horazio!« rief ich nun wieder. Nun war es richtig! Da

sanken mir die Arme wie gelähmt. Mir war, wie gewissen Abergläubigen, denen

ihre Götter und ihre Göttin in den Koth gefallen -- und Ich sollte sie

aufheben, rein waschen und allen wieder als ungefallene Götter aufstellen!

Doch er erzählte eisern fort: Ich jagte sein Wild im Walde, Er indeß das

meine im Hause. Er feierte Feste und Bälle . . . . und die Lust ruft die

Lüste, die Lüste die Laster. Alle sanften Vergnügen und Empfindungen

erweitern das Herz, alle rauschenden verengen, bedingen es. Der Mensch

steht dann dem bloß sinnlichen Geschöpf, dem Thier, näher als der Gottheit;

und ein leises Uebergewicht, so sinkt er zu ihm hinab. Die rauschenden

Feste und Lüste sind furchtbarer, als man glaubt, oder aus Drang dazu sich

gesteht; sie lösen das Herz auf; über alle süße und gewohnte Bande fühlt

sich der Mensch emporgetragen, sein Sinn taumelt und raset über die schon

bedingenden Schranken; er fühlt sich frei! Scham und Sitte stehen im

Hintergrunde, die Frechheit naht sich wohlbekannt, und gern verkannt; das

Ohr hört günstig den Verführer, der Mund lächelt wenigstens selbstzufrieden

über die gepriesenen Vorzüge, wenn er auch nichts erwiedert -- und das

geduldete Böse wird das verschuldete. Alle Sünden des _Herzens_ werden

durch auflösende Lust begründet, alle Verbrechen der _sanften_

Leidenschaften begangen. Nur die ungeheuern Verbrechen des Verstandes

kommen nicht aus der Lust, als Verrath und Meuchelmord. Sie werden in der

Stille, im giftigen Winkel neben der Kreuzspinne ausgebrütet und

angeknüpft, aus vergällter -- Lust, und vergifteter -- Liebe. Und so war

auch das meine! Ich will mir nicht wieder das Herz zerreißen durch

Nachgefühl des Jammers bei meinen Entdeckungen. Vielleicht war ich zu

rasch, zu rachsüchtig, zu gewaltthätig, zu guter Kenner böser Weiber und

Männer, und trieb mein Weib durch meinen Verdacht, durch meine Veranlassung

erst zu dem Verführer, dann in das Verbrechen, erst als sie sich aufgegeben

sahe von mir. So schmeichelt es mir noch heute zu muthmaßen -- doch es wäre

zum Verzweifeln, wenn ich Unrecht gehabt, wenn Theano unschuldig, nur

Freundin _meines_ Freundes -- wenn Horazio ein ehrlicher Freund gewesen und

also Lisanna doch _meine_ Tochter wäre! Denn auch -- bei Weibern ist nichts

unmöglich. Aber -- an den Weibern muß man den _Verdacht_ strafen, den sie

erregen; so thut schon die Welt -- und ich wollte nicht klüger sein, als

sie. Weibliche Sünden sind unsichtbar, und Geister fängt man nicht. Darum

verlangt das kein Richter. Ich konnte Horazio nach unserm Gesetz am Beutel

strafen; aber was half es mir, ihm zu nehmen, was er genug hatte, Geld!

Weibertreue ist unschätzbar, und Untreue hat keinen Preis, wie eine

zerbrochene Perle. Eine untreugewordene Frau ist schon zu_vor_ nichts für

uns werth gewesen -- als unser zerflossene Wahn. Und welche Schande für ein

Weib sich mit Geld ersetzen zu lassen. Die frechste Strafe ist immer und

überall die Geldstrafe: der Reiche lacht dazu, -- was er eben wohl nur

soll, muß man wirklich glauben; den Armen beraubt sie. _Geld_ paßt nur als

Ersatz für das, was Geld Alles vorstellen kann, selbst Arbeit und Zeit. Für

alle Seelenleiden, alle Ehrenkränkungen, für verlorene Freiheit, verlorenes

Weib und Kind, kurz für alles, was der _Seele_ des Menschen verdient

_theuer_ zu sein, als ein unschätzbar Gut, dafür mit Geld zu bezahlen, es

bis auf den _Bajoch_ auszurechnen, und das empörendste der Werke

herauszugeben, dazu gehört das ausgebrannte Gemüth eines armen Italieners

-- wie heißt doch schon der Mann? Und doch verkaufte auch Ich mein Weib,

nach unserm Gesetz, dem Horazio, aber Ihr, der Verliebten, zum Schimpf nur

für Ein Pfund -- _Sterlinge_. _Ihn_ konnte ich nicht strafen, als dadurch,

ihm wieder an's _Herz_ zu greifen, wie er mir gethan, -- und an Einer

Stelle ist Jeder verwundbar, von Achill bis auf den gehörnten Siegfried.

Die Gelegenheit fand sich erst nach 5 Jahren. Denn dem Horazio ward seine

junge süße Tochter Elisa auf dem Christkindmarkt in London geraubt, während

er einen Freund begrüßte, und sie von der Hand gelassen. Unrecht Gut

gedeiht nicht! Die bestrafte Theano versprach die lockende, für ein Kind

wie Elisa noch immer erbärmliche Belohnung von 10,000 Pfund, nebst

Interessen -- jetzt 15,000 Pfund -- au porteur! Aber wer sie geraubt,

brachte sie nicht aus Furcht der Strafe; das Mädchen mußte von Andern

erkannt und verrathen werden -- nur von _Mir_ nicht! Denn in einem

begonnenen Gemälde meines Freundes, des berühmten Malers L . w . . . ce,

erkannte ich Elisa in dem Mädchen Maria, welches die Stufen zum Tempel

hinaufging, um dem Hohenpriester vorgestellt zu werden, der sie oben mit

ausgebreiteten Armen erwartete. In der Ecke, welche die Treppe mit der

Mauer bildet, saß ein altes Weib und verkaufte Maria's Mutter junge Tauben

zum Opfer. Das ganze Bild erinnerte fast zu sehr an Tizians »Präsentation

der Maria« in der Carità zu Venedig. Ich ließ das Werk vollenden, nur bat

und bewog ich meinen Freund, dem angelegten Hohenpriester meinen Kopf zu

geben, und Maria's Mutter das Gesicht der Theano, deren schönes

wohlgetroffenes Portrait ich von seiner eigenen Hand, noch in meinem

Schlosse gemalt, besaß. Ich wollte das Bild Lady Theano in die Hände

bringen, abwechselnd aus Mitleid und Wiedervergeltung. Ich sahe hinter

einem Vorhange verborgen die Scene, fast meine Eifersucht verwünschend, und

das Weib in der unbeschreiblichen Mutter vergessend, als Theano Elisa

erkannte. Sie rief nach ihr, wollte in ihrer Betäubung sogar den Fuß auf

die gemalte Treppe setzen, ihr Kind herabzuziehen, und glühte und starrte

in der Unmöglichkeit, es in dem Bilde, wie in dem Spiegel eines See's zu

erreichen, indeß das Kind, ihre jammervolle Klage überhörend, den nach ihm

ausgestreckten Armen schweigend entgegen ging! -- Ich hatte längst

Bekanntschaft mit der Russel gemacht, welche die Taubenhändlerin im

Gemälde, und die Modell-Zuführerin des Malers war, die er ihr ohne Weiteres

nannte. So ward denn dieser der Raub des Kindes zugeschrieben. Nicht mir --

dem Erkäufer der Russel. Ich brachte Elisa in Sicherheit. Meine Russel

leugnete kalt und störrisch, obgleich die Mutter sich ihr im Gericht zu

Füßen warf, und sie um des letzten Gerichtes willen beschwur. Sie leugnete

-- nicht mehr: sie sprach gar nicht mehr, auch überwiesen, und ward zur

Deportation verurtheilt. Theano ward ohnmächtig hinweggetragen. Ich saß

unter den Zuschauern. Ein hartes Wort machte mich zum Ableiter ihres innern

Grimms und verdächtig; aber nur verdächtig. Doch kam nun meine bisher

verschwiegene -- Scene zur Sprache; und als ich dafür zum _Deportirten_

ernannt (eine Stelle, die ich mit Freuden annahm, um meinen Raub zu

vollenden) -- in van Diemensland eingetroffen, mit der, einem auswandernden

Freunde anvertrauten Elisa -- Ihrer Lisanna, bester Lambton, vergalt ich

der Russel, wie ich konnte, und wie sie fähig war. So hatte denn Ich etwas

gethan, was kein Gesetz im Stande ist, nämlich eine unsittliche Handlung

bestraft durch eine unsittliche Handlung, und zugleich den Beweis für die

Welt, wenigstens meiner Seele gegeben, daß man Unrecht nur durch Unrecht

strafen, durch Strafwürdiges Strafwürdiges ausgleichen kann, was nur der

Gottheit zukäme, wenn sie nicht die Gottheit wäre. Seit der Zeit ist mir

Strafe als Strafe ein Unding, ein Verbrechen. Der Mensch, der strafen will,

unterfängt sich Unmögliches, oder Teuflisches. Sieben Mal siebenzig Mal

soll Jeder dem Andern täglich Alles, Alles vergeben! Vergebet also auch,

Lambton, der Russel und mir!

Ich mußte mich vor Wehmuth wegwenden. Doch hatte ich die Hand schon

gleichsam vorräthig in der Tasche -- zur Vergebung.

»Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung sagen: Manchmal

wollt' ich das Kind verderben, verwahrlosen! an Geist und Körper zerrüttet

seinen Eltern wiederschicken, mit dem ärgsten Verbrecher durch Verbrechen

verbunden -- wenn der Engel nur das leiseste Versehen hätte begehen können!

Wenn ich es nur über ihre Schönheit, ja über die treuen jungen Züge ihrer

einst geliebten Mutter vermocht! Denn ich hatte doch _einen_ Ersatz: ich

hatte mein Weib wieder -- als Kind! als zartes Mädchen -- als rosige

Jungfrau! Wie ich Jene nie gesehen, wie selten ein Mann seine Frau schon

gesehen hat: in ihren Spielen, in ihrer Unschuld, ihrer Entwickelung zur

reizendsten Jungfrau -- so sah ich Sie! Und, Lambton, ich gönne Euch

dasselbe Glück: einst Elisen so zu sehen in ihrer -- Eurer Tochter. Es ist

gar so süß! Und so muß sich der Mensch das Leben zusammenstellen, wenn er

Alles haben will, was es nicht zu enthalten scheint, und doch so wunderbar,

so lieblich enthält! Auch ohne daß sich die Russel an Patrik verrathen und

dieser sie und mich an Roßborn, der nun auf Wiedersendung des Kindes an

seine Eltern dringt, hätte ich Euch eines Tages gewiß zu ihnen geführt;

