Also wieder ein unschuldiges Kind! wie heißt es denn? --

Lambton! stammelt' ich kleinlaut, meinen Namen unter so drückendem Verdacht

zu nennen. Ich erzählte ihm darauf meine Geschichte, und Clarke wollte sie

bestätigen. --

In der Ukraine, wie ich glaube, bemerkte ihm Roßborn, bedarf es Sieben

Bauern, um gegen oder für einen Edelmann zu zeugen; hier ist noch mehr wie

Ukraine! -- Darauf wollt' ich mein entscheidendes Zeugniß, vom Capitain,

Steuermann und Stewart unterschrieben, hervorlangen, und suchte es

dringlich, aber -- vergebens! Das war wohl ein Jammer, und machte mich noch

verlegener und verdächtiger! Der Capitain muß es haben, er wollte es noch

untersiegeln! -- entschuldigt ich mich ängstlich.

So warten wir auf den Capitain! morgen geht eine Golette ihn aufzusuchen;

sprach Roßborn geduldig und ohne Bitterkeit. Wenn Sie

Lancaster-Schulmeister sind, und nicht Canonieroffizier, Herr Lambton,

kommen Sie uns wie vocirt! Wir wollen nicht hinter Georgtown, uns nördlich

gegenüber, zurückbleiben, das schon seine Lancaster-, ja seine

Sonntagsschule hat. Und wie noch keiner aus dem gefahrlosen Völkchen der

Schneider hieher verwiesen worden ist, so fand ich auch noch nie einen

einzigen Lancasterschüler, und deren Zahl muß doch Legion sein! Selbst

nicht einmal vor Gericht erschienen ist noch je auch nur Einer. Sie sind

also willkommen, Herr Lambton, und gehen indeß mit Herrn Clarke in das Haus

des eben so angesehenen, als reichen Herrn Samuel. -- Während er uns in

seine Schreibtafel aufzeichnete, fragt' er noch, wie alt ich sei. Ich sagt'

ihm: Sie erlauben, daß ich eigentlich erst 5 Jahr alt bin. -- Das hieße

richtiger 5 Jahr jung! Aber wie versteh' ich das? sind Sie ein Riesenkind?

-- Das nicht, erwiedert' ich; aber ich bin an dem raren 29sten Februar

geboren, und Anno 1800 ist der Schalttag ausgefallen, so hab' ich am

letzten 29sten Februar 1816 erst meinen fünften Geburtstag gefeiert. -- Sie

sind also gegen 24 gemeine Jahr alt, nach gemeiner Menschen Rechnung! Ich

wünsche Ihnen auch die Zahl der Lebensjahre gemeiner Menschen! Sie sind

gewiß ein Glückskind! lächelte Roßborn. Alles Andere wird Ihnen Herr Samuel

sagen und erklären, Arbeit und Gehorsam!

Er empfahl sich diesem, und wandte sich nun zur Versorgung der Andern.

Tydal nahm mit Umarmung und Thränen von seinem Vetter Clarke Abschied. »Auf

Wiedersehn alle Sonntage!« versprachen sie sich. Darauf übernahm Herr

Samuel mich und Clarke.

Da wir uns Beide, indem wir ihm folgten, noch oft mit bekümmerten Blicken

nach den Zurückgebliebenen umsahn, was aus ihnen werden würde, tröstete uns

Herr Samuel von selbst darüber und sprach: Seid ruhig, lieben jungen

Freunde! Wer hier nicht in tadellose Familien als Hausgenosse und Arbeiter

gegen einen mäßigen Lohn untergebracht werden kann, bekommt sogleich

Mittel, das Geschäft, welches er versteht, anzufangen, bis er es auf eigene

Rechnung vermag, und sein eigenes Hauswesen gründet. Arbeiten lernen,

Menschen werden -- ist ihre Strafe; durch Beleidigung Anderer sich nichts

Böses thun, ihr Pensum. Wer so klug ist, das zu lernen, wozu doch wenig

Kopf und Herz gehört, wird mit Ländereien belohnt, die er sich anbaut. Um

ihm dabei an die Hand zu gehn, bekommt er Neuverwiesene zur Hülfe, die sich

wieder bei ihm Haus, Ländereien und Gehülfen erwerben. Und das so fort. Die

Uebrigen arbeiten für die Colonie. Aber man sollte aufhören, Uns immerfort

neue -- Colonisten zu schicken. Man schicke sie _dem Lande_. Jeder bessert

sich selbst am besten. Die neuen Brauseköpfe stören uns nur zu oft. Wir

sind friedliche glückliche Bürger, unsere Herzen sind ausgeheilt und fest,

ja wir deportiren schon selbst in die Inseln, und allemal steigt uns die

Röthe in's Gesicht, wenn wir ein neues Kronenschiff beilegen sehn. Aber das

gehört noch mit zu unserer Strafe! Denn damit Ihr Euren neuen Hausherrn

kennt, sag' ich Euch unverhalten, daß Ich auch ein Deportirter war. _War_,

wohlgemerkt! Einer von denen, die zuerst hier ankamen, und das Alles erst

mit einrichten halfen, was ihr fertig seht. Ihr werdet es unvergleichlich

besser haben!

Fast am Ende der Stadt gewahrt' ich einen schönen Brunnen am Wege, und sah

hinein, indeß Herr Samuel vorausging. Was erblickt' ich! Tief und geräumig

ausgemauert und reinlich, enthielt er eine niedrige Pumpe in seinem Grunde;

aus dem vorüberfließenden Bache fiel ein abgeleiteter Strahl in denselben

hinab. In dem davon unten gesammelten Wasser stand ein junger Mann schon

bis an die Lenden umspült; es schwoll allmälig höher und höher, und ich

sahe vor Augen, er mußte zuletzt ertrinken, wenn er nicht pumpte! Er stand

mit übergeschlagenen Armen. Besorgt um ihn, rief ich ihm zu. Er sah empor,

und ich traute meinen Augen kaum, als ich unsers alten ehrwürdigen Rectors

Sohn, den falschen Spieler auf Jamesstreet in London, an dem Gesicht

erkannte, das von der hinabfallenden Helle des Himmels erleuchtet erschien.

Verlegen begrüßt' ich ihn ehrerbietigst, und machte einen Diener nach dem

andern hinab, und entschuldigte mich, ihn hier drinnen gesehen zu haben. Er

aber griff zum Schwengel der Pumpe, und pumpte gelassen und träg, wie ein

vornehmer Herr arbeitet, nur aus Noth, nicht zu ertrinken, mit den Händen,

die vorhin nur Karten gehalten. Herr Samuel, der mich vermißt hatte, kam

zurück, und da er mich neugierig sah, sagt' er: Das ist der Appelmannsborn!

Herr Lambton, worin die vornehmen Sünder an Arbeit gewöhnt werden. Und nach

einigen Monden Uebung werden die Hände gangbar und geschmeidig; jede andere

Arbeit wird ihnen auf diese leicht, und darum werden sie dann auch willig

dazu, und ihr Lebensglück ist gegründet! -- Im Gehen erklärt' er uns

weiter: Ich verschrieb gleich im ersten Jahre Sämereien aus Holland, und

statt des Samens ist der Zettel aufgegangen, in welchem sich jener befand,

und trägt nun gute Früchte! Das Blatt war Seite 302 und 3 aus Philipps _von

Zesen_ Beschreibung der Stadt Amsterdam, wo 1595 unter den vier

Bürgermeistern Reinier Kant, Balzar Appelmann, Bartel Krumhaut und Jakob

Buhlensen das Clarissenkloster in ein Arbeitshaus verwandelt, und Isebrand

Benne, Isebrand Harmann, und Heinrich Bauch zu Zuchtmeistern bestellt

wurden, die alle verstellte Besessene, Taube, Blinde und Lahme von der

Straße durch den segensreichen Appelmannsborn zur Arbeit brachten. Da war

auch »das Zimmer der Unsichtbaren,« als ungerathener Kinder und böser

Weiber, welche der Mann zum Schein in das Bad schickte, die aber

unterdessen hier gebessert wurden, ohne Schande davon zu haben. Ein solches

Zimmer der Unsichtbaren ist nun zwar ganz van Diemensland, aber den

Appelmannsborn können wir nicht entbehren, und mit gutem Gewissen ihn

recommandiren!

Herr Samuel führte uns am linken Ufer des Flusses hinauf, während er uns

die schönen Meiereien zeigte und ihre Besitzer nannte. Als wir unter

Bewunderung der reizenden Lage bis dahin gekommen, wo der Derwent eine

Wendung nach Morgen macht, wodurch gegenüber ein malerisches Vorgebirge

entsteht, von den frischesten höchsten Platanen bewachsen, wendeten wir uns

links in ein mäßig breites Thal, welches sich sanft nach Abend erhob, wie

ein rückwärts hingelehntes Gemälde. Hier lag seine Meierei in einem großen

Park. Ein klarer Kieselbach rauschte in mehrern kleinen Wasserfällen, die

in der Sonne blitzten, uns entgegen, als wir den sanften Weg hinanstiegen.

Unter blühenden Apfelbäumen standen kleine niedliche Tischchen, Bänkchen

und Stühlchen, um welche viele kleine Mädchen und Knaben versammelt waren,

eine kleine Schule voll, die unmöglich alle Herrn Samuel gehören konnten,

und also Kinder aus der Stadt sein mußten, die hier spielten. Gleichwohl

hatten sie sich allerhand herrliche Blumen und prachtvolle Blüthen

abpflücken dürfen! Die Mädchen putzten sich mit den Granatblüthen, ließen

einander -- diese von ihrer Winterfeige, die andre von ihrer Orange essen.

Die Knaben verfolgten sich mit blühenden Nectarinenzweigen; die größern

liefen fliegenden Eichhörnchen nach; die kleinern kollerten abgefallene

Cocosnüsse den Abhang hinunter, oder hämmerten daran. Jetzt kamen sie um

Herrn Samuel und langten an ihm herauf, und hingen sich an ihn. Das ließ er

zu ihrer Gnüge geschehen. Durch blühende Sträucher und üppige Baumgruppen,

mit unzähligen Singvögeln und Papageien besetzt, kamen wir an eine Brücke,

wo sich das Thal in zwei schmälere Gründe theilte, welche sich in der

Entfernung immer weiter aus einander zogen. Aus jedem derselben rauschte

ein Bach her, welcher sich hier mit dem andern in seiner Natursprache

murmelnd begrüßte und, wenigstens doch vor seines klaren Laufes Ende mit

ihm vereinigt, eilte, die Wasserfälle zu bilden, die uns geblinkt hatten.

Jetzt betraten wir den mit einem sogenannten unsichtbaren Zaune umgebenen

Ziergarten des Parks. Er nahm den Abhang der zwischen beiden Bächen hoch in

der Mitte liegenden breiten Ebene ein, auf deren vorderem Raume ein einfach

geschmücktes geräumiges Wohnhaus uns entgegen schimmerte. Als wir droben

auf dem kostbaren Rasenstück vor demselben angelangt waren, wendeten wir

uns erst, um die Aussicht zu bewundern. Denn wirklich war sie wundervoll.

