Von den Nationalcharaktern(11), insofern sie auf dem unterschiedlichen
Gefühl des Erhabenen und Schönen beruhen
(11) Meine Absicht ist gar nicht, die Charaktere der Völkerschaften
ausführlich zu schildern, sondern ich entwerfe nur einige
Züge, die das Gefühl des Erhabenen und Schönen an ihnen
ausdrücken. Man kann leicht erachten, daß an dergleichen
Zeichnung nur eine leidliche Richtigkeit könne verlangt werden,
daß die Urbilder davon nur in dem großen Haufen derjenigen, die
auf ein feineres Gefühl Anspruch machen, hervorstechen und daß es
keiner Nation an Gemütsarten fehle, welche die vortrefflichsten
Eigenschaften von dieser Art vereinbaren. Um deswillen kann
der Tadel, der gelegentlich auf ein Volk fallen möchte, keinen
beleidigen, wie er denn von solcher Natur ist, daß ein jeglicher
ihn wie einen Ball auf seinen Nachbar schlagen kann. Ob diese
Nationalunterschiede zufällig seien und von den Zeitläuften und der
Regierungsart abhängen, oder mit einer gewissen Notwendigkeit an das
Klima gebunden seien, das untersuche ich hier nicht.
Unter den Völkerschaften unseres Weltteils sind meiner Meinung nach
die _Italiener_ und _Franzosen_ diejenigen, welche im Gefühl des
_Schönen_, die _Deutschen_ aber, _Engländer_ und _Spanier_, die
durch das Gefühl des _Erhabenen_ sich unter allen übrigen am meisten
ausnehmen. _Holland_ kann für dasjenige Land gehalten werden, wo
dieser feinere Geschmack ziemlich unmerklich wird. Das Schöne selbst
ist entweder bezaubernd und rührend, oder lachend und reizend. Das
erstere hat etwas von dem Erhabenen an sich, und das Gemüt in diesem
Gefühl ist tiefsinnig und entzückt, in dem Gefühl der zweiten Art
aber lächlend und fröhlich. Den Italienern scheint die erstere, den
Franzosen die zweite Art des schönen Gefühls vorzüglich angemessen
zu sein. In dem Nationalcharaktere, der den Ausdruck des Erhabenen
an sich hat, ist dieses entweder das von der schreckhaften Art, das
sich ein wenig zum Abenteuerlichen neigt, oder es ist ein Gefühl
für das Edle, oder für das Prächtige. Ich glaube Gründe zu haben,
das Gefühl der ersteren Art dem Spanier, der zweiten dem Engländer
und der dritten dem Deutschen beilegen zu können. Das Gefühl fürs
Prächtige ist seiner Natur nach nicht original, so wie die übrigen
Arten des Geschmacks, und obgleich ein Nachahmungsgeist mit jedem
andern Gefühl kann verbunden sein, so ist er doch dem für das
Schimmernd-Erhabene mehr eigen, denn es ist dieses eigentlich ein
gemischtes Gefühl aus dem des Schönen und des Edlen, wo jedes,
für sich betrachtet, kälter ist, und daher das Gemüt frei genug
ist, bei der Verknüpfung desselben auf Beispiele zu merken, und auch
deren Antrieb vonnöten hat. Der Deutsche wird demnach weniger Gefühl
in Ansehung des Schönen haben, als der Franzose, und weniger von
demjenigen, was auf das Erhabene geht, als der Engländer, aber in den
Fällen, wo beides verbunden erscheinen soll, wird es seinem Gefühl
mehr gemäß sein, wie er denn auch die Fehler glücklich vermeiden
wird, in die eine ausschweifende Stärke einer jeden dieser Arten des
Gefühls allein geraten könnte.
Ich berühre nur flüchtig die Künste und die Wissenschaften,
deren Wahl den Geschmack der Nationen bestätigen kann, welchen wir
ihnen beigemessen haben. Das italienische Genie hat sich vornehmlich
in der Tonkunst, der Malerei, Bildhauerkunst und der Architektur
hervorgetan. Alle diese schönen Künste finden einen gleich feinen
Geschmack in Frankreich für sich, obgleich die Schönheit derselben
hier weniger rührend ist. Der Geschmack in Ansehung der dichterischen
oder rednerischen Vollkommenheit fällt in Frankreich mehr in
das Schöne, in England mehr in das Erhabene. Die feinen Scherze,
das Lustspiel, die lachende Satire, das verliebte Tändeln und die
leicht und natürlich fließende Schreibart sind dort original. In
England dagegen Gedanken von tiefsinnigem Inhalt, das Trauerspiel, das
epische Gedicht und überhaupt schweres Gold von Witze, welches unter
französischem Hammer zu dünnen Blättchen von großer Oberfläche
kann gedehnt werden. In Deutschland schimmert der Witz noch sehr
durch die Folie. Ehedem war er schreiend, durch Beispiele aber und
den Verstand der Nation ist er zwar reizender und edler geworden, aber
jenes mit weniger Naivetät, dieses mit einem minder kühnen Schwunge
als in den erwähnten Völkerschaften. Der Geschmack der holländischen
Nation an einer peinlichen Ordnung und einer Zierlichkeit, die in
Bekümmernis und Verlegenheit setzt, läßt auch wenig Gefühl in
Ansehung der ungekünstelten und freien Bewegungen des Genies vermuten,
dessen Schönheit durch die ängstliche Verhütung der Fehler nur
würde entstellt werden. Nichts kann allen Künsten und Wissenschaften
mehr entgegen sein als ein abenteuerlicher Geschmack, weil dieser die
Natur verdreht, welche das Urbild alles Schönen und Edlen ist. Daher
hat die spanische Nation auch wenig Gefühl für die schönen Künste
und Wissenschaften an sich gezeigt.
