Draußen hörte ich Clothilde weinen, herzbrechend -- »Rudi, Rudi« --

»Rudi«, tönte es durchs Haus.

Da wußte ich -- er war nicht mehr.

* * * * *

J..., 14. Februar 1840.

Du hast mir wohlgetan, liebe Caton. Du tust immer wohl. Du hast so

viel von der seligen Mutter. Ich bin fast ein wenig krank gewesen nach

den tiefen Gemütsbewegungen in der letzten Zeit, da hat es mich recht

erfrischt, als Deine kleine Predigt kam, mit der Behauptung, daß

ich meine Kräfte für eine schöne, erfreuliche Zukunft aufzubewahren

habe und sie nicht ganz für Fremde hingeben dürfe. Aber mir sind die

Menschen, mit denen ich lebe, liebe Caton, nicht fremd, trotz der

großen Verschiedenheit unserer Lebensanschauungen. Darum sind sie doch

liebenswert. Auch habe ich viel bei ihnen gelernt. Denn seitdem ich

mich frei in der gegebenen Form zu bewegen weiß und den letzten Rest

kindischer Ehrfurcht vor diesen Äußerlichkeiten abgestreift habe, bin

ich viel freier und sicherer in meinem Auftreten. So wird das Errungene

gewiß auch meiner ferneren Laufbahn zugute kommen. Ich fühle immer

mehr, wie dankbar wir unseren Eltern zu sein haben für den Geist der

Freiheit und Duldung, den sie uns anerzogen. Das ist die Hauptsache,

das übrige läßt sich lernen. Die Gegensätze in dieser Welt sind gewiß

nicht durch Unduldsamkeit zu unterdrücken. Da fällt mir der kleine Rudi

ein. Ich sah einmal, wie er die große, harte Faust des Stallknechtes

Sixtus küßte. Der Mann grinste vor Verlegenheit, lachte verschämt und

sagte, indem er mir die Faust hinstreckte: »Küßt hat er's -- er hat's

küßt.« -- Beim Begräbnis unseres Lieblings mußte sich der starke,

gewaltige Sixtus mit seinem Schmerz hinter die Friedhofsmauer flüchten,

weil er zu laut war.

Du fragst, ob der Baron und die Baronin mir Dank wüßten, weil ich

nach Ausspruch des Arztes dem kleinen Günther das Leben gerettet. Ob

sie jetzt ganz anders seien? -- Aber Caton, aus Dankbarkeit seine

Natur ändern, das wäre doch ein wenig zu viel verlangt. Es geht alles

anscheinend seinen gewöhnlichen Gang weiter, und doch scheint mir in

der Tiefe alles anders geworden zu sein. Der Sonnenschein fehlt. Man

vermißt ihn auf allen Gesichtern. Wenn ich mich früher bemüht habe,

der Tränen um den guten Vater Herr zu werden, jetzt werden verweinte

Augen kaum mehr bemerkt, denn wer hat nicht geweint in den langen

Nachtstunden?

Auch an meinem Zögling ist Rudis Tod nicht spurlos vorübergegangen.

Es hat seitdem keine Szenen mehr in den Lehrstunden gegeben. Sie hört

wenigstens zu jetzt, wenn der Gegenstand sie auch nicht interessiert.

Neulich feierte sie ihren dreizehnten Geburtstag. Die Geschenke hatten

kaum Platz auf dem großen Tisch inmitten ihres Zimmers. Im Hof wurde

ihr ein neues Pferd vorgeführt, prächtig aufgezäumt, ein kleiner

Korbwagen stand dabei.

Weißt Du noch, Caton, wir pflegten vor Rührung zu weinen, wenn wir eine

Merinoschürze und ein schönes Buch bekamen.

Clothilde sah sich ihre Geschenke ruhigen Blickes an und sagte dann mit

einem Seufzer:

»Jetzt ist's aus mit dem Elferl.« --

Ich wußte nicht recht, was sie damit meinte, aber dann sah ich

mit einem Mal, daß irgend etwas an ihrem Wesen anders war. Ja,

sie erinnerte mich plötzlich an ihre Mutter, ich weiß nicht recht

inwiefern, aber ich konnte sie mir, was ich früher nicht gekonnt hätte,

mit einem Mal als eine Gutsherrin vorstellen -- so wie ihre Mutter eine

ist. Sie hat mir nie von ihrem Schmerz um Rudi gesprochen, aber sie

schleppt den ganzen Tag das Rudi-Hündchen herum, das auch in der Nacht

in ihrem Zimmer schlafen muß.

