Er stampfte heraus, stützte die Last seines Bauches auf eine Stuhllehne und
wartete mit offenem Munde, worin die Zunge umherrollte.
»Wie, mein Alter?« und der Apotheker klopfte ihn auf den Bauch, »vor
unseren Füßen ist manche Granate geplatzt. In Bezzecca wars, als gleich bei
uns beiden der General Garibaldi selber stand. Die Granate platzt, wir
springen zurück, versteht sich; der General aber rührt sich nicht; er sieht
in den Dampf, als ob er sinnt. >Keine Furcht, Freunde<, sagt er zu uns,
und, Achille, wir hatten keine mehr.«
»Das ist die reine Wahrheit«, sagte der Wirt; und mit Wucht: »Der General
war ein Löwe.«
»Er war ein Löwe«, wiederholte der andere Alte, fuhr mit der Hand durch
seinen riesenhaften Schnauzbart und sah alle von oben an. Plötzlich machte
er sich klein und tat eine Gebärde, als streichelte er ein Kind.
»Aber auch ein Engel war er: ja, unwissend in manchem, wie ein Engel.
Manches geschah, wie, Gevatter? was er nie erfahren hat. Alle wußten, daß
jener Nino ein Weib war, nur der General nicht.«
Der Advokat Belotti fragte: »War er eigentlich ein schönes Weib, jener
Nino?«
Der Apotheker zischte leise. »Solche Frauen gibt es nicht mehr! Und als ihr
Geliebter gefallen war, da kams heraus, daß sie eine war. Aber sie verließ
uns darum nicht. Hatte sie nun ihn nicht mehr, um dessentwillen sie
mitgezogen war, hatte sie doch uns alle. Und uns alle hat sie geliebt!«
Seine braunen Hundeaugen jubelten in der Erinnerung. Der Wirt lachte
lautlos, daß sein Bauch den Stuhl umherwarf. Sein Sohn, der schöne Alfò,
war herzugetreten, der junge Savezzo mit frisch gebrannten Locken vom
Barbier her über den Platz gekommen; -- und alle, alle hatten, wie der Alte
endete, ein neidisches Gesicht.
Gleich darauf erinnerten sie sich, daß die Geschichte sehr alt war und daß
sie alle, sogar der Reisende, sie kannten, wie sie die Hühnerlucia kannten.
Ihre Stunde war da: schon klapperten ihre Holzschuhe in der Gasse neben dem
Café. Mit ihrem Gegacker, das lauter war als das der Hennen, mit ihrer
Nase, die schärfer war als die Hühnerschnäbel, flügelschlagend mit ihren
langen Armen, scheuchte sie das Federvieh zum Brunnen und ließ es aus der
Pfütze trinken. Die Kinder kreischten um sie her, stießen sie, zupften an
ihr und sprangen vor Lust, wenn die Alte in ihren bunten Lappen wie ein
großes mageres Huhn kopflos kreuz und quer flatterte. Ringsum gingen
Fensterläden auf; an der Ecke schräg vor dem Café drängten über den Arkaden
des Rathauses drei Beamte sich in eins der alten Pfeilerfenster; die dicke
Mama Paradisi sah aus ihrem Hause herab; dahinten im Corso sogar streckte
Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, den Kopf heraus, und dem Advokaten
Belotti schien es, daß sie ein neues Halstuch trage. Er überlegte nicht
ohne Unruhe, wer ihr nun das wieder geschenkt haben könne. Inzwischen
schloß die Kleine ihr Fenster, Mama Paradisi das ihre; die Hühnerlucia und
all ihr Lärm waren bis morgen dahin in die Gasse; und der Platz schlief
weiter in seiner weißen Sonne, winklig beleckt von den Schatten. Der des
Palazzo Torroni, am Eingang des Corso, lief spitz hinüber zum Dom, und vor
der buckligen Kirchenfront malten die beiden säulentragenden Löwen ihr
schwarzes Abbild aufs Pflaster. Wildgezackt sprang der Schatten des
Glockenturmes bis an den Brunnen vor. Neben dem Turm aber wich das Dunkel
zurück, tief in den Winkel, worin man das Haus des Kaufmannes Mancafede
wußte. Kaum daß die Umrisse seiner Fenster zu erkennen waren; -- hinter
einem stand aber sicher auch jetzt, wie sie immer dort stand, die
Unsichtbare, das Rätsel der Stadt: Evangelina Mancafede, die niemals
ausging und dennoch alles wußte, was geschah, es früher als alle wußte. In
der Stadt tat jeder, was er tat, unter den Augen der Unsichtbaren. Durch
alle Häuser am Platze schien sie, aus ihrem Schattenwinkel hervor,
hindurchsehen zu können: nur eins verdeckte ihr der Turm, den Palazzo
Torroni. Auch hieß es, daß sie von dort nichts wissen wollte, daß ihr Vater
und ihre Magd -- denn sonst erblickte niemand sie -- den Namen des Barons
vor ihr nicht nennen durften, seit er, den sie geliebt hatte, die andere
geheiratet hatte. Seitdem ging sie nicht mehr aus! Sie war damals
vierundzwanzig gewesen und war jetzt dreiunddreißig. »Eine schöne Frau«,
wisperte der Advokat dem Reisenden ins Ohr. »Vom Stillsitzen soll sie
junonische Formen bekommen haben.«
Seine Hände, die diese Formen nachbilden wollten, ließ er rasch wieder
sinken, denn zweifellos sah sie ihn. Der Reisende fragte:
»Ist sie, seit ich zuletzt hier war, noch immer nicht ausgegangen?«
»Was denken Sie!«
Alle bekamen gekränkte Mienen.
»Sie verspricht es, sooft der Alte es will, dann läßt er ihr schöne Kleider
kommen, sogar von Rom her, denn schließlich ist sie das reichste Mädchen
hier und hätte hunderttausend Lire mitbekommen; lädt ihre ehemaligen
Freundinnen ein, bestellt den Wagen zur Ausfahrt . . . Die Stunde ist da,
der Wagen mit den Freundinnen steht vor dem Hause, Evangelina in ihren
schönen Kleidern steigt die Treppe hinab. In der Mitte aber hält sie an,
sagt >Nicht heute, ein anderes Mal< und geht zurück in ihr Zimmer.«
Mehrere lugten aus den Augenwinkeln hinüber nach dem geheimnisvollen Hause.
Unten, wie in schwarzer Höhle, glomm ein Licht, und vor seinem Laden ging
der Kaufmann hin und her: langsam immer hin und her. Die Gäste des Cafés
»zum Fortschritt« konnten ihm zusehen und bei seiner Bewegung fühlen, daß
die Zeit vergehe.
Der Apotheker erhob sich, denn ein Kunde war bei ihm eingetreten: der Junge
des Gastwirtes Malandrini. Was konnte bei Malandrini vorgefallen sein?
Gewiß handelte es sich um die Frau, die der Tabakhändler erst gestern mit
dem Baron Torroni in ziemlich verdächtiger Unterhaltung gesehen hatte. Wer
weiß, was sie jetzt aus der Apotheke brauchte. »Nun --?« und alle Blicke
sogen an dem alten Acquistapace, der, sein hölzernes Bein schwingend,
zurückkam.
