Nun wieder etwas anderes. Gestern am Abend gab es Tierhetze. Sah
ich über die Breitwiese hin unsere braune Kuh laufen, mit hin- und
herschlagender Wampen erschreckt dahintrotten, hinter ihr der Bismarck
und ganz hinten lauft mein Adam, erregt den Pudel hetzend auf das Rind.
Das will schon fast zusammenbrechen vor Erschöpfung, der Adam aber
immer noch: „Huß, Bismarck, huß, huß!“ Und beide der Kuh nach.
Ich eile ins Haus: „Mutter, schauet geschwind hinaus. Der Vater ist
närrisch worden!“
„Jesses, der Klee!“ ruft die Hausmutter und schreit zum Fenster hinaus:
„Huß, huß, Bismarck!“ Und der Rocherl springt zur Wiese hinab, reißt
vom Haselbusch eine Gerte und jagt das arme Rind wieder auf, weil es
schon hingefallen ist.
O ihr verdammten Bestien! denke ich und eile auch hinzu. „Reitet euch
denn alle der Teufel, jetzt auf einmal!“
Sie zerren die Kuh bei den Hörnern weiter, sie schlagen mit der Gerte
auf sie ein und der Hund läuft im Kreise herum, bellt und schnappt
manchmal in das Bein des Tieres.
Da fängt an diesem plötzlich etwas an zu gurgeln.
„Sie windet, sie windet!“ ruft der Rocherl.
„Nachher ist’s gut,“ sagt der Adam und bleibt stehen. „Jetzt führ’ die
Braune in den Stall und schau, daß sie kein Wasser kriegt!“
Und des Rätsels Lösung ist die: das Rind war von seiner Grasweide
unvermerkt auf das Kleefeld gekommen und hatte sich dort satt
gefressen. Aber die üppige Pflanze hub an zu gären und hätte der Kuh
den Magen gesprengt, wie der Adam sagte, wenn durch das heftige Jagen
nicht Wandel geschafft worden wäre.
So sehen bei uns die Parforcekuren aus.
Vor einigen Wochen war derselben Kuh wegen ein kleiner Familienzank.
Das Thier benahm sich des Morgens ganz wider seine Gewohnheit sehr
unruhig, lautete fortwährend, bockte an den andern Rindern herum und
da sagte der Adam, die Barbel und der Franzel sollten halt die Braune
zu Nachbars Jodel führen. Das Mädel antwortete gedrückt, das möge es
nicht gerne thun. Der Vater war darüber betroffen, daß sie -- die doch
sonst in allem so willig ist -- auf einmal weigerlich würde. „Seit
Jahr und Tag,“ sagte er, „führst du die Kühe zum Jodel und jetzt auf
einmal der Unwillen! Das versteh’ ich nit!“ Es ist dir eine empörende
Einfalt in diesem Alten, es ist der platte Adam vor dem Sündenfall. Die
Mutter hat ihm nahe gelegt, daß die Zeiten sich halt ändern thäten,
so hat der Vater den Kopf geschüttelt und mit der Kuh den Franzel und
mich zum Nachbar geschickt. Mir war das gerade einmal recht und ich
wollte den vierzehnjährigen Knaben beobachten. Es gab aber nicht viel
zu beobachten. Dieweilen der Jodel mit der Kuh seine Scherze trieb,
schnitt sich der Knabe auf der Wiese eine Germe ab, höhlte den Stengel
durch und versuchte daraus eine Blaspfeife zu schnitzen.
Ganz so harmlos ging es heute beim Mittagsessen nicht zu. Es war die
Barbel wieder einmal nicht vorhanden. Sie habe Zahnschmerzen und
könne nichts essen. Die Hausmutter war ausnehmend weich gestimmt
und gesprächig. Sie erzählte so nebenhin manche Neuigkeit von einer
Bekannten in Krosbach. „Eine soviel brave Person, die Gutheit und
Bravheit selber. Ein einziger Fehltritt, mein Gott, das junge Blut
und das Gernhaben! Ist ihr halt auch so ergangen, wie es seit der
ersten Menschenmutter Weltlauf geworden. Mein Gott, es ist ja nichts
neues. Schon bald, wie der Vetter Krisost einmal gesagt hat, daß es
in Krosbach wäre: Eine Schand für eine junge Dirne, wenn’s +nit+
ist. Zeit und Weil ist ungleich. Ehevor ist’s freilich großmächtig
gefehlt gewesen, jetzt macht man sich schon bald eine Ehr’ draus. Die
Schlechtesten, meint der Vetter Krisost, wären es eh nit, die Malheur
haben.“
„Der Vetter Krisost ist ein Strick“ fuhr der Hausvater drein. „Die
Lüderlichkeit schön machen, das thät’ g’rad noch fehlen. Im Adamshaus
wird so was wohl doch nit vonnöten sein!“
Die Hausmutter kam nicht weiter in ihrer Erzählung von der Bekannten in
Krosbach. Hingegen fragte sie, dieweilen ihr bloßer, magerer Arm in der
Schüssel das geschmälzte Kraut umrührte, leichthin, wer heute bei der
Predigt gewesen wäre? Ob nicht das Evangelium vom Pharisäer und Zöllner
ausgelegt worden sei?
„Das ist heut’ nit,“ antwortete der Adam. „Heut’ ist dasselbe, wie der
Herr Jesus viertausend Leut’ mit dem wenigen Brot gespeist hat.“
„So werden wir auch nit verhungern, wenn um Eins mehr wird,“ sagte sie.
„Wieso?“ fragte er dumpfig. „Du meinst, wenn der Valentin auf Urlaub
heimkommt?“
Hat aber den zerrissenen Roggenknödel auf dem Teller liegen lassen, hat
nichts mehr gegessen und ist’s gewesen, als wäre wieder so etwas wie
der Dampf in Anzug.
Ich glaube, er ahnt. Nur nicht wahr haben will er’s.
„Kleine Kinder, kleines Kreuz, große Kinder, großes Kreuz!“ sagte noch
die Hausmutter mit einem Seufzer.