denn meine Zeit hier ist zwar aus, aber nicht mein Ehrgefühl, und die Scham

vor den -- eingebildeten -- Guten und Glücklichen. Wie mein Auge den

Thränen, ist meine blasse Wange dem Blute verschlossen, um vor jedem

Menschen immer wieder zu erröthen; und man möchte mich für verstockt, für

aus- -- geschämt halten. Das hält die meisten Entlassenen hier, wie die

Gewohnheit den Genesenen im Bett. Hier: bin ich ein Fürst, der

Schlangenkönig! der ohne Gift ist, wie der Weisel ohne Stachel. Indeß wird

Doctor Toland mit Euch gehen. Elisa's Anerkennung kann nicht fehlen; es ist

Alles dazu eingeleitet. Nur an Elisa -- Eure Lisanna -- verrathet nicht,

wer, wie reich und vornehm ihre Eltern sind! es soll sie überraschen. Doch,

daß sie mich leichter vergißt, und selbst die alte Russel, die sie, wie das

Kind die häßliche Ziegen-Amme, die es gesäugt, unglaublich liebt; daß sie

mit Hoffnung nach England zieht sagt ihr, Ihr führet sie zu ihren

wiedergefundenen Eltern. Das erlaub' ich Euch; denn, wie sie fromm gesinnt

ist, nähme sie Tagelöhner mit Freuden dafür an. In England aber sagt nicht,

am wenigsten ihren Eltern, daß Ihr Elisa's _Gatte_ seid, so lieb Euch Elisa

ist! Auch _Sie_ soll nicht offenbaren: _daß sie Euere Gattin ist_, so lieb

ihr Lambton ist, bis _Toland_ es Euch Beiden gestattet. Nur das sind meine

Bedingungen, die Ihr mir mit Handschlag gelobt! Das Schiff geht Montag; die

Argo, worauf Ihr Euch das goldene Vließ in die Heimath führt. Gut' Nacht!«

--

Er ließ mich stehen. Er schied; und was schied alles mit ihm von mir! Was

war alles über mich gekommen! Was war alles schon um mich und für mich

vorhanden gewesen! Welche Riesenhand vorräthig -- _wie meine Hand in der

Tasche_ -- zur Vergebung. Was wollte _mir_ die große Geisterhand aus

_ihrer_ Tasche -- _der Welt_ -- reichen? _Doch nicht bloß die Hand!_ Wie

Ich sogar nicht! -- Mein erster Blick war zum Himmel; er war mir auf einmal

fremd, so fremd geworden! Die Sterne zogen hoch und glänzten hell. -- Ich

ging ihnen nichts mehr an, wie ein Sterbender! Die dämmernden Berge, die

säuselnden Cocos, die geschlossenen Blumen -- sie waren mir gleichsam vom

Herzen gefallen! Sie gehörten nun Andern, mir nicht mehr! -- die Hügel, die

Bäume, der Fluß und die Felsen _hatten mir die kurze Scene gebildet_, aus

der ich -- hinausging. Und Lisanna! -- Mir war so Angst, als sollt' ich vom

Felsen in's Meer springen, wie die verlassene wahnsinnige Herzogin! Mir

fiel aller Muth. Denn Sir _Samuel_ schien mir immer noch etwas, wie Rache,

im Schilde zu führen, ja gerade dadurch, daß er an Sir _Horazio_ und Lady

_Theano_ die Tochter zurückgab -- jetzt erst, und _verheirathet!_ und _mit

wem?_ wenn auch mit keinem Verbrecher, aber doch mit einem Schulmeister;

welcher sonst höchstens eine ruinirte, und ihn vollends ruinirende

Kammer-Jungfer, so zu sagen, zur Frau erhält, so zu sagen! Ach, ach! ja in

der Eltern Sinn und Glauben nicht einmal verheirathet -- wie Lisannen und

mir bei dem äußersten Verluste zu sagen verboten war! -- und doch, ach,

ach, war sie gewiß dort Mutter von einem, ach, ach, Kinde! -- Und sollt'

Ich der Giftbaum sein, welchen Sir Samuel in den Park des Horazio pflanzte?

Das Gespenst des Schlosses Rowlandhill? der Nagel zum Sarge für Lady

Theano? und der Schminktopf der zu Miß Elisa erhobenen Lisanna? Und wie

paßte zu allen ihren hohen Namen -- zu dem classischen: _Horazio!_ zu dem

Homerischen Namen der: _göttlichen Theano!_ -- wie zu dem

Virgilisch-Carthagischen Königinnamen: _Elisa!_ wie paßte da mein geringer

Name: _Esau Lambton!_ der mich an den Verlust meiner Erstgeburt jetzt

erinnerte, und mich sauer, wie Linsen anroch. Ich sahe Elisa im Geiste sich

schon vor mir auf dem Absatz umkehren, wenn _sie sich_ kannte, wie Mistriß

Distreß, da sie _mich_ kannte, und höchstens sprach sie nur auch: Schade!

Schade! ja sie ward mir die wahre Mistriß Distreß, meine »Frau Unglück.« --

Kurz, mein Entschluß war gefaßt, mich von ihr zu scheiden, bei Ehren zu

bleiben -- und selber nach Bedlam zu gehen, ehe man mich dahin brachte.

So stand ich vor meiner Schule; ich hörte Lisannen draußen im Hause frisch

gebackenes liebes Brot mit anklopfendem Finger prüfen, ob es wohl gerathen

sei -- o wie dauerte sie mich bei solchen Geschäften armer Leute, mit ihren

weißen Armen im Backfaß zu kneten, mit den vornehmen Händchen zu wirken!

statt Spitzen und Hauben! Und wie man sonst mit dem Finger nur an die

Stubenthür anklopft, klopft' ich schon an der Hausthür an. Sie glaubte, ich

wollte sie necken, und ihr antworten auf das Brotanklopfen, und sie klopfte

wieder, die arme Seele! und trug es hinein. Dann blieb ich an der

Stubenthür stehen, wie man bei vornehmen Leuten steht. Lisanna war mir auf

einmal eine Respectsperson geworden, und ich blinder Thor, ich sahe nun

wirklich erst, daß sie die, -- nur junge, kummerlose, schöne Lady Theano

war! Sie stand so hoch, so blendend über mir, daß ich nicht wagte, sie

anzuschauen, mich demüthig vor ihr verbeugte, und wehmüthig die Hand küßte,

aber die Augen nicht zumachte, damit die Thränen ihr ja nicht darauf

fielen. Ach, sie glaubte, ich scherze, verneigte sich, küßte Mir die Hand

und sprach: »Ihre Dienerin, mein Herr Schulmeister!« -- Das waren lauter

Dolchstiche! Nun ging es zum Abendbrot, das heißt: Brot des Abends. Gott,

wie schonte sie für sich die Butter, wie bestrich sie mir es fett; wie

geduldig, wie munter aß sie, mit welchem geringen Messer; wie bald war --

die Tafel -- und das Brot aufgehoben! Nur die _Bananas_ in ihrer Hand

freute mich, die ganze! in England bekäme sie nur ein Schnittchen! Vor

ihrer Zärtlichkeit, ihren Küssen blieb kein Mittel, als mich vom heutigen

Abend an, auf das liebe neugebackene Brot, Gott verzeihe mir die Sünde! das

mir von ihrer Hand sonst immer so wohl, so süß, aber wirklich heut' etwas

bitter geschmeckt -- _mich krank zu stellen!_ Wenn ich nur vorher nicht

immer so ein rüstiger Mann Gottes gewesen! Sie wollte die Nacht noch im

Regen zu Doctor Toland. Ich heuchelte nach einander nun Chiragra und

Podagra, Gesichtsschmerz und Schmerzen an allen Gliedmaßen, daß sie nur von

fern um mich schleichen, mich nicht anrühren durfte! Ich that ihr so leid,

so leid! und sie mir, wenn sie nahe vor mir kniete, zu mir herauf sah, oder

die Haare auf meiner Schulter doch in ihre Hand nahm, und sie streichelte

und küßte statt meiner! Das war wohl ein Jammer! --

Doctor Toland hatte sie unterrichtet, sie gehe zu ihren Eltern; sie hatte

beschworen, nicht vor der Zeit zu verrathen, ich sei ihr Lambton. Aber sie

wollte nicht reisen, weil Ich krank war -- und: Ignoti est nulla cupido,

auch wenn _Cupido_ selbst, oder Vater und Mutter die Unbekannten sind. So

mußt' ich denn _an mir selbst ein Wunder thun_, was noch kein Wunderthäter

gethan noch vermocht, und mich gesund machen, was spottleicht war -- um Ihr

das ihr zuständige Glück zu verschaffen. Es that mir wieder wohl, ihr nahe

zu ruhen, und mich mit dem Hirten Anchises zu vergleichen, der das

himmlische Kind Aphrodite in seine sonnenbraunen tüchtigen Arme -- wie

meine -- geschlossen. Nun erst fühlt' ich die sammet-weiche Haut an

Schulter und Nacken Elisa's, ganz heimlich und leise, wenn sie schlief! Nun

erst sah ich das erhabene Gesicht, auf dem der Adel ihrer Familie lag; sahe

die zartgebildete Hand, vornehm und fein, und feiner bis auf die Nägel an

ihren Fingern, und das rosige Roth, wie der rosenfingrigen Aurora, wenn sie

eben draußen am Himmel die Nachtgewölke zu Taggewölken färbte und die

Spitzen der Berge berührte! Dann blickt' ich wehmüthig zum goldenen großen

Morgenstern, und war doch selig und selbst zufrieden darüber, _was_ ich,

und _daß_ ich es _besessen!_ um dieß niedrige Wort zu gebrauchen. Ach,

dacht' ich, es ist doch ganz ein anderes Ding um ein vornehmes Kind! Doch,

wenn ich nun gar an mein Anchisesloos dachte, dann kann sich kein Grieche

so vor dem großen Aeneas, dem Hasenfuß, gefürchtet haben, als ich _vor

einem kleinen!_ Der brachte mich um! --

Toland, der Menschenfreund, glich aus, was auszugleichen war, und tröstete

_Lisanna_ und mich. Sein Wort: »_Elisa_ wird keines Trostes mehr bedürfen!«

war mein Trost und Gram. Denn, daß ich doch etwas Uebles von ihr sage, muß

ich gestehen, daß sie sich nicht wenig darauf einbildete, des

Lancaster-Schulmeisters -- Lambton -- Ehefrau -- zu sein! Darin lag gar

viel Samen des Unglücks für mich, und Alles kam darauf an, wie sie in ihrem

Herzen den Ton auf die Worte legte, ob auf _Schulmeister?_ oder _Lambton!_

ja, ach, ach, _Ehefrau!_ Denn von _Lancaster_ wußte sie so viel, wie die

großen Herrn von mir! Ich hoffte wirklich manchmal noch, daß Sie mein

bleiben werde, oder doch _wollen_ werde, wenn auch die Eltern nicht -- und

dann lächelte ich sie an, wie mein! nicht bloß wie eine Fremde, nach meiner

Ehestandsregel. Sie erinnerte sich meiner doch -- und

Frei ist die Zunge genug, der man -- zu schweigen vergönnt!

sagt Owen, dacht' ich!

In den letzten Tagen vor unserer Abreise aus dem nie wiederzusehenden

schönen unvergeßlichen Lande -- meinem Paradiese -- lief ich auf jeden

Hügel, schaute in jeden Quell; ging die Wege, die ich sonst gegangen, und

rührte doch noch einmal die Bäume an, in deren Schatten ich gesessen, ja

selbst von meinen Rindern, meinem Bocke nahm ich Abschied. Das Leben

scheint uns eine Vorbereitung, ein geschäftiger Sonnabend. Mit dem Gefühle,

als werde man Alles immer wieder thun und schauen, als sei aller Reichthum

der unwandelbaren Natur Uns unwandelbar und immer gegenwärtig bei der Hand

-- schaut und thut und liest man dieß und das, als einen Versuch, im Scherz

-- und kaum ist es gethan, so ist es unwiderruflich und ein rechter Ernst:

_es war die Sache selbst!_ -- So war es auch hier mit meinem Aufenthalt, --

so war er, so blieb er! Wenn nur auch mit meiner Ehe! -- wehe! -- Mit allem

Nothwendigen versah uns Sir Samuel reichlich, und die Russel schickte noch

ein Fäßchen, ein Päcktchen, ein Fläschchen, eine Kiste, ein Täschchen,

einen Topf, einen Korb nach dem andern für uns in's Schiff mit süßen

Pataten, herrlicher Schafbutter, Blumenkohl, Broccoli, Schinken,

geräucherten Fettgänsen, frischen Austern, Eiern, frühen Kirschen, grünen

Mandeln, Ananas, Bananas, Cananas -- das ganze Alphabet von Früchten durch,

bis auf die Yamswurzeln und den Apricosen-Zider, den sie mit dem Z. auf den

Zettel geschrieben, so gut wie das Co in »Cocosmilch« mit Cow, als wenn sie

von der Kuh käme; aber ganz frisch war sie! Wie schwer schied die Russel

von Lisanna! und Lisanna dankte ihr noch tausend Mal für alle Liebe, alles

Gute, und küßte ihr die kinderräuberischen Hände! Ich wußte das freilich

besser, aber ließ ihr auch die süße Wehmuth zu scheiden ungetrübt. Wie

glücklich macht die Unwissenheit, die so gut wie Dummheit ist, und die

Dummheit so gut wie Unwissenheit; darum dringen die großen -- Gelehrten so

darauf. Wissen macht ein schweres Herz; der Glaube macht selig! aber _was_

steht dahinter! Ach, ach!

