Die Deportirten

Die Deportirten.

_Rectorei Rowlandhill_,

den 1. Januar 1822.

Lieben, lieben Freunde!

Da ich vielleicht Euch vielen Kummer gemacht habe, wie ich hoffe, hoffe ich

nun, da die Sache so gar einen glorreichen Ausgang genommen, Euch gewiß

viele Freude zu machen! Man kann Abends noch vor Schlafengehn auf dem

Stiefelknechte das Bein brechen; und Ich bin um die Welt gereiset, und mir

hat kein Zahn wehgethan, kein Haar ist mit gekrümmt worden! Die guten

Menschen die, welche alle da rund umherwohnen, lieben, leben und sterben,

Gott segne sie! Ich habe nur lauter gute Menschen gefunden! Nicht einmal

eine Nachtmütze hab' ich verloren -- ich hatte leider meine beste und

einzige zu Hause gelassen -- nur meine schwarzseidenen Strümpfe hat mir

eine Art von geistlichen Herren gestohlen. Ach nein, nein, nicht gestohlen!

ich habe sie ihm im Herzen viel zwanzigmal geschenkt, als ich sie an meiner

Wiederherstellung des Zwickels erkannte; der arme Mann bedurfte ihrer zu

seiner Amtskleidung, und sie mögen ihm seine magern Beine, die ihm der Herr

stärken wolle, warm halten, wo er geht und steht. Ich bin so freudenvoll,

daß ich es Euch gar nicht sagen kann! Ich habe ein Großes überstanden. Wenn

nur meine Mutter noch lebte, oder mein Vater, oder nur der Großvater! Gott

segne ihn! Wie würde es ihm die Seele laben, wenn er meine Geschichte unter

seinen Sixpence-Büchlein mit im Lande umher tragen könnte! Gewinn würde er

freilich wenig davon haben, er schenkte gewiß mir zur Liebe alle Exemplare

weg und sagte: leset nur Leute! das hat mein Sohn gethan! -- Er war einmal

so; wie manchem armen Kinde hat er ein schönes Lied, ein Paar Ohrringe

geschenkt, die es ansah, die Hände auf dem Rücken, mit sehnsüchtigen Augen,

und sich bescheidendem Lächeln, wie uns armen Leuten eigen ist. Wenn ich

nun auch von mir mit rede, sollte ich hier eigentlich das Imperfectum

setzen: eigen _war!_ Aber Gott erhalte mir die Bescheidenheit, sie steht

einem Reichen viel schöner, als einem Armen; denn das soll mir Niemand

sagen, daß dieselben Sachen immer dieselben sind. Es kommt gar viel darauf

an, wer Etwas hat: ob der Jude die Perle im Schubsacke trägt, oder die

Königin in der Krone; ob _Belisarius_ Bettelbrot ißt, oder ein geborner

Bettler, wollt' ich sagen: ein gebornes Bettlerkind, nein doch! und

kurzweg: ein Bettlerkind oder Bettler. Ich muß mich nämlich jetzt meiner

Würde nach, an richtiges Schreiben, oder besser: richtiges Denken gewöhnen,

und die Reise hat mir wirklich die Gedanken aufgeräumt. Freunde, wenn ich

Euch sagen soll, ich habe viele Gedanken gar nicht mehr; ich habe Bilder,

Wahrheiten dafür; ach, und nun thun mir oft wieder die vielen falschen,

aber so schönen alten Einbildungen leid! Ich kann gar nicht mehr so

sehnsüchtig in das Morgenroth schauen. Wenn die Schwalben kommen, wird mir

die Brust wärmer, als wenn sie fortziehn. Wenn sie sonst auf dem großen

Rasenplatze vor dem Schlosse meines Principals, oder nun -- mit Respect zu

sagen: meines Schwiegervaters, zur Reise sich übten, schlich ich immer fort

und dachte: Du bist ja nur ein Schulmeister, ein armer

Lancasterschulmeister, der Gott danken muß, wenn er sich nur Zeit Lebens so

fort plagen kann. -- Das war eigentlich wohl recht unchristlich, recht

undankbar gedacht! -- Wenn Sir Horazio eine wilde reisende Gans, oder einen

reisenden Gänserich mit der Kugel gleichsam aus der Luft zu unsern Füßen

herab gezaubert hatte -- mir konnt' es ordentlich leid thun! Schon die

armen Rothkehlchen, Drosseln, ja die rothkäppigen Gimpel, welchen die

Kinder um einige Penny die Reise so grausam unterbrochen, sie fröhlich aus

den Dohnen gelöst, einen Faden durch die Schnabellöcher gezogen, sie still

nach den Hütten der Menschen trugen. Ich habe auch nie etwas Reisendes

