Ernst Haeckel.

Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen

von

Carl W. Neumann.

Mit dem Bildnis Ernst Haeckels

und zahlreichen Abbildungen im Text.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Einleitung.

Hunderttausende führen den Namen Haeckels im Munde, urteilen über ihn

und sein Lebenswerk und kennen doch nichts von ihm als sein

vielbefehdetes Buch von den »Welträtseln«; vielleicht auch noch außerdem

ein paar kleinere Schriften. Was er _vor_ diesen in vierzigjähriger

rastloser Forscherarbeit geschaffen hat, blieb für die meisten

Geheimnis. Sie wissen, daß Haeckels Name aufs engste verknüpft ist mit

jener großen Bewegung, die Darwin durch sein epochemachendes Werk »Die

Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreiche« (1859) ins Leben rief,

aber sie haben nur unklare Vorstellungen von der besonderen Art der

Verdienste Ernst Haeckels. Ganz zu geschweigen von dem, was er

unabhängig von Darwin in seinen voluminösen Monographien der

Radiolarien, Kalkschwämme, Medusen usw. der Wissenschaft Großes

geschenkt hat. Es ist daher angezeigt, der kleinen Auswahl von

Abschnitten aus den bedeutendsten populären Werken des Jenaer

Naturforschers, die dieses Bändchen vereinigt, wenigstens im Umriß ein

Bild seines Lebens und Schaffens voranzustellen.

Ernst Haeckel wurde am 16. Februar 1834 als Sohn des Regierungsrats Karl

Haeckel in Potsdam geboren, wuchs aber in Merseburg auf, wohin noch im

ersten Lebensjahre des Knaben der Vater versetzt worden war. Wer Fäden

sucht, die bereits aus den Tagen der Jugend ins spätere Leben und Wirken

des reifen Mannes hinüberwehen, kommt nicht in Verlegenheit.

Kraftstrotzender Übermut auf der einen Seite, auf der anderen die

Neigung, in einsamen Wanderstunden geheime Zwiesprache zu halten mit

allem, was kreucht und fleucht, grünt und blüht, sind von früh an

hervorstechende Züge im Wesen des Knaben. Der Elfjährige durchstreift

schon die Kreuz und die Quer das Siebengebirge, um die vermeintlich nur

dort wachsende graue Erika ausfindig zu machen. Der Merseburger

Gymnasiast liefert Beiträge zu Garckes »^Flora Hallensis^« und legt sich

in seinen Mußestunden ein Doppelherbarium an, eins für die »guten

Arten«, die sich hübsch fügsam in Linnés System bequemen, und ein

zweites für die »verdächtigen« Genera, die dann, in langer Reihe

geordnet, den ununterbrochenen Übergang von einer guten Art zur anderen

demonstrieren. »Es waren die von der Schule verbotenen Früchte der

Erkenntnis, an denen ich in stillen Mußestunden mein geheimes,

kindisches Vergnügen hatte.« In Wirklichkeit rührte der Gymnasiast da

schon leise an jenes große Problem von der Dauer und Wandelbarkeit der

Arten, das freilich vorerst nur in der Luft lag, aber ihn später so

mächtig erfassen sollte.

Als dieses »Später« im Jahre 1859 in greifbare Nähe zu rücken begann,

fischte der fünfundzwanzigjährige Haeckel im Hafen von Messina nach

allerlei Seetieren, vor allem nach Radiolarien, jenen trotz ihrer

mikroskopischen Kleinheit so überaus reizvollen Strahltierchen mit dem

vielgestaltigen, rhythmisch gewachsenen Kieselskelett, die wenige Jahre

zuvor erst sein großer Lehrer Johannes Müller entdeckt hatte. Haeckel

war Arzt seines Zeichens. Gehorchend dem Wunsche des Vaters -- nicht

seinem eigenen Triebe, der ihn vielmehr mit Macht zur Botanik drängte --

hatte er in Berlin, Würzburg und Wien das medizinische Brotstudium

absolviert und sich nach bestandenem Staatsexamen als praktischer Arzt

in Berlin niedergelassen. Als Mann der Theorie aber fehlte ihm für die

Praxis der rechte Sinn, wie er später oft scherzte, so daß ihm der Vater

zur endgültigen Klärung der Berufsfrage noch ein weiteres Studienjahr in

Italien, dem Land seiner Sehnsucht, bewilligte. Und dieses Jahr ward

entscheidend. Das fesselnde Studium des Planktons, dem er schon früher

(1854) als junger Student unter Führung Johannes Müllers auf Helgoland

eine Zeitlang obgelegen hatte, schob die Botanik und Medizin nunmehr

definitiv in den Hintergrund. Zoologie hieß die Losung, und schneller,

als er's sich träumen mochte, sollte er Fuß in ihr fassen. Im Mai 1860

kam er zurück nach Berlin, um seine sizilianischen Planktonschätze,

Zeichnungen und Präparate, im großen Stil zu bearbeiten, und ehe das

Werk noch vollendet war, saß er mit Hilfe seines einstigen Würzburger

Studienfreundes Karl Gegenbaur als außerordentlicher Professor in Jena.

Im gleichen Jahre (1862) erschien als ein riesiger Folioband mit 35

farbigen Kupfertafeln die »_Monographie der Radiolarien_«, die seinen

Ruf als zoologischen Facharbeiter mit einem Schlage begründete, und daß

auch das Tipfelchen auf dem i des Triumphes nicht fehle, verband er sich

im August 1862 mit seiner »hochbegabten, feinsinnigen« Cousine Anna

Sethe zu glücklichster, aber leider nur kurzer Ehe. Schon anderthalb

Jahre später, gerade an seinem dreißigsten Geburtstag, entriß ihm ein

jäher Tod die geliebte Frau. Dem höchsten Glück folgte fast auf dem Fuße

der schwerste Schicksalsschlag, der ihn treffen konnte. In dieser

trübsten Zeit aber schrieb er -- höchst seltsam zu sagen -- in einem

Zuge das tiefste, bedeutendste Werk seines Lebens, die »_Generelle

Morphologie der Organismen_.« Zwei starke Bände mit über 1200 Seiten

Text.

Noch während er an der italienischen Küste in Plankton schwelgte, erfuhr

er, es sei da von England ein »ganz verrücktes« Buch nach Deutschland

herübergekommen, dessen Verfasser nicht bloß das Linnésche Dogma von der

Unveränderlichkeit der Arten bestreite, sondern auch an Stelle des

einmaligen planvollen Schöpfungsaktes ein großes Gesetz kontinuierlicher

Entwicklung des Lebens zu künden die Dreistigkeit habe: Darwins

»Entstehung der Arten«. Dieses ketzerische Buch, das die Fachzoologen

von damals entweder ganz totschwiegen oder schlankweg für »Humbug«

erklärten, zog Haeckel gleich bei der ersten Lektüre ganz

unwiderstehlich in seinen Bann und ließ ihn fortan nicht mehr los.

Bereits in den »Radiolarien« war er ganz kurz darauf eingegangen, um

dann auf der Stettiner Naturforscherversammlung von 1863 ausführlich,

und zwar in zustimmendem Sinne, zu Darwins Ideengang Stellung zu nehmen.

Die große Mehrzahl der Fachgenossen war freilich noch anderer Ansicht.

Ein angesehener Zoologe erklärte Darwins Buch für den »harmlosen Traum

eines Nachmittagsschläfchens«, ein anderer verglich die

»naturphilosophischen Phantasien« mit dem Tischrücken, ein namhafter

Geologe meinte, daß dem »vorübergehenden Schwindel« bald die

Ernüchterung folgen müsse, und ein Anatom prophezeite, nach wenigen

Jahren werde kein Mensch mehr davon sprechen. ^Tempora mutantur^!

Auf Haeckel machte die Ablehnung so wenig Eindruck, daß er sich, obwohl

tief niedergedrückt durch den Tod der geliebten Gattin (er hat später,

1868, zum zweitenmal geheiratet), mit fliegender Feder daran machte, die

ganze biologische Wissenschaft, soweit sie zusammenhing mit dem Problem

der Entwicklung, aus der von Darwin geschaffenen Basis ganz neu zu

gruppieren und umzugestalten. Eine Art wissenschaftlichen Testaments

sollte die »Generelle Morphologie« werden. Auch damals, wie

dreiunddreißig Jahre später in den »Welträtseln«, gedachte er mit dem

Ende des Werkes einen Strich unter seine Lebensarbeit zu machen.

Gelegentlich der Feier seines sechzigsten Geburtstages hat er es selber

so dargestellt: »Ich lebte damals ganz als Einsiedler, gönnte mir kaum

drei bis vier Stunden Schlaf täglich und arbeitete den ganzen Tag und

die halbe Nacht. Dabei lebte ich in so strenger Askese, daß ich mich

eigentlich wundern muß, heute noch gesund und lebendig vor Ihnen zu

stehen.« Durch eifrige, hastige Arbeit wollte er alle die seelischen

Schmerzen betäuben, und dann -- ja, was dann kommen sollte, wußte er

selbst nicht. Tatsache ist aber, daß er in weniger als Jahresfrist die

mehr als zwölfhundert engen Druckseiten aufs Papier brachte. Tatsache

ist ferner, daß er in diesem monumentalen Werk alle, aber auch wirklich

_alle_ die wichtigen Konsequenzen schon zog und alle wesentlichen und

entscheidenden Anschauungen seiner monistischen und genetischen

Philosophie schon entwickelte, deren Ausbau im einzelnen sein ganzes

künftiges Leben beschäftigt hat. »In der Methode naturwissenschaftlicher

Forschung«, sagt Bölsche sehr treffend, »bedeutet das Werk einen

Markstein, an dem man die ganze Geistesarbeit der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts charakterisieren und werten kann. Für die allgemeine

biologische Systematik beginnt mit ihm eine neue Epoche in der Weise,

wie es fünfzig Jahre vorher bei Cuvier und nochmals über fünfzig weiter

zurück bei Linné der Fall gewesen war. Was es für die Zoologie im

engeren Sinne ist, hat ein gewiß kompetenter Urteiler wie Richard

Hertwig dreißig Jahre später in das einfache Wort zusammengefaßt: daß

wenige Werke so viel beigetragen haben, das geistige Niveau der Zoologie

zu heben.« Im ersten Bande wurden mit Hilfe einer selbstgeschaffenen

wissenschaftlichen Kunstsprache, die heute vielfach zum eisernen

Bestande der Zoologie gehört, die Grundbegriffe des Lebens, der

Formenbildung und -umbildung, der Individualität und natürlichen

Verwandtschaft, die Gesetze der Anpassung, Vererbung und Auslese

methodologisch neu festgestellt. Im zweiten Bande wurde auf Grund der

vergleichenden Anatomie, der Stammesgeschichte (Phylogenie) und

Keimesgeschichte (Ontogenie) der dreifache Beweis für die

Abstammungslehre versucht und das Ganze gekrönt durch das von Haeckel

zum erstenmal scharf formulierte und auf das gesamte Gebiet der

organischen Formenwelt angewandte »_biogenetische Grundgesetz_«, wonach

die Entwicklungsgeschichte des Einzelwesens eine gedrängte, stark

abgekürzte und häufig abgeänderte Wiederholung der Entwicklung des

zugehörigen Stammes ist. Daß ein derartig weit in die Zukunft

vorauseilendes wissenschaftliches Werk bei all seinen Vorzügen auch

Unvollkommenheiten und Irrtümer aufweisen mußte, braucht kaum noch

ausdrücklich betont zu werden. Kommende Jahre haben manche der

Hypothesen, die Haeckel zum erstenmal aufgestellt hatte, von Grund aus

verändert oder völlig verworfen, und auch er selbst ist nicht müde

geworden, zu bessern und nachzuprüfen. Dem Werke selbst aber bleibt doch

der Ruhm unbestritten, zum erstenmal »eine markige Skizze der belebten

Natur im neuen Lichte der Entwicklungslehre und zugleich ein ganzes

Programm für die biologische Forschung der nächsten Zukunft entworfen zu

haben«.

Im Herbst 1866 war das große Werk abgeschlossen. Physisch und geistig

erschöpft, ging Haeckel, ohne erst noch das Erscheinen der »Morphologie«

abzuwarten, auf Reisen, besuchte Darwin auf seinem Landsitze Down bei

London und fuhr danach, den Rat seiner Freunde befolgend, nach

Teneriffa, um dort unter Palmen Erholung zu suchen. In weiterer Folge

ging dann die Reise nach Lanzerote, der kleinen vulkanischen Ozeaninsel,

deren waldlose Kraterlandschaften stark an die Bilder vom Monde

erinnern. Hier wurden in Gemeinschaft mit Richard Greeff und zwei

jüngeren Zoologen vor allem Medusen und Siphonophoren (Staatsquallen)

studiert, die das Meer in verschwenderischer Fülle herbeitrug, und in

viermonatiger eifriger Arbeit kamen die Schätze zusammen, die Haeckel

später die Abfassung seiner preisgekrönten »_Entwicklungsgeschichte der

Siphonophoren_« (mit 14 Tafeln, 1869) ermöglichten.

Sechs Monate blieb er von Jena fern. Wenn er indessen bei seiner

Heimkehr erwartet hatte, die »Generelle Morphologie« würde in der

Zwischenzeit die Geister wachgerüttelt haben, so sah er sich bitter

enttäuscht. Die Fachgenossen ignorierten sie völlig oder verspotteten

sie als ein »Konglomerat naturwissenschaftlicher Träumereien«, und die

außerhalb der Fachwissenschaft stehende Leserwelt wußte auch damals so

wenig wie heute von der Existenz des bedeutsamen Werkes. »Generelle

Morphologie.« Schon der Titel sah keineswegs aus nach sehr weiter

Verbreitung. Und im übrigen galt -- in einem gewissen Sinne -- wohl

wirklich auch das, was der Verfasser selbst später von seinem Hauptwerke

sagte: es sei zu weitschweifig und schwerfällig geschrieben gewesen.

Indessen enttäuscht sein, heißt nicht auch entmutigt sein. Wenn man den

naturphilosophischen Kern aus der »Morphologie« herausschälte,

die Grundzüge der Entwicklungtheorie knapp und klar, aller

sachwissenschaftlichen Schwere entledigt, noch einmal für weitere Kreise

populär darstellte und gleichzeitig den Stoff chronologisch anordnete,

d. h. den Gang der Entwicklung des Weltganzen vom Einfachen zum

Komplizierten, vom Urnebel zum Menschen herauf vorführte, so müßte es

doch in der Tat seltsam zugehen, wenn einem so beschaffenen Auszug der

Erfolg versagt bleiben sollte. Aus solchen Erwägungen heraus hielt

Haeckel im Wintersemester 1867/68 vor einem aus Laien und Studierenden

aller Fakultäten zusammengesetzten Publikum Vorträge, die 1868 als

»_Natürliche Schöpfungsgeschichte_« auch in Buchform erschienen --

damals ein einzelner schmaler Band, der im Laufe der Zeit sich

verdoppelte und heute in zwölf verschiedenen Übersetzungen vorliegt. Und

dieses Buch drang nun tatsächlich durch. Es wurde nicht bloß von

Gebildeten aller Stände gelesen, es zwang auch die Fachgenossen des

Verfassers jetzt definitiv, so oder anders sich mit der neuen Auffassung

und Darstellung der Entwicklungslehre auseinanderzusetzen. Das gab dann

den Anlaß zu bitteren Kämpfen und Debatten, zu kräftigen Angriffen und

ebenso kräftiger Gegenwehr. Besonders das »biogenetische Grundgesetz«

war der Zankapfel, der sowohl die Empiriker als auch die Philosophen aus

ihrer anfänglichen Passivität aufschreckte und auf das Kampffeld rief.

Noch lebhafter aber entbrannte der Streit, als Haeckel im Jahre 1872 in

seiner »_Monographie der Kalkschwämme_« (zwei Bände Text mit einem Atlas

von 60 Bildertafeln) den »Versuch zur analytischen Lösung des Problems

von der Entstehung der Arten« gemacht und dabei zum erstenmal die

berühmte und fruchtbare _Gasträatheorie_ aufgestellt hatte, d. h. die

Zurückführung aller höheren Tiere mit Einschluß des Menschen auf eine

uralte gemeinsame Stammform, deren ganzer Körper zeitlebens nur aus zwei

Zellschichten (Haut und Magen) besteht. Das war die hypothetische

Gasträa oder das Urdarmtier. Bei seinen Untersuchungen über die

Keimesgeschichte der Kalkschwämme war Haeckel aufgefallen, daß sich das

Kalkschwamm-Individuum in ganz ähnlicher Weise aus dem Ei entwickelt,

wie er es früher schon mehrfach bei anderen Tieren beobachtet hatte. Die

befruchtete Eizelle teilt sich, und die neuentstandenen Zellen setzen

die Teilung so lange fort, bis sich ein ganzer Zellhaufen gebildet hat,

ein »Maulbeerkeim«, wie man ihn seiner äußeren Form wegen nannte. In

diesem Maulbeerkeim bildet sich, da sämtliche Zellen aus Gründen der

Ernährung nach außen drängen, eine Höhlung, die größer und größer wird

und schließlich dem ganzen früheren Zellklumpen das Aussehen eines

winzigen Gummiballs gibt; aus dem Maulbeerkeim ist allmählich ein

kugeliger »Blasenkeim« geworden. Nun geht die Entwicklung in der Weise

weiter, daß sich an einem Pol die Zellenschicht einsenkt und sich

zuletzt völlig an die innere Seite der nicht eingestülpten Wand

anschmiegt, so daß ein doppelwandiger Becher mit einer Öffnung zustande

kommt, eine sogenannte »Gastrula«. Die äußere Zellenschicht funktioniert

als Leibes-, die innere als Darmhaut; die Becheröffnung bildet den

Gastrulamund. Ganz plump veranschaulichen kann man sich diesen

Gastrulationsprozeß, indem man einen durchstochenen Gummiball so tief

einbeult, daß Wand an Wand zu liegen kommt.

Eine Gastrulation wie die geschilderte vollzieht sich aber nicht bloß

bei einer Anzahl von Schwämmen, sondern auch bei vielen Nesseltieren

(Polypen, Medusen), bei Würmern, Stachelhäutern und Manteltieren, ja

sogar bei dem niedrigsten Wirbeltier, dem Lanzettfisch. Ähnlich -- nur

die Form der Gastrula ändert sich -- spielt sich der Vorgang aber auch

in der Keimesgeschichte aller höheren Tiere ab, und eben auf diesem

durchgängigen Vorkommen der Gastrula begründete Haeckel seine

hypothetische Gasträatheorie. Inzwischen hat man auch wirklich noch

lebende Tierformen entdeckt, die dem Bild jener hypothetischen Gasträa

annähernd noch völlig entsprechen.

Es hat lange gedauert, bis die hier flüchtig angedeutete Gasträatheorie,

die heute allgemein für eine der wichtigsten und fruchtbarsten in der

ganzen Entwicklungsgeschichte gilt, sich durchsetzen konnte. Ihr

Entdecker aber ließ sich auch hier durch die Gegnerschaft nicht beirren.

Nachdem er die Theorie in der »Monographie der Kalkschwämme« mitgeteilt

und in den »_Studien zur Gasträatheorie_« näher begründet hatte, ließ er

sie einstweilen selbst für ihren Sieg sorgen und wandte sich inzwischen

einer neuen großen Aufgabe zu: dem schwierigen Versuch, das

biogenetische Grundgesetz in seinem ganzen Umfang auf den

_Menschen_ anzuwenden und aus den empirischen Tatsachen seiner

Keimesgeschichte den historischen Stufengang seiner Stammesgeschichte

hypothetisch zu ergründen. Das geschah in der »_Anthropogenie oder

Entwicklungsgeschichte des Menschen_«, die 1874 herauskam. Erst die

beiden folgenden Jahre brachten dann zwei weitere Hefte der »Studien zur

Gasträatheorie«.

Die »Anthropogenie« war zugleich eine geniale und -- kühne Tat. Nicht

genug, daß Haeckel als erster die gesamte Entwicklungsgeschichte des

Menschen unter großen philosophischen Gesichtspunkten historisch

darlegte und damit anfing, die genetische Betrachtung auch auf die

Zellen, Gewebe, Organe und Funktionen auszudehnen, er besaß auch die in

den Augen der »Exakten« unerhörte Kühnheit, den spröden Stoff

gemeinverständlich zu fassen, die wissenschaftlichen Geheimnisse der

Embryologie einem größeren Leserkreise auszuliefern und den gebildeten

Zeitgenossen schonungslos ihren tierischen Ursprung klarzumachen. Bis

dahin hatte man sich begnügt, die sicheren, weil direkt wahrnehmbaren

Tatsachen möglichst genau zu beschreiben; nun kam da wieder der

popularisationswütige Jenenser Professor und verknüpfte auch auf dem

Gebiet der menschlichen Entwicklungsgeschichte mit Tatsachen kühne

genealogische Hypothesen! Die »Würde der Wissenschaft« war in Gefahr,

und die Angriffe fielen abermals, wie nach dem Erscheinen der

»Schöpfungsgeschichte«, schneeflockendicht auf das neue Werk. In

Wirklichkeit hat die Würde der Wissenschaft in den vier Jahrzehnten, die

seit dem Erscheinen der »Anthropogenie« jetzt verflossen sind, so wenig

darunter gelitten, wie das Werk selbst an Bedeutung verloren hat. Die

beiden reich illustrierten Prachtbände, die fortgesetzt neue

Auflagen erleben, gelten immer noch unbestritten als die beste

zusammenhängende Darstellung des großen Wundergebiets der menschlichen

Entwicklungsgeschichte, die in der gesamten naturwissenschaftlichen

Literatur existiert.

Auch in der Folgezeit hat Haeckel fast unausgesetzt im schärfsten

Kreuzfeuer der durch die Entwicklungslehre erzeugten Debatten gestanden.

Besonders wiederum nach dem 18. September 1877, wo er in München auf der

50. Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte über »_Die heutige

Entwicklungslehre im Verhältnis zur Gesamtwissenschaft_« sprach und

unter anderem forderte, die Deszendenztheorie müsse als wichtiges

Bildungsmittel auch in der Schule ihren berechtigten Einfluß geltend

machen -- eine Rede, die Rudolf Virchow zu seinem vielbesprochenen

Gegenvortrage über »Die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staate«

Veranlassung gab. Im Jahre vor jener Münchener Naturforscherversammlung

hatte Haeckel in seiner Schrift: »_Die Perigenesis der Plastidule_ oder

die Wellenzeugung der Lebensteilchen« bereits zu erweisen versucht, daß

das »unbewußte Gedächtnis« eine allgemeine Funktion nicht bloß der

Zelle, sondern auch aller Protoplasma-Moleküle der Zelle (Plastidule)

sei, mit anderen Worten: daß die Zellseele, die Grundlage der

erfahrungsmäßigen Psychologie, selbst wieder zusammengesetzt sei aus den

psychischen Tätigkeiten der kleinsten Teilchen des Protoplasmas: »die

Plastidule ist demnach der letzte Faktor des organischen Seelenlebens«.

Das zog er auch jetzt, in der Münchener Rede, mit Nachdruck heran bei

der Besprechung des bedeutungsvollen Umschwungs in der Beurteilung der

»Seelenfrage«; ist doch die Annahme der Beseelung aller Materie ein

notwendiges Postulat für die folgerichtige Durchführung der monistischen

Entwicklungslehre und damit der monistischen Weltanschauung. Virchow war

aber auch damit nicht einverstanden. Die Theorie der Zellseele erklärte

er für ein »bloßes Spiel mit Worten«, und ganz entschieden bestritt er

das wissenschaftliche Bedürfnis, das Gebiet der geistigen Vorgänge über

den Kreis derjenigen Körper hinaus auszudehnen, in und an denen wir sie

wirklich sich darstellen sehen. »Wir haben keinen Grund, jetzt schon

davon zu sprechen, daß die niedrigsten Tiere psychische Eigenschaften

besitzen; wir finden dieselben nur bei den höheren, ganz sicher nur bei

den höchsten« usw. Und dann kam im Anschluß an die Bekämpfung der

Zellseelentheorie die Bekämpfung der Deszendenztheorie überhaupt, nicht

mit Gründen der Wissenschaft, sondern -- im Staatsinteresse! »Nun

stellen Sie sich einmal vor,« rief der Redner emphatisch aus, »wie sich

die Deszendenztheorie heute schon im Kopfe eines Sozialisten darstellt!

Ja, meine Herren, das mag manchem lächerlich erscheinen, und ich will

hoffen, daß die Deszendenztheorie für uns nicht alle die Schrecken

bringen möge, die ähnliche Theorien wirklich im Nachbarlande angerichtet

haben. Immerhin hat auch diese Theorie, wenn sie konsequent durchgeführt

wird, eine ungemein bedenkliche Seite, und daß der Sozialismus mit ihr

Fühlung genommen hat, wird Ihnen hoffentlich nicht entgangen sein.«

Zuletzt resumierte sich Virchow dahin, daß man _nicht_ lehren und es

_nicht_ als eine Errungenschaft der Wissenschaft bezeichnen könne, »daß

der Mensch vom Affen oder von irgendeinem anderen Tier abstamme«. Heute

schütteln wir lächelnd den Kopf über all diese Velleitäten. Damals

jedoch galt die Virchowsche Rede für eine »moralische Tat«

sondergleichen, die auf Jahrzehnte hinaus allen grundsätzlichen Gegnern

der Abstammungslehre ein Ansporn zu doppeltem Eifer in ihrer Bekämpfung

wurde.

Haeckel hat im Jahre 1878 in seiner Schrift »_Freie Wissenschaft und

freie Lehre_« ausführlich auf Virchows Münchener Rede geantwortet, im

übrigen aber auch die Entscheidung dieses Streites der Zukunft

anheimgegeben. Nur ganz gelegentlich ist er später auf die Debatten

zurückgekommen, vor allem in seinen Berliner Vorträgen; »_Der Kampf um

den Entwicklungsgedanken_« (1905). Ihn lockten zunächst wieder

wichtigere und fruchtbarere Aufgaben.

Schon 1864 und 1865 waren im Anschluß an die »Monographie der

Radiolarien« die ersten Teile eines umfangreichen Prachtwerkes über die

Medusen erschienen, deren Studium Haeckel seit den Tagen von Helgoland

immer von neuem entzückt hatte. Jetzt galt es nicht bloß den Abschluß

_dieses_ Werkes, dessen erster Band 1879 unter dem Titel »_Das System

der Medusen_« (mit 40 Tafeln in Farbendruck) und dessen zweiter (mit 32

Tafeln) 1881 unter dem Titel »_Die Tiefsee-Medusen der Challengerreise_

und der Organismus der Medusen« herauskam, jetzt galt es auch die

mikroskopische Durchforschung der riesigen Radiolarienschätze und weiter

der Siphonophoren und Tiefsee-Hornschwämme, die die berühmte

wissenschaftliche Expedition der englischen Korvette »Challenger« in den

Jahren 1873 bis 1876 gesammelt und deren Bearbeitung die englische

Regierung Haeckel anvertraut hatte. Zehn Jahre mühsamer Arbeit

verflossen, bis das neue große _Radiolarienwerk_ (2750 Seiten Text und

140 Tafeln) zum Abschluß gebracht war, zwei weitere Jahre, bis auch das

»_System der Siphonophoren_« (mit 50 Farbendrucktafeln) und die

»_Tiefsee-Hornschwämme_« (mit 8 Tafeln) erscheinen konnten. Besonders

das Radiolarienwerk ist bewundernswert. 810 Arten waren bekannt, als

Haeckel 1877 die Arbeit in Angriff nahm; als er zehn Jahre später den

Abschlußstrich machte, hatte er 3508 neue Arten hinzuentdeckt! Alle

diese zauberhaft schönen, mikroskopisch kleinen Meeresgeschöpfe hatte

sein Ordnungssinn nicht nur benannt und beschrieben, sondern nach

wissenschaftlichen Grundsätzen auch übersichtlich gruppiert und nach

Verwandtschaftsgraden in ein System von 85 Familien, 20 Ordnungen, 4

Legionen und 2 Unterklassen gebracht. Welch beispielloses Gedächtnis,

welch kritisches Unterscheidungsvermögen war dazu nötig! Und welch ein

künstlerisch geschulter Blick war erforderlich, um die subtilen und

schwierigen Formen dann auch im Bilde noch festzuhalten! Nur einmal noch

in seinem späteren Leben gelang ihm ein gleich phänomenales Werk, wenn

auch anderer Art: die dreibändige »_Systematische Phylogenie_«, der

Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf Grund ihrer

Stammesgeschichte, der 1896 vollendet wurde. »Man mag im einzelnen, ja

in Hauptpunkten verschiedener Ansicht sein,« sagt darüber der Züricher

Zoologe Professor Arnold Lang, »aber staunend und bewundernd müssen wir

stehen vor diesem Werke, staunend über die ungeheure Fülle des Wissens,

die sich in diesem Umfange vielleicht nie mehr in einem Kopfe vereinigen

wird, bewundernd vor der geistigen Arbeit, mit welcher einerseits die

unzähligen Einzelerscheinungen verknüpft werden und anderseits der ganze

riesige Stoff in formal vollendeter Weise übersichtlich gegliedert

wird.«

Von allen diesen hervorragenden Gaben des unermüdlichen Spezialforschers

und Detailarbeiters Haeckel weiß in der Regel der Laie nichts oder so

gut wie nichts. Für ihn kommt zunächst nur der »populäre« Verfasser der

»Natürlichen Schöpfungsgeschichte«, der »_Welträtsel_« und

»_Lebenswunder_« in Frage. Zumal der Verfasser der »Welträtsel«, der

sich vermaß, über irdische und himmlische Dinge so temperamentvoll sein

Urteil abzugeben. Höchstens daß dieser und jener auch noch das

verdienstvolle Tafelwerk der »_Kunstformen der Natur_« kennt, in dem vom

Standpunkt des Ästhetikers die wundersamen Kunstgebilde der Radiolarien,

Schwämme, Siphonophoren usw., aber auch die aus der höheren Tier- und

Pflanzenwelt als vorbildlicher Ornamentenschatz für das moderne

Kunstgewerbe zusammengestellt sind. Kein Wunder deshalb, daß man auch

unter Gebildeten vielfach den schiefsten und ungerechtesten Urteilen

begegnet, sobald einmal auf Haeckel und dessen Wirken und Schaffen die

Rede kommt.

Allein schon die rein quantitative Arbeitsleistung dieses Mannes muß mit

Bewunderung erfüllen. Wenn man erwägt, daß außer den genannten populären

und wissenschaftlichen Werken, die er von Auflage zu Auflage stets neu

zu bearbeiten und zu verbessern bestrebt war, noch eine Menge kleinerer

Aufsätze und Abhandlungen seiner Feder entflossen sind, und daß neben

all diesem noch seine Lehrtätigkeit an der Jenaer Hochschule und seine

alljährlichen Forschungsreisen einhergingen, so muß angesichts solcher

Schaffenskraft selbst den Arbeitsfreudigsten ein gelindes Gruseln

anwehen. Hinzu kommt aber noch, daß Haeckel auch die Originale seiner

wundervollen Farbendrucktafeln, von denen allein die großen Monographien

rund 360 an der Zahl aufweisen, großenteils selbst aquarelliert hat,

wobei ihm sein hochentwickeltes Zeichen- und Maltalent sehr zustatten

kam.

Wie sehr übrigens Haeckel stets Forscher und Künstler in einer Person

war, das zeigen am besten seine weit über tausend farbenprächtigen

»_Wanderbilder_«, von denen ein kleiner Teil unter diesem Titel

erschienen ist. Wohin seine Forschungsreisen ihn immer auch führten --

und er hat mehr als dreißig in seinem Leben gemacht -- immer und überall

war das Malzeug sein Weggefährte. Hatte die Feder ihr Pensum vollendet

oder fühlte der Forscher sich abgespannt von der mühsamen zoologischen

Facharbeit, so dürstete die Seele des Künstlers, des Ästhetikers dann um

so glühender nach einem Trunk aus dem sprudelnden Quell der Gesamtnatur,

und er ruhte nicht eher, als bis er ihr irgendein Stück ihrer Schönheit

mit Stift oder Pinsel entwunden hatte. Auf dem blauen Meer wie auf

ragenden Berggipfeln, unter den sengenden Strahlen der Tropensonne wie

im Schatten des Urwalddickichts, in den russischen Steppen wie im

nordischen Fjord -- allüberall war der nimmersatte Schönheitssucher in

Haeckel dem Forscher ein steter Begleiter. Seine mit Hildebrandtscher

Farbenglut gemalten Wanderbilder muß man gesehen, seine formvollendeten

reichillustrierten Reisebücher »_Arabische Korallen_«, »_Indische

Reisebriefe_« und »_Aus Insulinde_« muß man gelesen haben, um seinen

heiligen Enthusiasmus für alles Wahre, Schöne und Gute dem ganzen

Umfange nach zu begreifen.

In wundervoller Geschlossenheit liegt heute das arbeits- und

früchtereiche Lebenswerk Haeckels vor unseren Augen, das Lebenswerk

eines Forschers, Künstlers und Philosophen. Und das eines Kämpfers, wie

man hinzufügen darf. Niemand kann leugnen, daß er bei all seiner

Genialität recht oft auch gefehlt hat wie ein ganz sterblicher Mensch,

daß ihm sein heißes Temperament oft die Sehweite kürzte und daß seine

Philosophie, seine Weltanschauung an Lücken und Schwächen nicht arm ist.

Jeder hat die Philosophie, die in ihm ist. Er hat die seine, die aus dem

fruchtbaren Boden der Erfahrungswissenschaften hervorgewachsen und

deshalb allen rein spekulativen Erkenntnistheorien wenig hold ist. Er

hat sie zum Abschluß gebracht und ist glücklich darin. Ihm ist es genug,

das Unerforschte so in die Enge getrieben zu haben, daß es sich wie von

selbst ihm ergeben muß. Aber niemand, der wirklich sein Lebenswerk

kennt, kann auch leugnen, daß Haeckels ganze fünfzigjährige

Beschäftigung mit der Natur und Hingebung an die Natur, daß sein ganzes

Forschen und Denken nichts anderes war als ein Ausfluß religiösen

Sehnens, als Herzenssache, Gemütssache. Ihm, der der Wahrheit um ihrer

selbst willen nachspürte, war ganz notwendig das Wahre identisch mit dem

Göttlichen.

Ernst Haeckel kann, wenn er die Inventur seines Lebens macht, wohl

zufrieden sein. Das höchste Glück der Erdenkinder hat er erreicht und

gewährt: das Glück der Persönlichkeit, und seinen Namen hat er mit

unvergänglichen Lettern tief eingegraben in die Annalen der

Menschheitsgeschichte. »Spätere Generationen«, sagt Wilhelm Bölsche, auf

dessen ausgezeichnete Biographie des Gelehrten der Leser ausdrücklich

verwiesen sei, »werden uns um einen Mann wie Haeckel beneiden. Von

anderen wird man Folianten wälzen, zum Nachschlagen, ohne auf das

Titelblatt mit dem Namen zu achten. Bei ihm wird man den Namen suchen.

Von seiner geistigen Persönlichkeit wird man sich erzählen. Daß man mit

ihm streiten konnte, wird man verstehen. Daß Zeitgenossen seine Größe

nicht sahen -- dafür wird man nur ein Achselzucken haben.«

* * * * *

Die sechs kurzen Abschnitte aus einigen der bedeutendsten

gemeinverständlichen Werke Ernst Haeckels, die dieses Sammelbändchen

vereinigt, vermögen natürlich nur einen schwachen Begriff von der

wissenschaftlichen Gesamtleistung des berühmten Naturforschers zu

vermitteln. Wenn sie dem einen oder anderen Welträtsel-Leser, dem einen

oder anderen für Fragen der Naturwissenschaft Interessierten zum Anlaß

werden, die Werke selbst in die Hand zu nehmen, ist ihr Hauptzweck

erreicht. Nichtsdestoweniger ist zu erwarten, daß die Lektüre der

einzelnen Kapitel auch an und für sich jedem Leser genußreiche und

anregende Stunden bescheren wird.

Die ersten beiden Abschnitte »Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre«

und »Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden« sind der »Natürlichen

Schöpfungsgeschichte« (11. Auflage, 1911, Verlag von Georg Reimer in

Berlin) entnommen. Es sind zwei von den dreißig darin vereinigten

Vorträgen über die Entwicklungslehre im allgemeinen und die von Darwin,

Goethe und Lamarck im besonderen, Vorträge, die selbst dem ohne jede

wissenschaftliche Vorbildung an sie herantretenden Laien verständlich

sind. Der dritte Abschnitt über »Die Gasträatheorie« dagegen will schon

ein bißchen »studiert« sein, wie klar und anschaulich Haeckel das

schwierige Thema auch zu behandeln verstanden hat. Wenn wir unter den

dreißig Vorträgen der »Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des

Menschen« (6. Auflage, 1911. Verlag von Wilhelm Engelmann in Leipzig)

gerade diesen zum Abdruck erwählten, so geschah es, weil er im Rahmen

des zweibändigen Werkes noch wiederum ein Stück besonderen Eigenwerks

darstellt, insofern Ernst Haeckel selbst, wie schon ausgeführt wurde,

der Entdecker der bedeutsamen Gasträatheorie ist. Der Abschnitt

»Erfahrung und Erkenntnis«, in dem der Verfasser im Anschluß an

Schleiden und Johannes Müller ein für allemal programmatisch seinen

Standpunkt zur Naturphilosophie festlegte, entstammt der 1866

erschienenen »Generellen Morphologie« (von der ein teilweiser,

unveränderter Abdruck unter dem Titel »Prinzipien der Generellen

Morphologie der Organismen« 1906 bei Georg Reimer herausgekommen ist),

der Abschnitt »Arabische Korallen« dem kleinen, durch zahlreiche

Abbildungen und farbenfreudige Aquarell-Reproduktionen geschmückten

Prachtbande gleichen Titels, in dem Ernst Haeckel 1875 seinen Ausflug

nach den Korallenbänken des Roten Meeres beschrieb, zugleich einen Blick

in das Leben der Korallentiere erschließend (Verlag von Georg Reimer).

In dieser unübertrefflich lebendigen Schilderung, nicht minder in der

ihr folgenden über »Brussa und den asiatischen Olymp«, kommt neben dem

Naturforscher in Haeckel vor allem der feinempfindende Ästhetiker zur

Geltung, der schönheitsuchende Künstler wie der Meister des Worts.

Für die Erlaubnis zur Wiedergabe des Aufsatzes über »Brussa«, der 1875

in der Deutschen Rundschau erschien und seitdem nicht wieder abgedruckt

wurde, bin ich Sr. Exzellenz Herrn Geheimrat Haeckel zu besonderem Danke

verpflichtet, für die Genehmigung zum Nachdruck der übrigen Abschnitte

außerdem den Herren Verlagsbuchhändlern Dr. de Gruyter (i. Fa.: Georg

Reimer) und Wilhelm Engelmann.

_Leipzig_, Ostern 1912.

Carl W. Neumann.

Natur und Mensch.

I.

Inhalt und Bedeutung der

Abstammungslehre.

Die geistige Bewegung, zu welcher der englische Naturforscher Charles

Darwin im Jahre 1859 durch sein berühmtes Werk »Über die Entstehung der

Arten«[1] den Anstoß gab, hat während des seitdem verflossenen kurzen

Zeitraums eine beispiellose Tiefe und Ausdehnung gewonnen. Allerdings

ist die in jenem Werke dargestellte naturwissenschaftliche Theorie

(gewöhnlich kurzweg die Darwinsche Theorie oder der Darwinismus genannt)

nur ein Bruchteil einer viel umfassenderen Wissenschaft, nämlich der

universalen Entwicklungslehre, welche ihre unermeßliche Bedeutung über

das ganze Gebiet aller menschlichen Erkenntnis erstreckt. Allein die Art

und Weise, in welcher Darwin die letztere durch die erstere fest

begründet hat, ist so überzeugend, und die entscheidende Wendung, welche

durch die notwendigen Folgeschlüsse jener Theorie in der gesamten

Weltanschauung der Menschheit angebahnt worden ist, muß jedem tiefer

denkenden Menschen so gewaltig erscheinen, daß man ihre allgemeine

Bedeutung nicht hoch genug anschlagen kann. Ohne Zweifel muß diese

ungeheure Erweiterung unseres menschlichen Gesichtskreises unter allen

den zahlreichen und großartigen wissenschaftlichen Fortschritten unserer

Zeit als der bei weitem folgenschwerste und wichtigste angesehen werden.

[Fußnote 1: Universal-Bibliothek Nr. 3071-76.]

Wenn man das 19. Jahrhundert mit Recht das Zeitalter der

Naturwissenschaften nennt, wenn man mit Stolz auf die unermeßlich

bedeutenden Fortschritte in allen Zweigen derselben blickt, so pflegt

man dabei gewöhnlich weniger an die Erweiterung unserer allgemeinen

Naturerkenntnis, als vielmehr an die unmittelbaren praktischen Erfolge

jener Fortschritte zu denken. Man erwägt dabei die völlige und unendlich

folgenreiche Umgestaltung des menschlichen Verkehrs, welche durch das

entwickelte Maschinenwesen, durch die Eisenbahnen, Dampfschiffe,

Telegraphen, Telephone und andere Erfindungen der Physik hervorgebracht

worden ist. Oder man denkt an den mächtigen Einfluß, welchen die Chemie

in der Heilkunst, in der Landwirtschaft, in allen Künsten und Gewerben

gewonnen hat. Wie hoch Sie aber auch diese Einwirkung der neueren

Naturwissenschaft auf das praktische Leben anschlagen mögen, so muß

dieselbe, von einem höheren und allgemeineren Standpunkt aus gewürdigt,

doch hinter dem ungeheuren Einfluß zurückstehen, welchen die

theoretischen Fortschritte der heutigen Naturwissenschaft auf das

gesamte Erkenntnisgebiet des Menschen, auf seine ganze Weltanschauung

und Geistesbildung notwendig ausüben. Denken Sie nur an den

unermeßlichen Umschwung aller unserer theoretischen Anschauungen,

welchen wir der allgemeinen Anwendung des Mikroskops verdanken. Denken

Sie allein an die Zellentheorie, die uns die scheinbare Einheit des

menschlichen Organismus als das zusammengesetzte Resultat aus der

staatlichen Verbindung von Milliarden elementarer Lebenseinheiten, der

Zellen, nachweist. Oder erwägen Sie die ungeheure Erweiterung unseres

theoretischen Gesichtskreises, welche wir der Spektralanalyse, der Lehre

von der Wärmemechanik und von der Erhaltung der Kraft verdanken. Unter

allen diesen bewunderungswürdigen theoretischen Fortschritten nimmt aber

jedenfalls unsere heutige Entwicklungslehre bei weitem den höchsten Rang

ein.

