Sie eilte fort, wie mit Flügeln.
So blieb ich allein mit Clarke, und wußte nicht, was ich anfangen sollte,
ihm Hülfe zu leisten. Aus Mitleid und Angst umarmt' ich ihn, drückte ihn,
und küßte ihn auf die Stirn, auf die Lippen; mit ward so eigen! Ich band
ihm das Halstuch ab -- er schlug die Augen auf, und wollte mich abwehren.
Ich schöpfte nun Trost und riß ihm die Weste auf, ihm Luft zu schaffen. Da
fiel er wieder in Ohnmacht. Aber _Er_ nicht -- so viel sah' ich -- o Gott!
ich schäme mich noch, und halte mir die Augen zu -- _Sie_ fiel in Ohnmacht,
Sie, Miß Clarke -- Clarke war ein _Weib!_ Das Blut schoß mir in's Gesicht
vor Erstaunen. Dann stand ich auf, rieb mir die Hände wie thöricht -- ich
wusch sie mir gleichsam, um so zu sagen, in Unschuld, und vor
unaussprechlicher Freude fing mein Lambton an -- was er, in seinem Leben
nicht gethan hat -- zu tanzen. »Ho! ho! ho! Jetzt ist mit geholfen!« rief
er aus, jetzt bin ich glücklich! Gestern war das Jahr um, von dem meine
Mutter sagte »wenn Du das überstanden hast -- dann -- dann -- dann!« --
Nun! nun! nun! rief er aus, ist es überstanden. Victoria! --
Dann aber schämte er sich, Clarken so zu vergessen -- ach, und das Erste,
das Unerläßlichste war -- er mußte ihm die Weste wieder zuknöpfen. Sie
konnte erwachen und sehen, daß sie verrathen sei! ach Gott, daß er knöpfte!
Lisanna konnte jeden Augenblick kommen, und sehen, was er, und daß er
gesehen habe! Jeder, der jemals in eine so unglückliche Lage gerathen ist,
wird seine Angst begreifen. -- Aber -- und so ein Aber giebt es nicht mehr
in der Welt -- aber wollte er Sie nicht beschämen, nicht auf immer vor
Clarke beschämt stehen, mußt' er sich entschließen. Er nannte sich zu
täuschen, zu betäubst, zu beruhigen, sie seinen _Clarke! Clarke!_ Er band
sich _Clarke's_ Halstuch breit über die Augen, und wie er die Soldaten
gesehen hatte ihre Knöpfe auf dem Knopfholz putzen, schob er Clarke's
Malerstock in die Weste, und knöpfte sie hochgehoben eilend und mit
zitternden Händen zu. Das Sprichwort »was man selbst thut, ist gleich
gethan,« traf nicht bei Lambton ein. Denn er hörte schon Stimmen und Tritte
sich nahen. Das war das schwerste Werk in seinem Leben, die sauerste Weste,
die er zugeknöpft.
Da kam der Doctor Toland, Lisanna voraus, ihm die Stelle zeigend, und
hinter ihnen, von Neugier gelockt, die malayischen Mädchen und Hobday.
Lambton sagte nur eilig noch Toland, daß sie -- -- daß Clarke die Augen
aufgeschlagen; -- und als sie sich um Sie bemühten, lief er in die Felder,
froh wie der König von Ulimaroa!
-- Ich habe dieß Alles in tertiâ personnâ von Lambton erzählt -- ganz
natürlich ist mir das eingekommen, da ich es von mir per Ich! Ich! Ich! aus
bitterer Scham doch unmöglich konnte, unmöglich Mich zu dem närrischen
Menschen bekennen, der ich, oder er, da war; denn ich bin's ja nicht
_mehr_, und war es vorher nicht! »Ich« wird siebenzig Jahr alt -- der
Mensch sollte alle Tage anders heißen, oder kurz weg: Anders! Immeranders!
-- Und doch war das der Wendepunkt meines Lebens.