gegessen, wenn ich auf dem Schlosse zur Tafel war: kaum einen Häring; eher

träge Austern, eingewachsenes Wurzelwerk und höchstens auf und nieder

gewehte Früchte -- nur nicht Orangen! ich sah sie nur immer gern an, labte

mich an ihrem Dufte, und machte dabei die Augen zu. Lady Theano sagte: ich

hätte gar einmal dabei geweint. Jetzt kann ich ihr das schon vergeben! Ich

glaube, mein Großvater, Gott soll ihn auch dafür segnen, hat mir die

Reiselust als Kind auf seinen Knieen einerzählt. Und mußt' ich den Kindern

nicht die fernen Länder beschreiben, nicht mit dem Zeigefinger reisen über

Meere, Berge und Welttheile? Das war wohl ein Schweres! Wie oft hielt ich

inne, und seufzte recht innerlich, daß mir manchmal ein Westenknopf

aufplatzte; aber lange schweigen durft' ich nicht, sonst hätten die Kinder

bald gedacht, ich wisse nicht weiter! Und so mußt' ich schon den Finger

nachheben, der wie behext auf Rom stand, und wie Blei auf St. Helena lag!

Und in den Drei Jahren meiner Amtsführung kam der Finger schon _dreimal_

wieder auf denselben Fleck! und ich stand so jung und mit so gesunden

Reisebeinen immer auf dem alten Flecke. Das war wohl ein Jammer! Wenn ich

nun gar erst dachte: wie viele liebe Menschen reisen, aus Noth, wie unsere

Herren; um Wein, wie unsere Offiziere; um Brot, wie Virtuosen, Sängerinnen

und Komödianten; aus Höflichkeit, wie Gesandte, oder aus Zwang, wie

Couriere und Fouriere; ja um den Tod, wie Soldaten, denen Allen das Reisen

eine Plage und Klage ist; oder wie Kaufleute und Matrosen, die lieber ihr

Geld, das sie erwerben werden, gleich auf der Stelle ausgezahlt nähmen am

Ufer, ohne zu sehen, zu hören, zu bewundern, was sonst war, was heute ist,

und lange nach uns sein wird, hier und da und überall, denn das heißt wohl

reisen -- wenn ich dagegen mit Ohren hörte, wie unnütz andere Reisende ihr

schönes Geld verzettelt, um blind und stumm und dumm zu bleiben wie

Theekessel und Koffer -- o wie jammerte mich der edlen Guineen! der edlen

Zeit! Ich konnte das Posthorn gar nicht mehr hören, es machte mich zornig

und traurig; ich weinte unter der Bettdecke darüber. Aber jetzt lach' ich

dazu. Der Herr hat dem armen Lambton geholfen, wunderbar freilich genug!

Aber, er hat doch geholfen. Gloria in excelsis Deo!

So viel, lieben, lieben Freunde, mußt' ich Euch durchaus vorhersagen, damit

Ihr nicht gar zu traurig werdet, wenn Ihr unter dem Lesen immer denken

könnt: er wird doch glücklich! Gott segn' Euch gleichfalls! Was ich werde

an Euch thun können, das werde ich redlich thun. Was nun folgt, ist eine

bloße Abschrift meines Reisebuchs, das ich, weil es so zerlesen war, jetzt

habe drucken lassen. -- Das Kupfer bin ich, nach Clarke gestochen -- Es

bleibt aber dennoch ein bloßes Manuscript für meine Freunde. Das bedenkt!

und beurtheilt es daher ja nicht wie ein Pamphlet, oder Gott behüte, gar

wie ein Buch! Denn die werden jetzt oft ganz entsetzlich behandelt, wie ich

nun Zeit zu lesen habe. Aber ich denke, ein bloßes Manuscript geht frei

durch alle Welt, wenn auch nicht auf der Post. --

Und besucht mich Alle einmal; nicht nur _Einmal_ etwa; recht oft, alle

Jahre; alle Jahre recht oft! Ihr findet Euer prächtiges Bett, ich muß es

selber sagen, und die comfortabelste Tafel; und bleibt so lange Ihr wollt,

bis Ihr Euch Alle sammelt, und dann je länger je lieber. Der Herr hat mich

gesegnet. Ich lade Euch nicht aus Eitelkeit; aber freuen könnt' Ihr Euch

doch mit mir, auch über meine Freude! Und wenn Ihr von mir geht, soll Euch

das alte ehrwürdige Reisegeschenk nicht fehlen, sei es nun von mir, oder

meiner Frau. Aber nehmen müßt' Ihr es! Ich habe schon hin und her gedacht,

und angeschafft, was Jedem von Euch am liebsten ist. Nun kommt nur, kommt!

_Es. Lambton_,

Rector.