Jeder von Ihnen wird den Namen Darwin gehört haben, aber die meisten

werden wahrscheinlich nur unvollkommene Vorstellungen von dem

eigentlichen Werte seiner Lehre besitzen. Denn wenn man alles

vergleicht, was seit dem Erscheinen seines epochemachenden Hauptwerks

über dasselbe geschrieben worden ist, so muß demjenigen, der sich nicht

näher mit den organischen Naturwissenschaften befaßt hat, der nicht in

die inneren Geheimnisse der Zoologie und Botanik eingedrungen ist, der

Wert jener Theorie doch zweifelhaft erscheinen. Die Beurteilung

derselben ist voll von Widersprüchen und Mißverständnissen. Daher hat

selbst jetzt, fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von Darwins Werk,

dasselbe noch nicht allgemein diejenige volle Bedeutung erlangt, welche

ihm von Rechts wegen gebührt, und welche es jedenfalls früher oder

später erlangen wird. Die meisten von den zahllosen Schriften, welche

für und gegen den Darwinismus während dieses Zeitraums veröffentlicht

wurden, lassen den erforderlichen Grad von biologischer, und besonders

von zoologischer Bildung vermissen. Obwohl jetzt alle bedeutenden

Naturforscher der Gegenwart zu den Anhängern jener Theorie gehören,

haben doch nur wenige derselben Geltung und Verständnis in weiteren

Kreisen zu verschaffen gesucht. Daher rühren die befremdenden

Widersprüche und die seltsamen Urteile, die man noch heute vielfach über

den Darwinismus hören kann. Gerade dieser Umstand hat mich vorzugsweise

bestimmt, die Darwinsche Theorie und die damit zusammenhängenden

weiteren Lehren zum Gegenstand allgemein verständlicher Vorträge zu

machen. Ich halte es für die Pflicht der Naturforscher, daß sie nicht

allein in dem engeren Kreise ihrer Fachwissenschaft auf Verbesserungen

und Entdeckungen sinnen, daß sie sich nicht allein in das Studium des

Einzelnen mit Liebe und Sorgfalt vertiefen, sondern daß sie auch die

wichtigen, allgemeinen Ergebnisse ihrer besonderen Studien für das Ganze

nutzbar machen, und daß sie naturwissenschaftliche Bildung in weiten

Kreisen verbreiten helfen. Der höchste Triumph des menschlichen Geistes,

die wahre Erkenntnis der allgemeinsten Naturgesetze, darf nicht das

Privateigentum einer privilegierten Gelehrtenkaste bleiben, sondern muß

segensreiches Gemeingut der ganzen gebildeten Menschheit werden.

Die Theorie, welche durch Darwin an die Spitze unserer Naturerkenntnis

gestellt worden ist, pflegt man gewöhnlich als Abstammungslehre oder

Deszendenztheorie zu bezeichnen. Andere nennen sie Umbildungslehre oder

Transmutationstheorie oder auch kurz: Transformismus. Beide

Bezeichnungen sind richtig. Denn diese Lehre behauptet, daß alle

verschiedenen Organismen (d. h. alle Tierarten und Pflanzenarten, welche

jemals auf der Erde gelebt haben, und noch jetzt leben) von einer

einzigen oder von wenigen höchst einfachen Stammformen abstammen, und

daß sie sich aus diesen auf dem natürlichen Wege allmählicher Umbildung

langsam entwickelt haben. Obwohl diese Entwicklungstheorie schon im

Anfange unseres Jahrhunderts von verschiedenen großen Naturforschern,

insbesondere von Lamarck und Goethe, aufgestellt und verteidigt wurde,

hat sie doch erst im Jahre 1859 durch Darwin ihre vollständige

Ausbildung und ihre ursächliche Begründung erfahren. Dies ist der Grund,

weshalb sie oft ausschließlich (obwohl nicht ganz richtig) als Darwins

Theorie bezeichnet wird.

Der unschätzbare Wert der Abstammungslehre erscheint in verschiedenem

Lichte, je nachdem Sie bloß deren nähere Bedeutung für die organische

Naturwissenschaft, oder aber ihren weiteren Einfluß auf die gesamte

Welterkenntnis des Menschen in Betracht ziehen. Die organische

Naturwissenschaft oder die Biologie, welche als Zoologie die Tiere, als

Botanik die Pflanzen zum Gegenstand ihrer Erkenntnis hat, wird durch die

Abstammungslehre von Grund aus umgestaltet. Denn durch die

Deszendenztheorie lernen wir die wahren wirkenden Ursachen der

organischen Formerscheinungen erkennen, während die bisherige Tier- und

Pflanzenkunde sich überwiegend mit der Kenntnis ihrer Tatsachen

beschäftigte. Man kann daher auch die Abstammungslehre als die

mechanische Erklärung der organischen Form-Erscheinungen oder als »die

Lehre von den wahren Ursachen in der organischen Natur« bezeichnen.

Da ich nicht voraussetzen kann, daß Ihnen allen die Ausdrücke

»organische und anorganische Natur« geläufig sind, und da uns die

Gegenüberstellung dieser beiderlei Naturkörper in der Folge noch

vielfach beschäftigen wird, so muß ich ein paar Worte zur Verständigung

darüber vorausschicken. Organismen oder organische Naturkörper nennen

wir alle Lebewesen oder belebten Körper, also alle Pflanzen und Tiere,

den Menschen mit inbegriffen, weil bei ihnen fast immer eine

Zusammensetzung aus verschiedenartigen Teilen (Werkzeugen oder

»Organen«) nachzuweisen ist; diese Organe müssen zusammenwirken, um die

Lebenserscheinungen hervorzubringen. Eine solche Zusammensetzung

vermissen wir dagegen bei den Anorganen oder anorganischen Naturkörpern,

den sogenannten toten oder unbelebten Körpern, den Mineralien oder

Gesteinen, dem Wasser, der atmosphärischen Luft usw. Die Organismen

enthalten stets eiweißartige Kohlenstoffverbindungen in weichem oder

»festflüssigem« Zustande, während diese den Anorganen stets fehlen. Auf

diesem wichtigen Unterschiede beruht die Einteilung der gesamten

Naturwissenschaft in zwei große Hauptabteilungen, in die Biologie oder

Wissenschaft von den Organismen (Anthropologie, Zoologie und Botanik)

und die Anorgologie oder Abiologie, die Wissenschaft von den Anorganen

(Mineralogie, Geologie, Hydrographie, Meteorologie usw.).

Die unvergleichliche Bedeutung der Abstammungslehre für die Biologie

liegt also vorzugsweise darin, daß sie uns die Entstehung der

organischen Formen auf mechanischem Wege erklärt und deren wirkende

Ursachen nachweist. So hoch man aber auch mit Recht dieses Verdienst der

Deszendenztheorie anschlagen mag, so tritt dasselbe doch fast zurück vor

der unermeßlichen Wichtigkeit, welche eine einzige notwendige Folgerung

derselben für sich allein in Anspruch nimmt. Diese unvermeidliche

Folgerung ist die Lehre von der tierischen Abstammung des

Menschengeschlechts.

Die Bestimmung der Stellung des Menschen in der Natur und seiner

Beziehungen zur Gesamtheit der Dinge, diese Frage aller Fragen für die

Menschheit, wie sie Huxley mit Recht genannt hat, wird durch jene

Erkenntnis der tierischen Abstammung des Menschengeschlechts endgültig

gelöst. Wir gelangen also durch den Transformismus oder die

Deszendenztheorie zum erstenmal in die Lage, eine natürliche

Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts wissenschaftlich

begründen zu können. Sowohl alle Verteidiger als alle denkenden Gegner

Darwins haben anerkannt, daß die Abstammung des Menschengeschlechts

zunächst von affenartigen Säugetieren, weiterhin aber von niederen

Wirbeltieren, mit Notwendigkeit aus seiner Theorie folgt.

Allerdings hat Darwin diese wichtigste von allen Folgerungen seiner

Lehre nicht sofort selbst ausgesprochen. In seinem Werke von der

»Entstehung der Arten« ist die tierische Abstammung des Menschen nicht

erörtert. Der ebenso vorsichtige als kühne Naturforscher ging damals

absichtlich mit Stillschweigen darüber hinweg, weil er voraussah, daß

dieser bedeutendste von allen Folgeschlüssen der Abstammungslehre

zugleich das größte Hindernis für die Verbreitung und Anerkennung

derselben sein werde. Gewiß hätte Darwins Buch von Anfang an noch weit

mehr Widerspruch und Ärgernis erregt, wenn sogleich diese wichtigste

Konsequenz darin klar ausgesprochen worden wäre. Erst zwölf Jahre

später, in dem 1871 erschienenen Werke über »Die Abstammung des Menschen

und die geschlechtliche Zuchtwahl«[2] hat Darwin jenen weitreichendsten

Folgeschluß offen anerkannt, und ausdrücklich seine volle

Übereinstimmung mit den Naturforschern erklärt, welche denselben

inzwischen schon selbst gezogen hatten. Offenbar ist die Tragweite

dieser Folgerung ganz unermeßlich, und keine Wissenschaft wird sich den

Konsequenzen derselben entziehen können. Die Anthropologie oder die

Wissenschaft vom Menschen, und infolgedessen auch die ganze Philosophie,

wird in allen einzelnen Zweigen dadurch von Grund aus umgestaltet.

[Fußnote 2: Universal-Bibliothek Nr. 3216-25.]

Um es mit einem Satze auszudrücken, so ist jene bedeutungsvolle, aber

die meisten Menschen von vornherein abstoßende Folgerung nichts weiter

als ein besonderer Deduktionsschluß, den wir aus dem sicher begründeten

allgemeinen Induktionsgesetze der Deszendenztheorie nach den strengen

Geboten der unerbittlichen Logik notwendig ziehen müssen.

Vielleicht ist nichts geeigneter, Ihnen die ganze und volle Bedeutung

der Abstammungslehre mit zwei Worten klarzumachen, als die Bezeichnung

derselben mit dem Ausdruck: »Natürliche Schöpfungsgeschichte«. Jedoch

ist dieselbe nur in einem gewissen Sinne richtig; denn streng genommen

schließt der Ausdruck »natürliche Schöpfungsgeschichte« einen inneren

Widerspruch, eine ^contradictio in adjecto^ ein. Lassen Sie uns, um dies

zu verstehen, einen Augenblick den zweideutigen Begriff der Schöpfung

etwas näher ins Auge fassen. Wenn man unter Schöpfung die Entstehung

eines Körpers durch eine schaffende Gewalt oder Kraft versteht, so kann

man dabei entweder an die Entstehung seines Stoffes (der körperlichen

Materie) oder an die Entstehung seiner Form (der körperlichen Gestalt)

denken.

Die Schöpfung im ersteren Sinne, als die Entstehung der Materie, geht

uns hier gar nichts an. Dieser Vorgang, wenn er überhaupt jemals

stattgefunden hat, ist gänzlich der menschlichen Erkenntnis entzogen, er

kann daher auch niemals Gegenstand naturwissenschaftlicher Erforschung

sein. Die Naturwissenschaft hält die Materie für ewig und unvergänglich,

weil durch die Erfahrung noch niemals das Entstehen oder Vergehen auch

nur des kleinsten Teilchens der Materie nachgewiesen worden ist. Da wo

ein Naturkörper zu verschwinden scheint, wie z. B. beim Verbrennen, beim

Verwesen, beim Verdunsten usw., da ändert er nur seine Form, seinen

physikalischen Aggregatzustand oder seine chemische Verbindungsweise.

Ebenso beruht die Entstehung eines neuen Naturkörpers, z. B. eines

Kristalles, eines Pilzes, eines Infusoriums nur darauf, daß

verschiedene Stoffteilchen, welche vorher in einer gewissen Form

oder Verbindungsweise existierten, infolge von veränderten

Existenzbedingungen eine neue Form oder Verbindungsweise annehmen. Aber

noch niemals ist der Fall beobachtet worden, daß auch nur das kleinste

Stoffteilchen aus der Welt verschwunden, oder nur ein Atom zu der

bereits vorhandenen Masse hinzugekommen wäre. Der Naturforscher kann

sich daher ein Entstehen der Materie ebensowenig als ein Vergehen

derselben vorstellen; er betrachtet die in der Welt bestehende Quantität

der Materie als eine gegebene feste Tatsache. Fühlt jemand das

Bedürfnis, sich die Entstehung dieser Materie als die Wirkung einer

übernatürlichen Schöpfungstätigkeit, einer außerhalb der Materie

stehenden schöpferischen Kraft vorzustellen, so haben wir nichts

dagegen. Aber wir müssen bemerken, daß damit auch nicht das geringste

für eine wissenschaftliche Naturkenntnis gewonnen ist. Eine solche

Vorstellung von einer immateriellen Kraft, welche die Materie erst

schafft, ist ein Glaubensartikel, welcher mit der menschlichen

Wissenschaft gar nichts zu tun hat. Wo der mystische Glaube anfängt,

hört die echte Wissenschaft auf. Beide Tätigkeiten des menschlichen

Geistes sind scharf voneinander zu halten. Der Glaube an übernatürliche

Vorgänge hat seinen Ursprung in der dichtenden Einbildungskraft, das

klare Wissen dagegen in dem erkennenden Verstande des Menschen. Die

Wissenschaft hat die segenbringenden Früchte von dem Baume der

Erkenntnis zu pflücken, unbekümmert darum, ob dadurch die dichterischen

Einbildungen der Glaubenschaft beeinträchtigt werden oder nicht.

Wenn also die Naturwissenschaft sich die »natürliche

Schöpfungsgeschichte« zu ihrer höchsten, schwersten und lohnendsten

Aufgabe macht, so kann sie den Begriff der Schöpfung nur in der zweiten,

oben angeführten Bedeutung verstehen, als die Entstehung der Form

der Naturkörper. In diesem Sinne kann man die Geologie die

Schöpfungsgeschichte der Erde nennen; denn sie sucht die Entstehung der

geformten anorganischen Erdoberfläche und die mannigfaltigen

geschichtlichen Veränderungen in der Gestalt der festen Erdrinde zu

erforschen. Ebenso kann man die Entwicklungsgeschichte der Tiere und

Pflanzen, welche die Entstehung der belebten Formen und den

mannigfaltigen historischen Wechsel der tierischen und pflanzlichen

Gestalten untersucht, die Schöpfungsgeschichte der Organismen nennen. Da

jedoch in den Begriff der Schöpfung sich immer leicht die

unwissenschaftliche Vorstellung von einem außerhalb der Materie

stehenden und dieselbe umbildenden Schöpfer einschleicht, so wird es in

Zukunft wohl besser sein, denselben durch die strengere Bezeichnung der

Entwicklung zu ersetzen.

Der hohe Wert, welchen die Entwicklungsgeschichte für das

wissenschaftliche Verständnis der Tier- und Pflanzenformen besitzt, ist

seit einem halben Jahrhundert allgemein anerkannt; man kann ohne sie in

der organischen Morphologie oder Formenlehre keinen sicheren Schritt

mehr tun. Jedoch hat man vor 1866 unter Entwicklungsgeschichte nur einen

Teil dieser Wissenschaft, nämlich diejenige der organischen Individuen

oder Einzelwesen verstanden, die sogenannte Embryologie, richtiger und

umfassender _Ontogenie_ genannt. Außer dieser gibt es aber auch noch

eine Entwicklungsgeschichte der organischen Arten, Klassen und Stämme

(Phylen); und diese steht zu der ersteren in den wichtigsten

Beziehungen. Das Material dafür liefert die Versteinerungskunde oder

Paläontologie. Diese lehrt uns, daß jedes organische Phylum, jeder Stamm

des Tier- und Pflanzenreichs, während der verschiedenen Perioden der

Erdgeschichte durch eine Reihe von ganz verschiedenen Klassen und Arten

vertreten wird. So ist z. B. der Stamm der Wirbeltiere durch die Klassen

der Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere vertreten und

jede dieser Klassen zu verschiedenen Zeiten durch ganz verschiedene

Arten. Diese paläontologische Entwicklungsgeschichte der Organismen kann

man als Stammesgeschichte oder _Phylogenie_ bezeichnen; sie steht in den

wichtigsten und merkwürdigsten Beziehungen zu dem anderen Zweige der

organischen Entwicklungsgeschichte, zur Keimesgeschichte oder Ontogenie.

Die letztere läuft der ersteren im großen und ganzen parallel. Um

es kurz mit einem Satze zu sagen, so ist die individuelle

Entwicklungsgeschichte eine schnelle, durch die Gesetze der Vererbung

und Anpassung bedingte Wiederholung der langsamen paläontologischen

Entwicklungsgeschichte; die Ontogenie ist ein kurzer Auszug oder eine

Rekapitulation der Phylogenie. Das ist unser _biogenetisches

Grundgesetz_ (1866), das einzig und allein durch die Abstammungslehre

erklärt und in seinen Ursachen verstanden werden kann; ohne dieselbe

bleibt es ganz unverständlich und unerklärlich.

Die Deszendenztheorie zeigt uns zugleich, _warum_ überhaupt die

einzelnen Tiere und Pflanzen sich entwickeln müssen, _warum_ dieselben

nicht gleich in fertiger und entwickelter Form ins Leben treten. Keine

übernatürliche Schöpfungsgeschichte vermag uns das große Rätsel der

organischen Entwicklung irgendwie zu erklären. Ebenso wie auf diese

hochwichtige Frage gibt uns der Transformismus auch auf alle anderen

allgemeinen biologischen Fragen befriedigende Antworten, und zwar sind

diese Antworten rein mechanisch-kausaler Natur; sie weisen lediglich

natürliche, physikalisch-chemische Kräfte als die Ursachen von

Erscheinungen nach, die man früher gewohnt war, der unmittelbaren

Einwirkung übernatürlicher, schöpferischer Kräfte zuzuschreiben. Mithin

entfernt der Transformismus aus allen Gebietsteilen der Botanik und

Zoologie, und namentlich auch aus dem wichtigsten Teile der letzteren,

aus der Anthropologie, den Wunderglauben; er lüftet den mystischen

Schleier des Wunderbaren und Übernatürlichen, mit welchem man bisher die

verwickelten Erscheinungen dieser natürlichen Erkenntnisgebiete zu

verhüllen liebte. Das unklare Nebelbild mythologischer Dichtung kann vor

dem klaren Sonnenlicht naturwissenschaftlicher Erkenntnis nicht länger

bestehen.

Von ganz besonderem Interesse sind unter jenen biologischen

Erscheinungen diejenigen, welche die gewöhnliche Annahme von der

Entstehung eines jeden Organismus durch eine zweckmäßig bauende

Schöpferkraft widerlegen. Nichts hat in dieser Beziehung der früheren

Naturforschung so große Schwierigkeiten verursacht, als die Deutung der

sogenannten »_rudimentären Organe_«, derjenigen Teile im Tier- und

Pflanzenkörper, welche eigentlich ohne Leistung, ohne physiologische

Bedeutung, und dennoch formell vorhanden sind. Diese Teile verdienen das

allerhöchste Interesse, obwohl die meisten Leute wenig oder nichts davon

wissen. Fast jeder höher entwickelte Organismus, fast jedes Tier und

jede Pflanze, besitzt neben den scheinbar zweckmäßigen Einrichtungen

seiner Organisation andere Einrichtungen, die durchaus keinen Zweck,

keine Funktion in dessen Leben haben können.

Beispiele davon finden sich überall. Bei den Embryonen mancher

Wiederkäuer, unter anderen bei unserem gewöhnlichen Rindvieh, stehen

Schneidezähne im Zwischenkiefer der oberen Kinnlade, welche niemals zum

Durchbruch gelangen, also auch keinen Zweck haben. Die Embryonen mancher

Walfische, welche späterhin die bekannten Barten statt der Zähne

besitzen, tragen, solange sie noch nicht geboren sind und keine Nahrung

zu sich nehmen, dennoch zahlreiche Zähne in ihren Kiefern; auch dieses

Gebiß tritt niemals in Tätigkeit. Ferner besitzen die meisten höheren

Tiere Muskeln, die nie zur Anwendung kommen; selbst der Mensch besitzt

solche rudimentäre Muskeln. Die meisten von uns sind nicht fähig, ihre

Ohren willkürlich zu bewegen, obwohl die Muskeln für diese Bewegung

vorhanden sind; aber einzelnen Personen, die sich andauernd Mühe geben,

diese Muskeln zu üben, ist es in der Tat gelungen, ihre Ohren wieder in

Bewegung zu setzen. In diesen noch jetzt vorhandenen, aber verkümmerten

Organen, welche dem vollständigen Verschwinden entgegengehen, ist es

noch möglich, durch besondere Übung, durch andauernden Einfluß der

Willenstätigkeit des Nervensystems, die beinahe erloschene Tätigkeit

wieder zu beleben. Dagegen vermögen wir dies nicht mehr in den kleinen

rudimentären Ohrmuskeln, welche noch am Knorpel unserer Ohrmuschel

vorkommen; diese bleiben immer völlig wirkungslos. Bei unseren

langohrigen Vorfahren aus der Tertiärzeit, Affen, Halbaffen und

Beuteltieren, welche gleich den meisten anderen Säugetieren ihre große

Ohrmuschel frei und lebhaft bewegten, waren jene Muskeln viel stärker

entwickelt und von großer Bedeutung. So haben in gleicher Weise auch

viele Spielarten der Hunde und Kaninchen, deren wilde Vorfahren ihre

steifen Ohren vielseitig bewegten, unter dem Einflusse des Kulturlebens

sich jenes »Ohrenspitzen« abgewöhnt; sie haben dadurch verkümmerte

Ohrmuskeln und schlaff herabhängende Ohren bekommen.

Auch noch an anderen Stellen seines Körpers besitzt der Mensch solche

rudimentäre Organe, welche durchaus von keiner Bedeutung für das Leben

sind und niemals funktionieren. Eines der merkwürdigsten, obwohl

unscheinbarsten Organe der Art ist die kleine halbmondförmige Falte,

welche wir am inneren Winkel unseres Auges, nahe der Nasenwurzel

besitzen, die sogenannte ^Plica semilunaris^. Diese unbedeutende

Hautfalte bietet für unser Auge gar keinen Nutzen; sie ist nur der ganz

verkümmerte Rest eines dritten, inneren Augenlides, welches neben dem

oberen und unteren Augenlide bei anderen Säugetieren, bei Vögeln und

Reptilien sehr entwickelt ist. Ja sogar schon unsere uralten Vorfahren

aus der Silurzeit, die Urfische, scheinen dies dritte Augenlid, die

sogenannte Nickhaut, besessen zu haben. Denn viele von ihren nächsten

Verwandten, die in wenig veränderter Form noch heute fortleben, viele

Haifische nämlich, besitzen eine sehr starke Nickhaut, und diese kann

vom inneren Augenwinkel her über den ganzen Augapfel hinübergezogen

werden.

Zu den schlagendsten Beispielen von rudimentären Organen gehören die

Augen, welche nicht sehen. Solche finden sich bei sehr vielen Tieren,

welche im Dunkeln, z. B. in Höhlen, unter der Erde leben. Die Augen sind

hier oft wirklich in ausgebildetem Zustande vorhanden; aber sie sind von

dicker, undurchsichtiger Haut bedeckt, so daß kein Lichtstrahl in sie

hineinfallen kann, mithin können sie auch niemals sehen. Solche Augen

ohne Gesichtsfunktion besitzen z. B. mehrere Arten von unterirdisch

lebenden Maulwürfen und Blindmäusen, von Schlangen und Eidechsen, von

Amphibien und Fischen; ferner zahlreiche wirbellose Tiere, die im

Dunkeln ihr Leben zubringen: viele Käfer, Krebstiere, Schnecken, Würmer

usw.

Eine Fülle der interessantesten Beispiele von rudimentären Organen

liefert die vergleichende Osteologie oder Skelettlehre der Wirbeltiere,

einer der anziehendsten Zweige der vergleichenden Anatomie. Bei den

allermeisten Wirbeltieren finden wir zwei Paar Gliedmaßen am Rumpf, ein

Paar Vorderbeine und ein Paar Hinterbeine. Sehr häufig ist jedoch das

eine oder das andere Paar derselben verkümmert, seltener beide, wie bei

den Schlangen und einigen aalartigen Fischen. Aber einige Schlangen, z.

B. die Riesenschlangen (^Boa^, ^Python^), haben hinten noch einige

unnütze Knochenstückchen im Leibe, welche die Reste der verloren

gegangenen Hinterbeine sind. Ebenso haben die walfischartigen Säugetiere

(^Cetaceen^), welche nur entwickelte Vorderbeine (Brustflossen)

besitzen, hinten im Fleische noch ein Paar ganz überflüssige Knochen,

die Überbleibsel der verkümmerten Hinterbeine. Dasselbe gilt von vielen

echten Fischen, bei denen in gleicher Weise die Hinterbeine

(Bauchflossen) verloren gegangen sind. Umgekehrt besitzen unsere

Blindschleichen (^Anguis^) und einige andere Eidechsen inwendig ein

vollständiges Schultergerüst, obwohl die Vorderbeine, zu deren

Befestigung dasselbe dient, nicht mehr vorhanden sind. Ferner finden

sich bei verschiedenen Wirbeltieren die einzelnen Knochen der beiden

Beinpaare in allen verschiedenen Stufen der Verkümmerung, und oft die

rückgebildeten Knochen und die zugehörigen Muskeln stückweise erhalten,

ohne doch irgendwie eine Verrichtung ausführen zu können. Das Instrument

ist wohl noch da, aber es kann nicht mehr spielen.

Fast ganz allgemein finden Sie ferner rudimentäre Organe in den

Pflanzenblüten vor, indem der eine oder der andere Teil der männlichen

Fortpflanzungsorgane (der Staubfäden und Staubbeutel), oder der

weiblichen Fortpflanzungsorgane (Griffel, Fruchtknoten usw.) mehr oder

weniger verkümmert oder »fehlgeschlagen« (abortiert) ist. Auch hier

können Sie bei verschiedenen, nahe verwandten Pflanzenarten das Organ in

allen Graden der Rückbildung verfolgen. So z. B. ist die große

natürliche Familie der lippenblütigen Pflanzen (^Labiaten^), zu welcher

Melisse, Pfefferminze, Majoran, Gundelrebe, Thymian usw. gehören,

dadurch ausgezeichnet, daß die rachenförmige zweilippige Blumenkrone

zwei lange und zwei kurze Staubfäden enthält. Allein bei vielen

einzelnen Pflanzen dieser Familie, z. B. bei verschiedenen Salbeiarten

und beim Rosmarin, ist nur das eine Paar der Staubfäden ausgebildet, und

das andere Paar ist mehr oder weniger verkümmert, oft ganz verschwunden.

Bisweilen sind die Staubfäden vorhanden, aber ohne Staubbeutel, so daß

sie keinen Nutzen haben können. Seltener findet sich sogar noch das

Rudiment oder der verkümmerte Rest eines fünften Staubfadens, ein

physiologisch (für die Lebensverrichtung) ganz nutzloses, aber

morphologisch (für die Erkenntnis der Form und der natürlichen

Verwandtschaft) äußerst wertvolles Organ. In meiner »Generellen

Morphologie der Organismen« habe ich in dem Abschnitt von der

»Unzweckmäßigkeitslehre oder Dysteleologie« noch eine große Anzahl von

anderen Beispielen angeführt.

Keine biologische Erscheinung hat wohl jemals die Zoologen und Botaniker

in größere Verlegenheit versetzt als diese rudimentären oder abortiven

(verkümmerten) Organe. Es sind Werkzeuge außer Dienst, Körperteile,

welche da sind, ohne etwas zu leisten, zweckmäßig eingerichtet, ohne

ihren Zweck in Wirklichkeit zu erfüllen. Wenn man die Versuche früherer

Naturforscher zur Erklärung dieses Rätsels betrachtet, kann man sich in

der Tat kaum eines Lächelns über ihre seltsamen Vorstellungen erwehren.

Außerstande, eine wirkliche Erklärung zu finden, kamen einige z. B. zu

dem Endresultate, daß der Schöpfer »der Symmetrie wegen« diese Organe

angelegt habe. Nach der Meinung anderer mußte es dem Schöpfer unpassend

oder unanständig erscheinen, daß diese Organe bei denjenigen Organismen,

bei denen sie nicht leistungsfähig sind und ihrer ganzen Lebensweise

nach nicht sein können, völlig fehlten, während die nächsten Verwandten

sie besäßen; und zum Ersatz für die mangelnde Funktion verlieh er ihnen

wenigstens die äußere Ausstattung der leeren Form. Sind doch auch die

uniformierten Zivilbeamten bei Hofe oft mit einem unschuldigen Degen

ausgestattet, den sie niemals aus der Scheide ziehen. Ich glaube aber

kaum, daß Sie von einer solchen dekorativen Erklärung befriedigt sein

werden.

Nun wird gerade diese allgemein verbreitete und rätselhafte Erscheinung

der rudimentären Organe, an welcher alle übrigen Erklärungsversuche

scheitern, vollkommen erklärt, und zwar in der einfachsten und

einleuchtendsten Weise erklärt durch Darwins Theorie von der _Vererbung_

und von der _Anpassung_. Wir können die wichtigen Gesetze der Vererbung

und Anpassung an den Haustieren und Kulturpflanzen, welche wir künstlich

züchten, empirisch verfolgen, und es ist bereits eine Reihe solcher

Gesetze festgestellt worden. Ohne jetzt auf diese einzugehen, will ich

nur sagen, daß einige davon auf mechanischem Wege die Entstehung der

rudimentären Organe vollkommen erklären, so daß wir das Auftreten

derselben als einen ganz natürlichen Prozeß ansehen müssen, bedingt

durch den Nichtgebrauch der Organe. Durch Anpassung an besondere

Lebensbedingungen sind die früher tätigen und wirklich arbeitenden

Organe allmählich nicht mehr gebraucht worden und außer Dienst getreten.

Infolge der mangelnden Übung sind sie mehr und mehr verkümmert, trotzdem

aber immer noch durch Vererbung von einer Generation auf die andere

übertragen worden, bis sie endlich größtenteils verschwanden. Wenn wir

nun annehmen, daß alle oben angeführten Wirbeltiere von einem einzigen

gemeinsamen Stammvater abstammen, welcher zwei sehende Augen und zwei

wohlentwickelte Beinpaare besaß, so erklärt sich ganz einfach der

verschiedene Grad der Verkümmerung und Rückbildung dieser Organe bei

solchen Nachkommen desselben, welche diese Teile nicht mehr gebrauchen

konnten. Ebenso erklärt sich vollständig der verschiedene

Ausbildungsgrad der ursprünglich (in der Blütenknospe) angelegten fünf

Staubfäden bei den Lippenblütern, wenn wir annehmen, daß alle Pflanzen

dieser Familie von einem gemeinsamen, mit fünf Staubfäden ausgestatteten

Stammvater abstammen.

Ich habe Ihnen die Erscheinung der rudimentären Organe etwas

ausführlicher vorgeführt, weil dieselbe von der allergrößten allgemeinen

Bedeutung ist; denn sie führt uns auf die großen, allgemeinen,

tiefliegenden Grundlagen der Philosophie und der Naturwissenschaft hin,

für deren Lösung die Deszendenztheorie nunmehr der unentbehrliche

Leitstern geworden ist. Sobald wir nämlich, dieser Theorie entsprechend,

die ausschließliche Wirksamkeit physikalisch-chemischer Ursachen ebenso

in der lebenden (organischen) Körperwelt, wie in der sogenannten

leblosen (anorganischen) Natur anerkennen, so räumen wir damit jener

Weltanschauung die ausschließliche Herrschaft ein, welche man mit dem

Namen der mechanischen bezeichnen kann, im Gegensatze zu der

hergebrachten teleologischen Auffassung. Wenn Sie die Weltanschauungen

der verschiedenen Völker und Zeiten miteinander vergleichend

zusammenstellen, können Sie dieselben schließlich alle in zwei

gegenüberstehende Gruppen bringen: eine kausale oder mechanische und

eine teleologische oder vitalistische. Die letztere war in der Biologie

früher fast allgemein herrschend. Man sah danach das Tierreich und das

Pflanzenreich als Produkte einer zweckmäßig wirkenden schöpferischen

Tätigkeit an. Bei dem Anblick jedes Organismus schien sich zunächst

unabweislich die Überzeugung aufzudrängen, daß eine so künstliche

Maschine, ein so verwickelter Bewegungsapparat, wie es der Organismus

ist, nur durch eine zwecktätige Schöpferkraft hervorgebracht werden

könne; durch eine Tätigkeit, welche analog, obwohl unendlich viel

vollkommener ist, als die Tätigkeit des Menschen bei der Konstruktion

seiner Maschinen. Wie erhaben man auch die früheren Vorstellungen des

Schöpfers und seiner schöpferischen Tätigkeit steigern, wie sehr man sie

aller menschlichen Analogie entkleiden mag, so bleibt doch im letzten

Grunde bei der teleologischen Naturauffassung dieser Vergleich

unabweislich und notwendig. Man muß sich im Grunde dann immer den

Schöpfer selbst als einen Organismus vorstellen, als ein Wesen, welches

ähnlich dem Menschen, wenn auch in unendlich vollkommenerer Form, über

seine bildende Tätigkeit nachdenkt, den Plan der Maschinen entwirft, und

dann mittels Anwendung geeigneter Materialien diese Maschinen

zweckentsprechend ausführt. Alle diese Vorstellungen leiden notwendig an

der Grundschwäche des Anthropomorphismus oder der Vermenschlichung.

Stets werden dabei, wie hoch man sich auch den Schöpfer vorstellen mag,

demselben die menschlichen Eigenschaften beigelegt, einen Plan zu

entwerfen und danach den Organismus zweckmäßig zu konstruieren. Das wird

auch von derjenigen Schule, welche Darwins Lehre am schroffsten

gegenübersteht, und welche unter den Naturforschern ihren bedeutendsten

Vertreter in Louis Agassiz gefunden hat, ganz klar ausgesprochen. Das

berühmte Werk von Agassiz (^Essay on classification^), welches dem

Darwinschen Werke vollkommen entgegengesetzt ist und fast gleichzeitig

erschien (1858), hat ganz folgerichtig jene absurden anthropomorphischen

Vorstellungen vom Schöpfer bis zum höchsten Grade ausgebildet.

Was nun überhaupt jene vielgerühmte _Zweckmäßigkeit in der Natur_

betrifft, so ist sie nur für denjenigen vorhanden, welcher die

Erscheinungen im Tier- und Pflanzenleben durchaus oberflächlich

betrachtet. Schon die rudimentären Organe mußten dieser beliebten Lehre

einen harten Stoß versetzen. Jeder aber, der tiefer in die Organisation

und Lebensweise der verschiedenen Tiere und Pflanzen eindringt, der sich

mit der Wechselwirkung der Lebenserscheinungen und der sogenannten

»Ökonomie der Natur« vertrauter macht, muß sie notwendig fallen lassen.

Die vielgrepriesene Weisheit und Zweckmäßigkeit existiert ebensowenig

als die vielgerühmte »Allgüte des Schöpfers«. Diese optimistischen

Anschauungen haben leider ebensowenig wirkliche Begründung als die

beliebte Redensart von der »sittlichen Weltordnung«, welche durch die

ganze Völkergeschichte in ironischer Weise illustriert wird. Im

Mittelalter ist dafür die »sittliche« Herrschaft der christlichen Päpste

und ihrer frommen, vom Blute zahlloser Menschenopfer dampfenden

Inquisition nicht weniger bezeichnend, als in der Gegenwart der

herrschende Militarismus mit seinem »sittlichen« Apparate von Zündnadeln

und anderen raffinierten Mordwaffen; oder der Pauperismus als

untrennbarer Anhang unserer verfeinerten Kultur.

Wenn Sie das Zusammenleben und die gegenseitigen Beziehungen der

Pflanzen und der Tiere (mit Inbegriff der Menschen) näher betrachten, so

finden Sie überall und zu jeder Zeit das Gegenteil von jenem gemütlichen

und friedlichen Beisammensein, welches die Güte des Schöpfers den

Geschöpfen hätte bereiten müssen; vielmehr sehen Sie überall einen

schonungslosen, höchst erbitterten _Kampf aller gegen alle_. Nirgends in

der Natur, wohin Sie auch Ihre Blicke lenken mögen, ist jener

idyllische, von den Dichtern besungene Friede vorhanden -- vielmehr

überall Kampf, Streben nach Selbsterhaltung, nach Vernichtung der

direkten Gegner und nach Vernichtung des Nächsten. Leidenschaft und

Selbstsucht, bewußt oder unbewußt, bleibt überall die Triebfeder des

Lebens. Das bekannte Dichterwort:

»Die Natur ist vollkommen überall,

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual«

ist schön, aber leider nicht wahr. Vielmehr bildet auch in dieser

Beziehung der Mensch keine Ausnahme von der übrigen Tierwelt. Darwin hat

gerade dieses wichtige Verhältnis in seiner hohen und allgemeinen

Bedeutung uns erst recht klar vor Augen gestellt, und derjenige

Abschnitt seiner Lehre, welchen er selbst den »Kampf ums Dasein« nennt,

ist einer ihrer wichtigsten Teile.

Wir müssen also jener vitalistischen oder teleologischen Betrachtung der

lebendigen Natur, welche die Tier- und Pflanzenformen als Produkte eines

gütigen und weisen Schöpfers oder einer zweckmäßig tätigen

schöpferischen Naturkraft ansieht, durchaus entgegentreten; dagegen sind

wir gezwungen, uns entschieden jene Weltanschauung anzueignen, welche

man die mechanische oder kausale nennt. Man kann sie auch als die

monistische oder einheitliche bezeichnen, im Gegensatze zu der

zwiespältigen oder dualistischen Anschauung, welche in jener

teleologischen Weltauffassung notwendig enthalten ist. Die mechanische

Naturbetrachtung ist seit Jahrzehnten auf gewissen Gebieten der

Naturwissenschaft so sehr eingebürgert, daß hier über die

entgegengesetzte kein Wort mehr verloren wird. Es fällt keinem Physiker

oder Chemiker, keinem Mineralogen oder Astronomen mehr ein, in den

Erscheinungen, welche ihm auf seinem wissenschaftlichen Gebiete

fortwährend vor Augen kommen, die Wirksamkeit eines zweckmäßig tätigen

Schöpfers zu erblicken oder aufzusuchen. Man betrachtet jene

Erscheinungen vielmehr allgemein und ohne Widerspruch als die

notwendigen und unabänderlichen Wirkungen der physikalischen und

chemischen Kräfte, welche an dem Stoffe oder der Materie haften; und

insofern ist diese Anschauung rein »materialistisch«, in einem gewissen

Sinne dieses vieldeutigen Wortes. Wenn der Physiker die

Bewegungserscheinungen der Elektrizität oder des Magnetismus, den Fall

eines Körpers oder die Schwingungen der Lichtwellen zu erklären sucht,

so ist er bei dieser Arbeit durchaus davon entfernt, das Eingreifen

einer übernatürlichen schöpferischen Kraft anzunehmen. In dieser

Beziehung befand sich bisher die Biologie, als die Wissenschaft von den

sogenannten »belebten« Naturkörpern, in vollem Gegensatze zu jenen

vorher genannten anorganischen Naturwissenschaften (der

Anorgologie). Zwar hat die neuere Physiologie, die Lehre von den

Bewegungserscheinungen im Tier- und Pflanzenkörper, den mechanischen

Standpunkt der letzteren vollkommen angenommen; allein die Morphologie,

die Wissenschaft von der Gestaltung der Tiere und Pflanzen, schien

dadurch gar nicht berührt zu werden. Die Morphologen behandeln nach wie

vor, im Gegensatze zu jener mechanischen Betrachtung der Leistungen, die

Formen der Tiere und Pflanzen als Erscheinungen, die durchaus nicht

mechanisch erklärbar seien, die vielmehr notwendig einer höheren,

übernatürlichen, zweckmäßig tätigen Schöpferkraft ihren Ursprung

verdanken müßten. Dabei war es ganz gleichgültig, ob man diese

Schöpferkraft als persönlichen Gott anbetete, oder ob man sie

Lebenskraft (^vis vitalis^) oder Endursache (^causa finalis^) nannte. In

allen Fallen flüchtete man hier, um es mit einem Worte zu sagen, zum

Wunder als der Erklärung. Man warf sich einer mystischen

Glaubensdichtung in die Arme und verließ somit das sichere Gebiet

naturwissenschaftlicher Erkenntnis.

Alles nun, was vor Darwin geschehen ist, um eine natürliche, mechanische

Auffassung von der Entstehung der Tier- und Pflanzenformen zu begründen,

vermochte diese nicht zum Durchbruch und zu allgemeiner Anerkennung zu

bringen. Dies gelang erst Darwins Lehre, und hierin liegt ein

unermeßliches Verdienst derselben. Denn wir werden dadurch zu der

Überzeugung von der Einheit der organischen und der anorganischen Natur

geführt. Auch derjenige Teil der Naturwissenschaft, welcher bisher am

längsten und am hartnäckigsten sich einer mechanischen Auffassung und

Erklärung widersetzte, die Lehre vom zweckmäßigen Bau der lebendigen

Formen, von der Bedeutung und Entstehung derselben, wird dadurch mit

allen übrigen naturwissenschaftlichen Lehren auf einen und denselben Weg

der Vollendung gebracht. Die Einheit _aller_ Naturerscheinungen wird

dadurch endgültig festgestellt.

