Erster Auftritt

Graf Otto von der Flühe als Vorsitzer, Wenzel von Nachtheim, Hans von

Bärenklau als Beisassen, mehrere Grafen, Ritter und Herren, sämtlich

vermummt, Häscher mit Fackeln usw.--Theobald Friedeborn, Bürger aus

Heilbronn, als Kläger, Graf Wetter vom Strahl als Beklagter, stehen

vor den Schranken.

Graf Otto (steht auf). Wir, Richter des hohen, heimlichen Gerichts,

die wir, die irdischen Schergen Gottes, Vorläufer der geflügelten

Heere, die er in seinen Wolken mustert, den Frevel aufsuchen, da, wo

er, in der Höhle der Brust, gleich einem Molche verkrochen, vom Arm

weltlicher Gerechtigkeit nicht aufgefunden werden kann: wir rufen

dich, Theobald Friedeborn, ehrsamer und vielbekannter Waffenschmied

aus Heilbronn auf, deine Klage anzubringen gegen Friedrich, Graf

Wetter vom Strahle; denn dort, auf den ersten Ruf der heiligen Vehme,

von des Vehmherolds Hand dreimal, mit dem Griff des Gerichtsschwerts,

an die Tore seiner Burg, deinem Gesuch gemäß, ist er erschienen, und

fragt, was du willst? (Er setzt sich.)

Theobald Friedeborn. Ihr hohen, heiligen und geheimnisvollen Herren!

Hätte er, auf den ich klage, sich bei mir ausrüsten lassen--setzet

in Silber, von Kopf bis zu Fuß, oder in schwarzen Stahl, Schienen,

Schnallen und Ringe von Gold; und hätte nachher, wenn ich gesprochen:

Herr, bezahlt mich! geantwortet: Theobald! Was willst du? Ich bin

dir nichts schuldig; oder wäre er vor die Schranken meiner Obrigkeit

getreten, und hätte meine Ehre, mit der Zunge der Schlangen--oder

wäre er aus dem Dunkel mitternächtlicher Wälder herausgebrochen und

hätte mein Leben, mit Schwert und Dolch, angegriffen: so wahr mir

Gott helfe! ich glaube, ich hätte nicht vor euch geklagt. Ich erlitt,

in drei und funfzig Jahren, da ich lebe, so viel Unrecht, daß meiner

Seele Gefühl nun gegen seinen Stachel wie gepanzert ist; und während

ich Waffen schmiede, für andere, die die Mücken stechen, sag ich

selbst zum Skorpion: fort mit dir! und laß ihn fahren. Friedrich,

Graf Wetter vom Strahl, hat mir mein Kind verführt, meine Katharine.

Nehmt ihn, ihr irdischen Schergen Gottes, und überliefert ihn allen

geharnischten Scharen, die an den Pforten der Hölle stehen und ihre

glutroten Spieße schwenken: ich klage ihn schändlicher Zauberei,

aller Künste der schwarzen Nacht und der Verbrüderung mit dem Satan

an!

Graf Otto. Meister Theobald von Heilbronn! Erwäge wohl, was du

sagst. Du bringst vor, der Graf vom Strahl, uns vielfältig und von

guter Hand bekannt, habe dir dein Kind verführt. Du klagst ihn, hoff

ich, der Zauberei nicht an, weil er deines Kindes Herz von dir

abwendig gemacht? Weil er ein Mädchen, voll rascher Einbildungen,

mit einer Frage, wer sie sei? oder wohl gar mit dem bloßen Schein

seiner roten Wangen, unter dem Helmsturz hervorglühend, oder mit

irgend einer andern Kunst des hellen Mittags ausgeübt auf jedem

Jahrmarkt, für sich gewonnen hat?

Theobald. Es ist wahr, ihr Herren, ich sah ihn nicht zur Nachtzeit,

an Mooren und schilfreichen Gestaden, oder wo sonst des Menschen Fuß

selten erscheint, umherwandeln und mit den Irrlichtern Verkehr

treiben. Ich fand ihn nicht auf den Spitzen der Gebirge, den

Zauberstab in der Hand, das unsichtbare Reich der Luft abmessen, oder

in unterirdischen Höhlen, die kein Strahl erhellt,

Beschwörungsformeln aus dem Staub heraufmurmeln. Ich sah den Satan

und die Scharen, deren Verbrüderten ich ihn nannte, mit Hörnern,

Schwänzen und Klauen, wie sie zu Heilbronn, über dem Altar abgebildet

sind, an seiner Seite nicht. Wenn ihr mich gleichwohl reden lassen

wollt, so denke ich es durch eine schlichte Erzählung dessen, was

sich zugetragen, dahin zu bringen, daß ihr aufbrecht, und ruft:

unsrer sind dreizehn und der vierzehnte ist der Teufel! zu den Türen

rennt und den Wald, der diese Höhle umgibt, auf dreihundert Schritte

im Umkreis, mit euren Taftmänteln und Federhüten besäet.