* * * * *

Am Bord der _Themis_, den 1. April 1819.

Ich muß alle meine Gedanken zusammen fassen, daß ich bei gutem Muthe

bleibe! Darum will ich schreiben; das hilft mehr, als sich abgrübeln. Sir

Horazio, mein Principal, sagte immer, wenn er von Rom erzählte, daß die

Bildhauer dort des Nachts im Finstern ein Stück Wachs in den Händen

kneteten, während sie über ihren Entwurf nachdächten; und wenn sie lange

und tief gedacht, hätten die Finger das Männchen oder Weibchen fertig, das

ihnen so viel Kopfzerbrechen gemacht, und daraus würde dann das Modell in

Thon und zuletzt die Marmorstatüe. Hab' ich meinen Kindern nicht immer so

die Geschichte verdeutlicht, daß ich sie auf den Punkt stellte, wo sie das

Factum nothwendig fanden, z. B. selbst den allerärgerlichsten Fall für sie,

warum Hannibal nach der Schlacht bei Cannä nicht rectâ sc. viâ, nach Rom

marschirt? Und ich habe immer gefunden, daß man sich in jeder Lage leidlich

wohlbefindet, wenn man sich deutlich den Weg nachdenkt, den man gekommen;

wenn man das unausbleiblich, nothwendig, ja ganz natürlich findet, was

Einen betroffen hat, und die Vergangenheit bis in den Augenblick fortführt,

in dem man lebt, und in dem man weiter leben soll, man weiß nicht wie. Und

ich weiß jetzt auch nicht wie. Darum geschrieben! Auch wer sich verirrt

hat, ist einen sonnenhellen grünen schönen Weg gegangen, nur ist er nicht

dahin gekommen, wohin er wollte. Aber bin ich denn nicht, wohin ich lange

gewollt: im Schiffe! zu Schiffe auf der herrlichsten Reise! Auf einer

Themis, deren schon Aeschylus gedenkt! O du mein Gott und Herr! -- Aber

Lambton, freue dich noch nicht, höre dich erst. Bin ich heut' im Schiffe,

so werd' ich es auch morgen sein. Also freue dich morgen! heute schreib'.

Ach, wie wollt ich mein Reisebuch anlegen -- und nun hab' ich nicht einmal

ein Buch! Ich schreibe auf einzelne Blätter, geschenktes Papier, mit

wäßriger Tinte, und mit welchem Stummel von Feder mit Zähnen! -- so eine

corrigirt' ich keinem Knaben mehr, so arm er war. Ach, so ein Fest so

unvorbereitet anzutreten und zu feiern! Die Freude kommt doch nie wo, und

wann man denkt! Aber du wirst das Alles natürlich finden, meine Seele, mein

lieber Lambton. Denke nur, wie du in's Schiff gekommen! -- Die Sache war

so: --

-- Doch Crabbe ruft mich; droben ist ein großes Linienschiff in vollen

Segeln zu sehen! --

* * * * *

_Ibidem_, den 6. April 1819.

Die Sache war so. Unsere liebe Marion, die arme Waise in Schloß

Rowlandhill, war auf einmal reich geworden, so reich, daß ich ordentlich

vor ihr erschrack. Sie hatte 100 Pfund geerbt! Aber in Brigthon! Sie bat

mich mit solchen schelmischen Blicken, solchen herzbewegenden Anspielungen,

daß Ich reisen möchte, das Geld für sie zu erheben, und sicher zu

überbringen. Sie nannte mich den ehrlichsten, hübschesten jungen Mann, den

sie kenne! Konnt' ich ihr es abschlagen? Auch Sir Horazio, der Baronet,

wünschte es. Er hatte das arme Kind in's Haus genommen, seit ihm sein

Töchterchen auf dem Christkindelmarkte in London geraubt worden war. Er und

Lady Theano hatten ihres Kindes Platz nicht leer am Tische sehen können,

und wenn ein Mädchen, angezogen wie sie, mit schwarzem Haar wie sie, im

Park umher lief, konnten sie doch von weitem denken, es sei ihre Tochter.

Sie riefen Sie auch deßwegen Elisa, und sie hörte auf den Namen. Nur wir

Andern, die wir von Elisa nichts wußten, nannten die nun Erwachsene nur

immer Marion. Die gute Herrschaft hatte so viel an ihr gethan; was _ich_

Ihr that, that ich den Pflegeeltern. Konnt' ich es ihnen abschlagen?

