Erster Auftritt

Der Graf vom Strahl (tritt auf, mit verbundenen Augen, geführt von

zwei Häschern, die ihm die Augen aufbinden, und alsdann in die Höhle

zurückkehren--Er wirft sich auf den Boden nieder und weint). Nun

will ich hier, wie ein Schäfer liegen und klagen. Die Sonne scheint

noch rötlich durch die Stämme, auf welchen die Wipfel des Waldes ruhn;

und wenn ich, nach einer kurzen Viertelstunde, sobald sie hinter den

Hügel gesunken ist, aufsitze, und mich im Blachfelde, wo der Weg eben

ist, ein wenig daran halte, so komme ich noch nach Schloß

Wetterstrahl, ehe die Lichter darin erloschen sind. Ich will mir

einbilden, meine Pferde dort unten, wo die Quelle rieselt, wären

Schafe und Ziegen, die an dem Felsen kletterten, und an Gräsern und

bittern Gesträuchen rissen; ein leichtes weißes linnenes Zeug

bedeckte mich, mit roten Bändern zusammengebunden, und um mich her

flatterte eine Schar muntrer Winde, um die Seufzer, die meiner, von

Gram sehr gepreßten, Brust entquillen, gradaus zu der guten Götter

Ohr empor zu tragen. Wirklich und wahrhaftig! Ich will meine

Muttersprache durchblättern, und das ganze, reiche Kapitel, das diese

Überschrift führt: Empfindung, dergestalt plündern, daß kein

Reimschmied mehr, auf eine neue Art, soll sagen können: ich bin

betrübt. Alles, was die Wehmut Rührendes hat, will ich aufbieten,

Lust und in den Tod gehende Betrübnis sollen sich abwechseln, und

meine Stimme, wie einen schönen Tänzer, durch alle Beugungen hindurch

führen, die die Seele bezaubern; und wenn die Bäume nicht in der Tat

bewegt werden, und ihren milden Tau, als ob es geregnet hätte,

herabträufeln lassen, so sind sie von Holz, und alles, was uns die

Dichter von ihnen sagen, ein bloßes liebliches Märchen. O du--wie

nenn ich dich? Käthchen! Warum kann ich dich nicht mein nennen?

Käthchen, Mädchen, Käthchen! Warum kann ich dich nicht mein nennen?

Warum kann ich dich nicht aufheben, und in das duftende Himmelbett

tragen, das mir die Mutter, daheim im Prunkgemach, aufgerichtet hat?

Käthchen, Käthchen, Käthchen! Du, deren junge Seele, als sie heut

nackt vor mir stand, von wollüstiger Schönheit gänzlich triefte, wie

die mit Ölen gesalbte Braut eines Perserkönigs, wenn sie, auf alle

Teppiche niederregnend, in sein Gemach geführt wird! Käthchen,

Mädchen, Käthchen! Warum kann ich es nicht? Du Schönere, als ich

singen kann, ich will eine eigene Kunst erfinden, und dich weinen.

Alle Phiolen der Empfindung, himmlische und irdische, will ich

eröffnen, und eine solche Mischung von Tränen, einen Erguß so

eigentümlicher Art, so heilig zugleich und üppig, zusammenschütten,

daß jeder Mensch gleich, an dessen Hals ich sie weine, sagen soll:

sie fließen dem Käthchen von Heilbronn!--Ihr grauen, bärtigen Alten,

was wollt ihr? Warum verlaßt ihr eure goldnen Rahmen, ihr Bilder

meiner geharnischten Väter, die meinen Rüstsaal bevölkern, und tretet,

in unruhiger Versammlung, hier um mich herum, eure ehrwürdigen

Locken schüttelnd? Nein, nein, nein! Zum Weibe, wenn ich sie gleich

liebe, begehr ich sie nicht; eurem stolzen Reigen will ich mich

anschließen: das war beschloßne Sache, noch ehe ihr kamt. Dich aber,

Winfried, der ihn führt, du Erster meines Namens, Göttlicher mit der

Scheitel des Zeus, dich frag ich, ob die Mutter meines Geschlechts

war, wie diese: von jeder frommen Tugend strahlender, makelloser an

Leib und Seele, mit jedem Liebreiz geschmückter, als sie? O Winfried!

Grauer Alter! Ich küsse dir die Hand, und danke dir, daß ich bin;

doch hättest du sie an die stählerne Brust gedrückt, du hättest ein

Geschlecht von Königen erzeugt, und Wetter vom Strahl hieße jedes

Gebot auf Erden! Ich weiß, daß ich mich fassen und diese Wunde

vernarben werde: denn welche Wunde vernarbte nicht der Mensch? Doch

wenn ich jemals ein Weib finde, Käthchen, dir gleich: so will ich die

Länder durchreisen, und die Sprachen der Welt lernen, und Gott

preisen in jeder Zunge, die geredet wird.--Gottschalk!

Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe · 第 37 / 103 题