Er fing an, die Achseln in die Höhe zu schieben, den Hals einzuziehen,
die Brust schwer zu heben und stöhnte: „Mutter, den Rauch!“
Glaubst du, daß es gut ist, wenn man seinen Kopf in den Sand vergräbt?
Nach meiner Meinung ist die Furcht vor einem bevorstehenden Unglück
heilsam, sie nimmt schon einen Teil des Leidens vorweg. So wie die zu
große Hoffnung auf ein kommendes Glück dasselbe schädigt, weil die
übermaßige Erwartung enttäuscht wird, so erscheint nach großer Angst
vor dem Ungemach dasselbe thatsächlich selten so schlimm, als man
sich’s vorgestellt. Also sollte doch auch mein Adam das kommende Unheil
tapfer vorweg fürchten, damit es ihn dann nicht in plötzlicher Wucht
niederstoßen kann.
Tapfer fürchten! habe ich gesagt. Du verstehst, Philosoph.
[Illustration]
Am dreißigsten Sonntage.
Das emsige Heuen, das heiße Heuen drängt alles andere in den Winkel.
Alles ungute Denken und alles wehe Bangen. Die Barbel ist auch auf den
Wiesen in ihrer wulstigen Joppe und mit ihrem langstieligen Rechen.
Einmal hatte sie ein Liedel gedrällert:
„Es ging ein Knab’ spazieren
Wohl heimlich bei der Nacht ...“
„So ist’s recht, Mädel!“ rief der Adam helle aus. „Junge Leut’ müssen
lustig sein!“
Er hatte nur des Liedes lieblichen Anfang vernommen, nicht das Ende.
„Das Herz möcht’ einem zerspringen!“ hörte ich die Mutter seufzen.
Heute morgens bin ich hinabgegangen nach Hoisendorf, früher als an
anderen Sonntagen, und eigentlich nicht der Kirche wegen. Ins Schulhaus
gehe ich und sage zum Lehrer:
„Jeden Tag, den Gott vom Himmel giebt, wirst du erwartet im Adamshaus.
Wir haben bald Ende Juli!“
„Es ist zum Verzweifeln!“ Er schlug seine Stirn mit der Faust.
„Aber ich verstehe dich nicht, Guido. Denke doch an Wort und
Handschlag!“
„Zum Teufel, ja, ja, ja! Geh’ hinauf und nimm sie! Das ist so leicht
gesagt, mein Hans! Lasset mich doch erst die Sachen ordnen.“
„Höre einmal, Guido, ich möchte dir etwas sagen. Bis dieses Jahr endet,
bin ich ein reicher Mann. Nein, erschrick nicht, reiche Leute schenken
nichts her. Ein Anlehen schon eher, auf Wucherzinsen natürlich.“
„Mir ist nicht besonders heiter!“ sagte er.
„Mir auch nicht. Aber zur Sache gehört’s für den romantischen
Bauernknecht, daß er ein junges Liebespaar glücklich macht. Zweitausend
Kronen sind dir fällig zu Neujahr. Du willst doch dein Weib und ich
meinen Roman! Nun also! -- Kopf aufrecht, Junge!“
Da hebt er an mit gröblicher Derbheit die Stube auf- und abzugehen
zwischen den Schulbänken. Die Hände auf dem Rücken, den Kopf
vorgebeugt: „Ich kann mir nicht helfen! Es kommt mir immer wieder, es
ist verflucht!“ Plötzlich bleibt er stramm vor mir stehen und sagt in
bestechendem Tone: „Warum gerade dir so viel an dieser Heirat liegt!“
Das alte Teufelslied ist schon wieder da! -- Aber ich bin diesmal kalt
geblieben, oder vielmehr kalt geworden.
„Winter!“ sage ich, „des öfteren habe ich dir den Rat gegeben, du
sollst hinaufgehen. Jetzt gebe ich dir einen besseren Rat. Gehe nicht
hinauf. Lasse sie, die du verführt hast, in Not und Unehr’ allein.
Lasse sie hinwelken und in jungen Jahren sterben. Es ist besser, als
du wirst zum Henkersknecht ihrer Liebe und peinigst sie mit Verdacht
und hetzest sie mit Eifersucht in Verzweiflung und Stumpfsinn hinein.
Schurken, die ein unschuldiges Wesen verderben und dann Ausflüchte
suchen --“
Aufgröhlt er wie ein getroffener Eber, von der Schulbank bricht er
schmetternd eine Latte und damit auf mich zu.
Ich stoße ihn mit der Hand seitlings: „Daß einen der leidige Zornteufel
erfaßt, wenn ein Schulmeister nicht rechnen kann!“
Das hat er doch verstanden und ist still geworden. Und ist denn demütig
zu mir gekommen: „Hans, die Liebe und die Sorgen! Das macht wahnsinnig!
Nur soviel laßt mir noch Zeit, daß ich ein wenig den Weg machen kann,
der uns zusammenführen soll.“
„Was ich vorhin gesagt habe, das ist gesagt. An dir liegt’s, ob ich dir
Unrecht gethan oder nicht. Wenn ja, dann sollst du deine Genugthuung
haben...“
Hierauf rasch davon. Und lange that es noch wetterleuchten in dunklen
Seelen.
Seit meinem Aufenthalte im Adamshaus ist etwas, das früher nicht
gewesen. Bei so manchem, was ich thue, frägt etwas in mir: War’s recht?
War’s gefehlt? -- Was ändert mich nur so? Ist es der Adam mit seiner
Geduld, die Barbel mit ihrer heimlichen Liebespein, „von der niemand
nichts weiß“. Ist es die Bravheit und Tüchtigkeit dieser Leute? Ist es
der Ernst der Arbeit, die Größe und Herbheit der Natur? -- -- Gott, was
war ich für ein Windhund in der Zeitungstube!
Jetzt kommt es mählig über mich, ich müsse auch für was gut sein. Ich
müsse, was da leidet und irrt nach meiner Möglichkeit zum guten wenden.