Die Gemütscharaktere der Völkerschaften sind am kenntlichsten bei
demjenigen, was an ihnen moralisch ist; um deswillen wollen wir noch
das verschiedene Gefühl derselben in Ansehung des Erhabenen und
Schönen aus diesem Gesichtspunkte in Erwägung ziehen.(12)
(12) Es ist kaum nötig, daß ich hier meine vorige Entschuldigung
wiederhole. In jedem Volke enthält der feinste Teil rühmliche
Charaktere von aller Art, und wen ein oder anderer Tadel
treffen sollte, der wird, wenn er fein genug ist, seinen Vorteil
verstehen, der daraus ankommt, daß er jeden andern seinem Schicksale
überläßt, sich selbst aber ausnimmt.
Der _Spanier_ ist ernsthaft, verschwiegen und wahrhaft. Es gibt wenig
redlichere Kaufleute in der Welt als die spanischen. Er hat eine stolze
Seele und mehr Gefühl für große als für schöne Handlungen. Da
in seiner Mischung wenig von dem gütigen und sanften Wohlwollen
anzutreffen ist, so ist er öfters hart und auch wohl grausam. Das
_Autodafé_ erhält sich nicht sowohl durch den Aberglauben, als
durch die abenteuerliche Neigung der Nation, welche durch einen
ehrwürdig-schrecklichen Aufzug gerührt wird, worin es den mit
Teufelsgestalten bemalten _San Benito_ den Flammen, die eine wütende
Andacht entzündet hat, überliefern sieht. Man kann nicht sagen,
der Spanier sei hochmütiger oder verliebter als jemand aus einem
andern Volke, allein er ist beides auf eine abenteuerliche Art, die
seltsam und ungewöhnlich ist. Den Pflug stehen lassen und mit einem
langen Degen und Mantel so lange auf dem Ackerfelde spazieren, bis
der vorüberreisende Fremde vorbei ist, oder in einem Stiergefechte,
wo die Schönen des Landes einmal unverschleiert gesehen werden, seine
Beherrscherin durch einen besonderen Gruß ankündigen und dann ihr zu
Ehren sich in einen gefährlichen Kampf mit einem wilden Tiere wagen,
sind ungewöhnliche und seltsame Handlungen, die von dem Natürlichen
weit abweichen.
Der _Italiener_ scheint ein gemischtes Gefühl zu haben von dem eines
Spaniers und dem eines Franzosen; mehr Gefühl für das Schöne als
der erstere und mehr für das Erhabene als der letztere. Auf diese
Art können, wie ich meine, die übrigen Züge seines moralischen
Charakters erklärt werden.
Der _Franzose_ hat ein herrschendes Gefühl für das moralisch
Schöne. Er ist artig, höflich und gefällig. Er wird sehr geschwinde
vertraulich, ist scherzhaft und frei im Umgange, und der Ausdruck ein
_Mann_ oder eine _Dame von gutem Tone_ hat nur eine verständliche
Bedeutung für den, der das artige Gefühl eines Franzosen erworben
hat. Selbst seine erhabenen Empfindungen, deren er nicht wenige hat,
sind dem Gefühle des Schönen untergeordnet und bekommen nur ihre
Stärke durch die Zusammenstimmung mit dem letzteren. Er ist sehr
gerne witzig und wird einem Einfalle ohne Bedenken etwas von der
Wahrheit aufopfern. Dagegen, wo man nicht witzig sein kann(13),
zeigt er ebensowohl gründliche Einsicht als jemand aus irgendeinem
andern Volke, z. E. in der Mathematik und in den übrigen trockenen
oder tiefsinnigen Künsten und Wissenschaften. Ein _Bonmot_ hat bei ihm
nicht den flüchtigen Wert als anderwärts, es wird begierig verbreitet
und in Büchern aufbehalten, wie die wichtigste Begebenheit. Er
ist ein ruhiger Bürger und rächt sich wegen der Bedrückungen der
Generalpächter durch Satiren, oder durch Parlaments-Remonstrationen,
welche, nachdem sie ihrer Absicht gemäß den Vätern des Volks
ein schönes patriotisches Ansehen gegeben haben, nichts weiter
tun, als daß sie durch eine rühmliche Verweisung gekrönt und in
sinnreichen Lobgedichten besungen werden. Der Gegenstand, auf welchen
sich die Verdienste und Nationalfähigkeiten dieses Volks am meisten
beziehen, ist das Frauenzimmer.(14) Nicht, als wenn es hier mehr
als anderwärts geliebt oder geschätzt würde, sondern weil es die
beste Veranlassung gibt, die beliebtesten Talente des Witzes, der
Artigkeit und der guten Manieren in ihrem Lichte zu zeigen; übrigens
liebt eine eitele Person eines jeden Geschlechts jederzeit nur sich
selbst; die andere ist bloß ihr Spielwerk. Da es den Franzosen an
edlen Eigenschaften gar nicht gebricht, nur daß diese durch die
Empfindung des Schönen allein können belebt werden, so würde das
schöne Geschlecht hier einen mächtigern Einfluß haben können, die
edelsten Handlungen des männlichen zu erwecken und rege zu machen,
als irgend sonst in der Welt, wenn man bedacht wäre, diese Richtung
des Nationalgeistes ein wenig zu begünstigen. Es ist schade, daß die
Lilien nicht spinnen.