Uns gegenüber das Vorgebirge mit seinen Platanen; rechts und links zu

unseren Seiten das fruchtbarste, sorgsamst bestellte Feld; vor uns im Thale

der majestätische Fluß, in demselben hie und da kühn und hoch

emporsteigende Felsen, wie Pfeiler einer uralten Riesenbrücke, oben mit

überhangendem Gebüsch gekrönt, von girrenden Tauben bewohnt, und weißen

Wasservögeln umschwärmt. Rechts weiter hinaus der Meerbusen von sanften

Hügeln umlagert, voll immergrünender Bäume; in seinem Schooße die sicher

ruhenden Schiffe von schwarzen Schwänen und Enten umsteuert; uns zu Füßen

die wohlgebauete Stadt, jedes freundliche Haus in seinem Garten, in seinen

Blumen! Und nun erst die röthlichen Ufer des Derwent hinauf; hier

Cocospalmen, weiter hin einzelne Mahagonibäume, die, wie neugierige Kinder,

sich bis an die steilen Abhänge gewagt, sich mit ihren Wurzeln

anklammerten, um hinunter zu sehen; andere, die auf blumigen Hügeln, wie

Wanderer vor Verwunderung, stehen geblieben zu sein, oder dem Fluße immer

weiter entgegen zu gehen schienen, bis wo er in Nordwest aus Marmorfelsen

hervorglänzt.

Und doch bot sich die schönste Aussicht uns erst _hinter_ dem Hause dar. In

bequemer Nähe lag der reinliche geräumige Meierhof in Frucht- und

Küchengärten; noch weiter hinaus die Schäferei, und hinter derselben die

fette grüne unabsehliche Trift in immer blasserem Schimmer bis hin an die

sonnigen Berge, von Thälern und Schluchten durchbrochen, durch deren Lücken

die fernern Gebirge hereinsahen nach der nie gesehenen, reizenden

Pflanzstadt. --

So sieht ein englisches Kind von 15 Jahren aus! bemerkte Herr Samuel, immer

noch mit Vaterlandesstolz, als wir in die schöne Rundansicht versenkt

schwiegen. Hier kann ein Engländer England vergessen! rief ich aus. Wenn er

muß, und dann noch nicht, erwiederte Herr Samuel mit leisem Tone. --

Wenigstens Rowlandhill mitten im Lande, schränkt' ich ein. -- Rowlandhill!

wiederholt' er. Ihr seid von Rowlandhill? Lambton! frug er mit einem

düsteren Blicke, der keine Antwort begehrte. Er setzte sich auf eine

Marmorbank und zeichnete mit dem Stocke ein T in den Sand, machte ein

Ausrufungszeichen dahinter, und verzog Alles wieder. Wen er aber mit dem H

gemeint, welches er aus Punkten in die Erde gestochen, den schien er

gleichsam durch tiefes Einbohren mit der Spitze des Stockes erstechen zu

wollen. Als er darauf in sich versunken lange sitzen blieb, gingen wir,

schüchtern gemacht, indeß auf das Haus zu. Aus der Thür trat uns eine

reinliche, braungekleidete Alte entgegen, welche mit scharfen Blicken ohne

Gruß an uns vorüber eilte, da eben Herr Samuel rief: »Frau Russel!« Dieß

war also ihr Name, der mehr sagt, als wenn ich sie beschreiben wollte, und

sagen, sie war eine halbe Kalmuckin, rauh, ja roth, hatte dunkelrothe

Backen u. s. w. Nachdem sie mit Herrn Samuel einige Zeit vor ihm stehend

gesprochen hatte, kam sie wieder zu uns und hieß uns willkommen, indem sie

einen Schlüssel aus dem ihr anhangenden Bunde suchte. Wir freuten uns

erstaunend, sie zu sehen, scilicet mit Worten; aber im Herzen war die

Freude noch zu ertragen. Doch muß ich ihr nachrühmen, daß sie so viel

Sittsamkeit besaß, die etwas steile Treppe nicht vor uns hinaufzusteigen;

sondern sie commandirte uns im Rücken wie ein braver Offizier: vorwärts! --

links! -- über den Saal! -- rechts in das kleine Giebelstübchen mit einem

Bett, -- welches sie mir und Clarken anwies. Clarke wollte einige

Einwendungen gegen das Schlafen in Einem Stübchen und in Einem breiten

Himmelbett machen mit bevorstehenden heißen Nächten, Enge des Bettes; aber

sie entschied: Miß Lisanna könne erst in 14 Tagen mit den neuen Betten

fertig werden, welche sie nähe und stopfe, da ihr die Sorge für den Garten

obliege; und sie selbst habe Haus, Küche und Rauchkammer zu versehen!

Clarke war roth und verdrüßlich, worauf sie keine Rücksicht nahm. Sie sagte

uns kurz und deutlich, wozu wir im Hauswesen bestimmt seien, nämlich zur

Landwirthschaft! Clarke solle die einjährigen Lämmer hüten, ich aber,

Lambton der Schulmeister, die Rinder! -- Das edle Wort bubulcus, der

Hirtenname Mopsus, das »Tityrus -- sub tegmine fagi« und das »o Corydon,

Corydon!« dienten mir jetzt gleichsam als eine trockene Magenstärkung oder

als Geist gegen den Schwindel; ja ich sahe die geliebte Gestalt »des

göttlichen Sauhirten Eumäus« zu der offenen Thür hereintreten, und mir die

braune magere Hand reichen.

Clarke war nun zufriedener; er wischte den Spiegel ab, stellte sein

Malergeräth auf dem Tische darunter auf, besichtigte dann das Kamin und

prüfte die blanken Zangen. Ich aber trat, während Frau Russel die Decke vom

Bette nahm, manches Nöthige herbeitrug, manches Unnöthige aus dem Stübchen

hinauspracticirte, an das geöffnete Fenster, und sah in den freundlichen

blauen Himmel, und meine Seele sprach eine in ihrer Kindheit auswendig

gelernte Stelle, wahrscheinlich im Vorbewußtsein, daß sie derselben einst

bedürfen werde:

Geduld, die seligste der Tugenden,

Ist nicht umsonst! Du kaufst sie nur durch _Dulden_;

Auch nicht auf _einmal_ wie ein andres Gut;

Allmälig wird sie Dein durch Stillesein

Und Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen.

Der gute Mensch nur kann geduldig sein,

Geduldig werdend, wird er gut zugleich.

Drum, willst Du das, so lern' ein wenig tragen

Und lieben, hoffen und verzeihn; dann immer

Und immer mehr, und immer lieber, bis

Du dieß am liebsten, dieß allein nur thust;

Und also gut geworden, Dir zugleich

Geduld, die seligste der Tugenden,

Erworben: tausend Schätz' um Einen Schatz.

In der Ferne erblickt' ich eine große Heerde Schweine, und die waren mein

Augen- und Seelentrost! Denn wenn ich bedachte, daß mich Herr Samuel sogar

zum Sauhirten hätte ordiniren können, so dankt' ich billig Gott, welche

unanständige Erinnerung er mir erspart hatte, wenn da droben auf unsern

Anstand auf Erden gesehn wird, wie zu bezweifeln steht. Denn derselbe

Dichter sagt ja schon die Worte, welche mir wieder einfielen:

Dem Menschen sei ein jegliches Geschäft

So leicht als gleich! Denn jedes gönnet ihm

Ein Mensch zu sein! Das ist die Sache. Wer

Gelebt hat, der hat viel gethan, der war viel,

Viel in der Halle dieser schönen Welt!

Drum denket würdig von dem Menschenleben,

Und würdig denkt von Euch, ihr Lebenden!

Ein heil'ges Wesen ist, wer diesen Aether

Einathmet! Unter diesen goldnen Sternen

Ist Niemand groß noch klein, nur göttlich Alles!

Und Niemand ist gering, wer dieß erkennt;

Der Erde ew'gen Schätzen gegenüber

Ist Niemand reich; dem Himmel gegenüber

Ist Niemand arm! und Keiner ist verachtet,

Den selbst Allvater für sein Kind erkennt,

Wer ihn darf Vater nennen, und das hört er

Von Allen gern.

Ich hatte heut mein Morgengebet nicht verrichtet, und ich bat den Himmel,

jetzt diese apokryphen Worte dafür anzunehmen, nachträglich. So bedurfte

ich nun kaum des Trostes, den mir die alte Russel einsprach: ich würde

nicht so viel Noth mit dem wohlgewöhnten verständigen Viehe haben, als

vielleicht mit mancher lieben Schuljugend! Es sei das schönste Vieh van

Diemenslandes, und die Häute davon gingen bis Port Jakson, Ostindien, auf

das Cap, ja bis Altengland. Selbst Se. Majestät könne vielleicht Stiefel

davon tragen! vielleicht auch nicht! --

Alles das konnte mir so einerlei sein, wie den Häuten selber. -- Sie eilte

darauf, Clarke mit seinen Lämmern, und mich mit meinen gehörnten Zöglingen

bekannt zu machen, die ihren neuen Präceptor anbrummten und berochen. --

Das rothe Tuch Eurer Uniform macht sie nur scheu, belehrte mich Frau

Russel; morgen sollt' ihr einen ihnen bekannten Anzug, die Namensliste und

Stammbäume des nobeln Viehes erhalten, damit Ihr Euch schätzen lernt. --

Ich erwartete das. Clarken gefielen seine Lämmer, die sie durch die Beine

herausließ und ihm vorzählte. Wir freuten uns auf die schönen Tage, die

heitern Berge, und die stille Zeit des Hirtenlebens.

Ueber all' dem Umsehn und Einrichten war die Mahlzeit herangekommen. In dem

Unterzimmer war ein großer Tisch für Alle im Hause gerüstet, woran gewiß

Herr Samuel präsidirte, für welchen der mit rothem Sammet und goldenen

Zwecken beschlagene Sessel hingestellt ward. Aber er selbst erschien diesen

Abend nicht. Dagegen begrüßten uns neugierig und schalkhaft ein Paar andere

von dem Hausgesinde, wovon Einer, der Kleine, eine wahre Diamond-Edition

von Spitzbuben schien! Noch trat Jemand zum Gebet mit an den Tisch, den

Frau Russel unter dem Anruf »Herr Doctor Toland« einlud, heut Abend den

Wirth zu machen. Sie beteten darauf das in Altengland gebräuchliche Gebet:

von den jungen Raben, denen der Herr ihre Speise giebt zu seiner Zeit; und

der kleine Dieb betete bei den abwechselnd einfallenden Stimmen, diese

Worte grade allein. Mehrere schlanke, kernige, schöne Mädchen, sichtlich

von dem schönen Malayischen Menschenstamme -- »Race« getrau' ich mich von

den lieblichen, edlen Geschöpfen nicht zu sagen -- kamen noch während des

Gebetes herzu, und trockneten sich die Hände. Zuletzt aber kam die

wiederholt gerufene Miß Lisanna, leise wie eine Erscheinung, und darum uns

so plötzlich, so überraschend! Hocherröthet, nach schüchterner Verbeugung

setzte sie sich auch an den Tisch, mir und Clarken gegenüber -- an ihre

Stelle. Wie die Weiber sind, hätte sie uns gern angesehen, welches aber

Clarke's offenes lächelndes Gesicht ihr unmöglich machte, so oft sie es

unternehmen wollte. Meine Augen fanden an Clarke den einzigen Haft und

Trost. Als ich jedoch am Ende der Mahlzeit von dem Herrn Doctor Toland

eingeladen ward, auf Sir -- ich hörte recht -- Sir Samuels! Gesundheit zu

trinken, getraut' ich mich Miß Lisanna anzusehen, die von meinen Blicken,

wie ergriffen auf einem Verbrechen, überrascht zusammenschauderte, und eine

Minute lang mit vergehenden Augen da saß, still und blaß wie ein schönes

Marmorbild aus Sir Horazio's Bibliothek. Clarke trat mir auf den Fuß -- wie

Mistriß Distreß im Schiffe, und trank mir zu. Dabei fiel mir der

Schulmeister schwer auf das Herz! Ich hörte wieder das »Schade, Schade!«

Dennoch segnet' ich meine glänzende Interims-Uniform, die mir doch

wenigstens einen seligen Augenblick, die aufkeimende Neigung, das Sprengen

der Knospe ihres Herzens, bei einem so schönen jungen Mädchen zu schauen

vergönnt, wie Miß Lisanna! Denn aus Ovidius wußte ich, daß eine gewisse

allmächtige Leidenschaft mit Erschrecken und Zittern, mit Furcht und Beben

beginnt. Auch aß sie keinen Mundbissen. Auch ich war satt, und wußte doch

nicht von was. Ich vergab daher endlich auch ganz und gar der Marion, die

selbst den rothen Daniel dem schwarzen Lambton vorgezogen, und wünschte ihr

fröhliche Sechswochen. Nur die 100 Pfund! die 100 Pfund brannten mir auf

dem Herzen! Besonders seit Roßborn meine Vollmacht, sie zu heben, kannte,

und Ich die 100 Pfund redlich gezeigt, aber grade zum Schaden meiner

Redlichkeit! -- Miß Lisanna ging zeitig vom Tische, sagte leise gute Nacht,

und sah sich selbst in der Thür nicht einmal um, so sehnsüchtig ich nach

ihrem Blicke war! Denn -- ach, sie ging! sie sahe nicht auf, mich nicht an!