Kannten sie nicht meine Reiselust, und meinen leeren Geldbeutel? Ich

glaube, sie wollten mir Alle durch die Reise nur einen Gefallen thun, und

Lady Theano drängte mich ordentlich dazu. Aber warum verschweig' ich's? --

Dacht' ich nicht immer noch, das viele Geld auch mir zu holen in mein

kleines Haus? Ein Spiegel im Wohnzimmer hätte nicht geschadet; er hätte es

scheinbar noch einmal so groß gemacht; ein Schreibepult statt eines offenen

Tisches, wäre mir viel brauchbarer gewesen; die alten, von der Sonne

ausgezogenen Vorhänge wären mit Vortheil mit farbigen neuen vertauscht

worden; den Teppich vor dem Kamin hätte jeder Andre, als ich, schon längst

etwa zu einer Vogelscheuche im Gärtchen verwandt. Das Bett gedacht' ich

noch einmal so breit machen zu lassen, vielleicht wäre gar eine Wiege

nöthig geworden -- ach, aber das Alles, wenn statt meiner alten Magd, der

tauben Anna, die ich fast selbst anfangen mußte zu bedienen, wenn ich ein

Christ sein wollte, Marion mir die kleinen Sorgen der kleinen Wirthschaft

abgenommen, und mich zum Manne gemacht hätte! Und das Geld _machte_ mich

zum Manne. Aber, aber wenn ich so dachte, stand mir der rothe Riese, des

Pachters Sohn, der lange Daniel immer vor Augen! oder ritt mir vorüber auf

seinem National-Tiger, wie er ihn nennt, der so mager ist, daß man ein

Licht dahinter stellen kann, wie Anna sagte! als wenn man hinter das

dickeste Pferd kein Licht stellen könnte, nur daß man es dann nicht

durchleuchten sieht. Freilich, wer den Menschen hübsch nennt, thut ihm das

bitterste Unrecht. Er mißbraucht die Erlaubniß, garstig zu sein, wie Lady

Theano immer auf französisch sagte. Wenn er steht, ist er beinahe gleich

mit der großen Wanduhr in der Halle der Rectorei, und sein Gesicht so klein

wie das Zifferblatt. Aber wenn er sich setzt, ist er halb wie verschwunden

oder eingeschmolzen; er kann die Ellenbogen auf die Schenkel stützen, und

aufrecht sitzen bleiben, so lang sind seine Arme. Doch Gott behüte, daß ich

ihn verspotten sollte! er ist ja Gottes Ebenbild! Schäme dich, Lambton; die

Eifersucht spottet nur aus dir. Denn wie die Weiber sind! Zwei Jahr bemüht'

ich mich, so viel meine Schuljugend mir erlaubte, zugleich mit ihm um

Marion; aber sie war und blieb unentschieden, bis ihm eine Frau

Lieutenantin gerathen: sich eine Fähndrichsstelle zu kaufen, und in Uniform

und Säbel vor seiner Geliebten zu erscheinen. So kam er denn aufgezogen,

nur die Fahne fehlte noch. Wo blieb da Lambton, der schwarze Schulmeister

mit dem Buche unter dem Arm! Das war wohl ein Jammer! Ich hätte mir damals

aus Verlegenheit bald das Tabakschnupfen angewöhnt, wenn mein Gehalt die

Ausgabe getragen hätte; auch sagten die andern Mädchen in Rowlandhill, ich

sei noch zu jung zum Schnupftabak. Aber wie gesagt, das Wort der Lady, die

mir wohl will, war bisher mein Schirm und Schutz, sonst war ich bestimmt

verloren. Eine Gefälligkeit im rechten Augenblick entscheidet oft bei den

Weibern, das hatt' ich gehört; Brigthon, Portsmouth hätt' ich gern gesehen,

und wer Woolwich und Chatham nicht gesehen, der hat England nicht gesehen,

sagen selbst die Engländer; nach London kam ich sonst in meinem Leben nicht

-- so beschloß ich die Osterfeiertage zu reisen. Und so reist' ich denn in

Gottes Namen mit meiner Vollmacht. Wer schnell reist, reiset wohlfeil. Wie

viel Mahlzeiten hab' ich dadurch erspart! Was helfen die freundlichen

Wirthe, wenn man viel verzehrt; und die tiefen Bücklinge der Aufwärter für

das große Trinkgeld, wo man doch in seinem Leben nicht wieder hinkommt! Es

ist aber wohl nicht recht gedacht; ein Mensch sollte eigentlich keinem

Menschen Schande machen! Doch die Reise ging ja nicht aus meinem Beutel;