Aber die Verlegenheit war damit nicht aus! Die Verwirrung ging nun erst
recht an! Daß ich erst spät, spät nach Hause kam, war natürlich. Daß ich
bloß an unserm Stübchen horchte, war natürlich. Daß Hobday mich anlachte
und sagte: »Der Maler Clarke ist in die Wochen gekommen, und hat den
Schulmeister Lambton um die Kinderruthe und die Schule gebracht« --
natürlich! so entsetzlich ehrenrührig es auch war -- das heißt, Gott sei
Dank nur für mich armen Schulmeister sein sollte. Aber meine Unschuld war
-- natürlich; Kindergeschrei -- natürlich. Daß Lisanna die Hände rang, sich
einschloß und schluchzte, daß ich es unter ihrem Fenster hören konnte --
gleichfalls natürlich -- wenn sie mich liebte! scilicet. Und daß die alte
Russel alle Hände vollauf zu thun, und nicht Beine genug zu laufen hatte,
war Alles natürlich! Aber unnatürlich, daß sie mir nachschrie »Ein schöner
Schulmeister! ein schöner Maler! Es ist nur noch ein tausendes Glück, daß
wir dahinter gekommen sind, ehe unsre Lisanna den Clarke geheirathet hat!
Was daraus Alles hätte entstehen können! Nun Gott sei ewig gedankt! Man
denkt, man ist in van Diemensland, in Hobarttown, wo altes Elend bloß
abgebüßt wird! Aber, du lieber Himmel, es ist hier wie in Rowlandhill, in
London, in England, in Europa, in der ganzen Welt!«
Ich ließ sie hausen, lief in die Nacht und in das Freie hinaus und dachte:
Iliacos muros intra peccatur et extra! Aber Wer gesündigt hatte, und
vielleicht extra, sc. muros schon -- das wird schon zur Welt kommen, wie
das unschuldige, liebe Neugeborne. Und doch that ich die ganze Nacht kein
Auge zu, bloß um Lisanna, die Ich erst so ungerechter Weise mit Clarke
beeifersüchtigt hatte, -- besonders zuletzt auf dem elenden Steine -- so
gewiß es an sich möglich war! -- -- Aber o Gott, wenn sie nur auch wirklich
über mich weinte! seufzt' ich -- Dann ist mir geholfen, und Ihr zu helfen.
Ueber was weint sie denn aber sonst, und worüber kann sie weinen? Ueber --
die Ausnahme von der Regel, die heut zu Tage bald die Regel ist? Ueber ein
neugebornes Kind? Mein Gott, das weint ja selber genug! Aber, aber wenn Sie
so schlecht ist, von mir, von Lambton, so schlecht zu denken -- ach, wie
ich doch schlecht genug gewesen war, von Ihr zu denken, einen Augenblick
einen bösen, den elendesten Augenblick meines Lebens -- wie sollte ich ihr
da am Morgen vor die Augen treten? Wie sollt' Ich ein Wort herausbringen,
mich zu entschuldigen, wenn es nicht Clarke that -- oder vielleicht der --
Vetter Tydal! Da ging mir ein Licht auf, grade mit der Sonne, und so froh,
wie sie, daß ich endlich einschlief, wie die Menschen in England, bei denen
sie jetzt unterging. Man wird ganz confus in diesem Lande! Dort gehen sie
schlafen, hier wachen sie auf! Ich möchte wohl wissen, wer eigentlich Recht
hat?
Nun in dem kummervollen Schlafe in der Morgenkälte hatte ich wunderliche
Träume auf meinem Steine; aber ich war auch wieder in England, in
Rowlandhill! Ich sahe einmal die alte Anna, und die Schulkinder, und freute
mich, daß mir die Glieder zitterten, und die Zähne klappten. Sir Horazio
besuchte mich in der Schule, und ich machte ihm lauter gehorsame Diener.