»Die Schwiegermutter hat Sodbrennen.«
Alle Köpfe senkten sich.
»Wenig Bewegung ist hier am Ort«, sagte der Leutnant der Carabinieri zu dem
Reisenden und nickte hinüber, wo sich der Kaufmann Mancafede hin und her
bewegte. Der Reisende wollte höflich den Ort entschuldigen, aber der
Advokat Belotti sagte erstickt:
»Was kann man tun, wenn diese verdammte Post eine Stunde Verspätung hat!
Sonst sähe hier vielleicht alles anders aus. Denn schließlich -- sagen wir
nur die Wahrheit! -- können doch jeden Tag die größten Dinge geschehen. Die
Stadt steht vor Ereignissen, die . . .«
»-- nicht eintreten«, schloß der Gemeindesekretär und lehnte sich zurück,
um seine Taille zu zeigen.
»Wer sagt Ihnen das?«
Der Advokat fuchtelte, bevor er sprechen konnte.
»Bin nicht etwa ich der Vorsitzende des Komitees und muß ich nicht als
erster wissen, ob etwas geschieht, ob etwas, sage ich, geschehen kann?«
»Bevor die Post da ist?«
»Die Post! Die Post, mein Herr, war schon öfter da. Die Post hat zum
Beispiel mir: verstehen Sie wohl, mein Herr, mir dem Vorsitzenden des
Komitees, einen Brief ihrer Exzellenz der Frau Fürstin Cipolla gebracht,
mit der gütigen Erlaubnis der Frau Fürstin, das Schloßtheater zu benutzen
für die Vorstellungen der Truppe, die wir, das Komitee, hierher zu
verschreiben gedächten. Und das war bereits kein geringer Erfolg, wenn Sie
bedenken --«
Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben Finger, die ihn
älter machten als sein Gesicht, reckte er hinter sich, wo die Treppengasse
zum Kastell hinaufbog.
»-- daß das Theater seit fünfzig: seien wir genau, seit achtundvierzig und
dreiviertel Jahren unbenutzt steht, nämlich seit der Vermählung des armen
Fürsten . . .«
»War die Vorstellung gut, Advokat?« fragte beißend der Gemeindesekretär.
»Sie haben doch schon damals den Impresario gemacht? Denn wann waren Sie
untätig? Gewiß nicht einmal in den Windeln.«
Und der Advokat, mit verächtlichem Achselzucken:
»Des armen Fürsten, um den ihre Exzellenz noch trauert. Darum darf ich auch
die Bewilligung unseres Gesuchs mir ganz persönlich zuschreiben und dem
Umstande, daß ich der Sachwalter der Frau Fürstin bin.«
»Aber der Kapellmeister?« fragte sein Gegner. »Sollte nicht auch er einiges
Verdienst haben? Alfò, sage unserm Freunde, ob du und die andern alle in
der >Armen Tonietta< eure Instrumente spielen könntet, wenn nicht unser
Maestro Dorlenghi wäre!«
»Wer leugnet seine Tüchtigkeit? Übrigens zahlt die Gemeinde ihm hundert
Lire monatlich und die Kirche fünfzig. Aber scheint es den Herren nicht,
daß wir auf die Künstler, die er uns verschaffen wollte, recht lange warten
müssen?«
»Ich wette, daß sie heute in der Post sitzen werden!« rief der Apotheker.
Der Advokat bezweifelte es.
»Vielleicht werde ich als Vorsitzender des Komitees mich noch selbst nach
ihnen umsehen müssen. Wer weiß, wohin ich fahren werde: bis nach Rom
vielleicht.«
»Aber Advokat,« sagte der Gemeindesekretär, »was verstehen Sie vom
Theater?«
»Ich? Sie vergessen, Herr Camuzzi, daß ich in einer Stadt wie Perugia
studiert habe. Dort hatten wir oft genug eine Truppe von Komödianten, und
wir Studenten verkehrten mit ihnen, kann ich den Herren sagen, nicht
anders, als ich mit Ihnen verkehre. Die Choristinnen: ah! ich sage nur dies
Wort, die Choristinnen . . . Natürlich hatte auch die Primadonna den ihren,
aber man mußte reich sein, sehr reich; ich erinnere mich, ein Herr aus der
Stadt gab ihr dreihundert Lire im Monat. Begreifen Sie das? Dreihundert
Lire für eine Frau!«
Da der Advokat in lauter achtungsvolle Gesichter sah, blühte er auf. Er
öffnete seinen schwarzen Rock, obwohl keine Weste darunter war. Die Arme in
der Luft gerundet, mit rauhen gelben Manschetten, die bis über die
Korallenknöpfe herausfielen, und mit einer Flüsterstimme, aus der manchmal
ein heiseres Bellen brach:
»Aber so ist die große Welt: man muß sie kennen. Die Herren Künstler sind
die großartigsten von allen. Man hat keinen Begriff von dem Leben, das
diese Schauspieler und Literaten führen. Jede Nacht Champagner, schöne
Weiber, soviel sie mögen, und nie vor zwölf aus dem Bett.«
»Als ich in Forlì stand,« sagte der Leutnant der Carabinieri, »zeigte man
mir einen Maler, der zwei Fiaschi trinken konnte. Freilich war er ein
Deutscher.«
»Wozu auch,« schloß der Advokat, »da sie spielend mehr Geld verdienen, als
sie brauchen, und keine Sorgen haben. Für uns Bürger ists anders
eingerichtet auf der Welt. Aber es ist nicht übel, daß es auch Menschen
gibt, die ein so leichtes Leben haben, nach Herzenslust über die Stränge
schlagen dürfen und immer guter Laune sind. Haben wir erst einige der Art
hier bei uns, wird es lustig werden.«
»Das kann nicht schaden!« rief der Apotheker. Gleich darauf hielt er sich
den Mund zu und schielte nach seinem Hause hinauf. Man lächelte. Er
entschuldigte sich.
»Immer sind Leute in der Nähe, die es mit den Priestern halten.«
Der Advokat behauptete:
»Wenn wir uns die Komödianten nicht zu unserm Vergnügen kommen ließen,
sollten wir es tun, um die Priester zu ärgern.« Der Gemeindesekretär hob
die Schultern, der Wirt aber sagte dröhnend:
»Sind wir denn noch immer unter dem Papst?«
Man schrie: »Bravo, Achille!« -- und dahinten sah man aus der Kathedrale
über den Corso und in den Palazzo Torroni eine schwarze Gestalt huschen.
Der Apotheker seufzte.
»Armer Baron! Auch ihn halten sie mittelst der Frau. Da kann man sich dann
nicht rühren, ohne daß es weh tut. Glaubt mir, ihr Jungen, nehmt nie eine
Frau, die es mit den Priestern hat!«
Der Advokat stellte die Hand an den Mund.
»Und dennoch ist Don Taddeo betrogen, und der Baron hat mir heimlich, Sie
verstehen: unter einem Decknamen seinen Beitrag geschickt für das Theater.«
Funkelnd betrachtete er seine Wirkung, legte sich den Finger auf die Lippen
und machte eine Pause. Dann:
»Der Beitrag ist sogar bedeutend genug, daß wir den des alten Nardini
verschmerzen können.«
»Eine schöne Familie, die Nardini« -- und der Apotheker stieß den Stock
aufs Pflaster.