ich hatte freie Station, und dann muß ein ehrlicher Mann lieber darben, als

schwelgen, und ein saures Gesicht -- nicht ansehn. Es ist ein albernes

Wort: »der Weg ist zwar nicht breit, aber lang«; -- der Weg ist aber eben

so albern. Wie schön wäre ein meilenbreiter Weg, oder ein Mensch, der wie

eine Colonne in Fronte reisen könnte, wie bei einem Hasentreiben jede

Merkwürdigkeit aufstöbern die ganze Breite! Denn wie viel Städte blieben

zur Seite stehn, links und rechts! Und die Thurmspitzen winkten mir

gleichsam herüber »hie bin ich« -- »und hier bin _ich!_ -- hier ich! was

ziehst du denn dort?« -- So einen bloßen Strich durch die Welt zu machen,

das ist wohl auch ein Jammer. Kurz, ich kam recht verdrüßlich, unzufrieden,

und ganz durchnäßt auf dem Dache der Kutsche, wo ich selber in Nebel und

Regen aus Schaulust geblieben, in Brigthon an. Was hatt' ich mir unter

Reisen vorgestellt? Und was war es? Eine Sehnsucht, ein Aufruhr aller

Sinne, ein Flug, ein Traum, kurz: ein Jammer. Mir war so, als wenn mir

jemand aus einem kostbaren persischen Teppich einen Faden herausgezogen und

geschenkt hätte.

Die Schwierigkeiten waren bald beseitigt, das Geld -- eine einzige Banknote

-- bald eingestrichen oder leicht -- was man sagt: erhoben, und auf der

Brust wohl verwahrt. Nun war ich mein! Auf Reisen muß man unermüdlich sein,

keine Bequemlichkeit einreißen lassen. Was Einem, wenn man in der Nähe ist,

Einen Schilling zu sehen kostet, das gilt Einem, wenn man zu Hause ist, das

Geld für eine ganze Reise. Wer Frühaufstehn, Unruhe Tag und Nacht,

Unbequemlichkeit, Entbehrungen aller Art scheut, der bleibe zu Hause. Warum

ist er gereiset! und die Freude muß und wird die Mühe vergelten. Ich hatte

Menschen über ihr Phlegma in der Fremde zu spät klagen gehört, und mir auf

das Titelblatt meiner Reisebemerkungen den Vers eingetragen:

Sage, warum du hieher vom Vaterlande gewandelt?

Von London war der Schenkel des Dreiecks meiner Reise selbst noch ein wenig

kürzer, als der von Brighton nach Hause; die Basis wollt' ich aus meinem

Beutel bestreiten. Meine Mutter hatte mir immer gerathen, einen

Ehrenthaler, einen Freudenthaler und einen Leidenthaler zu sparen; dazu

hatt' ich drei Beutelchen. Diese nun hatt' ich alle mit. Die Ehrenthaler

hatt' ich schon zugesetzt für Geschenke an meinen Stellvertreter, meine

alte taube Anna, und die besten Schüler. Die Freudenthaler wollt' ich in

Portsmuth und Woolwich darauf gehen lassen, einmal ein Stück in die See

hinaus zu stechen; und die Leidenthaler sollten mir die Freude bezahlen,

London zu sehen, und Marion Etwas zu kaufen.

Den chienesischen Pavillon in Brighton besah ich mir am füglichsten des

Abends im Mondenscheine. Ich war im Geiste in China. Die Chinesen, konnt'

ich denken, schliefen; ich konnte denken: der Kaiser denkt eben nach,

welche Götter, wie Minister, er das nächste Jahr will herrschen lassen. Ich

bildete mir ein, Er könne mich bei dem hellen Mondenscheine aus dem nahen

Fenster erblicken, und als einen _verbotenen_ Fremden, mit dem beliebten,

jedoch nicht Zucker-haltigen Bambus-Rohr von etwanigem Podagra befreien zu

lassen die Kaiserliche Gnade haben wollen -- ich spürte wirklich, ich weiß

nicht was, in den Fußsohlen -- das Herz fing mir an zu pochen, ich machte,

daß ich fortkam, und stieß auf eine Schildwache, die gerade abgelöst ward,

und sich auf Englisch anrief. Ist denn China Englisch? frug ich mich selbst

halblaut. »Noch nicht!« antwortete sie, und lachte. Ich schämte mich; der

Mann sieht mich Zeit Lebens nicht wieder -- aber ich schämte mich doch, und

beschloß, mich nicht mehr meiner Einbildung so völlig zu überlassen. Der

Mann konnte wohl gar etwas Anderes von mir denken!

Portsmouth aber war mein Unglück! Was mußt' ich eher sehn, als den Hafen,

die Schiffe, die, wie Aristophanes Vögel, das mittelweltische unbegrenzte

Reich selbst gegen die Götter beschützen. Ich hatte den ganzen Tag vor

Schaulust nichts gegessen. Gegen Abend trat ich in eine Taverne, worin

fröhliche Matrosen und Makler an Tischen umher saßen und standen. An den

Wänden hingen Anzeigen von Schiffsgelegenheiten nach Bengalen, Macao, Nord-

und Südamerika; nach Zanthe, Neapel, Alexandrien, Smyrna, kurz, grad'

überall hin, und für ein paar einfältige Pfund, wer sie hatte! Ich durfte

sie nur im Office auf den Tisch legen, in's Schiff gehn, die Reise war nur

wie ein Schritt! Denn das Meer ist hüben und drüben, der Wind rückt es

gleichsam zusammen, führt die Schiffe fort, trägt die Küste her, und

breitet das Meer dann wieder aus, wenn man hinüber ist.