sie wird mich nie wieder ansehen! Heut ist mein letzter Ehrentag -- morgen

trag' ich den Tityrus-Rock! stöhnt' ich, und ballte die Faust in der

Tasche. Wehmüthig ging ich mit Clarke zu Bett, der mich frug, was ich so

verzweifelt aussehe! Er legte nur Rock und Stiefel ab, schlüpfte in das

Bett, legte sich hart an die Wand und schlief seufzend ein. Vielleicht

seufzt' er gar auch nach Lisanna! Ein Maler versteht sich auf Schönheit,

und schön ist er selber. Darum fühlt' ich die schrecklichste Eifersucht und

Todesangst im Voraus, als er im Schlafe näher und nahe an mich rückte,

seinen Arm um meinen Nacken schlang, und mich, noch lange gedankenvoll

Wachenden, drückte; ja er wollte mit seinem Lockenkopfe auf meiner Brust

ruhen! Jetzt ward ich ernstlich böse -- aber die Hand ließ ich doch dem

armen Schelm in seiner. Er liebt ja Lisanna! -- Also Lisanna! das arme

Kind! du armer Lambton! unterbrach ich unwillkürlich mehrere Male mein

Nachtgebet, bis Sir Horazio's Marmorbilder, Lisanna, Theano, die alte

Russel, die Wasserhose, der Gott Tangalon, Roßborn, Sir Samuel, Lämmer und

Rinder mich in holder Verwirrung umgaukelten, und in den Schlaf brummten,

blökten, blickten, erschreckten, und entzückten -- jedes nach seiner Art.

--

* * * * *

Sonnabend Abend.

Man soll nicht aus der Schule schwatzen, denn wie die Weiber sind; aber aus

der Schule, die ich von dem andern Morgen an, den ganzen Tag über alle Tage

mit dem lieben Viehe hielt, will ich gern kein Wort verrathen. Doch ging es

im Ganzen besser, leichter und lustiger, als ich mir vorgestellt, und die

bekannte Methode, mir Ordner, auch unter den Ochsen zu wählen, bewährte

sich auch hier. Wenn nur die vermaledeiten Bremsen nicht waren! Denn es war

zum Verzweifeln, wenn die Ordner an der Spitze, und dann die ganze Schule

stückweise davon galopirte, durch allerhand Sorten Getreide, wie Hannibals

Ochsen. Ich wartete es geduldig ab, ohne mich mehr, wie das erste Mal, in

Galop zu setzen, wo ich gleichsam mitbieselte, mit aufgehobenem Stocke.

Denn der deportirte Pudel, Herr Phylax, nahm sich darauf meiner an, wie ich

mich seiner durch Crabben verlassenen Person angenommen, und sammelte

wieder die keuchenden Schüler. Wenn nun die gewaltigen Thiere, wie so viel

Joves, auf solche Ermüdung lange nicht fraßen, sondern sich hinlegten, so

waren die Bremsen meine Götter, die mir diese Ruhe »machten.« Doctor Toland

gab mir endlich ein Kraut, es den Thieren anzuhängen. Er ist ein

Menschenfreund!

Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen

geduldigen Lämmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, daß er

sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hüten ist

keine Kunst, aber Rindvieh. -- Lisanna brachte uns das Mittagsessen in's

Feld, und sie tröstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mühe das

Lachen verbiß; die Thränen aber standen ihr in den Augen. Betrübt und

ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und

hätte auch lieber geweint. Dann wußte sie es zu machen, daß sie beim

Hinreichen des Korbes meine Hand berührte, oder ich die ihre mit faßte --

darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobiä! sprach ich zu mir,

während ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah --

wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch

ein Jammer. Doch wenn ich unterdeß im Grunde des Körbchens noch Orangen,

Feigen und frühe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wußte ich

nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhaßt und

täglich verhaßter ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen,

setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, während der

Wind ihr das schwarze Haar über die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten

über uns hinflog, und sie wieder hervorglänzte, als verkläre sie sich und

schwebe. Das Alles mußt' ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne

herzublicken, daß ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und

sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lächelte so hold, so lieb! Wenn

Clarke nicht dabei gewesen, wäre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen --

vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdroß es mich von

Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gespräch zu ergreifen, ja

ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns saß, aber immer näher an

seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind,

das zu Schaden fraß, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen

konnt' ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht bei Clarke, und das war

mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt' ich, daß ich -- daß ich

-- armer Lambton! Ich hätte das nie gedacht, ach -- weil ich es nie

gefühlt, ja nicht geträumt -- das Wort, das umgekehrt Roma heißt! Mehr kann

ich nicht sagen, ich schäme mich vor mir selber. Auch sucht' ich mir nichts

merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus,

wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab' ich nichts zu

fürchten, und dabei sah' er so ehrlich aus, daß ich ihm gern geglaubt

hätte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, daß ich

eifersüchtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein

eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schöner marmorner

Jüngling auf einem gesteppten Pfühl in Sir Horazio's Bibliothek. Ich

dächte, er nannt' ihn einen Aphroditenhermes. So war's doch; und so ist

Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wußte und

sagte mir: daß sie nicht Sir Samuels Tochter sei, daß sie der Frau Russel

als ihrer Pflegemutter am nächsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch

Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedürfe aber eine Waise dringender,

als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und

Liebe, so gering sie sei. So gäbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um

Zweien so gut, wie möglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber

doch thu' ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch

gegen sie, daß sie ihn durch die größte Stille, den emsigsten Fleiß bis

tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drückend, daß

er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewähre, ja zuwerfe -- doch hasse er sie

nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Güte, Zärtlichkeit, ja etwas

Wehmüthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halte ihr Lehrer -- und

schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen -- und verderbe

ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk' er ihr schöne Kleider, und

sehe sie gern darin; dann müsse sie sich einfach, ja schlechter tragen als

die malayischen Mädchen Talo und Ofa, und sehe sich bloß in die Küche

verwiesen, und dürfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar

der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke -- und

Herr Lambton! -- -- Das Alles that mir zu hören noch mehr wohl, wie weh!

Denn wie sich zur Liebe für dieß schöne gute Wesen noch Mitleid gesellte,

dann schmolz mich gleichsam ein wehmüthiges Gefühl; und hatte ich sie

bisher schon geliebt, jetzt hätte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio

sagte, wenn er von den schönen Madonnenbildern in Italien sprach: »Ein Weib

werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich

allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten

die Todten auch schon etwas Heiliges und Göttliches über uns, die wir mit

zitterndem Herzen vor ihnen stünden, sie beweinen -- und ahnen: daß

vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein

göttliches Bild, und ein Bild ein göttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns

anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn

sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege,

dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in

anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt;

Deßwegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind.« -- Sonst

glaubt' ich Ihm das fast; jetzt -- jeden Tag weniger, da ich an Lisanna

sehe, oder an meiner Seele, daß die Liebe ein immer Neues, Schaffendes,

Belebendes ist -- und die Liebe ist ja das Vollkommene! und doch ist mir --

mir Lisanna's erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in

meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in

einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt

erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine

mit dem Schnabelthier, eine mit dem Lamme, und eine mit Lambton; also vier

Gemälde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und

vielleicht kommen noch mehrere hinzu -- vielleicht auch nicht!

* * * * *

Sonntag Abend.

Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser

Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeiten

_Einen_ und ruhen _sechs_. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text

richtig ausgelegt. Immer freut' ich mich daher auf den _Sonntag_; und wenn

ich ihn wieder herangelehrt und gekämpft, und noch müde vom Joche ihn früh

für einen gewöhnlichen Tag hielt, bis ich den Küster hereintreten sah, den

kind-hohen Kirchenschlüssel auf den Arm gehangen -- dann ward mir gleich so

wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so

geistlich, so geschmückt aus, und wenn es auch draußen neblig war, daß ich

die Lindenstämme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut' ist mir wieder so

wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch für Clarke und Lambton, und

jeden geplagten Schulmeister, wie für die Ochsen und Schafe; und der Mensch

läßt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fühllosen

Pflug' und dem bräunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich

auch denen gegeben, die es nicht verstehn! nur genießen -- der ganzen Welt.

Also Sonntag!

Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt' ich doch heute nicht

hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform -- schämt' ich mich. So

saß ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon,

dacht' ich, bei Lisanna -- als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn

es sei Pflicht, daß jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn

Patrik zu hören; übrigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in

Galla. Alle saßen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte

das Frühstück. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der

englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag

mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab' ich Respect vor Euch;

wochentags verlang' ich ihn vor _mir_. Das schien auszudrücken, daß, wie

die heidnischen Römer bloß an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten,

Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle

Menschen gleich wären! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder

Clarke's Bilde im Spiegel sah, das möcht' ich wissen! Aber sie lehrte mich

dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die

malayischen Mädchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an,

aber Ofa nur dann, wenn es einschlägt; daher sagt Sir Samuel: sie haben

keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo

unterrichten, auch Lisanna soll zuhören! Wie wird Sie meine Seele erheben!

--

Im Vorübergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu

gehen hätten! Lisanna seufzte schwer -- vielleicht über mich -- wendete

sich ab, und sah zu den Wolken. Doch mir ist diese gute List zu wohl

bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen möchte und nicht darf, und die

Thränen Einem in's Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie

der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wüßte, nur

glaubte, daß ich _unschuldig_ bin! Brächte nur die Golette den Capitain

York! das wünscht' ich sehnlich.

In der Kirche fanden wir alle unsere Gefährten, die uns heimlich und

freundlich grüßten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene

ernster, aber alle gefaßter, ruhiger -- sonntäglicher! Auch ihre sauberen

Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, daß ich

der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete

uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die

mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit

unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft für die Predigt zu

sparen, und dazu braucht' er sie wirklich.

Denn diese »Verdammten-Predigt« -- (condemned Sermon) -- die Uns zum Leben

und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der

Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein

Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen

himmlischen Glocken also:

»Meine Herren Deportirten! und Brüder in Christo! Vielleicht Handwerker,

Pächter, Gentlemen, Esquires und was weiß ich . . . . . . aber gewiß:

Spitzbuben, Mörder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler,

Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderräuber -- -- -- -- Ihr wundert

Euch, daß ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr

Euch früher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum muß ich Euch

nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen

kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Sünden kommt als seine

Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O daß er

Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wäre mitgegeben worden, Jedem so

mitgegeben würde, dann könnten Eltern und Erzieher sich danach richten,

dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt

der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich!