Graf Otto. Nun, du alter, wilder Kläger! so rede!

Theobald. Zuvörderst müßt ihr wissen, ihr Herren, daß mein Käthchen

Ostern, die nun verflossen, funfzehn Jahre alt war; gesund an Leib

und Seele, wie die ersten Menschen, die geboren worden sein mögen;

ein Kind recht nach der Lust Gottes, das heraufging aus der Wüsten,

am stillen Feierabend meines Lebens, wie ein gerader Rauch von

Myrrhen und Wachholdern! Ein Wesen von zarterer, frommerer und

lieberer Art müßt ihr euch nicht denken, und kämt ihr, auf Flügeln

der Einbildung, zu den lieben, kleinen Engeln, die, mit hellen Augen,

aus den Wolken, unter Gottes Händen und Füßen hervorgucken. Ging sie

in ihrem bürgerlichen Schmuck über die Straße, den Strohhut auf, von

gelbem Lack erglänzend, das schwarzsamtene Leibchen, das ihre Brust

umschloß, mit feinen Silberkettlein behängt: so lief es flüsternd von

allen Fenstern herab: das ist das Käthchen von Heilbronn; das

Käthchen von Heilbronn, ihr Herren, als ob der Himmel von Schwaben

sie erzeugt, und von seinem Kuß geschwängert, die Stadt, die unter

ihm liegt, sie geboren hätte. Vettern und Basen, mit welchen die

Verwandtschaft, seit drei Menschengeschlechtern, vergessen worden war,

nannten sie, auf Kindtaufen und Hochzeiten, ihr liebes Mühmchen, ihr

liebes Bäschen; der ganze Markt, auf dem wir wohnten, erschien an

ihrem Namenstage, und bedrängte sich und wetteiferte sie zu

beschenken; wer sie nur einmal, gesehen und einen Gruß im

Vorübergehen von ihr empfangen hatte, schloß sie acht folgende Tage

lang, als ob sie ihn gebessert hätte, in sein Gebet ein.

Eigentümerin eines Landguts, das ihr der Großvater, mit Ausschluß

meiner, als einem Goldkinde, dem er sich liebreich bezeigen wollte,

vermacht hatte, war sie schon unabhängig von mir, eine der

wohlhabendsten Bürgerinnen der Stadt. Fünf Söhne wackerer Bürger,

bis in den Tod von ihrem Werte gerührt, hatten nun schon um sie

angehalten; die Ritter, die durch die Stadt zogen, weinten, daß sie

kein Fräulein war; ach, und wäre sie eines gewesen, das Morgenland

wäre aufgebrochen, und hätte Perlen und Edelgesteine, von Mohren

getragen, zu ihren Füßen gelegt. Aber sowohl ihre, als meine Seele,

bewahrte der Himmel vor Stolz; und weil Gottfried Friedeborn, der

junge Landmann, dessen Güter das ihrige umgrenzen, sie zum Weibe

begehrte, und sie auf meine Frage: Katharine, willt du ihn?

antwortete: Vater! Dein Wille sei meiner; so sagte ich: der Herr

segne euch! und weinte und jauchzte, und beschloß, Ostern, die kommen,

sie nun zur Kirche zu bringen.--So war sie, ihr Herren, bevor sie

mir dieser entführte.

Graf Otto. Nun? Und wodurch entführte er sie dir? Durch welche

Mittel hat er sie dir und dem Pfade, auf welchen du sie geführt

hattest, wieder entrissen?

Theobald. Durch welche Mittel?--Ihr Herren, wenn ich das sagen

könnte, so begriffen es diese fünf Sinne, und so ständ ich nicht vor

euch und klagte auf alle, mir unbegreiflichen, Greuel der Hölle. Was

soll ich vorbringen, wenn ihr mich fragt, durch welche Mittel? Hat

er sie am Brunnen getroffen, wenn sie Wasser schöpfte, und gesagt:

Lieb Mädel, wer bist du? hat er sich an den Pfeiler gestellt, wenn

sie aus der Mette kam, und gefragt: Lieb Mädel, wo wohnst du? hat er

sich, bei nächtlicher Weile, an ihr Fenster geschlichen, und, indem

er ihr einen Halsschmuck umgehängt, gesagt: Lieb Mädel, wo ruhst du?