Sir Samuel, Tydal, Roßborn und Patrik begleiteten uns in das Schiff;

Mistriß Clara führte die weinende, nur zur Erde sehende Lisanna. Der Maler

Clarke, ihn noch einmal so zu nennen, gab mit zum Andenken für mich und

Lisanna eine kleine Mappe mit Ansichten von Hobarttown und Sir Samuel's

Besitzungen, dem Park und den Weideplätzen. Der Schalk, der bucklige kleine

_Hobday_, brachte mir selber die getrocknete Haut von dem armen Ziegenbocke

mit nunmehr ihren, nicht seinen großen herrlichen Hörnern »weil er

_ausgemeckert, ausgestoßen_ hat« wie er sagte. Die gute _Ofa_ brachte mir

heimlich auch meinen _Rinderhirtenstab_, den ich küßte! Und was, was that

mein Lambton da, aus Ueberstürzung von seinem genossenen und verlorenen

Glück -- -- er küßte Ofa dazu! Die einzige, erste und letzte Ueberraschung,

die _meinem Lambton_ je geschehen! -- Aber er weinte dazu -- und unter

reinen andächtigen Thränen geschieht nichts Arges. -- Und war er nicht ganz

voll Thränen? Hatte nicht Homer, wie von der heißen und kalten Quelle, von

seinen Augen gesagt »er weinte mit einem Auge süße Thränen mit dem anderen

bittere.« Ja bittere! Denn wem sein Vaterland zum Unglücksort werden soll

durch dumme -- verzeihe mir Gott -- Menschen, wem sein Vaterland

schlechter, verwünschter sein soll als ein, wenigstens freies

Verbrecherland, der möchte wohl aus einem Auge sogar Göttergalle weinen,

aus dem andern vom zerrissenen Herzen heraufstürzendes Herzblut.

Doch, was red' ich von mir! Ich verging fast ganz und gar in meine blasse

ernste _Lisanne_, die sich in eine fremde Gestalt, in _Elisa_ verwandeln

sollte, und leis verwandelte, aber ihres Lebens Kern und Gehalt in die neue

Gestalt mit hinüber nahm, ihre Liebe! Ihre Liebe zu mir. Wie ihr aber dabei

zu Muthe war, das träumt nur eine Chrysalide, sogar meine Liebe nicht aus.

Die herzige Talo war untröstlich von ihrer Gebieterin zu scheiden. Sie

mußte zurückgeführt werden. Doch litt sie es nur bis hinter die ersten

Gebüsche -- um doch nachzusehen!

Am Ufer umgaben uns Matrosen aus Capitain Yorks Themis, die noch

ausgebessert ward. Manche von ihnen hatten sehr anziehende, aber nur

nothdürftig angezogene malayische Weiber mitgebracht, ihre schwarzen

Haarflechten mit rothem Ocker gepudert. Herr Patrik schalt die Matrosen:

Weiberräuber! »_Wollt Ihr Europäer nur Europäer für Menschen ansehen_,

denen Ihr Rechte schuldig seid, aber in allen andern vier Welttheilen macht

alle Welt was sie will? Man kann auch Leuten Unrecht thun, die kein Gesetz

haben, die uns nicht vor dem unseren belangen können. Aber das ist eben das

himmelschreiende Unrecht! Ist nicht Ulimaroa und alle Welt so gut doch wie

Neuseeland, wo für jeden Raub, jede schlechte Behandlung im _voraus

Caution_ gestellt werden muß? Doch man glaubt das nicht im Hause, wie es in

der Welt zugeht!« Die Weiber starrten ihn an, die Matrosen schlichen sich

fort. Das schlägt in mein Fach, sagte Roßborn, ich werde mit dem Gouverneur

sprechen. -- Wir waren indeß eingestiegen, der Anker war aufgezogen unter

dem taktmäßigen Geheul der Matrosen. Da kniete im Sande des Ufers noch ein

alter Mann, der seine Zeit der Verbannung ausgestanden. »Ich habe nichts

verdienen können, ich war fast immer krank!« rief er zum Capitain; »ich

kann England nicht bezahlen, und mein Weib, und meine Kinder möcht' ich

doch nur noch einmal sehen in dieser Welt.« -- Ich fühlte nach den 100

Pfund der Marion, auch die Interessen, die ich mir erübrigt hatte, waren

dabei. Aber es rief in mir: nicht Unrecht thun und könnt' ich der ganzen

Welt die Heimkehr erkaufen! So straft' ich mein blutendes Herz. Lisanna

zählte ihr armes Beutelchen durch. Immer kniete der Mann das Schiff noch

an, wie der erste Mexikaner das erste Roß. Sir Samuel nahte ihm sanft und

schob ein kleines Blatt in seine Hand. Endlich sah der Alte es in seiner

Verzweiflung an, erkannte die Banknote, sprang auf, um nach dem Schiffe zu

stürzen, aber that mit einsinkenden Knieen immer kürzere Schritte, bis er

lang hinfiel, und doch nicht aufstand, und still war. Und so blieb er, als

man ihn umwandte; denn die Freude hatte ihn getödtet. Er hielt die Banknote

noch immer in seiner Hand. Patrik segnete ihn ein, daß wir Alle weinten von

seinen Worten, dann nahm er sanft und selber weinend das Blättchen von ihm,

gab es Sir Samuel zurück und sprach: »Der Himmel wird Euch danken; denn

_dahin_ habet Ihr ihm die Ueberfahrt bezahlt! Er ist im Vaterlande! Grämet

Euch nicht, daß Ihr so gewirkt. Wir Menschen wissen nicht, was wir ernten,

nur was wir säen; nicht _was_ wir thun, nur _wie_ wir thun.« -- Sir Samuel

nahm die Banknote, legte noch eine dazu, und übergab sie Herrn Roßborn, der

sie dem Capitain übergab für _Weib und Kinder_ des armen Seligen, der auf

dem Rücken liegend, so unbeschreiblich in den blauen Himmel hinauf

lächelte, als lachten ihn sein Weib und alle seine Kinder an, ja selbst der

göttliche Vater, wie die stille Sonne.

Durch seinen Anblick schieden wir Alle ernster und gefaßter, und nur still

weinend; und indeß unsere Blicke an den hohen Platanen und Cocospalmen um

Sir Samuel's Wohnung hingen, wandte sich das Schiff aus dem Derwent um das

Vorgebirge nach Morgen, und Hobarttown verschwand allmälig immer weiter in

die Bai geschoben, wie Kinder langsam ihre bunte Stadt zusammenrollen. Dann

zerschmolz gleichsam die nächste Küste im Meere, der niedrige Gürtel

Heidelandes; dann die höhere Ebene mit ihren Eichenwipfeln bis an die

Hügel; dann auch die ewiggrünen Hügel, die Berge, der letzte schneeige

Gipfel. Dann sanken die Wolken am Horizont herab, und deckten das Land zu;

und wie wir von ihnen herauf höher und höher bis zu denen sahen, die über

uns hoch in der Bläue schwebten, erhoben sie unsre Gedanken zugleich in den

Himmel. Während uns so van Diemensland, das Land ohne Mißwachs, ohne

Ueberschwemmung, in ewigem Ueberfluß, wie das Paradies untersank, stand

Doctor Toland mit dem Capitain der Argo zurückgewandt und sprach: »Ein Land

für tausend Städte und hunderttausend Dörfer! und hat nur zwei bis drei!

Wenn man sieht, wie ich gesehen habe, daß aus Mördern und Räubern sich und

andern nützliche Menschen werden, ja sittliche, welche durch Warnung und

festen Sinn sogar ein besseres Geschlecht erziehen, als andere Eltern, die

theils nicht wollen, theils nicht können, und selber gemächlich,

gemächliche Menschen der Welt zum Glück oder Unglück überlassen, so dächt'

ich: es wäre doch Schade, wenn man sie gehangen hätte, oder Andre, die

thaten, wie sie, und wie ich. Der Mensch ist doch keine Maschine, die immer

dasselbe thun muß, bis sie zerbricht. Der Todtschläger keine Guillotine;

der falsches Banknotenmacher keine Kupferstichpresse; der Dieb kein Rabe,

wie Patrik sagt, sondern es sind gerade die ärmsten unglücklichsten

Menschen, die gleichsam in der sinkenden Wagschale der Fortuna stehen,

damit die Andern oben schweben.« -- »Am Ende wird man noch jeden, der einen

Frevel begangen hat, beklagen, trösten, beschenken und lieben sollen!«

entgegnete ihm der Capitain. -- »So ungefähr mein' ich's! versetzte Doctor

Toland, und so meint es unseres Königs Majestät. Wie viele sind zuvor nur

in 20 Jahren in England hingerichtet worden! wie viele in ganz Europa! --

alle nach dem Gesetz, aber nicht durch das scharfe Gesetz, sondern durch

_scharfe Richter_. Gewiß eine halbe Million Unglücklicher mit Weib und

Kindern, welche, statt sich selbst ohne Nutzen und der Welt zum Gräuel --

wenn sie ihn empfindet -- zu Grunde gegangen zu sein, jetzt schon die

hundert Städte van Diemenslandes mit einer Million ehrlicher Leute erfüllen

würden! O! was ist den Völkern heilsamer, als die unbeschränkte, über allem

Gesetze waltende Macht, die sie unbeschränkt _liebt!_ Gott segne die

Monarchen, die nicht am Historischen hängen, sondern an Gott, bloß an

Gott.« -- Die Thräne, die ihm dabei im Auge stand, war gewiß Cleopatra's

Perle werth, ja alle Perlen in allen Kronen.

»Ich will nicht nach Europa!« bat Lisanna, sich fest an mich schmiegend,

und einen ängstlichen Blick nach Morgen richtend.

Ist Toland nicht auch aus Europa, und Er ist ja ein Menschenfreund, und

dort sind ihrer noch viele, wenn sie auch nicht Toland heißen! tröstet' ich

sie.

Und Lisanna sprach beschämt: und Du ja auch, Lambton und Sir Samuel, und

die gute Russel! Gott segne sie! Und Du ziehst ja mit und Doctor Toland.

»Zieh nur hin, mein Kind,« sagte er; »dort ist Alles prächtig, Alles

spricht schön, dort sind Millionen Kirchen, die zum Ersticken voll sind

alle Sonntage, und man betet dort das Vaterunser zu Dutzenden in einer

Viertelstunde.« --

Lisanna freute sich holdselig, und lächelte vor sich hin. Und ich, der ich

mich schon vor englischer Rang- und Titelschaft genug zu fürchten hatte,

sprach in mir leise: o selige Unwissenheit!

* * * * *

Steinkohlenwerk _Aloa_, in Südschottland,

den 1. Advent 1820.

Dießmal segelten wir nach Morgen, der Passatwinde wegen, in die Heimath.

Zuerst um Südcap auf Tawai-Poenamu mit seiner Bergkette und dem Pic Egmont,

frei, hoch und schön, wie -- Egmont. Dann um Cap Horn. In Rio Janeiro, wo

wir acht Tage lang gleichsam Mittag machten auf unserer Reise, war Elisa

krank, aber nicht seekrank, sagte mir Doctor Toland, nicht von Amphitrite,

sondern von Aphrodite. Ach, ach! Ich war beständig um sie, und sahe auch

hier wiederum nichts von allem Schönen -- als Sie! Ach, und alles Andere

konnt' ich vielleicht wiedersehen, immer sehen -- Sie hatt' ich ja nur, so

lange das Schiff uns trug! Ich wünschte, die Fahrt dauere ewig; ewig daure

die Hoffnung, nach dem Vaterlande zu steuern, und nimmer anzukommen; wie

man von bezauberten Schiffen erzählt, die endlos auf dem Ocean

umhersteuern, voll Freunde, die nie sterben. Sonst hatten wir keine

Beunruhigung als von den Ratten, für welche der Stewart, wie er sagte, eine

_Lectüre_ hinlegte, um daran zu lecken und einzuschlafen.

Aber was mußt' ich von Doctor Toland hören, dem Menschenfreunde! Der

Capitain fragte ihn eines Tages, ob er in Hobarttown nichts von der

Geschichte gehört, die sich in London zugetragen? von einem Doctor,

Apotheker und wüthigen Hunde? Toland ließ sich erzählen, daß ein junges

Weib von einem läufischen Mops leicht geritzt worden sei, und daß sich

darauf selbst bedenkliche Folgen gezeigt. Der Doctor, ihr Mann, habe

vergebens die bekannten Mittel dagegen angewandt, und daher den Wirth

seines Hauses, einen Apotheker, um das Arcanum gebeten, weßwegen dieser

eben mit der Regierung um eine große Leibrente in Unterhandlung gestanden.