(13) In der Metaphysik, der Moral und den Lehren der Religion
kann man bei den Schriften dieser Nation nicht behutsam genug
sein. Es herrscht darin gemeiniglich viel schönes Blendwerk, welches
in einer kalten Untersuchung die Probe nicht hält. Der Franzose
liebt das Kühne in seinen Aussprüchen; allein, um zur Wahrheit
zu gelangen, muß man nicht kühn, sondern behutsam sein. In der
Geschichte hat er gerne Anekdoten, denen nichts weiter fehlt, als
daß zu wünschen ist, daß sie nur wahr wären.
(14) Das Frauenzimmer gibt in Frankreich allen Gesellschaften
und allem Umgange den Ton. Nun ist wohl nicht zu leugnen, daß die
Gesellschaften ohne das schöne Geschlecht ziemlich schmacklos und
langweilig sind; allein wenn die Dame darin den schönen Ton angibt,
so sollte der Mann seinerseits den edlen angeben. Widrigenfalls wird
der Umgang ebensowohl langweilig, aber aus einem entgegengesetzten
Grunde: weil nichts so sehr verekelt als lauter Süßigkeit. Nach
dem französischen Geschmacke heißt es nicht: Ist der Herr zu
Hause?, sondern: Ist Madame zu Hause? Madame ist vor der Toilette,
Madame hat Vapeurs (eine Art schöner Grillen); kurz, mit Madame
und von Madame beschäftigen sich alle Unterredungen und alle
Lustbarkeiten. Indessen ist das Frauenzimmer dadurch gar nicht mehr
geehrt. Ein Mensch, welcher tändelt, ist jederzeit ohne Gefühl
sowohl der wahren Achtung als auch der zärtlichen Liebe. Ich
möchte wohl, um wer weiß wieviel, dasjenige nicht gesagt haben,
was _Rousseau_ so verwegen behauptet: _daß ein Frauenzimmer niemals
etwas mehr als ein großes Kind werde_. Allein der scharfsichtige
Schweizer schrieb dieses in Frankreich, und vermutlich empfand
er es als ein so großer Verteidiger des schönen Geschlechts mit
Entrüstung, daß man demselben nicht mit mehr wirklicher Achtung
daselbst begegnet.
Der Fehler, woran dieser Nationalcharakter am nächsten grenzt,
ist das Läppische oder, mit einem höflicheren Ausdrucke das
Leichtsinnige. Wichtige Dinge werden als Spaße behandelt, und
Kleinigkeiten dienen zur ernsthaftesten Beschäftigung. Im Alter singt
der Franzose alsdann noch lustige Lieder und ist, soviel er kann, auch
galant gegen das Frauenzimmer. Bei diesen Anmerkungen habe ich große
Gewährsmänner aus ebenderselben Völkerschaft auf meiner Seite und
ziehe mich hinter einen Montesquieu und d'Alembert, um wider jenen
besorglichen Unwillen sicher zu sein.
Der _Engländer_ ist im Anfange einer jeden Bekanntschaft kaltsinnig
und gegen einen Fremden gleichgültig. Er hat wenig Neigung zu kleinen
Gefälligkeiten; dagegen wird er, sobald er ein Freund ist, zu großen
Dienstleistungen auferlegt. Er bemüht sich wenig, im Umgange witzig zu
sein oder einen artigen Anstand zu zeigen, dagegen ist er verständig
und gesetzt. Er ist ein schlechter Nachahmer, frägt nicht viel
darnach, was andere urteilen, und folgt lediglich seinem eigenen
Geschmacke. Er ist in Verhältnis auf das Frauenzimmer nicht von
französischer Artigkeit, aber bezeigt gegen dasselbe weit mehr Achtung
und treibt diese vielleicht zu weit, indem er im Ehestande seiner
Frauen gemeiniglich ein unumschränktes Ansehen einräumt. Er ist
standhaft, bisweilen bis zur Hartnäckigkeit, kühn und entschlossen,
oft bis zur Vermessenheit, und handelt nach Grundsätzen gemeiniglich
bis zum Eigensinne. Er wird leichtlich ein Sonderling, nicht aus
Eitelkeit, sondern weil er sich wenig um andre bekümmert und seinem
Geschmacke aus Gefälligkeit oder Nachahmung nicht leichtlich Gewalt
tut; um deswillen wird er selten so sehr geliebt als der Franzose,
aber, wenn er gekannt ist, gemeiniglich mehr hochgeachtet.