Er ist ja ein Thor mit seinem Verdachte. Nur steht die Frage offen,
ob man in seiner Lage nicht am Ende selbst ein solcher wäre? In dem
Hitzegrad, wie wir beide zusammengeriethen, duelliert man sich ja schon
bei euch draußen. Hier ringt jeder mit sich selber, daß es zum guten
werde für dieses arme Kind. Und ob starke Herzen nicht den Erdfluch zum
Erdsegen wandeln können?! --
Und dann habe ich dir heute noch etwas zu erzählen.
Wir wollen in der nächsten Woche brachen, das heißt, den Acker
umbrechen für die Wintersaat. Sehe ich nun heute in der Zeughütte nach,
ob der Pflug im Stande ist. Und wie ich just mit dem Schlägel den
locker gewordenen Arling festkeile, pipst draußen jemand: „Hänsel“ und
eine zweite Stimme kräht: „Grethel!“ Und stehen im nächsten Augenblick
zwei Herren von der „Kontinentalen“ vor mir.
Ich habe keine Lust, die Reize dieses Wiedersehens zu schildern. Herr
Sammer und Doktor Wegmacher! Mit einer wahren Sündflut von Witzen sind
sie auf mich eingedrungen. Ganz gutmütig, unzutreffend und geistreich
dumm, die Bösartigkeit lag nur in der Menge. Sehr belustigten sie sich
über meine entbarteten Backen und nannten mich „Euer Wohlgeschoren.“ --
Auf einem touristischen Ausflug waren sie natürlich ganz zufällig in
die Hoisendorfer Gegend gekommen. Durchwegs eine dunkle Gegend, aber
aus der Ferne hätten sie ein Licht gesehen und diesem Lichte wären
sie zugegangen und demnach urplötzlich vor dem klassischen Mistrüppel
gestanden.
„Erleichtert euch immerhin, meine Herren“, habe ich gesagt, „nur
erweist mir die Gnade, euch vor meinen Hausgenossen nicht legitimieren
zu müssen. Ich begleite euch ins Thal hinab, durch den Waldsteig. In
Hoisendorf giebts ein gutes Wirtshaus und morgen früh, recht zeitlich,
wandert es sich prächtig durch die schattigen Schluchten hinaus in die
schöne, lichte Welt.“
Wirklich schon in Todesangst war ich, sie könnten mir alles
verschütten, aber das Wirtshaus übte eine solche Anziehungskraft,
daß für den Adamshof die Gefahr bald vorüberging. Unterwegs haben
sie mir Neuigkeiten erzählt von der „Kontinentalen.“ Doktor Angelus
Mayer, der Redakteur des Feuilletons, ist nach irgendwo ausgewandert.
Der Reporter für den Gerichtssaal wurde in eine Nervenheilanstalt
überführt. Mir ist das nicht ganz geheuer, denn die genannten Herren
waren Zeugen bei der Wette. Es ist noch der dritte vorhanden, der
Administrator Lobensteiner. Was hatte ich dir auf dein Bedenken vor
Wochen geschrieben? Daß drei lebendige Zeugen besser seien, als ein
toter Federstrich? -- Jetzt wäre mir der tote Federstrich lieber. Da
ich nun sozusagen auch die Schullehrersippe auf mich genommen habe.
-- Der Chef, wußten die Herren zu sagen, spreche nicht gern von mir,
oder nur achselzuckend wie von einem Sonderling, der seinen so hübschen
Posten einer lächerlichen Bravour geopfert habe. -- Ich ließ mich schön
empfehlen. -- Aber der Herr Knecht würde doch ins Wirtshaus mitkommen.
Dieser gütigen Einladung wurde jegliche Antwort verweigert und als wir
zur Bachbrücke kamen, verließ ich die Herren mit der Hoffnung auf ein
frohes Wiedersehen zu Neujahr.
„Au, Teufel!“ rief der eine, „ist das eine Dreschflegelbratzen! Dein
Händedruck ist ja das reine Vergehen gegen die körperliche Sicherheit!“
Dann hatte ich sie glücklich los. Eine halbe Stunde später kniete ich
in der dämmernden Stube des Adamshauses und betete mit den Hausgenossen
den Psalter.
[Illustration]
Am einunddreißigsten Sonntage.
Das geht dich nichts an, Hansel! würde meine schneidige Hausmutter
gesagt haben. In der That, was geht unsereinen die Predigt an! Der
Pfarrer predigt halt für die Leut’ und nicht für den armen Knecht, der
vor ein paar Jahren in die Carnevalszeitung das Inserat rücken ließ,
daß ein noch völlig ungebrauchtes Christentum in Verlust geraten sei.
Im Hoisendorfer Pfarrhofe scheint es der redliche Finder thatsächlich
hinterlegt zu haben. Ist nicht ohne, so ein derber Dorfkurat, der die
Kurse der heiligen Theologie mit ihren dogmatischen Schätzen längst
verschwitzt hat und das Evangelium sich nach seinem persönlichen
Dafürhalten auslegen muß. Unserem Kuraten ist nicht übel zuzuhören,
ein gerader deutscher Michel, giebt er das Wort Gottes so, wie es die
Gemeinde am leichtesten versteht und am besten brauchen kann.
Da hat sich gestern Abend im Adamshause ein kleiner Religionsstreit
erhoben. Der Franzel pflegt nämlich am Samstagsfeierabend stets den
Evangeliumabschnitt des folgenden Sonntags vorzulesen, und so kommen
jetzt die Verse des Lukas über den ungerechten Haushalter. Du kennst
die Parabel vom verschwenderischen Verwalter, der von seinem Herrn
verjagt werden soll. Der Verwalter ist schlau, und will sich, so lange
er noch im Amte ist, die Gunst der Schuldner seines Herrn erwerben.