»Ihre Mitbürger halten sie ihres Verkehrs nicht würdig, nie wollten sie dem
Klub beitreten, und die Enkelin stecken sie ins Kloster!«
»Noch ist sie nicht darin«, sagte der junge Savezzo, mit plumper Eleganz an
das Haus gelehnt. »Und als ich im Klub meinen Vortrag über die Freundschaft
hielt, hat sie ihre Magd hingeschickt und sich darüber berichten lassen.«
»Ah, Totò möchte sie draußen behalten.«
Unter den spöttischen Blicken begann das linke Auge des jungen Menschen auf
seine pockennarbige Nase zu schielen. Der schöne Alfò, des Wirtes Sohn,
sagte:
»Ist sie schön, die Alba!«
Dann sah er unbeirrt und eitel umher.
»Ihr beide werdet keinen Erfolg haben« -- und der Gemeindesekretär lachte
auf. »Hat doch nicht einmal der Severino Salvatori sie bekommen, obwohl er
mit einem Korbwagen umherfährt. Vielleicht, wenn ihr keine Mitgift
verlangt. Denn der Alte will sie billig los sein. Er ist noch geiziger als
fromm.«
»Auch fromm ist er«, versicherte Savezzo. »Und wohltätig. Der alte Brabrà
lebt ganz vom Nardini, seit dreißig Jahren bald. Jeden Sonntag nach der
Messe wird dort unten in Villascura den Armen das Mehl ausgeteilt. Alba
selbst tut es.«
»Alba selbst«, wiederholte Alfò.
»Aber als ich ihm die Liste brachte,« sagte der Advokat mit steilem Finger,
»wissen Sie wohl, was der Nardini mir geantwortet hat?«
Alle wußten es, ließen sich aber gern zum zehntenmal dadurch aufbringen.
»Er hat mir geantwortet: wenn er dafür zahlen solle, daß die Komödianten
fortbleiben, dann wolle er zahlen.«
Der Apotheker schlug auf den Tisch; das Schweigen der andern war stürmisch.
Da sagte der schöne Alfò, und das einfältigste Lächeln legte seine weißen
Zähne frei:
»Dennoch will ich Alba heiraten.«
Niemand würdigte ihn einer Entgegnung.
»Auch seinen Wasserfall«, erinnerte sich der Gevatter Achille, »hat er der
Stadt ein wenig teuer verpachtet.«
»Unsere Schuld« -- und der Gemeindesekretär hob die Schultern; »ich war
gegen die Elektrizitätsanlage und bin es noch. Aber man hört nicht auf
mich«, sagte er mit einem Blick auf den Advokaten, der die Arme in die Luft
warf.
»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?« schrie er keuchend.
»Und wem verdanken wir ihn,« antwortete der junge Savezzo, »als einzig dem
Advokaten?«
»Ist es einer Stadt wie der unsrigen würdig,« fragte der Advokat weiter,
»die öffentlichen Plätze mit Petroleum zu erleuchten? Und wie sollen wir
vor den Fremden dastehen, die uns besuchen werden, wenn unsere
Theatersaison begonnen hat?«
»Versteht sich«, machten die andern; nur der Sekretär schüttelte die
zusammengelegten Hände.
»Da haben wirs. Weil wir eine Theatersaison haben, müssen wir elektrisches
Licht anlegen, und weil wir wie Venedig oder Turin das Verfassungsfest
feiern, mußten wir in einem Feuerwerk fünftausend Lire abbrennen. So zieht
eine Tat des Größenwahns die andere nach sich, und das Ende, das ich
voraussehe, ist der Bankerott. Ah, Ihr Herren, unsern Bürgermeister, den
würdigen Herrn Augusto Salvatori, der das Haus nicht mehr verläßt, trifft
keine Schuld: sie trifft nur einen!«
Und er stieß mit dem Finger nach dem Advokaten, der sich auf dem Stuhl
umherwarf.
»Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?«
* * * * *
Da rundete der Leutnant die Hand am Ohr:
»Mir scheint, ich höre sie knarren.«
Sogleich bekamen alle lauschende Mienen. Savezzo und Alfò stürzten an die
Hausecke und spähten die Gasse hinab. Plötzlich schrien sie durch die
gerundeten Hände:
»He! Masetti! Langsamer!«
Und unter wütendem Peitschenknallen hörte man die Post drunten auf der
Landstraße vorbeirasseln. Indes sie den Bogen zum Tor machte, wurden
Masettis phantastische Verspätungen aufgezählt; er habe keine Eile, zu
seiner Frau zu kommen; -- und nun er auf den Platz bog, begannen alle zu
pfeifen. Die beiden Carabinieri ließen sich von ihren Pferden herab und
hoben die Dreimaster, um sich die Köpfe zu trocknen. Die Diligenza fuhr mit
Krachen beim Postamt vor: da zeigte sich, daß sie ganz gefüllt war. Drinnen
saßen acht Personen, und eine kletterte soeben vom Bock: ein gedrungener
Mann mit einem Cäsarenprofil, den der Handlungsreisende fast für einen
Berufsgenossen gehalten hätte. Nur hatte er blaurasierte Wangen und
Bewegungen von unbekannter Spannkraft und Form.
Kaum daß die Pferde stillstanden, stürzten über die Füße der andern hinweg
zwei Nonnen aus dem Wagen und eilten, so daß die Kreuze der Rosenkränze von
ihren Hüften aufflogen, nach dem Treppenweg zum Kloster. Dann stieg ein
schöner bleicher junger Mensch heraus, der unbeteiligt umhersah.
»Nello!« rief eine Frauenstimme. »Hilf mir heraus!«
»Laß lieber mich«, sagte ein hagerer Alter, weiß angezogen und rascher als
ein Jüngling; -- und er streckte eine faltige Hand aus, worauf ein großer
Brillant blitzte.
Der Advokat bemerkte:
»Aber das sind sie! Das sind die Komödianten. Ich als Vorsitzender des
Komitees muß sie begrüßen.«
Er erhob sich und schwänzelte über den Platz. Die andern folgten im
Abstand.
Aus der Post ward eine schwarze lachende Person gehoben, aber wer sie von
hinten unter den Armen hielt -- der Advokat mußte auf halbem Wege stehen
bleiben -- das war, mit dem blonden Schnurrbart über dem roten Gesicht, der
Baron Torroni! Er wandte sich um; aus seiner Jagdtasche sahen die
Vogelschnäbel; und er setzte noch eine Frau aufs Pflaster: ein kleines
unansehnliches Wesen in einem schmutzfarbenen Mantel, wie ein Sack, und die
Haare voll Staub. Hinterher, mit einem ausgelassenen und dennoch bestürzten
Gesicht, kam der Tabakhändler Polli.
»He! Polli! Was ist denn mit dir geschehen?« rief der Apotheker.
Der Tabakhändler gesellte sich ihnen zu.
»Ach ja, das fragt nur! Die eine hätte mir fast einen Kuß gegeben: jene
große Schwarze.«
»Ein prachtvolles Weib. Die wird eine Stimme haben!« meinte der Advokat.
