ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES THEATERS.

Die Entwicklung der dramatischen Kunst aufzuweisen, ist ein Gegenstand

von eigentümlicher Schwierigkeit. Das dramatische Kunstwerk findet und

kann seinen hinreichenden Zweck nicht in sich selber finden; der

Dramatiker richtet es vielmehr sozusagen zwischen dem Zuschauer und dem

Schauspieler auf, und so nehme ich mir vor, mich einmal auf den

Standpunkt des Dichters, dann auf den des Schauspielers und schließlich

auf den des Zuschauers zu stellen.

Eine andere Schwierigkeit, und keine geringe, kommt daher, daß zu dem

Erfolg eines Stücks oder selbst einer ganzen Gattung von Stücken,

manches in Betracht kommt, das mit der Literatur gar nichts zu tun hat.

Ich meine damit nicht nur diese vielfachen Elemente, die das dramatische

Kunstwerk zu seiner Darstellung und zu deren Erfolg braucht, wie

Dekoration, Kostüm, Frauenschönheit, Talent und Berühmtheit der

Schauspieler; ich meine damit vielmehr besonders die sozialen,

patriotischen, pornographischen oder pseudokünstlerischen vorgefaßten

Meinungen des Autors. Die erfolgreichen Stücke unserer heutigen Bühne

sind zumeist in solchem Maße aus solchen vorgefaßten Meinungen

fabriziert, daß man, läßt man eine nach der anderen fallen, fast vom

ganzen Stück nichts übrig behält.

In den meisten Fällen dankt eben diesen vorgefaßten Meinungen und

Anschauungen das Stück seinen Erfolg; und der Autor, der ihnen nicht

gehorcht, dem bloß und nichts als die Kunst seine vorgefaßte Meinung

ist, riskiert meistens, nicht nur nicht beliebt zu sein, sondern gar

nicht aufgeführt zu werden.

Da aber das Drama nur virtuell im Buche, völlig nur auf der Szene lebt,

sieht sich der Kritiker, der sich heute mit der Entwicklung des Theaters

und der hierzu parallelen der Schauspieler und des Publikums

beschäftigt, verpflichtet, von Werken zu sprechen, die nur eine sehr

entfernte Beziehung zur Kunst haben, und Werke von rein künstlerischem

Wert hinwider zu ignorieren oder von ihnen nicht anders zu sprechen, als

von Buchdramen, deren Entwicklung weit verschieden von jener anderen des

gespielten Dramas ist, zu dem sie außerdem in Opposition steht.

«Bei den in Gesellschaft lebenden Tieren, schreibt Darwin, ändert die

natürliche Zuchtwahl die Formation eines jeden Individuums in der

Richtung seines Nutzens für die Gemeinschaft, -- immer unter der

Bedingung, daß die Gemeinschaft von der Änderung profitiert.» -- In

unserm Falle profitiert die Gemeinschaft nicht ... Der nicht aufgeführte

Dramatiker schließt sich in seinem Werke ein, entzieht sich der

allgemeinen Entwicklung und endet damit, sich ihr zu widersetzen. Diese

Werke sind alles solche der Reaktion.

Reaktion gegen was? -- Ich könnte sagen: gegen den Realismus, aber

dieses bereits so vielsinnige Wort würde mich selbst sehr bald in große

Verlegenheit bringen. Der schlimmste Sinn, den ich dem Worte gegen

könnte, reichte nicht hin, die Werke des Herrn Rostand etwa des

Realismus zu überführen, oder des Antirealismus die Komödien Molières

oder die Dramen Ibsens. Ich möchte lieber von einer Reaktion gegen den

Episodismus sprechen, in Mangel eines besseren Wortes. Denn die Kunst

besteht nicht im Verbrauch heroischer, historischer oder legendärer

Personen, wie es nicht notwendig unkünstlerisch ist, die Bourgeois von

heute auf die Bühne zu bringen. Gleichwohl etwas Wahres in dem Worte

ist, das ich in Racine's Vorrede zum «Bajazet» lese: «Die tragischen

Helden wollen mit einem andern Auge angesehen sein als wir für

gewöhnlich die Leute aus unserer Nähe betrachten. Man kann sagen, unser

Respekt vor dem Helden wächst in dem Maße seiner Entfernung von uns.»