Er läßt ihnen geschwind die Hälfte der Schulden nach, damit er dann,
wenn er brotlos ist, bei ihnen gute Aufnahme finden möchte. „Und der
Herr“ fährt Christus als Parabelerzähler fort, „lobt den ungerechten
Haushalter, daß er klug gehandelt habe, denn die Kinder dieser Welt
seien klüger, als die Kinder des Lichtes. Aber ich sage euch: Machet
euch Freunde mittelst des ungerechten Reichtums, damit, wenn es mit
euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.“
Als der Franzel das gelesen hatte, schüttelte mein Adam den Kopf und
sagte: „Das gefällt mir nit.“
Die Hausmutter entgegnete von ihrem Herde her scharf: „Beim Evangeli
sagt kein Christenmensch: das gefällt mir nit; er kann höchstens sagen:
das versteh ich nit.“
„Versteh ich nit,“ wiederholte der Hausvater. „Wenn’s so deutlich
gesagt ist, wird man’s doch verstehen. -- Franzel, das letzte noch
einmal.“
Der las: „Machet euch Freunde mittelst des ungerechten Reichstums,
damit, wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen
aufnehmen.“
„Das ist ja gerad’, als ob der Mensch mit unrecht Gut in den Himmel
kommen soll!“ sagte der Adam.
Darauf hin war ich nun doch begierig, wie sich bei der heutigen Predigt
der Kurat aus der Schlinge ziehen würde.
Er steht auf der Kanzel, liest die Verse und wie er zum Schlusse
derselben das Buch küßt, sagend: „Das die Worte des heutigen
Evangeliums!“ sehe ich meinen Adam auf seinem Platze schon unruhig
werden.
Der Kurat nimmt langsam eine Prise, stellt die Horndose neben auf
den Kanzeltisch, schiebt die weiten Ärmeln des Chorrockes zurück und
beginnt:
„Liebe Christen!
Im heutigen Evangelium hätte der Evangelist Lukas auch ein bissel
deutlicher sein können. Wie er’s gemacht hat, da kommts schier so
heraus, als ob Christus der Herr den ungerechten Haushalter loben
thät, von wegen der Lumperei! Das thät einigen unter euch vielleicht
gefallen -- wie? Es ist aber durchaus nicht so. Christus will in seiner
Parabel nur ein Beispiel geben, wie die Weltleute allemal abgefeimte
Spitzbuben sind, und die Kinder Gottes sind einfältig. Wenn der Herr
sagt, daß wir uns mit ungerechtem Reichthum Freunde machen sollen --
was heißt denn das? Heißt es, daß wir ungerechten Reichtum erwerben
sollen, damit wir nachher mit demselben die Leute bestechen können?
Da sei Gott für! Es heißt vielmehr erstens, daß der Reichtum eben
ungerecht ist, daß er +überhaupt+ ungerecht ist, jeder Reichtum,
nicht bloß der gestohlene, auch der erworbene. Und es heißt zweitens,
daß, wer einen Reichtum hat, denselben als etwas Ungerechtes, ihm nicht
Gebührendes wieder weggeben soll an die Armen und Notleidenden, daß
man solcher Weise mit ungerechtem Reichtum gute Werke stiften muß, die
uns, wenns zum Sterben kommt, in die ewigen Wohnungen Gottes führen.
Also +das+ ist gemeint, wenn es heißt: Machet euch Freunde mit
ungerechtem Reichtum! -- So ist’s, meine lieben Christen, und nicht,
daß ihr glaubt, der liebe Heiland hätt’ einen Unsinn gesprochen, wo die
Dummheit vielmehr an denen liegt, die ihn nicht verstehen. Merkt euch
das, befolgt das Wort Gottes, übervorteilt eure Nebenmenschen nicht um
Geld und Gut, die ihr als ungerechten Reichtum doch wieder zurückgeben
müsset. Ja, nicht einmal auf sogenannte rechtmäßige Weise sollet ihr
euch Reichtümer erwerben, sondern schön zufrieden sein mit dem, was ihr
notwendig braucht für den heutigen Tag. Und nicht alleweil sorgen: Was
werden wir morgen haben? Der himmlische Vater, der die Vögel nährt und
die Blumen kleidet, vergißt euer nicht. Trachtet nur zuerst nach dem
Reiche Gottes, das heißt, nach einem gottgefälligen Lebenswandel und
nach einem guten Gewissen, das ist die Hauptsache, alles andere wird
euch von selbst gegeben werden.“ -- Hier unterbrach er sich, blickte
in den Kirchenstühlen umher und fügte bei: „Wollt ihr schlafen, meine
Lieben, so höre ich auf. ’s ist die Arbeit hart um diese Zeit; wer hart
arbeitet und seine Mühsal dem Herrn zu Lieb aufopfert, der ist auch auf
dem Wege zum Himmel. Ich predige nicht, um zu predigen und ihr höret
nicht, um zu hören. Ich sage euch, daß der müde Leib von der Erden
ist, und die Seele von Gott, und daß die Seele den Leib heiligen wird,
und daß des Leibes Erden gesegnet sein wird, und ewiglich selig im
himmlischen Vaterlande. Amen.“
Ähnlich hat er gepredigt und das ist so seine Art. Die Gemeinde nimmt
wohl auch hier so eine Sonntagspredigt als Formsache, nach der man
ruhig zur Tagesordnung übergeht, nur meinem Adam müssen die Worte wohl
gethan haben; schier ein verklärtes Gesicht hat er gemacht darüber, daß
sein redliches Arbeiten und Dulden vom Priester so schön geweiht
wird. --
Vor einigen Tagen ist unserem Hausvater angedeutet worden, daß in
nächster Zeit der Herr Lehrer sich einfinden würde, um einen Besuch zu
machen.
„Einen Besuch? Der Herr Lehrer? Bei uns? So so! Ja, warum denn?“
„Er hätte halt was zu reden mit uns,“ gab die Hausmutter bei.
„Hätt’s gar mit dem Franzel was? Sollt’ er nit brav lernen?“
„Mit dem Franzel hat’s nichts.“
Weiter fragte der Adam nicht. War still und sprach nichts mehr vom
Schullehrer. Und als die Barbel über den Hof ging zum Brunnen, und den
Krug unter den Quell hielt und träumend vor sich hinblickte, bis er
voll war und überging, und sie immer noch so dastand, da schaute der
Vater auf sie und rief ihr endlich zu: „Barbel! Mach, mach! ’s geht ja
schon über!“
Da schrak sie auf, nahm den Krug und ging schnell ins Haus hinein.