»Ich sage euch, sie kann schreien! Geschichten sind heute in dem alten
Karren erzählt worden! Ich möchte wissen, ob die beiden Nonnen sie schon
kannten. Immer lauter haben sie gebetet, -- und seht nur, wie sie laufen!«
»Wozu müssen diese heiligen Unterröcke immer unterwegs sein?« fragte der
Advokat. »Auf allen Straßen sieht man nur sie.«
Polli raunte:
»Und seht euch den Alten an: er ist geschminkt!«
Die Gruppe der Bürger schielte zu den Komödianten hinüber. Der Advokat fand
es schwerer als in seinen Studentenerinnerungen, mit ihnen anzuknüpfen. Der
untersetzte Mann vom Bock, der ihm noch am meisten Vertrauen eingab, ließ
den Kutscher das Gepäck herabheben. Den übrigen schüttelte der Baron
Torroni die Hände. Er versprach, ihnen seine Vögel ins Gasthaus zu
schicken, machte seine eckigen Kavalleristenverbeugungen und brach sich
einen Weg durch die Kinder und Mägde, die herumstanden. Wie er in seinen
Ledergamaschen auf sein Haus zuging, schlüpfte eine schwarze Gestalt heraus
und in die Kirche.
Mehrere Geschäftsleute stellten sich ein, um nach ihren Paketen zu sehen.
Der Kaufmann Mancafede bemühte sich längst um die seinen. Trotz aller
Spätsommerhitze war er in seiner dicken braunen Jacke. Das gewölbte Auge in
seinem alten Hasenprofil suchte ängstlich und zäh unter den Körben dort
oben.
»Und das Petroleum?« fragte er gelassen und richtete seinen trockenen
Finger auf den Kutscher Masetti. Der tat droben einen erbosten Sprung. Er
schrie hinab, für so viel Mühe sei er nicht bezahlt; diese Fremden hätten
Gepäck für einen ganzen Eisenbahnzug; noch ein Wagen komme mit Leuten und
Koffern: darauf werde, wenn Gott es wolle, auch das Petroleum sein. Und
durch den abfälligen Empfang, der ihm bereitet worden war, noch tiefer
gefärbt als sonst, schwenkte er die ausgebreiteten Arme tobend über der
Menge, vor dem blauen Himmel.
Der Kaufmann prüfte ihn blinzelnd und wandte sich an den Tabakhändler.
»Polli, deine Magd ist die letzte Nacht nicht zu Hause gewesen.«
Der Tabakhändler rötete sich.
»Sagt die Evangelina es?«
»Ja«, erklärte Mancafede mit Ruhe und Sicherheit.
»Und dann sagt meine Tochter auch, die Komödianten werden kommen . . . Das
sind sie wohl?« -- und zum erstenmal schien er sich umzusehen.
»Meine Lina weiß, daß der berühmte Tenor Giordano dabei ist.«
Plötzlich drehte der weiß angezogene Alte sich um. Leicht und doch groß
sagte er: »Das bin ich: der Cavaliere Giordano.«
Ein Augenblick, und der Advokat war über die Hand des alten Sängers
hergefallen.
»Sie, Cavaliere! Welch Wiedersehen! Sie erinnern sich doch unserer
Bekanntschaft in Perugia? Belotti, Advokat Belotti. Wir verkehrten beide im
Café »zur alten Treue.« Wir spielten Domino, und ich besiegte Sie immer,
Sie zahlten all meinen Punsch . . . Wie, Sie wissens nicht mehr? Ach ja,
das sind wohl dreißig Jahre her, und was haben Sie seitdem erlebt! Der
Ruhm, die Frauen, die großen Reisen! Das nenne ich Leben. Hier in der
kleinen Stadt: -- nun, Sie werden uns kennen lernen; auch wir können lustig
sein, auch wir wissen die Kunst zu schätzen. Meine Freunde werden glücklich
sein, Sie kennen zu lernen.«
Er winkte sie herbei.
»Herr Acquistapace, unser Apotheker; Herr Polli, mit dem Sie die Reise
gemacht haben; Herr Cantinelli, der brave Anführer unserer bewaffneten
Macht . . .«
Und um nicht seinen Gegner, den Gemeindesekretär, vorstellen zu müssen,
griff er aus den Umstehenden einen andern heraus.
»Herr Chiaralunzi, höchst geschickter Schneider, der im Orchester das
Tenorhorn blasen wird.«
»Und wie!« meckerte das hämische Stimmchen des Barbiers Nonoggi.
Aber der lange starkknochige Schneider trat vor, sah sich langsam und
ehrlich die Fremden an, -- und dann verbeugte er sich mit Wucht, daß die
Spitzen seines hängenden, rostroten Schnurrbartes schaukelten vor dem
kleinen unansehnlichen Wesen im schmutzfarbenen Mantel. Sie stand, indes
ihre Kameraden zusammen flüsterten und lachten, ganz allein; durch die
Taschenwände sah man, daß sie Fäuste machte; und ihre weit voneinander
entfernten Augen gingen kalt über die wachsende Menge, als prüfte eine
Macht die andere. Beim Anblick des vor ihr gekrümmten Schneiders bekam sie
unvermutet ein Kinderlächeln und gab ihm eine kleine graue Hand.
Darauf schüttelte er die Rechte des alten Tenors, der über die andern
Sänger eine Gebärde beschrieb, ohne daß er dabei hinsah: wie ein Fürst, der
sein Gefolge vorstellt.
»Herr Virginio Gaddi, Bariton.«
Der untersetzte Mann mit dem Cäsarenprofil mischte sich, eine Hand in der
Hosentasche, unter die Bürger.
»Fräulein Italia Molesin, Sopran.«
Die derbe Schwarzhaarige lachte mit großen Zähnen allen zu und stieß dabei
kokett mit den Schultern, um den Schal zurückzuwerfen; denn sie trug einen
Schal, wie die Masse der Mädchen, und keinen Hut.
»Herr Nello Gennari, lyrischer Tenor.«
Da sahen die Frauen das mattbleiche Gesicht des jüngsten Mannes sich ihnen
zuwenden. Weil es einfach und stark gemeißelt war, erkannten die am
weitesten Entfernten es, reckten sich und sagten laut:
»O! Ist er schön!«
Seine Augen dankten ihnen allen, ohne Überraschung und ohne Eifer, mit ein
wenig schwermütigem Spott.
Nun aber wendete der Cavaliere Giordano sich nach dem Mädchen um, das für
sich stand, beugte leicht vor ihr den Rumpf und sagte mit entzückter
Stimme:
»Und dies ist unsere Primadonna assoluta, das Fräulein Flora Garlinda, eine
Künstlerin von unermeßlicher Zukunft, die Hoffnung der lyrischen Bühne
Italiens.«
Dann sah er erwartungsvoll die Bürger an. Der Advokat, der ihr am nächsten
stand, fuhr ein wenig zurück; und dann huldigte er der Primadonna um so
ehrfurchtsvoller, je weniger er sie vorher beachtet hatte. Er fragte sie,
ob sie schon in der Scala gesungen habe. Sie zuckte die Achseln und krümmte
den Mund, als verachtete sie die Scala. Darauf machte er einen großen
Kratzfuß.