Der Apotheker habe es ihm zu geben verweigert, um es durch seine, dem

Doctor leicht erkennliche Substanz nicht zu verrathen. Der Doctor habe an

den Sheriff geschrieben, um den Apotheker zur Herausgabe des Mittels

zwingen zu lassen. Dieser aber habe geantwortet: »das Gesetz kann keine

sittliche Handlung gebieten, noch alle unsittlichen verbieten; Ihnen nach

ist nur _das_ Pflicht, was sie erzwingen können; unrecht und ungesetzlich

ist daher zweierlei. Der Apotheker kann nicht gezwungen werden; auch kein

Doctor.« -- Aber zwingen kann er! habe der Doctor gesagt, den Apotheker mit

dem Mops in Ein Zimmer gesperrt, in welchem er ihn zur Beobachtung

aufbewahrt. Von dem nun auch verletzt, habe der Herr Apotheker endlich das

Recept für sich und des Doctors Frau gemacht, es ihr selbst eingegeben, was

ihm gleich hätte einfallen können, und Apotheker und Frau leben heute noch.

Der Apotheker aber habe geklagt, und sei als »unschuldig« freigesprochen,

der Doctor aber nach Hobarttown deportirt worden. -- Haben Sie den Doctor

nicht etwa gesehen? fragt er. »Der Doctor bin Ich!« sprach Toland lächelnd.

Der Capitain und, wir Andern traten einen Schritt von ihm weg. Er aber

sagte mit Nachdruck: »Nur aus Pflichten, die sich auf menschliche,

körperliche und geistige Anlage gründen, kann das Haus ein Gesetz machen;

und das soll das Haus aber auch. Sittliche Freiheit besteht darin, das Gute

_nicht_ thun zu können, Tugend darin, es zu _wollen_, und bürgerliche

Freiheit darin, es thun zu _dürfen_. Aeußere und innere Gesetzgebung sind

daher Eine und dieselbe, obgleich die äußere, das Gesetz, nur die

bürgerlichen Pflichten des Menschen gegen seine Mitbürger in Betrachtung

zieht und wägt. Aber die Sittlichkeit, die einzig göttliche Kraft der

Religion, ist die Quelle _aller_ Pflichten, auch derer, die ich im

Gegensatz adlige trennen möchte; und jeder Gesetzgeber im Hause muß die

Gesetze aus _ihr_ herleiten, sie immer vor Augen und im Herzen haben, bei

Beurtheilung und Unterlegung von Handlungen unter das Gesetz. Denn

Sittlichkeit und Unsittlichkeit erscheint auch schon in äußeren Handlungen

unverkennbar. Zu diesen äußeren, hülfreichen, mit Einem Worte, guten

Handlungen muß auch das Haus zwingen können, auch schon als bloße

gemeinschaftliche Sicherheitsanstalt. Denn es ist einerlei, jemanden

ermorden, oder nicht das Leben retten. Der Hauptzweck des Hauses aber muß

sein, eine sittliche Ordnung einzuführen; das ist Gottes Wille, darum

Volkswille. Auch das Strafrecht nimmt sich ja schon die Freiheit, auf die

Triebfedern zu wirken. Wer aber den Menschen in die Seele greift, der

braucht ihnen nicht in den Arm zu greifen; wo die sittliche Ordnung

herrscht, kann die bloß rechtliche, auch Kirchen-rechtliche aufhören, hört

mit jedem Gebildeten auf, und hat bei Vielen schon aufgehört.« -- Der

Capitain warf ein: »das Haus trägt aber nicht die Schuld, daß wir lieben

Menschen noch nicht so gebildet sind, das Gute aus freiem Willen ohne

Gesetz zu thun« -- -- »das Böse nicht ohne Strafe! wollen Sie sagen;«

unterbrach ihn Doctor Toland. Der Capitain fuhr fort: »und wenn wir keine

das Gute gebietende Gesetze haben, so liegt es daran, daß sie sich

höchstens geben, lehren, verbreiten lassen; aber Sie wissen ja, es fehlt

das eilfte Gebot, die _Kraft_ und der _Zwang:_ du sollst die zehn Gebote

halten!« --

Ich, als von geistlichem Stande, der von dem Hause im Collegio Stipendien

genossen, nahm aus Dankbarkeit nun das Haus in Schutz, und sprach endlich

auch mit darein, also: das Gesetz, welches das Gute gebietet, ist da! es

ist Religion! und da es eben so viele Geistliche, Pfarrherrn, Schullehrer

und Vicare giebt, als Richter und Polizeimeister, für welche das Haus

sorgt, und die geistlichen Rechte für die höchsten hält, so ist das Haus

entschuldigt!

-- »Ich entschuldige auch das Haus!« schloß Doctor Toland. »Nur daß es

trennt, was es zusammennähen sollte, ist der Fehler. Die Religionsgesetze

sollen die Staatsgesetze allein, und ganz allein sein, was man noch nicht

einmal versucht hat! Das Haus soll nicht unterscheiden: Religion und Recht,

sondern Wollen und Thun. Das Thun aber wenigstens muß gleich sittlich sein,

und nicht nach dem Recht, dem todten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach

dem lebendigen Wort gerichtet werden, wie es aus ihm geboten ist. Wenn

Einer von uns beiden nach Botanybai wandern mußte, so war es -- der

Apotheker! Dixi!« -- Dabei kehrt' er sich um. Der Capitain raunte mir in's

Ohr: er glaubt gewiß das Hosenband verdient zu haben für seinen

Apothekerzwang! Der ist von der Pfahlwurzel der Radicalen! ein

Unverbesserlicher, der glaubt, er denke und lebe recht.

-- So Gott will! seufzte ich aus tiefer Brust. Wie Gott will! --

Ich sah eben England! und konnte nichts als weinen, weil ich da meine

Lisanna verlieren mußte! Wir segelten an der Küste hinauf bis an den

Meerbusen von _Forth_, in den Hafen von _Aloa_. --

Im Gasthause schrieb Doctor Toland sogleich einen Brief an Sir Horazio, den

Baronet, nach Rowlandhill; und ich überschickte heimlich Marion sogleich

ihre 100 Pfund nebst Interessen 6 pro Ct. richtig, nur mit der Bitte, es

Niemandem zu sagen, bis ich entschuldigt wäre in Aller Augen. Denn, daß man

selbst eine Pflicht nachholt, giebt uns gerade den Schein einer

Pflichtverletzung. Ich war freilich ein besserer Bote nach dem Tode, als

nach Gelde, doch ein ehrlicher, der nur einen kleinen Abstecher von 18,000

Seemeilen gemacht. -- Sir Horazio antwortete, daß er nach Aloa kommen

würde, und bestimmte den Tag.

Je näher nun dieser rückte, je ängstlicher ward mir; ich hätte mich lieber

in die Erde verborgen! Und so that ich auch wirklich. Denn als Elisa,

Toland und ich, uns die ungeheuern Steinkohlengruben besahen, welche 2000

Fuß tief sich unter dem Schwalle des Meeres hinausziehen, faßt' ich den

Entschluß, mich zur Ruhe zu setzen und Steinkohlen zu graben. Meine

Schulmeisterstelle war besetzt; an andern Orten fehlten mir die Gönner; ich

schämte mich vor allen Menschen, aber am meisten Sir Horazio und Lady

Theano vor Augen zu treten, deren einzige Tochter ich so herabgewürdigt

hatte. Aber hier unter der Erde und unter dem Meere zugleich, mein

Schachtlicht vor der Brust, wußte ich nichts von der Welt und ihrem

Geräusch und Treiben -- nicht, ob über mir Schiffe fahren im Sonnenlicht

oder im Mondenschein, ob der Donner rollt, Blitze ein Schiff zerschmettern,

ob es sinkt und versinkt über meinem Kopf -- mich kümmert es nicht, mich

trifft es nicht -- unwissend sing' ich mein Abendlied, und verdiene mir

morgen es wieder zu singen! Ach, wäre ich nur eher hierher gegangen, als

nach Hobarttown! Wie selig könnt' ich hier leben! -- Doch war es hier noch

am besten; ich ließ mich zu der Arbeit dingen und verschwand den Tag vor

Sir Horazio's Ankunft. Denn die letzte Nacht fragte Elisa mich noch, so

ganz im sorgenlosen Flusse des Gesprächs: »wie ich wohl würde einen Knaben

nennen?« und ich sagte, nichts ahnend, und wie einen Spruch betend: »Er

soll Aeneas heißen!« -- bis mir die Frage auffiel, centnerschwer. Nun war

kein Bleibens mehr! Ich schied selbst ohne Kuß von ihr -- ohne mehr sie

anzusehen. Das war ein Jammer! -- Nun Gott segne Sie, Sie! für sich und

mich, für Sir Samuel und die Russel! für Horazio und Theano, für die ganze

Welt! -- Das fleht' ich im Fortwanken und Weinen. Wo ich hinging, hatte ich

auch dem Doctor Toland verschwiegen. Nur bat ich ihn, mir Nachricht zu

geben von Lisanna, vom Ausgange der Schlacht des Weibes, wie Euripides

sagt, -- und ließ ihm meine Adresse. Denn eines Tages, als ich mit Lisanna

die Stadt, ihre Glas-, Tauwerk- und Segeltuchfabriken und die

Schneidemühlen besah, traf ich den alten Kleinhändler Oldham aus der

Taverne im Hafen zu Portsmuth, hier an seinem Wohnorte wieder an. Er

erkannte mich, führte uns in sein Haus, zeigte mich seiner Frau, und dankte

mir, daß ich ihren Augen hätte geholfen, den Staar stechen! Ich verneinte

das; er bejahte es und erklärte, daß ein geiziger Arzt es nicht habe

umsonst, noch auch nur ein Auge um weniger Geld als seine Taxe, thun

wollen; darum habe er die Häfen durchstrichen, wo die Matrosen gewöhnlich

das Geld wegwerfen, um es nur los zu werden. -- So waren meine Leidenthaler

Freudenthaler geworden! Nun wußte Lisanna, was ich damals selbst nicht

wußte. Diesem dankbaren alten Oldham entdeckt' ich nun auf sein Gewissen,

wo ich zu finden sei; und an diesen wies ich den Doctor Toland, den

Menschenfreund, wenn er mir einmal schreiben wolle. Dazu lacht' er nur, und

sagte: Wir müssen uns freilich trennen; wir werden Euch aber schon zu

finden wissen! Gebt die Adresse! Gedenkt an Euere Zeilen von der Geduld,

und kommt uns ja nicht nach! --

Das war doch gewiß keine Einladung, mit nach Rowlandhill zu gehen, noch Sir

Horazio abzuwarten! Er zwingt ja sonst die Leute zum Guten, also muß es

wohl etwas Böses sein, daß ich dort erscheine! Aber hat doch Elisa die

große, wundervolle Gruft gesehn, worin Ihr Lambton sich selber beigesetzt!

Doch ach, Ich lebe! und Sie unter dem Himmelsgewölbe ist für mich todt! Ich

kann mich gar nicht mehr satt an dem Morgenstern sehen, wenn ich meine

Nachtschicht abgefahren habe und hinaustrete unter das Firmament, und wenn

Er mich noch immer ansieht, wie damals an Lisanna's Seite! Mstr. Oldham

hatte ein Lied unter seinen Liedern »Der Morgenstern,« das ich einsteckte.

Das Lied spricht mir ordentlich aus dem Herzen, und das sollen die besten

Lieder sein, die allen Leuten gleichsam aus dem Herzen sprechen und singen.

Das Lied sing' ich dann in der Frühe:

Die Sterne thaten überaus geschäftig,

Sie regten sich, und hatten ihr Begehn,

Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig;

Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn?

An Ihrer treuen Brust so treu geborgen

Verweilt' ich bei ihr, lang' und gern;

Drauf scheidend, brannte nur im Purpurmorgen

Der Morgenstern.