Ich möchte noch hinzufügen, daß dieser Respekt vor den dargestellten

Personen vielleicht nicht nötig ist. Daß der Künstler seine Wahl in

einer ferneren Zeit trifft, kommt wohl daher, daß die Zeit zu uns nur

ein Bild kommen läßt, das schon alles Episodische, Bizarre und

Vorübergehende verloren und nichts sonst behalten hat als sein Teil der

tiefen Wahrheit, auf der die Kunst schaffen kann. Und die

Fremdhaftigkeit, die der Künstler hervorzubringen sucht, indem er seine

Menschen von uns entfernt, zeigt eben dies sein Verlangen an: um sein

Kunstwerk als ein Kunstwerk zu geben, als nichts sonst, und nicht hinter

der Illusion einer Realität herzulaufen, die selbst wenn sie glückte nur

eine Realität noch einmal wäre: ein Pleonasmus. Und ist es nicht, und

fast mit Wissen dieses selbe Verlangen, das unsere Klassiker an den drei

Einheiten festzuhalten trieb: aus dem Drama kühn und offensichtlich ein

Kunstwerk zu machen?

Wenn immer die Kunst ermattet ist, verweist man sie auf die Natur, wie

man einen Kranken ins Bad schickt. Aber die Natur kann da nichts -- es

ist ein Quiproquo. Ich gebe zu, daß es manchmal ganz gut ist, wenn sich

die Kunst auf die Weide treibt und sie, blaß von Erschöpfung, auf freiem

Feld, im Leben die Hoffnung auf neue Kraft sucht. Aber die Griechen,

unsere Meister, wußten ganz gut, daß Aphrodite nicht aus einer

natürlichen Befruchtung geboren ward. Die Schönheit wird niemals eine

natürliche Schöpfung sein: man erreicht sie nur durch künstlichen Zwang.

Kunst und Natur sind Rivalen auf der Erde. Gewiß: der Künstler umfaßt

die Natur, die ganze Natur, drückt sie in seine Brust, aber er könnte in

Erinnerung an den berühmten Vers sagen: «Ich umarme meinen Rivalen -- um

ihn zu erdrücken.»

Die Kunst ist immer das Resultat eines Zwanges. Glauben, daß sie sich um

so höher erhebe je freier sie sei, das ist zu glauben, das was den

Papierdrachen am Steigen verhindere, sei die Schnur. Aber ohne Schnur

könnte er sich nicht erheben. Kant's Taube denkt, sie flöge besser ohne

den Widerstand der Luft, der ihrem Flügel lästig ist, aber sie weiß

nicht, daß ihrem Fliegen dieser Widerstand der Luft Bedingung ist, auf

die sie ihren Flügel stützen kann. Auf gleichen Widerstand muß sich die

Kunst stützen, um steigen zu können. Ich sprach von den drei

dramatischen Einheiten, aber was ich nun sagen will, gilt ebenso für die

Malerei als für die Plastik, für die Musik wie für das Gedicht. Die

Kunst wirbt um die Freiheit nur in Zeiten der Krankheit: sie möchte

mühelos sein. Aber wenn sie in starker Kraft ist, sucht sie den Kampf

und das Hindernis. Sie liebt ihre Blattscheiden platzen zu machen, und

deshalb wählt sie diese eng und knapp. Ist es nicht in Zeiten des

starken Überschäumens von Leben, daß die pathetischesten Geister den

Genuß der striktesten Form fühlen? Daher das Sonnet, aus der üppigen

Renaissance heraus, bei Shakespeare, bei Ronsard, Petrarca, selbst bei

Michel-Angelo; die Verwendung der Terzine durch Dante; die Liebe zur

Fuge bei Bach; dieses unruhige Bedürfnis nach dem Zwang der Fuge in den

letzten Werken Beethovens. Gibt es ein Staunen darüber, daß die

Expansionskraft des lyrischen Atems im Verhältnis zu seiner Kompression

steht, oder daß es die zu überwindende Schwere ist, welche die

Architektur ermöglicht?

Der große Künstler ist der, den die Hinderung erregt, dem das Hindernis

als Sprungbrett dient. Es wird erzählt, daß es ein fehlbehauener

Marmorblock war, der den Michel-Angelo diese starke Geste seines Moses

zu erfinden veranlaßte. Es ist die beschränkte Zahl von Stimmen, über

die er gleichzeitig auf der Szene verfügen konnte, die dem Äschylos der

Zwang war, das Schweigen des Prometheus zu erfinden, da man ihn an den

Kaukasus kettet. Griechenland schickte den in die Verbannung, der der

Lyra eine neue Saite gab. Die Kunst aus dem Zwang geboren, lebt vom

Kampfe, stirbt an der Freiheit.