»Drüben in Hamburg; drüben in Tanger; drüben in Boston!« unterbrachen und

erzählten sich die Matrosen. Mir war wie dem Juden in der Münze! Hundert

Pfund hatt' ich! Ueberall kam ich damit hin! Heim mußt' ich doch kommen! --

Aber das Geld war nicht mein! Ach, des Menschen Dichten und Trachten ist

böse von Jugend auf, warf ich mir vor; ich habe ja nicht reisen wollen!

Aber die Thränen waren mit näher; ich mußte mich setzen. Ich stemmte die

Arme auf den Tisch, und verdeckte mir die Augen vor der nach Westen

gesunkenen Sonne, die mich blendete. Denn sie schien prachtvoll aus der

goldenen Ferne zum Hafen herein, und beleuchtete zauberhaft: Mohren,

Chinesen, Amerikaner und Juden hier an einem Orte, daß mir die Welt ganz

wunderbar vorkam.

Nicht lange, so stieß mich Jemand gelind an, zuzurücken. Ich sahe ihn an,

er sahe mich an. Es war Crabbe. -- Crabbe! rief ich vor Freuden.

»Ei, Herr Lambton, grüßt' er mich, woher? und wohin? Was macht meine

Schwester zu Hause bei Euch in ihrem kleinen Krame? Wird sie so reich wie

dick? Ich bin immer noch Steuermann und kann eigentlich nicht höher

steigen.«

-- Wie so? fragt' ich auf alle die Fragen. --

Es giebt nämlich gewisse Leitern für jeden Stand, sagt' er, ich möchte

sagen: Stockwerkstreppen, über die Keiner hinaus kann; sie sind oben wie in

die Luft gelehnt. Ein Anderer, in einem höhern Stockwerk geboren, kriecht

gleich als Kind von da aus, wo Unsereiner alt, lahm und marode aufhört! und

wenn ein Hoher fällt, fällt er uns Niedern immer noch erst auf die Köpfe,

wie die Fische, die man in's Meer wirft, nicht auf den Grund fallen. Nun es

geht Euch auch nicht besser wie mir; ein größeres Schiff, eine größere

Schule, das können wir etwa erwarten, aber immer nur Schiff und Schule Zeit

Lebens. Nun setzt Euch, Herr Lambton, zu einem Glase echten; Ihr seid hier

in der Fremde.

Dabei -- also bei dem oft eingeschenkten Glase Echten -- trug ich ihm

meinen Wunsch vor, ein Stück auf der offenbaren See zu fahren, und ein

wohlgebautes Schiff zu sehn.

Nun da kommt Ihr mit in mein's, sprach Crabbe. Schöner ist noch keins

gebaut in Altengland! Es ist zwar ein Franklinischer

Klapperschlangenkasten, den wir nach van Diemensland, nach Hobarttown

bringen, aber schadet nichts, mein Schiff ist wie Eins, ja Keins! --

Ich stutzte wie billig. Er aber sprach lachend: Wir fahren nur Deportirte

über, weiter nichts; und unser Schiff hat keine Fallthür, wie sonst die

französischen, die das Exportiren der Exportanden ersparten!

Ich wollte wieder fragen, da unterbrach uns ein Kleinhändler, ein alter

Mann mit grauen Haaren, fast wie mein Großvater; sie nannten ihn Oldham. Er

handelte mit allerhand beinahe nur zum Schein, und nahm auch ein Geschenk,

das ihm Dieser und Jener gab. Da, Vater! sprach ich, und gab ihm einen

Leidenthaler. Ich bereute es aber sogleich, als wenn ich nur meines

Großvaters wegen einem Armen geben könnte; ich ließ mir den Thaler nicht

wiedergeben, nein, ich schenkte Ihm selber nun noch Einen. Aber das waren

in einer Minute Zwei -- und beide thaten mir leid um Woolwich und London!

Der Alte aber sagte: »Ihr wißt nicht, wie viel ihr mir heut Gutes thut!« So

doppelt gepreßt von Scham und Mitleid, gab ich ihm auch noch den dritten

und letzten Leidenthaler.