Sind nun die Sterne wieder so geschäftig,

Da mein' ich, müßt' ich wieder zu ihr gehn!

Sie blinken ja so silbern, frühlingskräftig,

Doch ach, nun hab' ich Zeit hinauf zu sehn!

Die treue Brust, die mich so treu geborgen,

Der holde Geist ist ewig fern!

Und weinend findet mich am Purpurmorgen

Der Morgenstern.

Und thut der Stern so überaus geschäftig,

Und regt er sich, und hat er sein Begehn,

Da mein' ich holdgetrogen, liebekräftig:

Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn! --

»Du hast sie jetzt gesehn!« so raunt's verborgen --

Dann seh' ich Sie! und seh' so gern:

Sie ist's! das schöne Licht im Purpurmorgen:

Der Morgenstern!

* * * * *

Steinkohlenwerk _Aloa_, am heiligen Dreikönigstage 1821.

Gestern brachte mir Mstr. Oldham einen Brief von Dr. Toland in den Schacht;

und ich las ihn entfernt von den andern Arbeitern in einer Seitenhalle bei

meinem einsamen Grubenlicht. Den Brief muß ich eintragen, und schreibe also

Folgendes noch einmal selber an mich.

* * * * *

Schloß _Rowlandhill_, Neujahrstag 1821.

Guter Lambton!

Ihr arbeitet in der Grube ohne Mond und Sterne, Ich unter dem hellen Himmel

im Sonnenschein, und auch die Sterne fehlen nicht, auch nicht günstige.

Mein Werk ist halb gethan. Doch vom Anfang ist anzufangen. Ihr wißt, Was

ich sage, ist immer aufrichtig; aber ich sage nicht immer Alles. Das hab'

ich mir an dem Krankenbett angewöhnt, wo die Anverwandten uns Doctoren

beständig um das Prognostikon plagen. Auch Lisanna war krank, recht krank,

als Ihr Euch uns entzogt. So stellte ich Ihr nun das Prognostikon: es werde

so gut für Sie und Euch. »Wenn es nur gut für Ihn,« seufzte sie, »bin ich

zufrieden, und will leiden, meiden und schweigen.« Das Recept, worin ich

für ihre Sehnsucht, als Basis, ihr Vater und Mutter verschrieben, schlug

vortrefflich an; das Adjuvans war ein Mann, und das Bindemittel der

Fenchelzucker der »guten Hoffnung.« Also noch in Forth, auf, einem

Spaziergange vor die Stadt, landeinwärts, begegnete ich Sir Horazio zu

Pferde. Er war stark geritten, hielt seinen Hut in der Linken, und rieb

sich mit dem gelbseidenen chinesischen Tuche die wenigen schwarzen Haare

zusammen, und trocknete sich den Schweiß von seiner hohen Stirn. Daran

schon erkannt' ich ihn, trat ihm in den Weg und sagte: »Ich bin Doctor

Toland.« -- Er hielt, und erkannte mich, da ich früher sein Hausarzt

gewesen war. Ich sagte ihm nun mündlich, daß Ich ihm seine Tochter, seine

Elisa, die verlorne, wiederbringe. Er blinzte mit den Augen. »Wie wird sich

meine Theano freuen -- wenn es wahr ist!« war seine Freude: dann war er

beinahe kalt, ernst, und ging sehr vorsichtig zu Werke, welches ein

Rechtschaffener jedem gern gestatten kann. Zu uns eintretend, grüßte er nur

leicht Lisanna, der ich Namen, Wohnort, Stand und Vermögen ihrer Eltern

bisher alles verschwiegen hatte. Ich verzieh ihm den leichten Gruß, und

Elisa dankte ihm nicht einmal, denn sie war eingeschlafen. Sie lehnte

rückwärts mit dem Köpfchen an der Tapetenwand, und saß ihrem Vater

gleichsam Probe. Während er erröthete, erblaßte, auf die Lippen biß, die

Augen fest zudrückte, und warm und kalt anzufühlen war, legt' ich ihm

Roßborn's Zeugniß und Aufnahme der Aussage der Russel vor. Er bezweifelte

die Wahrheit ihrer Worte, ja er mochte wohl glauben, es sei dieselbe Russel

nicht. Ich zeigte ihm das Bild unserer Russel, den schönen Kopf von Clarke

gemalt, und die Treue und Aehnlichkeit desselben gestempelten Bildes mit

der in der Rauchkammer krank gewordenen Russel, gleichfalls beglaubigt von

Roßborn und Patrik. Horazio stieß ihr mit der Faust in's Gesicht, welches

mit keinem Auge blinkte, keine Miene verzog, sondern ohne Furcht ihn ansah.

So etwas macht Eindruck. -- »Warum gestehst du jetzt erst, alter Satan!«

redete er sie an, »da Theano dich umsonst beschworen, da ich Dir vielleicht

Verzeihung ausgewirkt, Dir noch 10,000 Pfund gegeben hätte, wenn Du meiner

Theano ihr Kind wiedergabst!« -- Wer ein Gespräch gern erlöschen sehen

will, der darf nur nicht antworten; und so that die Russel. Dafür

entgegnete Ich ihm: Glauben Sie einem Doctor, Sir Horazio, daß vor dem Tode

mancher Menschen die Zunge Dinge verräth, welchen der Tod nur Strick und

Schwert erspart. Der Mensch braucht dann Vergebung -- und vergiebt. Er muß

alles geraubte, unrecht erworbene Gut zurücklassen -- und er giebt es von

selbst wieder, um Ersatz zu leisten. Er hofft die Seinigen wiederzusehen,

und erfreut beraubte Eltern mit den Ihrigen! Vieles, vieles, und grade das

Schwerste, das Ungeheuerste kommt freilich niemals an die Sonne! und kein

Mensch erfährt es! Das hab' ich auch gesehen in Krankheiten und

Todeskämpfen; aber ich habe auch gesehen, daß sich die Menschen mit

verborgener Sünde die Seele vergiften, daß gegen diese Aqua Toffana kein

Mittel ist, und daß leider Viele, Viele daran sterben. -- »Sie ist ja aber

nicht gestorben! les' ich;« warf mir Sir Horazio ein. -- In der Welt der

Täuschungen gilt der Wahn für die Wahrheit; man macht auch Testamente auf

den Todesfall -- Schenkungen unter den Lebendigen; begegnet' ich ihm. Dabei

hielt ich Sir Samuel's Bild in den Händen, dem er Elisa's Erziehung und sie

selbst jetzt hauptsächlich zu danken habe. -- Er that einen wunderlichen

Blick darauf, und vor Zorn und Mitleid, Haß und Neigung traten ihm die

Thränen in die Augen. Er deckte das daneben liegende Bild darauf, Lambton,

es war das Eure! und als er Euch nun sah, tief er aus: »Eine schöne

Gesellschaft Menschen! Das ist der reisesüchtige Thor, der, um seine Lust

zu befriedigen, ein Mädchen um ihre Erbschaft, und dadurch um einen Mann

gebracht, und sich um die Schule und meine Gunst; und nur auf Theano's

wunderliche Fürbitte habe ich ihn nicht lassen in die Zeitung setzen, wie

noch geschehen kann!« -- Ihr seht, mein unschuldiger Lambton, es möchte

also nur Ein Mittel geben, Euch wieder zu Eurer Stelle zu helfen; und Sir

Samuel, wohlweise, und die vornehme Welt kennend, hat es mir

vorgeschrieben. Das ist mir desto lieber; denn es schmeckt nicht ganz süß,

und dauert mich einzugeben. Aber das Mittel, das anschlägt, ist dem Doctor

unschätzbar, wenn er ein Menschenfreund ist, wie Ihr mich immer zu nennen

beliebt. -- »Viel Anstalten! viel Auslagen! klug ersonnen! aber die

niedergelegte Summe ist auch nicht klein;« murmelte Sir Horazio. Ich machte

die Thür auf, um ihn die Treppe hinunter zu werfen, und faßte ihn schon

beim Kragen. Der Lärm erweckte Lisanna, und ein Blick auf sie ließ mich

meine Hitze bereuen. Sie sprang auf, sie stand, sie kam auf uns zu und rief

ängstlich: »Was beginnt Ihr?« -- Sir Horazio sahe ihre Bewegung, ihren

Wuchs, ihre Stellung und hörte ihre Stimme, ja grade diese Worte mit

sichtbarem Erstaunen. Er nahm den Hut, schied übereilt, und sagte mir nur

auf der Treppe: »Morgen nach London, Toland!« --

Und so geschah's. Dort erhielt Lisanna schöne Kleider, die sie noch einmal

so schön machten. Auch als Doctor, und gerade als Doctor, der die Menschen

alle für Stative, für nur überfleischte Todtengerippe ansieht, muß ich

sagen: Der Putz ist wirklich kein leerer Schein! Der Häßliche mag sich

schmücken und anziehen wie er will, der Schöne ist doch geputzt am

schönsten, und schöner als er sonst selber! so wohlgeordnet jede Locke und

jede Falte wohlgelegt! Und ist das Weib nicht immer so, kann sie doch immer

wieder so schön sein -- wenn sie sich _wieder_ putzt. Ich sehe, der Putz

ist den Frauen unentbehrlich, wenn sie Alles sein wollen, was sie können;

und darum mag ihn keine entbehren, kein Mann ihn seiner Frau, kein Vater

ihn seiner Tochter entbehren lassen. Kurz, Lambton, die vornehmen jungen

Herren ritten und fuhren uns nach, selbst die Damen blieben stehen, und

einige aus den 40,000 Jungfrauen riefen auch wohl bezaubert das »schöner

Engel!« ihr zu. Denn, wenn auch Lady Theano das große Bild »die

Präsentation« in Schloß Rowlandhill besitzt, so sind doch hin und wieder in

London in reichen Häusern andere Gemälde desselben Meisters, zu welchem er

das schöne, schöne Kind Elisa als Vorbild, oder Natur, wie die Maler sagen,

benutzt, und sie als Engel hinein gemalt hat. Selbst mit der Krone, als das

Kind, das Macbeth wahrsagt, hab' ich sie sehen im Kessel stecken, über dem

Feuer und unter den Hexen in Dampf und Glut. Solche Bilder nun zu sehen,

fuhren wir in der Stadt hin und wieder. Horazio verglich dann Farbe des

Haares, Colorit, Oval des Gesichts, Braun der Augen, Gliederung der Hand,

und was weiß ich Alles mit ihr, doch ohne daß es Lisanna bemerkte, die

ihren Vater nicht erkannte, so wenig, als den Maler L . w . . . ce, und nur

mit gefalteten Händen und befremdeten Blicken vor den rührenden köstlichen

Gemälden stand; besonders vor einem, worauf sie als des verlornen Sohnes

kleine Schwester ihm unter der Treppe heimlich ihre Feige zusteckt, wie dem

Lambton manchmal Nektarinen; und vor dem andern, worauf sie als Engel im

Felde den Hirten große Freude verkündigt! -- In den Zwischentagen habe ich

Eure Kisten alle verkauft, die ich mir hatte aus Forth nach London

nachkommen lassen. Das kostbare Herbarium vivum, die Sämereien, die

gottgemalten und im Feuer der Natur vergoldeten Conchylien, die

Incrustationen von den Bergen, die Versteinerungen, Mineralien, Schiefer,

Asbest, gediegenes Eisen, Carneole, Basalte, Bergkrystall, Chrysolith,

Jaspis und Marmorarten -- Alles ist fort! Ich bin zufrieden 3010 Pfund

dafür bekommen zu haben, was Ihr in Eurer Unwissenheit Alles zusammen

gerafft und womit Ihr Euch oft die Taschen entzwei geschleppt habt. Ich

schicke Euch davon 10 Pfund zu Kleidern; mehr kann ich nicht entbehren;

denn ich habe eine Speculation.

