Karawanenstrassen im Tschadseegebiet und im Sudan 192

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Karte.

Vorwort.

Zu den kühnsten und erfolgreichsten Eroberern, welche die Welt in den

letzten Jahrhunderten hat auftreten sehen, ist Rabeh, der ehemalige

Knecht und spätere Truppenführer des bekannten sudan-egyptischen

Sklavenfürsten Zuber Pascha, zu rechnen. Rabehs Kriegszüge erinnern in

mancher Beziehung an die eines Napoleon. Ein innerafrikanischer Fürst

nach dem anderen wurde von ihm unterworfen, und er stürzte Throne, die

auf eine viele Jahrhunderte alte Geschichte zurückblickten. In wenigen

Jahren konnte er sich ein Reich schaffen, das sich von den Grenzen des

mahdistischen Gebietes am oberen Nil bis nach Sokoto ausdehnte, im

Süden fast bis zum Kongo reichte und im Norden von Wadai und der Sahara

abgeschlossen wurde.

Aber auch darin gleicht das Schicksal Rabehs der Laufbahn des

korsischen Eroberers, dass die Herrlichkeit seines Riesenreiches

nicht von langer Dauer war. 1894 errichtete er seine Hauptstadt am

Südrande des Tschadsees, und schon ist er vom politischen Schauplatz

abgetreten: in mehreren Kämpfen von den Franzosen besiegt, starb er

im April 1900 den Tod auf dem Schlachtfelde. In keinem der gewonnenen

Länder hatte er an den Eingeborenen einen sicheren Stützpunkt finden

können. Seine Herrschaft war durch seine Grausamkeit verhasst geworden,

der einflussreiche religiöse Orden der Senussi hatte sich gegen ihn

erklärt.

Rabehs Reich war mit seinem Tode zerfallen, aber sein Sohn Fadel Allah

konnte einen Teil der Soldateska, auf welcher seine Macht beruhte,

sammeln. Sie reorganisierte sich rasch wieder in der früheren Weise

und bildete dann noch eine Zeitlang den stärksten Machtfaktor unter

den Völkerschaften des Tschadseegebietes. Zweimal gewann Fadel Allah

das Reich seines Vaters bis zum Schari wieder, aber von den Franzosen

ebenso oft wieder vertrieben und auf englisches Gebiet verfolgt, fand

er am 23. August 1901 seinen Tod. Die decimierten Besiegten, die

ihre gesamte Munition und ihr Pulver eingebüsst hatten, mussten sich

ergeben. Damit hatte die von Rabeh begründete Macht im Tschadseegebiet

ihr Ende gefunden.

Das Hinterland unserer Kamerun-Kolonie, welche mit ihrem nördlichsten

Teile an den Tschadsee grenzt, hat in den durch das Auftreten Rabehs

entstandenen Wirren eine bedeutende Rolle gespielt. Auf deutschem Boden

hatte sich Rabeh seine Hauptstadt Dikoa gewählt, auf deutschem Boden

wurde er von den Franzosen bekämpft und getötet, in Dikoa und nicht

mehr in dem englischen Kuka residiert jetzt der neue Sultan von Bornu,

und auf deutschem Boden lebt der mächtigste Widersacher, den Rabeh im

Tschadseegebiet gefunden hatte, der Fürst von Mandara. Gerade für uns

Deutsche ist es daher von besonderem Interesse, über die Vorgänge,

die sich im Tschadseegebiet abgespielt haben, genau unterrichtet zu

sein und die Vorgeschichte und den Entwicklungsgang dieser Ereignisse

zu kennen, namentlich auch deshalb, weil wir jetzt durch eigene

Expeditionen, die bereits nach Garua am Benue gedrungen sind, an die

Eröffnung des uns nach den internationalen Verträgen zustehenden

Tschadseegebietes herangetreten sind.

Wenn ich mich an diese Aufgabe gewagt habe, so ist es deshalb

geschehen, weil ich seit längerer Zeit Gelegenheit hatte, die Vorgänge

im Innern Afrikas zu verfolgen. Im Jahre 1894 wurde ich mit der Führung

einer Expedition nach dem Tschadsee, deren Ausgangspunkt Tripolis sein

sollte, betraut, als die Nachricht von der Eroberung der in Betracht

kommenden Gebiete durch Rabeh und von der darauf erfolgten Sperrung

der Karawanenstrassen zwischen dem Tschadsee und Tripolis in Europa

eintraf. Infolge dessen wurde meine bereits in Vorbereitung begriffene

Expedition zunächst verschoben und darauf gänzlich aufgegeben,

zumal inzwischen ein Vertrag zur Regelung der Ostgrenze unserer

Kamerun-Kolonie mit Frankreich abgeschlossen worden war.

Seit 1896 konnte ich in Kairo, das für die Beobachtung aller

Vorgänge in der muhammedanischen Welt ein hervorragend geeigneter

Punkt ist, durch den Verkehr mit Angehörigen der verschiedensten

innerafrikanischen Länder unmittelbare Nachrichten über die frühere

Entwickelung der Macht Rabehs und über die jüngsten Ereignisse am

Tschadsee sammeln.

Jedes Jahr kommen muhammedanische Kaufleute und Pilger, welche der

religiösen Pflicht der Mekkafahrt genügen wollen, auch aus jenen

Gegenden nach Egypten. Viele der centralafrikanischen Besucher widmen

sich dann in Kairo ernsten religiösen Studien an der Azharmoschee, der

grössten geistlichen Hochschule der muhammedanischen Welt, oder sie

suchen durch die Ausübung zauberartiger Heilkünste und Wahrsagereien im

reichen Nillande sich erst einiges Zehrgeld zu verdienen, bevor sie die

weite Heimreise wieder antreten. Manche der Centralafrikaner, mit denen

ich in Kairo Verkehr pflegen konnte, hatten auf ihrem Wege nach Egypten

weite Umwege gemacht und zu der Reise aus den Tschadseeländern oft

Jahre gebraucht. Die Fama aber schreitet rasch in Afrika, und man kann

beobachten, wie innerafrikanische Geschehnisse oft in Egypten früher

bekannt werden, als in Europa.

So glaube ich im folgenden eine Darstellung der soeben zum Abschluss

gekommenen Geschichte Rabehs und seines Sohnes geben zu können,

welche im grossen und ganzen zutreffend sein dürfte, wenn auch in

Einzelheiten kleine Irrtümer zu berichtigen bleiben werden. Die

Darstellung beruht im wesentlichen auf meinen Erkundigungen bei

meinen centralafrikanischen Gewährsleuten, deren erstaunliches

Gedächtnis ich oft bewundern musste. Bei der Wiedergabe der Kämpfe der

Franzosen mit Rabeh und seinem Sohn Fadel Allah habe ich die amtlichen

französischen Schlachtberichte benutzt, weitere Details verdanke ich

persönlicher Aussprache mit den leitenden Mitgliedern der französischen

Tschadsee-Expeditionen.

Einige Nachrichten über die Geschichte der für Rabehs Auftreten in

Betracht kommenden Länder, deren Kenntnis auch für die Beurteilung der

Zustände in dem Hinterlande unserer Kamerun-Kolonie von praktischem

Werte ist, glaubte ich beifügen zu sollen. Auch habe ich den Zug der

wichtigsten Karawanenstrassen zwischen den Tschadseeländern und dem

Mittelmeer als Anhang gegeben.

_Der Verfasser._

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 16 / 42 题