Nun laßt mich offen zu Euch reden! Und Ihr, höret mich offen an!

_Erstens_, verschreibe ich Euch das allervortrefflichste Mittel gegen das

Heimweh. Es wächset im Walde und heißt -- der Galgen, der Euch in der

Heimath erwartet, wenn Ihr vor der Euch bestimmten Zeit zurück -- flieht.

Ihr könnt auch hier in die Berge fliehn zu den Wilden, wenn Ihr, die Ihr so

lange gegessen habt, auch einmal wissen wollt, wie dem ist, der gegessen

wird. Also bleibt in der Lehre und Zucht! entlauft nicht von der Bleiche,

als halbe Mohren, als Seelen-Mulatten! --

_Zweitens_, erinn're ich Euch und frage: haben Euch Euere Todfeinde je so

viel Herzeleid und Schmach angethan, als Euere Laster? diese falschen

Freunde und süßen Schmeichler des Bösen, die für Eine angstvolle Lust nicht

unter Ein Hundert Schmerzen bereiten. _Sie_ setzten Euch gefangen, sie

brachten Euch Verwünschung und Verachtung, Enterbung und Verweisung; Sie

machten, daß Ihr zum Weinen jämmerlich hier vor mit dasteht! Erkennt sie

nun, und jagt sie aus Herzen und Haus! --

_Drittens_, vergleiche ich Euch mit jener Palme in Japan, die keine Nässe

verträgt, sondern davon verdorrt. Nichts Anderes hilft sie herzustellen,

als sie auszureißen, sie dürren zu lassen, und dann in eine im Sande

bereitete Grube zu setzen. Da, im Trockenen grünen ihre Zweige wieder

saftig, und kräftig trägt sie auf's neue die süße Frucht. Wieder vergleiche

ich Euch mit dem Trauerbaum in Indien, der nur blüht, wenn die Sonne

untergegangen, und vor dem Tage die Blüthen abwirft. Ich vergleiche Euch

mit den Giftpflanzen, die meistens in sumpfigen Gegenden wachsen. Wenn man

sie in reinen guten Boden versetzt und anbaut, verlieren sie ihr Gift. Der

weise König Salomo sagt: sie schlafen nicht, sie haben denn Böses gethan;

sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden gethan -- so sage ich Euch denn,

die Ihr Beides: Uebels und Schaden gethan: so schlaft denn! so ruht denn!

--

_Viertens_, dinge ich Euch, Ihr Tyburn entfloh'nes Gesindel, _gewesene_

Räuber! _gewesene_ Mörder! Für Euch ist kein froheres, kein trostreicheres

Wort, als das sonst so furchtbare, die ganze Natur zerstörende Wort:

_gewesen!_ Nach Allem was der Mensch gethan, gelitten, geliebt und gehaßt

hat, bleibt er ein Mensch! Und was könnt Ihr mehr sein wollen, als:

Menschen? Aber wollt auch Menschen sein! Nicht was Ihr _bis hieher_

gewesen: Füchse, Luchse, Marder, Maulwürfe, Schlangen und Ottern. Streift

alle die Häute ab, und verwandelt Euch in Menschen! Bildet Euch etwa nicht

ein, daß es _lebenslängliche_ Mörder, Ehebrecher und Diebe giebt, wie es

Thiere giebt, die zeitlebens Hyänen, Böcke und Raben bleiben bis auf den

letzten Pelz und die letzte Mauser. Bilder Euch also nicht ein, daß Ihr

bleiben müßt, was Ihr vielleicht nur Eine Stunde waret! Denn welcher Mensch

weiß am Morgen, was ihm des Tages über begegnen wird? Was er denken,

empfinden, beschließen, welcher Mensch, welche Lust ihn reizen, welche

Leidenschaft seine Seele empören wird! Ach, -- ich hoffe, ich wünsche es --

Alle haben die Nacht zuvor in Frieden geschlafen, ihr Morgengebet

verrichtet und auch die Worte gesprochen: Führe uns nicht in Versuchung!

Aber die Leidenschaft ist wie der Wind, von dem Niemand weiß, woher er

kommt und wohin er fährt, und Jeder hört doch sein Brausen. Doch sein

Vorüberziehn richtet oft Grauses an, wirft um, was nicht mehr aufgebaut

wird, wie ein Todter nicht wieder erweckt wird. Und so ist auch der böse

Mensch _kein Fehler_ -- er fehlt nur! ein Mensch fehlt! ein Mensch hat

gefehlt. Die Menschen sind Raqueten, die gefüllt und trocken ruhig an dem

Gerüst des Lebens hängen, bis ein Funke sie entzündet. Die Menschen sind

Kanonen, die nur donnern und morden, wenn sie losgebrannt werden; sonst

stehen alle umher und schlafen wie die Menschen -- ach, und wer es sich

nicht eingebildet, von wem man es nie gedacht hat, den führt man am Abend

in Ketten herein, als leichten oder groben Verbrecher. -- Ihr seid

losgebrannt -- entladen! Ihr seid hereingeführt. Wer wird nicht aufgeweckt

aus seinem schläfrigen Lebensgange, wenn er einen Fehltritt that? etwa

einen tiefen -- von der Höhe der Menschheit plötzlich herab? Wem schlägt

das Herz nicht, der geraubt und gemordet hat, wenn er auch nie mehr von dem

schlafenden Engel in uns, von dem Gewissen gewußt hätte als seinen Namen!

Wem droht dann nicht sichtbar ein Finger vom Himmel? Wer hört den Vater

nicht, wenn er sich an dem Kinde vergriff? Wer erkennet den Gott nicht,

wenn er des Teufels war? Glaubt mir, meine Brüder in Christo, immer noch

von der Gesellschaft Jesu, Spitzbuben, Räuber und Mörder, Ihr habt hinfort

mehr Anspruch und Hoffnung auf ein ruhiges, ja seliges Leben, als alle die

Millionen _Schlafwandler_, die noch gut heißen, weil sie schlafen. Ja, sie

sind darum vielleicht werther und bedürftiger als Ihr, meine Predigt zu

hören. Denn ich verbürge nicht hier mit meiner Sanduhr, daß in 8 Tagen auf

der ganzen Erde nicht Hundert -- eingeführt sind, die heut, jetzt noch sehr

liebe Männer scheinen, und vielleicht sind. Ihr stahlet -- dieweil Ihr

schliefet! Ihr habt aber das ewige heilige Gesetz, Ihr habt den Gott in

Euch erfahren, Ihr fühlt ihn noch und immer, der da heißt: Licht, Rath,

Kraft, ewig Vater, Friedefürst! Das Herz des Menschen ist voll Irrthümer.

Der Tag, wo Ihr keinen einseht, ist ein verlorner. Denn wenn Christus

selber sagte: »was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut,« so kann unser

Bestreben nur sein: _besser_ zu werden, aber immer besser, ohne Ende, ohne

Ermüdung, ohne müßige Zufriedenheit mit uns selbst; und in diese verfielen

wir, wenn wir leidige Menschen je glaubten _gut_ zu sein. Und wie sehr, wie

rasch könnt Ihr Euch bessern! und wie viel Irrthümer habt Ihr abzulegen!

Ich wünsche Euch Glück dazu! Der Wille besser zu werden, der ja ein guter

Wille ist, wenn nicht mehr, vertilgt durch sich selbst alle Sünde, und Eine

gute That aus vollester Seele ist allen guten Werken gleich. Denn _das

Gute_ umher in aller Welt schafft Gott. So ding' ich Euch denn und geht Ihr

spät zur Arbeit in den Weinberg -- Ihr sollt auch noch eueren Groschen

bekommen.

_Fünftens_, tröste ich Euch: Was Ihr auch gethan habt -- Gott hat es

ausgeglichen! Wenn den Menschen die Leidenschaft -- der Teufel -- ergreift,

dann ergreift ihn ihrerseits der Gottheit Hand, damit er Andere und sich

nicht ganz verderbe, im Gegentheil ihnen nütze. Der Mensch ist und wird so

lange unmündig, als er seiner Vernunft nicht mächtig ist; und der

Ober-Vormund Aller wird, bis sie wieder hell ihn erleuchtet, auch der

seine. Die durch Euch Verarmten hat er wieder reich gemacht, wenn sie nicht

besser arm blieben! Denen Ihr die Tochter oder den Sohn geraubt, die hat er

wieder mit Kindern gesegnet, wenn Ihr jene nicht raubtet _zu ihrer Strafe_,

um Eltern und Kindern so auf besonderem Wege das ihnen von Gott zugedachte

Gute zu thun. Die Ihr getödtet, sie schlummern ruhig in seiner Erde, und

ihre Geister leben in seinem Geist. Und doch hat Er Euch dadurch

aufgeweckt. Eine _Seele_ auferwecken ist ein größeres Wunder, als einen

todten Leib erwecken -- sagt Augustinus recht sonderbar nun hier, nun heute

durch mich und aus mir. Gebt in den Sarg der vergangenen Tage alle eure

Werke mit! Seien sie todt und begraben. Ihr aber _erwacht! erwacht!

erwacht!_ und wandelt in einem neuen Leben!

_Sechstens_, frage ich Euch, arme Sünder, wo ist ein Mann dem Gesetze

verfallen, der eine Million Pfunde oder Menschen commandirt? Wann ist eine

Prinzessin an den Pranger gestellt worden? Wo ist ein Königssohn gehangen

worden? -- außer in China. Ihr seht also, welche durchgängig tadellosen,

welche vortrefflichen Leute die reichen Leute sind! wie leicht ihnen der

_Anstand_ wird; wie keck der Arme ist, weil er Nichts hat. Vor dem

_Gesetze_ sind Alle gleich, das ist die große Lüge in den Welt-Menschen,

die die Welt-Menschen schon allein verdirbt. Geben die Georgen, unsere

Könige, einem zudringlichen Bettler eine Maulschelle, das ist nur Rang- und

Machtvollkommenheit; aber giebt ein beleidigter armer Schuster dem Bischof

Eine dergleichen -- welcher Gottesschänder! Aber ich sage Euch: Der

Mächtige und Wohlerzogene, der Unrecht thut, ist doppelte Streiche werth;

werth, doch bei dem Werthe verbleibt es. Der gemeine Mann, der arme Mann

sollte, um pari zu wiegen, wenigstens tausendmal besser sein als der

Reiche. Denn Netto und Sporco-Gewicht ist erstaunend verschieden. O Brutto!

O Tara! Ihr Netto-gewogenen, Ihr seid darum alle wahrscheinlich arm, und

dumm, weil Ihr bös, und bös weil Ihr dumm war't: Drei Fehler, wovon schon

Einer den Menschen in der Gesellschaft zu Grunde richtet, aber alle Drei

ihn gewiß aus Altengland nach Vandiemensland bringen. Darum werdet reich!

Ich sage reich: an Verstand, klug im Sinn, gut von Gemüth -- um keines

Gesetzes, also auch keines Richters mehr zu bedürfen, als dessen -- der im

Verborgenen richtet; und Ihr -- werdet die Wahrheit erkennen; und _die

Wahrheit_ wird Euch frei machen. Also sonst Nichts, aber sie gewiß!