Das mußte mir wohl von dem öfteren Nicken und plötzlichen Vorfallen des
Kopfes im Schlafe, im Traum einkommen! denn mich erweckte mit einem
tüchtigen Stoße vor die Stirn unser großer Ziegenbock, der an mich gewöhnt,
jetzt früh zu mir gekommen, mich nicken gesehen, und geglaubt hatte, sein
Präceptor wolle sich heute einmal zu ihm herablassen, und sich mit ihm
stoßen; und auf meine wiederholten Aufforderungen: »Butz! Butz!« hatte er
es gewiß erst mit schwerem Herzen gewagt und gestoßen! und ganz freimüthig,
also tüchtig und derb-gehorsam als tüchtiger Ziegenbock. Er hatte mich auch
überwunden, und stand über mir wie ein vierbeiniger Triumphbogen, mit
seinem Bart, und leckte mir nun mitleidig das Gesicht, und funkelte mich
mit den Augen an. Ich war ganz naß vom Nachtthau und zitterte noch vom
Morgenfrost, und hatte Ohrenklingen, wie das Bild Memnonis beim Aufgang der
Sonne. Daß ich meine Linden, meine Kinder, meine Anna wiedergesehen, hatte
mich heiter gestimmt; daß mein untergebener Bock mich so subordinations-
und respect-widrig behandelt hatte, brachte mich zum Lachen! und wer in
irgend einer Lage lacht, der lacht; und der lacht, er mag wollen oder
nicht, versteckt zugleich über seine ganze Lage; denn der ganze Mensch
lacht, und auch weinen kann man nicht mit Einem Auge. Ich lachte und
ärgerte mich dann wirklich weit weniger. Dennoch ließ ich mich nicht sehen.
Denn man konnte ja -- da man mich einmal schuldig glaubte, mich nun noch
gar für schamlos und frech halten, wenn ich kam! und ach, auch wiederum für
hartherzig, daß ich nicht nach Mutter und Kind sahe; wie es bloß die
vornehmen Herren können, wenn sie ein armes Mädchen unglücklich gemacht
haben. Darum wäre ich bald hingegangen! Aber Lisanna, Lisanna! Ich war so
böse auf sie, daß ich sie auch bald Anneli -- -- gescholten hätte. Mich für
so schlau, so versteckt und so verstellt zu halten, daß ich unter dem
Deckmantel der Liebe zu ihr -- -- Aber war der Schein nicht wider mich, und
Clarke's Schönheit? Und in dem Liebes-Rechtshandel trat ein vierbeiniger
hölzerner Zeuge, der für zwei lebendige Zweibeinige gelten konnte -- das
frühere Eine Bett -- gegen mich auf; das Zusammensein, das Schwatzen mit
Clarke bis tief in die Nacht. Doch that er mir leid -- wie mußte ihm zu
Muthe sein! Und nur das Vertraun auf Doctor Toland den _Menschen_freund,
und auch _meinen_, beruhigte mich über seine Behandlung, wenn etwa das
Mädchen oder Weib -- ja ja _Weib_, das ist mir eine Herzstärkung von ihm zu
vermuthen -- nun büßen sollte, was Clarke der Maler durch seine Kleidung
verschuldet. Vielleicht auch nicht.
Nur die schöne Talo war mir ein lächerlicher Trost. Hatte sie sich nicht in
Clarke verliebt? und hatte Clarke das sinnige arme Kind nicht manchmal
mitleidig sogar umfaßt und geküßt, um sie mit geistigem Zuckerbrot zu
nähren wie einen Canarienvogel mit dem wahren leiblichen vom Zuckerbäcker.
