Verstand ist erhaben, Witz ist schön. Kühnheit ist erhaben und groß,
List ist klein, aber schön. Die Behutsamkeit, sagte _Cromwell_,
ist eine Bürgermeistertugend. Wahrhaftigkeit und Redlichkeit ist
einfältig und edel, Scherz und gefällige Schmeichelei ist fein
und schön. Artigkeit ist die Schönheit der Tugend. Uneigennütziger
Diensteifer ist edel, Geschliffenheit (Politesse) und Höflichkeit sind
schön. Erhabene Eigenschaften flößen Hochachtung, schöne aber Liebe
ein. Leute, deren Gefühl vornehmlich auf das Schöne geht, suchen ihre
redlichen, beständigen und ernsthaften Freunde nur in der Not auf; den
scherzhaften, artigen und höflichen Gesellschafter aber erwählen sie
sich zum Umgange. Man schätzt manchen viel zu hoch, als daß man ihn
lieben könnte. Er flößt Bewunderung ein, aber er ist zu weit über
uns, als daß wir mit der Vertraulichkeit der Liebe uns ihm zu nähern
getrauten.
Diejenige, welche beiderlei Gefühl in sich vereinbaren, werden
finden: daß die Rührung von dem Erhabenen mächtiger ist wie die
vom Schönen, nur daß sie ohne Abwechselung oder Begleitung der
letzteren ermüdet und nicht so lange genossen werden kann.(2) Die
hohen Empfindungen, zu denen die Unterredung in einer Gesellschaft von
guter Wahl sich bisweilen erhebt, müssen sich dazwischen in heiteren
Scherz auflösen, und die lachenden Freuden sollen mit der gerührten,
ernsthaften Miene den schönen Kontrast machen, welcher beide Arten
von Empfindung ungezwungen abwechseln läßt. _Freundschaft_ hat
hauptsächlich den Zug des Erhabenen, _Geschlechterliebe_ aber des
Schönen an sich. Doch geben Zärtlichkeit und tiefe Hochachtung der
letzteren eine gewisse Würde und Erhabenheit, dagegen gaukelhafter
Scherz und Vertraulichkeit das Kolorit des Schönen in dieser
Empfindung erhöhen. Das _Trauerspiel_ unterscheidet sich meiner
Meinung nach vom _Lustspiele_ vornehmlich darin: daß in dem ersteren
das Gefühl fürs _Erhabene_, im zweiten für das _Schöne_ gerührt
wird. In dem ersteren zeigen sich großmütige Aufopferung für
fremdes Wohl, kühne Entschlossenheit in Gefahren und geprüfte
Treue. Die Liebe ist daselbst schwermütig, zärtlich und voll
Hochachtung; das Unglück anderer bewegt in dem Busen des Zuschauers
teilnehmende Empfindungen und läßt sein großmütig Herz für fremde
Not klopfen. Er wird sanft gerührt und fühlt die Würde seiner
eigenen Natur. Dagegen stellt das Lustspiel feine Ränke, wunderliche
Verwirrungen und Witzige, die sich herauszuziehen wissen, Narren, die
sich betrügen lassen, Späße und lächerliche Charaktere vor. Die
Liebe ist hier nicht so grämisch, sie ist lustig und vertraulich. Doch
kann so wie in andern Fällen, also auch in diesen das Edle mit dem
Schönen in gewissem Grade vereinbart werden.
(2) Die Empfindungen des Erhabenen spannen die Kräfte der Seele
stärker an und ermüden daher eher. Man wird ein Schäfergedicht
länger in einer Folge lesen können als Miltons Verlorenes Paradies
und den de la Bruyere länger wie den Young. Es scheint mir sogar
ein Fehler des letzteren als eines moralischen Dichters zu sein, daß
er gar zu einförmig im erhabenen Tone anhält; denn die Stärke des
Eindrucks kann nur durch Abstechungen mit sanfteren Stellen erneuert
werden. Bei dem Schönen ermüdet nichts mehr als mühsame Kunst,
die sich dabei verrät. Die Bemühung zu reizen wird peinlich und mit
Beschwerlichkeit empfunden.
Selbst die Laster und moralischen Gebrechen führen öfters gleichwohl
einige Züge des Erhabenen oder Schönen bei sich; wenigstens so
wie sie unserem sinnlichen Gefühl erscheinen, ohne durch Vernunft
geprüft zu sein. Der Zorn eines Furchtbaren ist erhaben, wie
Achilles' Zorn in der Iliade. Überhaupt ist der Held des _Homers
schrecklich erhaben_, des _Virgils_ seiner dagegen _edel_. Offenbare
dreiste Rache nach großer Beleidigung hat etwas Großes an sich,
und so unerlaubt sie auch sein mag, so rührt sie in der Erzählung
gleichwohl mit Grausen und Wohlgefallen. Als Schach Nadir zur Nachtzeit
von einigen Verschwornen in seinem Zelte überfallen ward, so rief
er, wie Hanway erzählt, nachdem er schon einige Wunden bekommen
und sich voll Verzweiflung wehrte: »_Erbarmung! ich will euch allen
vergeben._« Einer unter ihnen antwortete, indem er den Säbel in die
Höhe hob: »_Du hast keine Erbarmung bewiesen und verdienst auch
keine._« Entschlossene Verwegenheit an einem Schelmen ist höchst
gefährlich, aber sie rührt doch in der Erzählung, und selbst wenn
er zu einem schändlichen Tode geschleppt wird, so veredelt er ihn
noch gewissermaßen dadurch, daß er ihm trotzig und mit Verachtung
entgegengeht. Von der andern Seite hat ein listig ausgedachter Entwurf,
wenn er gleich auf ein Bubenstück ausgeht, etwas an sich, was fein ist
und belacht wird. Buhlerische Neigung (Koketterie) im feinen Verstande,
nämlich eine Geflissenheit einzunehmen und zu reizen, an einer sonst
artigen Person ist vielleicht tadelhaft, aber doch schön und wird
gemeiniglich dem ehrbaren, ernsthaften Anstande vorgezogen.