Der _Deutsche_ hat ein gemischtes Gefühl aus dem eines Engländers und
dem eines Franzosen, scheint aber dem ersteren am nächsten zu kommen,
und die größere Ähnlichkeit mit dem letzteren ist nur gekünstelt
und nachgeahmt. Er hat eine glückliche Mischung in dem Gefühle sowohl
des Erhabenen und des Schönen; und wenn er in dem ersteren es nicht
einem Engländer, im zweiten aber dem Franzosen nicht gleichtut, so
übertrifft er sie beide, insofern er sie verbindet. Er zeigt mehr
Gefälligkeit im Umgange als der erstere, und wenn er gleich nicht
so viel angenehme Lebhaftigkeit und Witz in die Gesellschaft bringt,
als der Franzose, so äußert er doch darin mehr Bescheidenheit und
Verstand. Er ist, sowie in aller Art des Geschmacks, also auch in
der Liebe ziemlich methodisch, und indem er das Schöne mit dem Edlen
verbindet, so ist er in der Empfindung beider kalt genug, um seinen
Kopf mit den Überlegungen des Anstandes, der Pracht und des Aufsehens
zu beschäftigen. Daher sind Familie, Titel und Rang bei ihm sowohl
im bürgerlichen Verhältnisse als in der Liebe Sachen von großer
Bedeutung. Er frägt weit mehr als die vorigen darnach, _was die Leute
von ihm urteilen möchten_, und wo etwas in seinem Charakter ist,
das den Wunsch einer Hauptverbesserung rege machen könnte, so ist
es diese Schwachheit, nach welcher er sich nicht erkühnt, original
zu sein, ob er gleich dazu alle Talente hat, und daß er sich zu viel
mit der Meinung anderer einläßt, welches den sittlichen Eigenschaften
alle Haltung nimmt, indem es sie wetterwendisch und falsch gekünstelt
macht.
Der _Holländer_ ist von einer ordentlichen und emsigen Gemütsart, und
indem er lediglich auf das Nützliche sieht, so hat er wenig Gefühl
für dasjenige, was im feineren Verstande schön oder erhaben ist. Ein
großer Mann bedeutet bei ihm ebensoviel als ein reicher Mann, unter
dem Freunde versteht er seinen Korrespondenten, und ein Besuch ist ihm
sehr langweilig, der ihm nichts einbringt. Er macht den Kontrast sowohl
gegen den Franzosen als den Engländer und ist gewissermaßen ein sehr
phlegmatisierter Deutscher.
Wenn wir den Versuch dieser Gedanken in irgendeinem Falle anwenden,
um z. E. das Gefühl der Ehre zu erwägen, so zeigen sich folgende
Nationalunterschiede. Die Empfindung für die Ehre ist am Franzosen
_Eitelkeit_, an dem Spanier _Hochmut_, an dem Engländer _Stolz_, an
dem Deutschen _Hoffart_ und an dem Holländer _Aufgeblasenheit_. Diese
Ausdrücke scheinen beim ersten Anblicke einerlei zu bedeuten,
allein sie bemerken nach dem Reichtum unserer deutschen Sprache
sehr kenntliche Unterschiede. Die _Eitelkeit_ buhlt um Beifall,
ist flatterhaft und veränderlich, ihr äußeres Betragen aber ist
_höflich_. Der _Hochmütige_ ist voll von fälschlich eingebildeten
großen Vorzügen und bewirbt sich nicht viel um den Beifall
anderer, seine Aufführung ist steif und _hochtrabend_. Der _Stolz_
ist eigentlich nur ein größeres Bewußtsein seines eigenen Wertes,
der öfters sehr richtig sein kann (um deswillen er auch bisweilen ein
edler Stolz heißt; niemals aber kann ich jemanden einen edlen Hochmut
beilegen, weil dieser jederzeit eine unrichtige und übertriebene
Selbstschätzung anzeigt), das Betragen des Stolzen gegen andere ist
_gleichgültig_ und kaltsinnig. Der _Hoffärtige_ ist ein Stolzer,
der zugleich eitel ist.(15) Der Beifall aber, den er bei andern
sucht, besteht in Ehrenbezeugungen. Daher schimmert er gerne durch
Titel, Ahnenregister und Gepränge. Der Deutsche ist vornehmlich von
dieser Schwachheit angesteckt. Die Wörter: Gnädig, Hochgeneigt,
Hoch- und Wohlgeb. und dergleichen Bombast mehr, machen seine Sprache
steif und ungewandt und verhindern gar sehr die schöne Einfalt,
welche andere Völker ihrer Schreibart geben können. Das Betragen
eines Hoffärtigen in dem Umgange ist _Zeremonie_. Der _Aufgeblasene_
ist ein Hochmütiger, welcher deutliche Merkmale der Verachtung anderer
in seinem Betragen äußert. In der Aufführung ist er _grob_. Diese
elende Eigenschaft entfernt sich am weitesten vom feineren Geschmacke,
weil sie offenbar dumm ist; denn das ist gewiß nicht das Mittel,
dem Gefühl für Ehre ein Gnüge zu leisten, daß man durch offenbare
Verachtung alles um sich zum Hasse und zur beißenden Spötterei
auffordert. In der Liebe haben der Deutsche und der Engländer
einen ziemlich guten Magen, etwas fein von Empfindung, mehr aber von
gesundem und _derbem Geschmacke_. Der Italiener ist in diesem Punkte
_grüblerisch_, der Spanier _phantastisch_, der Franzose _vernascht_.