Wenn ich auch nicht imstande war und bin, aus Clothilden das zu

machen, was ich gewünscht hätte, so geht es allmählich mit dem Hannerl

so prächtig vorwärts, daß ich eine wirkliche Freude an diesem Kinde

haben kann. Hier ist Entwicklungsfähigkeit in hohem Grade, nach einem

langsamen, geistigen Erwachen. Clothilde war von Anfang an fertig. --

Ich muß Dir noch sagen, daß ich einen Brief aus Nancy bekommen habe.

Marie hat sich verlobt, und Mutter und Tochter beschwören mich auf das

liebevollste, im Sommer zur Hochzeit zu kommen. Das hat mich wirklich

gerührt. --

Nun liegt der Brief schon acht Tage, und Du wirst mich der

Schreibfaulheit zeihen, liebe Caton. Es kam so. Der Baron hat mich

inständig gebeten, mich malen zu dürfen. Als er mit dem Bilde des

kleinen Rudi fertig war, überkam ihn in seiner Untätigkeit von neuem

die Verzweiflung, und die Baronin, die ihren Schmerz wie eine Heldin

trägt, brachte ihren Mann auf den Gedanken, mich zu malen.

Nun ist er ganz eifrig dabei. Ich legte sogar für das Bild auf seine

Bitte die Trauer ab und trage mein altes Blaues mit einem weißen Kragen.

Die Schülerinnen haben während des Malens ihre französische

Konversationsstunde. Dem Baron ist das recht, besonders da ich mich

dabei wenig rühre und hauptsächlich lausche.

Therese führt wieder einmal Klage, daß Schwester Caton nicht schreibt.

Da muß ich ja ein wenig schelten. Sonst, Du kennst sie ja, klagt sie

über nichts, aber ich lese ihr großes Heimweh aus jeder Zeile, aus

jedem Wort, das sie schreibt. Eigentlich spricht sie nie von Säckingen,

sondern immer nur von Freiburg -- von ihrem lieben, guten, himmlischen

Freiburgle. --

Von eben diesem Freiburgle schreibt mir Lenchen, es sei die

langweiligste Stadt geworden auf der Welt, und ich würde mich kurios

wundern, wenn ich wiederkäme -- 's sei alles wie verschlafe, seit 's

Villingers nimmer in Oberlinden wohnten mit ihrer Gastfreundschaft und

ihrem Humor und den netten Herrle alleweil. -- Und sie hätten jetzt

's Dortel -- Dortel -- und alle Abend säßen sie beisammen in der Küch

und heulten über die vergangenen Zeiten, und's Dortel blieb dabei: »I

sterb nit, ehnd i unsri Kinder nit noch emal g'sehe -- und wenn i 's

verzwinge müßt von unserm Herrgott.« --

* * * * *

J..., den 12. April 1840.

Caton, Caton, ach mir ist wie im Traum -- vor mir liegt ein Schreiben

-- schwarz auf weiß steht in deutlichen Buchstaben, die Stelle der

Vorsteherin der Rastatter höheren Töchterschule sei vakant, ob es mir

beliebe, sie anzunehmen.

Erst habe ich müssen einen Gang durch den Park machen, so haben meine

Hände gezittert und hat mein Herz gejubelt und doch auch wieder

geblutet -- ach, daß die Eltern es nicht erlebt -- alle Kinder

versorgt, alle eine Heimat. -- So viel des Glücks -- kaum zu fassen ...

In den Sommerferien werde ich erwartet -- die Schule ist im Rastatter

Schloß, auch die Wohnung. Und denk dir mein Wirken darf in der

Heimat sein. Das ist ja noch das allerschönste. Ich finde mich so

gottbegnadet; mein ganzes Leben ging dahin wie unter einem Strahl der

Güte Gottes.

Die Antwort nach Rastatt liegt schon da. Ich habe mich zusammennehmen

müssen, um rein sachlich zu bleiben, denn meine Feder ist jetzt von

einem Hymnus der Freude und Dankbarkeit von unten bis oben angefüllt.

-- »Närrle« -- gelt, so würde Mutter sagen. --

Die Nachricht an Therese liegt auch schon da. Sie wird still weinen vor

Glück. So ist sie. Und Hermann soll's auch gleich erfahren.

Nur vor einem bangt mir, Caton -- wie werden sie's hier aufnehmen? --

Es wird ihnen und mir nahgehen. Das weiß ich, und davor fürchte ich

mich. Wie hat sich der Baron an meinem Bild abgeplagt, bis ihm der

Ausdruck gelang, und nun soll ich's ganz sein, alle sagen's, ich auch.

Und er hat es mir geschenkt, wobei seine Augen ganz feucht waren. Er

dachte wohl an Rudi. Die Baronin sagte, sie wolle nicht zurückstehen,

und steckte mir eine wundervolle Brosche an.

Und nun gehe ich mit solchen Gedanken unter ihnen herum.

* * * * *

Meine Tante Anna · 第 33 / 51 题