_Siebentens_, fordere ich nicht von Euch, daß Ihr Einen Fehler ablegen

sollt. Denn die ganze Welt konnte es bis heute noch nicht. Und welche

Veränderungen auf der Erde würd' es hervorbringen, wenn alle Menschen nur

Einen Fehler ganz ablegen wollten! zum Beispiel: nur den groben Mord, das

Tödten! -- Aus wäre Krieg und Streit, das Himmelreich begönne auf Erden,

als da, wo es eben bloß nöthig ist, und nicht im Himmel. Was halfen bis

jetzt alle spätere Propheten seit Moses, was selbst allein und für sich

ohne _Thäter_ des Wortes, die göttlichste Lehre. -- Das Menschengeschlecht

steht noch, Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernd, am Berge Sinai, es ist in

der Hauptsache: in der Menschen-_Liebe_ kaum einen Schritt aus seiner alten

Wüste geschritten, trotz der unendlichen Mühe von hundert Orden (etwa von

Malta) und tausend Klöstern, trotz redlicher Päpste und löblicher Clerisey,

trotz Wiklef, Knox und Warden bis heute auf mich herab, der ich im

Kehrwinkel der Welt hier stehe vor Mördern predigend! Untersteht Euch zu

leugnen, was ich sage! Seid nur ruhig! Denn darum verlange ich nicht, daß

auch Ihr Einen Fehler ganz ableget -- sie werden _alle zugleich_ nur

seltener, nur schwächer -- legt Alle nur erst _ein wenig_ ab -- ich meine:

bezwingt sie, dämpft sie, leitet sie ab! Laßt den Mord -- eine Ohrfeige

werden -- dann die Ohrfeige wieder ein sanftes Streicheln der Wange; den

Ehebruch: ein Anlächeln, dann das Anlächeln ein Auslachen; den Raub: ein

bloßes Handausstrecken, dann das Handausstrecken -- ein Handeinstecken; den

Verrath ein Lallen mit der Zunge, dann das Lallen: ein Schweigen. (Und das

Alles als das halbe Werk, bis die Zunge _Gutes_ spricht, die Hand _giebt_,

der Fuß zur Rettung eilt.) So wie Oben gesagt, so thut die Welt, so thun

die Bessern selbst und heißen die Guten, bis sie _besser_ werden. Denn ohne

Sünde ist Keiner! und auch nicht Einer!

_Achtens_, warne ich Euch: seid nicht so anmaßend zu glauben: Ihr leidet um

Eurer eigenen Fehler willen! Dazu seid Ihr die Leute nicht! Ihre eigenen

Fehler büßen nur die größten Männer aller Zeiten, und genießen ihres

eigenen Guten. Das Menschengeschlecht ist so verwickelt, so in einander

verwachsen, aus tausend Absätzen zu einem einzigen Rohre hinaufgeschosset,

daß Eines für des Andern Verschulden leidet, das lebende Geschlecht für das

vergangene, ja die vergangenen alle; die Kinder leiden für die Mängel und

Versehen der Eltern, das Volk um -- das Land, der König für das Volk. Ihr

seid die verkörperten schlechten Seelen Euerer Eltern, die Spiel- und

Weinsucht des Vaters, der Putz und die fette Küche der Mutter; Ihr seid die

Dummheit Euerer Lehrer, die ferne und kalte Schule; Ihr seid die

Saumseligkeit, die Hartherzigkeit, die Lieblosigkeit Euerer Nebenmenschen.

Ihr seid der Beweis noch vielfach-irrenden mangelhaften Geschlechtes, die

Opfer eiserner und _doch nicht_ bindender Gesetze. Ihr seid der

Fensterladen eines Zahnarztes in England, den er mit allerhand bösen Zähnen

geschmückt, zum Beweise: was für ein braver Ausreißer er sei, was er für

Schmerzen gestillt und erregt. Ihr könntet euch freuen und stolz sein, wenn

Ihr die Opfer für das Glück eueres Volkes wär't, wenn um so viel schlechter

Ihr seid, alle jene Zurückgebliebenen nun besser wären, so wie der Wein,

der seine Hefen ausgestoßen. Aber -- aber! ich höre von Schiffen die noch

kommen sollen! Ich hörte Viele sich glücklich preisen, die -- meine Rede

hörten! Und wieder auch, daß sie kommen, ist der schönste Beweis für das

freieste Land! den besten König! Darum segnet Ihn, und segnet Altengland,

denn --

_Neuntens_, lehre ich Euch: Es hat Jemand ein Wort gesagt, das dem Jemand

Ehre und Schande macht, so einfach und albern, so schlecht und gerecht, so

erhaben ist es; der Jemand, der mit dem ersten Buchstaben -- Robespierre

heißt, sagte, als das seinem -- Menschenköpfe liebenden Gemüth mit

Himmelsgewalt abgepreßte Wort: »Das erste Recht des Menschen ist das Recht

zu existiren.« Und nur der Gegenhändler der Schöpfung, Satan, kann das

bestreiten -- wollen. Da aber _der_, welcher nun gütigst existiren darf,

ein von Gott mit Geist begabtes, nie ruhendes rastlos vor und

fortschreitendes Wesen ist, so ist ihm Glück, Bildung, Tugend und

Himmelreich mit der bloßen Existenz zugleich gütigst zugestanden. Mit

Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich -- das bekanntlich und

lautausgesprochenermaßen nur in uns liegt, also in uns lebenden Menschen,

also nicht künftig erst wo da draußen in der Luft voll Goldstaub, der

Sterne heißt -- mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich, ist dem

Menschen, also allen Menschen, allem Volke auf dem Lande, in den Städten

und Pallästen, summarisch: allem Pallast-, Stadt und Landvolke, der Weg und

jedes Mittel zu Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich zugestanden! Und da

schon das bloße Himmelreich aus Friede, Freiheit und Gerechtigkeit besteht,

so ist Allen alle Weisheit, alle Lehre, alle Kenntniß zugestanden -- nicht

bloß schändlicher Weise: dreißig Tropfen davon auf Zucker, mit dem alten

Worte: Gott wird helfen! Und zu aller Weisheit und aller Lehre gehören

allem Volke mit dem bloßen göttlichen Rechte der bloßen Existenz: alle

Lehrer frei, alle Rede frei, alles Lernen frei, alle Schrift frei, in dem

Hause Gottes, wie ja in jedem Hause der Menschen. Nun hört mich: Wer nun

Einen oder Mehrere -- Menschen -- an der Existenz gefährdet, verliert der

den Anspruch auf _Bildung_, oder bekommt er Einen _mehr?_ Hat er sich

derselben als unbedürftig und unfähig gezeigt, oder hat er die unerläßliche

Nothwendigkeit: ihrer theilhaft gemacht zu werden, grade durch seine

schlechte That laut schreiend und unzweifelhaft an den Tag gelegt? Von der

Masse des Volks, die so fort faselt, faselt man: sie sei auf dem Wege zum

Guten, oder zum Bessern. Er, hat seine Unbildung, sein Herz, seinen Sinn

verrathen! Seine Tyrannei! Er, er sei wer er sei -- -- Er muß also gebildet

werden, fähig das Leben zu leben, und Andern zu helfen, diesen Schatz zu

heben. Dazu nun darf der Mensch der menschlichen Gesellschaft, die ihn

allein nur bilden kann, nie beraubt werden, am wenigsten aber -- seines

Kopfes, als welchen er eben am nöthigsten braucht. Christus hat zwar den

Teufeln erlaubt: Säue in's Meer zu stürzen, aber den Menschen nicht:

Menschen vielleicht in _die Hölle_ (und -- »Viel besser ist nun ein Mensch

denn ein Schaf;« Matth. XII 12.), denn es wäre ein ganz unverzeihliches

»dahero retour!« _dem Himmel_ in Armesünder-Kleidern Kandidaten zu schicken

-- die der Erde zu schlecht sind, weil man glaubt: Gott _müsse_ verzeihen,

die sündigen Menschen brauchen es nicht; ja es wäre ein Mißbrauch der

Unsterblichkeit, weil sie nur ewiges Leben ist, zu welcher auch _dieses

Leben_ gehört. Denn Lucä II. 35. steht ein gar bedenkliches Wort von denen:

»Welche aber _würdig_ sein werden, jene Welt zu erlangen, und die

Auferstehung von den Todten!« Demnach kann und wird es also Viele geben --

die da nicht würdig sein werden. Und man kennt sie schon hier. Der

_Abgethane_ aber, wie man so bequem die so bequem gemachte Sache ausdrückt,

ist verloren für seinen Zweck auf der Erde, für sich und die Menschheit.

Wie der Baum fällt, bleibt er liegen. Wenn _man_ nun des _Beispiels_ wegen

abthut, unbetrachtet: daß _man_ Niemandem die Nase abschneiden soll, um den

Andern eine Maske zu machen -- und jede Verstümmelung wird, -- außer das

Kopfabschneiden -- mit dem Tode bestraft -- ist _das_ nicht im Gegentheil

grade das _beste_ Beispiel, welches man dem Volke geben kann: daß

verwiesene Verbrecher gute Menschen werden, die ihren göttlichen Zweck noch

erreichen! Was bedarf ein Gefallener eher als des Aufhebens, des Tröstens,

nicht des in die Erde-Tretens! Was bedarf ein Böser mehr, als guter

Menschen, daß er bei ihnen bleibe, bleibe wie sie, und nicht wieder falle.

Man _zähmt_ das Thier, und _lehrt_ den Menschen! -- dann wehrt er dem Bösen

selber. So wird edel und wahrhaft auch für _die Sicherheit_ gesorgt -- denn

eben nicht die, welche Böses verübet, sind am meisten zu fürchten, sondern

die Freiwandelnden, noch Unerkannten; und so gäbe es keine äußere gnügende

Sicherheit, selbst wenn um jedes Haus eine wolkenhohe Mauer gezogen würde,

und jeder Mann und selbst die Wiegenkinder schußfeste Harnische als

Kleidung trügen. Aber -- ein gutes Herz bewacht sich selbst, den Nächsten

und ein ganzes Reich, ein guter Gott die ganze Welt. Also den Störer der

Menschheit bilden, ihn seinen Zweck erkennen lehren, Gut und Böse

unterscheiden, den Trieb zum Guten zur Blüthe bringen und dazu ihn der

gewohnten Gesellschaft die nöthige Zeit lang entziehen, ihm mit den

Mitteln, deren sein verstocktes, verworrenes, verdunkeltes und reuiges Herz

fähig und bedürftig ist, ernst und stetig beistehen als Einem an dem Herzen

oder dem Geiste _Kranken_ -- und der Lasterhafte ist der leidendste Kranke

-- ihm Arzt und Pfleger verordnen; wenn er geneset, wenn er schwach noch

schwankt, einen Führer zu geben, _das_ hielt der Königliche Stifter von

Bontanybay, von Georgtown und Hobarttown für seine königliche Pflicht. Denn

wenn ein furchtsamer Hase trommeln lernt, der Canarienvogel eine Kanone

abfeuern und ein Floh eine Kutsche ziehn -- wenn ein Mensch sich _die_ Mühe

giebt, die Geschicklichkeit das zu lehren und die dazu erforderliche Geduld

hat, dann soll ein Volk sich schämen, das mit seiner Männer Weisheit es

nicht dahin bringt, daß ein Mordbrenner über die Brandstätte mit

Kindergebeinen _weint_, und weint das Haus wieder aufzubauen, und weint,

»daß diese Gebeine wieder lebendig werden!« Aber freilich ist kein Ruhm und

kein Verdienst dabei, als -- eine Seele zu erretten. Und bessern schwere

Ketten und dumpfe Mauern, schlechte Kost und harte Schläge, Zuchtmeister

und Spießgesellen und Ränkemeister? oder -- die Lehre und das Beispiel, der

Umgang mit festen guten Menschen mit einem Worte: das Leben? Und so lernt

Ihr hier leben! Euer Leben ordnen Männer, die gleichsam die

_Seelenverwandlung_ deutlich machen, die selbst wie aus Bären in Menschen

gefahren sind, und die nun weder mehr zerreißen, rauben noch tödten wollen,

sondern mit der Glut der Erkentniß warnen, bewahren, lehren und bessern.