(15) Es ist nicht nötig, daß ein Hoffärtiger zugleich
hochmütig sei, d. h. sich eine übertriebene, falsche Einbildung
von seinen Vorzügen mache, sondern er kann vielleicht sich nicht
höher schätzen, als er wert ist, er hat aber nur einen falschen
Geschmack, diesen seinen Wert äußerlich geltend zu machen.
Die Religion unseres Weltteils ist nicht die Sache eines eigenwilligen
Geschmacks, sondern von ehrwürdigerem Ursprunge. Daher können
auch nur die Ausschweifungen in derselben und das, was darin den
Menschen eigentümlich angehört, Zeichen von den verschiedenen
Nationaleigenschaften abgeben. Ich bringe diese Ausschweifungen
unter folgende Hauptbegriffe: _Leichtgläubigkeit_ (Credulität),
_Aberglaube_ (Superstition), _Schwärmerei_ (Fanaticism)
und _Gleichgültigkeit_ (Indifferentism). _Leichtgläubig_ ist
mehrenteils der unwissende Teil einer jeden Nation, ob er gleich kein
merkliches feineres Gefühl hat. Die Überredung kommt lediglich auf
das Hörensagen und das scheinbare Ansehen an, ohne daß einige Art
des feinern Gefühls dazu die Triebfeder enthielte. Die Beispiele
ganzer Völker von dieser Art muß man im Norden suchen. Der
Leichtgläubige, wenn er von abenteuerlichem Geschmack ist, wird
_abergläubisch_. Dieser Geschmack ist sogar an sich selbst ein
Grund, etwas leichter zu glauben(16), und von zwei Menschen,
deren der eine von diesem Gefühl angesteckt, der andere aber
von kalter und gemäßigter Gemütsart ist, wird der erstere,
wenn er gleich wirklich mehr Verstand hat, dennoch durch seine
herrschende Neigung eher verleitet werden, etwas Unnatürliches
zu glauben, als der andere, welchen nicht seine Einsicht, sondern
sein gemeines und phlegmatisches Gefühl vor dieser Ausschweifung
bewahrt. Der Abergläubische in der Religion stellt zwischen sich
und dem höchsten Gegenstande der Verehrung gerne gewisse mächtige
und erstaunliche Menschen, Riesen sozureden der Heiligkeit, denen
die Natur gehorcht und deren beschwörende Stimme die eisernen
Tore des Tartarus auf- oder zuschließt, die, indem sie mit ihrem
Haupte den Himmel berühren, ihren Fuß noch auf der niederen Erde
stehen haben. Die Unterweisung der gesunden Vernunft wird demnach
in _Spanien_ große Hindernisse zu überwinden haben, nicht darum,
weil sie die Unwissenheit daselbst zu vertreiben hat, sondern weil ein
seltsamer Geschmack ihr entgegensteht, welchem das Natürliche gemein
ist und der niemals glaubt, in einer erhabenen Empfindung zu sein,
wenn sein Gegenstand nicht abenteuerlich ist. Die _Schwärmerei_ ist
sozusagen eine andächtige Vermessenheit und wird durch einen gewissen
Stolz und ein gar zu großes Zutrauen zu sich selbst veranlaßt,
um den himmlischen Naturen näherzutreten und sich durch einen
erstaunlichen Flug über die gewöhnliche und vorgeschriebene Ordnung
zu erheben. Der Schwärmer redet nur von unmittelbarer Eingebung und
vom beschaulichen Leben, indessen daß der Abergläubische vor den
Bildern großer wundertätiger Heiligen Gelübde tut und sein Zutrauen
auf die eingebildeten und unnachahmlichen Vorzüge anderer Personen von
seiner eigenen Natur setzt. Selbst die Ausschweifungen führen, wie wir
oben bemerkt haben, Zeichen des Nationalgefühls bei sich, und so ist
der Fanaticismus(17) wenigstens in den vorigen Zeiten am meisten
in Deutschland und England anzutreffen gewesen und ist gleichsam ein
unnatürlicher Auswuchs des edlen Gefühls, welches zu dem Charakter
dieser Völker gehört, und überhaupt bei weitem nicht so schädlich
als die abergläubische Neigung, wenn er gleich im Anfange ungestüm
ist, weil die Erhitzung eines schwärmerischen Geistes allmählich
verkühlt und seiner Natur nach endlich zur ordentlichen Mäßigung
gelangen muß, anstatt daß der Aberglaube sich in einer ruhigen und
leidenden Gemütsbeschaffenheit unvermerkt tiefer einwurzelt und dem
gefesselten Menschen das Zutrauen gänzlich benimmt, sich von einem
schädlichen Wahne jemals zu befreien. Endlich ist ein Eiteler und
Leichtsinniger jederzeit ohne stärkeres Gefühl für das Erhabene,
und seine Religion ist ohne Rührung, mehrenteils nur eine Sache der
Mode, welche er mit aller Artigkeit begeht und kalt bleibt. Dieses
ist der praktische _Indifferentismus_, zu welchem der _französische_
Nationalgeist am meisten geneigt zu sein scheint, wovon bis zur
frevelhaften Spötterei nur ein Schritt ist, und der im Grunde, wenn
auf den inneren Wert gesehen wird, vor einer gänzlichen Absagung wenig
voraushat.