»Ein Fräulein wie Sie muß wohl Liebhaber haben, so viele es nur will.«
Sie lachte auf und ließ ihn stehen. Er schielte nach rechts und nach links,
ob man es gesehen habe; -- aber in diesem Augenblick schwankte die Menge:
jemand teilte sie, mit den Armen stürmisch über ihren Schultern rudernd.
»Der Maestro!«
Er war angelangt; er keuchte. Seine helle Gesichtshaut war unter seinem
leichten blonden Bart ganz rosig bewölkt, sein verlegen ehrgeiziges Lächeln
zerging manchmal, und dann sah man, daß er zornig war. Er setzte an:
»Das ist aber . . . Ich denke doch, ich bin hier der Kapellmeister . . .
Die von mir engagierten Künstler sind da, und niemand ruft mich? Herr
Advokat, ich muß Sie . . .«
Der Advokat klopfte ihn auf den Rücken.
»Mein lieber Dorlenghi, alles geht gut, ich habe mich als Vorsitzender des
Komitees mit diesen Herren bereits ins Einvernehmen gesetzt.«
»Aber ich begreife nicht, wie man ohne mich . . . Dann führen doch Sie den
Kapellmeisterstab!«
»Seien Sie gut, Dorlenghi!« sagte der Apotheker, und Polli, der
Tabakhändler, meinte:
»Das alles ist doch nicht der Mühe wert.«
Der Musiker warf die Arme noch höher.
»Nicht der Mühe wert! Ah! Cavaliere: denn ich irre mich nicht, Sie sind der
Cavaliere Giordano, und ich heiße Enrico Dorlenghi und bin Dirigent einer
Dorfkapelle, nichts weiter. Ich habe in meinem Zimmer gesessen, da hinten
in einem Winkel der Stadt, wo man nichts hört noch sieht, und habe an einer
Messe geschrieben, die ich noch diesen Herbst in der Kirche aufführen soll.
Inzwischen ernten diese Herren die Frucht meiner Bemühungen; denn ich bin
stolz, Sie, Cavaliere, unserer Bühne gewonnen zu haben, Sie und Ihre
Kollegen. Nicht der Mühe wert! Wenn Sie ahnten, welch ein Ereignis für
einen Verbannten, Geopferten --«
Er ging mit dem alten Sänger um den Postwagen herum; seine keuchende Stimme
versank manchmal, denn das Volk schrie ihm zu. Viele schrien auf einmal
»bravo Maestro!« andere: »Seht, er ist verrückt geworden!« Und die meisten
wußten nicht, wer gemeint war, und riefen »he, Masetti!« nach dem Kutscher,
der, stimmlos vom Schelten, an den Pferden zerrte. Er saß mit ihnen fest;
Jungen krochen zwischen den Beinen der Menge hervor und kniffen ihn. Er
schlug aus . . . Inzwischen ward der Kapellmeister wieder sichtbar, noch
immer fuchtelnd. Plötzlich stand er vor der Primadonna. Wie der Cavaliere
sie nannte, sahen sie sich an. Der Musiker war auf einmal verstummt, die
junge Sängerin sah aus, als gölte es: und die Hände, die sie sich hätten
reichen sollen, noch in der Schwebe, traten beide ein wenig zurück. Dann
begrüßten sie sich: er rosig von verlegenem Ehrgeiz, sie mit dem
entschlossenen Blick von Macht zu Macht, den sie auch auf das Volk
gerichtet hatte. Der Kapellmeister sagte:
»Ich würde mich an die >Arme Tonietta< nicht heranwagen, hätte ich für die
Hauptrolle nicht Sie gewonnen, Fräulein Flora Garlinda.«
Sie lächelte gnädig.
»Auch Ihr Name, Maestro, fängt an, sehr bekannt zu werden. Noch neulich in
Sogliaco sagte der Direktor Cremonesi . . .«
Er hatte ein Gesicht wie ein Hungernder. Aber ihre Worte gingen aus, wie er
kaum anfing, sie zu verschlingen. Der Gastwirt Malandrini bot ihr eins
seiner beiden Zimmer an. Der große beleibte Mann war lautlos, man wußte
nicht wie, durch das Gedränge gelangt, lächelte breit und glatt und kannte
schon jeden beim Namen.
»Ihnen, Cavaliere, meinen Ehrensalon! Gerade muß ich den Handlungsreisenden
haben, der immer herkommt; und zudem ist ein Fremder da, der nichts tut:
sonst würde ich alle diese Damen und Herren zu mir einladen. Sie aber,
Fräulein Flora Garlinda . . .«
Die Primadonna lehnte ab; sie sei zu arm, um ins Gasthaus zu gehen.
»Der Direktor Cremonesi«, sagte angstvoll der Maestro, »gilt für
geschickt.«
Der Perückenmacher Nonoggi kam dazwischen, dienerte auf einem Bein und
empfahl sich den Künstlern. Er hielt einen Haubenstock und rief zärtlich:
»O! welch schöne Perücke. Wie sollte einen Mißerfolg haben, wer solche
Perücke trägt!«
»Was höre ich?« sagte der Wirt, »der Herr Cavaliere hat schon bei dem Herrn
Gemeindesekretär gemietet? Aber das Fräulein Italia Molesin? Verständigen
wir uns, Fräulein! Sie sind die Schönste von allen . . .«
»Sein Urteil zählt«, sagte der Kapellmeister; »ich glaube, daß er als
Bühnenleiter heute --«
»Und die Herren«, kreischte der kleine Barbier, »bitte ich, mir nur einmal
über die Wange zu streichen und dann zu sagen, ob man vermuten würde, daß
dort je ein Bart gewachsen ist. So rasiere ich!«
»Ah! so ists recht: auch Sie, Herr Nello Gennari. Das Fräulein Italia und
der Herr Nello,« rief der Wirt, »das sind die geehrten Gäste der Herberge
»zum Mond«. Masetti, das Gepäck der Herrschaften! Ihr Leute, den Weg frei!«
Die derbe Schwarze hieb einem halb Betrunkenen, der sie betastete, den
Fächer um den Kopf. Dazu lachte sie mit ihrer dicken Kehlstimme.
»Ei seht, die Lustige!« schrie es. »Ist sie sympathisch!«
»Aber seht das böse Gesicht der andern! Kann man so böse sein! Sie wird die
Hexen spielen;« -- und die Frauen traten ganz dicht an die Primadonna hinan
und starrten ihr tierisch feindselig in die Augen.
»Ich werde dich nicht heiraten«, erklärte Alfò, der Sohn des Caféwirts, mit
seinem törichten Lächeln. Sie betrachtete ihn ohne Spott, die Hände in den
Manteltaschen.
»Und ich dich nicht, du Schöner!«
»Er ist nicht mehr schön«, sagte eine Frau und schlug sich auf die Brust.
»Der Schöne ist jetzt euer Tenor.«
»Man würde sagen, ein junger Heiliger!«
»Wäre er mein Sohn! Mein Sohn ist häßlich und schlägt mich.«
»Zeig uns dein Gesicht! Ich will dich küssen.«
»O du Schamlose!«
Und tief aus der Menge schallte eine Ohrfeige.