Nun kommt aber in's Boot, Lambton! sprach Crabbe, sonst schenkt Ihr Alles

weg. Es ist auch weg, erwiedert' ich; nur mein Heimreisegeld liegt im

Gasthof zum Fallstaff. Ihr braucht auch heut keins, sagt' er im Gehen zum

Boot; unsere Themis liegt ein halb Stündchen weit schon vor; aber das ist

Euch ja eben recht! Morgen kommt der Capitain, und da kommt auch gewiß der

Wind; das muß treffen; denn die Herren kommen eben erst immer, wann der

Wind kommt. Da sollen sich nun die Matrosen wundern, wie das zugeht! Ich

denke aber, wir werden im April immer noch einige Aequinoctien haben. --

Das heißt wohl bei Euch: Frühlingsstürme? fragt' ich.

Freilich! antwortete Crabbe; das geschieht so zu Zeiten, aber vorzüglich,

wenn die Sonne im Thierkreise steht, Manche sagen, in der Wage. Nun, wie

die Herren wollen! Ich bin nur Steuermann. --

Ich beschuldigte heimlich Crabben, er möchte nicht mehr vom Thierkreise

wissen, als die Bauern, die den Kreisthierarzt den Thierkreisarzt nennen.

Die vier Matrosen warteten auf ihren Meister Crabbe. Wir stiegen in's Boot

und setzten uns. Die Matrosen nahmen Abschied von den Umstehenden, und

sagten ihr Lebewohl, das »du guter Junge« (good boy) auch zu steinalten

Männern, und »guter Junge« auch zu den Mädchen. Sie schieden, wie man sich

zu Lande »gut' Nacht« sagt, und ruderten tapfer, jeder eine Beule im

Backen, wie von Zahnschmerzen, sie war aber von Tabak. Viele Boote

begegneten uns mit Vornehmen und Gemeinen, Herren und Damen, Weibern und

Mädchen und Kindern, die von den Ihrigen, den lieben Deportirten mit

Thränen Abschied genommen: denn sie weinten noch. Ich bedauerte, daß meine

Reise schon halb war, als wir die Leiter hinaufstiegen an Bord des

Schiffes.

Meister Crabbe übergab mich dem Stewart, mich überall herum zu führen, und

alles Erlaubte mich sehen zu lassen. Mit dem Boote, sagt' er, würd' ich

an's Land gehen, mit welchem der Capitain an Bord käme. Er empfahl ihm

diesen Punkt besonders, im Fall Er nicht daran denken könnte in dem Wirrwar

beim Absegeln. So war Alles besorgt. Ich überließ mich wohl zwei Stunden

lang meiner Andacht, bewunderte Alles im und am Schiff, wie es zu bewundern

war; ja ich getraute mich zu behaupten: daß selbst die Arche Noah's so

schön mit Mahagoni-Meubeln, Spiegeln und stählernem Kamin nicht kann

ausgeputzt gewesen sein; denn wann lebte Noah, und wann leben wir! Und ich

kann als geistliche Person ohne Blasphemie sagen -- da die Welt nicht mehr

durch Wasser umkommen soll -- daß eine Sündflut jetzt nur lächerlich wäre;

wenn man sie vorher wüßte, nota bene! Der Herr hat damals schon die

Engländer mit ihren Tausend Schiffen im Geiste gesehen, nota melius! darum

hat er für die Zukunft nur von Feuer gesprochen. Nota optima! -- Zuletzt

blieb ich in des Steuermanns Cabin sitzen, und las in dem, auf dem ganzen

Weltmeer berühmten »Schiffmeisters Assistenten,« von dem auf dem Lande

unbekannten David Steel. Der Stewart brachte Punsch, hieß mich trinken, und

ließ mich lesen.

Daß ich dabei eingeschlafen war, bemerkt' ich richtig beim Aufwachen! Ich

schlug das Buch zu, stellte es an seinen Ort, und stieg auf das Verdeck.

Auf der Treppe begegnete mir der Stewart, ganz anders, aber nicht besser,

angezogen, mit einer Schüssel kleiner Krebse, mit Eiern, großen Theetassen

und -- Frühstücksgeräth. -- Er ward ganz feuerroth, als er mich sah, und

drängte sich mit niedergeschlagenen Augen auf der Treppe an mir vorüber. Wo

ist Meister Crabbe? fragt' ich ihn. Er blieb mir die Antwort schuldig. Ich

schenkte sie ihm, und stieg aufs Verdeck. Hoho! sprach ich, die Sonne sitzt

ja noch hoch! Es hat gute Weile! Aber sie müssen das Schiff gewendet haben;