Diese Einheit der ganzen Natur, die Beseelung aller Materie, die

Untrennbarkeit der geistigen Kraft und des körperlichen Stoffes hat

Goethe mit den Worten behauptet: »Die Materie kann nie ohne Geist, der

Geist nie ohne Materie existieren und wirksam sein.« Von den großen

monistischen Philosophen aller Zeiten sind diese obersten Grundsätze der

mechanischen Weltanschauung vertreten worden. Schon Demokritos von

Abdera, der unsterbliche Begründer der Atomenlehre, sprach dieselben

fast ein halbes Jahrtausend vor Christus klar aus, ganz vorzüglich aber

der erhabene Spinoza und der große Dominikanermönch Giordano Bruno. Der

letztere wurde dafür am 17. Februar 1600 in Rom von der christlichen

Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt, an demselben Tage, an

welchem 36 Jahre früher sein großer Landsmann und Kampfgenosse Galilei

geboren wurde. Auf dem Campo di Fiori in Rom, wo jener Scheiterhaufen

stand, hat jetzt das freie neuerstandene Italien dem großen monistischen

Märtyrer ein Denkmal errichtet (am 9. Juni 1889), ein beredtes Zeichen

des gewaltigen Umschwungs der Zeit.

Durch die Deszendenztheorie wird es uns zum erstenmal möglich, die

monistische Lehre von der Einheit der Natur fest zu begründen; danach

bietet eine mechanisch-kausale Erklärung auch der verwickeltsten

organischen Erscheinungen, z. B. der Entstehung und Einrichtung der

Sinnesorgane, in der Tat nicht mehr prinzipielle Schwierigkeiten für das

allgemeine Verständnis, als die mechanische Erklärung irgendwelcher

physikalischen Prozesse, wie z. B. der Erdbeben, des Erdmagnetismus, der

Meeresströmungen usw. Wir gelangen dadurch zu der äußerst wichtigen

Überzeugung, daß _alle Naturkörper_, die wir kennen, _gleichmäßig

belebt_ sind, daß der Gegensatz, welchen man zwischen lebendiger und

toter Körperwelt aufstellte, im Grunde nicht existiert. Wenn ein Stein,

frei in die Luft geworfen, nach bestimmten Gesetzen zur Erde fällt, oder

wenn in einer Salzlösung sich ein Kristall bildet, oder wenn Schwefel

und Quecksilber sich zu Zinnober verbinden, so sind diese Erscheinungen

nicht mehr und nicht minder mechanische Lebenserscheinungen, als das

Wachstum und das Blühen der Pflanzen, als die Fortpflanzung und die

Sinnestätigkeit der Tiere, als die Empfindung und die Gedankenbildung

des Menschen. Insbesondere ist auch das Bewußtsein des Menschen und der

höheren Tiere keineswegs ein besonderes übernatürliches »Welträtsel«,

wie Du Bois-Reymond 1872 in seiner »Ignorabimus«-Rede irrtümlich

behauptet hatte. Vielmehr beruht dasselbe ebenso auf der mechanischen

Arbeit der Ganglienzellen im Gehirn, wie die übrigen Seelentätigkeiten;

den Beweis dafür habe ich im zehnten Kapitel meines Buches über die

»Welträtsel« geführt. Die Naturkräfte treten auch im Seelenleben nur in

verschiedenen Verbindungen und Formen auf, bald einfacher, bald

zusammengesetzter; aber immer sind sie auch hier dem allgemeinen

Substanzgesetz unterworfen. Gebundene Spannkräfte werden frei und gehen

in lebendige Kräfte über, oder umgekehrt. Das große Gesetz von der

Erhaltung der Kraft oder Energie (Robert Mayer 1842) und das damit

verknüpfte Gesetz von der Erhaltung des Stoffes oder der Materie

(Lavoisier 1789) gelten beide in gleicher Weise für alle organischen wie

für alle anorganischen Naturkörper. In dieser Herstellung der

einheitlichen oder monistischen Naturauffassung liegt das höchste und

allgemeinste Verdienst unserer neuen, die Krone der heutigen

Naturwissenschaft bildenden Entwicklungslehre.

(Aus »Natürliche Schöpfungsgeschichte«.)

II.

Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden.

Die geschichtliche Auffassung des organischen Lebens, welche die

Abstammungslehre in die biologischen Wissenschaften eingeführt hat,

fördert nächst der Anthropologie keinen anderen Wissenschaftszweig so

sehr, als den beschreibenden Teil der Naturgeschichte, die systematische

Zoologie und Botanik. Die meisten Naturforscher, die sich bisher mit der

Systematik der Tiere und Pflanzen beschäftigten, sammelten, benannten

und ordneten die verschiedenen Arten dieser Naturkörper mit einem

ähnlichen Interesse, wie die Altertumsforscher und Ethnographen die

Waffen und Gerätschaften der verschiedenen Völker sammeln. Viele erhoben

sich selbst nicht über denjenigen Grad der Wißbegierde, mit dem man

Wappen, Briefmarken und ähnliche Kuriositäten zu sammeln, zu

etikettieren und zu ordnen pflegt. In ähnlicher Weise wie diese Sammler

an der Formenmannigfaltigkeit, Schönheit oder Seltsamkeit der Wappen,

Briefmarken usw. ihre Freude finden, und dabei die erfinderische

Bildungskunst des Menschen bewundern, in ähnlicher Weise ergötzten sich

die meisten Naturforscher an den mannigfaltigen Formen der Tiere und

Pflanzen und erstaunten über die reiche Phantasie des Schöpfers, über

seine unermüdliche Schöpfungstätigkeit und über die seltsame Laune, in

welcher er neben so vielen schönen und nützlichen Organismen auch eine

Anzahl häßlicher und unnützer Formen gebildet habe.

Diese kindliche Behandlung der systematischen Zoologie und Botanik wird

durch die Abstammungslehre gründlich vernichtet. An die Stelle des

oberflächlichen und spielenden Interesses, mit welchem die meisten

bisher die organischen Gestalten betrachteten, tritt das weit

höhere Interesse des erkennenden Verstandes, welcher in der

_Formverwandtschaft_ der Organismen ihre wahre _Stammverwandtschaft_

erblickt. Das natürliche System der Tiere und Pflanzen, welches man

früher entweder nur als Namenregister zur übersichtlichen Ordnung der

verschiedenen Formen oder als Sachregister zum kurzen Ausdruck ihres

Ähnlichkeitsgrades schätzte, erhält durch die Abstammungslehre den

ungleich höheren Wert eines wahren Stammbaumes der Organismen. Diese

Stammtafel soll uns den genealogischen Zusammenhang der kleineren und

größeren Gruppen enthüllen. Sie soll zu zeigen versuchen, in welcher

Weise die verschiedenen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und

Arten des Tier- und Pflanzenreichs den verschiedenen Zweigen, Ästen und

Astgruppen ihres Stammbaums entsprechen. Jede weitere und höherstehende

Kategorie oder Gruppenstufe des Systems (z. B. Klasse, Ordnung) umfaßt

eine Anzahl von größeren und stärkeren Zweigen des Stammbaums, jede

engere und tieferstehende Kategorie (z. B. Gattung, Art) nur eine

kleinere und schwächere Gruppe von Ästchen. Nur wenn wir in dieser Weise

das natürliche System als Stammbaum betrachten, können wir den wahren

Wert desselben erkennen. Dieser genealogischen Auffassung des

organischen Systems gehört ohne Zweifel allein die Zukunft.

Wie können wir uns aber den wirklichen Stammbaum der tierischen und

pflanzlichen Formengruppen aus den dürftigen und fragmentarischen, bis

jetzt darüber gewonnenen Erfahrungen konstruieren? Die Antwort hierauf

liegt schon zum Teil in demjenigen, was wir früher über den

Parallelismus der drei Entwicklungsreihen bemerkt haben, über den

wichtigen ursächlichen Zusammenhang, welcher die paläontologische

Entwicklung der ganzen organischen Stämme mit der embryologischen

Entwicklung der Individuen und mit der systematischen Entwicklung der

Gruppenstufen verbindet.

Zunächst werden wir uns zur Lösung dieser schwierigen Aufgabe an die

_Paläontologie_ oder Versteinerungskunde zu wenden haben. Denn wenn

wirklich die Deszendenztheorie wahr ist, wenn wirklich die versteinerten

Reste der vormals lebenden Tiere und Pflanzen von den ausgestorbenen

Urahnen und Vorfahren der jetzigen Organismen herrühren, so müßte uns

eigentlich ohne weiteres die Kenntnis und Vergleichung der

Versteinerungen den Stammbaum der Organismen aufdecken. So einfach und

einleuchtend dies nach dem theoretisch entwickelten Prinzip erscheint,

so außerordentlich schwierig und verwickelt gestaltet sich die Aufgabe,

wenn man sie wirklich in Angriff nimmt. Ihre praktische Lösung würde

schon sehr schwierig sein, wenn die Versteinerungen einigermaßen

vollständig erhalten wären. Das ist aber keineswegs der Fall. Vielmehr

ist die handgreifliche Schöpfungsurkunde, welche in den Versteinerungen

begraben liegt, über alle Maßen unvollständig. Daher erscheint es jetzt

vor allem notwendig, diese Urkunde kritisch zu prüfen und den Wert,

welchen die Versteinerungen für die Entwicklungsgeschichte der

organischen Stämme besitzen, zu bestimmen.

In der Regel finden wir Versteinerungen oder Petrefakten nur in

denjenigen Gesteinen eingeschlossen, welche schichtenweise als Schlamm

im Wasser abgelagert wurden, und welche man deshalb neptunische,

geschichtete oder sedimentäre Gesteine nennt. Die Ablagerung solcher

Schichten konnte natürlich erst beginnen, nachdem im Verlaufe der

Erdgeschichte die Verdichtung des Wasserdampfes zu tropfbar-flüssigem

Wasser erfolgt war. Seit diesem Zeitpunkt begann nicht allein das

organische Leben auf der Erde, sondern auch eine ununterbrochene und

höchst wichtige Umgestaltung der erstarrten anorganischen Erdrinde. Das

Wasser begann seitdem jene außerordentlich wichtige mechanische

Wirksamkeit, durch welche die Erdoberfläche fortwährend, wenn auch

langsam, umgestaltet wird. Ich darf wohl als bekannt voraussetzen,

welchen außerordentlich bedeutenden Einfluß in dieser Beziehung noch

jetzt das Wasser in jedem Augenblick ausübt. Indem es als Regen

niederfällt, die obersten Schichten der Erdrinde durchsickert und von

den Erhöhungen in die Vertiefungen herabfließt, löst es verschiedene

mineralische Bestandteile des Bodens chemisch auf und spült mechanisch

die locker zusammenhängenden Teilchen ab. An den Bergen herabfließend

führt das Wasser den Schutt derselben in die Ebene und lagert ihn als

Schlamm im stehenden Wasser ab. So arbeitet es beständig an einer

Erniedrigung der Berge und Ausfüllung der Täler. Ebenso arbeitet die

Brandung des Meeres ununterbrochen an der Zerstörung der Küsten und an

der Auffüllung des Meerbodens durch die herabgeschlämmten Trümmer. So

würde schon die Tätigkeit des Wassers allein, wenn sie nicht durch

andere Umstände wieder aufgewogen würde, mit der Zeit die ganze Erde

nivellieren. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Gebirgsmassen,

welche alljährlich als Schlamm dem Meere zugeführt werden und sich auf

dessen Boden absetzen, so bedeutend sind, daß im Verlauf einer längeren

oder kürzeren Periode, vielleicht von wenigen Millionen Jahren, die

Erdoberfläche vollkommen geebnet und von einer zusammenhängenden

Wasserschale umschlossen werden würde. Daß dies nicht geschieht,

verdanken wir der fortdauernden Schrumpfung und Faltung der erhärteten

Erdrinde und der vulkanischen Gegenwirkung des feurigflüssigen

Erdinneren. Diese Reaktion des geschmolzenen Kerns gegen die feste Rinde

bedingt ununterbrochen wechselnde Hebungen und Senkungen an den

verschiedensten Stellen der Erdoberfläche. Meistens geschehen dieselben

sehr langsam; allein indem sie Jahrtausende hindurch fortdauern, bringen

sie durch Summierung der kleinen Einzelwirkungen nicht minder großartige

Resultate hervor, wie die entgegenwirkende und nivellierende Tätigkeit

des Wassers.

Indem die Hebungen und Senkungen verschiedener Gegenden im Laufe von

Jahrmillionen vielfach miteinander wechseln, kommt bald dieser bald

jener Teil der Erdoberfläche über oder unter den Spiegel des Meeres. Es

gibt vielleicht keinen Oberflächenteil der Erdrinde, der nicht

infolgedessen schon wiederholt über oder unter dem Meeresspiegel gewesen

wäre. Durch diesen vielfachen Wechsel erklärt sich die Mannigfaltigkeit

und die verschiedenartige Zusammensetzung der zahlreichen neptunischen

Gesteinschichten, welche sich an den meisten Stellen in beträchtlicher

Dicke übereinander abgelagert haben. In den verschiedenen

Geschichtsperioden, während deren die Ablagerung stattfand, lebte eine

mannigfach verschiedene Bevölkerung von Tieren und Pflanzen. Wenn die

Leichen derselben auf den Boden der Gewässer herabsanken, drückten sie

ihre Körperform in dem weichen Schlamme ab, und unverwesliche Teile,

harte Knochen, Zähne, Schalen usw. wurden unzerstört in demselben

eingeschlossen. Sie blieben in dem Schlamm, der sich zu neptunischem

Gestein verdichtete, erhalten, und dienen nun als Versteinerungen zur

Charakteristik der betreffenden Schichten. Durch sorgfältige

Vergleichung der verschiedenen übereinander gelagerten Schichten und der

in ihnen erhaltenen Versteinerungen ist es so möglich geworden, sowohl

das relative Alter der Schichten und Schichtengruppen zu bestimmen, als

auch gewisse Hauptmomente der Phylogenie oder der Entwicklungsgeschichte

der Tier- und Pflanzenstämme empirisch festzustellen.

Die verschiedenen übereinander abgelagerten Schichten der neptunischen

Gesteine, welche in sehr mannigfaltiger Weise aus Kalk, Ton und Sand

zusammengesetzt sind, haben die Geologen gruppenweise in ein ideales

System zusammengestellt, welches dem ganzen Zusammenhange der

_organischen Erdgeschichte_ entspricht, d. h. desjenigen Teiles der

Erdgeschichte, während dessen organisches Leben existierte. Wie die

sogenannte »Weltgeschichte« in größere oder kleinere Perioden zerfällt,

welche durch den zeitweiligen Entwicklungszustand der bedeutendsten

Völker charakterisiert und durch hervorragende Ereignisse voneinander

abgegrenzt werden, so teilen wir auch die unendlich längere organische

Erdgeschichte in eine Reihe von größeren oder kleineren Perioden ein.

Jede dieser Perioden ist durch eine charakteristische Flora und Fauna,

durch die besonders starke Entwicklung bestimmter Pflanzen- oder

Tiergruppen ausgezeichnet, und jede ist von der vorhergehenden und

folgenden Periode durch einen auffallenden teilweisen Wechsel in der

Zusammensetzung der Tier- und Pflanzenbevölkerung getrennt.

Für die nachfolgende Übersicht des historischen Entwicklungsganges, den

die großen Tier- und Pflanzenstämme genommen haben, ist es notwendig,

zunächst hier die systematische Klassifikation der neptunischen

Schichtengruppen und der denselben entsprechenden größeren und kleineren

Geschichtsperioden anzugeben. Wie Sie sogleich sehen werden, sind wir

imstande, die ganze Masse der übereinanderliegenden Sedimentgesteine in

fünf oberste Hauptgruppen oder _Terrains_, jedes Terrain in mehrere

untergeordnete Schichtengruppen oder _Systeme_, und jedes System von

Schichten wiederum in noch kleinere Gruppen oder _Formationen_

einzuteilen; endlich kann auch jede Formation wieder in Etagen oder

Unterformationen, und jede von diesen wiederum in noch kleinere Lagen,

Bänke usw. geschieden werden. Jedes der fünf großen Terrains wurde

während eines großen Hauptabschnittes der Erdgeschichte, während eines

_Zeitalters_, abgelagert; jedes System während einer kürzeren _Periode_,

jede Formation während einer noch kürzeren Epoche usw. Indem wir so die

Zeiträume der organischen Erdgeschichte und die während derselben

abgelagerten neptunischen und versteinerungsführenden Erdschichten in

ein gegliedertes System bringen, verfahren wir genau wie die Historiker,

welche die Völkergeschichte in die drei Hauptabschnitte des Altertums,

des Mittelalters und der Neuzeit, und jeden dieser Abschnitte wieder in

untergeordnete Perioden und Epochen einteilen. Wie aber der Historiker

durch diese scharfe systematische Einteilung und durch die bestimmte

Abgrenzung der Perioden durch einzelne Jahreszahlen nur die Übersicht

erleichtern und keineswegs den ununterbrochenen Zusammenhang der

Ereignisse und der Völkerentwicklung leugnen will, so gilt ganz dasselbe

auch von unserer systematischen Einteilung, Spezifikation oder

Klassifikation der organischen Erdgeschichte. Auch hier geht der rote

Faden der zusammenhängenden Entwicklung überall ununterbrochen hindurch.

Wir verwahren uns also ausdrücklich gegen die Anschauung, als wollten

wir durch unsere scharfe Abgrenzung der größeren und kleineren

Schichtengruppen und der ihnen entsprechenden Zeiträume irgendwie an

Cuviers irrige Lehre von den Erdrevolutionen und von den wiederholten

Neuschöpfungen der organischen Bevölkerung anknüpfen.

Die fünf großen Hauptabschnitte der organischen Erdgeschichte oder der

paläontologischen Entwicklungsgeschichte bezeichnen wir als

primordiales, primäres, sekundäres, tertiäres und quartäres Zeitalter.

Jedes ist durch die vorwiegende Entwicklung bestimmter Tier- und

Pflanzengruppen in demselben bestimmt charakterisiert, und wir könnten

demnach auch die fünf Zeitalter einerseits durch die natürlichen

Hauptgruppen des Pflanzenreichs, andererseits durch die verschiedenen

Klassen des Wirbeltierstammes anschaulich bezeichnen. Dann wäre das

erste oder primordiale Zeitalter dasjenige der Tange und Schädellosen,

das zweite oder primäre Zeitalter das der Farne und Fische, das dritte

oder sekundäre Zeitalter das der Nadelwälder und Reptilien, das vierte

oder tertiäre Zeitalter das der Laubwälder und Säugetiere, endlich das

fünfte oder quartäre Zeitalter dasjenige des Menschen und seiner Kultur.

Die Abschnitte oder Perioden, welche wir in jedem der fünf Zeitalter

unterscheiden, werden durch die verschiedenen Systeme von Schichten

bestimmt, in die jedes der fünf großen Terrains zerfällt. Lassen Sie uns

jetzt noch einen flüchtigen Blick auf die Reihe dieser Systeme und

zugleich auf die Bevölkerung der fünf großen Zeitalter werfen.

Den ersten und längsten Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte

bildet die _Primordialzeit_ oder das Zeitalter der Tangwälder, das auch

das archäische, archolithische oder archozoische Zeitalter genannt wird.

Es umfaßt den ungeheuren Zeitraum von der ersten Urzeugung, von der

Entstehung des ersten irdischen Organismus, bis zum Ende der silurischen

Schichtenbildung. Während dieses unermeßlichen Zeitraums, welcher

wahrscheinlich länger war, als alle übrigen vier Zeiträume

zusammengenommen, lagerten sich die drei mächtigsten von allen

neptunischen Schichtensystemen ab, nämlich zu unterst das laurentische,

darüber das kambrische und darüber das silurische System. Von den

meisten Geologen wird das silurische System, und von vielen auch noch

das kambrische System zu den paläolithischen Terrains gestellt; indessen

erscheint es aus biologisch-historischen Gesichtspunkten zweckmäßiger,

sie mit den archozoischen zu vereinigen. Die ungefähre Dicke oder

Mächtigkeit dieser drei Systeme zusammengenommen beträgt 70000 Fuß.

Davon kommen ungefähr 30000 auf das laurentische, 18000 auf das

kambrische und 22000 auf das silurische System. Die durchschnittliche

Mächtigkeit aller vier übrigen Terrains, des primären, sekundären,

tertiären und quartären zusammengenommen, mag dagegen etwa höchstens

60000 Fuß betragen, und schon hieraus, abgesehen von vielen anderen

Gründen, ergibt sich, daß die Dauer der Primordialzeit wahrscheinlich

viel länger war, als die Dauer der folgenden Zeitalter bis zur Gegenwart

zusammengenommen. Viele Millionen von Jahren müssen zur Ablagerung

solcher Schichtenmassen erforderlich gewesen sein. Leider befindet sich

der bei weitem größte Teil der primordialen Schichtengruppen in dem

sogleich zu erörternden metamorphischen Zustande, und dadurch sind die

in ihnen enthaltenen Versteinerungen, die ältesten und wichtigsten von

allen, größtenteils zerstört und unkenntlich geworden. Nur in einem

Teile der kambrischen und silurischen Schichten sind Petrefakten in

größerer Menge und in kenntlichem Zustande erhalten worden.

Trotzdem die primordialen oder archozoischen Versteinerungen uns nur zum

bei weitem kleinsten Teile in kenntlichem Zustande erhalten sind,

besitzen dieselben dennoch den Wert unschätzbarer Dokumente für diese

älteste und dunkelste Zeit der organischen Erdgeschichte. Zunächst

scheint daraus hervorzugehen, daß während dieses ganzen ungeheuren

Zeitraums fast nur Wasserbewohner existierten. Wenigstens sind bis jetzt

unter allen archozoischen Petrefakten nur sehr wenige gefunden worden,

welche man mit Sicherheit auf landbewohnende Organismen beziehen kann:

die ältesten von diesen sind einige silurische Farne und Skorpione. Fast

alle Pflanzenreste, die wir aus der Primordialzeit besitzen, gehören zu

der niedrigsten von allen Pflanzengruppen, zu der im Wasser lebenden

Klasse der Tange oder Algen. Diese bildeten in dem warmen Urmeere der

Primordialzeit mächtige Wälder, von deren Formenreichtum und Dichtigkeit

uns noch heutigen Tages ihre Epigonen, die Tangwälder des atlantischen

Sargassomeeres, eine ungefähre Vorstellung geben mögen. Die kolossalen

Tangwälder der archozoischen Zeit ersetzten damals die noch fehlende

Waldvegetation des Festlandes. Gleich den Pflanzen lebten auch fast alle

Tiere, von denen man Reste in den archozoischen Schichten gefunden hat,

im Wasser. Von den Gliedertieren finden sich nur Krebstiere und einzelne

Skorpione, noch keine Insekten. Von den Wirbeltieren sind nur sehr

wenige Fischreste bekannt, welche sich in den jüngsten von allen

primordialen Schichten, in der oberen Silurformation, vorfinden. Dagegen

müssen wir annehmen, daß Würmer und schädellose Wirbeltiere (Akranier),

die Ahnen der Fische, massenhaft während der Primordialzeit gelebt

haben. Daher können wir sie sowohl nach den Schädellosen als nach den

Tangen benennen.

Die _Primärzeit_ oder das Zeitalter der Farnwälder, der zweite

Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte, welchen man auch das

paläolithische oder paläozoische Zeitalter nennt, dauerte vom Ende der

silurischen Schichtenbildung bis zum Ende der permischen

Schichtenbildung. Auch dieser Zeitraum war von sehr langer Dauer und

zerfällt wiederum in drei Perioden, während deren sich drei mächtige

Schichtensysteme ablagerten, nämlich zu unterst das devonische System

oder der alte rote Sandstein, darüber das karbonische oder

Steinkohlensystem, und darüber das permische System oder der neue rote

Sandstein und der Zechstein. Die durchschnittliche Dicke dieser drei

Systeme zusammengenommen mag etwa 42000 Fuß betragen, woraus sich schon

die ungeheure Länge der für ihre Bildung erforderlichen Zeiträume

ergibt. Die meisten Geologen rechnen zur Paläozoischen Ära noch die

silurische und viele auch die kambrische Periode.

Die devonischen und permischen Formationen sind vorzüglich reich an

Fischresten, sowohl an Urfischen als an Schmelzfischen. Aber noch fehlen

in der primären Zeit gänzlich die Knochenfische. In der Steinkohle

finden sich schon verschiedene Reste von landbewohnenden Tieren, und

zwar sowohl Gliedertieren (Spinnen und Insekten) als Wirbeltieren

(Amphibien). Im permischen System kommen zu den Amphibien noch die höher

entwickelten Schleicher oder Reptilien, und zwar unseren Eidechsen

nahverwandte Formen (^Proterosaurus^ usw.). Trotzdem können wir das

primäre Zeitalter das der Fische nennen, weil diese wenigen Amphibien

und Reptilien ganz gegen die ungeheure Menge der paläozoischen Fische

zurücktreten. Ebenso wie die Fische unter den Wirbeltieren, so

herrschten unter den Pflanzen während dieses Zeitraums die Farnpflanzen

oder Filicinen vor, und zwar sowohl echte Farnkräuter und Farnbäume

(Laubfarne oder Filikarien) als Schaftfarne (Kalamarien) und

Schuppenfarne (Selagineen). Diese landbewohnenden Farne oder Filizinen

bildeten die Hauptmasse der dichten paläozoischen Inselwälder, deren

fossile Reste uns in den ungeheuer mächtigen Steinkohlenlagern des

karbonischen Systems und in den schwächeren Kohlenlagern des devonischen

und permischen Systems erhalten sind. Sie berechtigen uns, die

Primärzeit ebensowohl das Zeitalter der Farne als das der Fische zu

nennen.

Der dritte große Hauptabschnitt der paläontologischen

Entwicklungsgeschichte wird durch die _Sekundärzeit_ oder das Zeitalter

der Nadelwälder gebildet, welches auch das mesolithische oder

mesozoische Zeitalter genannt wird. Es reicht vom Ende der permischen

Schichtenbildung bis zum Ende der Kreideschichtenbildung und zerfällt

abermals in drei große Perioden. Die währenddessen abgelagerten

Schichtensysteme sind zu unterst das Triassystem, in der Mitte das

Jurasystem und zu oberst das Kreidesystem. Die durchschnittliche Dicke

dieser drei Systeme zusammengenommen bleibt schon weit hinter derjenigen

der primären Systeme zurück und beträgt im ganzen nur ungefähr 15000

Fuß. Die Sekundärzeit wird demnach wahrscheinlich nicht halb so lang als

die Primärzeit gewesen sein.

Wie in der Primärzeit die Fische, so herrschen in der Sekundärzeit die

Schleicher oder Reptilien über alle übrigen Wirbeltiere vor. Zwar

entstanden während dieses Zeitraums die ersten Vögel und Säugetiere;

auch lebten damals die riesigen Labyrinthodonten; und zu den zahlreich

vorhandenen Urfischen und Schmelzfischen der älteren Zeit gesellten sich

die ersten echten Knochenfische. Aber die charakteristische und

überwiegende Wirbeltierklasse der Sekundärzeit bildeten die höchst

mannigfaltig entwickelten Reptilien. Neben solchen Schleichern, welche

den heute noch lebenden Eidechsen, Krokodilen und Schildkröten

nahestanden, wimmelte es in der mesozoischen Zeit überall von

abenteuerlich gestalteten Drachen. Insbesondere sind die merkwürdigen

fliegenden Eidechsen oder Pterosaurier, die schwimmenden Seedrachen oder

Halisaurier und die kolossalen Landdrachen oder Dinosaurier der

Sekundärzeit eigentümlich, da sie weder vorher noch nachher lebten. Man

kann demgemäß die Sekundärzeit das Zeitalter der Schleicher oder

Reptilien nennen. Andere bezeichnen sie als das Zeitalter

der Nadelwälder, genauer eigentlich der Gymnospermen oder

Nacktsamenpflanzen. Diese Pflanzen, vorzugsweise durch die beiden

wichtigen Klassen der Nadelhölzer oder Koniferen und der Farnpalmen oder

Zycadeen vertreten, setzten während der Sekundärzeit ganz überwiegend

den Bestand der Wälder zusammen. Die farnartigen Pflanzen traten dagegen

zurück und die Laubhölzer entwickelten sich erst gegen Ende des

Zeitalters, in der Kreidezeit.

Viel kürzer und weniger eigentümlich als diese drei ersten Zeitalter war

der vierte Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte, die

_Tertiärzeit_ oder das Zeitalter der Laubwälder. Dieser Zeitraum,

welcher auch zänolithisches oder zänozoisches Zeitalter heißt,

erstreckte sich vom Ende der Kreideschichtenbildung bis zum Ende der

pliozänen Schichtenbildung. Die währenddessen abgelagerten Schichten

erreichen nur ungefähr eine mittlere Mächtigkeit von 3000 Fuß und

bleiben demnach weit hinter den drei ersten Terrains zurück. Auch sind

die drei Systeme, welche man in dem tertiären Terrain unterscheidet, nur

schwer voneinander zu trennen. Das älteste derselben heißt eozänes oder

alttertiäres, das mittlere miozänes oder mitteltertiäres und das jüngste

pliozänes oder neutertiäres System.

Die gesamte Bevölkerung der Tertiärzeit nähert sich im ganzen und im

einzelnen schon viel mehr derjenigen der Gegenwart, als es in den

vorhergehenden Zeitaltern der Fall war. Unter den Wirbeltieren überwiegt

von nun an die Klasse der Säugetiere bei weitem alle übrigen. Ebenso

herrscht in der Pflanzenwelt die formenreiche Gruppe der

Decksamen-Pflanzen oder Angiospermen vor; ihre Laubhölzer bilden die

charakteristischen Laubwälder der Tertiärzeit. Die Abteilung der

Angiospermen besteht aus den beiden Klassen der Einkeimblättrigen oder

Monokotylen und der Zweikeimblättrigen oder Dikotylen. Zwar hatten sich

Angiospermen aus beiden Klassen schon in der Kreidezeit gezeigt, und

Säugetiere traten schon im letzten Abschnitt der Triaszeit auf. Allein

beide Gruppen, Säugetiere und Decksamenpflanzen, erreichen ihre

eigentliche Entwicklung und Oberherrschaft erst in der Tertiärzeit, so

daß man diese mit vollem Rechte danach benennen kann.

Den fünften und letzten Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte

bildet die _Quartärzeit_ oder Kulturzeit, derjenige, gegen die Länge der

vier übrigen Zeitalter verschwindend kurze Zeitraum, den wir gewöhnlich

in komischer Selbstüberhebung die »Weltgeschichte« zu nennen pflegen. Da

die Ausbildung des Menschen und seiner Kultur mächtiger als alle

früheren Vorgänge auf die organische Welt umgestaltend einwirkte, und da

sie vor allem dieses jüngste Zeitalter charakterisiert, so könnte man

dasselbe auch die Menschenzeit, das anthropolithische oder

anthropozoische Zeitalter nennen. Es könnte allenfalls auch das

Zeitalter der Kulturwälder heißen, weil selbst auf den niederen Stufen

der menschlichen Kultur ihr umgestaltender Einfluß sich bereits in der

Benutzung der Wälder und ihrer Erzeugnisse, und somit auch in der

Physiognomie der Landschaft bemerkbar macht. Geologisch wird der Beginn

dieses Zeitalters, welches bis zur Gegenwart reicht, durch das Ende der

pliozänen Schichtenablagerung begrenzt.

Die neptunischen Schichten, welche während des verhältnismäßig kurzen

quartären Zeitraums abgelagert wurden, sind an den verschiedenen Stellen

der Erde von sehr verschiedener, meist aber von sehr geringer Dicke. Man

bringt dieselben in zwei verschiedene Systeme, von denen man das ältere

als diluvial oder pleistozän, das neuere als alluvial oder rezent

bezeichnet. Das Diluvialsystem zerfällt selbst wieder in zwei

Formationen, in die älteren glazialen und die neueren postglazialen

Bildungen. Während der älteren Diluvialzeit nämlich fand jene

außerordentlich merkwürdige Erniedrigung der Erdtemperatur statt, welche

zu einer ausgedehnten Vergletscherung der gemäßigten Zonen führte. Diese

»Eiszeit« oder Glazialperiode hat für die geographische und

topographische Verbreitung der Organismen hohe Bedeutung gewonnen. Auch

die auf die Eiszeit folgende »Nacheiszeit«, die postglaziale Periode

oder die neuere Diluvialzeit, während welcher die Temperatur wiederum

stieg und das Eis sich nach den Polen zurückzog, war für die

gegenwärtige Gestaltung der chorologischen Verhältnisse höchst

bedeutungsvoll.

Der biologische Charakter der Quartärzeit liegt wesentlich in der

Entwicklung und Ausbreitung des menschlichen Organismus und seiner

Kultur. Weit mehr als jeder andere Organismus hat der Mensch

umgestaltend, zerstörend und neubildend auf die Tier- und

Pflanzenbevölkerung der Erde eingewirkt. Aus diesem Grunde -- nicht weil

wir dem Menschen im übrigen eine privilegierte Ausnahmestellung in der

Natur einräumen -- können wir mit vollem Rechte die Ausbreitung des

Menschen und seiner Kultur als Beginn eines besonderen letzten

Hauptabschnitts der organischen Erdgeschichte bezeichnen. Wahrscheinlich

fand allerdings die körperliche Entwicklung des Urmenschen aus

menschenähnlichen Affen bereits in der jüngeren oder pliozänen,

vielleicht sogar schon in der mittleren oder miozänen Tertiärzeit statt.

Allein die eigentliche Entwicklung der menschlichen Sprache, welche wir

als den wichtigsten Hebel für die Ausbildung der eigentümlichen Vorzüge

des Menschen und seiner Herrschaft über die übrigen Organismen

betrachten, fällt wahrscheinlich erst in jenen Zeitraum, welchen man aus

geologischen Gründen als pleistozäne oder diluviale Zeit von der

vorhergehenden Pliozänperiode trennt. Jedenfalls ist derjenige Zeitraum,

welcher seit der Entwicklung der menschlichen Sprache bis zur Gegenwart

verfloß, mag derselbe auch viele Jahrtausende und vielleicht

Hunderttausende von Jahren in Anspruch genommen haben, verschwindend

gering gegen die unermeßliche Länge der Zeiträume, welche vom Beginn

des organischen Lebens auf der Erde bis zur Entstehung des

Menschengeschlechts verflossen.

Die tabellarische Übersicht Seite 69 zeigt die Reihenfolge der

paläontologischen Terrains, Systeme und Formationen, d. h. der größeren

und kleineren neptunischen Schichtengruppen, welche Versteinerungen

einschließen, von den obersten oder alluvialen bis zu den untersten oder

laurentischen Ablagerungen hinab. Die Tabelle Seite 68 führt die

historische Einteilung der entsprechenden Zeiträume vor, der größeren

und kleineren paläontologischen Perioden, und zwar in umgekehrter

Reihenfolge.

Übersicht

der paläontologischen Perioden oder der größeren

Zeitabschnitte

der organischen Erdgeschichte.

Erster Zeitraum: Archozoisches Zeitalter.

Primordial-Zeit.

(Zeitalter der Schädellosen und der Tangwälder.)

1. Ältere Archolithzeit oder Laurentische Periode.

2. Mittlere Archolithzeit " Kambrische Periode.

3. Neuere Archolithzeit " Silurische Periode.

Zweiter Zeitraum: Paläozoisches Zeitalter.

Primär-Zeit.

(Zeitalter der Fische und Farnwälder.)

4. Ältere Paläolithzeit oder Devonische Periode.

5. Mittlere Paläolithzeit " Steinkohlen-Periode.

6. Neuere Paläolithzeit " Permische Periode.

Dritter Zeitraum: Mesozoisches Zeitalter.

Sekundär-Zeit.

(Zeitalter der Reptilien und der Nadelwälder.)

7. Ältere Mesolithzeit oder Trias-Periode.

8. Mittlere Mesolithzeit " Jura-Periode.

9. Neuere Mesolithzeit " Kreide-Periode.

Vierter Zeitraum: Zänozoisches Zeitalter.

Tertiär-Zeit.

(Zeitalter der Säugetiere und der Laubwälder.)

10. Ältere Zänolithzeit oder Eozäne Periode.

11. Mittlere Zänolithzeit " Miozäne Periode.

12. Neuere Zänolithzeit " Pliozäne Periode.

Fünfter Zeitraum: Anthropozoisches Zeitalter.

Quartär-Zeit.

(Zeitalter der Menschen und der Kulturwälder.)

13. Ältere Anthropolithzeit oder Eiszeit. Glaziale Periode.

14. Mittlere Anthropolithzeit " Postglaziale Periode.

15. Neuere Anthropolithzeit " Kultur-Periode.

(Die Kultur-Periode ist die historische Zeit oder die Periode der

Überlieferungen.)

Übersicht

der paläontologischen Formationen oder der

versteinerungsführenden

Schichten der Erdrinde.

=============================================================================

Terrains | Systeme | Formation | Synonyme der

| | | Formationen

-----------------------------------------------------------------------------

V. Anthropolithische { XIV. Rezent { 36. Präsent Oberalluviale

Terrains oder { (Alluvium) { 35. Rezent Unteralluviale

anthropozoische {

(quartäre) { XIII. Pleistozän { 34. Postglazial Oberdiluviale

Schichtengruppen { (Diluvium) { 33. Glazial Unterdiluviale

IV. Zänolithische { XII. Pliozän { 32. Arvern Oberpliozäne

Terrains oder { (Neutertiär) { 31. Subapennin Unterpliozäne

zänozoische {

(tertiäre) { XI. Miozän { 30. Falun Obermiozäne

Schichtengruppen { (Mitteltertiär) { 29. Limburg Untermiozäne

{

{ X. Eozän { 28. Gips Obereozäne

{ (Alttertiär) { 27. Grobkalk Mitteleozäne

{ { 26. Londonton Untereozäne

III. Mesolithische { IX. Kreide { 25. Weißkreide Oberkreide

Terrains oder { { 24. Grünsand Mittelkreide

mesozoische { { 23. Neokom Unterkreide

(sekundäre) { { 22. Wealden Wälderformation

Schichtengruppen {

{ VIII. Jura { 21. Portland Oberoolith

{ { 20. Oxford Mitteloolith

{ { 19. Bath Unteroolith

{ { 18. Lias Liasformation

{

{ VII. Trias { 17. Keuper Obertrias

{ { 16. Muschelkalk Mitteltrias

{ { 15. Buntsand Untertrias

II. Paläolithische { VI. Permisches { 14. Zechstein Oberpermische

Terrains oder { (Dyas) { 13. Neurotsand Unterpermische

paläozoische {

(primäre) { V. Karbonisches { 12. Kohlensand Oberkarbonische

Schichtengruppen { (Steinkohle) { 11. Kohlenkalk Unterkarbonische

{

{ IV. Devonisches { 10. Pilton Oberdevonische

{ (Altrotsand) { 9. Ilfracombe Mitteldevonische

{ { 8. Linton Unterdevonische

I. Archolithische { III. Silurisches { 7. Ludlow Obersilurische

Terrains oder { { 6. Landovery Mittelsilurische

archozoische { { 5. Landeilo Untersilurische

(primordiale) {

Schichtengruppen { II. Kambrisches { 4. Potsdam Oberkambrische

{ { 3. Longmynd Unterkambrische

{

{ I. Laurentisches { 2. Labrador Oberlaurentische

{ { 1. Ottawa Unterlaurentische

---------------------------------------------------------------------

| Tabelle |

| |

| zur Übersicht der neptunischen versteinerungsführenden Schichten- |

| Systeme der Erdrinde mit Bezug auf ihre verhältnismäßige |

| durchschnittliche Dicke. (130000 Fuß zirka.) |

|=====================================================================|

| IV. Zänozoische Schichten-Systeme. | Eozän, Miozän, |

| Zirka 3000 Fuß. | Pliozän. |

|-----------------------------------------+---------------------------|

| | IX. Kreide-System. |

| III. Mesozoische Schichten-Systeme. |---------------------------|

| Ablagerungen der Sekundärzeit. | VIII. Jura-System. |

| Zirka 15000 Fuß. |---------------------------|

| | VII. Trias-System. |

|-----------------------------------------+---------------------------|

| | VI. Permisches |

| II. Paläozoische Schichten-Systeme. | System. |

| |---------------------------|

| Ablagerungen der Primär-Zeit. | V. Steinkohlen- |

| | System. |

| Zirka 42000 Fuß. |---------------------------|

| | IV. Devonisches |

| | System. |

|-----------------------------------------+---------------------------|

| | III. Silurisches |

| | System. |

| I. Archozoische Schichten-Systeme. | Zirka 22000 Fuß. |

| |---------------------------|

| Ablagerungen der Primordial-Zeit. | II. Kambrisches |

| | System. |

| Zirka 70000 Fuß. | Zirka 18000 Fuß. |

| |---------------------------|

| | I. Laurentisches |

| | System. |

| | Zirka 30000 Fuß. |

---------------------------------------------------------------------

Man hat viele Versuche angestellt, die Zahl der Jahrtausende, welche

diese Zeiträume zusammensetzen, annähernd zu berechnen. Man verglich die

Dicke der Schlammschichten, welche erfahrungsgemäß während eines

Jahrhunderts sich absetzen, und welche nur wenige Linien oder Zolle

betragen, mit der gesamten Dicke der geschichteten Gesteinsmassen, deren

ideales System wir soeben überblickt haben. Diese Dicke mag im ganzen

durchschnittlich ungefähr 130000 Fuß betragen, und hiervon kommen 70000

auf das primordiale oder archozoische, 42000 auf das primäre oder

paläozoische, 15000 auf das sekundäre oder mesozoische und endlich nur

3000 auf das tertiäre oder zänozoische Terrain. Die sehr geringe und

nicht annähernd bestimmbare durchschnittliche Dicke des quartären oder

anthropozoischen Terrains kommt dabei gar nicht in Betracht. Man kann

sie höchstens durchschnittlich auf 500-700 Fuß anschlagen.

Selbstverständlich haben aber alle diese Maßangaben nur einen ganz

durchschnittlichen und annähernden Wert und sollen nur dazu dienen, das

_relative_ Maßverhältnis der Schichtensysteme und der ihnen

entsprechenden Zeitabschnitte ganz _ungefähr_ zu überblicken. Auch

werden die Maße sehr verschieden abgeschätzt.