Den Ausschlag für Lisanna's Anerkennung gab endlich in der Christwoche ein

Abendbesuch in Piccadilly bei den ausgestellten Spielsachen. Dieselben

offenen Läden, dieselbe freundliche Alte, dieselben Spielsachen, diese

ewigen Stereotypen der Natur für die ewige Kindheit auf Erden, da

wunderlich und friedlich, schimmernd von Gold und Farben, lockend und

schweigend beisammen, funkelnd in dem Glanz der Kerzen! Davor standen, an

der Hand ihrer Mütter und Väter und Wärterinnen, die Kinder umher und

erstaunten! Welches zusammengedrängte Leben! welche großen Gestalten, ja

Riesen und riesenartig! denn sehen wir Großen in Wahrheit nicht Alles

klein, selbst in sehr mäßiger Ferne? Sind wir nicht eigentlich die wahren

Kinder? Indeß den noch mit der Täuschung der Ferne nicht bekannten im

Natur-Scheine seligen Kindern erscheint ein Püppchen: ein wirklicher

Mensch, ein Pferdchen: ein großes Pferd, ein Ziegenböckchen: ein hoher

Bock, ein winziges Bäumchen: ein mächtiger Baum, ein Lämmchen: ein Lamm. O

wie glücklich kann man die Kinder machen! glücklicher als sie je als --

Menschen werden können. Ach, wer es kann, sollte es nicht versäumen, ihnen

_Freude_ zu machen, denn Freude ist des Lebens Kern, und sie klingt uns

ewig nach aus der vergessenen Kindheit und giebt uns Kraft! Die ganze bunte

Erde ist ihnen künftig keine Weihnachtsbude mehr! Aber jetzt, hier vor

ihnen -- Alles ist ihnen ja das, was sie sehen; es _bedeutet_ es ihnen

nicht bloß! es ist die Welt, ihre Welt, bequem, nahe, still, freundlich --

und Alles ihr Eigenthum; Alles lebt, denn sie leihen ihm Leben in dem

seligen Kindertraume. -- Sollt' ich mich wundern, wenn auch das ärmste,

frierende Kind mit den Händchen langte nach den bewunderten Schätzen,

geliebt von ihm, wie dereinst die Welt! Hatt' ich nicht Lust zu weinen,

wenn die arme Mutter, die ihm nur das Entzücken des Anstaunens hatte

gewähren können, nun das weinende, schluchzende, zurück verlangende Kind

forttrug, um nicht den Andern die Freude zu stören! Aber ich hatte nicht

Zeit solchen zu kaufen, auch ist ihrer das Reich Gottes -- ich hatte genug

an Lisanna zu sehen, die selbst, wie ein Kind vor dem Himmel der Kinder

stand, an dem sie lieben gelernt, und es nun konnte, aber vergessen zu

haben schien. Sie war wie verwandelt und starrte und hörte, und scheute

sich, anzurühren. So stand sie in tiefen Gedanken, wie nachsinnend und dann

vom Traum erwachend, immer röther und röther, wie eine Rose im

Morgenschein. Jetzt war der Moment gekommen; Sir Horazio, der sie bisher an

der Hand gehalten, ließ sie los, und entfernte sich aufmerksam. Und mit

unbeschreiblicher Angst wandte sie sich um, und rief auf einmal laut:

»Vater! Vater!« und trennte die Menge. Sie stand im Dunkeln abwärts allein,

hielt die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich. Sir Horazio nahte

sich ihr gerührt und überzeugt, und schloß das bewegte Kind in seine Arme.

»Ja, Du bist es, Du bist Elisa, unsere Elisa,« stöhnt' er, vom langen

Verhalten der wachsenden Freude wie ermüdet. »Vater, Vater!« waren die

letzten Worte, die in meine Seele durch die Dunkelheit drangen. »Vater,

Vater!« die ersten, die mir wieder in die Seele dringen. »Sei willkommen,

sei tausend Mal willkommen, unser theueres einziges, lange, lang'

entbehrtes Kind! Wie wird sich Theano freuen!« rief er -- und versank in

sich selbst. »Der Thor, der Samuel!« sprach er, wie aus dem Traume. --

Darauf war er wieder ernst, ja ernster als zuvor, und Lisanna, die an ihm

hing, schien ihn zu belästigen.

Wie wir zu Hause im Zimmer auf- und abgingen, hatte Elisa schüchtern und

kleinlaut in ihrem neuen Stand und Verhältniß, als Erbin einer schönen

Baronie, sich in die Ecke, des Sofa's gedrückt und war gewiß voll

Hoffnungen und Erinnerungen eingeschlafen. Sie sprach bald im Traume

losgerissene, herausperlende Worte aus ihrer Seele, die wie ein klarer

Quell bis in den tiefsten Grund aufgeregt worden war. Ein sehnliches

»Lambton!« perlte herauf, und zerstob auf ihren halb geschlossenen Lippen,

so, daß es nur wie _Lamm_ klang. Dann rief sie hastig: »Mutter! -- Mutter!«

und innerlich weinte sie sehr, aber die Thränen flossen nur bis auf die

halbe Wange. Wir traten theilnehmend und innig gerührt vor das liebe Kind,

und sahen dem Schlafwandeln ihres Geistes in seiner stillen Werkstatt zu.

Die Seele ist ja der Traum des Gehirns. Wie wir bald sie, bald uns ansahen,

streckte sie die Arme aus, und rief, wie aus weiter Ferne: »Sir Samuel! --

Sir Samuel!« -- Der bange Laut ihrer Stimme, der Name selbst empörten

Horazio. -- »Ja, rufe nur Samuel! Samuel!« sprach er leise, aber desto

schauerlicher; -- »du weißt nicht, _Wen_ du rufst! Das hat er angerichtet:

die Eifersucht bestraft sich selbst! O daß sie auch nur sich quälte! Doch

leider, ist's nicht so. Wir Alle haben gelitten; selbst die Armen, um die

wir uns nicht kümmerten in unserer eigenen Angst! Es giebt Menschen, die

aus Uebermaß ihres Glücks, vielleicht bei überwiegender Phantasie, die

immer zur Wehmuth neigt, eine herzerquickende Freude, ein ihnen eigenes

Entzücken darin finden, in Eifersucht zu schwelgen! In diesem süßen Gefühl

versäuert sie endlich und wird Gift. Die Wahrheit hält sie für Lüge,

Entschuldigung für Frechheit, nur ihren Schmerz und Wahn für wohlbegründet!

Sonst hätte Sir Samuel nicht Theano für Desdemona gehalten -- aber, o daß

er es hätte! dann hätt' er nicht rasend zum Kopfkissen des Othello

gegriffen! Da kauft' ich das göttliche Weib um jeden Preis ihm ab, Ihr

Leben zu sichern und seines -- meines verirrten Freundes! Aber die Scene

hatte Zeugen herbeigerufen, das »was beginnt Ihr?« war erschollen, und

obgleich Theano alles aufbot, ihn zu retten, und außer Besinnung vor den

lächelnden Richtern bekannte, daß Er sie doch habe das Vaterunser beten

lassen, was gerade gegen ihn zeugte, als sie bekannte, daß Elisa« -- --

Da bewegte sich unsre Elisa schmerzlich im Schlafe, rang sich mit der

Russel, jammerte laut, erwachte darüber, wie ein Kranker und -- störte uns.

Doch weiter! Sir Horazio hatte beschlossen, Elisa seiner Theano zum

heiligen Christ zu bescheren; ja, sie sollte sich selbst als der Engel ihr

wieder bescheren. Dazu ließ er ihr ein schneeweißes Gewand, große goldene

Flügel, ein Sternendiadem aus Juwelen, einen Gürtel und eine künstliche

duftende Lilie machen. Ich selbst ward zum Knecht Ruprecht ausstaffirt, um

auch dabei zu sein. Devisen wurden gedruckt und in vergoldete Nüsse

gesteckt; Lisanna's Kinderkleidchen, welche ihr die Russel mitgegeben,

wurden noch einmal gewaschen, geplättet und gefaltet; ihr Amulet an der

Halskette ward in einem goldenen Apfel verborgen, der bei'm Anfassen des

Stieles sich aufthat. Ehe dieß Alles fertig war, stellte mir Sir Horazio

die Anweisung der Prämie für die Wiederbringung der Tochter aus -- au

porteur -- und ich erhob 15 bis 16,000 Pfund mit Einer Hand, ja mit zwei

Fingern. Bin ich nicht ein starker Mann? Spart Eure Bewunderung, Seufzer

und Thränen! Denn nun reiseten wir nach Rowlandhill, und trafen in der

Dämmerung des heiligen Christabends dort ein. Der Schnee flimmerte in

blitzenden Sternchen vor den Hügeln, Christbäume brannten in den Stuben,

und die Kinder jubelten um sie her. Wir sahen Licht im Schlosse. »Das ist

in Elisa's Zimmer!« sagte Sir Horazio. »Nur alle heilige Christabende wird

es geöffnet und betreten. Da steht in der Mitte derselbe Christbaum! Da

werden dieselben Wachskerzen ein Viertelstündchen angezündet, die endlich

niedergebrannt, dieß Jahr, heut! kaum noch ihr letztes Viertelstündchen

leuchten; da stehen die Spielsachen umher aufgeputzt, die das Kind

erwarteten, das ich bringen sollte und verlor. Da liegen die Puppen, wie

weinend um sie, auf dem Gesichte, und der Nußknacker macht sein erstauntes

Gesicht, und die Engel halten ihre Schrift über der Erscheinung des Kindes:

Gloria in Excelsis Deo! während die Hirten niederfallen und anbeten, der

Morgenstern über dem Hause stehen bleibt, die heiligen Drei Könige

erscheinen, worunter der Mohrenkönig ist, und selbst Oechslein und Eselein

an der Krippe sich wundern. Nun: Gloria in Excelsis Deo!« rief er aus. In

einiger Entfernung stiegen wir ab; ich trug meine Sachen, Sir Horazio

Lisanna's, die wie im Traume wandelte. So schlichen wir in das Schloß, auf

die Zimmer. Marion ward gerufen und bedeutet. Sie half Lisanna als Engel

kleiden, mir half Sir Horazio in den Knecht Ruprecht fahren. Marion brachte

Nachricht, Lady Theano sitze in Miß Elisa's Zimmer vor dem brennenden

Christbaum, und träume: ihr Kind zu erwarten! Sie könne es nicht mehr

ansehen!

»Da kommen wir recht!« flüsterte Horazio. So gingen wir. Elisa zitterte,

daß sie fast die Bescherung aus den Händen verlor. So traten wir ein. Wir

konnten uns nicht der Thränen enthalten, als Elisa in ihrem funkelnden

Diadem, ihren goldenen, jetzt blitzenden Flügeln leise und schüchtern

näher, und nahe vor ihre Mutter trat, und das arme Weib mit der Lilie an

ihrer gesenkten Stirn berührte. Wir schauerten! Theano machte eine Bewegung

aufzustehen; aber sie versank in sich, mit geschlossenen Augen, häufige

Thränen vergießend. Der himmlische Gruß bebte Elisen von den Lippen! Sie

bescherte ihr darauf eine Nuß nach der andern, so wie sie die darin

enthaltene Devise gelesen, deren Inhalt die Mutter allmälig auf das

Entzücken vorbereiten sollte.

»Nichts ist den Lebendigen verloren, als die Todten!« gab sie ihr zuerst in

der goldenen Nuß. Dann in der silbernen:

»Eure Kinder sind auch Gottes Kinder!« und zuletzt in der grünen:

»Die Todten stehen nicht auf, aber die Verlorenen kehren wieder!«

Mein Gott! rief Theano, was willst Du? was sagst Du? Ach, ich habe

ausgelernt zu hoffen! --

Ausgelernt? o Theano! -- so kannst Du es ja! o hoffe! flüsterte Horazio ihr

lächelnd und weinend zu. --

Da überreichte ihr Elisa den goldenen Apfel; Theano nahm ihn an dem Stiel,

er sprang auf, und sie zog das Halsband ihres Kindes halb daraus in die

Höhe, und ließ Apfel und Halsband fallen, und die Aufgerichtete sank in den

Sessel. --

»Bist Du ein Engel, daß Du mir diese Gaben wiederbringen kannst?« fragte

sie Elisen mit halber Stimme.

Elise nickte, und bewegte doch gleich ihr Köpfchen wie zu einem: Nein! --

Darauf legte sie ihr die Kinderkleidchen nach einander hin, auf die Kniee.