Ihr hochheiligen Herren, damit war sie nicht zu gewinnen! Den

Judaskuß erriet unser Heiland nicht rascher, als sie solche Künste.

Nicht mit Augen, seit sie geboren ward, hat sie ihn gesehen; ihren

Rücken, und das Mal darauf, das sie von ihrer seligen Mutter erbte,

kannte sie besser, als ihn. (Er weint.)

Graf Otto (nach einer Pause). Und gleichwohl, wenn er sie verführt

hat, du wunderlicher Alter, so muß es wann und irgendwo geschehen

sein?

Theobald. Heiligen Abend vor Pfingsten, da er auf fünf Minuten in

meine Werkstatt kam, um sich, wie er sagte, eine Eisenschiene, die

ihm zwischen Schulter und Brust losgegangen war, wieder

zusammenheften zu lassen,

Wenzel. Was!

Hans. Am hellen Mittag?

Wenzel. Da er auf fünf Minuten in deine Werkstatt kam, um sich eine

Brustschiene anheften zu lassen?

(Pause.)

Graf Otto. Fasse dich, Alter, und erzähle den Hergang.

Theobald (indem er sich die Augen trocknet). Es mochte ohngefähr

eilf Uhr morgens sein, als er, mit einem Troß Reisiger, vor mein Haus

sprengte, rasselnd, der Erzgepanzerte, vom Pferd stieg, und in meine

Werkstatt trat: das Haupt tief herab neigt' er, um mit den

Reiherbüschen, die ihm vom Helm niederwankten, durch die Tür zu

kommen. Meister, schau her, spricht er: dem Pfalzgrafen, der eure

Wälle niederreißen will, zieh ich entgegen; die Lust, ihn zu treffen,

sprengt mir die Schienen; nimm Eisen und Draht, ohne daß ich mich zu

entkleiden brauche, und heft sie mir wieder zusammen. Herr! sag ich:

wenn Euch die Brust so die Rüstung zerschmeißt, so läßt der Pfalzgraf

unsere Wälle ganz; nötig ihn auf einen Sessel, in des Zimmers Mitte

nieder, und: Wein! ruf ich in die Türe, und vom frischgeräucherten

Schinken, zum Imbiß! und setz einen Schemel, mit Werkzeugen versehn,

vor ihn, um ihm die Schiene wieder herzustellen. Und während draußen

noch der Streithengst wiehert, und, mit den Pferden der Knechte, den

Grund zerstampft, daß der Staub, als wär ein Cherub vom Himmel

niedergefahren, emporquoll: öffnet langsam, ein großes, flaches

Silbergeschirr auf dem Kopf tragend, auf welchem Flaschen, Gläser und

der Imbiß gestellt waren, das Mädchen die Türe und tritt ein. Nun

seht, wenn mir Gott der Herr aus Wolken erschiene, so würd ich mich

ohngefähr so fassen, wie sie. Geschirr und Becher und Imbiß, da sie

den Ritter erblickt, läßt sie fallen; und leichenbleich, mit Händen,

wie zur Anbetung verschränkt, den Boden mit Brust und Scheiteln

küssend, stürzt sie vor ihm nieder, als ob sie ein Blitz nieder

geschmettert hätte! Und da ich sage: Herr meines Lebens! Was fehlt

dem Kind? und sie aufhebe: schlingt sie, wie ein Taschenmesser

zusammenfallend, den Arm um mich, das Antlitz flammend auf ihn

gerichtet, als ob sie eine Erscheinung hätte. Der Graf vom Strahl,

indem er ihre Hand nimmt, fragt: wes ist das Kind? Gesellen und

Mägde strömen herbei und jammern: hilf Himmel! Was ist dem

Jüngferlein widerfahren; doch da sie sich, mit einigen schüchternen

Blicken auf sein Antlitz, erholt, so denk ich, der Anfall ist wohl

auch vorüber, und gehe, mit Pfriemen und Nadeln, an mein Geschäft.