Niemand ist zuverlässiger als ein gebesserter Mensch. Er hat gelernt, ja

erfahren, und er wird es nie vergessen: daß das Böse bös ist, und das Gute

gut, was jedes Kind begreifen sollte, und was einzusehen den Meisten doch

so viel Leiden und Reue kostet. Darum ist Euer Kerker: das Wohnhaus des

Gerechtwordenen, Euere Spießgesellen sind: gute Kinder und ein frommes Weib

-- Eure Ketten: Bande der Liebe! Euer Zucht- und Arbeitshaus: die schöne

Natur, die Euch zuflüstert Worte des Vaters, und Nachts das Kreuz aus

Sternen über Eueren Häuptern glänzen läßt, und Euch umfängt, trägt, segnet

als ihre liebsten Kinder! Wenn Ihr das empfindet, ach, dann vergeht nicht

in Reue -- sie will Euch selbst mit ihrer Liebe nicht tödten, nein,

erwärmen, beleben, wieder an's Herz des Vaters ziehen.

Aber ich hab' Euch kein Wort von Euerer _Strafe_ gesagt? Unsere Strafe

sollte bis heut noch _Rache_ heißen, denn Strafe als _Strafe_ ist Rache;

wahre Strafe ist aus der mildesten Liebe fließende Warnung, Führung zum

Rechten und Guten, wenn auch auf rauhen Wegen, durch bittere Mittel. So

strafet selber die Gottheit, und der Gestrafte wird bei ihm der Gesegnete

vorzugsweise. Drüben auf den Sandwich-Inseln opfern sie ihren Götzen

Menschen. Wir: alten fratzenhaften Gesetzen. Sind die Worte: »Beispiel,

Strafe, Sicherheit,« etwas Anderes als Götzen, mexikanische, unchristliche

Götzen! Gestehen wir nur, es ist selbst in Altengland noch ein gut Theil

jüdischer Rache, aus den Zeiten der Wüste, darin erscholl: Auge um Auge!

Zahn um Zahn! Keine Vergebung! Keine Menschlichkeit, keine Göttlichkeit!

Und wie Mühl-Rosse konnten die Rechtsgelehrten aus _ihrer_ Mühle: dem

_Rechte_ keinen Ausgang finden, weil barbarische Römer, Republik-Männer

ohne Herz und christliche Liebe -- die sie noch nicht haben konnten bis

Christus erschienen, auf _ihnen schädliche_ Verbrechen den Tod gesetzt;

weil Jemand schlecht geboren: ihn zu hängen, weil er schlecht erzogen: ihn

zu rädern, weil er verführt, verwöhnt, verloren: ihn zu köpfen. Da erschien

fortan und auf immer die Quelle _aller_ menschlichen Gesetze. Wen hat, oder

wen hätte Christus kreuzigen lassen, wenn Er am Palmensonntage König der

Juden geworden? Selbst keinen Juden! Keinen Pharisäer -- er _lehrte_ sie,

denn Er war Christus und _ist noch Christus, der Herr aller Herren auf

Erden_. Und Wer sich zu Ihm bekennt -- _ein Jeglicher_ soll _gesinnt_ sein,

wie Jesus Christus auch war! Also doch wohl vor allen andern: Papst und

Jesuiten, Könige und Räthe, _Gesetzgeber_ und _Richter_. Unfehlbar!

unerläßlich! Furchtbar, wenn nicht unfehlbar! Unerläßlich, wenn nicht

unerläßlich! Wann wird Petrus aufhören, Christum zu verleugnen? oder wer

statt _Petrus_ es thut! Wann werden Christen anfangen: Christi Gesetze zu

Gesetzen zu machen, da doch das schauderhafte Parlament in Frankreich durch

einen eigenen Beschluß Gott erlaubte: Gott zu sein! und dieser Gott sprach:

Dieser ist mein lieber Sohn, Den sollt Ihr hören! und dieser sein Sohn

sprach: Was heißet Ihr mich aber Herr! Herr! und _thut nicht_ was Ich Euch

sage? -- Jetzt aber kniet Alle nieder, und betet ein inbrünstiges

Vaterunser für Alle, welche -- sie wußten nicht was sie thaten -- Menschen

hängen, köpfen, rädern, spießen, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden

zerreißen _ließen_, oder selber zerrissen, es war nun zur Ehre Gottes, oder

zur Rache für Menschen. Kniet und betet! ich bete still mit Euch! -- -- --

-- Und nun hört das Göttlichste, was auch Christus gesagt hat, als das

Furchtbarste in dieser Welt; hört, was Er sprach: »Wenn aber des

Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit

ihm; dann wird Er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor

ihm alle Völker versammelt werden -- (auch Jene, welche die armen sündigen

Menschen enthaupten, verbrennen und mit Pferden zerreißen ließen). Und Er

wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirt die Schafe von den

Böcken scheidet. Und Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die

Böcke zur Linken. Da wird denn der _König_ sagen zu denen zu seiner

Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das

Euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. _Denn ich bin hungrig gewesen_,

und _Ihr_ habt _mich_ gespeiset. _Ich_ bin durstig gewesen, und _Ihr_ habt

_mich_ getränket. _Ich_ bin ein Gast gewesen, und _Ihr_ habt _mich_

beherbergt. _Ich_ bin nacket gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ bekleidet.

_Ich_ bin krank gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ besuchet. _Ich bin gefangen

gewesen, und Ihr seid zu mir kommen_. Dann werden ihm die _Gerechten_ (oder

_Gerichten_) antworten, und sagen: Herr, wann haben wir _Dich_ hungrig

gesehen, und haben _Dich_ gespeiset? Oder durstig, und haben _Dich_

getränket? Wann haben wir _Dich_ einen Gast gesehen und beherberget? oder

nacket, und haben _Dich_ bekleidet? _Wann haben wir Dich krank oder

gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen?_ Und der König wird antworten und

sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch: _Was Ihr gethan habt Einem unter

diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr Mir gethan._ -- Und nun

seht, auch Jene, die geköpft oder köpfen lassen, verbrennen, rädern, mit

glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen. -- -- Wem, ich frage, und

Gott sagt es: Wem haben Sie _das_ gethan? mir schaudert die Wahrheit zu

legen! aber mit Schaudern sag' ich die Wahrheit: sie haben es Gott gethan,

denn _Mir_ habt Ihr es gethan, spricht Christus. Ihr aber verstummt vor

Entsetzen, und betet noch ein inbrünstiges Vaterunser! -- -- -- -- Und nun

steht auf von Eueren Knieen! denn --

_Zehntens_, begrüße ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des

Königs in diese große, freie Lancaster-Schule! Er läßt seine christliche

Gnade über das alte heidnische Gesetz walten, an denen, die _das Gesetz_

nicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch

vergeben, und ließ Euch nicht an einem -- wohlfeilen -- Stricke in eine

andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl

bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schönes Land wie

Elysium, einen einsam gelegenen blühenden Genesungsgarten. Daß er Millionen

kostet, bedauert Er nicht, da _das kranke Kind_ dem guten Vater Ersparniß

zum Verbrechen macht, da Ihr die _Verwundeten_ im Kriege des Lebens seid,

in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeßliches Heer in ewigen Kämpfen

dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch

hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte

Vorbild auch _dieser_ Lancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht,

lehret, pfleget, warnet, heilet, ernähren hilft, und wieder von ihnen

beschützt, genährt und geliebt wird. -- Die Erfindung lag so nahe! Aber sie

war zu einfach und groß, und das Nächste ist oft das Fernste, weil reine

helle Augen dazu gehören, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele,

von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen.

Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander.

Gleicht nicht dem übrigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm

oder den Nebenmenschen schädlichen That _nicht_ warnt, ihm zu einer guten

_nicht_ hilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streit und Rache in

Krankheit, Armuth und Elend, in Haß und Verachtung rennen läßt, wenn er ihm

vielleicht nicht die Grube selber gräbt! Welche aber das wissentlich thun

oder auch nur geschehen lassen, denn die Sünde der _Gleichgültigkeit gegen

Böses_ und _Gutes_, und die daraus quillende Unterlassungssünde ist die

unverzeihliche Sünde gegen den heiligen Geist -- _die_ wird der

Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hölle exportiren lassen,

wie Diejenigen von Euch _Deportirten_, die unverbesserlich sich stellen

oder _scheinen_ -- das sag' ich der Menschheit und Gott ihrem Künstler zu

Ehren -- _Exportirte_ werden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind,

ohne Rath und That, auf wüstem Eiland! Aber weil _Gott_ will, daß Allen

Sündern geholfen werde, darum --

_Eilftens_, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und bürgerlich frei und

selbstständig sollt Ihr werden -- statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos:

ehrbar, statt nichtswürdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als

Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den

Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch

Schuldlosigkeit; den bösen Gläubigern und unbarmherzigen Mahnern durch

Schuldlosigkeit; allen Zwischenhändlern zwischen Menschen und Satan, die

das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glühende Wüste die

fruchtbare Wolke über sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem

Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafür: daß Ihr gut seid; der Strebende wäre

unvernünftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech,

nicht klar über sein Glück im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der

Himmel hört es und sieht es: Der schönste Lohn des Lebens ist das Leben,

das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend und glücklich zu

fühlen. Das macht die Menschen geringe, wie _man_ sie vielleicht haben

will, legt sie an irdische Ketten, und prägt ihre unsterbliche Seele mit

dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, daß sie wegen ihrer Pflicht gelobt und

belohnet -- abgelohnet -- werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern

oft nur Fröhnung der Eitelkeit und Verführung des Sinnes vom Leben sind, zu

stolzer Erhebung über den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein

redliches Herz darunter trägt und mit herzlicher Gnüge arm und ungeachtet

ist. Aber -- ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und

das Mittel zu leben und zu wirken, und das gönnet Se. Majestät Jedem von

Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedürftig, der mündig ist,

und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fähig sind, diese leben bei

Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eine _Strafe_, die den

Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht

ertheilt wird in Euch. Denn was _schaden_ denn eigentlich alle Vergehen und

Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, daß man glaubte, sie sogar mit

dem Tode, dem ganz außer Thätigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu

müssen? (denn dem zu schwer Bereuenden _die Last des Lebens_ abzunehmen,

ihm aus Liebe, aus Hülfe für seine zerrüttete Seele den Tod und den Himmel

zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) -- Das schaden

Vergehen: der Verbrecher raubt _sich_ und Andern _die Zeit_ und die Mittel

zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das

unschätzbareste Material dessen wir bedürfen, und nichts anderes als Zeit,

wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch

zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein

halbes Stündchen am Sonntag lehren, und die übrige Woche die Menschen wenig

erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage über von

Morgen bis Abend bei Euch sein, daß Christi Wort Euer täglich Brot wird,

und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinn _erbauen_, als den

Tempel Gottes und der seid Ihr!