Die Gestalt der Personen, die durch ihr äußeres Ansehen gefallen,
schlägt bald in eine, bald in die andere Art des Gefühls ein. Eine
große Statur erwirbt sich Ansehen und Achtung, eine kleine mehr
Vertraulichkeit. Selbst die bräunliche Farbe und schwarze Augen
sind dem Erhabenen, blaue Augen und blonde Farbe dem Schönen näher
verwandt. Ein etwas größeres Alter vereinbart sich mehr mit den
Eigenschaften des Erhabenen, Jugend aber mit denen des Schönen. So ist
es auch mit dem Unterschiede der Stände bewandt, und in allen diesen
nur erwähnten Beziehungen müssen sogar die Kleidungen auf diesen
Unterschied des Gefühls eintreffen. Große, ansehnliche Personen
müssen Einfalt, höchstens Pracht in ihrer Kleidung beobachten, kleine
können geputzt und geschmückt sein. Dem Alter geziemen dunklere
Farben und Einförmigkeit im Anzuge, die Jugend schimmert durch hellere
und lebhaft abstechende Kleidungsstücke. Unter den Ständen muß bei
gleichem Vermögen und Range der Geistliche die größte Einfalt, der
Staatsmann die meiste Pracht zeigen. Der Cicisbeo kann sich ausputzen,
wie es ihm beliebt.
Auch in äußerlichen Glücksumständen ist etwas, das wenigstens nach
dem Wahne der Menschen in diese Empfindungen einschlägt. Geburt und
Titel finden die Menschen gemeiniglich zur Achtung geneigt. Reichtum
auch ohne Verdienste wird selbst von Uneigennützigen geehrt,
vermutlich weil sich mit seiner Vorstellung Entwürfe von großen
Handlungen vereinbaren, die dadurch könnten ausgeführt werden. Diese
Achtung trifft gelegentlich auch manchen reichen Schurken, der solche
Handlungen niemals ausüben wird und von dem edlen Gefühl keinen
Begriff hat, welches Reichtümer einzig und allein schätzbar machen
kann. Was das Übel der Armut vergrößert, ist die Geringschätzung,
welche auch nicht durch Verdienste gänzlich kann überwogen
werden, wenigstens nicht vor gemeinen Augen, wo nicht Rang und Titel
dieses plumpe Gefühl täuschen und einigermaßen zu dessen Vorteil
hintergehen.
In der menschlichen Natur finden sich niemals rühmliche Eigenschaften,
ohne daß zugleich Abartungen derselben durch unendliche
Schattierungen bis zur äußersten Unvollkommenheit übergehen
sollten. Die Eigenschaft des _Schrecklich-Erhabenen_, wenn sie ganz
unnatürlich wird, ist _abenteuerlich_.(3) Unnatürliche Dinge,
insofern das Erhabene darin gemeint ist, ob es gleich wenig oder
gar nicht angetroffen wird, sind _Fratzen_. Wer das Abenteuerliche
liebt und glaubt, ist ein _Phantast_, die Neigung zu Fratzen macht den
_Grillenfänger_. Andererseits artet das Gefühl des Schönen aus, wenn
das Edle dabei gänzlich mangelt, und man nennt es _läppisch_. Eine
Mannsperson von dieser Eigenschaft, wenn sie jung ist, heißt ein
_Laffe_; ist sie im mittleren Alter, so ist es ein _Geck_. Weil dem
höheren Alter das Erhabene am notwendigsten ist, so ist ein _alter
Geck_ das verächtlichste Geschöpf in der Natur, so wie ein junger
Grillenfänger das widrigste und unleidlichste ist. Scherze und
Munterkeit schlagen in das Gefühl des Schönen ein. Gleichwohl kann
noch ziemlich viel Verstand hindurchscheinen, und insofern können
sie mehr oder weniger dem Erhabenen verwandt sein. Der, in dessen
Munterkeit diese Dazumischung unmerklich ist, _faselt_. Der beständig
faselt, ist _albern_. Man merkt leicht, daß auch kluge Leute bisweilen
faseln und daß nicht wenig Geist dazu gehöre, den Verstand eine
kurze Zeit von seinem Posten abzurufen, ohne daß dabei etwas versehen
wird. Derjenige, dessen Reden oder Handlungen weder belustigen noch
rühren, ist _langweilig_. Der Langweilige, insofern er gleichwohl
beides zu tun geschäftig ist, ist _abgeschmackt_. Der Abgeschmackte,
wenn er aufgeblasen ist, ist ein _Narr_.(4)
(3) Insofern die Erhabenheit oder Schönheit das bekannte
Mittelmaß überschreitet, so pflegt man sie _romantisch_ zu nennen.
(4) Man bemerkt bald, daß diese ehrwürdige Gesellschaft sich in
zwei Logen teile, in die der Grillenfänger und die der Gecken. Ein
gelehrter Grillenfänger wird bescheidentlich ein _Pedant_
genannt. Wenn er die trotzige Weisheitsmiene annimmt, wie die _Dunse_
alter und neuer Zeiten, so steht ihm die Kappe mit Schellen gut
zum Gesichte. Die Klasse der Gecken wird mehr in der großen Welt
angetroffen. Sie ist vielleicht noch besser als die erstere. Man hat
an ihnen viel zu verdienen und viel zu lachen. In dieser Karikatur
macht gleichwohl einer dem andern ein schief Maul und stößt mit
seinem leeren Kopf an den Kopf seines Bruders.
Ich will diesen wunderlichen Abriß der menschlichen Schwachheiten
durch Beispiele etwas verständlicher machen; denn der, welchem
_Hogarths_ Grabstichel fehlt, muß, was der Zeichnung am Ausdrucke
mangelt, durch Beschreibung ersetzen. Kühne Übernehmung der
Gefahren für unsere, des Vaterlandes oder unserer Freunde
Rechte ist erhaben. Die Kreuzzüge, die alte Ritterschaft waren
_abenteuerlich_: die Duelle, ein elender Rest der letztern aus einem
verkehrten Begriff des Ehrenrufs, sind _Fratzen_. Schwermütige
Entfernung von dem Geräusche der Welt aus einem rechtmäßigen
Überdrusse ist _edel_. Der alten Eremiten einsiedlerische Andacht
war _abenteuerlich_. Klöster und dergleichen Gräber, um lebendige
Heilige einzusperren, sind _Fratzen_. Bezwingung seiner Leidenschaften
durch Grundsätze ist _erhaben_. Kasteiungen, Gelübde und andere
Mönchstugenden mehr sind _Fratzen_. Heilige Knochen, heiliges Holz und
aller dergleichen Plunder, den heiligen Stuhlgang des großen Lama von
Tibet nicht ausgeschlossen, sind _Fratzen_. Von den Werken des Witzes
und des feinen Gefühls fallen die epischen Gedichte des Virgils und
Klopstocks ins _Edle_, Homers und Miltons ins _Abenteuerliche_. Die
Verwandelungen des Ovids sind _Fratzen_, die Feenmärchen des
französischen Aberwitzes sind die elendesten Fratzen, die jemals
ausgeheckt worden. Anakreontische Gedichte sind gemeiniglich sehr nahe
beim _Läppischen_.