»Bravo!« sagten Männerstimmen. »Sie sind verrückt, die Weiber.«
»Aber auch ich würde mich verlieben!« rief der biedere Baß des Apothekers
Acquistapace; und viele helle Stimmen, auf allen Seiten und weithin,
verstört, selig, im Ton des Träumens:
»Ah! seine Augen. Er sieht mich an!«
* * * * *
Er stand allein; seine Kameraden waren von ihm weggetreten wie auf der
Bühne, wenn der Beifall nur ihm galt; und die Arme verschränkt, die
Schultern hinaufgezogen, führte er sein leichtes und dennoch beschattetes
Lächeln über die Gesichter der Menge. Sie antwortete:
»Es lebe der Gennari!«
Die Jungen kreischten:
»Er lebe!« -- und ein Händeklatschen, irgendwo ausgebrochen, griff um sich,
sprang über den Platz.
Es ward zerrissen von einem schweren Glockenschlag; und wie vom Turm nun
das Ave stieg, wendeten alle sich ab. Die Menge entfaltete,
auseinanderrauschend, zwei weite Flügel; zwischen ihnen, am Ende einer
stummen Gasse von Menschen, lag vor dem jungen Sänger die kahle
Kirchenmauer. Nur auf ihr noch war ein Streif Sonne. Die einsamen Klänge
der Höhe; unten das Staunen der Stille: und da ging dorthinten im
Sonnenstreif, allein und rasch, eine Frau in Schwarz entlang. Sie war klein
und schlank, ging vor Eile ein wenig geneigt; und in dem schwarzen
Schleier, den die letzte Sonne durchleuchtete, sah Nello Gennari ein
weißes, weißes Profil, dessen Lid gesenkt war und sich nicht hob. Sie
langte beim Portal an, stieg zwischen den Löwen hinauf, und schon schwamm
vor dem Dunkel, das sie aufnahm, nur noch, kupferrot und besonnt, ihr
großer Haarknoten, -- da wendete sie sich um, ganz um und sah von oben die
Menschengasse hinab. Er dort am Ende hielt die Arme nicht mehr verschränkt,
und sein wankendes Lächeln suchte in den Schleier einzudringen, zu jenem
verschwimmenden Oval aus fernem Alabaster . . . Ein Augenblick, dann endete
das Läuten, die Menge schloß sich wie ein Tor, und aufschreckend sah der
Tenor all die Gesichter zurückgekehrt, die er vergessen hatte.
Sein Kamerad, der Bariton, stand vor ihm und sagte:
»Ich war im Ort umher, nach Wohnungen für uns. Wer sich begnügt, zahlt
wenig.«
»Gaddi, wer war jene Frau?«
»Schon eine Frau? Immer Frauen! Ah, dieser Nello. Er verliert seine Zeit
nicht.«
»Wer war sie?«
»Ich habe nichts gesehen, mein armer Nello. Was willst du: ich bin ein
Familienvater voller Sorgen. Gleich werden die Meinen hier sein, vier
Köpfe, und es heißt ihnen Obdach schaffen. Ich suche einen gewissen
Savezzo, der Zimmer haben soll.«
»Nichts gesehen! Und du mußt -- nein bleibe! Dies ist wichtig: ganz nahe
mußt du an ihr vorbeigekommen sein.«
»An wie vielen Frauen bin ich vorbeigekommen! Auch du, Nello, wirst
glücklich an dieser vorbeikommen, wie noch an jeder. Gehab dich wohl.«
Und der Mann mit dem Cäsarenprofil nahm gesetzten Schrittes seinen Weg
wieder auf. Der Tenor drang planlos in die Menge ein. »An ihr
vorbeikommen«, dachte er. »Niemals werde ich an ihr vorbeigelangen. Wenn
ich sie wiederfinde, werde ich sie lieben: immer, immer.« Da schlug ein
riesiger Federfächer ihm eine parfümierte Luft ins Gesicht. Mama Paradisi,
flankiert von ihren beiden Töchtern, versperrte dem jungen Manne den Weg.
»Das ist er!« flüsterten sie laut, alle drei; sahen ihn starr lockend an
aus ihren breiten, weichen, gepuderten Gesichtern, ließen die Fächer ruhen
und die durchsichtigen Blusen sich heben und quellen. Der junge Mann hatte,
bevor ers wußte, entgegenkommend gelächelt. Mit Stimmen wie Federkissen
versicherten sie ihm, daß sie um seinetwillen ins Theater zu gehen
gedächten.
»Wir lieben so sehr die Kunst. Werden Sie, wenn wir recht laut klatschen,
uns zu Gefallen eine Arie wiederholen?«
Er versprach es, hingerissen, die Hand auf dem Herzen, mit tiefen Blicken
in alle drei Augenpaare.
Ein schreckhafter Ruck in der Menge trennte ihn von den Damen. Dahinten, wo
ein Paar wachsblasser Hände durch die Luft schwangen, brach ein hohes,
zorniges Jammern an.
»Ihr werdets bereuen! Geht nach Hause, geht! Ah! ihr Gesindel, den
Komödianten lauft ihr nach, als hieltet ihr euch am Schwanze Satans fest,
um desto sicherer zur Hölle zu fahren.«
»Don Taddeo ist heute nicht gut aufgelegt«, sagte jemand, und der Tenor sah
in ein Gesicht voll künstlich verwirrter Locken, mit einer pockennarbigen
Nase und einem linken Auge, das nicht stillhielt.
»Ich bin der Savezzo; Ihr Kollege Gaddi wird bei uns wohnen. Übrigens bin
auch ich ein Künstler, wir werden uns schon verstehen.«
Nello Gennari gab ihm zerstreut die Hand. »Was wollten sie von mir, diese
Weiber? Ach, immer dasselbe. Und immer gehe ich ihnen auf den Leim. Es
fängt an, mich zu ekeln . . . Aber sie? Wer war sie?«
»Hören Sie, Herr Savezzo, ich sah vorhin . . .«
Aber die schwache wütende Stimme, die Stimme jener in der Luft stehenden,
rückwärts gekrampften Hände fuhr dazwischen; sie klang, als rennte sie in
einem hektischen Ansturm alles nieder.
»Fort mit ihnen, ehe es zu spät ist! Sonst frißt die Sünde um sich, ihr
verbrennt darin! Wehe denen, die diese Leute gerufen haben! Und verdammt
sei, wer sie bei sich aufnimmt!«
Mehrere Frauenstimmen antworteten:
»Recht hat er, wir wollen nicht verdammt werden.«
Der junge Savezzo hob die Schultern.
»Was will denn der? Warum sollte ein Biedermann wie der Herr Gaddi . . .«
»Herr Savezzo, ich sah vorhin eine Frau in den Dom treten, wer war sie?«
»In den Dom? Es treten so viele in den Dom . . .«
»Ein schwarzer Schleier, ein kupferroter Haarknoten.«
»Wir haben hier keinen kupferroten Haarknoten. Wie dieser Priester schreit!
und immer dasselbe, man versteht einander nicht.«
»Sehr schlank, von sehr weißer Haut«, sagte flehend der Tenor. Die Miene
des andern blieb verschlossen. Plötzlich wendete er sich ab und machte
zwischen den Zähnen »oho!«
»Was steht ihr und reibt euch am Laster! Packt euch! O! möchte doch der
Himmel auch ein Zeichen geben der Gefahr, ihr Blinden!«
Und die Hände dort über den Köpfen schienen mit dem Himmel zu ringen in
letzter Not, wie heilige Jungfrauen beim Sterben.
