Der Graf vom Strahl (mit dem Schein der Heftigkeit.)

Da schwört sie und verflucht Sich, die leichtfertge Dirne, noch und

meint, Gott werd es ihrem jungen Blut vergeben! - Was ist geschehn,

fünf Tag von hier, am Abend, In meinem Stall, als es schon dunkelte,

Und ich den Gottschalk hieß, sich zu entfernen?

Käthchen. O! Jesus! Ich bedacht es nicht!--Im Stall zu Strahl, da

hast du mich besucht.

Der Graf vom Strahl. Nun denn! Da ists heraus? Da hat sie nun Der

Seelen Seligkeit sich weggeschworen! Im Stall zu Strahl, da hab ich

sie besucht!

(Käthchen weint.) (Pause.)

Graf Otto. Ihr quält das Kind zu sehr.

Theobald (nähert sich ihr gerührt). Komm, meine Tochter.

(Er will sie an seine Brust heben.)

Käthchen. Laß, laß!

Wenzel. Das nenn ich menschlich nicht verfahren.

Graf Otto. Zuletzt ist nichts im Stall zu Strahl geschehen.

Der Graf vom Strahl (sieht sie an). Bei Gott, ihr Herrn, wenn ihr

des Glaubens seid: Ich bins! Befehlt, so gehn wir aus einander.

Graf Otto. Ihr sollt das Kind befragen, ist die Meinung, Nicht mit

barbarischem Triumph verhöhnen. Seis, daß Natur Euch solche Macht

verliehen: Geübt wie Ihrs tut, ist sie hassenswürdger, Als selbst die

Höllenkunst, der man Euch zeiht.

Der Graf vom Strahl (erhebt das Käthchen vom Boden). Ihr Herrn, was

ich getan, das tat ich nur, Sie mit Triumph hier vor euch zu erheben!

Statt meiner--(Auf den Boden hinzeigend.)

steht mein Handschuh vor Gericht! Glaubt ihr von Schuld sie rein,

wie sie es ist, Wohl, so erlaubt denn, daß sie sich entferne.

Wenzel. Es scheint Ihr habt viel Gründe, das zu wünschen?

Der Graf vom Strahl. Ich? Gründ? Entscheidende! Ihr wollt sie,

hoff ich, Nicht mit barbarschem Übermut verhöhnen?

Wenzel (mit Bedeutung). Wir wünschen doch, erlaubt Ihrs, noch zu

hören, Was in dem Stall damals zu Strahl geschehn.

Der Graf vom Strahl. Das wollt ihr Herrn noch--?

Wenzel. Allerdings!

Der Graf vom Strahl (glutrot, indem er sich zum Käthchen wendet).

Knie nieder!

(Käthchen läßt sich auf Knieen vor ihm nieder.)

Graf Otto. Ihr seid sehr dreist, Herr Friedrich Graf vom Strahl!

Der Graf vom Strahl (zum Käthchen). So! Recht! Mir gibst du

Antwort und sonst keinem.

Hans. Erlaubt! Wir werden sie-Der Graf vom Strahl (ebenso). Du

rührst dich nicht! Hier soll dich keiner richten, als nur der, Dem

deine Seele frei sich unterwirft.

Wenzel. Herr Graf, man wird hier Mittel-Der Graf vom Strahl (mit

unterdrückter Heftigkeit)

Ich sage, nein! Der Teufel soll mich holen, zwingt ihr sie!--Was

wollt ihr wissen, ihr verehrten Herrn?

Hans (auffahrend). Beim Himmel!

Wenzel. Solch ein Trotz soll--!

Hans. He! Die Häscher!

Graf Otto (halblaut). Laßt, Freunde, laßt! Vergeßt nicht, wer er

ist.

Erster Richter. Er hat nicht eben, drückt Verschuldung ihn, Mit List

sie überhört.

Zweiter Richter. Das sag ich auch! Man kann ihm das Geschäft wohl

überlassen.

Graf Otto (zum Grafen vom Strahl). Befragt sie, was geschehn, fünf

Tag von hier, Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte, Und ihr den

Gottschalk hießt, sich zu entfernen?

Der Graf vom Strahl (zum Käthchen). Was ist geschehn, fünf Tag von

hier, am Abend, Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte, Und ich

den Gottschalk hieß, sich zu entfernen?

Käthchen. Mein hoher Herr! Vergib mir, wenn ich fehlte; Jetzt leg

ich alles, Punkt für Punkt, dir dar.

Der Graf vom Strahl. Gut.--Da berührt ich dich und zwar--nicht?

Freilich! Das schon gestandst du?

Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl. Nun?

Käthchen. Mein verehrter Herr?

Der Graf vom Strahl. Was will ich wissen?

Käthchen. Was du willst wissen?

Der Graf vom Strahl. Heraus damit! Was stockst du? Ich nahm, und

herzte dich, und küßte dich, Und schlug den Arm dir--?

Käthchen. Nein, mein hoher Herr.

Der Graf vom Strahl. Was sonst?

Käthchen. Du stießest mich mit Füßen von dir.

Der Graf vom Strahl. Mit Füßen? Nein! Das tu ich keinem Hund.

Warum? Weshalb? Was hattst du mir getan?

Käthchen. Weil ich dem Vater, der voll Huld und Güte, Gekommen war,

mit Pferden, mich zu holen, Den Rücken, voller Schrecken, wendete,

Und mit der Bitte, mich vor ihm zu schützen, Im Staub vor dir

bewußtlos nieder sank.

Der Graf vom Strahl. Da hätt ich dich mit Füßen weggestoßen?

Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl. Ei, Possen, was! Das war nur Schelmerei, des

Vaters wegen. Du bliebst doch nach wie vor im Schloß zu Strahl.

Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl. Nicht? Wo auch sonst?

Käthchen. Als du die Peitsche, flammenden Gesichts, Herab vom Riegel

nahmst, ging ich hinaus, Vor das bemooste Tor, und lagerte Mich

draußen, am zerfallnen Mauernring Wo in süßduftenden Holunderbüschen

Ein Zeisig zwitschernd sich das Nest gebaut.

Der Graf vom Strahl. Hier aber jagt ich dich mit Hunden weg?

Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.

Der Graf vom Strahl. Und als du wichst, Verfolgt vom Hundgeklaff,

von meiner Grenze, Rief ich den Nachbar auf, dich zu verfolgen?

Käthchen. Nein, mein verehrter Herr! Was sprichst du da?

Der Graf vom Strahl. Nicht? Nicht?--Das werden diese Herren tadeln.

Käthchen. Du kümmerst dich um diese Herren nicht. Du sandtest

Gottschalk mir am dritten Tage, Daß er mir sag: dein liebes Käthchen

wär ich; Vernünftig aber möcht ich sein, und gehn.

Der Graf vom Strahl. Und was entgegnetest du dem?

Käthchen. Ich sagte, Den Zeisig littest du, den zwitschernden, In

den süßduftenden Holunderbüschen: Möchtst denn das Käthchen von

Heilbronn auch leiden.

Der Graf vom Strahl (erhebt das Käthchen). Nun dann, so nehmt sie

hin, ihr Herrn der Vehme, Und macht mit ihr und mir jetzt, was ihr

wollt.

(Pause.)

Graf Otto (unwillig). Der aberwitzge Träumer, unbekannt Mit dem

gemeinen Zauber der Natur!--Wenn euer Urteil reif, wie meins, ihr

Herrn, Geh ich zum Schluß, und laß die Stimmen sammeln.

Wenzel. Zum Schluß!

Hans. Die Stimmen!

Alle. Sammelt sie!

Ein Richter. Der Narr, der! Der Fall ist klar. Es ist hier nichts

zu richten.

Graf Otto. Vehmherold, nimm den Helm und sammle sie.

(Vehmherold sammelt die Kugeln und bringt den Helm, worin sie liegen,

dem Grafen.)

Graf Otto (steht auf). Herr Friedrich Wetter Graf vom Strahl, du

bist Einstimmig von der Vehme losgesprochen, Und dir dort, Theobald,

dir geb ich auf, Nicht fürder mit der Klage zu erscheinen, Bis du

kannst bessere Beweise bringen.

(Zu den Richtern.) Steht auf, ihr Herrn! die Sitzung ist geschlossen.

(Die Richter erheben sich.)

Theobald. Ihr hochverehrten Herrn, ihr sprecht ihn schuldlos? Gott

sagt ihr, hat die Welt aus nichts gemacht; Und er, der sie durch

nichts und wieder nichts Vernichtet, in das erste Chaos stürzt, Der

sollte nicht der leidge Satan sein?

Graf Otto. Schweig, alter, grauer Tor! Wir sind nicht da, Dir die

verrückten Sinnen einzurenken. Vehmhäscher, an dein Amt! Blend ihm

die Augen, Und führ ihn wieder auf das Feld hinaus.

Theobald. Was! Auf das Feld? Mich hilflos greisen Alten? Und dies

mein einzig liebes Kind,--?

Graf Otto. Herr Graf, Das überläßt die Vehme Euch! Ihr zeigtet Von

der Gewalt, die Ihr hier übt, so manche Besondre Probe uns; laßt uns

noch eine, Die größeste, bevor wir scheiden, sehn, Und gebt sie ihrem

alten Vater wieder.

Der Graf vom Strahl. Ihr Herren, was ich tun kann, soll geschehn.

--Jungfrau!

Käthchen. Mein hoher Herr!

Der Graf vom Strahl. Du liebst mich?

Käthchen. Herzlich!

Der Graf vom Strahl. So tu mir was zu Lieb.

Käthchen. Was willst du? Sprich.

Der Graf vom Strahl. Verfolg mich nicht. Geh nach Heilbronn zurück.

--Willst du das tun?

Käthchen. Ich hab es dir versprochen.

(Sie fällt in Ohnmacht.)

Theobald (empfängt sie). Mein Kind! Mein Einziges! Hilf, Gott im

Himmel!

Der Graf vom Strahl (wendet sich). Dein Tuch her, Häscher! (Er

verbindet sich die Augen.)

Theobald. O verflucht sei, Mordschaunder Basiliskengeist! Mußt ich

Auch diese Probe deiner Kunst noch sehn?

Graf Otto (vom Richtstuhl herabsteigend). Was ist geschehn, ihr

Herrn?

Wenzel. Sie sank zu Boden.

(Sie betrachten sie.)

Der Graf vom Strahl (zu den Häschern). Führt mich hinweg!

Theobald. Der Hölle zu, du Satan! Laß ihre schlangenhaargen

Pförtner dich An ihrem Eingang, Zauberer, ergreifen, Und dich

zehntausend Klafter tiefer noch, Als ihre wildsten Flammen lodern,

schleudern!

Graf Otto. Schweig Alter, schweig!

Theobald (weint). Mein Kind! Mein Käthchen!

Käthchen. Ach!

Wenzel (freudig). Sie schlägt die Augen auf!

Hans. Sie wird sich fassen.

Graf Otto. Bringt in des Pförtners Wohnung sie! Hinweg!

(Alle ab.)

Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe · 第 35 / 103 题