Die Werke des Verstandes und der Scharfsinnigkeit, insofern ihre
Gegenstände auch etwas für das Gefühl enthalten, nehmen gleichfalls
einigen Anteil an den gedachten Verschiedenheiten. Die mathematische
Vorstellung von der unermeßlichen Größe des Weltbaues, die
Betrachtungen der Metaphysik von der Ewigkeit, der Vorsehung, der
Unsterblichkeit unserer Seele enthalten eine gewisse Erhabenheit
und Würde. Hingegen wird die Weltweisheit auch durch viel leere
Spitzfindigkeiten entstellt, und der Anschein der Gründlichkeit
hindert nicht, daß die vier syllogistischen Figuren nicht zu
Schulfratzen gezählt zu werden verdienten.
In moralischen Eigenschaften ist wahre Tugend allein erhaben. Es gibt
gleichwohl gute sittliche Qualitäten, die liebenswürdig und schön
sind und, insofern sie mit der Tugend harmonieren, auch als edel
angesehen werden, ob sie gleich eigentlich nicht zur tugendhaften
Gesinnung gezählt werden können. Das Urteil hierüber ist fein und
verwickelt. Man kann gewiß die Gemütsverfassung nicht tugendhaft
nennen, die ein Quell solcher Handlungen ist, auf welche zwar auch
die Tugend hinauslaufen würde, allein aus einem Grunde, der nur
zufälligerweise damit übereinstimmt, seiner Natur nach aber den
allgemeinen Regeln der Tugend auch öfters widerstreiten kann. Eine
gewisse Weichmütigkeit, die leichtlich in ein warmes Gefühl des
_Mitleidens_ gesetzt wird, ist schön und liebenswürdig; denn es
zeigt eine gütige Teilnehmung an dem Schicksale anderer Menschen an,
worauf Grundsätze der Tugend gleichfalls hinausführen. Allein diese
gutartige Leidenschaft ist gleichwohl schwach und jederzeit blind. Denn
setzet, diese Empfindung bewege euch, mit eurem Aufwande einem
Notleidenden aufzuhelfen, allein ihr seid einem andern schuldig und
setzt euch dadurch außerstand, die strenge Pflicht der Gerechtigkeit
zu erfüllen, so kann offenbar die Handlung aus keinem tugendhaften
Vorsatze entspringen, denn ein solcher könnte euch unmöglich
anreizen, eine höhere Verbindlichkeit dieser blinden Bezauberung
aufzuopfern. Wenn dagegen die allgemeine Wohlgewogenheit gegen das
menschliche Geschlecht in euch zum Grundsatze geworden ist, welchem
ihr jederzeit eure Handlungen unterordnet, alsdann bleibt die Liebe
gegen den Notleidenden noch, allein sie ist jetzt aus einem höhern
Standpunkte in das wahre Verhältnis gegen eure gesamte Pflicht
versetzt worden. Die allgemeine Wohlgewogenheit ist ein Grund der
Teilnehmung an seinem Übel, aber auch zugleich der Gerechtigkeit, nach
deren Vorschrift ihr jetzt diese Handlung unterlassen müsset. Sobald
nun dieses Gefühl zu seiner gehörigen Allgemeinheit gestiegen ist,
so ist es erhaben, aber auch kälter. Denn es ist nicht möglich,
daß unser Busen für jedes Menschen Anteil von Zärtlichkeit
aufschwelle und bei jeder fremden Not in Wehmut schwimme, sonst würde
der Tugendhafte, unaufhörlich in mitleidigen Tränen wie Heraklit
schmelzend, bei aller dieser Gutherzigkeit gleichwohl nichts weiter als
ein weichmütiger Müßiggänger werden.(5)
(5) Bei näherer Erwägung findet man, daß, so liebenswürdig
auch die mitleidige Eigenschaft sein mag, sie doch die Würde der
Tugend nicht an sich habe. Ein leidendes Kind, ein unglückliches
und artiges Frauenzimmer wird unser Herz mit dieser Wehmut anfüllen,
indem wir zu gleicher Zeit die Nachricht von einer großen Schlacht
mit Kaltsinn vernehmen, in welcher, wie leicht zu erachten, ein
ansehnlicher Teil des menschlichen Geschlechts unter grausamen
Übeln unverschuldet erliegen muß. Mancher Prinz, der sein Gesicht
vor Wehmut für eine einzige unglückliche Person wegwandte, gab
gleichwohl aus einem öfters eitlen Bewegungsgrunde zu gleicher
Zeit den Befehl zum Kriege. Es ist hier gar keine Proportion in der
Wirkung, wie kann man denn sagen, daß die allgemeine Menschenliebe
die Ursache sei?
Die zweite Art des gütigen Gefühls, welches zwar schön und
liebenswürdig, aber noch nicht die Grundlage einer wahren Tugend ist,
ist die _Gefälligkeit_, eine Neigung, andern durch Freundlichkeit,
durch Einwilligung in ihr Verlangen und durch Gleichförmigkeit
unseres Betragens mit ihren Gesinnungen angenehm zu werden. Dieser
Grund einer reizenden Geselligkeit ist schön und die Biegsamkeit
eines solchen Herzens gutartig. Allein sie ist so gar keine Tugend,
daß, wo nicht höhere Grundsätze ihr Schranken setzen und sie
schwächen, alle Laster daraus entspringen können. Denn nicht
zu gedenken, daß diese Gefälligkeit gegen die, mit welchen wir
umgehen, sehr oft eine Ungerechtigkeit gegen andre ist, die sich
außer diesem kleinen Zirkel befinden, so wird ein solcher Mann,
wenn man diesen Antrieb allein nimmt, alle Laster haben können, nicht
aus unmittelbarer Neigung, sondern weil er gerne zu gefallen lebt. Er
wird aus liebreicher Gefälligkeit ein Lügner, ein Müßiggänger,
ein Säufer usw. usw. sein, denn er handelt nicht nach den Regeln, die
auf das Wohlverhalten überhaupt gehen, sondern nach einer Neigung, die
an sich schön, aber, indem sie ohne Haltung und ohne Grundsätze ist,
läppisch wird.