Der Adam fährt mit dem Pflug auf die Brache, vergißt manchmal die
Ochsen anzutreiben, steht da und schüttelt den Kopf.
Die Hausmutter ist schon am frühen Morgen dran, Tag für Tag, den Tisch,
die Bänke zu scheuern, die Fenster zu klären mit feuchtem Lappen und
zu achten, daß kein Splitterchen und kein Strohhalm auf dem Fußboden
liegt. So oft der Bismarck anschlägt draußen auf dem Anger, fährt sie
ans Fenster. Das einemal steigt ein Bettelmann daher, das anderemal ein
Nachbarsdirndel, das drittemal ein Hausierer -- aber der Rechte ist
es nicht und ist es immer nicht. So sind die ersten Tage der Woche
vergangen, so sind die letzten Tage vergangen -- und er kommt nicht.
Die Barbel geht manchmal über den Rain hin, hält die Hand vor das Auge
und schaut in die sonnige Welt hinaus. In der Ferne ist ein Läuten.
Hummeln summen an den Kirschbäumen herum, wo im grünen Laub an langen
Stengeln die roten Kirschlein leuchten. -- Plötzlich jauchzt das Mädel
auf.
Kommt er?
[Illustration]
Am zweiunddreißigsten Sonntage.
In der Zeitung steht wieder einmal von einem Millionär zu lesen, der
sich aus Überdruß das Leben genommen hat. Ein junger, bildschöner
Mensch, wie es heißt, der Liebling der Gesellschaft. Im Adamshaus, wenn
er gelebt hätte, wäre ihm der Überfluß und der Überdruß kaum passiert.
Es schweben mancherlei Dämone auch um die Giebel des Bauernhofes,
ganz abscheuliche Gespenster darunter, die den Schwächling ins Grab
hetzen, oder ins Zuchthaus. Aber der Dämon Langweile ist hier nicht
daheim. Die Arbeit wird von der Ermüdung abgelöst, die Ermüdung von der
Sorge und die Sorge wieder von der Arbeit. Im Schutze dieser Genien
ist der Mensch sicher vor Blasiertheit. Und +wenn+ sie sich
einmal heranschleichen sollte, die stinkträge, blutsaugende Bestie!
Beim Gleimer in Hoisendorf ist ein alter Knecht, dem die Arbeit schon
alle Glieder krumm gebogen hat wie Äste eines Weichselstrauches. Der
kann es nicht leiden, wenn im Kalender nebeneinander zwei Feiertage
stehen. Denn am zweiten wird ihm langweilig und er geht aufs Feld,
Rasen umzustechen. Das verwies ihm der Kurat einmal, und der Knecht
antwortete: „Küß die Hand, Würden Herr Pfarrer! Wenn ich nit darf
arbeiten, nachher geh’ ich Leut’ ausrauben. Was zu thun muß der Mensch
haben!“
Auffallend ist es auch, daß Bauernburschen von der schweren
körperlichen Wochenarbeit am Sonntage sich eben wieder durch
körperliche Übungen erholen, als Kegeln, Rangeln, Schleudern und andere
Spiele, die den Muskel spannen. Hast du, Philosoph, dich einmal vom
Studieren durch Studieren erholt? -- Oder darf man sagen, daß die
körperliche Arbeit naturgemäßer ist, als die geistige? Daß sie den
Menschen lange nicht so schnell aufbraucht? Oder ist es der Erdhauch,
der immer wieder frisch und stark macht? -- Manchmal wundere ich mich
sogar darüber, daß aus den zehn Geboten nicht zwölf geworden sind.
Eilftens, du sollst nicht faul sein, zwölftens, du sollst nicht
denken. --
Und daß diese Briefe eines Bauernknechtes geschrieben werden? Schiebe
es nicht der Langweile zu, wenn dein Hans an Sonntagen philosophische
Anwandlungen hat. Gedenke seiner niedrigen Herkunft und daß langwierige
Schulbänke nie mehr ganz gutzumachen sind. -- Es kommt ja schon wieder
Erdreich.
Am Mittwoch, während -- wie ich lese -- bei euch draußen überall das
wilde Hochwasser war, daß die Berglehnen ins Bad sprangen und die
Eisenbahnzüge mitten auf Seen stehen blieben, haben wir die Sicheln
gedängelt. Die Haferfelder sind zwar noch wiesengrün, nur sonnseitig
färben sich die vielschnabeligen Rispen gelblich. Der Roggen steht
dicht, hoch, üppig und eine Ähre legt sich schwer und tragemüde auf
die Achsel der andern. Goldene Ähren! sagt der Dichter. Ich weiß
auch wahrlich nichts, das so in gesättigtem Goldglanz strahlte, als
die reife Kornähre. Zwei Berglehnen leuchten auf dem Adamshauser
Grunde und auch die Felder der Nachbaren leuchten, so daß ein heller
Wiederschein Berg und Thal verklärt.
„So schön,“ sagt mein Adam in seiner demütigen Freude, „so schön ist
die liebe Feldfrucht seit vielen Jahren nicht mehr gestanden, als in
diesem Sommer.“
Fünfzig Schöber, das sind dreitausend Garben, gedenkt der Adam zu
ernten. Und mir verdirbt es die Freude. Denn das, was hier unserer
Sichel wartet, gehört ja nicht mehr uns allein. -- Wer denkt an das?
Zum Angreifen ist’s jetzt.
Also am Donnerstage haben wir uns an den goldigen Feldrand gestellt mit
klingender Sichel. Der Hausvater schärft mit dem Wetzstein, den er aus
dem Kumpfe nimmt, das mondkipfelförmige Messer, es funkelt aber wie die
Sonne. Dann sagt er: „In Gottesnamen!“ bückt sich, schlägt ins Korn und
schneidet die erste Garbe heraus. Hinter ihm habe ich mich angestellt.