Das gefällt mir jetzt allerdings von ihm. Doch verrieth ich es auch damals
nicht, so sehr ich zürnte über allen Scherz in der Liebe, und warnte bloß
die kindgute Talo in Lisanna's Gegenwart, vielleicht etwas zu
schulmeisterhaft; zu sehr überzeugt, daß der Scherz in der Liebe der
bittersüßeste Ernst sei; denn alle großen Leidenschaften spielen mit dem
Leben, und Scherz, Herz und Schmerz reimt jedes Kind zu leicht! Denn Talo,
die treue Seele, fing -- damals -- an zu weinen! und auch Lisanna -- als
wenn ich Sie auch mit ihm verdächte. Und ich will mich von dem Doppelsinn
meiner Warnung nicht frei sprechen! Ich hätte Talo vielleicht --
schändlicher Weise -- gar nicht oder doch nicht so gewarnt, wenn ich nicht
Lisannen warnen wollte! Ach, die Liebe ist wohl der Grund von allen guten
und bösen Gedanken und Werken in der Welt! Aber das Böse ist nur der
Schatten der Liebe! man _haßt_ den Einen nicht, man _liebt_ nur den Andern;
wie der arme Vater Brot _nimmt_, und seinen hungrigen Kindern _bringt!_ Mir
kommt es immer so vor, als wenn er es nur _brächte_; nur _bringen_, nicht
nehmen wolle. Ich kann auf keinen Menschen böse sein, höchstens thut mir
einer leid, recht leid, noch ohne daß er einmal ein Vetter von mir ist! Was
muß also nicht erst der fühlen, der ihr Vater ist? Wenn Er immer die Liebe
ist: Liebe! Ich getraue mich hierin Recht haben zu wollen. Mir thut es
bitterlich weh, daß ich mich auf dem Steine so abscheulich mit Clarke
gezankt hatte, oder, daß ich ihn doch hatte so angreifen _wollen_, und er
es sich so zu Gemüthe gezogen, daß er sich sogar entpuppt hatte; was
freilich wohl Alles auch ohne mich, vielleicht zu selbiger Stunde,
geschehen wäre. Ich hatte das Heimweh so arg, wie eine Krankheit; ich
durfte es haben, denn das Patrik'sche Patent-Mittel dagegen, wuchs ja für
mich in Altengland nicht -- vielleicht auch ja!
Ich sahe in meiner Angst schon am Morgen von der Höhe im Felde in das Meer
hinaus, sahe Schiffe kommen, und erkannte zuletzt das meines Herrn Samuel!
Mir klopfte das Herz; ich trieb in den dunkelsten Wald. Spät nach Mittage
hört' ich Talo's Stimme mich rufen. Ich war in keiner geringen
Verlegenheit, als ich vor Sir Samuel erscheinen sollte! Aber zur
Abendmahlzeit! Was sollte das bedeuten? Talo sagte mir weiter kein Wort,
denn sie schämte sich vor mir, wie ich mich vor ihr, und eilte mir voraus.
Ich trieb meine Schüler nach der Hürde, langsam und zögernd. Dann schlich
ich nach dem Wohnhaus. In der Hofthür begegnete mir Lisanna. Wir standen
beide, stumm uns ansehend, vor einander; die Füße versagten mir den Dienst.
Ich lehnte mich mit dem Gesicht an die Wand und hielt mich fest mit flachen
Händen; sie schlich nur an mir vorüber. Als ich mich umsah, war sie
verschwunden. Ich bedauerte herzlich, und mit gefalteten Händen, daß man
die Unschuld, die Gedanken, die Liebe nicht sehen kann! Das wäre doch viel
besser, und ersparte tausend, ja alle Mißverständnisse, Spione, Foltern,
Inquisition und Justizmorde. Auch die Gesandten hätten es leichter. In
Summa: dadurch würde eine neue Welt, eine neue Sprache, ein neues
Menschengeschlecht, ja ich behaupte: Engelsgeschlecht! Dem Herrn, der so
viel Wunderbares eingerichtet, der das Johanniswürmchen erleuchtet, den
Diamant durchsichtig geschaffen, war die Kleinigkeit auch noch eine
Kleinigkeit! Wie gute Wege den Verkehr verkürzen, so würde, wenn jede Brust
ein illuminirter Telegraph wäre, jedes Geschäft viel kürzer, das Leben also
viel länger sein. Auch viel süßer und sicherer! denn Jeder kennete seinen
Mann, und seine Frau, Notabene. Und wie keine Frau, ja kein Mann mit
Flecken im Kleide gehen will, so müßten dann Alle mit reiner Seele
erscheinen. Das wäre wohl Manchem und Mancher ein Schweres, es gäbe dann
wohl so viele arme Seelen -- wie jetzt arme Schelme in Lumpen. Und wenn der
Mensch einmal durchsichtig wäre, dann sähe man auch, was jeder im Magen
hätte; und welcher Schulmeister ließe gern alle Tage dreimal seine
richtigen Kartoffeln darin bedauern? Ich schon nicht! »Das allzuschwere
Fleisch,« wie Hamlet sagt, ist also recht weise den armen Seelen zum Kleide
gegeben, wie die Kleider eine Wohlthat für die Häßlichen und Alten sind.