Wenn man nun die gesamte Zeit der organischen Erdgeschichte, d. h. den

ganzen Zeitraum seit Beginn des Lebens auf der Erde bis auf den heutigen

Tag, in hundert gleiche Teile teilt, und wenn man dann, dem angegebenen

durchschnittlichen Dickenverhältnis der Schichtensysteme entsprechend,

die relative Zeitdauer der fünf Hauptabschnitte oder Zeitalter nach

Prozenten berechnet, so ergibt sich folgendes Resultat. (Vergl. Seite

70.)

I. Archozoische oder Primordialzeit 53,6

II. Paläozoische oder Primärzeit 32,1

III. Mesozoische oder Sekundärzeit 11,5

IV. Zänozoische oder Tertiärzeit 2,3

V. Anthropozoische oder Quartärzeit 0,5

------

Summa: 100,0

Es beträgt demnach die Länge des archozoischen Zeitraums, währenddessen

fast noch keine landbewohnenden Tiere und Pflanzen existierten, mehr als

die Hälfte, mehr als 53 Prozent, dagegen die Länge des anthropozoischen

Zeitraums, währenddessen der Mensch existierte, kaum ein halbes Prozent

von der ganzen Länge der organischen Erdgeschichte. Es ist aber ganz

unmöglich, die Länge dieser Zeiträume auch nur annähernd nach Jahren zu

berechnen.

Die Dicke der Schlammschichten, welche während eines Jahrhunderts sich

in der Gegenwart ablagern, und welche man als Basis für diese Berechnung

benutzen wollte, ist an den verschiedenen Stellen der Erde unter den

ganz verschiedenen Bedingungen, unter denen überall die Ablagerung

stattfindet, natürlich ganz verschieden. Sie ist sehr gering auf dem

Boden des hohen Meeres, in den Betten breiter Flüsse mit kurzem Laufe

und in Landseen, welche sehr dürftige Zuflüsse erhalten. Sie ist

verhältnismäßig bedeutend an Meeresküsten mit starker Brandung, am

Ausfluß großer Ströme mit langem Lauf und in Landseen mit starken

Zuflüssen. An der Mündung des Mississippi, welcher sehr bedeutende

Schlammassen mit sich fortführt, würden in 100000 Jahren wohl etwa 600

Fuß abgelagert werden. Auf dem Grunde des offenen Meeres, weit von den

Küsten entfernt, werden sich während dieses langen Zeitraums nur wenige

Fuß Schlamm absetzen. Selbst an den Küsten, wo verhältnismäßig viel

Schlamm abgelagert wird, mag die Dicke der dadurch während eines

Jahrhunderts gebildeten Schichten, wenn sie nachher sich zu festem

Gesteine verdichtet haben, doch nur wenige Zoll oder Linien betragen.

Jedenfalls aber bleiben alle auf diese Verhältnisse gegründeten

Berechnungen ganz unsicher, und wir können uns auch nicht einmal

annähernd die ungeheure Länge der Zeiträume vorstellen, welche zur

Bildung jener neptunischen Schichtensysteme erforderlich waren. Nur

relative, nicht absolute Zeitmaße sind hier mit Vorsicht anwendbar.

Man würde übrigens auch vollkommen fehlgehen, wenn man die Mächtigkeit

jener Schichtensysteme allein als Maßstab für die inzwischen wirklich

verflossene Zeit der Erdgeschichte betrachten wollte. Denn Hebungen und

Senkungen der Erdrinde haben beständig miteinander gewechselt, und aller

Wahrscheinlichkeit nach entspricht oft der mineralogische und

paläontologische Unterschied, den man zwischen je zwei aufeinander

folgenden Schichtensystemen und zwischen je zwei Formationen derselben

wahrnimmt, einem beträchtlichen Zwischenraum von mehreren Jahrtausenden,

währenddessen die betreffende Stelle der Erdrinde über das Wasser

gehoben war. Erst nach Ablauf dieser Zwischenzeit, als eine neue Senkung

diese Stelle wieder unter Wasser brachte, fand die Ablagerung einer

neuen Bodenschicht statt. Da aber inzwischen die anorganischen und

organischen Verhältnisse an diesem Orte eine beträchtliche Umbildung

erfahren hatten, mußte die neugebildete Schlammschicht aus verschiedenen

Bodenbestandteilen zusammengesetzt sein und ganz verschiedene

Versteinerungen einschließen.

Die auffallenden Unterschiede, die zwischen den Versteinerungen zweier

übereinander liegenden Schichten so häufig stattfinden, sind einfach und

leicht nur durch die Annahme zu erklären, daß derselbe Punkt der

Erdoberfläche _wiederholten Senkungen und Hebungen_ ausgesetzt wurde.

Noch gegenwärtig finden solche Hebungen und Senkungen, welche man teils

der Faltung der schrumpfenden Erdrinde, teils der Reaktion des

feuerflüssigen Erdkerns gegen die erstarrte Rinde zuschreibt, in weiter

Ausdehnung statt. So steigt z. B. die Küste von Schweden und ein Teil

von der Westküste Südamerikas beständig langsam empor, während die Küste

von Holland und ein Teil von der Ostküste Südamerikas allmählich

untersinkt. Das Steigen wie das Sinken geschieht nur sehr langsam und

beträgt im Jahrhundert bald nur einige Linien, bald einige Zoll oder

höchstens einige Fuß. Wenn aber diese Bewegung Hunderte von

Jahrtausenden hindurch ununterbrochen andauert, kann sie die höchsten

Gebirge bilden.

Offenbar haben ähnliche Hebungen und Senkungen während des ganzen

Verlaufes der organischen Erdgeschichte ununterbrochen an verschiedenen

Stellen miteinander gewechselt. Das ergibt sich mit Sicherheit aus der

geographischen Verbreitung der Organismen. Nun ist es aber für die

Beurteilung unserer paläontologischen Schöpfungsurkunde außerordentlich

wichtig, sich klarzumachen, daß bleibende Schichten sich bloß während

langsamer Senkung des Bodens unter Wasser ablagern können, nicht aber

während andauernder Hebung. Wenn der Boden langsam mehr und mehr unter

den Meeresspiegel versinkt, so gelangen die abgelagerten

Schlammschichten in immer tieferes und ruhigeres Wasser, wo sie sich

ungestört zu Gestein verdichten können. Wenn sich dagegen umgekehrt der

Boden langsam hebt, so kommen die soeben abgelagerten Schlammschichten,

welche Reste von Pflanzen und Tieren umschließen, sogleich wieder in den

Bereich des Wogenspiels und werden durch die Kraft der Brandung alsbald

nebst den eingeschlossenen organischen Resten zerstört. Aus diesem

einfachen, aber sehr gewichtigen Grunde können also nur während einer

andauernden Senkung des Bodens sich reichlichere Schichten ablagern, in

denen die organischen Reste erhalten bleiben. Wenn je zwei verschiedene

übereinander liegende Formationen oder Schichten mithin zwei

verschiedenen Senkungsperioden entsprechen, so müssen wir zwischen

diesen letzteren einen langen Zeitraum der Hebung annehmen, von dem wir

gar nichts wissen, weil uns keine fossilen Reste von den damals lebenden

Tieren und Pflanzen aufbewahrt werden konnten. Offenbar verdienen aber

diese spurlos dahingegangenen Hebungszeiträume nicht geringere

Berücksichtigung als die damit abwechselnden Senkungszeiträume, von

deren organischer Bevölkerung uns die versteinerungsführenden Schichten

eine ungefähre Vorstellung geben. Wahrscheinlich waren die ersteren

durchschnittlich von nicht geringerer Dauer als die letzteren; für diese

Annahme sprechen viele gewichtige Gründe.

Schon hieraus ergibt sich, wie unvollständig unsere Urkunde notwendig

sein muß, um so mehr, da sich theoretisch erweisen läßt, daß gerade

während der Hebungszeiträume das Tier- und Pflanzenleben an

Mannigfaltigkeit zunehmen mußte. Denn indem neue Strecken Landes über

das Wasser gehoben werden, bilden sich neue Inseln. Jede neue Insel ist

aber ein neuer Schöpfungsmittelpunkt, weil die zufällig dorthin

verschlagenen Tiere und Pflanzen aus dem neuen Boden im Kampf ums Dasein

reiche Gelegenheit finden, sich eigentümlich zu entwickeln und neue

Arten zu bilden. Die Bildung neuer Arten hat offenbar während dieser

Zwischenzeiten, aus denen uns leider keine Versteinerungen erhalten

bleiben konnten, vorzugsweise stattgefunden; umgekehrt gab die langsame

Senkung des Bodens eher Gelegenheit zum Aussterben zahlreicher Arten und

zu einem Rückschritt in der Artenbildung. Auch die Zwischenformen

zwischen den alten und den neu sich bildenden Spezies werden

vorzugsweise während jener Hebungszeiträume gelebt haben und konnten

daher ebenfalls keine fossilen Reste hinterlassen.

Zu den sehr bedeutenden und empfindlichen Lücken der paläontologischen

Schöpfungsurkunde, welche durch die Hebungszeiträume bedingt werden,

kommen nun leider noch viele andere Umstände hinzu, welche den hohen

Wert derselben außerordentlich verringern. Dahin gehört vor allen der

metamorphische Zustand der ältesten Schichtengruppen, gerade derjenigen,

welche die Reste der ältesten Flora und Fauna, der Stammformen aller

folgenden Organismen enthalten, und dadurch von ganz besonderem

Interesse sein würden. Gerade diese Gesteine, und zwar der größere Teil

der primordialen oder archolithischen Schichten, fast das ganze

laurentische und ein großer Teil des kambrischen Systems, enthalten gar

keine kenntlichen Reste mehr, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil

diese Schichten durch den Einfluß des feuerflüssigen Erdinnern

nachträglich wieder verändert oder metamorphosiert wurden. Durch die

Hitze des glühenden Erdkerns sind diese tiefsten neptunischen

Rindenschichten in ihrer ursprünglichen Schichtenstruktur gänzlich

umgewandelt und in einen kristallinischen Zustand übergeführt worden.

Dabei ging aber die Form der darin eingeschlossen organischen Reste ganz

verloren. Nur hier und da wurde sie durch einen glücklichen Zufall

erhalten, wie es bei manchen der ältesten bekannten Petrefakten aus den

untersten kambrischen Schichten der Fall ist. Jedoch können wir aus den

Lagern von kristallinischer Kohle (Graphit) und kristallinischem Kalk

(Marmor), welche sich in den metamorphischen Gesteinen eingelagert

finden, mit Sicherheit auf die frühere Anwesenheit von versteinerten

Pflanzen- und Tierresten in denselben schließen. Neuerdings sind fossile

Radiolarien auch in präkambrischen Schichten entdeckt.

Außerordentlich unvollständig wird unsere Schöpfungsurkunde durch den

Umstand, daß erst ein sehr kleiner Teil der Erdoberfläche genauer

geologisch untersucht ist, vorzugsweise Europa und Nordamerika; auch von

Südamerika und Ostindien sind einzelne Stellen der Erdrinde

aufgeschlossen; der größte Teil derselben ist uns aber unbekannt.

Dasselbe gilt vom größten Teil Asiens, des umfangreichsten aller

Weltteile, auch von Afrika (ausgenommen das Kap der Guten Hoffnung und

die Mittelmeerküste) und von Australien wissen wir nur sehr wenig. Im

ganzen ist wohl kaum der hundertste Teil der gesamten Erdoberfläche

gründlich paläontologisch erforscht. Wir können daher wohl hoffen, bei

weiterer Ausbreitung der geologischen Untersuchungen, denen namentlich

die Anlage von Eisenbahnen und Bergwerken sehr zu Hilfe kommen wird,

noch einen großen Teil wichtiger Versteinerungen aufzufinden. Ein

Fingerzeig dafür ist uns durch die merkwürdigen Versteinerungen gegeben,

die man an den wenigen genauer untersuchten Punkten von Afrika und

Asien, in den Kapgegenden und am Himalaja, sowie neuerdings in

Patagonien aufgefunden hat. Eine Reihe von ganz neuen und sehr

eigentümlichen Tierformen ist uns dadurch bekannt geworden. Freilich

müssen wir anderseits erwägen, daß der ausgedehnte Boden der jetzigen

Meere vorläufig für die paläontologischen Forschungen fast unzugänglich

ist; den größten Teil der hier seit uralten Zeiten begrabenen

Versteinerungen werden wir entweder niemals oder erst nach Verlauf

vieler Jahrtausende kennen lernen, wenn durch allmähliche Hebungen der

gegenwärtige Meeresboden mehr zutage getreten sein wird. Wenn Sie

bedenken, daß die ganze Erdoberfläche zu ungefähr drei Fünfteilen aus

Wasser und nur zu zwei Fünfteilen aus Festland besteht, so können Sie

ermessen, daß auch in dieser Beziehung die paläontologische Urkunde eine

ungeheure Lücke enthalten muß.

Nun kommen aber noch eine Reihe von Schwierigkeiten für die

Paläontologie hinzu, welche in der Natur der Organismen selbst begründet

sind. Vor allem ist hier hervorzuheben, daß in der Regel nur harte und

feste Körperteile der Organismen auf den Boden des Meeres und der süßen

Gewässer gelangen und hier in Schlamm eingeschlossen und versteinert

werden können. Es sind also namentlich die Knochen und Zähne der

Wirbeltiere, die Kalkschalen der Weichtiere, die Chitinskelette der

Gliedertiere, die Kalkskelette der Sterntiere und Korallen, ferner die

holzigen, festen Teile der Pflanzen, die einer solchen Versteinerung

fähig sind. Die weichen und zarten Teile dagegen, welche bei den

allermeisten Organismen den bei weitem größten Teil des Körpers bilden,

gelangen nur sehr selten unter so günstigen Verhältnissen in den

Schlamm, daß sie versteinern, oder daß ihre äußere Form deutlich in dem

erhärteten Schlamme sich abdrückt. Nun bedenken Sie, daß ganze große

Klassen von Organismen, wie z. B. die Medusen, die Platoden, die nackten

Mollusken, welche keine Schale haben, ein großer Teil der Gliedertiere,

die meisten Würmer und selbst die niedersten Wirbeltiere gar keine

festen und harten, versteinerungsfähigen Körperteile besitzen. Ebenso

sind gerade die wichtigsten Pflanzenteile, die Blüten, meistens so weich

und zart, daß sie sich nicht in kenntlicher Form konservieren können.

Von allen diesen wichtigen Lebensformen werden wir naturgemäß auch gar

keine versteinerten Reste zu finden erwarten können. Ferner sind die

Embryonen und Jugendzustände fast aller Organismen so weich und zart,

daß sie gar nicht versteinerungsfähig sind. Was wir also von

Versteinerungen in den neptunischen Schichtensystemen der Erdrinde

vorfinden, das sind im Verhältnis zum Ganzen nur wenige Formen, und

meistens nur einzelne Bruchstücke.

Sodann ist zu berücksichtigen, daß die Meerbewohner in einem viel

höheren Grade Aussicht haben, ihre toten Körper in den abgelagerten

Schlammschichten versteinert zu erhalten, als die Bewohner der süßen

Gewässer und des Festlandes. Die das Land bewohnenden Organismen können

in der Regel nur dann versteinert werden, wenn ihre Leichen zufällig ins

Wasser fallen und auf dem Boden in erhärtenden Schlammschichten begraben

werden, was von mancherlei Bedingungen abhängig ist. Daher kann es uns

nicht wundernehmen, daß die bei weitem größte Mehrzahl der

Versteinerungen Organismen angehört, die im Meere lebten, und daß von

den Landbewohnern verhältnismäßig nur sehr wenige im fossilen Zustande

erhalten sind. Welche Zufälligkeiten hierbei ins Spiel kommen, mag Ihnen

allein der Umstand beweisen, daß man von vielen fossilen Säugetieren,

insbesondere von den meisten Säugetieren der Sekundärzeit, weiter nichts

kennt als den Unterkiefer. Dieser Knochen ist erstens verhältnismäßig

fest und löst sich zweitens sehr leicht von dem toten Körper, der auf

dem Wasser schwimmt, ab. Während die Leiche vom Wasser fortgetrieben und

zerstört wird, fällt der Unterkiefer auf den Grund des Wassers hinab und

wird hier vom Schlamm umschlossen. Daraus erklärt sich allein die

merkwürdige Tatsache, daß in einer Kalkschicht des Jurasystems bei

Oxford in England, in den Schiefern von Stonesfield, bis jetzt fast nur

die Unterkiefer von zahlreichen Beuteltieren gefunden worden sind; sie

gehören zu den ältesten Säugetieren, welche wir kennen. Von dem ganzen

übrigen Körper derselben war auch nicht ein Knochen mehr vorhanden. Die

»exakten« Gegner der Entwicklungstheorie würden nach der bei ihnen

gebräuchlichen Logik hieraus den Schluß ziehen müssen, daß der

Unterkiefer der einzige Knochen im Leibe jener merkwürdigen Tiere war.

Für die kritische Würdigung der vielen unbedeutenden Zufälle, die unsere

Kenntnis der Versteinerungen in der bedeutendsten Weise beeinflussen,

sind ferner auch die Fußspuren sehr lehrreich, welche sich in großer

Menge in verschiedenen ausgedehnten Sandsteinlagern, z. B. in dem roten

Sandstein von Connecticut in Nordamerika, finden. Diese Fußtritte rühren

offenbar von Wirbeltieren, wahrscheinlich von Reptilien her, von deren

Körper selbst uns nicht die geringste Spur erhalten geblieben ist. Die

Abdrücke, welche ihre Füße im Schlamm hinterlassen haben, verraten uns

allein die vormalige Existenz von diesen uns sonst ganz unbekannten

Tieren.

Welche Zufälligkeiten außerdem noch die Grenzen unserer

paläontologischen Kenntnisse bestimmen, können Sie daraus ermessen, daß

man von sehr vielen wichtigen Versteinerungen nur ein einziges oder nur

ein paar Exemplare kennt. Im Jahre 1861 wurde im lithographischen

Schiefer von Solnhofen das unvollständige Skelett des ältesten bis jetzt

bekannten Vogels entdeckt; ^Archaeopteryx lithographica^; 1877 wurde

ebendaselbst ein zweites Exemplar gefunden, welches das erste in

glücklichster Weise ergänzt. Die Kenntnis dieses einzigen Vogels aus dem

Jurasystem besitzt für die Phylogenie der ganzen Vogelklasse die

allergrößte Wichtigkeit. Alle bisher bekannten Vögel stellten eine sehr

einförmig organisierte Gruppe dar, und zeigten keine auffallenden

Übergangsbildungen zu anderen Wirbeltierklassen, auch nicht zu den

nächstverwandten Reptilien. Jener fossile Vogel aus dem Jura dagegen

besaß keinen gewöhnlichen Vogelschwanz, sondern einen Eidechsenschwanz,

und bestätigte dadurch die aus anderen Gründen vermutete Abstammung der

Vögel von den Eidechsen. Durch dieses Petrefakt wurde also nicht nur

unsere Vorstellung von dem Alter der Vogelklasse, sondern auch von ihrer

Blutsverwandtschaft mit den Reptilien wesentlich erweitert. Ebenso sind

unsere Kenntnisse von anderen Tiergruppen oft durch die zufällige

Entdeckung einer einzigen Versteinerung wesentlich umgestaltet worden.

Da wir aber wirklich von vielen wichtigen Petrefakten nur sehr wenige

Exemplare oder nur Bruchstücke kennen, so muß auch aus diesem Grunde die

paläontologische Urkunde höchst unvollständig sein.

Eine weitere und sehr empfindliche Lücke derselben ist durch den Umstand

bedingt, daß die _Zwischenformen_, welche die verschiedenen Arten

verbinden, in der Regel nicht erhalten sind, und zwar aus dem einfachen

Grunde, weil dieselben (nach dem Prinzip der Divergenz des Charakters)

im Kampfe ums Dasein ungünstiger gestellt waren als die am meisten

divergierenden Varietäten, die sich aus einer und derselben Stammform

entwickelten. Die Zwischenglieder sind im ganzen immer rasch

ausgestorben und haben sich nur selten vollständig erhalten. Die am

stärksten divergierenden Formen dagegen konnten sich längere Zeit

hindurch als selbständige Arten am Leben erhalten, sich in zahlreichen

Individuen ausbreiten und demnach auch leichter versteinert werden.

Dadurch ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß nicht in vielen Fällen auch

die verbindenden Zwischenformen der Arten sich so vollständig

versteinert erhielten, daß sie noch gegenwärtig die systematischen

Paläontologen in die größte Verlegenheit versetzen und endlose

Streitigkeiten über die ganz willkürlichen Grenzen der Spezies

hervorrufen.

Ein ausgezeichnetes Beispiel der Art liefert die berühmte vielgestaltige

Süßwasserschnecke aus dem Stubental bei Steinheim in Württemberg, welche

bald als ^Paludina^, bald als ^Valvata^, bald als ^Planorbis

multiformis^ beschrieben worden ist. Die schneeweißen Schalen dieser

kleinen Schnecke setzen mehr als die Hälfte von der ganzen Masse eines

tertiären Kalkhügels zusammen und offenbaren dabei an dieser einen

Lokalität eine solche wunderbare Formenmannigfaltigkeit, daß man die am

meisten divergierenden Extreme als wenigstens zwanzig ganz verschiedene

Arten beschreiben und diese sogar in vier ganz verschiedene Gattungen

versetzen könnte. Aber alle diese extremen Formen sind durch so

massenhafte verbindende Zwischenformen verknüpft, und diese liegen so

gesetzmäßig über- und nebeneinander, daß Hilgendorf daraus auf das

klarste den Stammbaum der ganzen Formengruppe entwickeln konnte. Ebenso

finden sich bei sehr vielen anderen fossilen Arten (z. B. vielen

Ammoniten, Terebrateln, Seeigeln, Seelilien usw.) die verknüpfenden

Zwischenformen in solcher Masse, daß sie die »fossilen Spezieskrämer«

zur Verzweiflung bringen.

Wenn Sie nun alle vorher angeführten Verhältnisse erwägen, so werden Sie

sich nicht darüber wundern, daß die paläontologische Schöpfungsurkunde

ganz außerordentlich lückenhaft und unvollständig ist. Aber dennoch

haben die wirklich gefundenen Versteinerungen den größten Wert. Ihre

Bedeutung für die natürliche Schöpfungsgeschichte ist nicht geringer als

die Bedeutung, welche die berühmte Inschrift von Rosette und das Dekret

von Kanopus für die Völkergeschichte, für die Archäologie und Philologie

besitzen. Wie es durch diese beiden uralten Inschriften möglich wurde,

die Geschichte des alten Ägyptens außerordentlich zu erweitern und die

ganze Hieroglyphenschrift zu entziffern, so genügen uns in vielen Fällen

einzelne Knochen eines Tieres oder unvollständige Abdrücke einer

niederen Tier- oder Pflanzenform, um die wichtigsten Anhaltspunkte für

die Geschichte einer ganzen Gruppe und die Erkenntnis ihres Stammbaums

zu gewinnen. Ein paar kleine Backzähne, die in der Keuperformation der

Trias gefunden wurden, waren lange Zeit hindurch der einzige Beweis

dafür, daß schon in der Triaszeit Säugetiere wirklich existiert haben.

Von der Unvollkommenheit des geologischen Schöpfungsberichtes sagt

Darwin, in Übereinstimmung mit Lyell, dem berühmten Geologen: »Der

natürliche Schöpfungsbericht, wie ihn die Paläontologie liefert, ist

eine Geschichte der Erde, unvollständig erhalten und in wechselnden

Dialekten geschrieben, wovon aber nur der letzte, bloß auf einige Teile

der Erdoberfläche sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Doch

auch von diesem Bande ist nur hier und da ein kurzes Kapitel erhalten,

und von jeder Seite sind nur da und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort

der langsam wechselnden Sprache dieser Beschreibung, mehr oder weniger

verschieden in der ununterbrochenen Reihenfolge der einzelnen

Abschnitte, mag den anscheinend plötzlich wechselnden Lebensformen

entsprechen, welche in den unmittelbar aufeinander liegenden Schichten

unserer weit voneinander getrennten Formationen begraben liegen.«

Wenn Sie diese außerordentliche Unvollständigkeit der paläontologischen

Urkunde sich beständig vor Augen halten, so wird es Ihnen nicht

wunderbar erscheinen, daß wir noch auf so viele unsichere Hypothesen

angewiesen sind, indem wir wirklich den Stammbaum der verschiedenen

organischen Gruppen entwerfen wollen. Jedoch besitzen wir

glücklicherweise außer den Versteinerungen auch noch andere historische

Urkunden; und diese sind in vielen Fällen von nicht geringerem und in

den meisten sogar von viel höherem Werte als die Petrefakten. Die bei

weitem wichtigste von diesen anderen Schöpfungsurkunden ist ohne Zweifel

die _Ontogenie_ oder Keimesgeschichte; denn sie wiederholt uns kurz in

großen, markigen Zügen das Bild der Stammesgeschichte oder _Phylogenie_.

Allerdings ist die Skizze, welche uns die Ontogenie der Organismen von

ihrer Phylogenie gibt, in den meisten Fällen mehr oder weniger

verwischt, und zwar um so mehr, je mehr die Anpassung im Laufe der Zeit

das Übergewicht über die Vererbung erlangt hat, und je mächtiger das

Gesetz der abgekürzten Vererbung und das Gesetz der wechselbezüglichen

Anpassung eingewirkt haben. Allein dadurch wird der hohe Wert nicht

vermindert, welchen die wirklich treu erhaltenen Züge jener Skizze

besitzen. Besonders für die Erkenntnis der frühesten paläontologischen

Entwicklungszustände ist die Ontogenie von ganz unschätzbaren Werte,

weil gerade von den ältesten Entwicklungsstufen der Stämme und Klassen

uns gar keine versteinerten Reste erhalten worden sind und auch schon

wegen der weichen und zarten Körperbeschaffenheit derselben nicht

erhalten bleiben konnten. Keine Versteinerung könnte uns von der

unschätzbar wichtigen Tatsache berichten, welche die Ontogenie uns

erzählt, daß die ältesten gemeinsamen Vorfahren aller verschiedenen

Tier- und Pflanzenarten ganz einfache Zellen, gleich den Eiern waren.

Keine Versteinerung könnte uns die unendlich wertvolle, durch die

Ontogenie festgestellte Tatsache beweisen, daß durch einfache

Vermehrung, Gemeindebildung und Arbeitsteilung jener Zellen die

unendlich mannigfaltigen Körperformen der vielzelligen Organismen

entstanden. Allein schon die Gastrulation ist eine der wichtigsten

Stammesurkunden. So hilft uns die Ontogenie über viele und große Lücken

der Paläontologie hinweg.

[Illustration: Hand von neun verschiedenen Säugetieren. 1. Mensch. 2.

Gorilla. 3. Orang. 4. Hund. 5. Seehund. 6. Delphin. 7. Fledermaus. 8.

Maulwurf. 9. Schnabeltier.]

Zu den unschätzbaren Schöpfungsurkunden der Paläontologie und Ontogenie

gesellen sich nun drittens die nicht minder wichtigen Zeugnisse für die

Blutsverwandtschaft der Organismen, welche uns die _vergleichende

Anatomie_ liefert. Wenn äußerlich sehr verschiedene Organismen in ihrem

inneren Bau nahezu übereinstimmen, so können wir daraus mit voller

Sicherheit schließen, daß diese Übereinstimmung ihren Grund in der

Vererbung, jene Ungleichheit dagegen ihren Grund in der Anpassung hat.

Betrachten Sie z. B. vergleichend die Hände oder Vorderpfoten der neun

verschiedenen Säugetiere, welche auf Seite 87 abgebildet sind, und bei

denen das knöcherne Skelettgerüst im Innern der Hand und der fünf Finger

sichtbar ist. Überall finden sich bei der verschiedensten äußeren Form

dieselben Knochen in derselben Zahl, Lagerung und Verbindung wieder. Daß

die Hand des Menschen (Fig. 1) von derjenigen seiner nächsten

Verwandten, des Gorilla (Fig. 2) und des Orang (Fig. 3), sehr wenig

verschieden ist, wird vielleicht sehr natürlich erscheinen. Wenn aber

auch die Vorderpfote des Hundes (Fig. 4), sowie die Brustflosse (die

Hand) des Seehundes (Fig. 5) und des Delphins (Fig. 6) ganz denselben

wesentlichen Bau zeigt, so wird dies schon mehr überraschen. Und noch

wunderbarer wird es Ihnen vorkommen, daß auch der Flügel der Fledermaus

(Fig. 7), die Grabschaufel des Maulwurfs (Fig. 8) und der Vorderfuß des

unvollkommensten aller Säugetiere, des Schnabeltieres (Fig. 9) ganz aus

denselben Knochen zusammengesetzt ist. Nur die Größe und Form der

Knochen ist vielfach geändert. Die Zahl und die Art ihrer Anordnung und

Verbindung ist dieselbe geblieben. Es ist ganz undenkbar, daß irgendeine

andere Ursache als die gemeinschaftliche Vererbung von gemeinsamen

Stammeltern diese wunderbare Homologie oder Gleichheit im wesentlichen

inneren Bau bei so verschiedener äußerer Form verursacht habe. Und wenn

Sie nun im System von den Säugetieren weiter hinuntersteigen und finden,

daß sogar bei den Vögeln die Flügel, bei den Reptilien und Amphibien die

Vorderfüße wesentlich in derselben Weise aus denselben Knochen

zusammengesetzt sind, wie die Arme des Menschen und die Vorderbeine der

übrigen Säugetiere, so können Sie schon daraus auf die gemeinsame

Abstammung aller dieser Wirbeltiere mit voller Sicherheit schließen. Der

Grad der inneren Formverwandtschaft enthüllt Ihnen hier, wie überall,

den Grad der wahren Stammverwandtschaft.

(Aus »Natürliche Schöpfungsgeschichte«.)

III.

Die Gasträatheorie.

Die ersten Vorgänge der individuellen Entwicklung, welche nach erfolgter

Befruchtung der Eizelle und Bildung der Stammzelle eintreten, sind im

ganzen Tierreiche wesentlich dieselben; sie beginnen überall mit der

sogenannten Eifurchung und Keimblätterbildung. Nur die niedersten und

einfachsten Tiere, die Urtiere oder Protozoen, machen davon eine

Ausnahme; denn sie bleiben zeitlebens einzellig. Zu diesen Urtieren

gehören die Amöben, Gregarinen, Rhizopoden, Infusorien usw. Da ihr

ganzer Organismus nur durch eine einzige Zelle repräsentiert wird,

können sie niemals »Keimblätter«, d. h. bestimmt geformte

Zellenschichten bilden. Alle übrigen Tiere dagegen, alle Gewebetiere

oder Metazoen (wie wir sie im Gegensatz zu jenen Protozoen nennen)

bilden durch wiederholte Teilung der befruchteten Eizelle echte

Keimblätter. Das gilt ebensowohl von den niederen Nesseltieren und

Wurmtieren, wie von den höher entwickelten Weichtieren, Sterntieren,

Gliedertieren und Wirbeltieren.

Bei allen diesen Metazoen oder vielzelligen Tieren sind die wichtigsten

Vorgänge der Keimung im wesentlichen gleich, obwohl sie, äußerlich

betrachtet, oft sehr verschieden erscheinen. Überall zerfällt die

Stammzelle, welche aus der befruchteten Eizelle hervorgegangen ist,

zunächst durch wiederholte Teilung in eine große Anzahl von einfachen

Zellen. Diese Zellen sind alle direkte Nachkommen der Stammzelle und

werden aus später zu erörternden Gründen als Furchungszellen oder

»Furchungskugeln« bezeichnet (^Blastomera^ oder ^Segmentella^). Der

wiederholte Teilungsprozeß der Stammzelle, durch welchen die

Furchungszellen entstehen, ist schon lange unter dem Namen der

_Eifurchung_ oder schlechtweg »Furchung« (^Segmentatio^) bekannt. Früher

oder später treten die Furchungszellen zur Bildung einer runden

(ursprünglich kugeligen) _Keimblase_ (^Blastula^) zusammen; dann aber

sondern sie sich in zwei wesentlich verschiedene Gruppen und ordnen sich

in zwei getrennte Zellenschichten: die beiden _primären Keimblätter_.

Diese umschließen eine Verdauungshöhle, den _Urdarm_, mit einer Öffnung,

dem _Urmund_. Die bedeutungsvolle Keimform, welche diese ältesten

Primitivorgane besitzt, nennen wir _Gastrula_, den Vorgang ihrer

Entstehung _Gastrulation_. Dieser ontogenetische Vorgang besitzt die

höchste Bedeutung und ist der eigentliche Ausgangspunkt für die

Gestaltung des vielzelligen Tierkörpers.

Die fundamentalen Keimungsprozesse der Eifurchung und der

Keimblätterbildung sind erst in den letzten dreißig Jahren vollkommen

klar erkannt und in ihrer wahren Bedeutung richtig gewürdigt worden. Sie

bieten in den verschiedenen Tiergruppen mancherlei auffallende

Verschiedenheiten dar, und es war nicht leicht, die wesentliche

Gleichheit oder Identität derselben im ganzen Tierreiche nachzuweisen.

Erst nachdem ich 1872 die Gasträatheorie aufgestellt und später (1875)

alle die einzelnen Formen der Eifurchung und Gastrulabildung auf eine

und dieselbe Grundform zurückgeführt hatte, konnte jene wichtige

Identität als wirklich bewiesen angesehen werden. Es ist damit ein

_einheitliches Gesetz_ gewonnen, welches die ersten Vorgänge der Keimung

bei sämtlichen Tieren beherrscht.

Der Mensch verhält sich in bezug auf diese ersten und wichtigsten

Vorgänge jedenfalls durchaus gleich den übrigen höheren Säugetieren, und

zunächst den Affen. Da der menschliche Keim oder Embryo selbst noch in

einem viel späteren Stadium der Ausbildung, wo bereits Gehirnblasen,

Augen, Gehörorgane, Kiemenbogen usw. angelegt sind, nicht wesentlich von

dem gleichgeformten Keime der übrigen höheren Säugetiere verschieden

ist, so dürfen wir mit voller Sicherheit annehmen, daß auch die ersten

Vorgänge der Keimung, der Eifurchung und Keimblätterbildung dieselben

sind. Wirklich beobachtet sind diese Verhältnisse allerdings bisher noch

nicht. Da aber sowohl die jüngsten wirklich beobachteten menschlichen

Embryonen (in Form von Keimblasen), als auch die darauf folgenden weiter

entwickelten Keimformen mit denjenigen des Kaninchens, des Hundes und

anderer höherer Säugetiere wesentlich übereinstimmen, so wird kein

vernünftiger Mensch daran zweifeln, daß auch die Eifurchung und

Keimblätterbildung hier geradeso wie dort verläuft.

Nun ist aber die besondere Form, welche die Eifurchung und

Keimblätterbildung bei den Säugetieren besitzt, keineswegs die

ursprüngliche, einfache und palingenetische Form der Keimung. Vielmehr

ist dieselbe infolge von zahlreichen embryonalen Anpassungen sehr stark

abgeändert, gestört oder cenogenetisch modifiziert. Wir können dieselbe

daher unmöglich an und für sich allein verstehen. Vielmehr müssen wir,

um zu diesem Verständnis zu gelangen, die verschiedenen Formen der

Eifurchung und Keimblätterbildung im Tierreiche vergleichend betrachten;

und vor allem müssen wir die ursprüngliche, _palingenetische_ Form

derselben aufsuchen, aus welcher die abgeänderte, _cenogenetische_ Form

der Säugetierkeimung erst viel später allmählich entstanden ist.

Diese ursprüngliche, palingenetische Form der Eifurchung und

Keimblätterbildung besteht im Stamme der Wirbeltiere, zu welchem der

Mensch gehört, heutzutage einzig und allein noch beim niedersten und

ältesten Gliede dieses Stammes, bei dem wunderbaren Lanzettierchen oder

Amphioxus. Dieselbe palingenetische Form der Keimung finden wir aber in

ganz gleicher Weise auch noch bei vielen niederen, wirbellosen Tieren

vor, so z. B. bei der merkwürdigen Seescheide (^Ascidia^), bei der

Teichschnecke (^Limnaeus^), beim Pfeilwurm (^Sagitta^), ferner bei sehr

vielen Sterntieren und Nesseltieren, so z. B. beim gewöhnlichen Seestern

und Seeigel, bei vielen Medusen und Korallen und bei den einfachsten

Schwämmen (^Olynthus^). Wir wollen hier als Beispiel die palingenetische

Eifurchung und Keimblätterbildung einer achtzähligen Einzelkoralle

betrachten, welche ich 1873 im Roten Meere entdeckt und in meinen

»Arabischen Korallen« als ^Monoxenia Darwinii^ beschrieben habe.

[Illustration: Fig. 1. Gastrulation einer Koralle (^Monoxenia

Darwinii^).]

Die befruchtete Eizelle dieser Koralle (siehe die Abbildungen S. 93)

zerfällt zunächst durch Teilung in zwei gleiche Zellen (C). Zuerst teilt

sich der Kern der Stammzelle und das anhängende Centrosoma in zwei

gleiche Hälften, diese stoßen sich ab, weichen auseinander und wirken

als Anziehungsmittelpunkte auf das umgebende Protoplasma; infolgedessen

schnürt sich das letztere durch eine Ringfurche ringsherum ein und geht

ebenfalls in zwei gleiche Hälften auseinander. Jede der beiden so

entstandenen »Furchungszellen« zerfällt auf dieselbe Weise wiederum in

zwei gleiche Zellen, und zwar liegt die Trennungsebene dieser beiden

letzteren senkrecht auf derjenigen der beiden ersteren (Fig. D). Die

vier gleichen Furchungszellen (die Enkelinnen der Stammzelle) liegen in

einer Ebene. Jetzt teilt sich jede derselben abermals in zwei gleiche

Hälften, und wiederum geht die Teilung des Zellkernes derjenigen des

umhüllenden Protoplasma voraus. Die so entstandenen acht Furchungszellen

zerfallen auf die gleiche Weise wieder in sechzehn. Aus diesen werden

durch abermalige Teilung 32 Furchungszellen. Indem jede von diesen sich

halbiert, entstehen 64, weiterhin 128 Zellen usw. Das Endresultat dieser

wiederholten gleichmäßigen Zweiteilung ist die Bildung eines kugeligen

Haufens von gleichartigen Furchungszellen, und diesen nennen wir

_Maulbeerkeim_ (^Morula^). Die Zellen liegen so dicht gedrängt

aneinander, wie die Körner einer Maulbeere oder Brombeere, und daher

erscheint die Oberfläche der Kugel im ganzen höckerig.

Nachdem die Eifurchung dergestalt beendigt ist, verwandelt sich der

dichte Maulbeerkeim in eine hohle kugelige Blase. Wässerige Flüssigkeit

oder Gallerte sammelt sich in der Mitte der dichten Kugel an; die

Furchungszellen weichen auseinander und begeben sich alle an die

Oberfläche derselben. Hier platten sie sich durch gegenseitigen Druck

vielflächig ab, nehmen die Gestalt von abgestutzten Pyramiden an und

ordnen sich in eine einzige Schicht regelmäßig nebeneinander (Fig. F,

G). Diese Zellenschicht heißt die _Keimhaut_ (^Blastoderma^); die

gleichartigen Zellen, welche dieselbe in einfacher Lage zusammensetzen,

nennen wir _Keimhautzellen_, und die ganze hohle Kugel, deren Wand die

letzteren bilden, heißt _Keimhautblase_, auch kurz »Keimblase« oder

»Blasenkeim« (^Blastula^). Der innere Hohlraum der Kugel, der mit klarer

Flüssigkeit oder Gallerte gefüllt ist, heißt »Furchungshöhle« oder

_Keimhöhle_.

Bei unserer Koralle, wie bei vielen anderen niederen Tieren, beginnt

schon jetzt der junge Tierkeim sich selbständig zu bewegen und im Wasser

umherzuschwimmen. Es wächst nämlich aus jeder Keimhautzelle ein dünner

und langer, fadenförmiger Fortsatz hervor, eine Peitsche oder Geißel;

und diese führt selbständig langsame, später raschere Schwingungen aus

(Fig. F). Jede Keimhautzelle wird so zu einer schwingenden

»Geißelzelle«. Durch die vereinigte Kraft aller dieser schwingenden

Geißeln wird die ganze kugelige Keimhautblase drehend oder rotierend im

Wasser umhergetrieben. Bei vielen anderen Tieren, insbesondere bei

solchen, wo sich der Keim innerhalb geschlossener Eihüllen entwickelt,

bilden sich die schwingenden Geißelfäden an den Keimhautzellen erst

später oder kommen überhaupt nicht zur Ausbildung. Die Keimhautblase

kann wachsen und sich ausdehnen, indem sich die Keimhautzellen durch

fortgesetzte Teilung (in der Kugelfläche!) vermehren und im inneren

Hohlraum noch mehr Flüssigkeit ausgeschieden wird. Es gibt noch heute

einige Organismen, welche auf der Bildungsstufe der Blastula zeitlebens

stehenbleiben, Hohlkugeln, welche durch Flimmerbewegung im Wasser

umherschwimmen und deren Wand aus einer einzigen Zellenschicht besteht:

die Kugeltierchen (^Volvox^), die Flimmerkugeln (^Magosphaera^,

^Synura^) und andere.

Jetzt tritt ein sehr wichtiger und merkwürdiger Vorgang ein, nämlich die

_Einstülpung der Keimblase_ (Fig. H). Aus der Kugel mit einschichtiger

Zellenwand wird ein Becher mit zweischichtiger Zellenwand (Fig. G, H,

I). An einer bestimmten Stelle der Kugeloberfläche bildet sich eine

Abplattung, die sich zu einer Grube vertieft. Diese Grube wird tiefer

und tiefer; sie wächst auf Kosten der inneren Keimhöhle oder

Furchungshöhle. Die letztere nimmt immer mehr ab, je mehr sich die

erstere ausdehnt. Endlich verschwindet die innere Keimhöhle ganz, indem

sich der innere, eingestülpte Teil der Keimhaut (oder die Wand der

Grube) an den äußeren, nicht eingestülpten Teil derselben innig anlegt.