Aber froh war ich, Freund, daß die Herren von der „Kontinentalen“ mich
nicht an diesem Tage mit ihrem Besuche beehrt haben. Sie hätten ob
ihres Kollegen der Schande viel erlebt. Es ist schwerer, auf dem Felde
eine stilvolle Korngarbe fertig zu bringen, als einen Zeitungartikel
über Einfuhr ungarischen Getreides. Mir wollten beim Schneiden und
Binden die Halme nicht einig werden. Während der Adam Garben hieb,
glatt und gleich, wie Strohdachschaube, stand bei mir der eine Halm da
hinweg, der andere dort hinaus, der eine zog sich hier zu weit zurück,
dort zu weit hervor und als die Garbe mit schlecht gewundenem Halmbande
geraidelt war, lag sie da wie eine schlampige, ungekämmte Weibsperson.
Und erst die Stoppeln! Hier standen sie borstig halbfußhoch auf,
dort war vom Rasen ein Stück weggehackt, so daß auf der Sichel die
frische Erde klebte. Wie man die Halme glatt wurzab haut, wie man aus
zwei dünnen Halmbüscheln mit einer einzigen flinken Handbewegung ein
Garbenband dreht, das lernt man auf keiner Akademie, das lernt mancher
erst auf der Hochschule des Lebens in den letzten Semestern. Das Ernten
ist eine Wissenschaft und eine Kunst für sich. Wie viel „Vortel“ es
dabei giebt, wie viele Abarten der Thätigkeit, wie viele technische
Bezeichnungen! -- Der kleine Franzel, der jetzt Schulferien hat, thut
auch tapfer mit, ich bewundere, beneide ihn, seine Hand macht’s ganz
von selber, was ich mit aller Spitzfindigkeit nicht fertig bringe,
er hat’s ordentlich schon im Blut, das „Wetzen“, das „Abmaißen“, das
„Ausziehen“, das „Wellenmachen“, das „Bandelwinden“, das „Raideln“,
das „Ausschlachten“, das „Aufdeckeln“. -- „Was ihr euch mit Witz und
Verstand nicht erwerbt, das hat er von seiner Frau Mutter geerbt.“
-- Und wo Mutter Natur ihn etwa einmal im Stiche läßt, da hilft
die Hausmutter nach, die knapp hinter ihm drein ist und es scharf
verweist, wenn er von der Garbe einen Halm verstreut oder eine Ähre
geknickt hat. Dem Knaben sagt sie’s, mich meint sie -- und hat wohl
alle Ursache, mich zu meinen. „Der große starke Bengel ist gerade der
Allerungeschickteste!“ Mit den Fingern wollte ich ihr dieses Wort von
der Zunge nehmen, denn dort liegt es zum Greifen.
Während der Hausvater und sein ungeschickter Knecht, die Hausmutter
und ihr flinker Franzel die Garben schneiden, binden und hübsch
gleichzeilig auf die Stoppeln legen, trägt der Rocherl sie mit
dem einen Arm zusammen in „Hüfeln“. An diesem ersten Tage haben
wir zweihundert Garben geschnitten, die nun in schütteren Reihen
dalagen wie auf der Bahre, manche noch mit der leuchtenden Mohnblume
geschmückt, oder der bläulichrot schimmernden Kornrade. Als es dunkel
wurde und das Gras schon kühl und feucht war zwischen den Stoppeln, da
sind die andern in den Hof gegangen, um dort noch häusliche Arbeiten
zu verrichten. Der Adam und ich sind auf dem Felde geblieben, um aus
den Hüfeln, die zu sechs Garben stark sind, die „Deckeln“ aufzustellen.
Er stellt je fünf Garben auf den Kopf, so daß sie mit ihren Ähren
aneinander lehnen wie Gewehrpyramiden im Soldatenlager. Dieweilen
ich diese festhalte, daß sie nicht umfallen, biegt der Adam aus der
sechsten Garbe den „Hut“, eine Art Helm, den er dann aufstülpt. So
wird das „Deckel“ von diesem Hute zusammengehalten und bei Regenwetter
vor Nässe geschützt. Die Tropfen sickern nicht durch, sondern gleiten
an den zu allen Seiten niederhängenden Halmen nach außen hinab. So
läßt man nun die Deckeln etliche Tage in der freien Sonne stehen und
trocknen, dann kommt der große Leiterkarren, auf dem die Garben in
hohen „Tristen“ zur Scheuer geheimt werden.
Du hast dein Lebtag schon so viel Überflüssiges gelernt, mein Doktor,
Professor und Philosoph, daß dir dieser eingehende Unterricht über eine
Kornernte im Gebirge kein besonderes Bedenken zu verursachen braucht.
Wenn du dir alle diese Garben einprägst, so wirst du zwar viel Stroh
im Kopfe haben, aber auch viel Ähren! -- Ach, daß man noch witzig sein
will bei solchem Unglück! Schon heute haben wir Abschied zu nehmen
von der erst begonnenen Ernte. -- Ich mag dir erst noch ein kleines
Gespräch erzählen.
Es war schon finster geworden. Im Grase zirpten die Heimchen, daß es
wie ein ununterbrochenes Klangrieseln war über das weite Feld hin.
Hüpfende Heuschrecken schnellten kleine Tautropfen an unsere Hände. Der
schwarze Himmel war voll funkelnder Sterne. Mein Adam setzte sich auf
eine Garbe, trocknete den Schweiß und atmete schwer. Als er so, das
Gesicht gegen den Himmel gewendet, ein Weilchen geruht hatte, sagte er
leise: „Wenn wir einmal dort oben sind -- allemiteinander!“
„Damit hat’s Zeit, Vater!“ antwortete ich.
„Es ist halt hart,“ sagte et. „Keins von meinen Leuten möcht’ ich
überleben. Und wenn sie mich müßten ins Grab hinablegen, thäten sie mir
wohl auch erbarmen.“
Darauf ich: „Da wüßte denn der liebe Gott mit dem besten Willen nicht,
wie er es einrichten sollt’.“
„Es ist so, es ist so, Hansel. Wir sind all’ zu herzkrank. All’ zu
herzkrank sind wir. -- Wenn ich’s nur nit gar so lieb thät haben, das
Dirndel!“
Ich wollte schon eine Antwort geben, da erhob er sich mühselig und
sagte: „Wollen wir halt schauen, daß wir in Gottesnamen fertig werden.“
Dann deckelten wir den Rest der Hüfeln auf und gingen langsam heimwärts.