Man sieht doch ein Halstuch mit Spitzen; einen seidenen Rücken, feine
Casimirhosen und blanke Schuhe, statt magerer Beine &c.; wie man nun feine
gefällige Rede hört, statt List und Trug. -- »So« ist gut! sagt ja Crabbe.
--
Ich hatte kaum seiner gedacht, als mich der leibhafte Crabbe, wie der Wolf
in der Fabel, umarmte! Ich traute meinen Augen kaum.
Ja, ja, sagt' er lachend, Wir sind die Seekälber, die Herr Samuel das Mal
mitgebracht hat! Das war ein wüstes Leben in der Wüste, wo wir mit dem Boot
in der Wasserhosennacht gestrandet! --
Phylax, der mir nachgekommen, sprang an Crabbe in die Höhe, und grüßte ihn
mit Gebell. Nun herein! rief Crabbe, hinein! Dabei drängt' er mich so in
das Zimmer, daß ich sehr uns schicklich und plötzlich vor der Gesellschaft
darinnen erschien, und der freundliche Stoß sie um meinen gehorsamen Diener
brachte. Capitain York bewillkommnete mich schon von weitem, Stephan und
William hingen an meinem Halse, und selbst Mistriß Distreß freute sich, daß
sie mich wieder sahe. Das konnt' ich ihr glauben. Wer sich freut, daß er
einen Andern wiedersieht, der lebt ja selber! Mich aber freut' es am
meisten, auch um meinetwillen, den Vetter Tydal zu sehen! Auch der gute
dicke Roßborn fiel leicht in die Augen, und die Stimme des braven Predigers
Patrik war nicht zu verhören. Heut, hier, lernte ich mir ihn nun ordentlich
auswendig: Ein sehr schöner, hoher, hagerer Mann mit schwarzem kurzem Haar,
schwarzen glühenden Augen und länglichem edlen feinen Napoleonfarbigem
Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand,
mein unvergeßlicher Patrik, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie
kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder König hätte Muth
bedurft ihn zu hören, ja jeder Geistliche; den allergrößten Muth aber hätte
der Papst zu einem öffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn Er,
nämlich, versteht sich Patrik, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und
brannte freileuchtend, wie ein großes stilles Gestirn -- am nächtlichen
Himmel. Und mir war er -- Freund. Es ging gleich zu Tische. Auch Lisanna
war dabei; und jedes Wort, das Capitain York sprach, mich zu legitimiren,
war mir in Ihrer Gegenwart eine Guinee werth. Doch als man zuletzt Herrn
Tydal eine Gesundheit »auf die Bevölkerung von van Diemensland« zutrank,
als der Vetter zum Vater ward, da ertrug es das gute Kind nicht länger, und
ging vom Tische. Sie sprang auf Talo zu, schien ihr etwas zu sagen und
hielt sie dabei umarmt. Sir Samuel schien noch etwas ungehalten, aber er
hielt sich doch, und Frau Russel war am meisten _darüber_ unwillig, daß sie
sich mit all' ihrer Klugheit doch getäuscht hatte!