Demnach kann wahre Tugend nur auf Grundsätze gepfropft werden,
und je allgemeiner sie sind, desto erhabener und edler wird
sie. Diese Grundsätze sind nicht spekulativische Regeln, sondern das
Bewußtsein eines Gefühls, das in jedem menschlichen Busen lebt und
sich viel weiter als auf die besonderen Gründe des Mitleidens und
der Gefälligkeit erstreckt. Ich glaube, ich fasse alles zusammen,
wenn ich sage, es sei das _Gefühl von der Schönheit und der Würde
der menschlichen Natur_. Das erstere ist ein Grund der allgemeinen
Wohlgewogenheit, das zweite der allgemeinen Achtung, und wenn dieses
Gefühl die größte Vollkommenheit in irgendeinem menschlichen
Herzen hätte, so würde dieser Mensch sich zwar auch selbst lieben
und schätzen, aber nur insofern er einer von allen ist, auf die sein
ausgebreitetes und edles Gefühl sich ausdehnt. Nur indem man einer
so erweiterten Neigung seine besondere unterordnet, können unsere
gütigen Triebe proportioniert angewandt werden und den edlen Anstand
zuwege bringen, der die Schönheit der Tugend ist.
In Ansehung der Schwäche der menschlichen Natur und der geringen
Macht, welche das allgemeine moralische Gefühl über die mehrsten
Herzen ausüben würde, hat die Vorsehung dergleichen hülfeleistende
Triebe als Supplemente der Tugend in uns gelegt, die, indem sie
einige auch ohne Grundsätze zu schönen Handlungen bewegen, zugleich
andern, die durch diese letzteren regiert werden, einen größeren
Stoß und einen stärkern Antrieb dazu geben können. Mitleiden und
Gefälligkeit sind Gründe von schönen Handlungen, die vielleicht
durch das Übergewicht eines gröberen Eigennutzes insgesamt würden
erstickt werden, allein nicht unmittelbare Gründe der Tugend, wie
wir gesehen haben, obgleich, da sie durch die Verwandtschaft mit ihr
geadelt werden, sie auch ihren Namen erwerben. Ich kann sie daher
_adoptierte Tugenden_ nennen, diejenige aber, die auf Grundsätzen
beruht, die _echte Tugend_. Jene sind schön und reizend, diese
allein ist erhaben und ehrwürdig. Man nennt ein Gemüt, in welchem
die ersteren Empfindungen regieren, ein _gutes Herz_ und den Menschen
von solcher Art _gutherzig_; dagegen man mit Recht dem Tugendhaften
aus Grundsätzen ein _edles Herz_ beilegt, ihn selber aber einen
_rechtschaffenen_ nennt. Diese adoptierten Tugenden haben gleichwohl
mit den wahren Tugenden große Ähnlichkeit, indem sie das Gefühl
einer unmittelbaren Lust an gütigen und wohlwollenden Handlungen
enthalten. Der Gutherzige wird ohne weitere Absicht aus unmittelbarer
Gefälligkeit friedsam und höflich mit euch umgehen und aufrichtiges
Beileid bei der Not eines andern empfinden.
Allein da diese moralische Sympathie gleichwohl noch nicht genug ist,
die träge menschliche Natur zu gemeinnützigen Handlungen anzutreiben,
so hat die Vorsehung in uns noch ein gewisses Gefühl gelegt, welches
fein ist und uns in Bewegung setzen oder auch dem gröberen Eigennutze
und der gemeinen Wollust das Gleichgewicht leisten kann. Dieses ist
das _Gefühl für Ehre_ und dessen Folge die _Scham_. Die Meinung,
die andere von unserm Werte haben mögen, und ihr Urteil von unsern
Handlungen ist ein Bewegungsgrund von großem Gewichte, der uns
manche Aufopferungen ablockt, und was ein guter Teil der Menschen
weder aus einer unmittelbar aufsteigenden Regung der Gutherzigkeit
noch aus Grundsätzen würde getan haben, geschieht oft genug bloß
um des äußeren Scheines willen aus einem Wahne, der sehr nützlich,
obzwar an sich selbst sehr seicht ist, als wenn das Urteil anderer den
Wert von uns und unsern Handlungen bestimmte. Was aus diesem Antriebe
geschieht, ist nicht im mindesten tugendhaft, weswegen auch ein jeder,
der für einen solchen gehalten werden will, den Bewegungsgrund der
Ehrbegierde wohlbedächtig verhehlt. Es ist auch diese Neigung nicht
einmal so nahe wie die Gutherzigkeit der echten Tugend verwandt, weil
sie nicht unmittelbar durch die Schönheit der Handlungen, sondern
durch den in fremde Augen fallenden Anstand derselben bewegt werden
kann. Ich kann demnach, da gleichwohl das Gefühl für Ehre fein ist,
das Tugendähnliche, was dadurch veranlaßt wird, den _Tugendschimmer_
nennen.
Vergleichen wir die Gemütsarten der Menschen, insofern eine von diesen
drei Gattungen des Gefühls in ihnen herrscht und den moralischen
Charakter bestimmt, so finden wir, daß eine jede derselben mit
einem der gewöhnlichermaßen eingeteilten Temperamente in näherer
Verwandtschaft stehe, doch so, daß über dieses ein größerer
Mangel des moralischen Gefühls dem phlegmatischen zum Anteil
werden würde. Nicht als wenn das Hauptmerkmal in dem Charakter
dieser verschiedenen Gemütsarten auf die gedachten Züge ankäme;
denn das gröbere Gefühl, z. E. des Eigennutzes, der gemeinen
Wollust usw. usw., erwägen wir in dieser Abhandlung gar nicht,
und auf dergleichen Neigungen wird bei der gewöhnlichen Einteilung
gleichwohl vorzüglich gesehen; sondern weil die erwähnten feineren
moralischen Empfindungen sich leichter mit einem oder dem andern
dieser Temperamente vereinbaren lassen und wirklich meistenteils damit
vereinigt sind.
Ein innigliches Gefühl für die Schönheit und Würde der menschlichen
Natur, und eine Fassung und Stärke des Gemüts, hierauf als auf
einen allgemeinen Grund seine gesamten Handlungen zu beziehen,
ist ernsthaft und gesellt sich nicht wohl mit einer flatterhaften
Lustigkeit, noch mit dem Unbestand eines Leichtsinnigen. Es nähert
sich sogar der Schwermut, einer sanften und edlen Empfindung, insofern
sie sich auf dasjenige Grausen gründet, das eine eingeschränkte
Seele fühlt, wenn sie, von einem großen Vorsatze voll, die
Gefahren sieht, die sie zu überstehen hat, und den schweren,
aber großen Sieg der Selbstüberwindung vor Augen hat. Die echte
Tugend also aus Grundsätzen hat etwas an sich, was am meisten mit
der _melancholischen_ Gemütsverfassung im gemilderten Verstande
zusammenzustimmen scheint.