_Zwölftens_ bete ich: Der Herr segne Euch und behüte Euch! Er sei Euch

gnädig, und gebe Euch Frieden!« --

* * * * *

Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend,

wühlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann

schmerzlindernd, tröstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus

Bethlehem. Es war große Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne,

Herr Wardrop, gab Zeichen großer Herzensangst von sich. Der

Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder

John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik

nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerührt auf meinen

Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die

Weiber waren -- geputzt; wie die Weiber sind.

In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden,

und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die

schönsten Aussichten für ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich

nach acht langen Tagen wieder genießen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr

Tydal mir lächelnd, worüber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte

dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst überlassen; aber es that

mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde für ein Schatz! Mittheilung

des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung der Heimath und der Fremde,

und jeder Genuß wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der

Ferne neben uns -- und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf

einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat

ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glänzt

von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen;

und wenn wir ihn daheim betrachten, können wir wähnen, er sehe das Alles

noch, und wir stünden nur abgewendet, mit dem Rücken gegen die sonnige

Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dächt' ich, müßte dasselbe,

und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzüglich, wenn sie dann in der

Heimath unser Weib ist. -- Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit

in der Welt zu genießen, die so heimlich, und doch so gewiß vorhanden ist

-- wem sie gewährt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal

uns andern armen Menschen -- sie genießen sie nur. Ich denke immer: noch

kein Glücklicher hat ein _Buch_ geschrieben, höchstens einen Brief. Darum

machen die Bücher auch nicht glücklich, sie zerstreuen bloß die

Gleichgültigen oder Unglücklichen; nur das _Leben_ beseligt. Wer nur recht

leben könnte! Oder wem nur das beste Glück des Lebens gewährt würde -- wenn

Ich es nennen sollte, ich nennt' es nach meiner Art: Lisanna! Hätt' ich

dann nicht Alles, was Ich mir wünsche? und ich weiß ja die Stelle

auswendig:

Der, wer des Lebens beste Güter hat,

Begehre nicht die kleinen auch zugleich!

Im Großen und im Ganzen segnet' ihn

Ein Gott; und macht die Sonn' ihm hellen Tag,

Was soll ihm all' der kleinen Kerzen Schein!

Des Armen bestes Gut ist Wünschen und Hoffen. Hab' ich doch nun mein eignes

Bett: von Lisanna berührt, und kann unbemerkt und ungestört träumen und

weinen -- wenn Clarke die Nacht seufzt, ja stöhnt. So lange Er seufzt, bin

Ich glücklich! Wenn er nur auch weinen wollte! dann könnt' ich lachen --

aber ich würde nicht!

* * * * *

Weihnachts heiliger Abend 1820.

In Altengland ist heut' Christbescherung, und die Christkinder -- -- wer

sie wohl eigentlich sein sollen! wohl gar -- -- oder doch Engel -- sie

schweben mit ihren großen goldenen Flügeln und Kronen in dem sternehellen,

blinkenden Winterabend, wie von den Sternen hernieder, um die Hütten der

Menschen, und treten mit ihrem himmlischen Gruß hinein zu den Kindern, mit

ihrem Körbchen mit Geschenken voll eigenen Duftes; und die Kinder weinen

vor heiliger Scheu, und verstecken sich hinter der Mutter. Auch die arme

Lady Theano wird vor dem Christbaum sitzen und weinen und Marion wird ihr

Alles bescheren -- nur ihr Kind nicht, das arme schöne Kind! Daniel ließ

sich niemals nehmen, den Knecht Ruprecht zu machen, so gern ich es neben

Marion gewesen -- gewesen! Nun hat er freien Platz. Nun freut Euch nur in

Rowlandhill mit Schneebällen -- hier _blühen_ die Schneebälle, hier stehen

die Gefilde in voller Pracht; ja, das Jahr schickt sich gemach zur Ernte.

Auch diese Vergleichung mit Sommer und Winter, dieß süße Wissen, daß beide

zugleich sind, dieß Hinüberempfinden und Herziehen im Geist, ist eine von

den so heimlichen, und doch so gewiß vorhandenen Freuden in der Welt. Ich

muß mich auch an solche halten. Andere habe ich keine erlebt. Doch stille

Wunder giebt es hier viel. Wenn ich hier wieder durch Blumen und blühende

Pflanzen ziehe, die mir bis an den Gürtel reichen, wähn' ich wieder: ich

bin ein Kind, wie einst, als sie mir um die Brust leuchteten! Aber sie

waren mir nur so groß, weil Ich so klein war. Denn, wenn ich neben meiner

Mutter einzigen Ziege stand, war sie höher als ich; selbst die Lilie war

größer als ich, ich mußte sie beugen, um in den Kelch zu sehen, und zu

riechen. Es ist ganz richtig, daß jeder glaubt, eine Welt verloren zu

haben, wenn er kein Kind mehr ist; ich glaubt' es auch, und konnte sie nie

vergessen. Das zog mich auch so zu den Kindern, daß ich lieber nicht mochte

Vicar werden. Und einen Schulmeisterposten sollte man im Grunde theurer

verkaufen, als eine Stelle im Parlamente; denn sie erhält uns das Paradies

um uns. -- Hier nun mitten in den hohen Blumen auf den unabsehlichen Wiesen

fand ich, Kinderloser, jene erste, liebliche Welt nun wieder; ich bin

wieder im Jugendlande, im Paradiese. Froh in ihm wandelnd, habe ich ein

Herbarium vivum angelegt, und nicht aus dem Grunde, aus welchem mir Doctor

Toland freundlich dazu gerathen, scilicet in England ein groß Stück Geld

dafür zu lösen! Ich lege die Blumen und Pflanzen nur sauber in die Bogen,

schreibe die Zeit dazu: wann, und die Gegend, wo sie blühen, ob hoch oder

niedrig, feucht oder trocken, und sammele ihren Samen unter Nummer einer

jeden. Den Namen weiß ich kaum von Einer; ich glaube, sie haben auch

keinen, wie Findelkinder; wer sie findet, _benennt_ sie. Aber das

untersteh' ich mich nicht, weil ich es nicht verstehe. Es muß aber nicht

gut sein, die Namen schöner Blumen zu wissen; denn wenn ich welche bringe,

und Dr. Toland Eine oder die Andere sieht, sagt er nur: Aha, das ist diese

oder jene -- -- perennis, diese oder jene palustris; dann hat er Alles

gesagt, und läßt die Blume Blume sein! Mir aber stehen noch die Augen auf

ihr fest, und gehen mir über. Behüte doch Gott jede Blume vor einem Namen!

Ich glaube, es wäre auch besser, wenn die Menschen keine hätten, besonders

keine Titel, z. B. Schulmeister. Die Leute sprechen dann nur wie Doctor

Toland: Ah, das ist der und der -- und kehren Einem den Rücken, wie Mistriß

Distreß, ohne zu denken, daß man ein Mensch ist, _zuerst_ und _zuletzt!_

Und die Rücken gefallen mir einmal nicht, weder an Frau noch Mann; sie

sehen alle aus, wie Bracteaten auf einer Seite geprägt.

Clarke hat Sir Samuel gemalt, und so getroffen! Die hohe gefurchte Stirn,

die zusammengezogenen Augenbraunen, das düstere und doch feurige Auge, den

Mund so bitter lächelnd. Das Bild ist darum fast ganz Sir Samuel, weil es

auch nicht spricht. Ich dächte, man könnte nur einen Todten im Bilde ganz

ähnlich finden, weil er uns in der Erinnerung lebt, und das Bild auch nur

Eine Miene, Einen Augenblick darstellt. Das ist das Elend der Bilder! Man

sollte tausend von jeder Landschaft, von jedem Menschen haben, nur ein Jahr

betrachtet, wenn sie noch hinreichten! Auch die alte Russel hat er

verdoppelt, und nennt sie einen schönen Kopf! Wenn man sie lieber könnte

ein gutes _Herz_ nennen, wär' es für uns Alle besser; und doch versteht

sich die alte Hexe auch auf Malerei, und giebt ihm Rath; und als ich mich

mußte malen lassen, gab sie mir die Stellung, und ich mußte sie beständig

ansehen, während sie strickte. Ich konnte den schönen Kopf nicht an ihr,

oder auf ihr finden, besonders da Lisanna hinter ihr stand, wie die Rose

auf dem Dornstrauch. Doctor Toland hat die Bilder in der Stadt gezeigt, und

Clarke's Glück ist gemacht. Alles will sich malen lassen, und den Seinigen

nach England senden. Die Hoffnung bezahlt der Mensch am theuersten, und so

verdient er viel. Sir Samuel hat ihn auch von den Lämmern genommen, und ich

weide allein meine Unverbesserlichen. Clarke hat Lisanna's Bild, das er

noch vollenden zu müssen vorgiebt, auf unser Zimmer genommen. Es hängt über

seinem Bett! Dadurch seh' Ich es freilich besser -- ach, und seh' auch, daß

es sein ist, und Sie vielleicht bald dazu. Denn Sir Samuel befördert nicht

ihr Beisammensein, das sei ferne -- er kümmert sich so gut wie gar nicht um

das Glück oder Unglück des armen Kindes; und die Russel -- verkaufte sie

sogar, wenn van Diemensland von französischen Schiffen besucht würde! Am

Ende muß ich Lisanna's Schicksal segnen, wenn sie nur noch Clarke's _Weib_

wird! O Himmel, Lambton! Letzthin besah' ich Clarke's Blätter in seiner

Mappe während seiner Abwesenheit, und fand zwei Gedichte hineingeschoben.

Wer malen kann, kann am Ende auch dichten, oder vielleicht gar schon vor

dem Malen. Ich trau' es ihm zu: denn welche schöne Hand schreibt er, so

gleich und leicht, als wenn er nie einen Apfel aufgehoben hätte. Ich

schrieb sie mir ab. Das Erste »Gemeinsamer Stoff« überschrieben, lautet --

ja wirklich, es lautet mir immer in den Ohren:

Wenn ich die Rosen seh' im Mondenschein

So dämmernd blühn wie Er, und ihr Gedüft

Mich würzig anhaucht, so wie seines -- wenn

Die Stillgeliebte mir so sanft daherkommt,

So Licht-beglänzt, wie Nachtgewölk am Himmel,

Mir ihre Stimme bang und reizend klagt,

Wie Nachtigallen im Gebüsch; wenn Ihr

Im schwarzen Haare nun Johanniswürmchen,

Die Ich Ihr in die Locken eingestreut,

So golden schimmern, wie die goldnen Sterne,

Wenn Ihr die Thränen auf den Wangen schimmern,

Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien --

Dann scheinet mit Entzücktem Alles, Alles,

Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen,

Die Feuerwürmchen und die Sterne, ja

Die schlummernde Geliebte, und ich selbst

Mir nur aus Einem Stoff gewebt, und Alles

Scheint mir so selig, wie ich selber bin!

Ich küsse dann die Rosenknospen, statt

Der Lippen meiner hold Entschlummerten!

Küß' Ihre sanftgeschloßnen Augenlieder,

Wie das Gewölk, das leicht den Mond bedeckt!

Und wenn Sie mich an ihren Busen drückt,

Geschieht mir, als umarmte mich Beglückten

Die heil'ge Nacht! die schöne Frühlingserde!

Es trifft Alles zu: Lisanna's schwarze Locken, die großen

Blumenglocken-artigen Augenglieder, die Lippen wie Rosenknospen, und auch

die Johanniswürmchen fliegen jetzt! Aber das folgende Gedicht zeigt schon

von früherer Vertraulichkeit: denn der Nordschein blühte ja gleich die

ersten Wochen, als wir hergekommen. Ach, wehe Dir, Lisanna, wenn es nur

nicht auch von genauerer, vielleicht sogar verbotener zeugte. Aber, daß

sich die Verliebten solche Gedichte geben! Ich schämte mir die Augen aus.