Doctor Toland besänftigte Beide und sprach: Die Deportirten kommen ja nicht
ohne Fehler hierher, sondern grade sie _abzulegen_; und der kleine
lebendige Fehler der Miß _Clara_ ist so munter und holdselig, daß wir ihrer
Schamhaftigkeit schon vergeben müssen, wenn sie lieber länger das Ansehen
eines lobenswerthen Jünglings, als eines tadelnswerthen Mädchens haben
wollte! --
Auch ist sie ja Herrn Tydal nur aus Liebe hieher gefolgt, nahm Herr Roßborn
das Wort; und um das Glück ihrer Verbannung mit ihm zu erlangen, täuschte
sie nur mit schwerem Herzen! und langte nur mit ihren sehr niedlichen
Fingern in Strandstreet im Laden nach dem -- freilich nicht ihr gehörigen
-- unbedeutenden Malergeräth, das ihr aber ganz Hobarttown werth war! Auch
ist sie selbst so darüber erschrocken, und wie versteinert stehen
geblieben, daß die schwerste That -- sich selbst zu verrathen, ihr leicht
gemacht ward von ihrem reinen Gefühl. Herr Prediger Patrik wird sie dann
trauen, und ein Viertelstündchen nachher das Kind taufen, damit doch
einigermaßen die Ordnung hergestellt werde, was unsere Pflicht ist! --
Ich ward bald blaß bald roth, und herzte die Knaben links und rechts. Am
meisten beschämte mich Capitain York's Toast auf mein-Wohlergehn. Er dankte
mir, zur Rede aufgestanden, »daß ich das Schiff Sr. Majestät durch meine
Bemühung erhalten« -- ohne auf das Wunder Rücksicht zu nehmen, das uns
gerettet. -- Er sagte »ich hätte das Wort Gnade noch einmal über 100
Menschen ausgesprochen.« -- Ist mir ganz unbewußt! -- »Und es müsse und
werde mir hier und dort wohlgehen.« In van Diemensland und in England!
dacht' ich bei mir; denn _Der_ in dem wahren _Dort_ weiß Alles das ja
besser. -- »Unterdeß wird sich Sir Samuel für uns Alle abfinden.« -- So
kann es Einem gehen, wenn man nicht ertrinken will! dacht' ich bei mir; und
wenn ich recht gehört, so weinte Lisanna in dem Jubel. Herr Roßborn
erklärte mich für frei, und dankte gleichfalls, bat aber nicht um
Verzeihung. »Ich habe meine Schuldigkeit gethan, sagt' Er, und Sie, Herr
Lambton, sind so ein pflichtdurchdrungener Mann, daß ich mir von Ihnen
meine Pflicht nicht darf vergeben lassen! Ich werde mit dem Gouverneur
Macquarie sprechen, der dieser Tage hier ankommen wird, und einen guten
Gehalt als Lancaster- und Sonntagsschulmeister, wenn Ihnen Beides nicht zu
viel ist, kann ich Ihnen im voraus versprechen -- wenn Sie bleiben wollen.
Aber Sie wollten doch nur gute Menschen aus Kindern bilden in ihrem
Rowlandhill -- und hier sind Kinder! und hier ist Rowlandhill!« -- Ich
konnte für so viel Glück und Gnade gar keine rechte Worte finden, und bat
nur Sir Samuel mit Thränen, mich in seinem Hause zu behalten! -- »Ist denn
mein Haus Ihr Glück? oder in meinem Hause?« sprach er, mich lächelnd von
der Seite anblickend, und dann sich im Zimmer umsehend. Lisanna verbarg
sich hinter Talo, welche für sie und für sich ein gleichsam doppelt
lächelndes Gesicht annahm, und nach Sir Samuel sah. »Daß ich gut gegen Sie
denke, sollen Sie erfahren, Herr Lambton;« fuhr er fort. »Ein Schulmeister
muß eigene Kinder haben, wenn er Anderer Kinder lieben soll. Die Liebe zu
Andern ist bloß eine Uebertragung unserer Liebe zu den Unsern: auf Andre.