Drauf sag ich: Wohlauf, Herr Ritter! Nun mögt Ihr den Pfalzgrafen

treffen; die Schiene ist eingerenkt, das Herz wird sie Euch nicht

mehr zersprengen. Der Graf steht auf; er schaut das Mädchen, das ihm

bis an die Brusthöhle ragt, vom Wirbel zur Sohle, gedankenvoll an,

und beugt sich, und küßt ihr die Stirn und spricht: der Herr segne

dich, und behüte dich, und schenke dir seinen Frieden, Amen! Und da

wir an das Fenster treten: schmeißt sich das Mädchen, in dem

Augenblick, da er den Streithengst besteigt, dreißig Fuß hoch, mit

aufgehobenen Händen, auf das Pflaster der Straße nieder: gleich einer

Verlorenen, die ihrer fünf Sinne beraubt ist! Und bricht sich beide

Lenden, ihr heiligen Herren, beide zarten Lendchen, dicht über des

Knierunds elfenbeinernem Bau; und ich, alter, bejammernswürdiger Narr,

der mein versinkendes Leben auf sie stützen wollte, muß sie, auf

meinen Schultern, wie zu Grabe tragen; indessen er dort, den Gott

verdamme! zu Pferd, unter dem Volk, das herbeiströmt, herüberruft von

hinten, was vorgefallen sei!--Hier liegt sie nun, auf dem Todbett, in

der Glut des hitzigen Fiebers, sechs endlose Wochen, ohne sich zu

regen. Keinen Laut bringt sie hervor; auch nicht der Wahnsinn,

dieser Dietrich aller Herzen, eröffnet das ihrige; kein Mensch vermag

das Geheimnis, das in ihr waltet, ihr zu entlocken. Und prüft, da

sie sich ein wenig erholt hat, den Schritt, und schnürt ihr Bündel,

und tritt, beim Strahl der Morgensonne, in die Tür: wohin? fragt sie

die Magd; zum Grafen Wetter vom Strahl, antwortet sie, und

verschwindet.

Wenzel. Es ist nicht möglich!

Hans. Verschwindet?

Wenzel. Und läßt alles hinter sich zurück?

Hans. Eigentum, Heimat und den Bräutigam, dem sie verlobt war?

Wenzel. Und begehrt auch deines Segens nicht einmal?

Theobald. Verschwindet, ihr Herren--Verläßt mich und alles, woran

Pflicht, Gewohnheit und Natur sie knüpften--Küßt mir die Augen, die

schlummernden, und verschwindet; ich wollte, sie hätte sie mir

zugedrückt.

Wenzel. Beim Himmel! Ein seltsamer Vorfall.-Theobald. Seit jenem

Tage folgt sie ihm nun, gleich einer Metze, in blinder Ergebung, von

Ort zu Ort; geführt am Strahl seines Angesichts, fünfdrähtig, wie

einen Tau, um ihre Seele gelegt; auf nackten, jedem Kiesel

ausgesetzten, Füßen, das kurze Röckchen, das ihre Hüfte deckt, im

Winde flatternd, nichts als den Strohhut auf, sie gegen der Sonne

Stich, oder den Grimm empörter Witterung zu schützen. Wohin sein Fuß,

im Lauf seiner Abenteuer, sich wendet: durch den Dampf der Klüfte,

durch die Wüste, die der Mittag versengt, durch die Nacht

verwachsener Wälder: wie ein Hund, der von seines Herren Schweiß

gekostet, schreitet sie hinter ihm her; und die gewohnt war, auf

weichen Kissen zu ruhen, und das Knötlein spürte, in des Bettuchs

Faden, das ihre Hand unachtsam darin eingesponnen hatte: die liegt

jetzt, einer Magd gleich, in seinen Ställen, und sinkt, wenn die

Nacht kömmt, ermüdet auf die Streu nieder, die seinen stolzen Rossen

untergeworfen wird.

Graf Otto. Graf Wetter vom Strahl! Ist dies gegründet?

Der Graf vom Strahl. Wahr ists, ihr Herren; sie geht auf der Spur,

die hinter mir zurückbleibt. Wenn ich mich umsehe, erblick ich zwei

Dinge: meinen Schatten und sie.

Graf Otto. Und wie erklärt Ihr Euch diesen sonderbaren Umstand?

Der Graf vom Strahl. Ihr unbekannten Herren der Vehme! Wenn der

Teufel sein Spiel mit ihr treibt, so braucht er mich dabei, wie der

Affe die Pfoten der Katze; ein Schelm will ich sein, holt er den

Nußkern für mich. Wollt ihr meinem Wort schlechthin, wies die

heilige Schrift vorschreibt, glauben: ja, ja, nein, nein; gut! Wo

nicht, so will ich nach Worms, und den Kaiser bitten, daß er den

Theobald ordiniere. Hier werf ich ihm vorläufig meinen Handschuh hin!