(16) Man hat sonst bemerkt, daß die Engländer als ein so
kluges Volk gleichwohl leichtlich durch eine dreiste Ankündigung
einer wunderlichen und ungereimten Sache können berückt werden,
sie anfänglich zu glauben; wovon man viele Beispiele hat. Allein
eine kühne Gemütsart, vorbereitet durch verschiedene Erfahrungen,
in welchen manche seltsamen Dinge gleichwohl wahr befunden worden,
bricht geschwinde durch die kleinen Bedenklichkeiten, von denen ein
schwacher und mißtrauischer Kopf bald aufgehalten wird und so ohne
sein Verdienst bisweilen vor dem Irrtum verwahrt wird.
(17) Der Fanaticism muß vom _Enthusiasmus_ jederzeit unterschieden
werden. Jener glaubt eine unmittelbare und außerordentliche
Gemeinschaft mit einer höheren Natur zu fühlen, dieser
bedeutet den Zustand des Gemüts, da dasselbe durch irgendeinen
Grundsatz über den geziemenden Grad erhitzt worden, es
sei nun durch die Maxime der patriotischen Tugend, oder der
Freundschaft, oder der Religion, ohne daß hiebei die Einbildung
einer übernatürlichen Gemeinschaft etwas zu schaffen hat.
Gehen wir mit einem flüchtigen Blicke noch die anderen Weltteile
durch, so treffen wir den _Araber_ als den edelsten Menschen im
Oriente an, doch von einem Gefühl, welches sehr in das Abenteuerliche
ausartet. Er ist gastfrei, großmütig und wahrhaft; allein seine
Erzählung und Geschichte und überhaupt seine Empfindung ist jederzeit
mit etwas Wunderbarem durchflochten. Seine erhitzte Einbildungskraft
stellt ihm die Sachen in unnatürlichen und verzogenen Bildern dar, und
selbst die Ausbreitung seiner Religion war ein großes Abenteuer. Wenn
die Araber gleichsam die Spanier des Orients sind, so sind die
_Perser_ die Franzosen von Asien. Sie sind gute Dichter, höflich und
von ziemlich feinem Geschmacke. Sie sind nicht so strenge Befolger
des Islam und erlauben ihrer zur Lustigkeit aufgelegten Gemütsart
eine ziemlich milde Auslegung des Koran. Die _Japoneser_ könnten
gleichsam als die Engländer dieses Weltteils angesehen werden, aber
kaum in einer andern Eigenschaft als ihrer Standhaftigkeit, die bis zur
äußersten Halsstarrigkeit ausartet, ihrer Tapferkeit und Verachtung
des Todes. Übrigens zeigen sie wenig Merkmale eines feineren Gefühls
an sich. Die _Indianer_ haben einen herrschenden Geschmack von
Fratzen von derjenigen Art, die ins Abenteuerliche einschlägt. Ihre
Religion besteht aus Fratzen. Götzenbilder von ungeheurer Gestalt,
der unschätzbare Zahn des mächtigen Affen Hanuman, die unnatürlichen
Büßungen der Fakirs (heidnischer Bettelmönche) usw. sind in diesem
Geschmacke. Die willkürliche Aufopferung der Weiber in ebendemselben
Scheiterhaufen, der die Leiche ihres Mannes verzehrt, ist ein
scheußliches Abenteuer. Welche läppische Fratzen enthalten nicht
die weitschichtigen und ausstudierten Komplimente der _Chineser_;
selbst ihre Gemälde sind fratzenhaft und stellen wunderliche
und unnatürliche Gestalten vor, dergleichen nirgend in der Welt
anzutreffen sind. Sie haben auch ehrwürdige Fratzen, darum, weil sie
von uraltem Gebrauch sind(18), und keine Völkerschaft in der Welt
hat deren mehr als diese.
(18) Man begeht noch in Peking die Zeremonie, bei einer Sonnen-
oder Mondfinsternis durch großes Geräusch den Drachen zu verjagen,
der diese Himmelskörper verschlingen will, und behält einen elenden
Gebrauch aus den ältesten Zeiten der Unwissenheit bei, ob man gleich
jetzt besser belehrt ist.