Aber als diese Versetzung oder Phantasie ist sie noch alles, und alles von
Allen zu fordernde Mögliche, jedem nun klare wohlthät'ge Himmlische; und zu
Kindern gehört, meines Wissens, eine Frau nothwendig; und für diese Noth
hab' ich Rath und That. Moses hat bei Jethro Schafe gehütet, und ist Moses
worden. Jacob hat um Rahel 7 Jahr gedient, und gewiß allerlei Vieh gehütet,
und auch wohl mit dem Bieseln der Kühe seine tausendste Noth gehabt, wie
Sie! und die rothe Brausche auf Ihrer Stirn, die Ihnen heut' Morgen der
Bock gestoßen, wird sich auf einige Weinumschläge verziehen, noch ehe Sie
ein Bräutigam werden, wie man sagt. Uebrigens pflege ich Jeden, den ich in
mein Haus nehme, zuerst an Gehorsam und Arbeit zu gewöhnen, welche nicht
nur verstatten »ein Mensch zu _sein_,« sondern erst recht zu _werden_. Auch
Lisanna erzieh' ich nach alter Weise, welche die einzig wahre bleibt, um
sie glücklich zu machen! Denn die alten Königstöchter trugen Wasser vom
Brunnen, spannen und webten -- und liebten, daß sie vor Freuden vom Cameele
fielen, wenn sie ihren Bräutigam sahn, und waren glücklicher als die neuen.
War ich oft hart gegen das liebe Kind, so hatte das seine Ursachen, die an
Ihr und Mir nicht liegen, deren Wirkungen wir Beide nur dulden -- um der
argen Welt willen, um nicht zu sagen der »schönen Welt.« --
Darauf schwieg er mit finstrem Gesicht. Herr Prediger Patrik nahm in dieser
Frist das Wort und sprach: Ja, Gehorsam und Arbeit sind die beiden
Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft und des allgemeinen Glückes!
Wehe denen, die sie nie gekannt, nie gelernt haben und an sie nicht gewöhnt
sind! Jeder Mensch darf nur arbeiten, wozu er Neigung hat; und aus den
verschiedenen Neigungen, welche weise von der Vorsehung allen verschieden
zugetheilt sind, entsteht doch ein mit Allem wohlversorgtes, wohl in
Ordnung gehaltenes Ganze. Und jeder Mensch darf nur so viel arbeiten, als
die Bedingung gesund zu bleiben erfordert. Faulheit ist die Quelle aller
mit Recht so genannten Unthaten; und die Quelle der Faulheit ist die
Unkenntniß des wirklich Guten. Denn Jeder ist eifrig, ja unermüdlich nach
dem, was Er für reizend und strebenswerth hält. -- Und den Gehorsam, die
Gewöhnung einem fremden, ja nur dem eigenen Willen unterthan zu sein, o
mein Gott, wenn ich diese nur mit Engelszungen predigen könnte! Allen
Müttern und Vätern zuerst, die ihn das Volk der Kinder lehren sollen! Denn
im Leben verlangt ein Gott den unverbrüchlichsten, ruhigsten, immergleichen
Gehorsam gegen die Gesetze seiner Welt von jedem, der glücklich sein will.
Er läßt dagegen denken und handeln -- aber die Gesetze walten allmächtig
und eisern fort, und zermalmen den ohn' Erbarmen, der sich nicht fest an
sie anhält. Denn so nur besteht seine Welt, und gehen seine Sterne so
richtig. Welcher Sohn seinem Vater nicht gefolgt, der wird ein Ungehorsamer
bleiben gegen Gott und Menschen; und welche Tochter ihrer Mutter nicht
Arbeit abgelernt, die wird ihrem Manne und ihren Kindern verderblich sein.