Sind zwischen den fruchtprangenden Feldern hingegangen, so daß die
wiegenden Ähren unsere Wangen gestreichelt haben. Sollen morgen unter
die Sichel kommen. Die Luft war wie eine weiche betäubende Last. Der
Sternenhimmel funkelte fast heftig, so daß die Zacklein rundum nur
so hinaussprühten. Und wenn man hinaufschaute, so war es, als sinke
und sinke alles hernieder. Und dabei flogen immerwährend die grellen
Streifen der Sternschnuppen über das Himmelsrund hinweg.
Der Adam blieb einmal stehen, stützte sich an den Stab, atmete hoch auf
und sagte: „Wenn man’s betrachtet! -- Die Allmacht Gottes!“ -- Dann
stieg er wieder an.
Ob ich meiner Tage noch ein christliches Buch aufschlage, oder nicht,
ich weiß nun, was Religion ist. Vor keinem Lehrstuhl hab’ ich’s
erfahren können. Auf dem freien Felde hat’s mich ein Bauer gelehrt. --
Sieben oder acht Stunden später, mein Freund, haben wir ein anderes
Kapitel erfahren von der Allmacht Gottes.
Wüstes Sausen und Brausen weckt mich auf. Ich springe hinaus ins
Freie. Ein seltsam gelbes Licht zwischen Nacht und Morgendämmerung.
Ein schwefelgelber Himmel sinkt nieder auf die Bergwipfel und über
die Waldhöhen her wälzt sich ein ungeheuerer Wolkenballen, unter
dessen Wucht die Bäume wie Grashalme niederknicken. Ein Prasseln und
Schmettern überall, so daß aus ihren Gelassen die Hühner aufflattern,
schlaftrunken kreischend, und im Stalle brüllen die Rinder. Von unserem
Hausdache springen Giebelbalken und Firstlatten los und tanzen hoch in
der Luft wie Geier mit langen Schwingen. Noch sehe ich an der Hausthür
den Adam im Nachtgewande, da werde ich zu Boden geschleudert, mit
Knütteln und Steinwürfen bearbeitet, wie mich dünkt, und aufspringend,
um mich zu wehren, habe ich’s mit wuchtigen Eisknollen zu thun, die
niedersausen überall. Unter das Streuhüttendach noch taumele ich hin,
von welchem die Schindelsplitter fliegen, so leicht wie Apfelblüten im
Maiwind. Schon bin ich eingeschlossen von einem wilden Gespinst, dessen
niederstrählende Fäden sich kreuzend zu einem lebendigen Gitter weben.
An die Dächer, an die Wände prallen die Schloßen und schnellen wieder
zurück und mancher eigroße Knollen zerschellt in Trümmer. Durch den
Hof schießt, die Werkzeughütte durchbrechend, ein Bach herab, Balken,
Räder und Karren mit sich treibend. Förmliche Eismoränen wogen heran
und der Lärm ist so, als wäre ringsum ein Wasserfall, eine Feuersbrunst
und eine Schlacht. Mein Versuch, ins Wohnhaus hinüber zu laufen,
mißlang, ebenso auch der, in den Stall zu gelangen. Allein zwischen
undurchdringlichen Naturgewalten harrte ich in der Streuschichte aus
das Niederbrechen meines Daches.
Freund, ich habe bisher nichts Ähnliches erlebt, mir ist jetzt
nachhinein alles so traumhaft. Man ist so ganz befangen von dem, was
geschieht und wartet nur auf den Verlauf und kann gar nichts anderes
denken als: Will’s denn nicht aufhören? Will’s denn nimmer aufhören! --
Wie lange es gedauert hat, darüber gehen die Meinungen auseinander von
fünfundzwanzig Minuten bis zu einer Stunde.
Als es vorüber war, kamen sie mir entgegen vom Hause her, über das
knisternde Eis. In tiefgerissenen Gräben brandete ein wüster Brei von
Wasser, Erdreich und Schloßen herab. An den Bäumen und Dächern hingen
die Fetzen nieder. Alle Wiesen, Matten und Felder schneeweiß nur von
schwarzen Gießschrammen durchzogen. Die Luft war kalt wie im Winter. An
den Bergen strichen Nebel hin.
Sie sind totenblaß. Der Adam tritt zu mir: „Ist dir wohl nichts
geschehen, Hansel?“
„Seid ihr alle?“ frage ich zurück, denn ich sehe die Barbel nicht
sogleich. Dort oben an der Hausecke steht sie wie eine Bildsäule und
schaut hin in den weiten, leuchtenden Winter. Ganz vergeistigt, ganz
verklärt sind ihre Züge. Und auf den Hohlweg blickt sie hin, der von
Hoisendorf heraufführt. -- Jetzt kann aber niemand kommen, in kreuz und
krumm liegen die Baumstämme und niedergebrochenen Äste über den Weg.
„Gott Lob und Dank, das Haus steht noch!“ sagte der Adam.