Graf Otto. Ihr sollt hier Rede stehn, auf unsre Frage! Womit

rechtfertigt Ihr, daß sie unter Eurem Dache schläft? Sie, die in das

Haus hingehört, wo sie geboren und erzogen ward?

Der Graf vom Strahl. Ich war, es mögen ohngefähr zwölf Wochen sein,

auf einer Reise, die mich nach Straßburg führte, ermüdet, in der

Mittagshitze, an einer Felswand, eingeschlafen--nicht im Traum

gedacht ich des Mädchens mehr, das in Heilbronn aus dem Fenster

gestürzt war--da liegt sie mir, wie ich erwache, gleich einer Rose,

entschlummert zu Füßen; als ob sie vom Himmel herabgeschneit wäre!

Und da ich zu den Knechten, die im Grase herumliegen, sage: Ei, was

der Teufel! Das ist ja das Käthchen von Heilbronn! schlägt sie die

Augen auf, und bindet sich das Hütlein zusammen, das ihr schlafend

vom Haupt herabgerutscht war. Katharine! ruf ich: Mädel! Wo kömmst

auch her? Auf funfzehn Meilen von Heilbronn, fernab am Gestade des

Rheins? "Hab ein Geschäft, gestrenger Herr", antwortet sie, "das

mich gen Straßburg führt; schauert mich im Wald so einsam zu wandern,

und schlug mich zu Euch." Drauf laß ich ihr zur Erfrischung reichen,

was mir Gottschalk, der Knecht, mit sich führt, und erkundige mich:

wie der Sturz abgelaufen; auch, was der Vater macht? Und was sie in

Straßburg zu erschaffen denke? Doch da sie nicht freiherzig mit der

Sprache herausrückt: was auch gehts dich an, denk ich; ding ihr einen

Boten, der sie durch den Wald führe, schwing mich auf den Rappen, und

reite ab. Abends, in der Herberg, an der Straßburger Straß, will ich

mich eben zur Ruh niederlegen: da kommt Gottschalk, der Knecht, und

spricht: das Mädchen sei unten und begehre in meinen Ställen zu

übernachten. Bei den Pferden? frag ich. Ich sage: wenns ihr weich

genug ist, mich wirds nicht drücken. Und füge noch, indem ich mich

im Bett wende, hinzu: magst ihr wohl eine Streu unterlegen,

Gottschalk, und sorgen, daß ihr nichts widerfahre. Drauf, wandert

sie, kommenden Tages früher aufgebrochen, als ich, wieder auf der

Heerstraße, und lagert sich wieder in meinen Ställen, und lagert sich

Nacht für Nacht, so wie mir der Streifzug fortschreitet, darin, als

ob sie zu meinem Troß gehörte. Nun litt ich das, ihr Herren, um

jenes grauen, unwirschen Alten willen, der mich jetzt darum straft;

denn der Gottschalk, in seiner Wunderlichkeit, hatte das Mädchen lieb

gewonnen, und pflegte ihrer, in der Tat, als seiner Tochter; führt

dich die Reise einst, dacht ich, durch Heilbronn, so wird der Alte

dirs danken. Doch da sie sich auch in Straßburg, in der

erzbischöflichen Burg, wieder bei mir einfindet, und ich gleichwohl

spüre, daß sie nichts im Orte erschafft. denn mir hatte sie sich ganz

und gar geweiht, und wusch und flickte, als ob es sonst am Rhein

nicht zu haben wäre: so trete ich eines Tages, da ich sie auf der

Stallschwelle finde, zu ihr und frage: was für ein Geschäft sie in

Straßburg betreibe? Ei, spricht sie, gestrenger Herr, und eine Röte,

daß ich denke, ihre Schürze wird angehen, flammt über ihr Antlitz

empor: "was fragt Ihr doch? Ihr wißts ja!"--Holla! denk ich, steht

es so mit dir? und sende einen Boten flugs nach Heilbronn, dem Vater

zu, mit folgender Meldung: das Käthchen sei bei mir; ich hütete

seiner; in kurzem könne er es, vom Schlosse zu Strahl, wohin ich es

zurückbringen würde, abholen.

Graf Otto. Nun? Und hierauf?

Wenzel. Der Alte holte die Jungfrau nicht ab?