Denn wo das Gute nicht ist, da ist das Böse! Wo Frühling ist, da hat der
Winter die Macht verloren, und das Menschengeschlecht darf nicht das Böse
ausrotten, nur das Gute pflanzen. Deßwegen muß die Schule eine ernste,
kirchenheilige Anstalt sein! Ein guter Lehrling wird ein guter Meister, ein
guter Schulknabe ein guter Bürger. Denn im Leben ändern sich nur die
Gegenstände, die uns beschäftigen -- das Gemüth, der Eifer, der Sinn, die
Thätigkeit sollen dieselben bleiben. Nur andere Zwecke, so ist die
Schulstube das Vaterland und die Welt für den Menschen. Wie das _Vaterhaus_
Ihr Vaterhaus war, muß das _Haus_ (Parlament) Ihr Haus -- wie der _Vater_
Ihr Vater war, der _König_ Ihr König sein, die Gesetze Ihre Gesetze, und
seine Diener im ganzen Reiche Ihre Diener, Alle Menschen umher ihre
Gehülfen, Lehrer oder Lehrlinge und Ordner, wie in der Lancasterschule. Wie
schon als Kind findet sich dann im Leben jeder berechtigt, zu helfen, zu
lehren, zu warnen und abzuwehren! Wenn Menschenliebe, das heißt also
menschliche Liebe, in ihnen lebt und strebt, dann bedarf es keiner Gesetze;
denn die Gesetze überflüssig machen, allmälig alle einschlafen lassen bis
auf das Eine, das Selige: die Liebe zu den Unsern und durch sie zu den
andern Bildern des Menschen -- das ist der Triumph des Volkes, und der
Beweis seiner Bildung. Der Liebe fähig, beladen von ihr ist die ganze Welt;
auf Erden haben sie alle Gebilde, alle -- niederträchtig oder unbedacht
sogenannten Thiere, von Maus bis Elephanten, von Wallfisch bis Biber. Aber
die Thiere haben keine Phantasie, und lieben aus eingeborener Kraft und
Macht nur sich und die Ihren, aber sie sind furchtbar allen Andern, eben
nur ohne die einzige wahre Mittlerin: die Phantasie. Fähig der Phantasie
ist auf Erden nur der Mensch, -- der Mann, das Weib, die Jungfrau, der
Jüngling, schon das Kind mit seiner eingeborenen Liebe, und durch sie
folgsam jedem Gesetz Gottes oder der Menschen, wenn es außer Ihr noch Eines
gäbe! Der Mensch voll Liebe und, wohlgemerkt, voll aufgethaner Phantasie --
der Einbildungskraft, der heiligen Kraft sich in Andere einzubilden, und
somit Andere, alle Anderen so treu und lieb zu empfinden wie sich -- _der_
Mensch wird kein Gesetz übertreten, Keinen beleidigen, sondern Jedem
helfen, wo und was er kann, und unendlich mehr thun, als man ihm
vorschreiben könnte. Und wo, wandte sich Herr Patrik an mich, wo werden
solche Menschen gebildet, durch Gottes in allen Menschen bereite gestaltete
Kraft? Schüler, die einst Führer der Andern zu sein verstehen, künftige
Armenpfleger, Vormünder der Waisen, Beistände der Wittwen? Wo, Herr
Lambton? -- Ich antwortete fragend: Wohl in der Lancasterschule! -- Wo,
fuhr er fort, hat man nur Eine Tafel mit dem Ordnungsgesetz, und nur Eine
mit dem Sittengesetz? Wo lehrt man Einen den Andern lehren, sein Leben
ordnen, und es Andern ordnen? Wo, mein Lambton? --
Wohl in der Lancasterschule! versetzt' ich.
-- Ja, wohl, sehr wohl, am besten da! sprach Er. Und wo wird dem Könige,
dem Richter, dem Prediger ein gehorsames arbeitsames, wohlgesittetes und
belehrtes Volk zugebildet, und dadurch wieder dem Volke wohlgesittete,
wohlbelehrte, arbeitsame, getreue Richter, Prediger, und dadurch endlich
eine glückliche, selige Menschheit, ein Reich Gottes -- Lambton?