Zugleich nehmen die Zellen der beiden Teile verschiedene Gestalt und

Größe an; die inneren Zellen werden mehr rundlich, die äußeren mehr

länglich (Fig. I). So bekommt der Keim die Gestalt eines becherförmigen

oder krugförmigen Körpers, dessen Wand aus zwei verschiedenen

Zellenschichten besteht, und dessen innere Höhlung sich am einen Ende

(an der ursprünglichen Einstülpungsstelle) nach außen öffnet. Diese

höchst wichtige und interessante Keimform nennen wir Becherkeim oder

_Becherlarve_ (^Gastrula^, Fig. 1 I im Längsschnitt, K von außen).

_Die Gastrula halte ich für die wichtigste und bedeutungsvollste

Keimform des Tierreichs._ Denn bei allen echten Tieren (nach Ausschluß

der einzelligen Protozoen) geht aus der Eifurchung entweder eine reine,

ursprüngliche, palingenetische Gastrula hervor, oder doch eine

gleichbedeutende cenogenetische Keimform, die sekundär aus der ersteren

entstanden ist und sich unmittelbar darauf zurückführen läßt. Sicher ist

es eine Tatsache von höchstem Interesse und von der größten Bedeutung,

daß Tiere der verschiedensten Stämme: Wirbeltiere und Manteltiere,

Weichtiere und Gliedertiere, Sterntiere und Wurmtiere, Nesseltiere und

Schwammtiere sich aus einer und derselben Keimform entwickeln. Als

redende Beispiele stelle ich hier einige reine Gastrulaformen aus

verschiedenen Tierstämmen nebeneinander:

[Illustration: Fig. 2 (B). Gastrula eines Wurmes (Pfeilwurm, ^Sagitta^)

nach Kowalevsky. -- Fig. 3 (C). Gastrula eines Echinodermen (Seestern,

^Uraster^), nicht völlig eingestülpt (^Depula^), nach Alexander Agassiz.

-- Fig. 4 (D). Gastrula eines Arthropoden (Urkrebs, ^Nauplius^) (wie 3).

-- Fig. 5. (E). Gastrula eines Mollusken (Teichschnecke, ^Limnaeus^),

nach Karl Rabl. -- Fig. 6 (A). Gastrula eines einfachsten Urdarmtieres,

einer Gasträade (^Gastrophysema^), Haeckel. -- Fig. 7 (F). Gastrula

eines Wirbeltieres (Lanzettierchen, ^Amphioxus^), nach Kowalevsky.

(Frontal-Ansicht.) -- Überall bedeutet: d Urdarmhöhle. o Urmund. s

Furchungshöhle. i Entoderm (Darmblatt). e Ektoderm (Hautblatt).]

Bei dieser außerordentlichen Bedeutung der Gastrula müssen wir die

Zusammensetzung ihrer ursprünglichen Körperform auf das genaueste

untersuchen. Gewöhnlich ist die typische reine Gastrula sehr klein, mit

bloßem Auge nicht sichtbar oder höchstens unter günstigen Umständen als

ein feiner Punkt erkennbar, meistens von 1/20-1/10, seltener von 1/5-1/2

mm Durchmesser (bisweilen mehr). Ihre Gestalt gleicht meistens einem

rundlichen Becher, bald ist sie mehr eiförmig, bald mehr ellipsoid oder

spindelförmig; bei einigen mehr halbkugelig oder fast kugelig, bei

anderen wiederum mehr in die Länge gestreckt oder fast zylindrisch. Sehr

charakteristisch ist die geometrische Grundform des Körpers, welche

durch eine einzige Achse mit zwei verschiedenen Polen bestimmt wird.

Diese Achse ist die Hauptachse oder Längsachse des späteren Tierkörpers;

der eine Pol ist der Mundpol; der entgegengesetzte der Gegenmundpol. Bei

den Bilaterien oder den höheren Tieren mit zweiseitiger Grundform nimmt

die cenogenetisch abgeänderte Gastrula gewöhnlich schon frühzeitig

ebenfalls die bilaterale (dreiachsige) Grundform an. Durch die

einachsige Grundform unterscheidet sich die Gastrula sehr wesentlich von

der kugeligen Blastula und Morula, bei denen alle Körperachsen gleich

sind. Der Querschnitt der primären Gastrula ist kreisrund.

Die innere Höhle des Gastrulakörpers bezeichne ich als _Urdarm_

(^Progaster^) und seine Öffnung als _Urmund_ (^Prostoma^). Denn jene

Höhle ist die ursprüngliche Ernährungshöhle oder Darmhöhle des Körpers,

und diese Öffnung hat anfänglich zur Nahrungsaufnahme in denselben

gedient. Später allerdings verhalten sich Urdarm und Urmund in den

verschiedenen Tierstämmen sehr verschieden. Bei den meisten Nesseltieren

und vielen Wurmtieren bleiben sie zeitlebens bestehen. Bei den meisten

höheren Tieren hingegen, und so auch bei den Wirbeltieren, geht nur der

größere mittlere Teil des späteren Darmrohrs aus dem Urdarme hervor; die

spätere Mundöffnung bildet sich neu, während der Urmund zuwächst oder

sich in den After umwandelt. Wir müssen also wohl unterscheiden zwischen

dem Urmund und Urdarm der Gastrula einerseits und zwischen dem Nachdarm

und Nachmund des ausgebildeten Wirbeltieres anderseits.

Von der größten Bedeutung sind die beiden Zellenschichten, welche die

Urdarmhöhle umschließen und deren Wand allein zusammensetzen. Denn diese

beiden Zellenschichten, die einzig und allein den ganzen Körper bilden,

sind nichts anderes als die beiden primären Keimblätter oder die

_Urkeimblätter_ (^Blastophylla^). Die äußere Zellenschicht ist das

_Hautblatt_ oder ^Ektoderma^ (Fig. 2-7 e); die innere Zellenschicht ist

das _Darmblatt_ oder ^Entoderma^ (i). Ersteres wird auch oft als

Ektoblast oder Epiblast, letzteres als Endoblast oder Hypoblast

bezeichnet. _Aus diesen beiden primären Keimblättern allein baut sich

der ganze Körper bei allen Metazoen oder vielzelligen Tieren auf._ Das

Hautblatt liefert die äußere Oberhaut, das Darmblatt hingegen die innere

Darmhaut. Zwischen beiden Keimblättern bildet sich später das mittlere

Keimblatt (^Mesoderma^) und die mit Blut oder Lymphe erfüllte

Leibeshöhle (^Coeloma^).

Die beiden primären Keimblätter wurden zuerst im Jahre 1817 von Pander

beim bebrüteten Hühnchen klar unterschieden, das äußere als seröses, das

innere als muköses Blatt oder Schleimblatt. Aber ihre volle Bedeutung

wurde erst von Baer erkannt, welcher in seiner klassischen

Entwicklungsgeschichte (1828) das äußere als animales, das innere als

vegetatives bezeichnete. Diese Bezeichnung ist insofern passend, als aus

dem äußeren Blatte vorzugsweise (wenn auch nicht ausschließlich) die

animalen Organe der Empfindung: Haut, Nerven und Sinnesorgane entstehen;

hingegen aus dem inneren Blatte vorzugsweise die vegetativen Organe der

Ernährung und Fortpflanzung, namentlich der Darm und das

Blutgefäßsystem. Zwanzig Jahre später (1849) wies dann Huxley darauf

hin, daß bei vielen niederen Pflanzentieren, namentlich Medusen, der

ganze Körper eigentlich zeitlebens nur aus diesen beiden primären

Keimblättern besteht. Bald darauf führte Allman (1853) für dieselben die

Benennung ein, die bald allgemein angenommen wurde; er nannte das äußere

Ektoderm (Außenblatt), das innere Entoderm (Innenblatt). Aber erst seit

dem Jahre 1867 wurde (vorzugsweise von Kowalevsky) durch vergleichende

Beobachtung der Nachweis geführt, daß auch bei wirbellosen Tieren der

verschiedensten Klassen, bei Wurmtieren, Weichtieren, Sterntieren und

Gliedertieren, der Körper sich aus denselben beiden primären

Keimblättern aufbaut. Endlich habe ich selbst auch bei den niedersten

Gewebetieren, bei den Schwämmen oder Spongien, dieselben (1872)

nachgewiesen und zugleich in meiner Gasträatheorie den Beweis zu führen

gesucht, daß diese »Grenzblätter« überall, von den Schwämmen und

Korallen bis zu den Insekten und Wirbeltieren hinauf (also auch beim

Menschen) als gleichbedeutend oder homolog aufzufassen sind. Diese

fundamentale »Homologie der primären Keimblätter und des Urdarms« ist im

Laufe der letzten dreißig Jahre durch die sorgfältigen Untersuchungen

zahlreicher vortrefflicher Beobachter bestätigt und jetzt für sämtliche

Metazoen fast allgemein anerkannt worden.

[Illustration: Fig. 8. Gastrula eines niederen Schwammes (^Olynthus^). A

von außen, B im Längsschnitte durch die Achse. g Urdarm (primitive

Darmhöhle). o Urmund (primitive Mundöffnung). i innere Zellenschicht der

Körperwand (inneres Keimblatt, Entoderm, Endoblast oder Darmblatt). c

äußere Zellenschicht (äußeres Keimblatt, Ektoderm, Ektoblast oder

Hautblatt).]

Gewöhnlich bieten auch schon am Gastrulakeim die Zellen, welche die

beiden primären Keimblätter zusammensetzen, erkennbare Verschiedenheiten

dar. Meistens (wenn auch nicht immer) sind die Zellen des Hautblattes

oder Ektoderms (Fig. 8c, 9e) kleiner, zahlreicher, heller, hingegen die

Zellen des Darmblattes oder Entoderms (i) größer, weniger zahlreich und

dunkler. Das Protoplasma der Ektodermzellen ist klarer und fester als

die trübere und weichere Zellsubstanz der Entodermzellen, letztere sind

meist viel reicher an Dotterkörnern (Eiweiß- und Fettkörnchen) als

erstere. Auch besitzen die Darmblattzellen gewöhnlich eine stärkere

Verwandtschaft zu Farbstoffen und färben sich in Karminlösung, Anilin

usw. rascher und lebhafter als die Hautblattzellen. Die Kerne der

Entodermzellen sind meistens rundlich, diejenigen der Ektodermzellen

hingegen länglich.

Diese physikalischen, chemischen und morphologischen Unterschiede der

beiden Keimblätter, welche ihrem physiologischen Gegensatze entsprechen,

sind auch insofern von hohem Interesse, als sie uns den ersten und

ältesten Vorgang der Sonderung oder Differenzierung im Tierkörper vor

Augen führen. Die Keimhaut (^Blastoderma^), welche die Wand der

kugeligen Keimhautblase oder Blastula bildet, besteht bloß aus einer

einzigen Schicht von gleichartigen Zellen. Diese Keimhautzellen oder

Blastodermzellen sind ursprünglich sehr regelmäßig und gleichartig

gebildet, von ganz gleicher Größe, Form und Beschaffenheit. Meistens

sind sie durch gegenseitigen Druck abgeplattet, sehr oft regelmäßig

sechseckig. Sie bilden das _erste Gewebe_ des Metazoen-Organismus, ein

einfaches Zellenpflaster oder Epithelium. Die Gleichmäßigkeit dieser

Zellen verschwindet früher oder später während der Einstülpung der

Keimhautblase. Die Zellen, welche den eingestülpten, inneren Teil

derselben (das spätere Entoderm) zusammensetzen, nehmen gewöhnlich schon

während des Einstülpungs-Vorganges selbst eine andere Beschaffenheit an

als die Zellen, welche den äußeren, nicht eingestülpten Teil (das

spätere Ektoderm) konstituieren. Wenn der Einstülpungs-Prozeß vollendet

ist, treten die histologischen Verschiedenheiten in den Zellen der

beiden primären Keimblätter meist sehr auffallend hervor.

Wir haben bisher nur diejenige Form der Eifurchung und der Gastrula ins

Auge gefaßt, welche wir aus vielen und gewichtigen Gründen als die

_ursprüngliche_, die primordiale oder palingenetische aufzufassen

berechtigt sind. Wir können sie die äquale oder gleichmäßige Furchung

nennen, weil die Furchungszellen zunächst gleich bleiben. Die daraus

hervorgehende Gastrula bezeichnen wir als _Glocken_-Gastrula oder

^Archigastrula^. In ganz gleicher Form, wie bei unserer Koralle treffen

wir dieselbe auch bei den niedersten Pflanzentieren an, bei

Gastrophysema (Fig. 6) und bei den einfachsten Schwämmen (^Olynthus^,

Fig. 8); ferner bei vielen Medusen und Hydrapolypen, bei niederen

Würmern verschiedener Klassen (Brachiopoden, ^Sagitta^, Fig. 2), bei

Manteltieren (^Ascidia^); sodann bei vielen Sterntieren (Fig. 3),

niederen Gliedertieren (Fig. 4) und Weichtieren (Fig. 5); endlich ein

wenig modifiziert auch beim niedersten Wirbeltiere (^Amphioxus^).

[Illustration: Fig. 9. Zellen aus den beiden primären Keimblättern d.

Säugetieres (aus den beiden Schichten der Keimhaut). i größere dunklere

Zellen der inneren Schicht, des vegetativen Keimblattes od. Entoderms. e

kleinere hellere Zellen der äußeren Schicht, des animalen Keimblattes

oder Ektoderms.]

Die _Gastrulation des Amphioxus_ ist deshalb von besonderem Interesse,

weil dieses niederste und älteste aller Wirbeltiere die größte Bedeutung

für die Phylogenie dieses Stammes, also auch für unsere Anthropogenie

besitzt. Wie die vergleichende Anatomie der Wirbeltiere die verwickelten

Verhältnisse im Körperbau der verschiedenen Klassen durch divergente

Entwicklung aus jenem einfachsten »Urwirbeltier« ableitet, so führt die

vergleichende Ontogenie die verschiedenen sekundären Gastrulationsformen

der Wirbeltiere auf die einfache, primäre Keimblätterbildung des

Amphioxus zurück. Obwohl diese letztere, im Gegensatze zu den

cenogenetischen Modifikationen der ersteren, im ganzen als

palingenetisch zu betrachten ist, so unterscheidet sie sich doch schon

in einigen Punkten von der ganz ursprünglichen Gastrulation, wie sie z.

B. bei Monoxenia und bei Sagitta vorliegt. Aus der mustergültigen

Darstellung von Hatschek (1881) geht hervor, daß die beiderlei

Zellenarten der Keimblätter beim Amphioxus, wie bei vielen anderen

Tieren, schon frühzeitig während des Furchungsprozesses ungleiche

Beschaffenheit annehmen. Nur die vier ersten Furchungszellen, welche

durch zwei vertikale, sich rechtwinklig schneidende Teilungsebenen

getrennt werden, sind vollkommen gleich. Die dritte horizontale

Furchungsebene liegt nicht im Äquator des Eies, sondern ein wenig

oberhalb desselben, so daß sie jene vier Blastomeren in ungleiche

Hälften teilt: vier obere kleinere und vier untere größere; jene bilden

die animale, diese die vegetale Hemisphäre. Hatschek sagt daher mit

Recht, daß die Eifurchung des Amphioxus keine streng äquale, sondern

eine adäquale oder »fastgleiche« sei und sich der inäqualen nähere. Auch

im weiteren Verlaufe des Furchungsprozesses bleibt der Größenunterschied

der beiderlei Zellgruppen bemerkbar; die kleineren, animalen Zellen der

oberen Halbkugel teilen sich rascher als die größeren vegetalen Zellen

der unteren Hemisphäre (Fig. 10 A, B). Daher besteht denn auch die

Keimhaut, welche am Ende des Furchungsprozesses die einschichtige Wand

der kugeligen Keimblase bildet, nicht aus lauter gleichartigen und

gleich großen Zellen, wie bei Sagitta und Monoxenia; sondern die Zellen

der oberen Blastodermhälfte sind zahlreicher und kleiner (Mutterzellen

des Ektoderms), die Zellen der unteren Hälfte weniger zahlreich, aber

größer (Mutterzellen des Entoderms); mithin ist auch die Furchungshöhle

der Keimblase (Fig 10 C, h) nicht vollkommen kugelig, sondern ein

abgeplattetes Sphäroid, mit ungleichen Polen der vertikalen Achse.

Während am Vegetalpole der Achse die Blastula eingestülpt wird, nimmt

der Größenunterschied der Keimhautzellen beständig zu (Fig. 10 D, E); er

ist am auffallendsten, nachdem die Invagination vollendet und die

Furchungshöhle verschwunden ist (Fig. 10 F). Die größeren vegetalen

Zellen des Entoderms sind reicher an eingelagerten Körnern und daher

trüber als die kleineren und helleren animalen Zellen des Ektoderms.

[Illustration: Fig. 10. Gastrulation des Amphioxus, nach Hatschek

(vertikale Durchschnitte durch die Eiachse). A, B, C drei Stadien der

Blastulabildung; D, E Einstülpung der Blastula; F fertige Gastrula. h

Furchungshöhle. g Urdarmhöhle.]

[Illustration: Fig. 11. Gastrula des Amphioxus in der Seitenansicht von

links (optischer Medianschnitt). Nach Hatschek. g Urdarm, u Urmund, p

peristomale Polzellen, i Entoderm, e Ektoderm, d Rückenseite, v

Bauchseite.]

Aber nicht nur durch diese frühzeitige (oder cenogenetisch vorzeitige!)

Sonderung der beiderlei Keimblattzellen, sondern auch noch durch eine

andere wichtige Eigentümlichkeit entfernt sich die adäquale Gastrulation

des Amphioxus von der typischen äqualen Eifurchung der Sagitta, der

Monoxenia und des Olynthus. Die reine Archigastrula dieser letzteren ist

einachsig, ihr Querschnitt in der ganzen Länge kreisrund. Der Vegetalpol

der vertikalen Achse liegt genau in der Mitte des Urmundes. Bei der

Gastrula des Amphioxus ist das nicht der Fall. Schon während der

Einstülpung seiner Keimblase wird die ideale Achse nach einer Seite

gekrümmt, indem das Wachstum des Blastoderms (oder die Vermehrung seiner

Zellen) an einer Seite lebhafter ist als an der entgegengesetzten; die

rascher wachsende und daher stärker gekrümmte Seite (Fig. 11 v) ist die

künftige Bauchseite, die entgegengesetzte flachere ist die Rückenseite

(d). Der Urmund, welcher ursprünglich, bei der typischen Archigastrula,

am Vegetalpole der Hauptachse lag, ist aus diesem auf die Rückenseite

verschoben; und während seine beiden Lippen ursprünglich in einer auf

der Hauptachse senkrechten Ebene lagen, sind sie jetzt so verschoben,

daß diese Ebene (die Urmundebene) die Achse unter einem schiefen Winkel

schneidet. Die dorsale Lippe liegt daher mehr oben und vorn, die

ventrale Lippe mehr unten und hinten. In dieser letzteren, am ventralen

Übergang des Entoderms in das Ektoderm, liegen nebeneinander ein paar

auffallend große Zellen, eine rechte und eine linke (Fig. 11p); das sind

die bedeutungsvollen Urmundpolzellen, oder die »Urzellen des Mesoderms«.

Durch diese wichtigen, schon im Laufe der Gastrulation auftretenden

Sonderungen ist die ursprüngliche einachsige Grundform der Archigastrula

bei Amphioxus bereits in die _dreiachsige_ übergegangen und somit schon

die _zweiseitige_ oder »bilateralsymmetrische« Grundform des

Wirbeltieres bestimmt. Die senkrechte Mittelebene oder Sagittalebene

geht zwischen den beiden Urmundpolzellen der Länge nach durch den Körper

hindurch und teilt ihn in zwei gleiche Hälften, rechte und linke. Der

Urmund liegt am späteren Hinterende, etwas oberhalb des Aboralpols der

Längsachse. Senkrecht auf dieser Hauptachse steht in der Medianebene die

Pfeilachse (Sagittalachse) oder »Dorsoventralachse«, welche die

Mittellinien der flachen Rückenseite und der gewölbten Bauchseite

verbindet. Die horizontale Querachse oder Lateralachse, senkrecht auf

den beiden (ungleichpoligen) Achsen, ist gleichpolig und geht quer

herüber von rechts nach links. Somit zeigt bereits die Gastrula des

Amphioxus die charakteristische bilaterale oder zweiseitige Grundform

des Wirbeltierkörpers, und diese hat sich von ihr aus auf alle anderen

modifizierten Gastrulaformen dieses Stammes übertragen.

Abgesehen von dieser zweiseitigen Grundform gleicht die Gastrula des

Amphioxus darin der typischen Archigastrula der niederen Tiere (Fig.

2-8), daß beide primäre Keimblätter noch aus einer einzigen einfachen

Zellenschicht bestehen. Offenbar ist das die älteste und ursprünglichste

Form des Metazoenkeims. Obgleich die vorhergenannten Tiere den

verschiedensten Klassen angehören, so stimmen sie doch untereinander und

mit vielen anderen niederen Tieren darin überein, daß sie diese von

ihren ältesten gemeinsamen Vorfahren überkommene palingenetische Form

der Gastrulabildung durch konservative _Vererbung_ bis auf den heutigen

Tag beibehalten haben. Bei der großen Mehrzahl der Tiere ist das aber

nicht der Fall. Vielmehr ist bei diesen der ursprüngliche Vorgang der

Keimung im Laufe vieler Millionen Jahre allmählich mehr oder minder

abgeändert, durch _Anpassung_ an neue Entwicklungsbedingungen gestört

und modifiziert worden. Sowohl die Eifurchung als auch die darauf

folgende Gastrulation haben infolgedessen ein mannigfach verschiedenes

Aussehen gewonnen. Ja, die Verschiedenheiten sind im Laufe der Zeit so

bedeutend geworden, daß man bei den meisten Tieren die Furchung nicht

richtig gedeutet und die Gastrula überhaupt nicht erkannt hat. Erst

durch ausgedehnte vergleichende Untersuchungen, welche ich in den Jahren

1866-1875 bei Tieren der verschiedensten Klassen angestellt habe, ist es

mir gelungen, in jenen anscheinend so abweichenden Keimungsprozessen

denselben gemeinsamen Grundvorgang nachzuweisen und alle verschiedenden

Keimungsformen auf die eine, bereits beschriebene, ursprüngliche Form

der Keimung zurückzuführen. Im Gegensatze zu dieser primären

palingenetischen Keimungsform betrachte ich alle übrigen, davon

abweichenden Formen als sekundäre, abgeänderte oder cenogenetische. Die

mehr oder minder abweichende Gastrulaform, welche daraus hervorgeht,

kann man allgemein als sekundäre, modifizierte Gastrula oder

Metagastrula bezeichnen.

Unter den zahlreichen und mannigfaltigen cenogenetischen Formen der

Eifurchung und Gastrulation unterscheide ich wieder drei verschiedene

Hauptformen: 1. die ungleichmäßige Furchung; 2. die scheibenförmige

Furchung und 3. die oberflächliche Furchung. Aus der ungleichmäßigen

Furchung entsteht die _Hauben_gastrula; aus der scheibenförmigen

Furchung geht die _Scheiben_gastrula hervor; aus der oberflächlichen

Furchung entwickelt sich die _Blasen_gastrula. Bei den Wirbeltieren

kommt die letztere Form gar nicht vor; diese ist dagegen die

gewöhnlichste bei den Gliedertieren (Krebsen, Spinnen, Insekten usw.).

Die Säugetiere und Amphibien besitzen die ungleichmäßige Furchung und

die Haubengastrula; ebenso die Schmelzfische (Ganoiden) und die

Rundmäuler (Pricken und Inger). Hingegen finden wir bei den meisten

Fischen und bei allen Reptilien und Vögeln die scheibenförmige Furchung

und die Scheibengastrula.

Der weitaus wichtigste Vorgang, welcher die verschiedenen

cenogenetischen Formen der Gastrulation bedingt, ist die _veränderte

Ernährung des Eies_ und die Anhäufung von _Nahrungsdotter_ in der

Eizelle. Unter diesem Begriffe fassen wir verschiedene chemische

Substanzen zusammen (hauptsächlich Körner von Eiweiß- und Fettkörpern),

welche ausschließlich als Reservestoff oder Nahrungsmaterial für den

Keim dienen. Da der Keim der Metazoen in der ersten Zeit seiner

Entwicklung noch nicht imstande ist, selbständig sich Nahrung zu

verschaffen und daraus den Tierkörper aufzubauen, muß das nötige

Material dazu bereits in der Eizelle aufgespeichert sein. Wir

unterscheiden daher in den Eiern allgemein als zwei Hauptbestandteile

den aktiven _Bildungsdotter_ (^Protoplasma^) und den passiven

_Nahrungsdotter_ (^Deutoplasma^) auch schlechtweg »Dotter« genannt. Bei

den kleinen palingenetischen Eiern sind die Dotterkörnchen so klein und

so gleichmäßig im Protoplasma der Eizelle verteilt, daß die regelmäßige

wiederholte Teilung derselben dadurch nicht beeinflußt wird. Bei der

großen Mehrzahl der Tiereier hingegen ist die Masse des Dottervorrats

mehr oder weniger ansehnlich, und derselbe ist in einem bestimmten Teile

der Eizelle angehäuft, so daß man schon am unbefruchteten Ei diese

»Proviantkammer« von dem Bildungsdotter deutlich unterscheiden kann.

Gewöhnlich tritt dann eine polare Differenzierung der Eizelle in der

Weise ein, daß eine Hauptachse an derselben sichtbar wird und daß der

Bildungsdotter (mit dem Keimbläschen) an einem Pole, der Nahrungsdotter

hingegen am entgegengesetzten Pole dieser Eiachse sich anhäuft; ersterer

heißt dann der _animale Pol_, letzterer der _vegetale_ Pol der

vertikalen Eiachse.

Bei solchen »telolecithalen Eiern« erfolgt dann allgemein die

Gastrulation in der Weise, daß bei der wiederholten Teilung des

befruchteten Eies die animale (gewöhnlich obere) Hälfte sich rascher

teilt als die vegetale (untere). Die Kontraktionen des aktiven

Protoplasma, welche die fortgesetzte Zellteilung bewirken, finden in der

unteren vegetalen Hälfte größeren Widerstand des passiven Deutoplasma

als in der oberen animalen Hälfte. Daher finden wir in der letzteren

zahlreichere, aber kleinere, in der ersteren weniger zahlreiche, aber

größere Zellen. Die animalen Zellen liefern das äußere, die vegetalen

das innere Keimblatt.

Obgleich diese »ungleichmäßige Furchung« der Rundmäuler, Ganoiden und

Amphibien von der ursprünglichen »gleichmäßigen Furchung« (z. B. der

Monoxenia) sich auf den ersten Blick unterscheidet, haben doch beide

Arten der Gastrulation das gemein, daß der Teilungsprozeß fortdauernd

die ganze Eizelle betrifft. Remak nannte sie daher totale Eifurchung und

die betreffenden Eier _holoblastisch_. Anders verhält es sich bei der

zweiten Hauptgruppe der Eier, welche er jenen als meroblastische

gegenüberstellte; dazu gehören die bekannten großen Eier der Vögel und

Reptilien, sowie der meisten Fische. Die träge Masse des passiven

Nahrungsdotters wird hier so groß, daß die Protoplasma-Kontraktionen des

aktiven Bildungsdotters ihre Teilung nicht mehr zu bewältigen vermögen.

Es erfolgt daher nur eine _partielle Eifurchung_. Während das

Protoplasma im animalen Bezirk der Eizelle sich unter lebhafter

Vermehrung der Kerne fortdauernd teilt, bleibt das Deutoplasma im

vegetalen Bezirk mehr oder weniger ungeteilt, es wird einfach als

Nahrungsmaterial von den sich bildenden Zellen aufgezehrt. Je größer die

Masse des angehäuften Proviants, desto mehr erscheint der

Furchungsprozeß lokal beschränkt. Jedoch kann derselbe noch lange Zeit

(selbst nachdem schon die Gastrulation mehr oder weniger vollendet ist)

in der Weise fortdauern, daß die im Deutoplasma verteilten vegetalen

Zellkerne sich durch Teilung langsam vermehren; da jeder derselben von

einer geringen Menge Protoplasma umhüllt ist, kann er sich später eine

Portion des Nahrungsdotters aneignen und so eine wahre »_Dotterzelle_«

bilden. Wenn diese vegetale Zellbildung sich noch längere Zeit

fortsetzt, nachdem bereits die beiden primären Keimblätter gesondert

sind, bezeichnet man den Prozeß als _Nachfurchung_ (Waldeyer).

Die meroblastischen Eier finden sich bloß bei größeren und höher

entwickelten Tieren, und nur bei solchen, deren Embryo längerer Zeit und

reichlicher Ernährung zu seiner Entwicklung innerhalb der Eihüllen

bedarf. Je nachdem der Nahrungsdotter zentral im Innern der Eizelle oder

exzentrisch, an einer Seite derselben, angehäuft ist, unterscheiden wir

zwei Gruppen von teilfurchenden Eiern, periblastische und

diskoblastische. Bei den ersteren, den _periblastischen_ Eiern, ist der

Nahrungsdotter zentral, im Innern der Eizelle eingeschlossen; der

Bildungsdotter umgibt ersteren blasenförmig, und daher erfährt derselbe

eine oberflächliche Furchung; eine solche findet sich im Stamme der

Gliedertiere, bei den Krebsen, Spinnen, Insekten usw. Bei den

_diskoblastischen_ Eiern hingegen häuft sich der Nahrungsdotter

einseitig, am vegetalen oder unteren Pole der senkrechten Eiachse an,

während am oberen oder animalen Pole der Eikern und die Hauptmasse des

Bildungsdotters liegt. Die Eifurchung beginnt hier am oberen Pole und

führt zur Bildung einer dorsalen Keimscheibe. Das ist der Fall bei allen

meroblastischen Wirbeltieren, bei den meisten Fischen, den Reptilien und

Vögeln, und den eierlegenden Säugetieren (Schnabeltieren).

Die Gastrulation der diskoblastischen Eier bietet der mikroskopischen

Untersuchung und der einheitlichen Erkenntnis außerordentliche

Schwierigkeiten dar. Diese zu überwinden ist erst den

_vergleichend_-ontogenetischen Untersuchungen gelungen, welche

zahlreiche ausgezeichnete Beobachter während der letzten Dezennien

angestellt haben; vor allen die Gebrüder Hertwig, Rabl, Kupffer,

Selenka, Rückert, Goette, Rauber u. a. Diese eingehenden und

sorgfältigen, mit Hilfe der vervollkommneten modernen Technik (Färbungs-

und Schnittmethoden) ausgeführten Untersuchungen haben in erfreulichster

Weise die Anschauungen bestätigt, welche ich zuerst 1875 in meiner

Abhandlung über die »Gastrula und die Eifurchung der Tiere« ausgeführt

hatte. Da das klare Verständnis dieser phylogenetisch begründeten

Anschauungen nicht allein für die Entwicklungsgeschichte im allgemeinen,

sondern auch für die Anthropogenie im besonderen von fundamentaler

Bedeutung ist, gestatte ich mir, dieselben hier nochmals kurz mit

Beziehung auf den Wirbeltierstamm zusammenzufassen.

1. Alle Wirbeltiere, mit Inbegriff des Menschen, sind phylogenetisch

verwandt, Glieder eines einzigen natürlichen Stammes. 2. Daher müssen

auch die ontogenetischen Grundzüge ihrer individuellen Entwicklung

phylogenetisch zusammenhängen. 3. Da die Gastrulation des Amphioxus die

einfachsten Verhältnisse in der ursprünglichen palingenetischen Form

zeigt, muß diejenige der übrigen Wirbeltiere sich von der ersteren

ableiten lassen. 4. Die cenogenetischen Abänderungen der letzteren

werden um so bedeutender, je mehr Nahrungsdotter sich im Ei ansammelt.

5. Obgleich die Masse des Nahrungsdotters in den Eiern der

diskoblastischen Wirbeltiere sehr groß werden kann, geht doch in allen

Fällen aus der Morula ebenso eine Keimblase oder Blastula hervor, wie

bei den holoblastischen Eiern. 6. Ebenso entsteht in allen Fällen aus

der Keimblase durch Einstülpung oder Invagination die Gastrula. 7. Die

Höhle, welche durch diese Einstülpung im Keim entsteht, ist in allen

Fällen der Urdarm und seine Öffnung der Urmund. 8. Der Nahrungsdotter,

gleichviel ob groß oder klein, liegt stets in der Bauchwand des Urdarms,

die Zellen, welche nachträglich (durch »Nachfurchung«) in demselben

entstehen können, gehören ebenso dem inneren Keimblatt oder Endoblast

an, wie die Zellen, welche die Urdarmhöhle unmittelbar einschließen. 9.

Der Urmund welcher ursprünglich unten am Basalpol der vertikalen Achse

liegt, wird durch das Dotterwachstum nach hinten und dann nach oben, auf

die Dorsalseite des Keimes gedrängt; die vertikale Achse des Urdarms

wird dadurch allmählich in horizontale Lage gedrängt. 10. Der Urmund

kommt bei allen Wirbeltieren früher oder später zum Verschlusse und geht

nicht in die bleibende Mundöffnung über; vielmehr entspricht der

Urmundrand der späteren Aftergegend. Von dieser bedeutungsvollen Stelle

geht weiterhin die Bildung des mittleren Keimblattes aus, das von hier

aus zwischen die beiden primären Keimblätter hineinwächst.

Die ausgedehnten vergleichenden Untersuchungen der vorher erwähnten

Forscher haben ferner ergeben, daß bei den diskoblastischen höheren

Wirbeltieren (Reptilien, Vögel, Säugetiere) der lange vergeblich

gesuchte »_Urmund_« der Keimscheibe überall an deren Hinterende sich

findet und nichts anderes ist als die längst bekannte »_Primitivrinne_«.

Das ist eine in der hinteren Rückenfläche der scheibenförmigen Gastrula

gelegene Rinne, die früher irrtümlich mit dem Hinterteil des

Medullarrohrs verwechselt wurde. Allerdings steht sie mit diesem eine

Zeitlang in direktem Zusammenhang; allein ursprünglich ist sie nach

Anlage und Bedeutung ganz davon verschieden. Die beiden parallelen

Längswülste, welche diese schmale, in der Mittellinie gelegene

»Primitivrinne« einschließen, sind die beiden _Urmundlippen_, rechte und

linke. Der Urmund, der ursprünglich (bei den holoblastischen

Wirbeltieren) eine kleine kreisrunde Öffnung ist, ändert also (infolge

der wachsenden Anhäufung des Nahrungsdotters und der dadurch bedingten

Ausdehnung der Bauchwand des Urdarms) nicht allein seine Lage und

Richtung, sondern auch seine Gestalt und Ausdehnung. Er verwandelt sich

zunächst in eine sichelförmige Querspalte (»Sichelrinne«), an der wir

eine untere und eine obere Urmundlippe unterscheiden. Die breite

Querspalte wird aber bald schmäler und verwandelt sich in eine

Längsspalte (ähnlich einer »Hasenscharte«), indem rechte und linke

Hälfte der »Sichelrinne« sich verkürzen, der Mittelteil sich nach vorn

verlängert und die beiden Hälften der dorsalen Oberlippe nach vorn

auswachsen. Letztere berühren sich später in der Medianlinie und bilden

den wichtigen sogenannten »Primitivstreif«.

Die Gastrulation läßt sich somit bei allen Wirbeltieren auf einen und

denselben Vorgang zurückführen. Ebenso lassen sich auch die

verschiedenen Formen derselben bei den wirbellosen Metazoen immer auf

eine von jenen vier Hauptformen der Eifurchung reduzieren. Mit Bezug auf

die Unterscheidung der totalen und partiellen Eifurchung stellt sich das

Verhältnis der vier Eifurchungsformen zueinander folgendermaßen:

I. Palingenetische { 1. Gleichmäßige Furchung }

(ursprüngliche) { (Glockengastrula). }

Furchung { }

} A. Totale Furchung

} (ohne selbständigen

} Nahrungsdotter).

{ 2. Ungleichmäßige Furchung }

{ (Haubengastrula). }

{

II. Cenogenetische {

(durch {

Anpassung { 3. Scheibenartige Furchung }

abgeänderte) { (Scheibengastrula). } B. Partielle Furchung

Furchung. { } (mit selbständigem

{ 4. Oberflächliche Furchung } Nahrungsdotter).

{ (Blasengastrula). }

Die niedersten Metazoen, welche wir kennen, nämlich die niederen

Pflanzentiere (Schwämme, einfachste Polypen usw.), bleiben zeitlebens

auf einer Bildungsstufe stehen, welche von der Gastrula nur sehr wenig

verschieden ist; ihr ganzer Körper ist nur aus zwei Zellenschichten oder

Blättern zusammengesetzt. Diese Tatsache ist von außerordentlicher

Bedeutung. Denn wir sehen, daß der Mensch, und überhaupt jedes

Wirbeltier, rasch vorübergehend ein zweiblätteriges Bildungsstadium

durchläuft, welches bei jenen niedersten Pflanzentieren zeitlebens

erhalten bleibt. Wenn wir hier wieder unser Biogenetisches Grundgesetz

(Seite 35) anwenden, so gelangen wir sofort zu folgendem hochwichtigen

Schlusse: »_Der Mensch und alle anderen Tiere, welche in ihrer ersten

individuellen Entwicklungsperiode eine zweiblätterige Bildungsstufe oder

eine Gastrulaform durchlaufen, müssen von einer uralten einfachen

Stammform abstammen, deren ganzer Körper zeitlebens (wie bei den

niedersten Pflanzentieren noch heute) nur aus zwei verschiedenen

Zellenschichten oder Keimblättern bestanden hat._« Wir wollen diese

bedeutungsvolle uralte Stammform _Gasträa_ (d. h. Urdarmtier) nennen.

Nach dieser Gasträatheorie ist ein Organ bei allen vielzelligen Tieren

ursprünglich von derselben morphologischen und physiologischen

Bedeutung: der _Urdarm_, und ebenso müssen auch die beiden primären

Keimblätter, welche die Wand des Urdarms bilden, überall als

gleichbedeutend oder »homolog« angesehen werden. Diese wichtige

»_Homologie der beiden primären Keimblätter_« wird einerseits dadurch

bewiesen, daß überall die Gastrula ursprünglich auf dieselbe Weise

entsteht, nämlich durch Einstülpung der Blastula; und anderseits

dadurch, daß überall dieselben fundamentalen Organe aus den beiden

Keimblättern hervorgehen. Überall bildet das äußere Keimblatt, das

Hautblatt oder Ektoderm, die wichtigsten Organe des animalen Lebens:

Hautdecke, Nervensystem, Sinnesorgane usw. Hingegen entstehen aus dem

inneren Keimblatt, aus dem Darmblatt oder Entoderm, die wichtigsten

Organe des vegetativen Lebens: die Organe der Ernährung, Verdauung,

Blutbildung usw.

Bei denjenigen niederen Pflanzentieren, deren ganzer Körper zeitlebens

auf der zweiblätterigen Bildungsstufe stehenbleibt, bei den Gasträaden,

den einfachsten Schwämmen (^Olynthus^) und Polypen (^Hydra^), bleiben

auch diese beiden Funktionsgruppen, animale und vegetative Leistungen,

scharf auf die beiden einfachen primären Keimblätter verteilt.

Zeitlebens behält hier das äußere Keimblatt die einfache Bedeutung einer

umhüllenden Decke (einer Oberhaut) und vollzieht zugleich die Bewegungen

und Empfindungen des Körpers. Hingegen das innere Keimblatt besitzt

zeitlebens die einfache Bedeutung einer ernährenden Darmzellenschicht

und liefert außerdem häufig noch die Fortpflanzungszellen.

Das bekannteste von diesen Gasträaden oder »gastrulaähnlichen Tieren«

ist der gemeine Süßwasserpolyp (^Hydra^). Allerdings besitzt dieses

einfachste aller Nesseltiere noch einen Kranz von Tentakeln oder

Fangfäden, welcher den Mund umgibt. Auch ist das äußere Keimblatt

bereits etwas histologisch differenziert. Aber diese Zutaten sind erst

sekundär entstanden, und das innere Keimblatt ist eine ganz einfache

Zellenschicht geblieben. In der Hauptsache hat auch die Hydra den

einfachen Körperbau unserer uralten Stammutter Gasträa bis auf den

heutigen Tag durch zähe Vererbung getreu konserviert.

Bei allen übrigen Tieren, und namentlich bei allen Wirbeltieren,

erscheint die Gastrula nur als ein rasch vorübergehender Keimzustand.

Hier verwandelt sich vielmehr bald das zweiblätterige Stadium der

Keimanlage zunächst in ein dreiblätteriges und dann in ein

vierblätteriges Stadium. Mit dem Zustandekommen von vier übereinander

liegenden Keimblättern haben wir wieder einen festen und sicheren

Standpunkt gewonnen, von welchem aus wir die weiteren, viel

schwierigeren und verwickelteren Vorgänge der Ausbildung beurteilen und

verfolgen können.

(Aus »Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen«.)

IV.

Erfahrung und Erkenntnis.

»Die wichtigsten Wahrheiten in den Naturwissenschaften sind weder allein

durch Zergliederung der Begriffe der Philosophie, noch allein durch

bloßes Erfahren gefunden worden, sondern durch eine denkende Erfahrung,

welche das Wesentliche von dem Zufälligen in der Erfahrung unterscheidet

und dadurch Grundsätze findet, aus welchen viele Erfahrungen abgeleitet

werden. Dies ist mehr als bloßes Erfahren, und wenn man will, eine

philosophische Erfahrung.« (Johannes Müller, Handbuch der Physiologie

des Menschen.)