Der Künstler freute sich sonst darüber, das Drama an Ausdruck gewinnen

zu lassen, was es alsbald an Schönheit verlor und er verminderte nach

und nach den Raum, der Bühne und Theatersaal trennt. Eine

verhängnisvolle Entwicklung, scheint es. Diese «Distanz» zwischen

Zuschauer und dargestellter Person zu vermindern, den Helden zu

vermenschlichen, daran arbeitete auch der Schauspieler nach Kräften.

Eins nach dem andern gab er auf, Maske, Kothurn, alles was aus ihm etwas

Fremdartiges machte und das man nach dem zitierten Wort Racine's «mit

einem andern Auge betrachten solle als wie wir gewöhnlich die Personen

betrachten, die wir aus nächster Nähe kennen.» Er unterdrückte alles,

bis auf das konventionelle Kostüm sogar, das er sozusagen abstrakt

machte und der Person nichts sonst ließ, als was ihr allgemein und

menschlich war. Wenn es darin vielleicht einen Fortschritt gab, so war

der doch gefährlich und nicht wenig. Unter dem Vorwande der Wahrheit

suchte man die Exaktheit. Kostüme, Requisiten, Dekorationen strengten

sich an, Ort und Zeit des Dramas zu präzisieren, unbekümmert darum, ob

sich Racine nicht vielleicht um das direkte Gegenteil gekümmert hatte.

Bevor Talma den «Mahomet» des Voltaire spielte, glaubte er gut daran zu

tun, zuvor den Mahomet der Geschichte einen ganzen Monat lang zu

studieren. Er erzählte es selbst, wie er «zu große Verschiedenheiten

zwischen seiner Auffassung des Mahomet und der des Voltaire gefunden und

daher sofort die Rolle abgegeben habe, die zu spielen ihm unmöglich

gewesen wäre ohne der Wahrheit Gewalt anzutun.» Der Fall zeigt besser

als man es erfinden könnte, wie der Autor den Akteur gegen sich hat.

Hier mag es ja hingehen, denn Voltaires «Mahomet» ist kein gutes Stück,

aber ... Nach einer Darstellung des «Britannicus» hielt man einem

unserer größten Schauspieler vor, daß er seine Rolle nicht so auffasse,

wie es Racine vielleicht verlangt habe. «Racine?... wer ist das?»

antwortete er. «Ich, ich kenne nur Nero.»

Die unvermeidliche Mitarbeit des Schauspielers partikularisiert dort wo

der Autor generalisiert. Ich kann darob den Schauspieler nicht anklagen;

das Drama ist kein Abstraktes; die Charaktäre sind Vorwand für

Generalisierung, aber immer Wesen von besonderer, partikularer Wahrheit;

und das Drama ist wie der Roman der Schauplatz der Charaktäre.

Das Theater ist eine merkwürdige Sache. Wir Zuschauer kommen da des

Abends zusammen, um von andern Leidenschaften gemimt zu sehen, die wir

selbst zu haben kein Recht besitzen, -- weil sich Gesetz und Sitte dem

entgegenstellt. Ich möchte an ein außerordentliches Wort Balzac's

erinnern; es steht in der «Physiologie der Ehe»: «Die Sitten, das ist

die Hypokrisie der Nationen.» -- Will er vielleicht damit sagen, daß

diese Leidenschaften, die der Schauspieler darstellt, in uns nicht von

der Sitte unterdrückt, sondern nur versteckt worden sind? Daß unsere

gemessenen Bewegungen nur sind, um auf eine falsche Spur zu leiten? Daß

wir die Komödianten sind -- Hypokrites heißt im Griechischen der

Schauspieler --, daß unsere Höflichkeit nur gemimt und die Tugend, diese

«Höflichkeit der Seele», wie sie Balzac nennt, nur ein Dekorationsstück

ist? Ist es daher, woher zum Teil unsere Lust am Theater kommt: da laut

sagen zu hören, was die Wohlanständigkeit in uns erstickt? Manchmal wohl

-- doch häufiger noch sieht der Mensch die Leidenschaften auf der Bühne

wie gebändigte wilde Bestien. Er hat die wundervolle Fähigkeit, das zu

werden, was er zu sein prätendiert, und das ist was Condorcet schreiben

ließ: «Die Hypokrisie der Sitte, das spezielle Laster der modernen

europäischen Nationen hat mehr als man glaubt dazu beigetragen, die

Energie des Charakters, welche die antiken Nationen auszeichnet, zu

zerstören.» Die Hypokrisie der Sitte hat also nicht immer existiert.