Die Gutherzigkeit, eine Schönheit und feine Reizbarkeit des Herzens,
nach dem Anlaß, der sich vorfindet, in einzelnen Fällen mit Mitleiden
oder Wohlwollen gerührt zu werden, ist dem Wechsel der Umstände
sehr unterworfen, und indem die Bewegung der Seele nicht auf einem
allgemeinen Grundsatze beruht, so nimmt sie leichtlich veränderte
Gestalten an, nachdem die Gegenstände eine oder die andere Seite
darbieten. Und da diese Neigung auf das Schöne hinausläuft, so
scheint sie sich mit derjenigen Gemütsart, die man _sanguinisch_
nennt, welche flatterhaft und den Belustigungen ergeben ist, am
natürlichsten zu vereinbaren. In diesem Temperamente werden wir die
beliebten Eigenschaften, die wir adoptierte Tugenden nannten, zu suchen
haben.
Das Gefühl für die Ehre ist sonst schon gewöhnlich als ein Merkmal
der _cholerischen_ Komplexion angenommen worden, und wir können
dadurch Anlaß nehmen, die moralischen Folgen dieses feinen Gefühls,
welche mehrenteils nur aufs Schimmern abgezielt sind, zu Schilderung
eines solchen Charakters aufzusuchen.
Niemals ist ein Mensch ohne alle Spuren der feineren Empfindung,
allein ein größerer Mangel derselben, der vergleichungsweise auch
Fühllosigkeit heißt, kommt in den Charakter des _phlegmatischen_, den
man sonst auch sogar der gröbern Triebfedern, als der Geldbegierde
usw. usw., beraubt, die wir aber zusamt andern, verschwisterten
Neigungen ihm allenfalls lassen können, weil sie gar nicht in diesen
Plan gehören.
Laßt uns anjetzt die Empfindungen des Erhabenen und Schönen,
vornehmlich sofern sie moralisch sind, unter der angenommenen
Einteilung der Temperamente näher betrachten.
Der, dessen Gefühl ins _Melancholische_ einschlägt, wird nicht darum
so genannt, weil er, der Freuden des Lebens beraubt, sich in finsterer
Schwermut härmt, sondern weil seine Empfindungen, wenn sie über
einen gewissen Grad vergrößert würden oder durch einige Ursachen
eine falsche Richtung bekämen, auf dieselbe leichter als einen andern
Zustand auslaufen würden. Er hat vorzüglich ein _Gefühl für das
Erhabene_. Selbst die Schönheit, für welche er ebensowohl Empfindung
hat, muß ihn nicht allein reizen, sondern, indem sie ihm zugleich
Bewunderung einflößt, rühren. Der Genuß der Vergnügen ist bei
ihm ernsthafter, aber um deswillen nicht geringer. Alle Rührungen des
Erhabenen haben mehr Bezauberndes an sich als die gaukelnden Reize des
Schönen. Sein Wohlbefinden wird eher Zufriedenheit als Lustigkeit
sein. Er ist standhaft. Um deswillen ordnet er seine Empfindungen
unter Grundsätze. Sie sind desto weniger dem Unbestande und der
Veränderung unterworfen, je allgemeiner dieser Grundsatz ist, welchem
sie untergeordnet werden, und je erweiterter also das hohe Gefühl ist,
welches die niederen unter sich befaßt. Alle besonderen Gründe der
Neigungen sind vielen Ausnahmen und Änderungen unterworfen, wofern
sie nicht aus einem solchen oberen Grunde abgeleitet sind. Der muntere
und freundliche Alcest sagt: »Ich liebe und schätze meine Frau,
denn sie ist schön, schmeichelhaft und klug.« Wie aber, wenn sie
nun durch Krankheit entstellt, durch Alter mürrisch und, nachdem die
erste Bezauberung verschwunden, euch nicht klüger scheinen würde
wie jede andere? Wenn der Grund nicht mehr da ist, was kann aus der
Neigung werden? Nehmet dagegen den wohlwollenden und gesetzten Adrast,
welcher bei sich denkt: »Ich werde dieser Person liebreich und mit
Achtung begegnen, denn sie ist meine Frau.« Diese Gesinnung ist edel
und großmütig. Nunmehr mögen die zufälligen Reize sich ändern,
sie ist gleichwohl noch immer seine Frau. Der edle Grund bleibt und
ist nicht dem Unbestande äußerer Dinge so sehr unterworfen. Von
solcher Beschaffenheit sind Grundsätze in Vergleichung der Regungen,
die bloß bei einzelnen Veranlassungen aufwallen, und so ist der Mann
von Grundsätzen in Gegenhalt mit demjenigen, welchem gelegentlich
eine gutherzige und liebreiche Bewegung anwandelt. Wie aber, wenn
sogar die geheime Sprache seines Herzens also lautete: »Ich muß
jenem Menschen da zu Hülfe kommen, denn er leidet; nicht daß er
etwa mein Freund oder Gesellschafter wäre oder daß ich ihn fähig
hielte, dereinst Wohltat mit Dankbarkeit zu erwidern. Es ist jetzt
keine Zeit zu vernünfteln und sich bei Fragen aufzuhalten: er ist ein
Mensch, und was Menschen widerfährt, das trifft auch mich.« Alsdann
stützt sich sein Verfahren auf den höchsten Grad des Wohlwollens
in der menschlichen Natur und ist äußerst erhaben, sowohl seiner
Unveränderlichkeit nach, als um der Allgemeinheit seiner Anwendung
willen.