„Und die Arbeit ist auch gethan,“ setzte die Hausmutter bei. „Dieses
Jahr hat er nit lang gedauert, der Kornschnitt!“
Auf allen vier Feldern steht kein Halm. Alles tief in den Erdboden
geschlagen und zugedeckt mit Eis. Die Deckeln, die wir am Vorabende
noch mit solchem Hochgefühle gebaut hatten, liegen da wie gekochte
Strohhäuflein. Und als gegen Mittag stellenweise das Eis schmilzt,
sieht der Boden aus, wie frisch geackert. Die Grasweiden sind kahl
gedroschen. Der Kohlgarten ist mit Krautblättern so dicht und
glatt gepflastert, daß man darauf tanzen könnte, wenn die kahlen
Stengel nicht ihre zerfransten Spieße aufreckten. Das Gekräute des
Kartoffelfeldes ist fast spurlos verschwunden. Wenn es auf den Almen
ebenso grob war, dann, Freund Alfred, kommt eine üppige Zeit. Dann
giebt’s keine Arbeit mehr, hingegen viel Fleisch zu essen, weil alle
Haustiere wegen Futtermangel geschlachtet werden müssen. Auf weiten
Umwegen nur können wir zu Nachbarshöfen gelangen; an den Lehnen und
Rainen sind überall Lawinen niedergegangen, so daß sich die braunen
Erdstriemen hinabziehen bis in die Gräben, die teils vermuhrt sind,
so daß die Wässer zu Tümpeln und die Tümpeln zu Seen steigen, um
dann gewaltsam den Wall zu durchbrechen. Kannst du dich erinnern an
unsere Landpartie nach Kattning, im vorigen Sommer? Da hatte auch der
Hagel geschlagen, daß auf den Feldern alle Kornhalme die Knie gen
Himmel reckten. So wie dort die Kornhalme sind hier in den Wäldern
stellenweise die Bäume geknickt, daß die Stämme in einem unentwirrbaren
Durcheinander daliegen. Von den Gleimer- und Schragererhöfen herüber
hören wir Klagen, Fluchen und Weinen. Auch unsere Hausmutter wollte zu
hadern anfangen mit dem Herrgott, da legte ihr der Adam die Hand an den
Arm und sagte: „Mutter, so mußt nit! Schau, was sich der Mensch schwer
legt, das tragt er schwer. Das Korn ist freilich derschlagen, aber wir
leben noch allmiteinand. Denk, wenn’s umgekehrt wär’!“
„In Gottesnamen!“ rief sie aus, „wenn uns der Donner derschlagen hätt’
allmiteinand, so wär’s überstanden. Bei dem Menschen ist gleich alles
gefehlt; geht er ins Holz, um ein Stückel Wildpret, ist’s gefehlt;
verirrt er sich im Gernhaben, ist’s gefehlt; und der da oben thut
selber, was er will!“
Na, das war ein ordentliches Trumm Gotteslästerung. Der Adam stand da
und blickte sie mitleidig an. Und als sie sich ausgetobt hatte, begann
sie -- demütig zu beten.
Du hast einmal gesagt, Philosoph, das beste Mittel gegen alle Lästerung
Gottes sei, an keinen zu glauben. Denn ihn glauben und ihn den Urheber
auch alles Bösen sein zu lassen, sei die größte Blasphemie. Das ist
sehr gut gesagt, wer jedoch meinen Adam kennt, der möchte wohl auf
andere Gedanken kommen, nämlich, daß unter dem Rate der göttlichen
Vorsehung überhaupt nichts Böses geschieht, weil dem gottfrohen Gemüte
alles Böse leicht zum Guten wird.
Dem Hausvater wäre die gute Nachricht nicht einmal nötig gewesen, die
am Abende von den Almen kam. Mehrere Hütten wären zwar vom Sturme
abgedeckt worden, die ältesten Schirmbäume wären gefallen, aber vom
Hagelschlag seien die Weiden verschont geblieben.
„Gut ist’s!“ rief die Hausmutter und klatschte die Hände zusammen.
„Jetzt heißt’s auf die Alm, machen Heu, wo wir eins finden. Die
Feldrüben und Erdäpfel hat’s auch nit derglängt -- wir werden nit
verhungern.“
Und haben in der folgenden Nacht besser geschlafen, als in mancher
vorhergehenden.
Am nächsten Tage drohte der Hagel erst +meine+ Jahresernte zu
vernichten. Nach dem Mittagsessen -- es gab diesmal nur eingebranntes
Kraut und Brotsuppe -- blieb der Hausvater beim Tische sitzen, als ob
Feiertag wäre. Und sagte, ich solle auch sitzen bleiben, er wolle halt
jetzt mit mir „raiten“.
Was das heiße?
„Sollst es halt gleichwohl sagen, Hansel, was wir dir schuldig sind.
Denn jetzt dürfen wir dich wohl nit mehr bitten, daß du uns noch länger
bleibst. Weil es eine solche Veränderung hat genommen in diesem Jahr.
Du findest leicht einen besseren Platz. Siehst eh, wie arm es hergeht
bei uns.“
Jetzt, was war das? War es ein Ablehnen für weiterhin, weil wenig
Arbeit und wenig Essen mehr vorhanden? Oder war es bloß ein Freigeben,
falls mir selber das Elend in diesem Hause zu groß geworden?
Den ganzen Nachmittag ließ ich hingehen, ohne dem Hausvater eine
Antwort zu geben. Mir war wirklich zu Mute, als dürfte ich diese
Menschen jetzt nicht allein lassen, jetzt weniger als je.
Und am Abende, als wir auf dem Kopf des Brunnentroges saßen und traurig
hinausblickten in die Landschaft, die so ruhig war, so friedsam wie
ein Kirchhof, da sagte ich: „Vater! Ich ginge ungern fort. Und heute
giebt es ja mehr Arbeit, als vor wenigen Tagen. Seht die Dächer an!
Der nächste Regen rinnt in die Stube hinein. Die Fenster! Der Wind
zieht durch und durch. Die Wege und Stege, es kann ja niemand hin und
her. Etwas werde ich doch ausrichten können. Und wenn Ihr etwa der
Verpflegung wegen meint -- was für andere gut ist, wird für mich auch
nicht zu schlecht sein.“ Die letzten Worte zu stammeln ist mir sauer
geworden.
„Brav bist wohl!“ sagte der Adam und hielt mir die zitternde Hand her.
Und jetzt war schon die Abschätzung da. Zwei Herren, gesandt von dem
Händler, der das auf dem Feld stehende Getreide gekauft hat. Sie
strichen überall herum und als sie das Unheil sahen, bedauerten sie den
armen geschädigten Händler. Hat ein Angeld gegeben und ist jetzt keine
Deckung dafür vorhanden. Dann bedauerten sie auch voll christlicher
Teilnahme den Adam.
„Kriegen wir denn gar nichts?“ ruft die Hausmutter.
Die Herren zucken ihre Achseln.
„Das ist ja zum Verzweifeln!“ schreit sie.
Der Adam wendet sich seitab.
„Sagst denn du nichts?“ ruft sie ihm zu.
Er schweigt.
„Den Gewinn anderen, den Schaden uns!“