Theano entfaltete sie, und hielt sie in die Höhe. »Meine Stickerei! meine

Blumen -- Elisa's Kleidchen« -- sprach sie fast athemlos; »ach, was bringst

Du mir Alles, Alles wieder; nur mein Kind, mein theures Kind nicht!«

schluchzte sie erschüttert -- darauf sahe sie Elisa groß an, und an dem

Lächeln ihres Antlitzes zündete sich ein leises Lächeln im Antlitz der

Mutter an, das in beiden schmolz, wuchs, sich verklärte bis zu himmlischer

Freundlichkeit.

Da fragte die Mutter: »Wer bist Du?« und zog Blick, Haupt und Gestalt

langsam zurück.

»Der Engel ist auch Dein Kind! Nimm sie wieder, Elisa! Gloria in Excelsis

Deo!« rief Horazio seiner Theano zu.

Sie wollte die Hände ausbreiten, aber sie sanken, und regungslos blieb sie

ihm in den Armen; Elisa, die schon halb vor der Mutter hingekniet, war ganz

umgesunken -- die goldenen Flügel knisterten, die Lilie lag am Boden, und

Sie, wie ein Engel, wie eine Lilie, blaß und schön daneben. Die Lichter am

Christbaume flackerten auf und verschwanden; die Helle des Himmels schien

in das Zimmer; die Uhr schlug Neun und nach dem Schlage spielte sie ihr

Lied.

Lambton, hab' ich je geweint, so war es da; und wenn die Worte meines

Briefes verwischt sind, so ist es von den großen warmen Thränen, die darauf

gefallen. Nun gehabt Euch wohl!

_Dr. Toland._«

* * * * *

Das las ich bei meinem Grubenlicht, und was Toland's Thränen nicht schon

unleserlich gemacht hatten, das machten die meinen. Ich wußte in meiner

Freude um Elisa, meiner Angst um mich kein Mittel, mich wohl zu gehaben als

das: Ich langte meinen Trauschein aus der Tasche auf meiner Brust,

entfaltete ihn und las ihn feierlich. Die Namen Lisanna und Roßborn, York,

Crabbe und Patrik als Zeugen übten eine gewisse Kraft über mich aus, aber

auch keine; und doch las ich immer ihn wieder, ohne mehr daran zu denken,

bis mich die Andern anriefen mit hinaus zu kommen »in die Welt« wie sie

sagen.

Ich wankte nur »in die Welt;« denn was sollt' ich darin? Sir Horazio's

Ungunst hatte mir der gute Doctor mit klaren Worten geschrieben! der lange

Daniel hatte Marion nicht geheirathet! -- was noch geschehen konnte. --

Doctor Toland selbst hatte meine Sammlung verkauft, und mir 10 Pfund davon

geschickt. Nun Gott segne ihm das Andre! ich bin reichlich bezahlt. Die

15,000 Pfund hat er wohlverdient! Denn Er hat Lisanna zu Elisa gemacht, ihr

Vater und Mutter, Hab und Gut gegeben! Wenn er nur nichts mehr schriebe! es

macht mich nur preßhaft.

* * * * *

Schloß _Rowlandhill_, den letzten April 1821.

-- Und doch erhielt ich am Sonntage Palmarum noch Folgendes von ihm.

»Guter Lambton!«

»Elisa läßt Euch heimlich und leise durch mich grüßen, und herzen und

küssen! Sie herzet und küsset indessen ihr Kind -- den kleinen Aeneas; denn

so mußte es in der Taufe genannt werden, ich weiß nicht, warum. Um nun in

dieser, für die Eltern und für Lisanna so kritischen Lage doch Etwas zu

sagen, hab ich gesagt: der Aeneas sei das Kind des Schulmeisters von

Hobarttown. Das ist ja die bitterste Wahrheit! Lisanna, die unschuldige

Seele begreift nicht, was das ihr auferlegte Verschweigen ihrer _Trauung_

mit Euch _nun_ wirkt! Denn sie ist rein und selig im Herzen! Da Sir

Samuel's Absicht, die ich nur halb loben kann und muß, auf ihre Mutter und

ihren Vater eindringlich und herzangreifend -- durch den unbegreiflichen

und unbegreiflich lieben kleinen Aeneas zu wirken, nun ganz erreicht ist,

gestatte ich Euch, die Verwirrung im Hause zu lösen, wie Ihr wollt.«

»Dr. _Toland_.«

Wenige Zeilen, die aber zu vielen schweren Betrachtungen Anlaß gaben! Ich

mochte mir ihren Inhalt gar nicht klar aus einander ziehen; wie an einer

Baumwolle-Nuß daran gar nicht zupfen; ich brachte das schwellende Gespinnst

nicht wieder hinein. So ließ ich die Nuß ganz unbezupft. Wenn ich nur Sir

Horazio die Acte meiner Einwilligung zur Ehescheidung überreichte, so war

damit Alles gethan: Elisa befreit von Verdacht und Last, Aeneas zum Erben

von Rowlandhill eingesetzt! Und der arme Lambton hatte sich Sir Horazio und

Lady Theano doch einen Augenblick als Schwiegersohn vorgestellt! -- Ich

verlor eigentlich nur Lisanna -- nur! o Himmel! -- nicht _Elisa_, die ich

meines Wissens nicht geheirathet hatte. Ich bat um Verzeihung, so gut wie

möglich, und war so gut wie zuvor. Ach Gott, wenn Lisanna nur auch noch so

gut war, wie zuvor! Doch war sie ganz gewiß noch so gut, wie nur irgend

möglich. -- Und mußt' Ich auch das Kind nehmen, o wie nahm ich's so gern;

und ein Strohhütchen im Sommer, ein warmes Röckchen im Winter, vielleicht

doch einige Aepfel und Nüsse zum heiligen Christ, vielleicht sogar den

alten Nußknacker dazu -- hätten sie ja dem unschuldigen Kinde wohl auch

zugedacht. »Victoria! Lambton,« rief ich, »Du hast überwunden.«

Für die Acte nun, für einen neuen recht sauberen Anzug von Kopf bis zu

Füßen, für Miethe eines Pferdes bis Rowlandhill, gingen meine 10 Pfund fast

gänzlich darauf. Und so ritt ich denn wirklich zum andern Ende von

Rowlandhill hinein; von Morgen! wie ich nach Abend zu daraus weggeritten,

grade so, wie ich den Kindern erzählt, daß es Dem so gehe, der rund um die

Erde reiset. Es war auch Ostersonnabend, wie damals. Dieselben Wolken

schienen noch am Himmel zu stehen, dieselben Lerchen über derselben Sat zu

schwirren, dieselben Knospen an den Zweigen zu glänzen! Wie damals, stieg

der Rauch, wie ein Brandopfer, in die Lüfte, derselbe gute Kuchengeruch

duftete aus den Häusern; die wohlbekannten Glocken schlugen mir gleichsam

an's Herz, und läuteten das Fest ein, und die Betglocke nahm gleichsam den

Leuten die Mütze vom Kopfe. Auch mir. Ich hielt an, und betete lang' und

still, und rief dann: »Soli Deo Gloria! für Alles, Alles, Freud' und Leid!«

Dabei fielen mir die Engel ein, welche die Schrift über dem Präsepio in

Elisa's Zimmer halten -- und Elisa -- und mein Kind! »O, ihr Engel!« betet'

ich nun wieder fort, »schwebet auch so über der schönen menschlichen Mutter

und dem lieben Menschenkinde, dem armen Lämmchen, dem kleinen Lambton! ach,

so heißt er leider ja doch! Aber lasset Ihr ihm seinen Namen nicht schaden,

er ist doch halbes Vollblut, und Euch verwandt durch Lisanna. Aber sehen

muß ich den kleinen van Diemensländer, ja Hobarttowner doch Einmal, zum

ersten und letzten Mal! und meine, meine Lisanna nur zum letzten Mal, und

sollte mir das Herz darüber brechen. Und ist das gebrochen -- was dann aus

mir wird, gilt mir, wie billig, Alles gleich. Gefällt es mir nicht auf der

Erde, so zieh' ich unter die Erde, und unter das Meer -- nach Aloa; da hab'

ich ja den Morgenstern! Oder zurück nach dem seligen van Diemensland, da

hab' ich ja mein Kreuz! Und hätt' ich noch einen Wunsch -- möchten sie die

alte Anna zur Kindfrau nehmen! Kein Mensch wird das Kind so lieb haben, so

warten und pflegen wie sie; auch des Nachts warm zudecken; sie schläft ja

wenig; und hört sie nichts, so spricht sie doch viel, das ist gerade für

Kinder; und singen kann sie, daß man Gott dankt, wenn man schläft! So

schläft auch der fromme Aeneas.«

Im Gasthause, das neue Wirthsleute gemiethet hatten, die mich nicht

kannten, bestellt' ich eine gute Mahlzeit, um nach gethaner Pflicht, nach

zwanzig Wochen Pein endlich einmal froh zu essen. Ich ging indeß noch mit

schwerem Herzen sogleich nach den Schlosse. Ein Diener sagte mir, die

Herrschaften seien nicht gegenwärtig. So ging ich in den Park. Die Blumen

glänzten, die Kirschbäume blühten, und sahen aus, als ob sie aus dem Winter

weißbeschneit auf das grüne Gras, in die milde Luft verzaubert worden

wären; und die Bienen surrten in voller Arbeit, und zogen sich kleine gelbe

Honighosen an, wie zu den Feiertagen! Die Sonne war zum Abend gesunken; und

wie ich am See entlang ging, blendete mich ihr Bild aus dem Wasser; die

Hecken verbargen schon die Nachtigallen, und sie schlugen aus dem

glänzenden Lorbergebüsch, und selbst der Kukuk rief von den schimmernden

Lindenzweigen: ich bin wieder da! kukuk! kukuk! -- Ein Mädchen, die im

Grase mir leise entgegen kam, war nicht Lisanna; aber das Kind, welches sie

durch Tritte im Kies nicht erwecken wollte, mußte der kleine Aeneas sein.

Ich hielt sie an; ich war unglaublich keck und schlug den Schleier von dem

Kinde zurück -- es schlief! und schlief so sanft. Welches Entzücken -- und

welcher Gram! nicht einmal seine Augen sollt' ich sehen! Es sollte mich,

seinen Vater, nicht sehen! Ich nahm das rosige Blüthenblatt, das auf des

Kindes Stirn herabwehte, und hob es mir auf, als Reliquie, die mein Kind

berührt, als Zeugen dieser Stunde. -- Es mußte mir wohl sehr leid thun --

denn die Wärterin fragte mich, was ich denn weine? Ach, seufzt' ich:

»gerade so ein Kind hab' ich verloren!« und verschleierte es, um es nicht

mehr zu sehen. -- Armer Mann! sagte sie leis', und schlich leise, leise

fort. -- _Das_ war nun überstanden! Auch ich schlich leise fort. Die

Fenster eines Zimmers im untern Stockwerk des Schlosses standen offen, und

wie ich mich unterfing, einen Blick im Vorübergehen hinein zu thun, trat

Elisa in das Fenster, nahe, kaum sechs Schritt mir gegenüber. Ich stand,

mich satt zu sehen und zitterte. Sie stand, sie sich -- sie erblaßte, sie

wankte zurück -- sie war verschwunden! Ob sie die Hände ausgestreckt, oder

nur erhoben? Ob sie die Lippen geöffnet, mir noch etwas zu sagen, und was?

dem dacht' ich nach, als ich endlich wieder denken konnte, und schon fern

war. Auch das war überstanden! So ging ich auf den nahen Kirchhof, wo meine

Mutter ruhte, und suchte und fand ihr Grab, mit jungem Gras begrünt. Ich

sagt' ihr, wie ein Träumender, daß ich glücklich wieder da sei! -- so sagt'

ich, aber empfand ich nicht. Ich gedachte ihres Wortes: wenn nur das Jahr

noch um ist -- dann -- dann -- dann! -- »Was die Sterbenden uns sagen,

trifft nicht immer ein!« geliebte Mutter, bemerkt' ich ihr -- »doch daran

bist Du nicht schuld! und Ich nicht schuld!«

Aber Ich wohl? -- sagte eine Stimme hinter mir -- und Doctor Toland reichte

mit die Hand. Willkommen Lambton! Ich eilte Euch nach. Elisa ist außer

sich, und schickt mich her. Spielt hier nicht lange den Geist, sondern laßt

Euch sehen! Sir Samuel ist mit Capitain York gekommen. Er ist seit zwei

Stunden hier, auch die Russel und Talo. Diese nun hab' ich schon

gesprochen, sie sitzen mit Crabben bei seiner dicken Schwester in ihrem

Laden »zur vergrößerten Käsemilbe.« Sir Samuel ist ausgegangen. Was wollt

Ihr nun thun? fragt' er mich.