»Vergleichen wir die morphologischen Wissenschaften mit den

physikalischen Theorien, so müssen wir uns gestehen, daß erstere in

jeder Hinsicht unendlich weit zurück sind. Die Ursache dieser

Erscheinung liegt nun allerdings zum Teil in dem Gegenstande, dessen

verwickeltere Verhältnisse sich noch am meisten der mathematischen

Behandlung entziehen, aber großenteils ist auch die große Nichtachtung

methodologischer Verständigung daran schuld, indem man sich einerseits

durchaus nicht um scharfe Fassung der leitenden Prinzipien bekümmert,

anderseits selbst die allgemeinsten und bekanntesten Anforderungen der

Philosophie hintangesetzt hat, weil bei dem weiten Abstande ihrer

allgemeinen Aussprüche von den Einzelheiten, mit denen sich die

empirischen Naturwissenschaften beschäftigen, die Notwendigkeit ihrer

Anwendung sich der unmittelbaren Auffassung entzog. So sind gar viele

Arbeiter in dieser Beziehung durchaus nicht mit ihrer Aufgabe

verständigt, und die Fortschritte in der Wissenschaft hängen oft rein

vom Zufall ab.« (Schleiden, Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik.)

Wir erlauben uns, dieses methodologische Kapitel,[3] welches die Mittel

und Wege zur Lösung unserer morphologischen Aufgaben zeigen soll, mit

zwei vortrefflichen Aussprüchen von den beiden größten Morphologen

einzuleiten, welche im fünften Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts

die organische Naturwissenschaft in Deutschland beherrschten. Wie

Johannes Müller für die Zoologie, so hat Schleiden damals für die

Botanik mit der klarsten Bestimmtheit den Weg gewiesen, welcher uns

allein auf dem Gebiete der Biologie, und insbesondere auf dem der

Morphologie, zu dem Ziele unserer Wissenschaft hinzuführen vermag.

Dieser einzig mögliche Weg kann natürlich kein anderer sein als

derjenige, welcher für alle Naturwissenschaften -- oder, was dasselbe

ist, für alle wahren Wissenschaften -- ausschließliche Gültigkeit hat.

Es ist dies der Weg der denkenden Erfahrung, der Weg der philosophischen

Empirie. Wir könnten ihn ebensogut als den Weg des erfahrungsmäßigen

Denkens, den Weg der empirischen Philosophie bezeichnen.

[Fußnote 3: Im vierten Kapitel seiner 1866 erschienenen »generellen

Morphologie« behandelt Haeckel kritisch die »naturwissenschaftlichen

Methoden, welche sich gegenseitig notwendig ergänzen müssen«. Es sind

dies 1. Empirie und Philosophie (Erfahrung und Erkenntnis), 2. Analyse

und Synthese und 3. Induktion und Deduktion. Wir geben hier den ersten

Abschnitt dieser »Methodik der Morphologie der Organismen« wieder, weil

die darin niedergelegten »unerschütterlichen Überzeugungen« für das

gesamte spätere Lebenswerk des Jenaer Naturforschers maßgebend geblieben

sind. Aus der innigen Verbindung von empirischer Beobachtung und

philosophischer Theorie beruhen seine sämtlichen wissenschaftlichen

Werke. (Anm. d. H.)]

Absichtlich stellen wir die bedeutenden Aussprüche dieser beiden großen

»empirischen und exakten« Naturforscher an die Spitze dieses

methodologischen Kapitels, weil wir dadurch hoffen, die Aufmerksamkeit

der heutigen Morphologen und der Biologen überhaupt intensiver auf einen

Punkt zu lenken, der nach unserer innigsten Überzeugung für den

Fortschritt der gesamten Biologie, und der Morphologie insbesondere, von

der allergrößten Bedeutung ist, der aber gerade im gegenwärtigen

Zeitpunkte in demselben Maße von den allermeisten Naturforschern völlig

vernachlässigt wird, als er vor allen anderen hervorgehoben zu werden

verdiente. Es ist dies die gegenseitige Ergänzung von Beobachtung und

Gedanken, der innige Zusammenhang von Naturbeschreibung und

Naturphilosophie, die notwendige Wechselwirkung zwischen Empirie und

Theorie.

Einer der größten Morphologen, den unser deutsches Vaterland erzeugt

hat, Karl Ernst v. Bär, hat dem klassischen Werke, durch welches er die

tierische Ontogenie, eine sogenannte »rein empirische und deskriptive

Wissenschaft«, neu begründete, den Titel vorangesetzt: »Über

Entwicklungsgeschichte der Tiere. _Beobachtung und Reflexion._« Wenn

seine Nachfolger diese drei Worte stets bei ihren Arbeiten im Auge

behalten hätten, würde es besser um unsere Wissenschaft aussehen, als es

jetzt leider aussieht. »Beobachtung und Reflexion« sollte die

Überschrift jeder wahrhaft _naturwissenschaftlichen_ Arbeit lauten

können. Bei wie vielen aber ist dies möglich? Wenn wir ehrlich sein

wollen, können wir ihre Zahl kaum gering genug anschlagen und finden

unter Hunderten kaum eine. Und dennoch können nur durch die innigste

Wechselwirkung von Beobachtung und Reflexion wirkliche Fortschritte in

jeder Naturwissenschaft, und also auch in der Morphologie, gemacht

werden. Hören wir weiter, was K. E. v. Bär, der »empirische und exakte«

Naturforscher, in dieser Beziehung sagt:

»Zwei Wege sind es, aus denen die Naturwissenschaft gefördert werden

kann: Beobachtung und Reflexion. Die Forscher ergreifen meistens für den

einen von beiden Partei. Einige verlangen nach _Tatsachen_, andere nach

Resultaten und allgemeinen _Gesetzen_, jene nach _Kenntnis_, diese nach

_Erkenntnis_, jene möchten für besonnen, diese für tiefblickend gelten.

Glücklicherweise ist der Geist des Menschen selten so einseitig

ausgebildet, daß es ihm möglich wird, nur den einen Weg der Forschung zu

gehen, ohne auf den anderen Rücksicht zu nehmen. Unwillkürlich wird der

Verächter der Abstraktion sich von Gedanken bei seiner Beobachtung

beschleichen lassen; und nur in kurzen Perioden der Fieberhitze ist sein

Gegner vermögend, sich der Spekulation im Felde der Naturwissenschaft

mit völliger Hintansetzung der Erfahrung hinzugeben. Indessen bleibt

immer, für die Individuen sowohl als für ganze Perioden der

Wissenschaft, die eine Tendenz die vorherrschende, der man mit

Bewußtsein des Zwecks sich hingibt, wenn auch die andere nicht ganz

fehlt.«

Mit diesen wenigen Worten ist das gegenseitige Wechselverhältnis von

Beobachtung und Reflexion, die notwendige Verbindung von empirischer

Tatsachenkenntnis und von philosophischer Gesetzeserkenntnis treffend

bezeichnet. Aber auch die Tatsache, daß in den einzelnen Naturforschern

sowohl als in den einzelnen Perioden der Naturwissenschaft selten beide

Richtungen in harmonischer Eintracht und gegenseitiger Durchdringung

zusammenwirken, vielmehr eine von beiden fast immer bedeutend über die

andere überwiegt, ist von Bär sehr richtig hervorgehoben worden, und

gerade dieser Punkt ist es, auf den wir hier zunächst die besondere

Aufmerksamkeit lenken möchten. Denn wenn wir einerseits überzeugt sind,

daß wir nur durch die gemeinsame Tätigkeit beider Richtungen dem Ziele

unserer Wissenschaft uns nähern können, und wenn wir anderseits zu der

Einsicht gelangen, welche von beiden Richtungen im gegenwärtigen Stadium

unserer wissenschaftlichen Entwicklung die einseitig überwiegende ist,

so werden wir auch die Mittel zur Hebung dieser Einseitigkeit angeben

und die Methode bestimmen können, welche die Morphologie gegenwärtig

zunächst und vorzugsweise einzuschlagen hat.

Es bedarf nun keines allzu tiefen Scharfblicks und keines allzu weiten

Überblicks, um alsbald zu der Überzeugung zu gelangen, daß in dem ganzen

zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts und darüber hinaus bis

jetzt, und zwar vorzüglich vom Jahre 1840-1860, die rein empirische und

»exakte« Richtung ganz überwiegend in der Biologie und vor allem in der

Morphologie geherrscht, und daß sie diese Alleinherrschaft in

fortschreitendem Maße dergestalt ausgedehnt hat, daß die spekulative

oder philosopische Richtung im fünften Dezennium vorigen Jahrhunderts

fast vollständig von ihr verdrängt war. Auf allen Gebieten der Biologie,

sowohl in der Zoologie als in der Botanik, galt während dieses Zeitraums

allgemein die Naturbeobachtung und die Naturbeschreibung als »die

eigentliche Naturwissenschaft«, und die »Naturphilosophie« wurde als

eine Verirrung betrachtet, als ein Phantasiespiel, welches nicht nur

nichts mit der Beobachtung und Beschreibung zu tun habe, sondern auch

gänzlich aus dem Gebiete der »eigentlichen Naturwissenschaft« zu

verbannen sei. Freilich war diese einseitige Verkennung der Philosophie

nur zu sehr gefördert und gerechtfertigt durch das verkehrte und

willkürliche Verfahren der sogenannten »Naturphilosophie«, welche im

ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Naturwissenschaft zu

unterwerfen suchte, und welche, statt von empirischer Basis auszugehen,

in der ungemessensten Weise ihrer wilden und erfahrungslosen Phantasie

die Zügel schießen ließ. Die namentlich von Oken, Schelling usw.

ausgehende Naturphantasterei mußte ganz natürlich als anderes Extrem den

krassesten Empirismus hervorrufen. Der natürliche Rückschlag gegen diese

letztere in demselben Grade einseitige Richtung trat erst im Jahre 1859

ein, als Charles Darwin seine großartige Entdeckung der »natürlichen

Züchtung« veröffentlichte und damit den Anstoß zu einem allgemeinen

Umschwung der gesamten Biologie und namentlich der Morphologie gab. Die

gedankenvolle Naturbetrachtung, der im besten Sinne philosophische, d.

h. naturgemäß denkende Geist, welcher sein epochemachendes Werk

durchzieht, wird der vergessenen und verlassenen Naturphilosophie wieder

zu dem ihr gebührenden Platze verhelfen und den Beginn einer neuen

Periode der Wissenschaft bezeichnen. Freilich ist dieser gewaltige

Umschwung bei weitem noch nicht zu allgemeinem Durchbruch gelangt; die

Mehrzahl der Biologen ist noch zu sehr und zu allgemein in den Folgen

der vorher überall herrschenden einseitig empirischen Richtung befangen,

als daß wir die Rückkehr zur denkenden Naturbetrachtung als eine bewußte

und allgemeine bezeichnen könnten. Indes hat dieselbe doch bereits in

einigen Kreisen begonnen, an vielen Stellen feste Wurzel geschlagen, und

wird voraussichtlich nicht allein in den nächsten Jahren schon das

verlorene Terrain wieder erobern, sondern in wenigen Dezennien sich so

allgemeine Geltung verschafft haben, daß man (wohl noch vor Ablauf des

neunzehnten Jahrhunderts) verwundert auf die Beschränktheit und

Verblendung zahlreicher Naturforscher zurückblicken wird, die heute noch

die Philosophie von dem Gebiete der Biologie ausschließen wollen. Wir

unsererseits sind unerschütterlich davon überzeugt, daß man in der

wahrhaft »erkennenden« Wissenschaft die Empirie und die Philosophie gar

nicht voneinander trennen kann. Jene ist nur die erste und niederste,

diese die letzte und höchste Stufe der Erkenntnis. _Alle wahre

Naturwissenschaft ist Philosophie und alle wahre Philosophie ist

Naturwissenschaft._ _Alle wahre Wissenschaft aber ist in diesem Sinne

Naturphilosophie._

In der Tat könnte heute schon die allgemein übliche einseitige

Ausschließung der Philosophie aus der Naturwissenschaft jedem objektiv

dies Verhältnis betrachtenden Gebildeten als ein befremdendes Rätsel

erscheinen, wenn nicht der Entwicklungsgang der Biologie selbst ihm die

Lösung dieses Rätsels sehr nahe legte. Wenn wir die Geschichte unserer

Wissenschaft in den allgemeinsten Zügen überblicken, so bemerken wir

alsbald, daß die beiden scheinbar entgegengesetzten, in der Tat aber

innig verbundenen Forschungsrichtungen in der Naturwissenschaft, die

beobachtende oder empirische und die denkende oder philosophische, zwar

stets mehr oder minder eng verbunden nebeneinander herlaufen, daß aber

doch, wie es Bär sehr richtig ausdrückt, immer die eine der beiden

Richtungen über die andere bedeutend überwiegt, und zwar »sowohl für die

Individuen, als für ganze Perioden der Wissenschaft«. So finden wir ein

beständiges Oszillieren, einen Wechsel der beiden Richtungen, der uns

zeigt, daß niemals in gleichmäßigem Fortschritt, sondern stets in

wechselnder Wellenbewegung die Biologie ihrem Ziele sich nähert. Die

Exzesse, welche jede der beiden Forschungsrichtungen begeht, sobald sie

das Übergewicht über die andere gewonnen hat, die Ausschließlichkeit,

durch welche jede in der Regel sich als die allein richtige, als die

»eigentliche« Methode der Naturwissenschaft betrachtet, führen nach

längerer oder kürzerer Dauer wieder zu einem Umschwung, welcher der

überlegenen Gegnerin abermals zur Herrschaft verhilft.

Wie dieser regelmäßige Regierungswechsel von empirischer und

philosophischer Naturforschung auf dem gesamten Gebiete der Biologie uns

überall entgegentritt, so sehen wir ganz besonders bei einem allgemeinen

Überblick des Entwicklungsganges, den die Morphologie vom Anfang des

achtzehnten Jahrhunderts an genommen, daß die beiden feindlichen

Schwestern, die doch im Grunde nicht ohne einander leben können, stets

abwechselnd die Herrschaft behauptet haben. Nachdem Linné die

Morphologie der Organismen zum ersten Male in feste wissenschaftliche

Form gebracht und ihr das systematische Gewand angezogen hatte, wurde

zunächst der allgemeine Strom der neubelebten Naturforschung auf die

rein empirische Beobachtung und Beschreibung der zahllosen neuen Formen

hingelenkt, welche unterschieden, benannt und in das Fachwerk des

Systems eingeordnet werden mußten. Die systematische Beschreibung und

Benennung, als Mittel des geordneten Überblicks der zahllosen

Einzelformen, wurde aber bald Selbstzweck, und damit verlor sich die

Formbeobachtung der Tiere und Pflanzen in der gedankenlosesten Empirie.

Das massenhaft sich anhäufende Rohmaterial forderte mehr und mehr zu

einer denkenden Verwertung desselben auf, und so entstand die Schule der

Naturphilosophen, als deren bedeutendsten Forscher, wenn auch nicht

(wegen mangelnder Anerkennung) als deren eigentlichen Begründer wir

Lamarck bezeichnen müssen.[4] In Deutschland vorzüglich durch _Oken_ und

_Goethe_, in Frankreich durch _Lamarck_ und Etienne _Geoffroy S.

Hilaire_ vertreten, war diese ältere Naturphilosophie eifrigst bemüht,

aus dem Chaos der zahllosen Einzelbeobachtungen, die sich immer mehr zu

einem unübersehbaren Berge häuften, allgemeine Gesetze abzuleiten und

den Zusammenhang der Erscheinungen zu ermitteln. Wie weit sie schon

damals auf diesem Wege gelangte, zeigt die klassische ^Philosophie

zoologique^ von Lamarck (1809) und die bewunderungswürdige Metamorphose

der Pflanzen von _Goethe_ (1790). Doch war die empirische Basis, auf

welcher diese Heroen der Naturforschung ihre genialen Gedankengebäude

errichteten, noch zu schmal und unvollkommen, die ganze damalige

Kenntnis der Organismen noch zu sehr bloß auf die äußeren

Formverhältnisse beschränkt, als daß ihre denkende Naturbetrachtung die

festesten Anhaltspunkte hätte gewinnen und die darauf gegründeten

allgemeinen Gesetze schon damals eine weitere Geltung hätten erringen

können. Entwicklungsgeschichte und Paläontologie existierten noch nicht,

und die vergleichende Anatomie hatte kaum noch Wurzeln geschlagen. Wie

weit aber diese Genien trotzdem ihrer Zeit vorauseilten, bezeugt vor

allem die (in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast allgemein

ignorierte) Tatsache, daß beide, sowohl Lamarck als Goethe, die

wichtigsten Sätze der Deszendenztheorie bereits mit voller Klarheit und

Bestimmtheit aussprachen. Erst ein volles halbes Jahrhundert später

sollte _Darwin_ dafür die Beweise liefern.

[Fußnote 4: Selten ist wohl das Verdienst eines der bedeutendsten Männer

so völlig von seinen Zeitgenossen verkannt und gar nicht gewürdigt

worden, wie es mit Lamarck ein halbes Jahrhundert hindurch der Fall war.

Nichts beweist dies vielleicht so schlagend als der Umstand, daß Cuvier

in seinem Bericht über die Fortschritte der Naturwissenschaften, in

welchem auch die unbedeutendsten Bereicherungen des empirischen

Materials aufgeführt werden, des bedeutendsten aller biologischen Werke

jenes Zeitraums, der ^Philosophie zoologique^ von Lamarck, mit keinem

Worte Erwähnung tut!]

Die eigentliche Blütezeit der älteren Naturphilosophie fällt in die

ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts. Aber schon im zweiten und

noch schneller im dritten näherte sie sich ihrem jähen Untergange, teils

durch eigene Verblendung und Ausartung, teils durch Mangel an

Verständnis bei der Mehrzahl der Zeitgenossen, teils durch das rasche

und glänzende Emporblühen der empirischen Richtung, welche in _Cuvier_

einen neuen und gewaltigen Reformator fand. Gegenüber der willkürlichen

und verkehrten Phantasterei, in welche die Naturphilosophie bald sowohl

in Frankreich als in Deutschland damals ausartete, war es dem exakten,

strengen und auf der breitesten empirischen Basis stehenden Cuvier ein

leichtes, die verwilderten und undisziplinierten Gegner aus dem Felde zu

schlagen. Bekanntlich war es der 22. Februar 1830, an welchem der

Konflikt zwischen den beiden entgegengesetzten Richtungen in der Pariser

Akademie zum öffentlichen Austrage kam und damit definitiv geendigt zu

sein schien, daß Cuvier seinen Hauptgegner E. Geoffroy S. Hilaire mit

Hilfe seiner überwiegenden empirischen Beweismittel in den Augen der

großen Mehrheit vollständig besiegte. Dieser merkwürdige öffentliche

Konflikt, durch welchen die Niederlage der älteren Naturphilosophie

besiegelt wurde, ist in mehrfacher Beziehung von höchstem Interesse,

vorzüglich auch deshalb, weil er von _Goethe_ in der meisterhaftesten

Form in einem kritischen Aufsatze dargestellt wurde, welchen derselbe

wenige Tage vor seinem Tode (im März 1832) vollendete. Dieser höchst

lesenswerte Aufsatz, das letzte schriftliche Vermächtnis, welches der

deutsche Dichterfürst uns hinterlassen, enthält nicht allein eine

vortreffliche Charakteristik von Cuvier und Geoffroy S. Hilaire, sondern

auch eine ausgezeichnete Darstellung der beiden entgegengesetzten von

ihnen vertretenen Richtungen, »des immerwährenden Konfliktes zwischen

den Denkweisen, in die sich die wissenschaftliche Welt schon lange

trennt; zwei Denkweisen, welche sich in dem menschlichen Geschlechte

meistens getrennt und dergestalt verteilt finden, daß sie, wie überall,

so auch im Wissenschaftlichen, schwer zusammen verbunden angetroffen

werden, und wie sie getrennt sind, sich nicht wohl vereinigen mögen.

Haben wir die Geschichte der Wissenschaften und eine eigene lange

Erfahrung vor Augen, so möchte man befürchten, die menschliche Natur

werde sich von diesem Zwiespalt kaum jemals retten können.«

Die Niederlage der älteren Naturphilosophie, welche Cuvier als der

Heerführer der neu erstehenden »exakten Empirie« herbeigeführt und in

jenem Konflikt offenbar gemacht hatte, war so vollständig, daß in den

folgenden drei Dezennien, von 1830-1860, unter der nun allgemein sich

ausbreitenden empirischen Schule von Philosophie gar keine Rede mehr

war. Mit den Träumereien und Phantasiespielen jener ausgearteten

Naturphantasterei wurden auch die wahren und großen Verdienste der alten

Naturphilosophie vergessen, aus der jene hervorgegangen war, und man

gewöhnte sich sehr allgemein an die Vorstellung, daß Naturwissenschaft

und Philosophie in einem unversöhnlichen Gegensatze zueinander ständen.

Dieser Irrtum wurde dadurch insbesondere begünstigt, daß die

verbesserten Instrumente und Beobachtungsmethoden der Neuzeit, und vor

allem die sehr verbesserten Mikroskope, der empirischen Naturbeobachtung

ein unendlich weites Feld der Forschung eröffneten, aus welchem es ein

leichtes war, mit wenig Mühe und ohne große Gedankenanstrengung

Entdeckungen neuer Formverhältnisse in Hülle und Fülle zu machen.

Während die Beobachtungen der ersten empirischen Periode, welche sich

aus _Linnés_ Schule entwickelte, vorzugsweise nur auf die _äußeren_

Formverhältnisse der Organismen gerichtet gewesen waren, wandte sich nun

die zweite empirische Periode, welche aus _Cuviers_ Schule hervorging,

vorwiegend der Beobachtung des _inneren_ Baues der Tiere und Pflanzen

zu. Und in der Tat gab es hier, nachdem Cuvier durch Begründung der

vergleichenden Anatomie und der Paläontologie ein weites neues Feld der

Beobachtung geöffnet, nachdem _Bär_ durch Reformation der

Entwicklungsgeschichte und _Schwann_ durch Begründung der Gewebelehre

auf dem tierischen, _Schleiden_ auf dem pflanzlichen Gebiete neue und

große Ziele gesteckt, nachdem _Johannes Müller_ die gesamte Biologie mit

gewaltiger Hand in die neugeöffneten Bahnen der exakten Beobachtung

hineingewiesen hatte, überall so unendlich viel zu beobachten und zu

beschreiben, es wurde so leicht, mit nur wenig Geduld, Fleiß und

Beobachtungsgabe neue Tatsachen zu entdecken, daß wir uns nicht wundern

können, wenn darüber die leitenden Prinzipien der Naturforschung

gänzlich vernachlässigt und die erklärende Gedankenarbeit von den

meisten völlig vergessen wurde. Da noch im gegenwärtigen Augenblick

diese »rein empirische« Richtung die allgemein überwiegende ist, da

die Bezeichnung der Naturphilosophie noch in den weitesten

naturwissenschaftlichen Kreisen nur als Schimpfwort gilt und selbst von

den hervorragendsten Biologen nur in diesem Sinne gebraucht wird, so

haben wir nicht nötig, die grenzenlose Einseitigkeit dieser Richtung

noch näher zu erläutern und werden nur noch insofern näher darauf

eingehen, als wir gezwungen sind, unseren Zeitgenossen ihr

»exakt-empirisches«, d. h. gedankenloses und beschränktes Spiegelbild

vorzuhalten. Wir wollen hier nur noch auf die seltsame Selbsttäuschung

hinweisen, in welcher die neuere Biologie befangen ist, wenn sie die

nackte gedankenlose Beschreibung _innerer_ und feinerer, insbesondere

_mikroskopischer_ Formverhältnisse als »_wissenschaftliche Zoologie_«

und »_wissenschaftliche Botanik_« preist und mit nicht geringem Stolze

der früher ausschließlich herrschenden reinen Beschreibung der _äußeren_

und gröberen Formverhältnisse gegenüberstellt, welche die sogenannten

»Systematiker« beschäftigt. Sobald bei diesen beiden Richtungen, die

sich so scharf gegenüberzustellen belieben, die Beschreibung an sich das

Ziel ist (gleichviel ob der inneren oder äußeren, der feineren oder

gröberen Formen), so ist die eine genau so viel wert als die andere.

Beide werden erst zur Wissenschaft, wenn sie die Form zu erklären und

auf Gesetze zurückzuführen streben.

Nach unserer eigenen innigsten Überzeugung ist der Rückschlag, der gegen

diese ganze einseitige und daher beschränkte Empirie notwendig früher

oder später erfolgen mußte, bereits tatsächlich erfolgt, wenn auch

zunächst nur in wenigen engen Kreisen. Die 1859 von _Charles Darwin_

veröffentlichte Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl im Kampfe

ums Dasein, eine der größten Entdeckungen des menschlichen

Forschungstriebes, hat mit einem Male ein so gewaltiges und klärendes

Licht in das dunkle Chaos der haufenweis gesammelten biologischen

Tatsachen geworfen, daß es auch den krassesten Empirikern fernerhin,

wenn sie überhaupt mit der Wissenschaft fortschreiten wollen, nicht mehr

möglich sein wird, sich der daraus emporwachsenden neuen

Naturphilosophie zu entziehen. Indem die von Darwin neu begründete

Deszendenztheorie die ganze gewaltige Fülle der seither empirisch

angehäuften Tatsachenmassen durch einen einzigen genialen Gedanken

erleuchtet, die schwierigsten Probleme der Biologie aus dem einen

obersten Gesetze der »wirkenden Ursachen« vollständig erklärt, die

unzusammenhängende Masse aller biologischen Erscheinungen auf dieses

eine einfache große Naturgesetz zurückführt, hat sie bereits tatsächlich

die bisher ausschließlich herrschende Empirie völlig überflügelt und

einer neuen und gesunden Philosophie die weiteste und fruchtbarste Bahn

geöffnet. Es ist eine Hauptaufgabe der »generellen Morphologie« zu

zeigen, wie die wichtigsten Erscheinungsreihen der Morphologie sich mit

Hilfe derselben vollständig erklären und auf große und allgemeine

Naturgesetze zurückführen lassen.

Wenn wir das Resultat dieses flüchtigen Überblickes über den inneren

Entwicklungsgang der Morphologie in wenigen Worten zusammenfassen, so

können wir füglich von Beginn des achtzehnten Jahrhunderts an bis jetzt

vier abwechselnd empirische und philosophische Perioden der Morphologie

unterscheiden, welche durch die Namen von Linné, Lamarck, Cuvier, Darwin

bezeichnet sind, nämlich: I. Periode: _Linné_, (geb. 1707). _Erste

empirische Periode_ (achtzehntes Jahrhundert). Herrschaft der

empirischen äußeren Morphologie (Systematik). II. Periode: _Lamarck_

(geb. 1744) und _Goethe_ (geb. 1749).[5] _Erste philosophische Periode_

(erstes Drittel des neunzehnten Jahrhunderts). Herrschaft der

phantastisch-philosophischen Morphologie (ältere Naturphilosophie). III.

Periode: _Cuvier_ (geb. 1769).[6] _Zweite empirische Periode_ (zweites

Drittel des neunzehnten Jahrhunderts). Herrschaft der empirischen

inneren Morphologie (Anatomie). IV. Periode: _Darwin_ (geb. 1809).

_Zweite philosophische Periode_. Begonnen 1859. Herrschaft der

empirisch-philosophischen Morphologie (neuere Naturphilosophie).

[Fußnote 5: Wir nennen hier absichtlich Lamarck und Goethe als die

geistvollsten Repräsentanten der älteren Naturphilosophie, wenngleich

sie sich entfernt nicht desselben Einflusses und derselben Anerkennung

zu erfreuen hatten, wie Etienne Geoffroy S. Hilaire (geb. 1771) und

Lorenz Oken (geb. 1779), die gewöhnlich als die Koryphäen dieser

Richtung vorangestellt werden.]

[Fußnote 6: Als hervorragende Koryphäen dieser Periode würden wir hier

noch Johannes Müller, Schleiden und einige andere hervorzuheben haben,

wenn nicht gerade diese bedeutendsten Männer, als wahrhaft

philosophische Naturforscher, sich von der großen Einseitigkeit

freigehalten hätten, welche Cuviers Schule und der große Troß der

Zeitgenossen zum extremsten Empirismus ausbildete.]

Indem wir die beiden Richtungen der organischen Morphologie, die

empirische und philosophische, so schroff einander gegenüberstellen,

müssen wir ausdrücklich bemerken, daß nur die große Masse der

beschränkteren und gröber organisierten Naturforscher es war, welche

diesen Gegensatz in seiner ganzen Schärfe ausbildete und entweder die

eine oder die andere Methode als die allein seligmachende pries und für

die »eigentliche« Naturwissenschaft hielt. Die umfassenderen und seiner

organisierten Naturforscher, und vor allen die großen Koryphäen, deren

Namen wir an die Spitze der von ihnen beherrschten Perioden gestellt

haben, waren stets mehr oder minder überzeugt, daß nur eine innige

Verbindung von Beobachtung und Theorie, von Empirie und Philosophie, den

Fortschritt der Naturwissenschaft wahrhaft fördern könnte. Man pflegt

gewöhnlich Cuvier als den strengsten und exklusivsten Empiriker, als den

abgesagtesten Feind jeder Naturphilosophie hinzustellen. Und sind nicht

seine besten Arbeiten, seine wertvollsten Entdeckungen, wie z. B. die

Aufstellung der vier tierischen Typen (Stämme), die Begründung des

Gesetzes von der Korrelation der Teile, von den »^Causes finales^«,

Ausflüsse der reinsten Naturphilosophie? Ist nicht die von ihm neu

begründete »vergleichende Anatomie« ihrem ganzen Wesen nach eine rein

philosophische Wissenschaft, welche das empirische Material der Zootomie

bloß als Basis braucht? Ist es nicht lediglich der _Gedanke_, die

Theorie, welche auf der rein empirischen Zootomie als notwendiger

Grundlage das philosophische Lehrgebäude der vergleichenden Anatomie

errichten? Und wenn _Cuvier_ aus einem einzigen Zahne oder Knochen eines

fossilen Tieres die ganze Natur und systematische Stellung desselben mit

Sicherheit erkannte, war dies Beobachtung oder war es Reflexion?

Betrachten wir anderseits den Stifter der älteren Naturphilosophie,

_Lamarck_, so brauchen wir, um den Vorwurf der Einseitigkeit zu

widerlegen, bloß darauf hinzuweisen, daß dieser eminente Mann seinen Ruf

als großer Naturforscher größtenteils einem vorwiegend deskriptiven

Werke, der berühmten »^Histoire naturelle des animaux sans vertèbres^«

verdankte. Seine »^Philosophie zoologique^«, welche die Deszendenzlehre

zum ersten Male als vollkommen abgerundete Theorie aufstellte, eilte mit

ihrem prophetischen Gedankenfluge seiner Zeit so voraus, daß sie von

seinen Zeitgenossen gar nicht verstanden und ein volles halbes

Jahrhundert hindurch (1809-1859) totgeschwiegen wurde. _Johannes

Müller_, den wir Deutschen mit gerechtem Stolz als den größten Biologen

der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts unser eigen nennen, und

der in den Augen der meisten jetzt lebenden Biologen als der strengste

Empiriker und Gegner der Naturphilosophie gilt, verdankt die Fülle

seiner zahlreichen und großen Entdeckungen viel weniger seinem

ausgezeichneten sinnlichen Beobachtungstalent, als seinem kombinierenden

Gedankenreichtum und der natürlichen Philosophie seiner wahrhaft

denkenden Beobachtungsmethode. _Charles Darwin_, der größte aller jetzt

lebenden Naturforscher, überragt uns alle nicht allein durch

Ideenreichtum und Gedankenfülle seines die ganze organische Natur

umfassenden Geistes, sondern ebensosehr durch die intensiv und extensiv

gleichbedeutende und fruchtbare Methode seiner empirischen

Naturbeobachtung.

Nach unserer festesten Überzeugung können nur diejenigen Naturforscher

wahrhaft fördernd und schaffend in den Gang der Wissenschaft eingreifen,

welche, bewußt oder unbewußt, ebenso scharfe Denker als sorgfältige

Beobachter sind. Niemals kann die bloße Entdeckung einer nackten

_Tatsache_, und wäre sie noch so merkwürdig, einen wahrhaften

Fortschritt in der Naturwissenschaft herbeiführen, sondern stets nur der

Gedanke, die _Theorie_, welche diese Tatsache erklärt, sie mit den

verwandten Tatsachen vergleichend verbindet und daraus ein _Gesetz_

ableitet. Betrachten wir die größten Naturforscher, welche zu allen

Zeiten auf dem biologischen Gebiete tätig gewesen sind, von Aristoteles

an, Linné und Cuvier, Lamarck und Goethe, Bär und Johannes Müller und

wie die Reihe der glänzenden Sterne erster Größe, bis auf Charles Darwin

herab, weiter heißt -- sie alle sind ebenso große Denker, als Beobachter

gewesen, und sie alle verdanken ihren unsterblichen Ruhm nicht der Summe

der einzelnen von ihnen entdeckten Tatsachen, sondern ihrem denkenden

Geiste, der diese Tatsachen in Zusammenhang zu bringen und daraus

Gesetze abzuleiten verstand. Die rein empirischen Naturforscher, welche

nur durch Entdeckung neuer Tatsachen die Wissenschaft zu fördern

glauben, können in derselben ebensowenig etwas leisten, als die rein

spekulativen Philosophen, welche der Tatsachen entbehren zu können

glauben und die Natur aus ihren Gedanken konstruieren wollen. Diese

werden zu phantastischen Träumern, jene im besten Falle zu genauen

Kopiermaschinen der Natur. Im Grunde freilich gestaltet sich das

tatsächliche Verhältnis überall so, daß die reinen Empiriker sich mit

einer unvollständigen und unklaren, ihnen selbst nicht bewußten

Philosophie, die reinen Philosophen dagegen mit einer ebensolchen,

unreinen und mangelhaften Empirie begnügen. Das Ziel der

Naturwissenschaft ist die Herstellung eines vollkommen architektonisch

geordneten Lehrgebäudes. Der reine Empiriker bringt statt dessen einen

ungeordneten Steinhaufen zusammen; der reine Philosoph auf der andern

Seite baut Luftschlösser, welche der erste empirische Windstoß über den

Haufen wirft. Jener begnügt sich mit dem Rohmaterial, dieser mit dem

Plan des Gebäudes. Aber nur durch die innigste Wechselwirkung von

empirischer Beobachtung und philosophischer Theorie kann das Lehrgebäude

der Naturwissenschaft wirklich zustande kommen.

Wir schließen diesen Abschnitt, wie wir ihn begonnen, mit einem

Ausspruch von Johannes Müller: »Die Phantasie ist ein unentbehrliches

Gut, denn sie ist es, durch welche neue Kombinationen zur Veranlassung

wichtiger Entdeckungen gemacht werden. Die Kraft der Unterscheidung des

isolierenden Verstandes sowohl, als der erweiternden und zum Allgemeinen

strebenden Phantasie sind dem Naturforscher in einem harmonischen

Wechselwirken notwendig. Durch Störung dieses Gleichgewichts wird der

Naturforscher von der Phantasie zu Träumereien hingerissen, während

diese Gabe den talentvollen Naturforscher von hinreichender

Verstandesstärke zu den wichtigsten Entdeckungen führt.«

(Aus »Generelle Morphologie der Organismen«. 1866.)

V.

Arabische Korallen.

Die zauberhaften Korallenbänke des Roten Meeres aus eigener Anschauung

kennen zu lernen, war schon seit langer Zeit mein lebhafter Wunsch. Als

daher im März 1873 eine lange gehegte Hoffnung in Erfüllung ging und ich

eine zweimonatige Reise in den Orient antreten konnte, lag es in meinem

Plane, wenn irgend möglich, von Suez aus einen Abstecher nach den

nächstgelegenen Korallenriffen zu machen. Ein solcher Ausflug erscheint

auf der Landkarte sehr leicht, ist aber für einen einzelnen Reisenden

mit vielen und großen Schwierigkeiten verknüpft. Denn die Zahl der

bewohnten Orte an den langgestreckten, öden und unwirtlichen Küsten des

Roten Meeres ist sehr gering, und diese wenigen Orte selbst sind

meistens nur von armen, halbwilden Mohammedanern bewohnt. Man muß Zelte,

Diener, Lebensmittel und Trinkwasser selbst mitbringen, um

dort existieren zu können. Auch gibt es keine regelmäßige

Dampfschiffverbindung zwischen Suez und diesen elenden Küstenorten.

Keiner derselben wird von den großen europäischen Dampfern berührt, die

allwöchentlich durch das Rote Meer fahren und die Überlandpost nach

Indien befördern.

In der nächsten Umgebung von Suez und überhaupt im nördlichsten Teile

des Roten Meeres fehlen die Korallenbänke, die sonst über den größten

Teil beider Küsten desselben sich ausdehnen. Der nächstgelegene Ort, an

welchem man schöne Korallenriffe beobachten und den man in kürzester

Zeit erreichen kann, ist das arabische Dörfchen Tor oder Tur, an der

Westküste der Sinaihalbinsel gelegen. Hier hatten früher schon

Ehrenberg, Ransonnet, Frauenfeld und andere Naturforscher der Korallen

wegen sich längere oder kürzere Zeit aufgehalten. Um von Suez aus nach

Tur zu gelangen, muß man entweder ein eigenes Segelschiff mieten, oder

zu Kamel durch die arabische Wüste reiten. Zu diesem Landweg auf dem

Wüstenschiff, der 55 Reitstunden beträgt, sind mindestens vier bis fünf

Tage erforderlich. Dazu reichte aber meine Zeit nicht aus; auch wäre der

Transport der Korallen, die ich zu sammeln wünschte, auf dem Kamel sehr

mißlich gewesen. Es blieb also nichts übrig, als ein Segelschiff zu

mieten. Aber auch das erwies sich als untunlich. Denn die gewöhnlichen,

halbgedeckten arabischen Segelboote sind böse Fahrzeuge, im höchsten

Grade unbequem und unreinlich, überfüllt mit parasitischen Insekten

aller Art; und dabei war der geforderte Preis unerschwinglich hoch.

Außerdem hätte ich mich der Gefahr ausgesetzt, bei widrigem Winde acht

Tage und länger in einem solchen erbärmlichen Fahrzeug auf dem Roten

Meere zu kreuzen, ohne mein Ziel erreichen zu können.

So wäre denn mein sehnlicher Wunsch, die Korallenbänke von Tur zu

besuchen, schwerlich in Erfüllung gegangen, wenn nicht der

österreichische Generalkonsul in Kairo, Herr von Cischini, der mich

während meines dortigen Aufenthaltes mit Freundlichkeiten aller Art

überhäufte, mir ein Fahrzeug verschafft hätte, das zu erlangen ich mir

früher nie hatte träumen lassen. Er bewog nämlich den Vizekönig von

Ägypten, Ismail Pascha, für den beabsichtigten Ausflug nach Tur die

Benutzung eines in Suez stationierten Dampfschiffes der ägyptischen

Kriegsflotte zu gestatten. Zugleich wurden meine Freunde und

Reisegefährten, Professor Straßburger aus Jena und Professor Panceri aus

Neapel, eingeladen, als Gäste des Khedive an der Expedition

teilzunehmen.

Am 22. März verließen wir Kairo, die wunderbare Metropole des Nillandes,

in der wir die Märchen aus Tausend und einer Nacht lebendig vor uns

gesehen hatten. Die Eisenbahn führte uns von dort in elf Stunden nach

Suez. Unsere interessante Reisegesellschaft bestand zum größten Teile

aus einer bunten Karawane von Mekkapilgern. Namentlich bot ein

Haremwaggon dritter Klasse, in welchen ein glücklicher Zufall uns einen

Einblick gewährte, ein merkwürdiges Bild. Die Bahnfahrt selbst ist

höchst originell. Wir durchschneiden zuerst in nordöstlicher Richtung

den östlichen Rand des üppig fruchtbaren Nildelta und passieren

zahlreiche Fellah-Dörfer. Da bieten uns die niederen braunen Lehmhütten,

von Dattelpalmen umgeben, mit ihrer charakteristischen Staffage von

verschleierten Weibern, nackten Kindern, Büffeln, die Schöpfräder

treiben, Kamelen usw. eine Fülle von malerischen Motiven. In Benha

wendet sich die Bahn nach Osten, vereinigt sich mit dem von Alexandrien

nach Suez gehenden Schienenweg, der die ostindische Überlandpost

befördert, und geht nun eine Strecke weit mitten durch die Wüste.

Ringsum erblicken wir eine Zeitlang nichts als gelben Sand und blauen

Himmel. Um uns den vollen Eindruck einer Wüstenreise zu geben, wehte den

ganzen Tag hindurch ein heftiger Chamsin, jener erstickend heiße

Wüstenwind, der als Samum der Schrecken der Karawanen ist. Sein

glühender Odem warf ganze Regenschauer feinen Wüstensandes gegen die

Fenster unseres Coupés, und wir wünschten uns Glück, im geschlossenen

Waggon und nicht draußen auf dem Rücken der Kamele zu sitzen.

Abends um sieben Uhr in Suez angelangt, wurden wir von dem dortigen

österreichischen Konsul, Herrn von Remy-Berzenkovich, freundlichst

empfangen und sogleich zum Gouverneur Hassan-Bey geführt. Hier erfuhren

wir zu unserer Freude, daß unser Kriegsschiff, die Dampferkorvette

»Khartoum«, zur Fahrt bereit draußen auf der Reede liege. Der Kommandant

derselben, Kapitän Ali Schukri, ein stattlicher brauner Araber in

ägyptischer Marineuniform, wurde uns vorgestellt und bot uns mit

orientalischer Unterwürfigkeit seine Dienste an. In dem großartigen

englischen Peninsular-Hotel, das noch vor wenigen Jahren von den

Engländern als das üppigste und komfortabelste Hotel der Welt gepriesen

wurde, war für uns Quartier bereitet. Wir wurden als Gäste des Khedive

mit größter Aufmerksamkeit bedient und fürstlich verpflegt.