Aber Clarke malt auch Manches als von hier, was ich doch nirgends _hier_

gesehen habe. Doch ach, Lisanna spinnt ja, sie hat ein kleines Stübchen!

Der feine Flachs, der Berg, die alten Weiden -- o es trifft Alles! Ich will

es mir zum Jammer herschreiben, das Gedicht, wenn es eins ist, --

vielleicht auch nicht!

Wir mochten endlich eingeschlummert sein --

Doch Traum und Schlaf sind göttlicher Natur,

Und kennen selig nicht das Maß der Zeit! --

Da stieß mich leise die Geliebte an,

Und zeigte mir der Morgenröthe Glanz,

Die wallend in das freundliche Gemach

Wie eine Rosenflut vom Himmel floß;

Und blinkend schien das reinliche Gefäß

Vom Simms der Wand und schattete sich ab;

Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwamm

Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs

Geröthet, und die Spindel eingetaucht,

Womit die Liebliche des Abends spann,

Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt,

Daß selbst die Spinne an zu weben fing,

Ihr Tagewerk beginnend, und der Hahn

Erregte laut die ganze Nachbarschaft

Und alle krähten rings den Morgen an.

Da trieb Sie mich mit bangen Küssen fort,

Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging,

Noch oft zurückgewandt zum kleinen Haus.

Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg'

Nun einsam hier, und sehe ganz erstaunt

Das Morgenroth erbleichen und gemach

Und allgemach erlöschen, aber nicht

Und immer nicht die Sonne mit dem Blitz'

Erscheinen! ja dagegen treten leis'

Die größeren Gestirne wieder vor,

Und selbst der kleinen Silberflimmer blinkt

Aus lichter Bläue; rauschend flammt der Wald,

Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf!

Die Lerche, die schon an zu singen fing,

Steigt wieder stumm, getäuscht und wie beschämt

Vom Himmel nieder in die junge Saat!

Bang ächzend schwirrt die Eule wieder um,

Die alte Weide leuchtet wie ein Geist,

Und nach der Sterne Stand ist's Mitternacht!

Ist's nicht genug, daß Menschen Liebende

So oft beleidigen? -- Nun fängst du selbst,

O Himmel, sie zu täuschen an, und schickst

Als Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir?

Das war ein Schweres! Ja »Nordlicht« ist es auch überschrieben. Aber ich

stehe mit meinem Kopfe für Lisanna, daß sie ein Engel ist, an Reinheit und

Liebe. Ach, ich hab' es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben,

und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben müßte! --

Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der

Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklären, als wenn sie mein

Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug

zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Kälber ab, wie

Clarken die Lämmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur

hingejagt, wo schöne Aussicht war, bis auf die höchsten Berge, wo Tydal

saß. Aber auch auf Clarke möcht' ich trauen! Ich seh' und hör' ihn selber

so gern! Er ist lange in London gewesen, und weiß tausend Dinge Lisannen

und den malayischen Mädchen zu erzählen, und ich nicht einmal viel von

Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfährt _der_

in der Schule? Die Kinder wollen von _ihm_ erfahren, und das Wenige, was

ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa weiß, hatte mir die Russel in

einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefällt auch den Männern durch

sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so

gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewöhnlicher Höflichkeit von Mann

gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien für sie mit ein. Freundlich

gegen den Geringsten, hülfreich selbst den Weibern in der Küche, und Miß

Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste für Sir Samuel, wozu er ihr

Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir

anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen

buckligen Hobday über die Mädchen, und selber Lisannen, anhören mußten, und

so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts

aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend

fortzugehen: so muß ich doch Clarke die Ehre geben, daß Er durch seine

glückliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstände seines Gesprächs, durch

Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich -- wenn auch nicht

das schöne Gefühl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch

eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren

Gewohnheit sie bändigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um

Lisanna's willen, die ganz unglücklich wäre, wenn Sir Samuel und Frau

Russel nicht beständig wegen ihr uneins wäre, so daß Eines von ihnen sie

immer niederdrückt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht

getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre

Seite! Dafür segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett

geworden, als sollt' er hier Mayor werden. Ich würde es dem gesunden Klima

zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blässer würde! Aber auch Er sieht

dabei blässer und bekümmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht also _nicht

immer_ ein fröhliches Haupt. Er läßt sich auch verlauten, er wolle sich in

der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefällt -- und wer der Mutter

gefällt, den soll gewöhnlich die Tochter heirathen -- hat ihm, horribile

dictu, Lisannen angetragen! Und er macht Ausflüchte! Sie ist ihm

wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie

unglücklich würd' es mich machen, wenn mich Lisanna liebte -- dann ginge

erst meine Noth an. -- Sprachbemerkung: »Anna« darf in Compositis niemals

voran stehen, denn wie schön klingt Marianna! und wie häßlich Annamarie!

wie hübsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig

Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft

doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist

doch immer so schön, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna!

* * * * *

Osterfeiertage 1820.

Was ich heut' einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter

gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland

zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe

herbeizutreiben und zu schätzen, Wolle zu wiegen, Häute zu zählen, Schinken

und geräucherte Zungen aus der großen Rauchkammer zu holen und einzupacken,

und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschäfte macht,

um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestraße

geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland

regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um

einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als

grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch

unbewohnt, rings umher war mit leichter Mühe und ohne Kosten der fruchtbare

Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die köstlichen

Blumen abgebrannt! Das macht mir den Ort schon verdrüßlich. Er malte auf

einem großen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die

Gegend. Ganz von weitem erblickt' ich Lisanna und Doctor Toland, welche

kamen -- Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen für

sein fertig werdendes Bild.

Nach ziemlich langem, verdrüßlichem Schweigen sprach er zu mir: »Freilich,

wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie

Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal

nachgeschaffen hat, mit diesen natürlichen Landschaften hier vergleicht, so

kann man nur unsern Herrgott für einen Meister halten! Menschliches Wesen

ist Schülerwerk; und doch versteht man nur diese schöne Welt als ein großes

Kunstwerk, vollendet ausgeführt bis auf die feinste Ader im kleinsten

Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so

nachzumachen. Die Kunst schließt den Künstlern den Geist auf, und die

Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit muß ein Vernünftiger

zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste

Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat -- in

denen man spazieren gehen kann -- keins seiner Marmorbilder dem

Meisterstück der Natur, dem schönen Menschen, gleicht -- das mit uns reden,

uns lieben kann -- nicht das wärmste frischeste Gemälde seinem Urbilde.

Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nur _vor_, was man in sich tragen

muß, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam

in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht

auf Wolken und Sonne.« --

Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn

nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, der sie wieder darstellen kann,

der Künstler? Sind nur die Künstler die Glücklichen? Aber ich kunstloser

Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemälde, und wer

Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke!

-- Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen

zu können, als einen gebratenen, Lambton! --

In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch

sagt' ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen für unglücklich,

der keinen Sinn, keine Fähigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und

so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Künstler. Liebe als

das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich

schöner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein

Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die

Staubfäden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen

da ist! Von Felsen stürzen, schäumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien muß,

was sie locken und rühren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder --

aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch

hat sie nicht gemacht, sie ist nicht -- gemalt! --

Man will also doch auch gemalte Natur, spitzte mich Clarke, und von diesem

Wahne leben wir Maler! Es muß etwas dahinter sein, sonst verhungerten wir!

--

Aber ich hoffe von den Menschen, versetzt' ich ihm, wenn Jederman:

Hausflur, Saal und alle Zimmer bis auf den Boden wird voll Gemälde haben,

daß er sich dann wieder hinaus in's Freie begeben wird, um das ihm selten

Gewordene zu sehen. Ich -- ich bleibe gleich lieber draußen! --

»Freilich, wer mit der Natur selbst verkehrt, wer ihre Morgenröthen, ihre

Abendscheine, die Frühlingserde, die bunte Herbstlandschaft oft bestaunt,

als Gotteswerk, wie Ihr, guter Gottesmann Lambton, und dabei ein armer

Schelm ist, für den mal' ich keine Gemälde.« --

Ihrentwegen, sprach ich über die Anspielung auf meinen Beutel ärgerlich,

miß' Ich wenigstens niemals den Sonnenaufgang, oder das unheimliche

Helldunkel der Sonnenfinsterniß, die selige Ahnung bei Mondverschattung --

oder das feurige »_Nordlicht!_« Ich verließe gern die kleine Hütte des

Nachts um -- -- -- »Das Nordlicht!« wiederholte Clarke, und erröthete, als

wenn es ihn eben anglüh; ach, das Nordlicht! seufzt' er, und senkte sein

Kinn auf die Brust. --

Getroffen! dacht' ich, und fuhr fort: Nicht um alle gemalten St. Johannes-

und Christus-Kinder, wollte ich missen, Ein lebendes kleines schönes Kind

zu betrachten, besonders, wenn es mein eigenes wäre. --

Mein eigenes! wiederholte Clarke unruhig, und hörte auf zu malen.

Nun mußt' ich das Schreckliche wagen und sagen: Nicht um alle Magdalenen,

Marien, Annen und Lisen wollt' ich nicht mehr _Lisanna_ sehen! --

-- »Auch Sie hab' ich getäuscht, was wird Sie sagen? und erst Sir Samuel,

Roßborn und -- Patrik!« sprach Clarke, nur eben noch verständlich vor sich

hin. --

Das war die bitterste Stunde meines Lebens! Es gab mir einen Stich in's

Herz, und der helle blaue Himmel ward mir dunkel und schwarz. Unfähig, mich

sitzend zu erhalten, sank ich mit dem Gesicht in das grüne Moos auf dem

Felsen und athmete kaum.

Das war wohl ein Jammer! -- Nach einiger Zeit hörte ich eine Stimme rufen:

Clarke! Herr Clarke! -- und nach einer Pause erst wieder: Lambton! Herr

Lambton! o lieber Lambton! Es war Lisanna unten am Steine. Ich regte mich

nicht, und nun erst brachen die Thränen mir aus, daß ich schluchzte.

Endlich kam sie herauf und stand vor mir und klagte: Mein Gott, bester,

einziger Lambton, was ist geschehen? Wie seht Ihr aus, blaß und außer Euch.

Ihr weint!

Sie kniete zu mir, und beugte sich über, daß ihre Locken meine Stirn

berührten. O! seufzt' ich, und wollte sie wegdrängen von mir -- aber sie

hing mit ihrem Engelsgesicht über meinem, ihre großgeöffneten Augen

schwammen in Thränen, ihr Gesicht war lilienblaß, und ihre Züge sprühten

doch gleichsam Angst, Hast und Zärtlichkeit, indeß ihre Lippen bebten! Und

so voll unendlichen Mitleids mit ihr, sagt' ich nur leise: »Gehe zu

Clarke!« --

Von dem komm' ich ja! erwiederte sie -- der liegt unten am Felsen und regt

sich nicht. Ermuntere Dich -- ! -- lieber Lambton, komm', hilf ihm, o

komme, wenn Du -- -- mich lieb hast -- ! --

So eilte sie vor mir hinunter. Als ich ihr nachkam, kniete sie schon bei

Clarke, und hielt seine rechte Hand in ihren; seine linke hielt noch den

Malerstock. Gewiß war er, von Gefühlen überwältigt, rücklings übergesunken,

und an dem langen grünen Grase hinunter geglitten. Mich jammerte sein und

Lisanna's! Es that ihm ja leid! --

Die Deportirten · 第 11 / 17 题