Das! Doctor Toland antwortet' ich, und gab ihm die Acte. Er durchlief sie

mit den Augen, und sagte, schlau mich ansehend: das ist der kürzeste Weg;

doch übergebt Sir Horazio auch dieß Papier! Ich nahm es und steckt es

unbesehen mit dem ersten wieder ein. Da sah ich Sir Horazio und Lady Theano

von weitem kommen, Arm in Arm. Er hatte keinen Degen, keinen Stock, und

doch fürchtet' ich mich vor ihm. Dr. Toland eilte ihnen entgegen. Ich aber,

aus Erfahrung wissend, daß man vor vornehmen Herrschaften nirgends sicherer

ist, als im Gotteshause, ging in die Kirche, die, wie ich glaubte, eben zum

Abendläuten offen stand. Aber ein neues großes Altarblatt -- mit dessen

Einfügung man eben erst zu Stande gekommen, denn es lagen noch übrige

Stücke von dem breiten goldenen Rahmen auf dem Altar -- zog meine Augen an,

und ohne Mühe erkannte ich das Bild, welches mir Sir Samuel beschrieben,

worauf er selbst als Hoherpriester oben auf den Stufen des Tempels das zu

ihm hinansteigende Kind erwartet. Wahrscheinlich hatte es Lady Theano als

Weihgeschenk für ihre wiedergefundene Tochter, zum Andenken der Kirche

verehrt, und gerade zu morgen, zum ersten Ostertage. Aber der Mann, der,

seitwärts an die Mauer gelehnt, dasselbe Bild betrachtete, wie es durch das

gothische Fenster von der Abendsonne gewärmt und erleuchtet glänzte, war

selber Sir Samuel! -- Da hört' ich Tritte in der Halle; heut' hatte ich

mich geirrt, denn Sir Horazio und Lady Theano traten in die Kirche, und

kamen leise und langsam näher voll Betrachtung. Ein Gitterstuhl, vor dem

der Taufstein stand, verbarg mich. Ich drückte das Gesicht in meine Hände,

und lag so vorgebeugt, wie man das Vaterunser betet. Die Ohren klangen mir.

Wie sich Lady Theano und Sir Samuel getroffen, wie begrüßt, was darauf Sir

Horazio hinein gesprochen, das weiß ich nicht deutlich. Ich wagte später

nur einen Blick, und sahe Sir Samuel vor Lady Theano knien, die laut

weinte, und sich nicht fassen konnte. Nur die Worte vernahm ich jetzt von

Horazio: -- »und wenn es denn Menschen giebt, die nicht zufrieden mit dem,

freilich nur einfachen, prunklosen Gefühl, gut zu sein, darin ein rasendes

Vergnügen finden, zu sehen, _wie weit_ sie der Tugend Hohn sprechen können,

wie leicht das Weib -- das thörichte nur -- zu bethören ist, muß denn der

Freund den Freund zuerst betrügen? oder jemals! muß er, unklug selbst nach

_seinem_ Sinn, an dem sich vergehen, der ihm die Rache gewiß auf das Haupt

schleudert? Und so gewaltsam kannt' ich Dich, meinen Freund, und war dein

Freund, und bin dein Freund!« Er umarmte Sir Samuel heftig, drückt' ihn an

die Brust; und sie weinten sich aus, wie zwei solche Männer weinen. Dann

riß sich Sir Samuel los, und ging, seine Bewegung, seine Reue zu verbergen,

hinter den Altar. Sir Horazio und Lady Theano sprachen kein Wort mit

einander, als wären sie nun geschiedene Eheleute. Aber Sie ergriff zuerst

wieder seine Hand und hielt sie fest. Horazio stand noch unbewegt, gewiß

aus Freundschaft, voll beglückender Gedanken für Sir Samuel, bis er sein

Weib ansah, die ihn mit weinenden Augen anblickte. Und sie drückten sich

die Hände.

Jetzt waltete Vergebung in dem Hause, wo nur Vergebung und Liebe gepredigt

wird -- jetzt naht' ich mich. -- »Lambton!« rief Sir Horazio mich

verwundert an. -- »Alle gute Geister!« rief Theano. Ich verneigte mich

tief; überreichte Ihm die Acte, und trat zurück, sehr glücklich. -- Aber

was sprach er? »Also Rector!« sprach er, »seid Ihr, Lambton! die ganze

Rectorei mit zehn Pfarreien baar bezahlt durch Toland, ist Euer Eigenthum!

Ich wünsche Euch Glück, Herr Lambton, ohn' es zu begreifen. Ihr wart sonst

immer ein braver Mann -- bis auf den Einen Punkt! -- Das schöne gothische

Schloß, wie es steht und liegt, mit allen Gemälden, Antiken, und der

Bibliothek,« wandte er sich zu Theano; »doch der alte Rector ist ein braver

Mann! er will seines Sohnes Schulden bezahlen, da er auf Lebenszeit

verwiesen, sein Erbe nicht sein kann.« -- Ich dachte an Appelmannsborn,

worin ich dem Herrn Sohne mein Compliment gemacht; ich erröthete über

Toland, der die 18,000 Pfund in Summa, also für mich verwendet hatte; über

Sir Samuel's Großmuth, der gewiß noch einmal so viel dazu gelegt, und über

meinen Mißgriff. Ich streckte die linke Hand aus, und empfing die

Verschreibungsacte der Rectorei, und gab ihm mit der Rechten nun die Acte,

die ich meinte; aber nicht mehr so kleinmüthig! Ich war ja Rector! O wie

schnell verwandelt sich des Menschen Herz! Sir Horazio überlas die Schrift,

und ward feuerroth; er gab sie Lady Theano. Sie las, und kam auf mich zu,

stand lange vor mir und bestaunte mich: »Was? Lambton! _Sie_ also sind mit

Elisa vermählt! vermählt? Das konnte sie verschweigen bei unserem Gram! so

still wir auch das Schicksal hinnahmen, denn wir hatten ja unser Kind

wieder! Ich war ja Großmutter! -- Aber Lambton! ich bitte Euch!« -- Doctor

Toland, der indeß gekommen und zu uns getreten war, zupfte mich am Kleide,

und sprach mir leise in's Ohr: »Aeneas macht Euch zum Anchises!« Das

Antlitz Theano's glühte vor himmlischer Freude über die Reinheit ihrer

Tochter! Gott segne sie! Doch stand sie wieder auf und biß auf die Lippen,

und sah mich an. Da fand ich in meiner Angst endlich die, zum zweiten Mal

um den Trauschein verfehlte, Ehescheidungsacte, und reichte sie Sir

Horazio. -- »Noch mehr?« rief er neugierig, und doch -- nicht unwillig. Er

überlas kaum den Anfang, als er schon sagte: »Das ist zu viel! doch geht

das _mich_ nicht an! Das hat Sir Samuel zu entscheiden! Da Er Euch aber

_seine_ Tochter gegeben, so wird Er sie Euch nicht zurücknehmen. Denn Elisa

ist seine Tochter, lieber Toland! Die Eifersucht sieht, was nicht ist, und

so sieht sie auch _nicht_, was wirklich _ist_. Aber wovon ihn nichts

überzeugen konnte von Außen, das glaubt er nun, seit er uns vor wenigen

Minuten -- endlich einmal angehört mit lange unglücklichem Herzen, das doch

des Adels und der Liebe bedarf, um zu leben. Und auch ich werde so

glücklich, als es nun _meine_ Theano wieder werden kann, nun wir _rein_ vor

ihm dastehen.« -- »Er glaubt wieder an Tugend, das heißt an Treue, also nur

an Liebe; und so ist er glücklich, und Ich und Du!« sagte Theano. Mein

Blick wollte sich an Doctor Toland stärken; aber er selbst sah mich eben so

überrascht an, wie ich ihn. Doch leichter gefaßt rief er Sir Samuel. Dieser

kam. Er mußte schon um Alles wissen, denn er sahe mich lange an, dann

Theano, die ihm zunickte. Darauf sprach er fest: »Es soll so bleiben! Ihr

habt keine arme Schule mehr, Ihr habt eine reiche Rectorei, wie ich höre.

Aber bleibt Lambton, der bescheidene, geduldige Lambton, der mein Kind so

liebt, daß er selbst seine Liebe bezwingen wollte, wenn Sie nur glücklich

ward -- wie Ihr glaubtet! Aber lieber Lambton! Gebt dem Weibe Alles, und

entzieht ihr die Liebe, so habt Ihr sie bettelarm gemacht! Ihr, braver

Lambton, wart kein Deportirter, sondern ein Deputirter der Vorsehung. Ich

würde mich noch mehr bedauern, wenn ich nicht gerade durch meinen Irrthum

mein eigenes Kind um mich gehabt! Ja, daß ich glaubte, sie sei nicht mein,

und der Engel könne doch mein sein, machte mir sie doppelt im Herzen lieb:

ich hatte Sie! und noch dazu die _Sehnsucht_ nach ihr, und in dieser auch

die Liebe eines Vaters. Ich führte sie mir, ihrem Vater zu, als ich

vermeinte, sie ihm zu _rauben!_ Ich raubte sie mir, als ich glaubte sie ihm

zuzusenden. Doch auch Lisanna beklag' ich nicht! Wenn eine Jungfrau so

erzogen sein soll, daß sie den Mann glücklich macht; wenn sie selber

glücklich ist, eine gute Mutter ihrer Kinder; wenn sie reine Freude

_gewährt_, und die einfachen dauernden Freuden _genießt_, welche in uralten

Tagen die Freuden seliger Menschengeschlechter waren: so preis' ich Elisa

glücklich! Und Lambton! -- was sagt mein Lambton dazu?« -- Der sagte

nichts, als lächelte und dachte an den Morgenstern und die Mutter im

Himmel. Aber Lady Theano, deren erlittenen Harm er nicht berührte, wandte

sich schonend aus Samuel's Anblick, stieg die Altarstufen hinauf und sah'

in Gedanken und Thränen auf das Altarblatt. Da ging Sir Samuel zu ihr,

ergriff ihre Hand und sprach: »es ist eine Wohlthat des Himmels, daß viele

und verschiedene Menschen oft durch das Glück eines Einzigen ausgesöhnt,

vereinigt und beglückt werden. Diese Einzige ist uns Allen Elisa! Was sagt

Ihr Alle dazu?« wandte er sich umher. -- »Sie geben Dir Alle Recht!«

erwiederte für uns Alle Horazio. -- »Eine zarte Weise zu verzeihen! und die

zarteste, die schönste!« sprach Doctor Toland, der Menschenfreund. -- »Und

was sagt mein Lambton?« wiederholte er. »Unser, unser Lambton!«

verbesserten sie ihn freudig. Da kam Elisa athemlos in die Kirche, und trat

unter uns. Sir Samuel aber streckte ihr die Hände von den Stufen entgegen,

sie flog ihm zu, er schloß sie in seine Arme, _sie_ schloß mich in die

ihren. »Morgen, meine Kinder,« rief uns jener zu, »zieht ihr in die

Rectorei. Sie hat für Doctor Toland, sein Weib, seine Kinder, und für mich

und Talo Raum. Auch die Russel soll dort wohnen! Sie gehört einmal zu

Lisanna's altem Glück.« »Auch Eure alte Anna wird ein Kämmerchen finden,«

tröstete mich Toland recht, der Menschenfreund.

»Heut', meine Kinder,« sprach Lady Theano zu uns, dem neuverlobten Ehepaar,

»müßt Ihr es Euch schon noch in Elisa's Kinderstube gefallen lassen, wo der

Christbaum hängt, wo der Engel jedem sein Kind beschert!«

Lisanna zog mich fort. »Zum Kinde! zum Kinde!« rief sie. -- Und dort

bescherte der Engel mir nun auch mein Kind! und sich selbst! und immer

wieder! Und ich las mit seligen Augen das:

Gloria in Excelsis Deo!

Die Deportirten · 第 16 / 17 题