vorhin stand sie rechts, und jetzt links. Ich wendete mich um, nach der

Insel Wight zu sehn, die mir die hängenden Gärten der Semiramis aus ihrem

Staube hervorrief -- ich rieb mir die Augen -- ich war entweder von dem

Punsche ein Myops geworden, oder Wight war untergegangen! Aber lieber, als

so vieler Menschen Unglück, war mir doch meins! Doch -- die ganze Küste war

verschwunden! Es war doch Tag! es war kein Nebel -- ich sahe rund umher --

rund umher nichts wie Himmel und Wasser -- das war die offenbare See

offenbar! Aber wie war das möglich? Das Schiff stand ja und wankte nicht;

nur ein leises Plätschern und Glucken glaubt' ich zu vernehmen. Ich blickte

auf dem Verdeck umher -- da stand ein Mann mit einem Fernrohr am Hauptmast

und sah schweigend in die Ferne; auf dem Hintertheile am Steuerrade saß

Freund Crabbe, ernst und im Amtsgesicht, placidus ore, wie Neptunus, der

verschollene Gott. Ich starrte in die Segel! sie blühten voll und zogen,

wie Pferde; die Wimpel spielten im Winde -- es war richtig! Ich saß wie der

Bär, der nach Honig gestiegen, hinausgeschnellt auf der Wagschale,

hinausgeführt in die Welt, ja hinausdeportirt aus der Welt! Die Sinne

vergingen mir -- Crabbe! Crabbe! ruft' ich, und setzte mich in Ohnmacht.

Denn das sah' ich noch, wenn ich in Ohnmacht gefallen wäre, -- scilicet:

die enge steile Treppe hinab, -- konnt' ich mir Hals und Beine brechen! So

saß ich, halb vor Schreck, halb vor Freude, wie meine Lampe voll Wasser und

Oel; aber das Oel schwamm oben! -- --

Was soll Crabbe! fragte mich eine unwillige Stimme.

-- »Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts« -- -- brach ich ab.

»Er ist ein braver Steuermann,« hörte ich wieder; hinsehn mocht' ich nicht:

denn es war ganz eine Capitainsstimme; sie erscholl mir, wie das Echo

meiner eignen von der Mauer der Kirche, wenn ich Schule hielt und zur Zeit

der Lindenblüthen die Fenster hatte aufmachen lassen. Diese angenehme

Erinnerung erquickte mich in so weit, daß ich seufzen konnte.

»Ist Euch unwohl?« hört' ich wieder. --

Sehr, sehr, in der That! bekannt' ich; wie soll mir anders sein? Wenn Ihr

mich nur entschuldigt! --

Zu Schiffe ist's, wie auf der See, lacht' er -- geht und füttert Fische,

oder legt Euch platt auf den Bauch. Die schönen Damen dort trinken Kaffee,

die denken Alles mit Kaffee zu kuriren! Aber das Mal irren sie sich; ich

wette! ich habe schon gewonnen! -- geht nur auch. Ich stand auf; blaß

mocht' ich gerade genug aussehn, das Schwanken kam mir leicht an, so gesund

ich war, und so legt' ich mich im Schatten des Bordes auf den platten

Rücken nieder, faltete meine Hände über der Brust, wie ein Leichenstein, d.

h. der Pfarrer darauf, und sah in den reinen, blauen, unergründlichen

Himmel. Ach, er sah mir doch zu feierlich, ja weinerlich aus, als daß er

mit mir scherzen, mich in den April schicken wolle; oder lag das

Weinerliche nur in meinen, Augen, wie die Thränen?

Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Gelächter erschallen, Einige fragen,

und sie dann mit darein lachen, wie ein vervielfältigendes Echo, dem eine

Gesellschaft unaufhörlich zulacht. Es kam ein Halbkreis von Herren und

Damen um mich getreten, das hört' ich nur an den Tritten und Trittchen;

denn die Augen hatt' ich fest geschlossen; ich kam mir vor, wie ein Aal auf

dem Aalfange, oder ein Fuchs im Fuchseisen, den die Kinder necken. Crabbe,

der Steuermann, hatte mich ja schwanken sehn! Er hatte gewiß mit dem

Capitain von mir gesprochen! Denn dieser lachte mit den andern, ja er

lachte so herzhaft, daß er weinte. Darauf sprach er mit der Amtsstimme:

»Nun ist es genug!« und Alles schwieg augenblicklich und entfernte sich.

Das ist ein braver Schulmeister! dacht ich, der Himmel segne ihn. Er setzte

sich zwei Schritt von mir auf einen Hühnerkorb und sagte zu mir: Bleibt nur

liegen, Herr Lambton! so heißt ihr doch? -- Lambton Zeit Lebens! antwortete

ich. -- Crabbe kennt Euch, Lambton; er ist bitterböse auf den Stewart. Wenn

Euch der Zufall nicht leid thut, ist er mir lieb. Ihr habt keine Kisten und

Kasten bei Euch? --

Die Deportirten · 第 2 / 17 题