Ich fahre in meinen Anmerkungen fort. Der Mensch von melancholischer
Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen,
was sie für gut oder für wahr halten, er stützt sich desfalls
bloß auf seine eigene Einsicht. Weil die Bewegungsgründe in
ihm die Natur der Grundsätze annehmen, so ist er nicht leicht
auf andere Gedanken zu bringen; seine Standhaftigkeit artet auch
bisweilen in Eigensinn aus. Er sieht den Wechsel der Moden mit
Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an. Freundschaft
ist erhaben und daher für sein Gefühl. Er kann vielleicht einen
veränderlichen Freund verlieren, allein dieser verliert ihn nicht
ebensobald. Selbst das Andenken der erloschenen Freundschaft ist
ihm noch ehrwürdig. Gesprächigkeit ist schön, gedankenvolle
Verschwiegenheit erhaben. Er ist ein guter Verwahrer seiner und anderer
Geheimnisse. Wahrhaftigkeit ist erhaben, und er haßt Lügen oder
Verstellung. Er hat ein hohes Gefühl von der Würde der menschlichen
Natur. Er schätzt sich selbst und hält einen Menschen für ein
Geschöpf, das da Achtung verdient. Er erduldet keine verworfene
Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. Alle Ketten
von den vergoldeten an, die man am Hofe trägt, bis zu dem schweren
Eisen des Galeerensklaven sind ihm abscheulich. Er ist ein strenger
Richter seiner selbst und anderer, und nicht selten seiner sowohl als
der Welt überdrüssig.
In der Ausartung dieses Charakters neigt sich die Ernsthaftigkeit
zur Schwermut, die Andacht zur Schwärmerei, der Freiheitseifer
zum Enthusiasmus. Beleidigung und Ungerechtigkeit zünden in ihm
Rachbegierde an. Er ist alsdann sehr zu fürchten. Er trotzt der
Gefahr und verachtet den Tod. Bei der Verkehrtheit seines Gefühls
und dem Mangel einer aufgeheiterten Vernunft verfällt er aufs
_Abenteuerliche_. Eingebungen, Erscheinungen, Anfechtungen. Ist
der Verstand noch schwächer, so gerät er auf _Fratzen_. Bedeutende
Träume, Ahndungen und Wunderzeichen. Er ist in Gefahr, ein _Phantast_
oder ein _Grillenfänger_ zu werden.
Der von _sanguinischer_ Gemütsverfassung hat ein herrschendes
_Gefühl für das Schöne_. Seine Freuden sind daher lachend und
lebhaft. Wenn er nicht lustig ist, so ist er mißvergnügt und
kennt wenig die zufriedne Stille. Mannigfaltigkeit ist schön,
und er liebt die Veränderung. Er sucht die Freude in sich und um
sich, belustigt andere und ist ein guter Gesellschafter. Er hat viel
moralische Sympathie. Anderer Fröhlichkeit macht ihn vergnügt und
ihr Leid weichherzig. Sein sittliches Gefühl ist schön, allein ohne
Grundsätze, und hängt jederzeit unmittelbar von dem gegenwärtigen
Eindrucke ab, den die Gegenstände auf ihn machen. Er ist ein Freund
von allen Menschen oder, welches einerlei sagen will, eigentlich
niemals ein Freund, ob er zwar gutherzig und wohlwollend ist. Er
verstellt sich nicht. Er wird euch heute mit seiner Freundlichkeit
und guten Art unterhalten, morgen, wenn ihr krank oder im Unglücke
seid, wahres und ungeheucheltes Beileid empfinden, aber sich sachte
davonschleichen, bis sich die Umstände geändert haben. Er muß
niemals Richter sein. Die Gesetze sind ihm gemeiniglich zu strenge, und
er läßt sich durch Tränen bestechen. Er ist ein schlimmer Heiliger,
niemals recht gut und niemals recht böse. Er schweift öfters aus
und ist lasterhaft, mehr aus Gefälligkeit als aus Neigung. Er ist
freigebig und wohltätig, aber ein schlechter Zahler dessen, was er
schuldig ist, weil er wohl viel Empfindung für Güte, aber wenig für
Gerechtigkeit hat. Niemand hat eine so gute Meinung von seinem eigenen
Herzen als er. Wenn ihr ihn gleich nicht hochachtet, so werdet ihr
ihn doch lieben müssen. In dem größeren Verfall seines Charakters
gerät er ins _Läppische_, er ist tändelnd und kindisch. Wenn nicht
das Alter noch etwa die Lebhaftigkeit mindert oder mehr Verstand
herbeibringt, so ist er in Gefahr, ein alter _Geck_ zu werden.
Der, welchen man unter der _cholerischen_ Gemütsbeschaffenheit
meint, hat ein herrschendes Gefühl für diejenige Art des Erhabenen,
welche man das _Prächtige_ nennen kann. Sie ist eigentlich nur der
Schimmer der Erhabenheit und eine stark abstechende Farbe, welche den
inneren Gehalt der Sache oder Person, der vielleicht nur schlecht und
gemein ist, verbirgt und durch den Schein täuscht und rührt. So
wie ein Gebäude durch eine Übertünchung, welche gehauene Steine
vorstellt, einen ebenso edlen Eindruck macht, als wenn es wirklich
daraus bestände, und geklebtem Gesimse und Pilastern die Meinung
von Festigkeit geben, ob sie gleich wenig Haltung haben und nichts
unterstützen: also glänzen auch tombakene Tugenden, Flittergold von
Weisheit und gemaltes Verdienst.