Der Graf vom Strahl. Drauf, da er am zwanzigsten Tage, um sie

abzuholen, bei mir erscheint, und ich ihn in meiner Väter Saal führe:

erschau ich mit Befremden, daß er, beim Eintritt in die Tür, die Hand

in den Weihkessel steckt, und mich mit dem Wasser, das darin

befindlich ist, besprengt. Ich arglos, wie ich von Natur bin, nötge

ihn auf einen Stuhl nieder; erzähle ihm, mit Offenherzigkeit, alles,

was vorgefallen; eröffne ihm auch, in meiner Teilnahme, die Mittel,

wie er die Sache, seinen Wünschen gemäß, wieder ins Geleis rücken

könne; und tröste ihn und führ ihn, um ihm das Mädchen zu übergeben,

in den Stall hinunter, wo sie steht, und mir eine Waffe von Rost

säubert. So wie er in die Tür tritt, und die Arme mit tränenvollen

Augen öffnet, sie zu empfangen, stürzt mir das Mädchen leichenbleich

zu Füßen, alle Heiligen anrufend, daß ich sie vor ihm schütze.

Gleich einer Salzsäule steht er, bei diesem Anblick, da; und ehe ich

mich noch gefaßt habe, spricht er schon, das entsetzensvolle Antlitz

auf mich gerichtet: das ist der leibhaftige Satan! und schmeißt mir

den Hut, den er in der Hand hält, ins Gesicht, als wollt er ein

Greuelbild verschwinden machen, und läuft, als setzte die ganze Hölle

ihm nach, nach Heilbronn zurück.

Graf Otto. Du wunderlicher Alter! Was hast du für Einbildungen?

Wenzel. Was war in dem Verfahren des Ritters, das Tadel verdient?

Kann er dafür, wenn sich das Herz deines törichten Mädchens ihm

zuwendet?

Hans. Was ist in diesem ganzen Vorfall, das ihn anklagt?

Theobald. Was ihn anklagt? O du--Mensch, entsetzlicher, als Worte

fassen, und der Gedanke ermißt: stehst du nicht rein da, als hätten

die Cherubim sich entkleidet, und ihren Glanz dir, funkelnd wie

Mailicht, um die Seele gelegt!--Mußt ich vor dem Menschen nicht

erbeben, der die Natur, in dem reinsten Herzen, das je geschaffen

ward, dergestalt umgekehrt hat, daß sie vor dem Vater, zu ihr

gekommen, seiner Liebe Brust ihren Lippen zu reichen, kreideweißen

Antlitzes entweicht, wie vor dem Wolfe, der sie zerreißen will? Nun

denn, so walte, Hekate, Fürstin des Zaubers, moorduftige Königin der

Nacht! Sproßt, ihr dämonischen Kräfte, die die menschliche Satzung

sonst auszujäten bemüht war, blüht auf, unter dem Atem der Hexen, und

schoßt zu Wäldern empor, daß die Wipfel sich zerschlagen, und die

Pflanze des Himmels, die am Boden keimt, verwese; rinnt, ihr Säfte

der Hölle, tröpfelnd aus Stämmen und Stielen gezogen, fallt, wie ein

Katarakt, ins Land, daß der erstickende Pestqualm zu den Wolken

empordampft; fließt und ergießt euch durch alle Röhren des Lebens,

und schwemmt, in allgemeiner Sündflut, Unschuld und Tugend hinweg!

Graf Otto. Hat er ihr Gift eingeflößt?

Wenzel. Meinst du, daß er ihr verzauberte Tränke gereicht?

Hans. Opiate, die des Menschen Herz, der sie genießt, mit

geheimnisvoller Gewalt umstricken?

Theobald. Gift? Opiate? Ihr hohen Herren, was fragt ihr mich? Ich

habe die Flaschen nicht gepfropft, von welchen er ihr, an der Wand

des Felsens, zur Erfrischung reichte; ich stand nicht dabei, als sie

in der Herberge, Nacht für Nacht, in seinen Ställen schlief. Wie

soll ich wissen, ob er ihr Gift eingeflößt? habt neun Monate Geduld;

alsdann sollt ihr sehen, wies ihrem jungen Leibe bekommen ist.

Der Graf vom Strahl. Der alte Esel, der! Dem entgegn' ich nichts,

als meinen Namen! Ruft sie herein; und wenn sie ein Wort sagt, auch

nur von fern duftend, wie diese Gedanken, so nennt mich den Grafen

von der stinkenden Pfütze, oder wie es sonst eurem gerechten Unwillen

beliebt.

Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe · 第 32 / 103 题