Gräfin Helena, der Graf vom Strahl treten auf. Fräulein Kunigunde.
Kunigunde (ihnen entgegen). Verehrungswürdge! Meines Retters Mutter,
Wem dank ich, welchem Umstand, das Vergnügen, Daß ihr mir Euer
Antlitz schenkt, daß Ihr Vergönnt, die teuren Hände Euch zu küssen?
Gräfin. Mein Fräulein, Ihr demütigt mich. Ich kam, Um Eure Stirn zu
küssen, und zu fragen, Wie Ihr in meinem Hause Euch befindet?
Kunigunde. Sehr wohl. Ich fand hier alles, was ich brauchte. Ich
hatte nichts von Eurer Huld verdient, Und Ihr besorgtet mich, gleich
einer Tochter. Wenn irgend etwas mir die Ruhe störte So war es dies
beschämende Gefühl; Doch ich bedurfte nur den Augenblick, Um diesen
Streit in meiner Brust zu lösen.
(Sie wendet sich zum Grafen.) Wie stehts mit Eurer linken Hand, Graf
Friedrich?
Der Graf vom Strahl. Mit meiner Hand? mein Fräulein! Diese Frage,
Ist mir empfindlicher als ihre Wunde! Der Sattel wars, sonst nichts,
an dem ich mich Unachtsam stieß, Euch hier vom Pferde hebend.
Gräfin. Ward sie verwundet?--Davon weiß ich nichts.
Kunigunde. Es fand sich, als wir dieses Schloß erreichten, Daß ihr,
in hellen Tropfen, Blut entfloß.
Der Graf vom Strahl. Die Hand selbst, seht Ihr, hat es schon
vergessen. Wenns Freiburg war, dem ich im Kampf um Euch, Dies Blut
gezahlt, so kann ich wirklich sagen: Schlecht war der Preis, um den
er Euch verkauft.
Kunigunde. Ihr denkt von seinem Werte so--nicht ich.
(Indem sie sich zur Mutter wendet.) - Doch wie? Wollt Ihr Euch,
Gnädigste, nicht setzen?
(Sie holt einen Stuhl, der Graf bringt die andern. Sie lassen sich
sämtlich nieder.)
Gräfin. Wie denkt Ihr, über Eure Zukunft, Fräulein? Habt Ihr die
Lag, in die das Schicksal Euch Versetzt, bereits erwogen? Wißt Ihr
schon, Wie Euer Herz darin sich fassen wird?
Kunigunde (bewegt). Verehrungswürdige und gnädge Gräfin, Die Tage,
die mir zugemessen, denk ich In Preis und Dank, in immer glühender
Erinnrung des, was jüngst für mich geschehn, In unauslöschlicher
Verehrung Eurer, Und Eures Hauses, bis auf den letzten Odem, Der
meine Brust bewegt, wenns mir vergönnt ist, In Thurneck bei den
Meinen hinzubringen. (Sie weint.)
Gräfin. Wann denkt Ihr zu den Euren aufzubrechen?
Kunigunde. Ich wünsche--weil die Tanten mich erwarten, - Wenns sein
kann, morgen,--oder mindestens--In diesen Tagen, abgeführt zu werden.
Gräfin. Bedenkt ihr auch, was dem entgegen steht?
Kunigunde. Nichts mehr, erlauchte Frau, wenn Ihr mir nur Vergönnt,
mich offen vor Euch zu erklären.
(Sie küßt ihr die Hand; steht auf und holt die Papiere.) Nehmt dies
von meiner Hand, Herr Graf vom Strahl.
Der Graf vom Strahl (steht auf). Mein Fräulein! Kann ich wissen,
was es ist?
Kunigunde. Die Dokumente sinds, den Streit betreffend, Um Eure
Herrschaft Stauffen, die Papiere Auf die ich meinen Anspruch gründete.
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, Ihr beschämt mich, in der Tat!
Wenn dieses Heft, wie Ihr zu glauben scheint, Ein Recht begründet:
weichen will ich Euch, Und wenn es meine letzte Hütte gälte!
Kunigunde. Nehmt, nehmt, Herr Graf vom Strahl! Die Briefe sind
Zweideutig, seh ich ein, der Wiederkauf, Zu dem sie mich berechtigen,
verjährt; Doch wär mein Recht so klar auch, wie die Sonne, Nicht
gegen Euch mehr kann ichs geltend machen.
Der Graf vom Strahl. Niemals, mein Fräulein, niemals, in der Tat!
Mit Freuden nehm ich, wollt Ihr mir ihn schenken, Von Euch den
Frieden an; doch, wenn auch nur Der Zweifel eines Rechts auf Stauffen
Euer, Das Dokument nicht, das ihn Euch belegt! Bringt Eure Sache vor,
bei Kaiser und bei Reich, Und das Gesetz entscheide, wer sich irrte.
Kunigunde (zur Gräfin). Befreit denn Ihr, verehrungswürdge Gräfin,
Von diesen leidgen Dokumenten mich, Die mir in Händen brennen,
widerwärtig Zu dem Gefühl, das mir erregt ist, stimmen, Und mir auf
Gottes weiter Welt zu nichts mehr, Lebt ich auch neunzig Jahre,
helfen können.
Gräfin (steht gleichfalls auf). Mein teures Fräulein! Eure
Dankbarkeit Führt Euch zu weit. Ihr könnt, was Eurer ganzen Familie
angehört, in einer flüchtigen Bewegung nicht, die Euch ergriff,
veräußern. Nehmt meines Sohnes Vorschlag an und laßt In Wetzlar die
Papiere untersuchen; Versichert Euch, Ihr werdet wert uns bleiben,
Man mag auch dort entscheiden, wie man wolle.
Kunigunde (mit Affekt). Nun denn, der Anspruch war mein Eigentum!
Ich brauche keinen Vetter zu befragen, Und meinem Sohn vererb ich
einst mein Herz! Die Herrn in Wetzlar mag ich nicht bemühn: Hier
diese rasche Brust entscheidet so!
(Sie zerreißt die Papiere und läßt sie fallen.)
Gräfin. Mein liebes, junges, unbesonnes Kind, Was habt Ihr da
getan?--Kommt her, Weils doch geschehen ist, daß ich Euch küsse.
(Sie umarmt sie.)
Kunigunde. Ich will daß dem Gefühl, das mir entflammt, Im Busen ist,
nichts fürder widerspreche! Ich will, die Scheidewand soll
niedersinken, Die zwischen mir und meinem Retter steht! Ich will
mein ganzes Leben ungestört, Durchatmen, ihn zu preisen, ihn zu
lieben.
Gräfin (gerührt). Gut, gut, mein Töchterchen. Es ist schon gut, Ihr
seid zu sehr erschüttert.
Der Graf vom Strahl.--Ich will wünschen, Daß diese Tat Euch nie
gereuen möge.
(Pause.)
Kunigunde (trocknet sich die Augen). Wann darf ich nun nach Thurneck
wiederkehren?
Gräfin. Gleich! Wann Ihr wollt! Mein Sohn selbst wird Euch führen!
Kunigunde. So seis--auf morgen denn!
Gräfin. Gut! Ihr begehrt es. Obschon ich gern Euch länger bei mir
sähe. Doch heut bei Tisch noch macht Ihr uns die Freude?
Kunigunde (verneigt sich). Wenn ich mein Herz kann sammeln, wart ich
auf. (Ab.)