Der Cholerische betrachtet seinen eigenen Wert und den Wert seiner
Sachen und Handlungen aus dem Anstande oder dem Scheine, womit
er in die Augen fällt. In Ansehung der inneren Beschaffenheit
und der Bewegungsgründe, die der Gegenstand selber enthält,
ist er kalt, weder erwärmt durch wahres Wohlwollen, noch gerührt
durch Achtung.(6) Sein Betragen ist künstlich. Er muß allerlei
Standpunkte zu nehmen wissen, um seinen Anstand aus der verschiedenen
Stellung der Zuschauer zu beurteilen; denn er frägt wenig darnach,
was er sei, sondern nur, was er scheine. Um deswillen muß er die
Wirkung auf den allgemeinen Geschmack und die mancherlei Eindrücke
wohl kennen, die sein Verhalten außer ihm haben wird. Da er in dieser
schlauen Aufmerksamkeit durchaus kalt Blut bedarf und nicht durch
Liebe, Mitleiden und Teilnehmung seines Herzens sich muß blenden
lassen, so wird er auch vielen Torheiten und Verdrießlichkeiten
entgehen, in welche ein Sanguinischer gerät, der durch seine
unmittelbare Empfindung bezaubert wird. Um deswillen scheint er
gemeiniglich verständiger, als er wirklich ist. Sein Wohlwollen
ist Höflichkeit, seine Achtung Zeremonie, seine Liebe ausgesonnene
Schmeichelei. Er ist jederzeit voll von sich selbst, wenn er den
Anstand eines Liebhabers oder eines Freundes annimmt, und ist niemals
weder das eine noch das andere. Er sucht, durch Moden zu schimmern;
aber weil alles an ihm künstlich und gemacht ist, so ist er darin
steif und ungewandt. Er handelt weit mehr nach Grundsätzen als der
Sanguinische, der bloß durch gelegentliche Eindrücke bewegt wird;
aber diese sind nicht Grundsätze der Tugend, sondern der Ehre, und
er hat kein Gefühl für die Schönheit oder den Wert der Handlungen,
sondern für das Urteil der Welt, das sie davon fällen möchte. Weil
sein Verfahren, insofern man nicht auf die Quelle sieht, daraus es
entspringt, übrigens fast ebenso gemeinnützig als die Tugend selbst
ist, so erwirbt er vor gemeinen Augen eben die Hochschätzung als der
Tugendhafte, aber vor feineren Augen verbirgt er sich sorgfältig,
weil er wohl weiß, daß die Entdeckung der geheimen Triebfeder
der Ehrbegierde ihn um die Achtung bringen würde. Er ist daher der
Verstellung sehr ergeben, in der Religion heuchlerisch, im Umgange ein
Schmeichler, in Staatsparteien wetterwendisch nach den Umständen. Er
ist gerne ein Sklave der Großen, um dadurch ein Tyrann über Geringere
zu werden. Die _Naivetät_, diese edle oder schöne Einfalt, welche
das Siegel der Natur und nicht der Kunst auf sich trägt, ist ihm
gänzlich fremde. Daher wenn sein Geschmack ausartet, so wird sein
Schimmer _schreiend_, d. i. auf eine widrige Art prahlend. Er gerät
alsdann sowohl seinem Stil als dem Ausputze nach in den Gallimathias
(das Übertriebene), eine Art Fratzen, die in Ansehung des Prächtigen
dasjenige ist, was das Abenteuerliche oder Grillenhafte in Ansehung
des Ernsthaft-Erhabenen. In Beleidigungen fällt er alsdann auf
Zweikämpfe oder Prozesse und in dem bürgerlichen Verhältnisse auf
Ahnen, Vortritt und Titel. Solange er nur noch eitel ist, d. i. Ehre
sucht und bemüht ist, in die Augen zu fallen, so kann er noch wohl
geduldet werden, allein wenn bei gänzlichem Mangel wirklicher Vorzüge
und Talente er aufgeblasen wird, so ist er das, wofür er am mindesten
gerne möchte gehalten werden, nämlich ein _Narr_.
(6) Er hält sich auch sogar nur insofern für glücklich, als er
vermutet, daß er dafür von andern gehalten wird.
Da in der _phlegmatischen_ Mischung keine Ingredienzien vom Erhabenen
oder Schönen in sonderlich merklichem Grade hineinzukommen pflegen,
so gehört diese Gemütseigenschaft nicht in den Zusammenhang unserer
Erwägungen.
Von welcher Art auch diese feineren Empfindungen sein mögen,
von denen wir bis daher gehandelt haben, es mögen erhabene oder
schöne sein, so haben sie doch das Schicksal gemein, daß sie in dem
Urteil desjenigen, der kein darauf gestimmtes Gefühl hat, jederzeit
verkehrt und ungereimt scheinen. Ein Mensch von einer ruhigen und
eigennützigen Emsigkeit hat sozureden gar nicht die Organen, um den
edlen Zug in einem Gedichte oder in einer Heldentugend zu empfinden,
er liest lieber einen Robinson als einen Grandison und hält den
Cato für einen eigensinnigen Narren. Ebenso scheint Personen von
etwas ernsthafter Gemütsart dasjenige läppisch, was andern reizend
ist, und die gaukelnde Naivetät einer Schäferhandlung ist ihnen
abgeschmackt und kindisch. Auch selbst wenn das Gemüt nicht gänzlich
ohne ein einstimmiges feineres Gefühl ist, sind doch die Grade der
Reizbarkeit desselben sehr verschieden, und man sieht, daß der eine
etwas edel und anständig findet, was dem andern zwar groß, aber
abenteuerlich vorkommt. Die Gelegenheiten, die sich darbieten, bei
unmoralischen Dingen etwas von dem Gefühl des andern auszuspähen,
können uns Anlaß geben, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch
auf seine Empfindung in Ansehung der höheren Gemütseigenschaften
und selbst derer des Herzens zu schließen. Wer bei einer schönen
Musik Langeweile hat, gibt starke Vermutung, daß die Schönheiten der
Schreibart und die feinen Bezauberungen der Liebe wenig Gewalt über
ihn haben werden.
Es ist ein gewisser Geist der Kleinigkeiten (~esprit des bagatelles~),
welcher eine Art von feinem Gefühl anzeigt, welches aber gerade auf
das Gegenteil von dem Erhabenen abzielt. Ein Geschmack für etwas,
weil es sehr _künstlich_ und mühsam ist, Verse, die sich vor-
und rückwärts lesen lassen, Rätsel, Uhren in Ringen, Flohketten
usw. usw. Ein Geschmack für alles, was abgezirkelt und auf peinliche
Weise _ordentlich_, obzwar ohne Nutzen ist, z. E. Bücher, die fein
zierlich in langen Reihen im Bücherschranke stehen, und ein leerer
Kopf, der sie ansieht und sich erfreuet; Zimmer, die wie optische
Kasten geziert und überaus sauber gewaschen sind, zusamt einem
ungastfreien und mürrischen Wirte, der sie bewohnt. Ein Geschmack
an allem demjenigen, was _selten_ ist, so wenig wie es auch sonst
innern Wert haben mag. Epiktets Lampe, ein Handschuh von König
Karl dem Zwölften; in gewisser Art schlägt die Münzensucht mit
hierauf ein. Solche Personen stehen sehr im Verdacht, daß sie in den
Wissenschaften Grübler und Grillenfänger, in den Sitten aber für
alles das, was auf freie Art schön oder edel ist, ohne Gefühl sein
werden.