»Solch ein Fanatismus wirkt abstoßend«, sagte der Advokat Belotti erstickt.
»Die Damen zweifeln doch nicht, daß uns trotz diesem traurigen Herrn aus
der Sakristei sehr wohl bekannt ist, was wir der Kunst schulden. Ich für
meinen Teil werde mir jetzt erst recht die Freiheit nehmen, Ihnen, Fräulein
Flora Garlinda, mein Haus zur Verfügung zu stellen.«
Die Primadonna erwiderte:
»Ich danke Ihnen. Aber es würde sich für mich nicht ziemen.«
Da wagte der Apotheker Acquistapace sich vor.
»Wenn das Fräulein denn zu einem Junggesellen nicht gehen will: ich bin
verheiratet, wir sind eine sehr ehrbare Familie, und wir wissen wohl, daß
die Kunst und das Laster zweierlei ist . . .«
»Romolo!« rief es sehr scharf hinter ihm.
»Meine Liebe?« -- und die Stimme des alten Kriegers versuchte tapfer zu
bleiben.
Plötzlich kreischte alles auf; die Menge schwankte und bekam Risse; einige
Jungen liefen heulend davon.
»Der Priester hat sie ins Gesäß getreten«, sagte der Advokat. »Er geht zu
Gewalttaten über. Soll man seine Kinder von diesem Elenden mißhandeln
lassen?«
Dabei zog er selbst sich ganz leise gegen den Laden des Barbiers Nonoggi
zurück. Der Apotheker war fort und viele der nächsten hatten sich
unauffällig in das gelichtete Volk gemischt. Vor den Sängern lag ein freier
Halbkreis. Der Schneider Chiaralunzi durchmaß ihn allein. Er trat vor die
Primadonna hin; aber ohne den letzten Schritt zu beenden, halb schwebend,
als wollte er ihr seine Gegenwart leicht machen, begann er zu sprechen. Er
rieb seine großen weißen Hände mit den Ballen aneinander, und sein
Lanzknechtschnurrbart schaukelte.
»Weil nämlich doch das Fräulein, wie es heißt, die einzige unter den
Herrschaften ist, die noch nicht gemietet hat, und obwohl ich natürlich
nicht würdig bin, aber was meine Frau kocht, läßt sich essen, denn sie
kocht auf Genueser Art, denn sie hatte eine Tante in Genua . . .«
»Und ich soll bei Ihnen wohnen?«
»Ja, Fräulein, ja, das wollte ich sagen.«
»Das tue ich gern. So gehen wir! Hier ist alles, was ich bei mir habe.«
Der Schneider hob den leichten Koffer auf seine Schultern, wie auf einen
Turm, und ging vor der kleinen zerzausten und schnellen Person her über den
Platz, von dem das Volk ablief.
»Freilich blase ich das Tenorhorn«, sagte er. »Doch werde ich, um dem
Fräulein nicht lästig zu fallen, damit auf die Akropolis steigen.«
»Ihr spielt hier wohl jeder ein Instrument? Und der Maestro übt euch?«
»O! mich braucht er nicht zu üben. Denn ich selbst bin Chef einer kleinen
Bande und spiele des Sonntags in den Dörfern. Man lebt, wie man kann. Wäre
nur nicht die schlechte Konkurrenz! Denn das Fräulein hat wohl gehört, was
der Barbier Nonoggi über mich sagte. Denn er ist mein Feind. Denn auch er
hat solch eine kleine Bande . . .«
»Aber der Maestro, wie ists mit ihm?«
»Der Maestro, das ist etwas anderes. Er hat auf dem Konservatorium
studiert.«
»Ah, er hat studiert.«
»Er ist ein sehr großer Musiker und ein guter Mann.«
»Vielleicht ist er ein sehr großer Musiker, -- aber ein guter Mann? Er hat
mir nicht gefallen. Er sieht aus wie einer, der keinem andern etwas gönnt.
Ich würde ihm nicht zu sehr trauen.«
Überrascht wandte sich der Schneider um und spähte von seiner Höhe nach dem
Gesicht, das solche ungeahnte Dinge sprach. Sie nickte ihm so fest und
streng in die Augen, daß ihm ein Schauer über den Nacken lief.
»Wenn das Fräulein meint«, sagte er gehorsam. »Man kennt die Menschen
niemals ganz. Einst, beim Militär, hatte ich einen Freund . . .«
* * * * *
Sie betraten die Gasse der Hühnerlucia. Der Platz blieb fast leer zurück.
Eine letzte schwatzende Gruppe wurde von Frauen zerteilt: »Kommt essen!«
und ringsum in die Dunkelheit getrieben. Ein Alter trippelte nach dem
Rathaus, zündete zwei Öllampen an und machte sich quer über den Platz an
die dritte beim Palazzo Torroni. Zur vierten am Dom gelangte er nicht: der
Tenor Nello Gennari war plötzlich da und erschreckte den Alten.
»Hört! kennt Ihr nicht alle Leute hier? Ihr müßt mir sagen, wer jene
schwarz gekleidete Frau war. Sie ging, wie es Ave läutete, in den Dom.«
Da der Alte nur grinste:
»Wollt Ihr Geld? Ach, es ist umsonst. Mir geschieht etwas Unbegreifliches.
Sie ging hinein, sie allein, vor allem Volk, und niemand hat sie gesehen.
Gute Nacht, Alter, die ganze Welt ist stumm.«
Mit einer weiten Geste enteilte er, hob die Matratze von der Domtür, glitt
hinein.
»Wenn sie noch da wäre? Vielleicht erwartet sie mich! Vielleicht aber war
sie ein Gesicht und nur ich hatte es?«
Die schattigen Räume mit dem Blick durchirrend:
»O Alba! Süßes Morgenlicht, gehe mir auf! Ich liebe dich. Wenn ich dich
finde, will ich in dir verbrennen. Soll ich niemals lieben? Ich hasse die
Weiber, die ich gehabt habe. Ich bin zwanzig Jahre, und ich will dich
lieben, o Alba, immer, immer.«
Er schwankte, im Rausch seines Herzens. Als er dann hinaustrat, ging beim
Glockenturm, wo es am dunkelsten war, irgend etwas hin und her, langsam
immer hin und her. Der Tenor machte sich rasch herzu.
»Heda, guter Mann, sagt doch . . .«
»Wie?« fragte der Kaufmann Mancafede und blieb stehen.
»Verzeihen Sie, Herr . . .«
Der junge Mann erwachte verwirrt. Seit einer Stunde lebte er in einer Welt
von Abenteuern, denen alles Volk beiwohnte und die doch nur ihm galten.
Diese Stadt und das Wunder in ihr hatten ihn erwartet. Er flog von einem
zum andern als einziger Fühlender zwischen verzauberten Steinen und fragte
nach der wunderbaren Frau.