Ja, der Mensch wird das, was er zu sein prätendiert; aber das zu sein

prätendieren, was man nicht ist, das ist eine spezifisch moderne

Prätention, deutlicher: die christliche. Ich sage nicht, daß die

Intervention des Willens nichts in der Bildung oder Entbildung des

Charakters vermag; aber der antike Mensch glaubte nicht anders sein zu

müssen als er war. Der Mensch banalisierte sein Wesen nicht aus einem

Zwang, sondern trieb es auf Äußerste aus Tugend; keiner verlangte von

sich anderes als sich selbst und setzte sich neben den Gott ohne sich zu

deformieren. Daher die große Zahl der Götter -- so groß wie die

Instinkte der Menschen. Das war nicht freie Wahl, die den Menschen sich

diesem Gotte hingeben ließ; der Gott erkannte im Menschen sein Ebenbild.

Oft kam es vor, daß er, der Mensch, sich dem Ebenbilde weigerte; und der

so im Menschen verkannte Gott rächte sich, wie es so schrecklich dem

Pentheus geschah in den Bacchen des Euripides.

Selten nahmen die antiken Menschen die Qualitäten der Seele als Güter,

die man sich erwerben könnte, sondern nicht anders als die Güter des

Leibes, wie einen natürlich zukommenden Besitz. Agathokles war gut,

Charikles tapfer, so natürlich wie der eine ein blaues, der andere ein

braunes Auge hatte. Die Religion steckte ihnen nicht auf eines Kreuzes

Spitze dieses Bündel Tugenden, dieses moralische Phantom auf, dem gleich

zu sein sie alle Wichtigkeit gab, unter Strafe anders für gottlos

genommen zu werden. Der typische Mensch war nicht einer, sondern Legion

und so gab es überhaupt keinen typischen Menschen. -- So war die Maske

da im Leben ohne Sinn und Brauch -- und reserviert für den Schauspieler.

Spricht man über die Geschichte des Dramas, muß man sich vor allem

dieses fragen: _Wo ist die Maske?_ Im Saal oder auf der Bühne? Im

Theater oder im Leben? -- Sie kann nur hier _oder_ dort sein. Die

glänzendste Zeit des Theaters, jene, da die Maske auf der Bühne

triumphiert, ist die Zeit, wo die sittliche Hypokrisie aus dem Leben

verschwunden ist. Hinwider ist die Zeit, da siegte was Condorcet die

«Hypocrisie des moeurs» nennt, jene, da man dem Schauspieler die Maske

abreißt, wo man von ihm nicht mehr so sehr verlangt, daß er schön

sondern daß er natürlich sei -- was, wenn ich es recht verstehe, so viel

heißt als: der Schauspieler soll sich ein Beispiel an den Realitäten

oder mindest an deren Schein nehmen, das der Zuschauer ihm bietet, --

das will sagen, ein Beispiel an einer einförmigen oder bereits

maskierten Menschheit. Der Autor endlich, der gleichfalls in das

Natürlichsein seinen Stolz setzt, soll sich zur Aufgabe machen, das

Drama zu diesem Zustande zu liefern: ein monotones, maskiertes Drama,

ein Drama, in dem das Tragische der Situationen -- denn das Tragische

braucht man immer -- nach und nach das Tragische der Charaktere ersetzt.

Diesen beunruhigenden totalen Mangel an Charakteren kann man im

naturalistischen Drama beobachten, das die Wirklichkeit zu kopieren

vorgibt. Das ist nicht erstaunlich. Unsere moderne Gesellschaft, unsere

christliche Moral tun alles was sie können, Charaktere zu verhindern.

«Die antike Religion, schrieb schon Macchiavel, sprach nur die Männer

des weltlichen Ruhmes selig, die Heerführer, die Staatsgründer, unsere

Religion glorifiziert eher die ergebenen und beschaulichen Menschen als

die Tätigen. Unsere Religion will die Menschen stark, damit sie leiden

können, nicht um große Taten zu vollbringen.» Mit solchen Charakteren --

wenn es noch solche sind -- was bleiben da noch für dramatische Aktionen

möglich? -- Wer aber Drama sagt, sagt Charaktere, und das Christentum

widersetzt sich dem Charakter, indem es jedem Menschen ein allen

gemeinsames Ideal aufstellt.