Man tut einander zwar unrecht, wenn man denjenigen, der den Wert oder
die Schönheit dessen, was uns rührt oder reizt, nicht einsieht,
damit abfertigt, daß _er es nicht verstehe_. Es kommt hiebei nicht
so sehr darauf an, was der _Verstand_ einsehe, sondern was das
Gefühl empfinde. Gleichwohl haben die Fähigkeiten der Seele einen
so großen Zusammenhang, daß man mehrenteils von der Erscheinung
der Empfindung auf die Talente der Einsicht schließen kann. Denn es
würden demjenigen, der viele Verstandesvorzüge hat, diese Talente
vergeblich erteilt sein, wenn er nicht zugleich starke Empfindung für
das wahrhaftig Edle oder Schöne hätte, welche die Triebfeder sein
muß, jene Gemütsgaben wohl und regelmäßig anzuwenden.(7)
(7) Man sieht auch, daß eine gewisse Feinigkeit des Gefühls
einem Menschen zum Verdienste angerechnet wird. Daß jemand
in Fleisch oder Kuchen eine gute Mahlzeit tun kann, imgleichen
daß er unvergleichlich wohl schläft, das wird man ihm wohl
als ein Zeichen eines guten Magens, aber nicht als ein Verdienst
auslegen. Dagegen wer einen Teil seiner Mahlzeit dem Anhören einer
Musik aufopfert oder bei einer Schilderei sich in eine angenehme
Zerstreuung vertiefen kann, oder einige witzige Sachen, wenn es auch
nur poetische Kleinigkeiten wären, gerne liest, hat doch fast in
jedermanns Augen den Anstand eines feineren Menschen, von dem man
eine vorteilhaftere und für ihn rühmlichere Meinung hat.
Es ist einmal gebräuchlich, nur dasjenige _nützlich_ zu nennen,
was unserer gröberen Empfindung ein Gnüge leisten kann, was
uns Überfluß im Essen und Trinken, Aufwand in Kleidung und in
Hausgeräte, imgleichen Verschwendung in Gastereien verschaffen kann,
ob ich gleich nicht sehe, warum nicht alles, was nur immer meinem
lebhaftesten Gefühl erwünscht ist, ebensowohl den nützlichen
Dingen sollte beigezählt werden. Allein alles gleichwohl auf diesen
Fuß genommen, so ist derjenige, welchen der _Eigennutz_ beherrscht,
ein Mensch, mit welchem man über den feineren Geschmack niemals
vernünfteln muß. Ein Huhn ist freilich in solchem Betracht besser
als ein Papagei, ein Kochtopf nützlicher als ein Porzellängeschirr,
alle witzigen Köpfe in der Welt gelten nicht den Wert eines Bauren,
und die Bemühung, die Weite der Fixsterne zu entdecken, kann so lange
ausgesetzt bleiben, bis man übereingekommen sein wird, wie der Pflug
auf das vorteilhafteste könne geführt werden. Allein welche Torheit
ist es, sich in einen solchen Streit einzulassen, wo es unmöglich
ist, sich einander auf einstimmige Empfindungen zu führen, weil das
Gefühl gar nicht einstimmig ist! Gleichwohl wird doch ein Mensch von
der gröbsten und gemeinsten Empfindung wahrnehmen können: daß die
Reize und Annehmlichkeiten des Lebens, welche die entbehrlichsten zu
sein scheinen, unsere meiste Sorgfalt auf sich ziehen, und daß wir
wenig Triebfedern zu so vielfältigen Bemühungen übrig haben würden,
wenn wir jene ausschließen wollten. Imgleichen ist wohl niemand so
grob, daß er nicht empfinde, daß eine sittliche Handlung wenigstens
an einem andern um desto mehr rühre, je weiter sie vom Eigennutze ist
und je mehr jene edleren Antriebe in ihr hervorstechen.
Wenn ich die edele und schwache Seite der Menschen wechselsweise
bemerke, so verweise ich es mir selbst, daß ich nicht denjenigen
Standpunkt zu nehmen vermag, von wo diese Abstechungen das große
Gemälde der ganzen menschlichen Natur gleichwohl in einer rührenden
Gestalt darstellen. Denn ich bescheide mich gerne: daß, sofern es zu
dem Entwurfe der großen Natur gehört, diese grotesken Stellungen
nicht anders als einen edelen Ausdruck geben können, ob man schon
viel zu kurzsichtig ist, sie in diesem Verhältnisse zu übersehen. Um
indessen doch einen schwachen Blick hierauf zu werfen: so glaube ich
folgendes anmerken zu können. Derjenigen unter den Menschen, die
nach _Grundsätzen_ verfahren, sind nur sehr _wenige_, welches auch
überaus gut ist, da es so leicht geschehen kann, daß man in diesen
Grundsätzen irre und alsdann der Nachteil, der daraus erwächst,
sich um desto weiter erstreckt, je allgemeiner der Grundsatz und
je standhafter die Person ist, die ihn sich vorgesetzt hat. Derer,
so aus _gutherzigen Trieben_ handeln, sind weit _mehrere_, welches
äußerst vortrefflich ist, ob es gleich einzeln nicht als ein
sonderliches Verdienst der Person kann angerechnet werden; denn diese
tugendhaften Instinkte fehlen wohl bisweilen, allein im Durchschnitte
leisten sie ebensowohl die große Absicht der Natur, wie die übrigen
Instinkte, die so regelmäßig die tierische Welt bewegen. Derer,
die ihr allerliebstes Selbst als den einzigen Beziehungspunkt ihrer
Bemühungen starr vor Augen haben und die um den _Eigennutz_ als um die
große Achse alles zu drehen suchen, gibt es die _meisten_, worüber
auch nichts Vorteilhafteres sein kann, denn diese sind die emsigsten,
ordentlichsten und behutsamsten; sie geben dem Ganzen Haltung und
Festigkeit, indem sie auch ohne ihre Absicht gemeinnützig werden,
die notwendigen Bedürfnisse herbeischaffen und die Grundlage liefern,
über welche feinere Seelen Schönheit und Wohlgereimtheit verbreiten
können. Endlich ist die _Ehrliebe in aller_ Menschen Herzen, obzwar
in ungleichem Maße, verbreitet worden, welches dem Ganzen eine
bis zur Bewunderung reizende Schönheit geben muß. Denn wiewohl
die Ehrbegierde ein törichter Wahn ist, sofern er zur Regel wird,
der man die übrigen Neigungen unterordnet, so ist sie doch als ein
begleitender Trieb äußerst vortrefflich. Denn indem ein jeder auf
der großen Bühne seinen herrschenden Neigungen gemäß die Handlungen
verfolgt, so wird er zugleich durch einen geheimen Antrieb bewogen, in
Gedanken außer sich selbst einen Standpunkt zu nehmen, um den Anstand
zu beurteilen, den sein Betragen hat, wie es aussehe und dem Zuschauer
in die Augen falle. Dadurch vereinbaren sich die verschiedenen Gruppen
in ein Gemälde von prächtigem Ausdruck, wo mitten unter großer
Mannigfaltigkeit Einheit hervorleuchtet und das Ganze der moralischen
Natur Schönheit und Würde an sich zeigt.