Am anderen Morgen wollten wir unsere Seereise antreten. Leider steigerte

sich aber der heftige Chamsin in der Nacht zu einem förmlichen Sturme,

so daß wir den ganzen Tag in Suez bleiben mußten. Obgleich diese Stadt

weder durch Naturschönheiten, noch durch besondere Sehenswürdigkeiten

ausgezeichnet ist, so ist ein kurzer Aufenthalt in derselben interessant

genug. Denn als Knotenpunkt des lebendigsten Verkehrs zwischen drei

Weltteilen und als Hafenort der Mekkapilger bietet es in dem bunten

Leben seiner Straßen und Basare eine reiche ethnographische Musterkarte.

Mit europäischen Reisenden und Matrosen aller Nationen mischen sich

Neger aus dem Osten und Süden Afrikas, Berber und Ägypter, Araber und

Levantiner aller Klassen, Mekkapilger aus allen Ländern des Ostens,

persische und indische Kaufleute. Dazwischen drängen sich verschleierte

braune Weiber und unverschleierte Früchteverkäuferinnen, Kamele und

Pferde, schöne orientalische Esel und zahllose Hunde.

Nicht minder interessant als dieser bunte Völkermarkt war für uns

Naturforscher der Fischmarkt von Suez. Denn obwohl derselbe weder

besonders groß noch reichhaltig ist, so erkannten wir doch auf den

ersten Blick, daß wir uns in einem völlig neuen Gebiete der marinen

Fauna, ja schon mitten in der wunderbaren Tierwelt des Indischen Ozeans

befanden. Die schmale Landenge von Suez trennt nämlich zwei gewaltige

Seereiche, die schon seit vielen Jahrtausenden außer allem Zusammenhange

stehen und in denen sich demgemäß, der Darwinschen Theorie entsprechend,

eine völlig verschiedene Tier- und Pflanzenwelt entwickelt hat. Die

Fauna und Flora des Mittelmeeres, die zum großen Gebiete des

Atlantischen Ozeans gehört, ist gänzlich verschieden von der Tier- und

Pflanzenbevölkerung des Roten Meeres, das eine Provinz des Indischen

Ozeans bildet. Unter hundert Korallenarten des Roten Meeres findet sich

nicht eine einzige Art, die auch im Mittelmeere vorkäme. Nur ein ganz

kleiner Bruchteil von Tierarten ist beiden benachbarten Meeren

gemeinsam. Wenn wir daher gestern früh den Fischmarkt von Alexandrien

und heute morgen, kaum vierundzwanzig Stunden später, denjenigen von

Suez besuchen, so finden wir den auffallenden Gegensatz zwischen beiden

ebenso groß, als ob wir gestern den Fischmarkt von Barcelona oder

Marseille und heute denjenigen von Kalkutta oder Singapore gesehen

hätten. Diese merkwürdige Erscheinung erklärt sich ganz einfach aus den

Konsequenzen der Deszendenztheorie und der damit verbundenen

Migrationstheorie.

Der Sturm, der uns diesen interessanten, obwohl unerwünschten Aufenthalt

in Suez verursachte, legte sich erst am Morgen des zweiten Tages, und

gegen Mittag erschien der Gouverneur, um uns in seiner Dampfjolle nach

dem fast eine Stunde von der Stadt entfernt auf der Reede ankernden

Kriegsschiffe »Khartoum« hinüberzufahren. Die Wellen gingen immer noch

so hoch, daß sie das ganze Verdeck überfluteten, und brachten beim

Anlegen beide Dampfschiffe in so unsanfte Berührung, daß das Bugspriet

und die Schanzkleidung des kleineren Dampfers vollständig

zersplitterten. Auch das Hinüberklettern vom einen zum anderen war

ebenso wie der Transport unserer Gläserkisten, Netze und Instrumente,

mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden und wurde unter heillosem

Geschrei der Matrosen bewerkstelligt, welches das Toben von Wind und

Wellen übertönte. Das höllische Konzert wurde vollständig durch das

ohrenzerreißende Trommeln, Pfeifen und Klappern des Musikkorps von

Khartoum. Die ganze Mannschaft desselben, 126 Köpfe stark, war nämlich

zu unserem feierlichen Empfange unter Gewehr getreten und salutierte.

Der Kapitän empfing uns mit größter Unterwürfigkeit und stellte uns das

Offizierkorps vor. Jedoch blieb die Unterhaltung ziemlich mangelhaft, da

wir kaum ein Dutzend arabischer Worte und unsere neuen Freunde ungefähr

ebensoviel englische Vokabeln kannten. Die eigentliche Unterhaltung

wurde durch den österreichischen Konsul von Remy vermittelt, der

geläufig Arabisch sprach. Er hatte die Güte, uns zu begleiten und auf

der ganzen Fahrt die Rolle des Dolmetschers zu spielen.

Wegen des fortdauernden hohen Wellenganges, der erst gegen Abend

schwächer wurde, konnte unser Dampfer erst um Mitternacht die Anker

lichten und gen Süden steuern. Den ganzen folgenden Tag fuhren wir

zwischen Asien und Afrika durch den Golf von Suez, zu unserer Rechten

die ägyptische, zur Linken die arabische Küste; malerische

langgestreckte öde Gebirgsketten auf beiden Seiten im Hintergrunde.

Da wir erst spät in der Nacht unser Reiseziel erreicht haben würden,

wegen der gefährlichen Korallenriffe aber doch in den Hafen von Tur

nicht hätten einlaufen können, ging unsere Korvette um vier Uhr

nachmittags, etwa 20 Seemeilen von Tur entfernt, in einer geschützten

kleinen Bucht der arabischen Küste vor Anker. Wir ließen uns sofort im

Boote ans Land setzen, und voll Ehrfurcht betraten wir zum erstenmal den

heiligen Boden der alten Asia. Die Küste war völlig öde und einsam, aber

großartig wild. Mächtige, 3000 bis 4000 Fuß hohe Berge der Sinaikette

erhoben sich steil über dem schmalen sandigen Küstensaum.

Alle überragt der gewaltige »Djebel Serbal«, dessen wildzerklüftete rote

Granitwälle, von zahlreichen Diorit- und Porphyrgängen durchsetzt, sich

bis über 6000 Fuß erheben. Durch die zahlreichen zerrissenen Spitzen,

die steilen Abstürze, die phantastischen Kluftbildungen erhebt sich

dieser malerische »Djebel Serbal« zu dem großartigsten und prächtigsten

unter allen den gewaltigen Berghäuptern der Sinaihalbinsel. Auch hat er

lange Zeit als Nebenbuhler der eigentlichen Sinaikuppe, des Mosesberges

(Djebel Musa) dagestanden; und viele frommen Seelen glauben noch heute,

daß auf ersterem, nicht auf letzterem die Gesetztafeln der zehn Gebote

publiziert und der »alte Bund« zwischen Jehova und seiner auserwählten

Semitenrasse geschlossen wurde. In den ersten Jahrhunderten des

Christentums war diese Ansicht herrschend, und zahlreiche Einsiedler,

Mönche und Nonnen, wohnten damals in den Grotten und Felsenhöhlen des

zerklüfteten »Berges der Gesetzgebung«. Zahlreiche Prozessionen

pilgerten zu seinen Höhen und erfreuten sich der mannigfachen Genüsse,

welche die dichtbelaubten und quellenreichen Fruchtgärten des

»Wadi-Feiran« darboten. Letzteres ist ein herrliches Tal am Fuße des

»Djebel Serbal«, das wegen seiner üppigen Fruchtbarkeit als »Perle der

Sinaihalbinsel« gepriesen wird, ein greller Gegensatz zu der umgebenden

öden Steinwüste.

Als wir aus dem Boote ans Land sprangen, berührte unser Fuß zuerst

reinen Korallenfelsen. Überall im Sande des Strandes lagen tote,

gebleichte Korallenblöcke umher, pilzförmige Fungien, sternbedeckte

Asträen, labyrinthische Mäandrinen, verästelte Madreporen, dunkelrote

Orgelkorallen oder Tubiporen. Mit Ausnahme einiger niederer

Strandpflanzen mit fleischigen Blättern und eines zwischen den Felsen

wachsenden Kappernstrauches war nichts von Vegetation zu sehen. Lautlose

Stille rings umher; von menschlicher Existenz keine Spur weit und breit.

Küste und Gebirge sahen aus, als ob sie nie ein Menschenfuß betreten

hätte.

Der Sonnenuntergang war prächtig und übergoß die gewaltigen roten

Granitmauern mit den glühendsten Farben. Rasch brach die Dunkelheit ein

und der wolkenlose Himmel bedeckte sich mit einem Sternengewand, das wir

nie zuvor in solchem Glanze hatten funkeln sehen. Wir ließen uns durch

unseren indischen Koch unsere Abendmahlzeit vom Schiffe an den Strand

holen und genossen sie auf Korallenblöcken sitzend in gehobenster

Stimmung. Unser edler Gastfreund, der Khedive, hatte unsere Küche aufs

beste versorgt, und unter anderem auch mit einer Champagnerkiste

ausgestattet. Dieses schäumende Getränk ist bei den Orientalen sehr

beliebt und wird, da der Koran nur den Genuß des Weines verbietet, als

eine Art Bier angesehen. So konnte denn auch der arabische

Schiffsleutnant, der unsere Schaluppe führte, unbeschadet seiner

Frömmigkeit, uns helfen, den ersten Abend auf asiatischem Boden in

Champagnerbier zu feiern. Erst spät abends kehrten wir in heiterster

Stimmung an Bord des »Khartoum« zurück, wo uns ein herrliches Lager auf

den über Verdeck gelegten Polstern unter dem funkelnden Sternenzelt

erwartete. Um Mitternacht lichtete das Schiff die Anker und lief am

anderen Morgen kurz nach Sonnenaufgang im Hafen von Tur ein.

Die Küstenlandschaft von Tur ist ein echtes Charakterbild vom Strande

des steinigen Arabiens. Die gelbe Sandwüste, die sich längs des

dunkelblauen Meeres hinzieht, ist von Vegetation völlig entblößt; mit

Ausnahme einzelner Dhumpalmen und einiger kleiner Gruppen von

Dattelpalmen, die teils in der unmittelbaren Umgebung von Tur ein wenig

dürftigen Schatten spenden, teils eine entfernte Oase bezeichnen. In

imposanter Majestät erhebt sich aber im Hintergrunde der Wüste das

gewaltige Gebirge des Sinai, mit seinen kühn geformten Gipfeln und

zerklüfteten Felsrücken. Tur selbst ist ein dürftiges Dörfchen mit kaum

zwei Dutzend Hütten und wenig über hundert Einwohnern. Ein kleines

Zeltlager, von einer eben jetzt am Strande lagernden Karawane errichtet,

steigerte den orientalischen Charakter des originellen Bildes. Das

Dörfchen Tur liegt an der Umrandung eines kleinen, flachen,

hufeisenförmigen Hafenbeckens. Die Felsenriffe, welche dieses Becken

umfassen und nur eine schmale Einfahrt freilassen, sind Korallenbänke.

Der ganze Hafen ist ein reizender Korallengarten. Als wir in der

Schaluppe über die flachen Bänke hinglitten und in zehn bis zwanzig Fuß

Tiefe durch die kristallklare Flut hindurch den Boden betrachteten,

entzückten uns die prächtigsten, nie zuvor lebend gesehenen

Korallenbüsche, auf dem gelben Sande überall in bunter Mannigfaltigkeit

zerstreut, wie exotische Ziersträucher in einem schönen Blumengarten.

Der Hafendamm, an dem unser Boot anlegt, ist ganz aus Korrallenblöcken

erbaut, und als wir uns den niederen würfelförmigen Hütten nähern,

werden wir durch die Wahrnehmung überrascht, daß auch diese fast ganz

aus Korallenstein bestehen. Als ob es gewöhnliche Sandsteine wären,

liegen da die herrlichsten schneeweißen Blöcke von Sternkorallen,

Mäandrinen, Madreporen usw. übereinander gehäuft. Manche von diesen

elenden Hütten birgt in einer einzigen Wand eine größere Sammlung von

schönen Korallenblöcken, als in vielen europäischen Museen zu finden

ist. Am liebsten hätten wir das ganze Dorf aufgekauft, zusammengepackt

und in die Heimat geschickt.

Augenblicklich sind jedoch die herrlichen lebenden Korallentiere im

Hafen für uns von größerem Interesse als die toten Steingerüste in den

Hüttenwänden, und begierig besteigen wir die flachen arabischen Boote,

die inzwischen für unsere Korallenjagd ausgerüstet und mit Tauchern

bemannt worden sind. Die bei weitem zweckmäßigste Methode nämlich,

lebende Korallen vom Meeresgrunde zu erhalten, ist die Anwendung von

Tauchern. Unser gewöhnliches Schleppnetz, mit dem wir sonst die

zoologischen Schätze vom Meeresboden heraufholen, ist hier ganz

unbrauchbar. Die kleinen und zierlichen Korallenstöcke werden durch das

Schleppnetz zerbrochen und verdorben; die großen und schweren Blöcke

zerreißen selbst das Netz und sind nicht damit heraufzuheben. Hingegen

bewährten sich die arabischen Taucher, deren wir uns in Tur bedienten

und die durch den Betrieb der Perlenfischerei im längeren Verweilen

unter Wasser sehr geübt waren, als äußerst geschickte Korallenfänger.

Sie waren weder mit Taucherglocken noch mit Skaphandern oder anderen

Tauchapparaten ausgerüstet; sie schwammen aber so ausgezeichnet, konnten

so lange unter Wasser bleiben und wußten so geschickt selbst größere

Korallen von ihren Ansatzpunkten abzulösen, daß sie niemals wieder

emportauchten, ohne uns mit neuen prächtigen Korallengeschenken zu

überraschen.

Die Korallenfischerei mit diesen Tauchern, die uns während unseres

Aufenthaltes in Tur fast den ganzen Tag beschäftigte, war höchst

anziehend und unterhaltend. Das Wasser in dem seichten und stillen,

durch das vorliegende Korallenriff gegen die Brandung geschützten Hafen

ist so kristallhell, daß wir bis auf zehn und zwanzig Fuß Tiefe jeden

kleinen Krebs und Seestern, jede Muschel und Schnecke auf dem Boden

zwischen den Korallenbüschen erkennen können. Sobald wir unseren

Tauchern den gewünschten Gegenstand bezeichnet haben, springen sie

hinab. Vorsichtig die spitzen Ecken und scharfen Kanten der

Korallenstöcke vermeidend, huschen die schlanken braunen Jünglinge wie

Fische zwischen denselben umher und lösen die gewünschten Stücke vom

Boden ab. Bloß mit den Füßen rudernd, die Beute mit beiden Armen

umschlungen haltend, tauchen sie wieder empor. In wenigen Stunden sind

unsere Boote mit den kostbarsten Schätzen gefüllt.

Die großen Glasgefäße, die wir in Fächerkisten aus Triest mitgebracht

haben, sind bald ganz voll von lebenden Korallen. Vorsichtig aus dem

Meere genommen und in das ruhige Wasser der Gefäße versetzt, entfalten

sie allmählich ihre zarten, zurückgezogenen Blumenleiber. Da schauen wir

zum erstenmal in nächster Nähe das unbeschreiblich schöne Schauspiel,

welches diese herrlichen, scheinbar aus dem Korallenstein

hervorwachsenden Blumentiere mit ihren wundervollen Farben, zierlichen

Formen und graziösen Bewegungen gewähren. Die prächtigen bunten Aktinien

des Roten Meeres, die blauen Xenien, die grünen Ammotheen und die gelben

Sarkophyten wetteifern an leuchtender Farbenpracht mit den in allen

Irisfarben strahlenden Blumenkelchen, die wie durch Zauber aus den

scheinbar toten Kalkgerüsten der Steinkorallen hervorsprossen. Besonders

fallen uns unter diesen die glänzenden Sternkorallen oder Asträen und

die merkwürdigen Orgelkorallen oder Tubiporen auf. Aus den purpurroten

Kalkröhren der letzteren, die gleich Orgelpfeifen dicht nebeneinander

gereiht stehen, stecken zierliche grasgrüne Personen ihre acht

gefiederten Fangarme aus.

Wir beschränken uns aber nicht auf den Hafen von Tur, sondern segeln

weiter hinaus, wo an den größeren Korallenriffen längs der Küste neue

Überraschungen unserer harren und wo wir die vielgerühmte Pracht der

indischen Korallenbänke in ihrem vollen Farbenglanze schauen. Das

kristallklare Wasser ist hier unmittelbar an der Küste fast immer so

ruhig und bewegungslos, daß man die ganze wunderbare Korallendecke des

Bodens mit ihrer mannigfaltigen Bevölkerung von allerlei Seetieren

deutlich erkennen kann. Hier, wie im größten Teile des Roten Meeres,

zieht parallel der Küste ein langer Damm von Korallenriffen hin,

ungefähr eine Viertelstunde vom Lande entfernt. Diese Wallriffe oder

Barrierenriffe sind wahre Wellenbrecher. Der Wogenandrang zerschellt an

ihrer unebenen zackigen Oberfläche, welche bis nahe unter den

Wasserspiegel ragt; und ein weißer Schaumkamm kennzeichnet so deutlich

ihren Verlauf. Auch wenn draußen auf dem Meere der Sturm tobt, ist hier

in dem durch das Riff geschützten Kanale oder Graben das Wasser

verhältnismäßig ruhig, und kleinere Schiffe können darin ungestört ihre

Fahrt längs der Küste fortsetzen. Nach außen gegen das hohe Meer fällt

das Korallenriff steil hinunter. Nach innen gegen die Küste dagegen

flacht es sich allmählich ab, und meist bleibt die Tiefe des Kanals so

gering, daß man die ganze Farbenpracht der Korallengärten auf seinem

Boden erblicken kann.

Diese Pracht zu schildern vermag keine Feder und kein Pinsel. Die

begeisterten Schilderungen von Darwin, Ehrenberg, Ransonnet und anderen

Naturforschern, die ich früher gelesen, hatten meine Erwartungen sehr

hoch gespannt; sie wurden aber durch die Wirklichkeit übertroffen. Ein

Vergleich dieser formenreichen und farbenglänzenden Meerschaften mit den

blumenreichsten Landschaften gibt keine richtige Vorstellung. Denn hier

unten in der blauen Tiefe ist eigentlich alles mit bunten Blumen

überhäuft und alle diese zierlichen Blumen sind lebendige Korallentiere.

Die Oberfläche der größeren Korallenblöcke, von sechs bis acht Fuß

Durchmesser, ist mit Tausenden von lieblichen Blumensternen bedeckt. Auf

den verzweigten Bäumen und Sträuchern sitzt Blüte an Blüte. Die großen

bunten Blumenkelche zu deren Füßen sind ebenfalls Korallen. Ja sogar das

bunte Moos, das die Zwischenräume zwischen den größeren Stöcken

ausfüllt, zeigt sich bei genauerer Betrachtung aus Millionen winziger

Korallentierchen gebildet. Und alle diese Blütenpracht übergießt die

leuchtende arabische Sonne in dem kristallhellen Wasser mit einem

unsagbaren Glanze!

In diesen wunderbaren Korallengärten, welche die sagenhafte Pracht der

zauberischen Hesperidengärten übertreffen, wimmelt außerdem ein

vielgestaltiges Tierleben der mannigfaltigsten Art. Metallglänzende

Fische von den sonderbarsten Formen und Farben spielen in Scharen um die

Korallenkelche, gleich den Kolibris, die um die Blumenkelche der

Tropenpflanzen schweben. Unter ihnen fällt uns vor allen der sonderbare

Halbmondfisch auf (^Platax Ehrenbergii^). Sein platt zusammengedrückter,

sichelförmiger Körper, der je nach dem Lichtfalle bald in gelbgrünlichem

Bronzeglanz, bald in prachtvollem Blau strahlt, ist oben in eine lange

dreieckige gekrümmte Rückenflosse, unten in eine gleiche Analflosse

ausgezogen. So erscheint der ganze Fisch als leuchtende Sichel im

Halbdunkel der Korallenwälder, als das Symbol des türkischen Halbmondes,

der jetzt noch diese arabischen Küsten beherrscht. Gleich einem

leuchtenden Kometenschweife zieht durch die blaue Tiefe ein silberweißer

Bandfisch von der Gestalt eines silbernen Schuppengürtels

(^Trichiurus^). Ein rotbrauner, mit seltsamem Helmschmuck an dem

gepanzerten Haupte ausgestatteter Drachenkopf (^Scorpaena^) jagt eine

ganze Schar von kleinen goldgelben Lippfischen vor sich her

(^Labroiden^). Aber auch der grimme Menschenhai, der Schrecken des

Meeres, fehlt nicht, und bisweilen erscheinen im Hafen von Tur solche

Haifische von zehn bis zwanzig Fuß Länge.

Noch viel mannigfaltiger und interessanter als die Fische sind die

wirbellosen Tiere der verschiedensten Klassen, welche auf den

Korallenbänken ihr Wesen treiben. Zierliche durchsichtige Krebse aus der

Garnelengruppe schnellen haufenweise vorüber und bunte Krabben klettern

zwischen den Korallenzweigen. Auch rote Seesterne, violette

Schlangensterne und schwarze Seeigel klettern in Menge auf den Ästen der

Korallensträucher; der Scharen bunter Muscheln und Schnecken nicht zu

gedenken. Reizende Würmer mit bunten Kiemenfederbüschen schauen aus

ihren Röhren hervor. Da kommt auch ein dichter Schwarm von zarten

violetten Medusen geschwommen, und zu unserer Überraschung erkennen wir

in der zierlichen Glocke eine alte Bekannte aus der Ostsee und Nordsee,

die Aurelia.

Man könnte glauben, daß in diesen bezaubernden Korallenhainen, wo jedes

Tier zur Blume wird, der glückselige Friede der elysischen Gefilde

herrsche. Aber ein näherer Blick in ihr buntes Getriebe lehrt uns bald,

daß auch hier, wie im Menschenleben, beständig der wilde Kampf ums

Dasein tobt, oft zwar still und lautlos, aber darum nicht minder

furchtbar und unerbittlich. Die große Mehrzahl des Lebendigen, das hier

in üppigster Fülle sich entwickelt, wird beständig vernichtet, um die

Existenz einer bevorzugten Minderzahl zu ermöglichen. Überall lauert

Schrecken und Gefahr. Um uns davon zu überzeugen, brauchen wir bloß

selbst einmal unterzutauchen. Rasch entschlossen springen wir über Bord

und schauen nun erst, von wunderbarem, grünem und blauem Glanze

umgossen, die Farbenpracht der Korallenbänke ganz in der Nähe. Aber bald

erfahren wir, daß der Mensch ungestraft so wenig unter Korallen als

unter Palmen wandelt. Die spitzen Zacken der Steinkorallen erlauben uns

nirgends festen Fuß zu fassen. Wir suchen uns einen freien Sandfleck zum

Standpunkt aus. Aber ein im Sande verborgener Seeigel (^Diadema^) bohrt

seine fußlangen, mit seinen Widerhaken bewaffneten Stacheln in unseren

Fuß; äußerst spröde zersplittern sie in der Wunde und können nur durch

vorsichtiges Ausschneiden entfernt werden. Wir bücken uns, um eine

prächtige smaragdgrüne Aktinie vom Boden aufzuheben, die zwischen den

Schalenklappen einer toten Riesenmuschel zu sitzen scheint. Jedoch zur

rechten Zeit noch erkennen wir, daß der grüne Körper keine Aktinie,

sondern der Leib des lebenden Muscheltieres selbst ist; hätten wir es

unvorsichtig angefaßt, so wäre unsere Hand durch den kräftigen Schluß

der beiden Schalenklappen elend zerquetscht worden. Nun suchen wir einen

schönen violetten Madreporenzweig abzubrechen, ziehen aber rasch die

Hand zurück; denn eine mutige kleine Krabbe (^Trapezia^), die

scharenweise zwischen den Ästen wohnt, zwickt uns empfindlich mit den

Scheren. Noch schlimmere Erfahrungen machen wir bei dem Versuche, die

daneben stehende Feuerkoralle (^Millepora^) abzubrechen. Millionen

mikroskopischer Giftbläschen entleeren bei der oberflächlichen Berührung

ihren ätzenden Saft auf unsere Haut, und unsere Hand brennt, als ob wir

ein glühendes Eisen angefaßt hätten. Ebenso heftig brennt ein zierlicher

kleiner Hydrapolyp, der höchst unschuldig aussieht. Um nicht auch noch

mit einem brennenden Medusenschwarme in unliebsame Berührung zu kommen

oder gar einem der nicht seltenen Haifische zur Beute zu fallen, tauchen

wir wieder empor und schwingen uns in die Barke.

Welche fabelhafte Fülle des buntesten Tierlebens auf diesen

Korallenbänken durcheinander wimmelt und miteinander ums Dasein kämpft,

davon kann man sich erst bei genauerem Studium ein annäherndes Bild

machen. Jeder einzelne Korallenstock ist eigentlich ein kleines

zoologisches Museum. Wir setzen z. B. einen schönen Madreporenstock

(^Stylopora^), den eben unser Taucher emporgebracht hat, vorsichtig in

ein großes, mit Seewasser gefülltes Glasgesäß, damit seine Korallentiere

ruhig ihren zierlichen Blumenkörper entfalten. Als wir eine Stunde

später wieder nachsehen, ist nicht nur der vielverzweigte Stock mit den

schönsten Korallenblüten bedeckt, sondern auch Hunderte von größeren und

Tausende von kleineren Tierchen kriechen und schwimmen im Glase herum:

Krebse und Würmer, Kraken und Schnecken, Tascheln und Muscheln,

Seesterne und Seeigel, Medusen und Fischchen; alle vorher im Geäste des

Stockes verborgen. Und selbst wenn wir den Korallenstock herausnehmen

und mit dem Hammer in Stücke zerschlagen, finden wir in seinem Inneren

noch eine Menge verschiedener Tierchen, namentlich bohrende Muscheln,

Krebse und Würmer verborgen. Und welche Fülle unsichtbaren Lebens

enthüllt uns erst das Mikroskop! Welcher Reichtum merkwürdiger

Entdeckungen harrt hier noch zukünftiger Zoologen, denen das Glück

beschieden ist, Monate und Jahre hindurch an diesen Korallenküsten zu

verweilen.

Uns war leider nur ein paar kurze Tage lang der Genuß dieser feenhaften

Korallengärten beschieden. Glücklicherweise begünstigte uns das

herrlichste Frühlingswetter, so daß wir unsere Korallenfischerei mit dem

glänzendsten Erfolg betreiben konnten. Die mitgenommenen Kisten mit

Gläsern und Weingeist waren in kurzer Zeit völlig mit Korallen und

anderen Seetieren gefüllt. Unsere Boote schleppten ganze Ladungen von

Korallenblöcken zur Korvette, deren Verdeck bald vollständig damit

überhäuft war. Schwerlich ist wohl noch ein Kriegsschiff, und sicher

niemals ein ägyptisches, so über und über mit Korallen bedeckt gewesen.

Wir konnten später von Suez aus nur zwölf Kisten damit füllen und nach

Hause schicken; der bei weitem größte Teil mußte zurückbleiben und ziert

jetzt den Garten unseres dort wohnenden Freundes, des Konsuls Remy.

Ein letzter Besuch am Lande schloß unseren kurzen Aufenthalt in Tur. Mit

dankbarem und gerührtem Herzen nahmen wir Abschied von Land und Leuten,

von Meer und Korallenbänken. Die Bewohner von Tur, halb griechischen,

halb arabischen Ursprungs, sind arme Fischer; gute unverdorbene

Menschen, die selten mit Fremden in Berührung kommen. Der günstige

Eindruck, den sie uns gleich beim ersten Besuch gemacht hatten, wurde

durch nähere Bekanntschaft nur verstärkt, und wir erinnern uns mit

lebhaftem Vergnügen der herzlichen Gastfreundschaft, die wir in ihren

niederen Korallenhütten genossen.

Ganz besonderen Dank schulden wir dem braven Hennaen, dem eingeborenen

»Naturforscher von Tur«; einem Fischer, der schon den früher hier

anwesenden deutschen Naturforschern die wesentlichsten Dienste geleistet

hatte und sich auch bei unserer Korallenfischerei vorzüglich bewährte.

Mit den Lokalitäten der Korallenbänke von Tur und mit ihren zahlreichen

Bewohnern genau vertraut, vermochte er uns in kürzester Zeit die

reichste zoologische Ernte zu verschaffen. Er besitzt ein Dokument, in

welchem von den früheren Besuchern seine vortrefflichen Dienstleistungen

dankbarst anerkannt sind, und auch ich konnte nur ein gleich ehrenvolles

Zeugnis hinzufügen. Auf Hennaens ausdrückliche Bitte mußten wir am

letzten Nachmittag vor unserer Abreise nochmals in seine niedere

Korallenhütte kommen, wo er uns, umgeben von den angesehensten

Einwohnern des Ortes, mit Kaffee und Datteln bewirtete. Auch

verschiedene hübsche Korallen, Sterntiere und Mollusken, die wir nicht

selbst erbeutet hatten, machte er uns hier noch zum Geschenk. Dann

machten wir noch einen gemeinsamen Spaziergang nach dem kleinen, eine

halbe Stunde vom Dorfe entfernten Palmenhain, wo neben prächtig

entwickelten Dattelpalmen (^Phoenix^) auch einzelne Exemplare von der

schönen, gabelig verzweigten Dhumpalme Oberägyptens sich finden

(^Hyphaene^). Bei der Rückkehr an den Strand besuchten wir noch die

Ruine eines kleinen alten Forts, in der Nähe des Dorfes.

Wie gerne hätten wir noch länger bei unseren neuen arabischen Freunden

verweilt und hätten mit der kleinen, vor dem Dorfe liegenden

Kamelkarawane eine Wüstenreise angetreten! Wie gerne hätten wir die so

nahe vor uns liegenden gewaltigen Bergkuppen des Sinai und des Serbal

erklommen; und in dem Mosestal das uralte berühmte Sinaikloster oder in

dem Feirantal die wundervollen Fruchtgärten der »Sinaiperle« besucht!

Aber unsere Uhr ist leider abgelaufen! Schon raucht der Schornstein

unseres Dampfers. Die blauen Schatten der Palmen im gelben Sande neigen

sich stark nach Osten und die Gebirgskuppen des Sinai beginnen sich in

magischen Purpurglanz zu hüllen. Noch erquicken wir uns nach des Tages

schwerer Arbeit durch ein letztes, herrliches Bad in der blauen, jetzt

aber im Abendglanze wirklich purpurschimmernden Flut des »Roten Meeres«.

Nach herzlichstem Abschiede von den guten Turbewohnern und besonders von

Hennaen und von unseren braven Tauchern besteigen wir zum letztenmal die

Schaluppe und rudern zum »Khartoum« hinüber.

Während unsere Korvette die Anker lichtet und sich nach Norden wendet,

genießen wir den unvergeßlichen Anblick eines Sonnenunterganges, wie man

ihn nur in diesen Breiten und nur in dieser Luft sehen kann. Gleich dem

Zauberbilde einer Fata Morgana strahlt die ganze Sinaikette mit ihren

zackigen Gipfeln in glühendem Purpur; die Schatten ihrer Klüfte

schimmern in magischem Blau. Am Fuße des Gebirges gehen diese herrlichen

Farbentöne in ein zartes Violett über, das durch eine gesättigte Lage

von tiefem Braun sich vom gelben Wüstensande abhebt. Die glühenden

Farben werden durch das tiefe, fast schwarze Blau des Meeres kraftvoll

gehoben. Die Kronen der Palmen am Strande, leise im lauen Abendwinde

schwankend, senden uns einen letzten Gruß, und die rasch hereinsinkende

Nacht entzieht das märchenhafte Bild unseren scheidenden Blicken. Addio

Arabia!

(Aus »Arabische Korallen«.)

VI.

Brussa und der asiatische Olymp.

Wenn man auf dem Seewege nach Konstantinopel den Hellespontos passiert

hat und das Marmarameer ostwärts durchschneidet, erblickt man am

südlichen Gestade des letzteren in blauer Ferne langgestreckte Bergzüge.

In mehrfach unterbrochenen, edelgeformten Linien stufenweise ansteigend,

finden dieselben in einer majestätischen, mit ewigem Schnee bedeckten

Kuppel ihren malerischen Abschluß. Diese stolze Gebirgskuppel ist der

Olympos der asiatischen Griechen, der musische Olymp des Herodot, der

bithynische Olmyp anderer klassischer Autoren. Allerdings erfreut sich

dieser asiatische Olympos nicht des hohen Rufes wie sein europäischer

Namensbruder, der auf der Grenze von Mazedonien und Thessalien liegt und

auf den die altgriechischen Sagen den Sitz der Götter verlegen. Aber

dennoch wird der abendländische Wanderer durch den Besuch des ersteren

weit mehr als durch die Besteigung des letzteren befriedigt werden. Denn

der wenig besuchte asiatische Olymp und seine nähere Umgebung ist mit

einer Fülle von Naturschönheiten geschmückt, welche dem europäischen

Götterberge abgehen, und die historischen Erinnerungen, welche sich an

die von ersterem beherrschte Schaubühne weltgeschichtlicher Dramen

knüpfen, verleihen ihm einen besonderen Reiz. Unmittelbar am Fuße des

asiatischen Olymps liegt Brussa, die von Hannibal gegründete Hauptstadt

Bithyniens, die Wiege der osmanischen Dynastie, eine von türkischen

Dichtern vielbesungene Perle des Orients, welche an hohem Reiz der Lage

mit Damaskus und mit Granada wetteifert.

Im Abendlande ist Brussa heutzutage ein wenig bekannter und wenig

genannter Ort. Für den Geschichtsforscher knüpfen sich freilich an

diesen Namen hochwichtige Begebenheiten; dem Arzt ist Brussa durch seine

heilkräftigen, weitberühmten heißen Quellen bekannt, das »Baden« des

Orients, und für den Kaufmann ist diese ansehnlichste Handelsstadt

Anatoliens durch ihre Seidenwaren und Samtfabriken von großer Bedeutung.

Aber von den hohen Naturschönheiten Brussas, von den malerischen Reizen

seiner Lage, von dem üppigen Schmucke seiner südlichen Vegetation, von

der Fülle rauschender Quellen in seinen kühlen Felsentälern ist in

Europa wenig bekannt; unter Tausenden von Touristen, die jetzt

alljährlich nach Konstantinopel reisen, gelangen nur sehr wenige nach

dem kaum eine Tagereise davon entfernten Brussa. Und doch ist sicher ein

Besuch dieses herrlichen Ortes weit lohnender, als viele berühmte

»Sehenswürdigkeiten« des Orients.

Der Besuch, den ich selbst im April 1873 dem asiatischen Olymp und

Brussa abstattete, ist mir unter den vielen anmutigen Erinnerungen, die

ich von meiner damals unternommenen Orientreise mit nach Hause brachte,

eine der wertvollsten geblieben; und wenn ich hier eine flüchtige Skizze

davon mitteile, so hoffe ich, dadurch manchen Leser, den sein

Glücksstern nach den reizenden Ufern des Bosporus führt, zu veranlassen,

von der türkischen Hauptstadt aus diesen höchst lohnenden Ausflug nach

der Residenz der ersten Sultane des Osmanenreiches zu unternehmen.

Insbesondere möchte ich aber dadurch diesen oder jenen Landschaftsmaler

auf die ungehobenen Schätze aufmerksam machen, die sein Auge in Brussa

und seiner Umgebung reicher als in den ausgebeuteten Gefilden von

Neapel, Palermo oder Granada finden wird.

Wenige Wochen, bevor ich nach Brussa kam, hatte ich in Kairo die Märchen

von Tausend und einer Nacht lebendig an mir vorüberziehen sehen, hatte

von der Pyramide des Cheops einen Blick in die Libysche Wüste getan und

von Suez auf einem Kriegsschiffe des Khedive einen höchst interessanten

Ausflug zu den Korallenbänken des Roten Meeres am Fuße des Sinai

unternommen. Von Alexandrien war ich darauf nach Smyrna gefahren, von wo

ich in Gesellschaft liebenswürdiger deutscher Landsleute Exkursionen

nach dem klassischen Trümmerstätten von Magnesia und Ephesus unternahm,

in ersterem das uralte, in den Felsen gehauene Riesenbild der Niobe, in

letzterem die kürzlich ausgegrabenen Substruktionen des weltberühmten

Dianatempels bewundernd. Wenige Tage später genoß ich auf der Akropolis

von Athen und auf den Tempelruinen von Eleusis unvergeßliche Stunden

lebendiger Erinnerung an die Blüte des klassischen Altertums; und

abermals nach wenigen Tagen erfreute ich mich an den Ufern des Bosporus

und am Goldenen Horn von Konstantinopel der Fülle von Natur- und

Kunstgenüssen, von historischen Reminiszenzen und ethnographischen

Bildern, mit denen die gewaltige Hauptstadt des Türkenreiches noch heute

geschmückt ist. Und doch, nachdem alle diese wunderbaren Gemälde des

Orients in der raschen Folge weniger Wochen an meinem Auge

vorübergegangen waren, nachdem die Phantasie durch das Übermaß der

genossenen großartigen und mannigfaltigen Bilder übersättigt erschien,

vermochte zuletzt noch das herrliche Brussa einen so tiefen Eindruck zu

hinterlassen, daß ich mir keinen schöneren und harmonischeren Abschluß

zu der langen Reihe der bunten vorhergegangenen Orientbilder wünschen

könnte.

Es war ein heiterer, wolkenloser Frühlingsmorgen, als ich am 25. April

1873 in Gesellschaft des bekannten Landschaftsmalers Ernst Körner aus

Berlin die Fahrt nach Brussa antrat. Der Kanzler am deutschen

Generalkonsulat in Konstantinopel, Herr Rohnstock, welcher der

türkischen Sprache vollkommen mächtig ist, begleitete uns und hatte die

Güte, die Rolle eines Dolmetschers zu übernehmen. Während die

aufsteigende Morgensonne mit ihren ersten Strahlen die Fenster von

Skutari und von den kleineren Ortschaften am asiatischen Ufer des

Bosporus vergoldete, stiegen wir nach der großen Brücke hinunter, welche

an der Ausmündung des Goldenen Horns das fränkische Pera mit dem

alttürkischen Stambul verbindet. In der Nähe dieser Brücke ankern die

kleinen Dampfboote, welche mehrmals wöchentlich von Konstantinopel nach

dem Golfe von Mudania fahren. Die kleine Stadt Mudania liegt am

südlichen Gestade des Marmarameeres, in gerader Linie etwa sechs

deutsche Meilen südwärts von Stambul entfernt. Sie ist der Hafenort von

Brussa und steht durch eine gute, vier Meilen lange Fahrstraße mit ihm

in Verbindung.

Ein leichter Kaik, einer venezianischen Gondel ähnlich, führt uns von

der Perabrücke zu dem kleinen Dampfer hinüber; wir finden sein Verdeck

bereits dicht besetzt mit türkischen Landleuten in buntfarbiger Tracht,

mit zerlumpten Fischern und verschleierten Weibern. Um acht Uhr lichtet

unser Schiff die Anker und bahnt sich mühsam seinen Weg durch das dichte

Gewühl von Fahrzeugen aller Nationen, welche den größten Hafen des

Orients erfüllen. Rasch durchkreuzen wir das südliche Ende des Bosporus,

lassen die malerische, mit Zypressen bedeckte Serailspitze von Stambul

zu unserer Rechten, den alten Leanderturm und den riesigen

Begräbnisplatz von Skutari mit seinem berühmten Zypressenwald zu unserer

Linken liegen, und ergötzen uns an dem wundervollen Bilde, welches das

alte Stambul hier von der Südseite gewährt. Je weiter wir uns von ihm

entfernen, desto imposanter tritt die gewaltige Häusermasse der

türkischen Hauptstadt auf ihren Hügeln hervor; die Kuppeln ihrer

zahlreichen Moscheen und die schlanken Minarette daneben schimmern

golden im Glanze der Morgensonne. Unten am Strande zieht sich der Rest

der alten Stadtmauer hin, deren westliches Ende mit dem malerischen

Schlosse der sieben Türme abschließt. Dieses mächtige alte Kastell

spielte lange Zeit als Zitadelle der Hauptstadt eine wichtige Rolle bei

den Belagerungen und erinnert uns mit seinen mittelalterlichen

Mauerkränzen und Turmzinnen an die gewaltigen Ereignisse, die hier im

Laufe von zwei Jahrtausenden vorübergezogen sind. Doch werden wir in

diesen historischen Betrachtungen bald durch den modernen Pfiff der

Lokomotive gestört, die längs der Mauern hindampft; sie befährt den

neuen Schienenweg nach Adrianopel, welcher wenige Monate nach unserer

Anwesenheit dem Verkehr übergeben wurde; ein wichtiger Fortschritt zur

abendländischen Kultur und somit zur Auflösung des altersschwachen

Osmanenreiches.

Während wir südwärts steuern, entschwindet das glänzende Bild der

Konstantins-Stadt allmählich unseren Blicken. Wir fahren ziemlich nahe

an den Prinzeninseln vorüber, den lieblichen, mit Villen und Gärten

bedeckten Eilanden, auf denen im heißen Sommer die vornehmen Bewohner

von Pera und Stambul sich vom staubigen Gewühl des Alltagstreibens

erholen. Scharen von Delphinen umspielen unser Schiff und tauchen mit

ihren Rückenflossen sich tummelnd empor. Unser Kurs geht gerade auf eine

steile, links weit vorspringende Landspitze zu, das »Bos burun« oder das

»Vorgebirge des Eises«. Zwischen diesen und den Prinzeninseln öffnet

sich zu unserer Linken ein tief einschneidender, von bewaldeten Bergen

umgebener Meerbusen, der Golf von Nikomedia, der »Sinus Astacenus« der

alten Römer. Tief im Grunde desselben liegt das unbedeutende Städtchen

Isnikmid, der letzte Rest des mächtigen alten Nikomedia, jener früheren

Residenz der bithynischen Könige, die durch zahlreiche Erdbeben

verwüstet wurde.

Zu unserer Rechten taucht jetzt aus der blauen Flut das schöne Eiland

Kalolimni auf; wir fahren zwischen ihm und dem Eiskap hindurch und

werden durch den herrlichen Anblick des Golfs von Mudania überrascht.