Die _Negers_ von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches
über das Läppische stiege. Herr _Hume_ fordert jedermann auf, ein
einziges Beispiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und
behauptet: daß unter den Hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren
Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch
in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden
worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft oder irgendeiner
andern rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe,
obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten
Pöbel emporschwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein
Ansehen erwerben. So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen
zwei Menschengeschlechtern, und er scheint ebenso groß in Ansehung
der Gemütsfähigkeiten als der Farbe nach zu sein. Die unter ihnen
weit ausgebreitete Religion der Fetische ist vielleicht eine Art von
Götzendienst, welcher so tief ins Läppische sinkt, als es nur immer
von der menschlichen Natur möglich zu sein scheint. Eine Vogelfeder,
ein Kuhhorn, eine Muschel oder jede andere gemeine Sache, sobald sie
durch einige Worte eingeweiht worden, ist ein Gegenstand der Verehrung
und der Anrufung in Eidschwüren. Die Schwarzen sind sehr eitel,
aber auf Negerart, und so plauderhaft, daß sie mit Prügeln müssen
auseinandergejagt werden.
Unter allen _Wilden_ ist keine Völkerschaft, welche einen so erhabenen
Gemütscharakter an sich zeigte, als die von _Nordamerika_. Sie haben
ein starkes Gefühl für Ehre, und indem sie, um sie zu erjagen,
wilde Abenteuer Hunderte von Meilen weit aufsuchen, so sind sie noch
äußerst aufmerksam, den mindesten Abbruch derselben zu verhüten,
wenn ihr ebenso harter Feind, nachdem er sie ergriffen hat, durch
grausame Qualen feige Seufzer von ihnen zu erzwingen sucht. Der
kanadische Wilde ist übrigens wahrhaft und redlich. Die Freundschaft,
die er errichtet, ist ebenso abenteuerlich und enthusiastisch,
als was jemals aus den ältesten und fabelhaften Zeiten davon
gemeldet worden. Er ist äußerst stolz, empfindet den ganzen Wert
der Freiheit und erduldet selbst in der Erziehung keine Begegnung,
welche ihm eine niedrige Unterwerfung empfinden ließe. _Lykurgus_ hat
wahrscheinlicherweise eben dergleichen Wilden Gesetze gegeben, und wenn
ein Gesetzgeber unter den sechs Nationen aufstände, so würde man eine
spartanische Republik sich in der neuen Welt erheben sehen; wie denn
die Unternehmung der Argonauten von den Kriegeszügen dieser Indianer
wenig unterschieden ist, und _Jason_ vor dem _Attakakullakulla_
nichts als die Ehre eines griechischen Namens voraushat. Alle diese
Wilden haben wenig Gefühl für das Schöne im moralischen Verstande,
und die großmütige Vergebung einer Beleidigung, die zugleich edel
und schön ist, ist als Tugend unter den Wilden völlig unbekannt,
sondern wird wie eine elende Feigheit verachtet. Tapferkeit ist das
größte Verdienst des Wilden, und Rache seine süßeste Wollust. Die
übrigen Eingebornen dieses Weltteils zeigen wenig Spuren eines
Gemütscharakters, welcher zu feineren Empfindungen aufgelegt wäre,
und eine außerordentliche Fühllosigkeit macht das Merkmal dieser
Menschengattungen aus.
Betrachten wir das Geschlechterverhältnis in diesen Weltteilen,
so finden wir, daß der _Europäer_ einzig und allein das Geheimnis
gefunden hat, den sinnlichen Reiz einer mächtigen Neigung mit so viel
Blumen zu schmücken und mit so viel Moralischem zu durchflechten,
daß er die Annehmlichkeiten desselben nicht allein überaus erhöht,
sondern auch sehr anständig gemacht hat. Der Bewohner des _Orients_
ist in diesem Punkte von sehr falschem Geschmacke. Indem er keinen
Begriff hat von dem sittlich Schönen, das mit diesem Triebe kann
verbunden werden, so büßt er auch sogar den Wert des sinnlichen
Vergnügens ein, und sein Harem ist ihm eine beständige Quelle
von Unruhe. Er gerät auf allerlei verliebte Fratzen, worunter das
eingebildete Kleinod eins der vornehmsten ist, dessen er sich vor allem
zu versichern sucht, dessen ganzer Wert nur darin besteht, daß man
es zerbricht, und von welchem man überhaupt in unserem Weltteil viel
hämischen Zweifel hegt und zu dessen Erhaltung er sich sehr unbilliger
und öfters ekelhafter Mittel bedient. Daher ist die Frauensperson
daselbst jederzeit im Gefängnisse, sie mag nun ein Mädchen sein
oder einen barbarischen, untüchtigen und jederzeit argwöhnischen
Mann haben. In den Ländern der _Schwarzen_: was kann man da Besseres
erwarten, als was durchgängig daselbst angetroffen wird, nämlich
das weibliche Geschlecht in der tiefsten Sklaverei? Ein Verzagter
ist allemal ein strenger Herr über den Schwächeren, sowie auch bei
uns derjenige Mann jederzeit ein Tyrann in der Küche ist, welcher
außer seinem Hause sich kaum erkühnt, jemanden unter die Augen zu
treten. Der Pater Labat meldet zwar, daß ein Negerzimmermann, dem er
das hochmütige Verfahren gegen seine Weiber vorgeworfen, geantwortet
habe: »Ihr Weißen seid rechte Narren, denn zuerst räumet ihr euren
Weibern so viel ein, und hernach klagt ihr, wenn sie euch den Kopf toll
machen«; es ist auch, als wenn hierin so etwas wäre, was vielleicht
verdiente, in Überlegung gezogen zu werden, allein kurzum, dieser Kerl
war vom Kopf bis auf die Füße ganz schwarz, ein deutlicher Beweis,
daß das, was er sagte, dumm war. Unter allen Wilden sind keine,
bei denen das weibliche Geschlecht in größerem wirklichen Ansehen
stände, als die von _Kanada_. Vielleicht übertreffen sie darin sogar
unseren gesitteten Weltteil. Nicht als wenn man den Frauen daselbst
demütige Aufwartungen machte; das sind nur Komplimente. Nein, sie
haben wirklich zu befehlen. Sie versammlen sich und beratschlagen
über die wichtigsten Anordnungen der Nation, über Krieg und
Frieden. Sie schicken darauf ihre Abgeordneten an den männlichen Rat,
und gemeiniglich ist ihre Stimme diejenige, welche entscheidet. Aber
sie erkaufen diesen Vorzug teuer genug. Sie haben alle häuslichen
Angelegenheiten auf dem Halse und nehmen an allen Beschwerlichkeiten
der Männer mit Anteil.