»Ich wollte nur . . .« stammelte er. »Mein Herr, ich bin fremd hier.«
»Man weiß«, sagte der Kaufmann. »Der Herr ist einer der Komödianten.«
»Sie werden auch begreifen, mein Herr, daß man in meinem Alter nicht immer
. . . daß man . . . O, mein Herr, sie ging in den Dom.«
»Ah! in den Dom ging sie.«
»Sie kennen sie?«
»Das sage ich nicht. Aber um Ihnen gefällig zu sein, will ich mich bei
meiner Tochter erkundigen.«
»Sie wollen . . . O!«
Der Kaufmann ging ins Haus. Der junge Mann fragte nicht, wer diese Tochter
sei, die das Erlebnis seines Herzens kannte. Er ließ geschehen, daß die
Schleier der Verzauberung wieder heraufstiegen. Mit beiden Händen umfaßte
er seine Schläfen, tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz.
»O Alba! Süßes Morgenlicht!«
Der Kaufmann kehrte zurück.
»Meine Tochter weiß wohl, wen Sie meinen; aber sie sagt es Ihnen nicht.«
»Warum nicht?«
»Meine Tochter wird auch das wissen.«
»Aber die Frau hat mich angesehen! Sie wandte sich um, noch in der Domtür,
und sah mich an, mich allein.«
»Sie hat Sie also angesehen.«
Der junge Mann stampfte auf.
»Wen geht das alles an, als nur mich! Was will Ihre Tochter! Aber sie weiß
gar nichts, Ihre Tochter!«
»Oho!«
Der Kaufmann verlor seine Trockenheit.
»Wenn meine Tochter nichts weiß, dann haben Sie geträumt, junger Mann, und
es ist nichts geschehen. Was geschehen ist, das weiß sie auch.«
»Warum sagt sies also nicht?«
»Soll sie jener Unglücklichen einen Menschen schicken, der sie verführt?
Meine Tochter ist nicht sehr eingenommen für dergleichen. Aber wissen: o,
sie weiß alles.«
»Mein Herr« -- und Nellos Stimme schmeichelte. »Hier habe ich einen schönen
Ring. Sie sind Kaufmann. Sie werden den Wert dieses Rubins zu bestimmen
verstehen. Wissen Sie, zu welchem Preise ich ihn Ihnen gebe? Für den Namen,
mein Herr, für den Namen!«
»Lassen Sie doch sehen!«
Mancafede zog den jungen Mann am Ringfinger bis unter die Lampe vor dem
Dom. Plötzlich sah er auf, mit schwarzen Runzeln über die Hornränder seines
Klemmers hinweg.
»Von wem haben denn Sie einen solchen Ring, junger Mann?«
Nello errötete tief, zog den Finger zurück und machte sich mit einem
Gemurmel davon.
»Ich bin ihrer unwürdig! Noch trage ich den Ring von der Frau des
Juweliers!«
Und er suchte Dunkel auf.
Aber es blieb nicht dunkel. Aus dem Corso, über den Platz und zum Tor
stürmte ein Haufen Jungen mit Kerzen in Papierdüten. Alle schrien:
»Sie kommen! Es kommen noch mehr!«
Sogleich klappten ringsum Fensterläden an die Mauern, und Licht fiel herab.
Die Häuser begannen sich wieder zu leeren von Neugierigen, die noch die
Münder wischten. Alle sammelten sich am Ausgange des Platzes, reckten die
Arme nach dem Tor und lärmten mit. Denn immer lauter ward dorthinten das
Gewirr von Lachen und Gekreisch, das Trommeln auf Holz, das Singen . . .
Und mit Rasseln, Knallen und Gebell und umtollt von den Windlichtern der
Jungen, brach, voll weiblicher Schreistimmen, ein ganz bunter Wagen herein
-- niemand begriff etwas vor Buntheit -- fuhr mitten auf den Platz und war
da. Schon standen, rückwärts gebogen, junge Leute darum her und breiteten
Arme aus, lauter Arme, die sich wiegten; -- und auf allen Seiten des hohen
Stellwagens blähten bunte Röcke und Blusen sich auf, wie die Mädchen hinab
in die Arme sprangen, mit geschlossenen Augen darauf los, als sei ringsum
Wasser. Dann kletterten die Männer herab.
»Die Choristen sind gekommen!« rief man den Häusern hinan; und die noch
droben waren, stiegen auf den Platz. Im Café ward es ganz hell. Der
Konditor Serafini im Corso mußte seinen Laden wieder aufgemacht haben, denn
der Karren mit dem Gefrorenen klingelte durchs Gedränge. Der Advokat
Belotti wand sich hindurch, er keuchte.
»Wir haben Wohnungen, meine Damen, wir sind das Komitee.«
»Wir sind das Komitee«, heulten die Jungen ihm nach.
Der Advokat schwenkte immer krampfhafter seine Liste über den Köpfen. Der
Schneider Chiaralunzi und der junge Savezzo riefen ihren Freunden zu, die
Musikinstrumente zu holen.
»Gott! Hilf noch dies eine Mal!« schrie eine Alte, die erdrückt ward; und
die Frau des Kirchendieners Pipistrelli:
»Die Welt geht unter: er hat recht, Don Taddeo. O wir Sünder!«
Im Café »zum Fortschritt« stand man Fuß an Fuß.
»Gevatter Achille! Einen schwarzen Punsch!« riefen die vordersten; aber der
Wirt war hinter seinem Schenktisch eingesperrt und durfte nicht einmal
seinen Bauch darüber wegstrecken. Die gefüllten Gläser, die er hinhielt,
reichte einer dem andern. Er kam ins Feuer und verkündete dröhnend:
»Für drei Konsumationen eine umsonst!«
Draußen ließ sein Sohn, der schöne Alfò, sich vom Gewühl umherwerfen und
konnte nicht mehr zurück. Er lächelte töricht, sooft ihm eine Frau
begegnete; aber wie er der kleinen Rina, der Magd des Tabakhändlers Polli,
einen Kuß zuwarf, ward er von hinten grob angelassen. Er hatte jemand
getreten, den Tenor Nello Gennari, der an der Mauer lehnte, schon im
Gäßchen der Hühnerlucia, und im Dunkeln auf seine Lippe biß. Der schöne
Alfò entschuldigte sich freundlich.
»Das kommt von all den Mädchen, die hier sind, mein Herr. Man hat so viel
zu tun, wenn man schön ist.«
Der Tenor sah ihn an.
»Es muß ein gutes Leben sein,« sagte er auflachend, »wenn man schön ist.«
»Nicht immer, mein Herr. Denn alle wollen einen heiraten, und ich werde
doch nur die Schönste heiraten: Alba Nardini, die schöne Alba.«
»Wie heißt sie, die Schönste?«
Da brach die Musik los, als börsten alle Hörner.
»Sie heißt Alba? Reden Sie doch!«
Der schöne Alfò nickte nur noch. Eine Volkswelle trug ihn weiter. Alles
stürzte vor. Um die Musik her begann ein Drehen: die Stadt tanzte. Sie
lärmte in der Nacht, war bunt und tanzte. Nello Gennari ging, den Kopf im
Nacken, mit von sich gestreckten und gerungenen Händen, ganz langsam in die
Gasse der Hühnerlucia hinein.
»Sie heißt Alba!«
Plötzlich fiel er mit Brust und Gesicht gegen die feuchte schwarze Mauer
und weinte über das Wunder.