Rings von langgestreckten, schöngeformten Bergketten umschlossen, deren

Füße kulissenartig vorspringen, gleicht dieser Golf, der »Sinus Cianus«

der Alten, einem großen, stillen Landsee. An seinen Gestaden landete

Jason auf der Argonautenfahrt. Am südlichen Ufer des Golfs, wo er sich

in das Marmarameer öffnet, liegt das Städtchen Mudania, eine Doppelreihe

ärmlicher Holzhäuser, von vielen pyramidenförmigen Lebensbäumen

(^Thuja^) überragt. Ihre Bewohner sind zum größten Teile griechische

Gärtner und Weinbauer. Die Tochter eines solchen war die hier geborene

Sophia Witt, die später durch ihre Schönheit und ihren Geist berühmt

gewordene Gräfin Potocka.

Um zwölf Uhr mittags legt unser Boot an der Landungsbrücke von Mudania

an. Nachdem wir uns bei den Polizeibeamten mittels unseres türkischen

Passes legitimiert haben, besteigen wir einen der bereitstehenden

offenen Wagen, der mit zwei schmucken Schimmeln bespannt ist, und im

munteren Trab fahren wir auf der Landstraße nach Brussa.

Die Mittagssonne entsendete jetzt glühende Strahlen vom wolkenlosen

Aprilhimmel Kleinasiens herab, und zu unserer Linken schlugen die

plätschernden Wellen des spiegelklaren Meeres so verführerisch auf den

weichen Sand des schmalen Strandes, daß wir der Versuchung nicht

widerstehen konnten, unsere Fahrt nach kurzer Dauer zu unterbrechen und

ein improvisiertes Bad zu nehmen. Köstlich erfrischt von den kühlen

Wellen und von einem frischen Trunk aus einer Felsenquelle, die nach

kurzem Lauf sich ins Meer ergießt, gingen wir jetzt eine Strecke neben

dem Wagen aufwärts. Die Straße steigt zwischen Olivengärten und

Weinbergen in vielen Windungen bergan. Je höher wir hinaufkommen, desto

schöner gestaltet sich der Blick auf den blauen Golf zu unseren Füßen

und auf die edelgeformten, teils bebauten, teils bewaldeten Berge, die

denselben in stattlichem Kranze umschließen. Besonders werden unsere

Blicke durch den hohen, südöstlich gelegenen Berg Usuntschar gefesselt,

seine ungemein schöne Form erinnert auffallend an den berühmten »Monte

Pellegrino« bei Palermo.

Nachdem wir anderthalb Stunden gestiegen, haben wir den Sattel des

langgestreckten Bergrückens erreicht, welcher den Golf von Mudania und

die Ebene von Brussa trennt, und wir fahren nun, nach einem letzten

Rückblick auf das Marmarameer, hinter dem türkischen Dorfe Tschakirchan

durch eine felsige Schlucht bergab. Am Ausgange der letzteren überrascht

uns plötzlich die großartige Aussicht auf den weiten grünen Talkessel

von Brussa, überragt von der gewaltigen, den ganzen südlichen

Hintergrund ausfüllenden Granitpyramide des schneegekrönten Olympos. Das

frischeste Frühlingsgrün schmückt die lachende Ebene zu unseren Füßen,

mitten hindurch windet sich in weitem S-förmigen Doppelbogen der

anmutige Fluß Nilufer. Er umgürtet den Fuß des Olymps und nimmt in sein

Bett die zahllosen Bergbäche und Quellen auf, die den westlichen und

nördlichen Abhängen des Berges entströmen. Den schönen Namen Nilufer --

d. h. »Lotosblume« (^Lotos Nenufar^) -- verdankt der Fluß einer

griechischen Prinzessin, die durch ihre Schönheit und Anmut weit berühmt

war. Diese unglückliche Fürstin wurde während ihres Hochzeitsfestes auf

dem festen Schlosse Biledschik von dem Sultan Osman, dem Gründer der

Osmanendynastie, überfallen, räuberisch entführt und in den Harem seines

Sohnes Orchan eingesperrt. Hier wurde sie später die Mutter des

kriegerischen Sultan Murad I.

Nach halbstündiger heißer Fahrt durch die Ebene, deren Wiesen

stellenweise ganz blau von Irisblüten waren, hatten wir das Gestade des

Nilufer erreicht und hielten Rast im Schatten eines anmutigen

Eichenhaines; ein türkisches Kaffeehaus erquickte uns mit köstlichem

Mokkatrank. Hier zog auf der Straße eine lange Karawane von schweren

anatolischen Lastkameelen an uns vorüber, wie man sie in den Straßen von

Smyrna so oft sieht. Mit Ballen von kostbarer Brussaseide belastet,

gingen die schwerfälligen Tiere gravitätisch hintereinander her, durch

Stricke zu einer langen Kette verbunden. Den Kopf der langen Kolonne

bildete ein kleiner kluger Esel, wie er hier gewöhnlich als Führer der

Kamelzüge auftritt. Denn das Langohr vertritt hier im Morgenlande die

leitende Intelligenz der Huftiere, im Gegensatze zu den im Abendlande

herrschenden Anschauungen.

Je mehr wir uns auf unserer weiteren Fahrt dem Olympgebirge näherten,

desto mehr entfalteten sich die landschaftlichen Reize der Gegend. In

freundlichem Gegensatze zu den dunkeln, waldigen Schluchten des Gebirges

zeigte sich die üppige Fruchtbarkeit des Tales in lachendem

Frühlingsgrün. Plätschernde Brunnen und mächtige Platanen an den Seiten

des Weges verbreiteten Kühlung und Schatten.

Die Sonne neigte sich schon stark gen Westen, als wir in die Stadt

einfuhren. Unsere Ankunft gestaltete sich dadurch besonders festlich,

daß gerade ein griechischer Feiertag war. Die ganze griechische

Bevölkerung, in die buntesten Festgewänder gekleidet, lustwandelte vor

der Stadt und erfreute sich des schönen warmen Frühlingsabends. In

heiteren Gruppen lagerten viele Familien auf den blumigen Hügeln vor den

Mauern und ergötzten sich mit Musik, Spiel und Tanz. Keine schönere

Staffage hätte den Vordergrund des herrlichen Bildes zieren können, das

die prächtige Stadt mit ihren zahllosen Minaretten und Kuppeln, im

Glanze der Abendsonne funkelnd, unseren entzückten Augen darbot.

In dem schön gelegenen »Hotel du Mont Olymp«, dem einzigen europäischen

Gasthofe von Brussa, fanden wir freundlichste Aufnahme und beste

Verpflegung. Der treffliche Wirt desselben, Don Franzesco Franchi aus

Florenz, war in jeder Weise bemüht, uns unseren Aufenthalt so angenehm

als möglich zu machen. Seine köstlichen Orangen und Feigen, die

vorzüglichen ^Maccaroni con pomi d'oro^ und die leckeren Forellen aus

den Olymposbächen, gewürzt durch den edlen, rosenroten, am Fuße des

Götterberges gewachsenen Wein, mundeten uns so vortrefflich, als ob es

Nektar und Ambrosia von der olympischen Göttertafel selbst gewesen wäre.

Dabei ergötzten sich unsere Geruchsnerven an den aromatischen

Blumendüften der zahlreichen benachbarten Gärten, in denen Rosen und

Lilien, Jasmin und Nelken, Daphne und Balsamine in üppigster Fülle

blühten; und als ob Vater Zeus am Tore seiner Götterwohnung alle Sinne

gleichmäßig entzücken wolle, wurden wir noch am späten Abend durch ein

unerwartetes Konzert überrascht. Denn als wir das Verlangen nach Speise

und Trank gesättigt hatten, unsere Schlafzimmer aufsuchten und auf deren

Balkon hinaustraten, um die würzige Abendluft zu atmen, tönte uns aus

der benachbarten Waldschlucht der melodische Gesang zahlreicher

Nachtigallen entgegen. Während diese liebliche Sängerin bei uns meistens

die Einsamkeit aufsucht, wohnt sie in Kleinasien scharenweis in den

Gärten und scheint im Wettgesange besondere Kunst zu entfalten. Jeden

Abend, wenn wir in Brussa unser Lager aufgesucht hatten, lauschten wir

noch lange ihren entzückenden Liedern und wurden erst spät dadurch in

den süßesten Schlaf gesungen.

Waren so schon die ersten Eindrücke, die wir am Abend unserer Ankunft in

Brussa empfingen, höchst angenehm, so überzeugten uns unsere Wanderungen

in der Stadt und in der näheren Umgebung bald, daß eine lieblichere

Sommerfrische im Orient wohl nicht gefunden werden kann. Fürwahr, die

türkischen Dichter haben recht, wenn sie diese Stadt als ein irdisches

Paradies besingen. Reizend schön, lieblich und großartig zugleich ist

die ganze Lage und Umgebung der Stadt, in vieler Beziehung derjenigen

von Granada ähnlich. Als ich auf der alten Schloßruine von Brussa, auf

steilem Felsen hoch über der Stadt stand, und als mein Blick über die

Häusermassen, Kuppeln und Gärten zu meinen Füßen schweifte, und weiter

hinaus über die ausgedehnte, üppige grüne Ebene und in blauer Ferne über

den umschließenden Kranz von malerischen Höhenzügen, da tauchte lebendig

die Erinnerung an das herrliche Panorama in mir auf, das ich vor Jahren

auf der Alhambra und über der berühmten Vega von Granada genossen hatte.

Wie die andalusische Hauptstadt von den schneegekrönten Höhen der Sierra

Nevada, so wird Brussa von dem gewaltigen Schneehaupte des Olymp

überragt. Hier wie dort erhält die Lage der Stadt ihren besonderen Reiz

durch die Anlehnung an das wilde und großartige Gebirge, durch den

Quellenreichtum der buschigen Felsenschluchten und durch die üppige

Vegetation der von vielen Bächen bewässerten Ebene. Auch bieten die

beiden Städte viele Vergleichungspunkte in den zahlreichen und

prächtigen Denkmälern islamitischer Kunst und Geschichte, mit denen sie

noch heute geschmückt sind. Aber die Verhältnisse sind in Brussa

großartiger und gewaltiger als in Granada. Die anatolische

Osmanenresidenz mit ihren vielen hundert glänzenden Kuppeln, weißen

Minaretten und schwarzen Zypressen daneben ist weit malerischer als die

berühmte andalusische Kalifenresidenz, und auch in bezug auf die

sprudelnde Wasserfülle und die Üppigkeit der südlichen Vegetation ist

die erstere der letzteren weit überlegen. Im übrigen aber hat doch der

landschaftliche Charakter beider Gegenden sehr viel Ähnlichkeit, und es

legt ein gutes Zeugnis für den Schönheitssinn und das feine Naturgefühl

der mohammedanischen Fürsten ab, daß sie ebenso in Kleinasien wie in

Spanien die mit den höchsten Naturreizen geschmückte Stadt zum

bleibenden Herrschersitz wählten. Das Gegenteil gilt von den

christlichen Königen Spaniens, den Gönnern der heiligen Inquisition;

denn diese erwählten zu ihrer Residenz das traurige Madrid, mitten auf

der öden Hochebene von Kastilien, ohne Wald und ohne Wasser.

Die üppige Ebene von Brussa, die südlich vom Olympgebirge, nördlich von

den Höhenzügen des Arganthonios (jetzt Katirli) umschlossen wird, ist

ungefähr vier deutsche Meilen lang, eine Meile breit, und fast in ihrer

ganzen Ausdehnung teils mit fruchtbaren Wiesen, teils mit

Maulbeerpflanzungen bedeckt. Dieser Maulbeerwald ist das große

Proviantmagazin für die Seidenraupen, welche Brussas wichtigsten

Handelsartikel, die kostbare Brussaseide, spinnen. Zahlreiche, aus dem

Olymp hervorquellende Bäche sorgen für beständige Bewässerung der Ebene.

Während die Hauptmasse des Olymp nach Süden steil abfällt, strahlen nach

Norden von seinem Fuße zwölf gewaltige Bergrücken aus, zwischen denen

ebensoviele Schluchten liegen. In jeder Schlucht rauscht ein Bergstrom,

der aus tausend Quellen das schmelzende Schneewasser des Olympgipfels

sammelt. Diese Bergströme führen auch im heißesten Sommer eine nie

versiegende Wasserfülle in das Tal, und darin liegt bei dem köstlichen

Klima die Hauptursache der üppigen Vegetationsfülle, wie des poetischen

Reizes der herrlichen Gegend. Überall rieseln kalte und warme Quellen

aus den Schluchten des Götterberges, Wasserfälle stürzen von seinen

jähen Felswänden, plätschernde Brunnen versorgen alle Teile der Stadt,

und hier wird der Koranspruch zur Wahrheit:

»Das Wasser hat Leben

Allen Dingen gegeben.«

(^Min el -- mai^

^Küllun schejun hai.^)

Eine von den erwähnten Schluchten, wegen ihrer himmelhohen Felswände das

Himmelstal (Gökdereh) genannt, geht durch den östlichen Teil der Stadt

mitten hindurch und ist von einer kühnen Brücke überspannt. Im Grunde

rauscht der wilde Bergstrom über Felsentrümmer, während die Felsenmauern

an beiden Seiten, unterhalb der Häuser, mit Buschwerk und

Schlingpflanzen behangen sind. Eine andere, kleinere, aber ebenfalls

sehr malerische Schlucht (Kodocha Naib) durchschneidet den westlichen

Teil der Stadt. Zwischen diesen beiden Schluchten erheben sich, mitten

über Brussa, auf einer gewaltigen, fast senkrecht abfallenden

Felsenterrasse, die Ruinen der Zitadelle und der ältesten osmanischen

Herrscherpaläste, derjenigen von Muhammed I. und Murad I., daneben die

Moschee Sultan Orchans und die Grabkapellen von Orchan und Osman. Auch

vom Marmorbade des Harems sind noch bedeutende Reste vorhanden. Von der

alten Festung, der ältesten des osmanischen Reiches, sind nur noch ein

paar Mauern und Turmruinen übrig, und im Grase versteckt liegen vier

uralte, verrostete, eiserne Kanonenläufe. Wilder Wein und Efeu

überziehen wuchernd das zerfallene Trümmerwerk. Gleich hinter der

Zitadelle liegt Bunarbaschi, das »Quellenhaupt«, einer der beliebtesten

öffentlichen Spaziergänge Brussas. Hier trifft man jederzeit, besonders

aber gegen Abend, lustwandelnde oder auf den Rasenplätzen gelagerte

Gruppen, die im Schatten alter Platanen ihren Tschibuk rauchen, Kaffee

schlürfen und dem Gemurmel der vorübereilenden Bergbäche lauschen.

Unmittelbar an diese reizende Promenade stößt ein Friedhof mit mächtigen

alten Zypressen, und wenn wir diesen durchschreiten und dann auf einem

anmutigen Felsenpfade den Berg eine Viertelstunde hinansteigen, so

kommen wir zu den berühmten Wallfahrtsorten zweier mohammedanischer

Heiligen, Murad Abdal und Seid Nassir. Von hier genießen wir bei

Abendbeleuchtung eine der schönsten Aussichten über die ganze, zu

unseren Füßen liegende Stadt, über die weite grüne Ebene und über die

fernen Arganthoniosberge, die im Glanze der Abendsonne sich in das

zarteste rosige Gewand hüllen.

Nicht weniger als 365 malerische Aussichtspunkte und anmutige

Spaziergänge zählen die Bewohner von Brussa mit Stolz in ihrer

herrlichen Umgebung auf, und ebenso groß soll auch die Zahl der

glänzenden Kuppeln, der Moscheen und Gruftkirchen sein, die aus dem

bunten Häusermeer der Stadt und aus den überall eingestreuten grünen

Gärten hervorragen. Doch ist wohl die Mehrzahl derselben jetzt halb

verfallen oder ganz zerstört. Immerhin dürften noch gegen 200 Kuppeln

vorhanden sein, und diese gehören nebst den schlanken Minaretten und den

uralten Zypressen zu den charakteristischen Zierden der Stadt. Die

weißen Minarette, die gleich hohen Marmorsäulen über die

metallglänzenden Kuppeln der Moscheen emporstreben, stehen in

lichtvollem Kontrast zu den düstern, schwarzgrünen Zypressen, welche

überall einzeln und gruppenweise in der Stadt und ihrer nächsten

Umgebung zerstreut sind. Nie habe ich gewaltigere und ehrwürdigere

Zypressen gesehen als hier in Brussa. Verglichen mit diesen mächtigen,

uralten Riesen, erschienen mir die berühmten Zypressen der Villa d'Este

in Tivoli bei Rom als schlanke Jünglinge. Überaus wirkungsvoll heben

sich ihre dichten, schwarzen Nadelpyramiden auf der lichtvollen und

farbenprächtigen Landschaft von Brussa ab, besonders wenn die

untergehende Sonne diese mit einem zauberhaften roten Glanze überzieht.

Gleich allen anderen Städten des Orients ist auch Brussa im Innern viel

weniger anziehend als von außen. Doch zeichnen sich die engen Straßen

durch verhältnismäßige Reinlichkeit aus, und die blumenreichen Gärten

hinter den Häusern geben ihnen einen freundlichen Charakter. Die Stadt

zieht sich über eine Stunde lang am Olympabhange hin, ist aber kaum eine

Viertelstunde breit. Die Einwohnerzahl, früher weit über hunderttausend,

beträgt jetzt kaum 70000, darunter ungefähr 10000 Armenier, 6000

Griechen und 3000 Juden. Auch einige deutsche Kaufleute leben in Brussa,

darunter ein Badenser, namens Schwab, der zugleich das Amt eines

deutschen Vizekonsuls vertritt. Wir lernten in ihm einen ebenso

liebenswürdigen als fein gebildeten und poetisch begabten Landsmann

kennen und denken mit Vergnügen an die höchst angenehmen Abende zurück,

die wir in seinem gastfreien Hause verlebten. Ganz besonders erfreut war

ich, in Herrn Schwab einen warmen Freund der »Natürlichen

Schöpfungsgeschichte« zu entdecken und zu hören, daß er dem

»Darwinismus« unter den Anwohnern des asiatischen Olympos schon manchen

Anhänger geworben hat.

Unter den öffentlichen Gebäuden von Brussa sind vor allen die von den

ältesten Osmanen-Sultanen gegründeten Moscheen und Grabdenkmäler von

Interesse, sowohl durch ihren architektonischen Schmuck als durch die

daran geknüpften historischen Erinnerungen. Alle die älteren Herrscher

der Osmanen-Dynastie haben sich hier durch schöne Kuppeldome verewigt:

voran Osman, Ertoghruls Sohn, der als Gründer des Osmanenreichs sich

welthistorische Bedeutung erwarb; dann Orchan, der nach langer

hartnäckiger Belagerung im Jahre 1326 Brussa eroberte, kurz vor dem Tode

seines Vaters Osman; darauf Murad I., welcher den Schrecken der

türkischen Waffen nach Europa trug und 1389 in der siegreichen Schlacht

auf dem Amselfeld in Serbien fiel. Murads Sohn war Childrim Bajasid, der

»Blitzstrahl«, der gewaltige Krieger, der bis in das westliche Ungarn

vordrang, 1396 bei Nikopolis den deutschen Kaiser Sigismund schlug,

selbst aber 1402 in der furchtbaren Schlacht bei Angora von dem Mongolen

Timur geschlagen und gefangengenommen wurde. Auf Bajasid folgte sein

Sohn Mohammed I., auf diesem Murad II. und dann Mohammed II., der 1453

Konstantinopel eroberte. Alle diese mächtigen Sultane des

Osmanenreiches, die das ganze Abendland mit ihrer furchtbar wachsenden

Macht in Schrecken setzten, haben in Brussa eine Zeitlang residiert und

Moscheen gestiftet; die meisten sind auch dort begraben.

Auf der Ostseite der Stadt hat Childrim Bajasid seine Moschee erbaut,

durch edle Einfachheit ausgezeichnet. Daneben steht sein Grabmal, im

ältesten und einfachsten Stil der osmanischen Baukunst. Nicht weit davon

erhebt sich auf einem Hügel mit herrlicher Aussicht die prachtvolle

Moschee Mohammeds I., die für die schönste des ganzen osmanischen

Reiches gilt. Polierte Platten von buntfarbigem Marmor schmücken die

Außenwände, so daß der Dom schon von fern wie ein Edelstein glänzt. Ein

wundervolles Tor, mit den zierlichsten Marmorarabesken, führt in das

Innere, das mit blauen und grünen Porzellanplatten getäfelt ist; darauf

prangen Koraninschriften in weißem Schmelz. Der Mirab (die Nische, worin

der Koran liegt) ist von rotem Marmor, mit Gold verziert. Auch die

Kuppeln und Minarettes dieser wundervollen Moschee waren ehedem ganz mit

grünem persischen Porzellan bekleidet, weshalb sie den Namen der »grünen

Moschee« erhielt.

Am anderen Ende von Brussa, nahe dem westlichen Eingang, liegt an einem

höchst malerischen Platze, von hohen Platanen und Zypressen umgeben, die

»^Muradieh^«, die Moschee und Gruftkirche Murads II., daran stoßend ein

Dutzend Mausoleen, Kapellen und Schulen. In den Gruftkirchen hängen noch

Kleider und Waffen der Sultane und ihrer Familien. Auf den Sarkophagen

liegen schwarze Samtdecken, mit Silber und Gold gestickt, davor der

Koran und Gebetbücher in prächtigen alten Pergamentbänden mit feiner

Malerei. Reizend ist der Garten vor dieser Moschee, in welchem jetzt

eben Rosen, Lilien und Jasmin ihre Wohlgerüche ausströmen.

Die größte Moschee von Brussa, auf dem höchsten Punkte der Stadt

gelegen, ist vom Sultan Murad I. angefangen, von seinem Sohn Bajasid I.

fortgeführt und erst von seinem Enkel Mohammed I. vollendet. Sie bildet

ein Quadrat von 200 Fuß Seitenlänge, und ihr Dach ist aus 19 Kuppeln

zusammengesetzt. An Stelle der zwanzigsten befindet sich ein mächtiges

kreisrundes Fenster und darunter ein großes viereckiges Wasserbecken, in

dem Forellen spielen; eine Eigentümlichkeit dieser Moschee. Mirab und

Estrade sind mit Marmorarabesken, Pfeiler und Wände mit seltsamen

Schriftzügen, Sprüchen aus dem Koran geschmückt. Früher wurde diese

Moschee in den Ramasannächten mit 700 Lampen erleuchtet.

Viele von den Moscheen und den andern merkwürdigen Gebäuden Brussas, die

Hammer in seinem »Umblick auf einer Reise von Konstantinopel nach

Brussa« (1818) genau beschrieben hat, sind gelegentlich der wiederholten

Verheerungen der schönen Stadt durch Krieg, Feuersbrünste und Erdbeben,

insbesondere durch das letzte große Erdbeben von 1855, zerstört worden.

Unter den wohlerhaltenen Gebäuden sind besonders noch die warmen Bäder

zu erwähnen, schön gewölbte Kuppeldome, in denen mächtige warme Quellen

sprudeln. Diese Thermalquellen, sieben an der Zahl, brechen aus den

Tiefen des Olymp hervor; sie waren schon im Altertum wegen ihrer

Heilkraft berühmt und wurden vielleicht für Hannibal die Veranlassung,

hier die Stadt zu gründen, die er seinem Gastfreunde und Gönner, dem

Könige Prusias von Bithynien zu Ehren »Prusa« nannte. Noch jetzt werden

die Heilquellen Brussas alljährlich von mehreren tausend Patienten aus

allen Teilen des Orients besucht. In manche der Bäder werden heiße und

kalte Quellen nebeneinander geleitet und nach Bedürfnis in den

Marmorbassins gemischt. Die Temperatur ist teilweise ausnehmend hoch und

beträgt bei den vier mächtigen Hauptquellen 66 Grad R.

Unter den Ausflügen, die wir von Brussa aus unternahmen, war der

weiteste und interessanteste die Ersteigung des Olymp. Am 26. April um 5

Uhr morgens bestiegen wir die starken türkischen Bergpferde, welche uns

auf den ungefähr 8000 Fuß hohen Götterberg hinauftragen sollten. Zwei

berittene und bewaffnete Türken dienten uns als Führer und als Eskorte.

Der klare wolkenlose Himmel und die empfindlich kalte Morgenluft

versprachen uns einen schönen Tag, und sie hielten Wort. Nachdem wir die

Stadt am östlichen Ende verlassen und eine kurze Strecke durch

Weingärten geritten waren, führte uns ein steiler und steiniger Pfad in

dem Walde aufwärts, der als dichter grüner Mantel den ganzen unteren

Teil des gewaltigen Berges einhüllt. Der nördliche Abhang des Olymp

gliedert sich in drei verschiedene Terrassen, von denen die unterste

gegen 2000, jede der beiden oberen ungefähr 3000 Fuß hoch ist. Die

oberste Terrasse ist fast ohne Baumwuchs, die mittlere mit Nadelholz,

die untere mit Laubholz bedeckt; hier unten bestand auf unserem Wege der

Laubwald größtenteils aus edlen Kastanien und Nußbäumen, weiter oben

gesellten sich dazu viele Buchen und Eichen. Wilder Wein, Waldreben,

Brombeeren und andere Schlingpflanzen winden sich in zierlichen

Girlanden von Baum zu Baum und dichtes Efeugewand umschließt die

altersgrauen Stämme. Der Boden zwischen den Baumwurzeln ist mit einem

lachenden Teppich bunter Frühlingsblumen geziert: roten Anemonen,

violetten Hyazinthen, blauen Veilchen, gelben Ranunkeln und weißen

Narzissen. Der gelbe Jasminstrauch verbreitet mit seinen zierlichen

Blütentrauben ringsum balsamischen Duft. Der Weg führt eine lange

Strecke an dem steilen östlichen Rande des Gökdereh oder Himmelstales

empor, dessen gewaltiger Felsenkessel mit senkrecht abfallenden Wänden

in schwindelnder Tiefe zu unseren Füßen liegt. Die granitische

Felsenmasse des Olymp ist auf dieser ersten Terrasse zum größten Teile

von einem Gürtel von schiefrigem Gneiß umgeben, jedoch ist derselbe an

vielen Stellen von weißem Marmor durchsetzt. Auf der zweiten Terrasse

tritt fast überall der Granit zutage. Auf der dritten Terrasse ist der

rote Granit wieder vielfach von grauem und weißem Marmor bedeckt, der

auch den Gipfel bildet.

Nachdem wir etwa eine Stunde lang an der oberen Kante der

Himmelsschlucht emporgestiegen waren, erreichten wir an der Grenze der

ersten und zweiten Terrasse einen sehr anmutigen Platz. Der Wald ist

hier auf eine ausgedehnte Strecke gelichtet und der quellenreiche

Felsboden mit üppigem Rasen bedeckt. Das Gebell großer zottiger

Wolfshunde, die uns entgegensprangen, lenkte unsere Blicke auf eine

Ziegenherde, die in einiger Entfernung am Felsenhang weidete, und

daneben wurden wir einige sonderbare Zelte von halbtonnenförmiger

Gestalt gewahr. Es waren die Sennhütten turkomanischer Hirten, die den

Sommer über auf den Abhängen des Olymp Alpenwirtschaft treiben. Im

Winter ziehen sie als unstete, halbwilde Nomaden in der Ebene umher.

Ihre Schafe und Ziegen sollen von den Herden Sultan Osmans abstammen,

der an 40000 Lämmer auf dem Olymp weiden ließ.

Auf dieser Turkmenenplatte genossen wir einen herrlichen Rückblick über

die ganze grüne Ebene von Brussa, tief unten im Grunde der blaue See von

Jenischehr, rechts im Hintergrunde die schöne Bergkette des

Arganthonios, links jäh zu unserer Seite das großartige Gökdereh. Von

der Turkmenenplatte aufwärts führte uns der Weg fast drei Stunden lang

über die Granitgehänge der zweiten Terrasse, deren Walddecke meist aus

Nadelholz, größtenteils Edeltannen und Lärchenfichten, besteht.

Namentlich unter ersteren finden sich prachtvolle alte Stämme von

gewaltiger Höhe und Stärke, mit langen, grauen Bartflechten behangen.

Große Strecken des Forstes waren durch Waldbrände zerstört, und wie

riesige Gespenster ragten die nackten, gebleichten Stämme der hohen

Edeltannen mit ihren halbverkohlten Zweigen aus den üppigen

Farnkrautbüschen hervor, die sich auf der Brandstätte angesiedelt

hatten. Zwischen den Aschenhaufen und den umherliegenden verkohlten

Baumtrümmern sproßte neues reiches Pflanzenleben aus den Ruinen der

vorhergegangenen Generation empor. Hunderte von kleinen Bächen, von dem

schmelzenden Olymposschnee gespeist, rieselten zwischen den

Felsentrümmern, und mehrmals mußten unsere Pferde durch reißende

Bergwasser schreiten, deren schäumende Wellen bis zu unserem Sattel

emporreichten.

Der gewaltige Bergspalt des Himmelstales, auf dessen östlichem Rande

sich unser Pfad bisher meistens hielt, findet jetzt seinen Abschluß

durch eine kolossale Mauer von himmelhohen Felswänden, die von dem

untern Rande der dritten Olympterrasse fast senkrecht abstürzen.

Prächtige Wasserfälle schäumen donnernd zwischen den zerklüfteten

Granitpfeilern in die furchtbare Tiefe hinab und lösen sich unten in

feinen Wasserstaub auf. Üppige weiche Moospolster bekleiden die

hervorragenden Köpfe des triefenden Gesteins. Unser beschwerlicher Pfad

weicht der unersteiglichen Felsenmauer, die südwärts von uns liegt, aus

und wendet sich mehr gegen Osten, über einen zerklüfteten Abhang hinweg,

der über und über mit den großartigsten Felsentrümmern bedeckt ist. Die

riesigen Granitblöcke, die hier chaotisch durcheinander und übereinander

liegen, sind von früheren Reisenden treffend mit den Wurfgeschossen

verglichen, deren sich die Giganten bei ihrem mißlungenen Sturme auf die

Götterburg bedienten; oder auch mit den zerrissenen Gliedern der

Giganten selbst, die Jupiter mit seinem Blitzstrahl zerschmetterte und

in Stein verwandelte.

Mühsam zwischen diesem Granitgetrümmer uns hindurchwindend, gelangen wir

zu einer steilen Felsentreppe, über welche unsere wackeren Rosse mit

bewunderungswürdiger Geschicklichkeit und Vorsicht hinanklettern. Nur an

wenigen Stellen müssen wir absteigen und den guten Tieren selbst mit

heraufhelfen. Nachdem wir die steilen, zum Teil in eine senkrechte

Felswand gehauenen Stufen glücklich erklommen haben, stehen wir

plötzlich vor einem neuen überraschenden Bilde. Vor uns liegt die dritte

Terrasse, eine ausgedehnte Hochebene, mit Tausenden von riesigen

Granitblöcken bedeckt, hier und da auch mit einigen niederen, ganz

verkümmerten Tannen. Über denselben aber steigt in erhabener Majestät

der gewaltige Dom des Olympgipfels auf, eine schön gewölbte Kuppe, von

oben bis unten in einen schimmernden Schneemantel gehüllt. Zu unserer

Rechten liegt am oberen Waldrande vorn ein kleiner, von Gebüsch

umgebener, Forellen enthaltender Alpensee. Mein Freund Körner hat diese

großartige Szenerie in einem prächtigen Ölbilde verewigt, das jetzt mein

Studierzimmer schmückt.

In munterem Galopp reiten wir nun auf dem weichen Moosboden gerade auf

unser Ziel los. Doch nimmt der Wasserreichtum des von tausend Quellen

getränkten Hochmoores bald so sehr zu, daß unsere Rosse bei jedem

Schritte tief in den Schlamm sinken. Wir müssen absteigen und sie

vorsichtig hinter uns herziehen, bis wir wieder festen Granitboden unter

den Füßen haben. Wir begegnen hier einer langen Karawane von Eseln, die

in Zwerchsäcken Olymposschnee herabholen, in Brussa und Konstantinopel

die Hauptquelle für das schöne Fruchteis, das die Bewohner im heißen

Sommer erquickt.

Langsam über eine fast geneigte, teilweise mit Schnee bedeckte Berglehne

aufsteigend, haben wir endlich um 10 Uhr den nördlichen Fuß des

kegelförmigen Gipfels erreicht. Hier liegt eine halb verfallene

steinerne Hütte, die im Sommer von turkmenischen Hirten bewohnt wird.

Sie erinnerte mich an die ^Casa inglese^ am Fuße des obersten

Aschenkegels des Ätna, in der ich im Oktober 1859 übernachtete, und an

die ähnliche Steinhütte, in der ich im November 1866 oben auf dem Pik

von Teneriffa rastete, bevor ich die Besteigung des obersten, damals

ebenfalls ganz mit Schnee bedeckten Kegels begann. Obgleich die elende

Turkmenenhütte uns wenig mehr als ein trockenes Plätzchen inmitten der

umgebenden Schneelandschaft gewährte, so war uns doch eine halbstündige

Rast in derselben nach dem ununterbrochenen, anstrengenden,

fünfstündigen Reiten und Klettern sehr willkommen.

Wir zäumten unsere Pferde ab, breiteten die Satteldecken auf dem

zerfallenen Gemäuer aus und zündeten aus umherliegendem Wurzelwerk und

mitgebrachten Kohlen ein wohltuendes Feuer an. Bald kochte über

demselben ein kräftiger Kaffee, und mit ausgezeichnetem Appetit

verzehrten wir den Inhalt unserer Satteltaschen: olympischen Käse und

anatolische Hühnereier, Smyrnafeigen und zyprische Orangen. Der

treffliche rosenrote Feuerwein aus dem Olymphotel goß neue Kraft in

unsere ermüdeten Glieder. Während dieses herzerfreuenden Mahles

bewunderten wir den großartigen Ernst der Alpenlandschaft, die uns

umgab, und beratschlagten, ob und wie wir die Ersteigung des unmittelbar

vor uns liegenden Schneekegels bewerkstelligen könnten. Unsere Freunde

unten in Brussa hatten uns zwar vorher schon versichert, daß in dieser

Jahreszeit an eine Besteigung des Gipfels nicht zu denken sei und daß

wir des Schnees wegen höchstens bis zur dritten Terrasse kommen würden.

Auch wollten unsere Führer davon nichts wissen und verweigerten jeden

Versuch zur Mitwirkung; ja sie prophezeiten uns sogar sicheren Untergang

im Schnee, wenn wir unbegreiflicherweise auf den Gipfel klettern

wollten. Indessen lag der schneeblinkende Doppelgipfel so verlockend vor

uns, daß wir wenigstens den Versuch einer Ersteigung beschlossen, zumal

ein glücklicher Erfolg ähnlicher früherer Wagnisse uns ermutigte. War

ich den höheren und steileren Schneekegel des Pik von Teneriffa vor

sieben Jahren allein und gegen den Willen der Führer glücklich

hinaufgekommen, so mußte auch dieses, offenbar viel weniger schwierige

Unternehmen glücken; und so traten wir denn wohlgemut nach halbstündiger

Rast unsere Wanderung an.

Das glückliche Gelingen mußte davon abhängen, ob die vor uns liegende

steile Schneewand, die in ununterbrochener Flucht von der Turkmenenhütte

bis zum Doppelgipfel aufstieg, zugänglich war; ob der Schnee weich genug

war, um darin festen Fuß zu fassen, hart genug, um nicht zu tief

einzusinken. In der Tat war dies der Fall, und wir konnten ohne Gefahr,

wenn auch nur langsam und beschwerlich, im Zickzack über die glänzende

Lehne emporsteigen. Unsere kleine Gesellschaft kam jedoch bald

auseinander, da sich jeder seinen eigenen Weg suchte. Ich hielt mich am

weitesten östlich, zog die kürzeste und steilste Richtung vor und hatte

nach anderthalbstündigem anstrengenden Klettern glücklich den höchsten

Gipfel erreicht; es war gerade 12 Uhr mittags. Eine halbe Stunde später

traf auch der Maler Körner oben ein, der sich seinen Pfad auf einer

etwas flacher geneigten Schneelehne gesucht und dadurch einen Umweg

gemacht hatte. Unsere anderen Reisegefährten, die eine ungünstigere, zu

sehr von der Sonne aufgeweichte Schneehalde betreten hatten, erreichten

die Höhe nicht und kehrten nach vergeblichen Versuchen zur

Turkmenenhütte zurück, wo unsere Führer bei den Pferden geblieben waren.

Eigentümlich erhebend und großartig war die gewaltige Rundsicht, die wir

nun auf dem Gipfel des asiatischen Olymp, in ungefähr 8000 Fuß Höhe über

dem Meere, genossen, und die durch das herrlichste, klarste Sonnenlicht

begünstigt wurde. Wir standen auf einem anatolischen »Dreiherrenspitz«,

denn der Gipfel des Olympos bezeichnet die Grenze dreier Provinzen des

alten römischen Weltreiches. Bithynien im Norden und Osten, Phrygien im

Süden, Mysien im Westen. Vor allem großartig und prächtig ist der Blick

nach Norden, wo unser Auge über die grüne Ebene von Brussa und den

blauen Golf von Mudania hinüber auf das Marmarameer schweift, auf die

Prinzeninseln und weiter bis zum Bosporus, ja bis zu dem Häusermeer und

dem Kuppelwald von Konstantinopel, das wir eben noch erkennen können.

Westwärts erfreut sich das Auge an den herrlichen grünen Gefilden des

fruchtbaren und früher reich bevölkerten mysischen Küstenlandes, aus

denen die beiden großen Landseen von Apollonia und Manija wie zwei

blinkende Augen glanzvoll hervorschauen. Im Süden hingegen erblicken wir

weit und breit nur dunkles Waldgebirge, Kuppen über Kuppen gehäuft, die

Gipfel noch mit Schnee bedeckt, ohne eine Spur von menschlichen

Wohnsitzen. Ostwärts ist die Rundsicht großenteils durch die

benachbarten niederen Höhen des Olymprückens verdeckt.

Welche Ereignisse vollzogen sich auf der welthistorischen Schaubühne,

welche unser Auge hier mit einem Blicke meilenweit überfliegt! Welche

Fülle der größten historischen Erinnerungen knüpft sich allein an die

Wasserstraße zu unseren Füßen, die gleich einem Zauberbande zwei

Weltteile trennt und verbindet! Hier führten Xerxes und Darius ihre

persischen Heeresmassen nach Griechenland hinüber; hier traten die

römischen Legionen von Europa nach Asien über, um die Königreiche von

Bithynien und Mysien der Universalherrschaft Roms zu unterwerfen; aus

demselben Boden sammelten die ersten Osmanensultane, deren Wiege in

Brussa stand, ihre Türkenheere, die in kurzer Zeit der Schrecken Europas

wurden; und ebenda strömten wiederum die bunten Scharen der Kreuzfahrer

aus allen Landen Europas nach dem »Heiligen Lande«, um das leere Phantom

der Grabeskirche zu erobern!

Nachdem wir uns an dem wunderbaren Panorama gesättigt und die daran sich

knüpfenden Erinnerungen in raschem Phantasiefluge an uns hatten

vorüberziehen lassen, warfen wir noch einen Blick auf die nächste

Umgebung, auf die weißen Marmorblöcke, die den Gipfel des Olymp

bedecken, und auf die winzige Alpenflora, die zwischen denselben den

Boden bekleidet. Da erkannten wir, unter der Schneedecke versteckt,

zierliche kleine Saxifragen und Gentianen, niedliche Kruziferen und

Primeln, Alpenpflanzen, deren schöne, farbenreiche Blüten im Hochsommer

den Gipfel des Götterberges mit buntem Schmucke zieren. Gegenwärtig

waren nur das im Winterschlaf versunkene Kraut der Zwergflora sichtbar

und trockene Früchte aus dem vorigen Jahre. Aber ein Schwarm von

niedlichen roten, schwarz getüpfelten Marienkäferchen (^Coccionella^)

tummelte sich im Sonnenschein auf dem schneebedeckten Rasen. Auch eine

der beliebtesten und am meisten charakteristischen Pflanzen unserer

Hochalpen fehlte nicht: das Edelweiß, oder doch eine diesem nahe

verwandte, mit weitem Filz bedeckte ^Gnaphalium^-Art.

Als bleibendes Andenken an die gelungene Olympbesteigung schlug ich mir

die Spitze des am höchsten vorragenden Marmorblockes ab und steckte sie

zu den Alpenpflanzen in die Wandertasche; vertrauend, daß Vater Zeus

darüber nicht zürnen werde, wenn sein Götterberg um einen halben Fuß

niedriger ist. Dann trat ich mit meinem Gefährten Körner wohlgemut den

Rückweg an. Über die glatte Schneewand herabrutschend, waren wir in

kurzer Zeit wieder bei der Turkmenen-Hütte und banden uns hier noch

einen schönen Strauß von den bunten Blumen, die unmittelbar am Rande des

schmelzenden Schnees blühten: gelber und violetter Safran (^Crocus^),

blaue Meerzwiebel (^Scilla^) und rote Aurikeln (^Primula^). Dann setzten

wir uns wieder zu Pferde, genossen auf dem Rückwege, der mit mehr Muße

zurückgelegt wurde, noch eine prachtvolle Abendbeleuchtung und waren um

8 Uhr abends wieder in Brussa.

Ende.

Natur und Mensch.

Inhalt.

Seite

Einleitung: Ernst Haeckel 3

Natur und Mensch: 23

I. Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre 25

II. Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden 51

III. Die Gasträatheorie 89

IV. Erfahrung und Erkenntnis 119

V. Arabische Korallen 138

VI. Brussa und der asiatische Olymp 159

Georg Reimer, Berlin W. 35.

Ernst Haeckel

Natürliche Schöpfungsgeschichte.

Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die

Entwicklungsgeschichte.

Ausgabe in einem Bande. Mit 30 Tafeln. Geb. 8 M.

Prinzipien der Generellen Morphologie der Organismen.

Wörtlicher Abdruck eines Teiles der 1866 erschienenen Generellen

Morphologie. (Allg. Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft

mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformierte

Deszendenz-Theorie.)

Natur und Mensch Sechs Abschnitte aus Werken von Ernst Haeckel · 第 1 / 8 题