So gibt es auch kein rein christliches Drama. Der «Polyeucte» und der

«Saint-Genest» können sich, wenn sie wollen, christliche Dramen nennen,

und sie sind christlich durch dies und jenes christliche Element darin;

aber Dramen sind sie nur durch ihr nichtchristliches Element, welches

das christliche Element bekämpft.

Ein anderer Grund der Unmöglichkeit des christlichen Theaters ist der,

daß sich der letzte Akt notwendigerweise in der Kulisse abspielen muß,

ich meine im Jenseits. Im Himmel schließt der zweite «Faust», im Himmel

schließt sicher der sechste Akt des «Polyeucte» und der sechste Akt des

«Saint-Genest». Wenn ihn weder Corneille noch Rotrou schrieben, so nicht

nur aus Respekt vor den drei Einheiten, sondern weil Polyeucte, Pauline,

Saint-Genest an der Schwelle des Paradieses alle die Leidenschaft von

sich fallen lassen, durch die das Drama Drama war und als vollendete,

völlig entcharakterisierte Christen durchaus nichts mehr zu sagen haben.

Ich schlage keine Rückkehr zur Antike vor. Ich konstatiere einfach,

woran unsere Tragödie stirbt: aus Mangel an Charakteren. Das Christentum

ist nicht allein für diese Nivellierungsarbeit verantwortlich, von der

Kierkegaard sagt: «Die Nivellierung ist nicht von Gott, und jeder gute

Mensch dürfte Augenblicke kennen, da er über dieses Werk der Verwüstung

weinen möchte.» -- Für jene, über die die Begehrungen siegreich sind,

ist es nicht schwierig an Götter zu glauben. Sie sind wahrhaft Götter,

so lange sie herrschen; um sie der Gefälschtheit zu überführen, ist es

schon nötig, daß die Einheit einer despotischen Vernunft sie verdrängt.

Das ist die Erfindung einer Moralität, die aus dem Olymp eine Wüste

machte. Der Monotheismus ist im Menschen, bevor außerhalb ihm ein Gott

ist. In sich selber und bevor er seinen Glauben ins Blaue wirft, fühlt

der Mensch Gott oder Götter. Antike oder Christentum -- das ist zuerst

eine Psychologie, dann erst eine Metaphysik. Die Antike war gleicherzeit

der Triumph des Individualismus und der Glaube, daß der Mensch sich

nicht anders machen kann, als er ist. Das war die gute Schule des

Theaters.

Noch einmal: Ich schlage hier nicht die unmögliche Rückkehr zur Antike

vor; ich kann auch nicht kühl Ende und Tod des Theaters konstatieren --

aber es liegt mir daran, an dem, was heute das Theater tötet, zu

erkennen, was es lebendig machen könnte, denn es ist nicht der

Niedergang der dramatischen Kunst, an den ich glaube, sondern ihr

Aufgang, den ich fast sehe.

Das Mittel, das Theater dem Episodismus zu entreißen, ist: ihm wieder

Zwänge finden. Das Mittel, das Theater aufs Neue mit Charakteren zu

beleben, ist: es wieder vom Leben entfernen.

Ich könnte leicht sagen, man solle uns die Freiheit der Sitten geben und

der Zwang der Kunst würde folgen; man möge die Hypokrisie des Lebens

unterdrücken, und die Maske stiege wieder auf die Bühne. Aber da nun

schon die Sittlichkeiten und Moralen immer noch nicht hören wollen, so

ist es am Künstler, den Anfang zu machen. Ich habe einige Hoffnung, daß

die Moralen folgen; und deshalb:

Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen Formen, die neuen

Verteilungen des Besitzes, unvorhergesehene äußere Einschüsse viel für

die Bildung der Charaktere bedeuten; doch glaube ich, daß man all dieser

Dinge formgebende Bedeutung überschätzt: ich gebe ihnen nur die

Bedeutung des Aufdeckens, Enthüllens. Alles ist immer im Menschen

gewesen, mehr oder weniger offen oder verborgen -- und was da die neue

Zeit aufdeckt, wacht nur unter dem Blicke auf, doch war schlafend da in

aller Zeit. Wie ich glaube, daß auch in unserer Zeit noch Prinzessinnen

von Cleve und Celadone existieren, so bin ich überzeugt, daß es Adolphe,

Rastignac und sogar Julien Sorel lange gab, bevor sie in den Büchern

erschienen. Mehr noch: ich glaube, indem ich die Menschheit über die

Rasse setze, daß man auch anderswo als in Petersburg, in Brüssel zum

Beispiel oder in Paris Nedjanoff, Karamasoff und Anna Karenina finden

kann. Aber so lange die Stimmen dieser nicht im Buch, auf der Bühne

festgehalten, sind, sind sie verschlossen, erstickt unter dem Mantel der

Sitten und warten auf ihre Stunde. Man horcht auf die Welt und hört

diese Stimmen nicht, denn die Welt hört nur auf die, deren Stimme sie

erkennt, und diese neuen Stimmen sind erstickt, unterdrückt. Man schaut

auf den schwarzen Mantel der Sittlichkeiten und sieht nicht was

darunter. Und: diese neuen Formen der Menschheit kennen sich selber

nicht. Wie viele heimliche Werter kannten sich nicht und mußten erst auf

die Kugel des Goethe'schen Werter warten, um sich zu töten! Wie viele

verborgene Helden, die nur auf das Beispiel eines Helden in einem Buche

warten, auf einen daraus zu ihrem Leben hin entsprungenen Funken um zu

leben, auf sein Wort, um zu sprechen! Ist es nicht das, was wir vom

Theater hoffen, daß es der Menschheit neue Formen des Heldentums gibt,

neue Helden?

Und hier stoße ich auf eine letzte Schwierigkeit: unsere heutige

Gesellschaft gestattet uns eine einzige Form des Heldentums (wenn das

noch Heldentum ist): den Heroismus der Resignation, des Hinnehmens;

deshalb ist es, daß wenn ein so mächtiger Schöpfer von Charakteren wie

Ibsen über die Menschen seines Theaters den traurigen Mantel unserer

Sittlichkeiten legt, er mit gleicher Hand seine heldenhaftesten Helden

zum Bankerott verurteilt. Ganz notwendigerweise zeigt uns sein

außerordentliches Theater Heldenbankerotte auf der ganzen Linie. Wie

hätte er es anders gemacht, ohne sich von der Wirklichkeit zu entfernen

-- oder ebensogut, wenn nämlich die Wirklichkeit den Helden, den

vortretenden dramatischen Helden erlaubte? Diese kühne Arbeit eines

Prometheus, eines Pygmalion glaube ich jenen aufbewahrt, die beherzt

einen tiefen weiten Graben vor der Rampe ziehn, die Bühne vom Saal, von

der Wirklichkeit die Erfindung, vom Zuschauer den Schauspieler und vom

Mantel der sittlichen Konvenienzen den Helden weit trennen.

«Die langsame und unendliche Zeit, sagt der Ajax des Sophokles, bringt

ans Licht alles Verborgene und verbirgt was im Licht war, und nichts ist

was nicht kommen kann.» Wir erwarten von der Menschheit neues, das ans

Licht kommt. Oft behalten jene, die das Wort ergreifen, es schrecklich

lang; die noch stummen Generationen sind ungeduldig in Schweigen. Die da

sprechen und meinen, sie repräsentierten die Menschheit ihrer Zeit,

sollen nicht vergessen, daß andere warten und daß sie es dann nicht mehr

haben für lange, haben jene andern einmal das Wort genommen. Heute

gehört jenen das Wort, die noch nicht gesprochen haben. Welche sind es?

Das wird uns das Theater sagen.

Ich denke an das «offene Meer», von dem Nietzsche spricht, an das vom

Menschen noch unentdeckte Land voll neuer Gefahren und Überraschungen

für den kühnen Seefahrer. Ich denke was die Fahrten waren vor den Karten

und ohne das genaue und begrenzte Repertoire des Gekannten. Und ich lese

die Worte Sindbads wieder: «Nun schleuderte der Kapitän seinen Turban zu

Boden, schlug sich ins Gesicht, raufte seinen Bart und warf sich in

unsäglichem Schmerze auf dem Verdecke des Schiffes hin. Alle Reisenden

und Kaufleute umringten ihn fragend, was all das bedeute. Der Kapitän

sagte: Wir sind mit unserm Schiff vom rechten Wege ab, aus dem Meere, in

dem wir waren, in eines gekommen, dessen Wege wir kaum kennen.» Ich

denke an das Schiff des Sindbad -- und daß unser Theater die

Wirklichkeit verlasse und den Anker hebe.

Der König Candaules: Drama in drei Akten · 第 3 / 24 题