Wenn wir zuletzt noch einige Blicke auf die Geschichte werfen,
so sehen wir den Geschmack der Menschen wie einen Proteus stets
wandelbare Gestalten annehmen. Die alten Zeiten der Griechen und Römer
zeigen deutliche Merkmale eines echten Gefühls für das Schöne
sowohl als das Erhabene in der Dichtkunst, der Bildhauerkunst,
der Architektur, der Gesetzgebung und selbst in den Sitten. Die
Regierung der römischen Kaiser veränderte die edle sowohl als die
schöne Einfalt in das Prächtige und dann in den falschen Schimmer,
wovon uns noch die Überbleibsel ihrer Beredsamkeit, Dichtkunst und
selbst die Geschichte ihrer Bitten belehren können. Allmählich
erlosch auch dieser Rest des feinern Geschmacks mit dem gänzlichen
Verfall des Staats. Die Barbaren, nachdem sie ihrerseits ihre Macht
befestigten, führten einen gewissen verkehrten Geschmack ein, den man
den gotischen nennt und der auf Fratzen auslief. Man sah nicht allein
Fratzen in der Baukunst, sondern auch in den Wissenschaften und den
übrigen Gebräuchen. Das verunartete Gefühl, da es einmal durch
falsche Kunst geführt ward, nahm eher eine jede andere natürliche
Gestalt als die alte Einfalt der Natur an, und war entweder beim
Übertriebenen oder beim Läppischen. Der höchste Schwung, den das
menschliche Genie nahm, um zu dem Erhabenen aufzusteigen, bestand in
Abenteuern. Man sah geistliche und weltliche Abenteurer und oftmals
eine widrige und ungeheure Bastardart von beiden. Mönche mit dem
Meßbuch in einer und der Kriegesfahne in der andern Hand, denen ganze
Heere betrogener Schlachtopfer folgten, um in andern Himmelsgegenden
und in einem heiligeren Boden ihre Gebeine verscharren zu lassen,
eingeweihte Krieger, durch feierliche Gelübde zur Gewalttätigkeit und
Missetaten geheiligt, in der Folge eine seltsame Art von heroischen
Phantasten, welche sich Ritter nannten und Abenteuer aufsuchten,
Turniere, Zweikämpfe und romantische Handlungen. Während dieser
Zeit ward die Religion zusamt den Wissenschaften und Sitten durch
elende Fratzen entstellt, und man bemerkt, daß der Geschmack
nicht leichtlich auf einer Seite ausartet, ohne auch in allem
übrigen, was zum feineren Gefühl gehört, deutliche Zeichen
seiner Verderbnis darzulegen. Die Klostergelübde machten aus einem
großen Teil nutzbarer Menschen zahlreiche Gesellschaften emsiger
Müßiggänger, deren grüblerische Lebensart sie geschickt machte,
tausend Schulfratzen auszuhecken, welche von da in größere Welt
ausgingen und ihre Art verbreiteten. Endlich, nachdem das menschliche
Genie von einer fast gänzlichen Zerstörung sich durch eine Art von
Palingenesie glücklich wiederum erhoben hat, so sehen wir in unsern
Tagen den richtigen Geschmack des Schönen und Edlen, sowohl in den
Künsten und Wissenschaften als in Ansehung des Sittlichen, aufblühen,
und es ist nichts mehr zu wünschen, als daß der falsche Schimmer,
der so leichtlich täuscht, uns nicht unvermerkt von der edlen Einfalt
entferne, vornehmlich aber, daß das noch unentdeckte Geheimnis der
Erziehung dem alten Wahne entrissen werde, um das sittliche Gefühl
frühzeitig in dem Busen eines jeden jungen Weltbürgers zu einer
tätigen Empfindung zu erhöhen, damit nicht alle Feinigkeit bloß
auf das flüchtige und müßige Vergnügen hinauslaufe, dasjenige, was
außer uns vorgeht, mit mehr oder weniger Geschmacke zu beurteilen.
1764.
Gedruckt in der Roßberg'schen Buchdruckerei in Leipzig.